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Full text of "Homerische Untersuchungen"

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Homerische 
untersuchun 



Ulrich von 
Wilamowitz-Moel 



Diqitized 



by Google 













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^^^^H 



iby' 



PHILOLOGISCHE 

UNTERSUCHUNGEN 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



A. KIESSLING und U. von WILAMOWITZ-MOELLENDORFF 



»SIEBENTES HEFT 

HOMERISCHE UNTERSUCHUNGEN 



BERLIN 

WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG 

1**4 



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Uro 



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Google 



1VLIVS WELLHAVSEN 

gewidmet 



Ihnen, verehrter freund, würde dieses buch gehören, auch 
wenn ich es Ihnen nicht ausdrücklich zueignete, erstens haben 
Sie mich jetzt und hier eins schreiben heifsen, und wenn ich 
sonst den gedanken, welche resonanz meine arbeiten in der öffent- 
lichkeit finden würden, überwinden muss, um nicht entweder die 
feder wegzuwerfen oder als waffe zu gebrauchen, so war mir die 
Vorstellung, zunächst für Sie zu schreiben, sporn und zügel zu- 
gleich, zweitens lege ich gerne zeugnis davon ab, wem ich für 
meine geistige entwickelung zu dank verpflichtet bin, und Ihren 
einflufs kann man nicht erst an diesem buche spüren, endlich 
aber sind die gegenstände, die mich hier beschäftigen, denen 
sowol innerlich wie äufserlich verwandt, auf welche Sie während 
der jähre, die wir bei einander waren, Ihre kraft concentrirten. 
die analyse der homerischen gedichte ist zunächst wie die des 
pentateuchs lediglich eine aufgäbe philologischer kritik. Bibel und 
Homer müssen zudem zunächst allein aus sich heraus verstanden 
und analysirt werden, und selbst die art ihrer Überlieferung, die 
textgeschichte, fordert die parallelisirung heraus, die analyse 
konnte jedoch erst dann mit erfolg in angriff genommen werden, 
als die moderne weit zu geschichtlichem Verständnis überhaupt 



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IV 

und namentlich für den werdeprocefs von volk, religion, poesie 
durchgedrungen war. das ist erst in der göthischen zeit erreicht 
worden, und Herder und Göthe haben beide in beiden gebieten 
fordernd und verständnisvoll hand angelegt, der letztere ist durch 
die beschäftigung mit den Wolfschon prolegomena zu Moses zurück- 
geführt; llgen aber, .den Sie als einen der ersten förderer alt- 
testamentlicher analysis rühmen, ist zugleich einer der ersten und 
entschiedensten zünftigen Vertreter der ansieht, die sich nach 
Wolf nennt, weil eine durchaus neue anschauungsweise nötig 
war, um diese probleme auch nur zu stellen, und weil diese sich 
auf Bibel und Homer, die beiden wurzeln aller unserer geistigen 
bildung, beziehen, so erschien schon das lediglich philologische 
problem als etwas revolutionäres, und muste jeder der es zu 
lösen versuchte mit der gewaltigen macht der gewohnheit, des 
aberglaubens, der trägheit kämpfen, aber die weitere entwicke- 
lung hat allerdings auch gezeigt, dafs es sich um mehr als eine 
philologische quellenuntersuchung handelt, seitdem die anforde - 
rungen an die sprachkenntnis sich kräftiger fühlbar gemacht 
haben, kann nicht mehr ein mensch in beiden forschungsgebieten 
tätig sein, ja nicht mehr beide Untersuchungen, so weit sie gram- 
matisch philologisch sind, verfolgen, ich habe Ihre detaillirte 
quellenkritik des pentateuch nicht gelesen und rate Ihnen drin- 
gend, meine Odysseeanalyse zum gröfsten teile ungelesen zu lassen, 
aber der entwickelungsgang der forschung ist dennoch ein pa- 
ralleler gewesen, und er wird es noch mehr werden, die analyse 
der pentateuchquellen ist zur ermittelung von entstehung und 
entwickelung der religion und eultur Israels geworden; die er- 
schliefsung anderer, monumentaler, Überlieferung hat die geschichte 
Israels aus ihrer Vereinzelung in den Zusammenhang der orien- 
talischen geschichte zurückgeführt, die analyse der llias und 
Odyssee ist zur geschichte des griechischen epos geworden; sie 
muss zur analyse und geschichte der griechischen heldensage 
werden, damit schliefslich das problem einer geschichte der grie- 
chischen stamme bis zu der zeit, wo das hellenische volk daraus 
ward, gestellt werden könne, auch hier ist zum glück die er- 
weiterung des historischen materials eine ungeheure und stetig 
wachsende, freilich stehen wir auf dem hellenischen gebiete erst 



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V 

in den anfangen des weges, den die alttestamentliche forschung 
bereits zurückgelegt hat; ich selbst habe mich erst allmählich 
und mühsam zu der erkenntnis, welche aufgäbe uns gestellt sei, 
durchgearbeitet, und kann höchstens darauf, hoffen, diese er- 
kenntnis nicht sowol zu verbreiten als vorzubereiten, eine grie- 
chische geschichte für die vorattische s;eit zu geben, ist die lebende 
generation nicht berufen, nicht einmal als skizze; skizzcn sind 
zudem gefährlich, weil sie leicht dem ganzen abbruch tun. wir 
haben ja nicht die freie wähl unserer arbeiten, sondern müssen 
den forderungen der Wissenschaft gehorchen, die ohne rücksicht 
auf neigung und bequemlichkeit der sterblichen gestellt werden. 
toioiSe lafjLnadrjcpoQwv vo t uoi, äXlog nag 1 äXXov äiaäoxalg nXr\- 
Qovfievoi' vix<ji cT o rtQvoiog xai teXsvxuloq ÖQafAujv. 

Da haben Sie eine begründung meiner widmung, wie sie 
allenfalls die druckerschwärze verträgt, anderes und besseres 
werden Sie ohne worte empfinden und über alles hoffentlich nicht 
böse sein. 



in freundschaH und Verehrung wie immer, Ihr 
Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff. 



Göttingen, 17. Mai 1884. 



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NACHTRAGE 



S. 42. Zur rechtfertigung des Odysseus, der sich in Thes- 
protien aufhält, gastgeschenke zu sammeln, war noch Menelaos 
in Ägypten anzuführen y 301 ev&a nökvv ßioxov xal xqmov dyei- 
Q(ov rjXäto %vv vtjvöl xax* äXXo&Qoovg äv$Qwnovg. 

S. 87. £ 379 erzählt Eumaios, er möchte gar nicht mehr 
nach Odysseus fragen, seit ihn ein Aetoler betrogen hätte, xal 
€pd%' £Xbvoso#(h r\ ig d-eQog rj ig onojQrjv. daraus folgt, wie auch 
das scholion richtig bemerkt, dafs jetzt der herbst vorbei ist. 
das stimmt nicht nur zu der Jahreszeit, die in £ q <r % ist, sondern 
auch zu der heimkehr am jahresschlufs des zwanzigsten Jahres, 
zur Wintersonnenwende, also in letzter stunde. Eumaios betrachtet 
nun, wo das meer nicht mehr fahrbar ist, den letzten termin 
schon als verfallen, der gegensatz der älteren Odyssee und der 
Telemachie ist hier besonders deuthch. 

S. 136. Den ausgezeichneten forschungen, die in letzter zeit 
sich Goethes Nausikaa zugewandt haben, ist es, so viel ich weifs, 
entgangen, dafs Goethe vorhatte von dem e grade so abzusehen, 
wie es die vorläge des redactors getan hat. der gewaltige stürm, 
der in der nacht vor dem frühlingsmorgen der ersten scene ge- 
tobt, den garten des Alkinoos verwüstet und seinen zu schiffe 
abwesenden söhn gefährdet hat, so weit Phaeaken gefährdet 
werden können, hat das schiff des Odysseus zerstört, nicht ein 
flofs. in seinem prologe heifst es ,ins meer versanken die er- 
worbnen schätze und, ach, die besten schätze, die gefährten 4 , 
denen ein warmer nachruf gewidmet wird, das kann auf die 



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VIII NACHTRÄGE 

sieben jähre zurückliegenden erlebnisse nicht bezogen werden, und 
andererseits würde Odysseus die siebzehntägige fahrt, das selbst- 
gezimmerte flofs, den schleier der Leukothea nicht übergehen, 
wenn der dichter nicht diese züge hätte fernhalten wollen, dafe 
sich Odysseus trotzdem ,den bettgenofs unsterblich schöner frauen' 
nennt, verträgt- sich sehr wol mit dieser änderung, da dem dichter 
freistand, Kalypso an anderer stelle den abenteuern einzureihen, 
bestimmend war für ihn, das motiv, liebe als hindernis der heim- 
kehr, allein auf Nausikaa zu concentriren, und sobald die liebe 
der Nausikaa eingeführt wird, wird allerdings Kalypso störend, 
die ewig jugendliches leben versprechen konnte, also eine viel 
stärkere Verlockung bot. davon dafs die alte sage oder Sophokles 
eine verliebte Nausikaa gedacht hätte, kann keine rede sein, das 
ist eine so grobe verkennung der echten naivetät, wie die hesi- 
odische nachkommenschaft des Telemachos von der tochter Nestors, 
die ihn gebadet hat. Goethe ward durch nichts bestimmt als 
die durchaus berechtigte aber durchaus moderne dramatische 
rücksicht; hübsch aber ist es doch, dafs er einen in unserer 
Odyssee zerstörten sagenzug erneuen wollte. 

S. 149. Die nach dem lesbischen Zovvvaog zu postulirende 
thessalische form Jiovvvaog liegt jetzt vor, Mitt. VIII 106, col. b 10 
Xqiai^iov Jiowvaoi. wenn der name richtig geschrieben ist, so 
führt also ein mensch den gottesnamen; das ist bemerkenswert, 
hat aber bekanntlich namentlich in weibernamen parallelen. 

S. 171. Dafs die Korinther aus Korkyra Eretrier zu ver- 
treiben hatten, berichtet Plutarch quaest. Gr. 11 und verbindet 
damit die gründung des thrakischen Methone, die quelle ist, ob- 
wol an Dionysios zu denken am nächsten liegt, den Plutarch in 
der schrift wider Herodot benutzt, unsicher: die nachricht nicht 
zu bezweifeln. 

S. 198. Ich ersehe aus Heibig (288), dafs Furtwängler die 
vafilvat te jucftat te <f6voi t' dvdQoxzaaiai te aus der Odyssee ver- 
bannen will, weil sie zu den ältesten bronzen nicht stimmen, die 
nur tierkämpfe haben: sie stimmen eben erst zu der korinthischen 
kunst, welche auch menschenkämpfe darstellt, und wir bedürfen 
Helbigs berufung darauf, dafs Helene menschenkämpfe zu sticken 
versteht, durchaus nicht, andererseits hat Furtwängler sich mit 



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NACHTRAGE K 

recht von der herrschenden meinung nicht entfernt, welche den 
vers aus der Theogonie ableitet; so angemessen wie die häufung 
der synonyma dort ist, so müfsig ist sie hier, in dem vorher- 
gehenden verse sind Heibig die baren anstöfsig. ich bescheide 
mich dem sachverständigen urteil, dafs es keine baren in der 
archaischen kunst gibt; sie sind ja auch später selten, doch steht 
(oder stand vor zehn jähren) ein sehr braves tier in der Pina- 
kothek (Le Bas Mon. fig. 52). aber in der sage sind sie heimisch, 
und wenn der dichter sich, wie Heibig glaubt, versehen und irgend- 
welche andere orientalische bestien, weil sie undeutlich waren, für 
baren genommen hat, so fürchte ich, dafs sehr viele seiner Zeit- 
genossen es eben so gemacht haben, aber der dichter stellt auch 
die kunstwerke, die er erfindet, dichterisch dar, nicht ola eou, 
sondern ola av yivono, grade so wie die geschichten die er er- 
zählt, und wie der bildende künstler seinerseits auch verfährt. 
S. 289. Die mälanges Graux bringen einen umfangreichen 
artikel von Clermont-Ganneau über die complementären zeichen 
des griechischen alphabets. obwol er in einzelnem sich mit meinen 
ansichten berührt, weicht er in mehrerem ab, worin ihm zu folgen 
mich sehr leicht zu präcisirende gründe verhindern, die ich nicht 
ausführe, da ich meinen Schlüssen die kraft der evidenz schon 
wegen ihrer einfachheit zutraue, die runden formen von e a co 
halte ich natürlich für wirklich durch die Übung der schrift mit 
dem xdlafxog abgeschliffene cursive zeichen, die ursprünglich mit 
den alten identisch sind, das 52 ist, woran die parallelen diflfe- 
renziirungen auf den inseln nicht zweifeln lassen, so entstanden, 
dafs man das zum kreise zusammengelegte band unten löste und 
die enden nach beiden Seiten umbog; seine cursive form entstand 
dadurch, dafs man es an seiner äufsersten linken ecke zu schreiben 
begann, man sehe z. b. die form auf dem lesbischen steine Mitt. 
IX 88. der Steinschrift sind rundungen unbequem, und daher 
werden die drei runden formen wieder eckig, aber nicht nur sie, 
sondern auch # o : und ist nicht selbst in archaischer zeit gleich- 
giltig, ob P einen haken oder eine spitze rechts hat? also sind 
Schlüsse, welche diese eckigen formen zum ausgangspunkt nehmen, 
unzulässig, ich hebe aber eine richtige und merkwürdige ent- 
deckung hervor, die Clermont-Ganneau s. 459 macht, ohne sie 



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X NACHTRAGE 

doch auszunutzen, er weist nämlich als älteste form des Zahl- 
zeichens sampi eine solche nach, die sich nur durch ein den 
oberen horizontalen strich von unten tangirendes kreissegment von 
jenem einem T ähnlichen zeichen unterscheidet, das einzelne 
archaische steine Ioniens für aa verwenden, damit ist das sampi 
erklärt, und jenem zeichen seine erklärung verschafft, aber mit 
dem zade hat es nichts zu schaffen, es ist vielmehr eben so wie 
das ff, nur in anderer weise, aus dem in den italischen muster- 
alphabeten erhaltenen ältesten samech abgeleitet und hat seinen 
namen nicht von der nachbarschaft sondern von der ähnlichkeit 
mit dem alten Z7. 

S. 295. Das werk A. Ludwichs, Aristarchs homerische text- 
kritik I, ist erst in meine hände gekommen, als die partieen gesetzt 
waren, in denen ich veranlassung gehabt haben würde, dasselbe, 
wenn nicht zu erwähnen, so doch zu berücksichtigen, da ich ihm 
das sorgfältige Studium, auf welches es anspruch hat, nicht mehr 
zuwenden konnte, so habe ich auch kleinigkeiten nicht ändern 
mögen, zu meiner freude wird übrigens meine erwartung nicht 
getäuscht, dafs tiefgreifende differenzen über die textgeschichtc 
bis zu den Alexandrinern hinauf zwischen mir und Ludwich, der 
voll und ganz zu Aristarch und Lehrs hält, nicht bestehen. 

S. 314. Mit der annähme, dafs der einflufs des Chalkidiers 
Gorgias die erhaltung der längeren dativform in den beiden ersten 
declinationen hätte fördern sollen, habe ich einen fehler begangen, 
weil ich den unterschied des chalkidischen von dem asiatischen 
Ionisch, den ich in der theorie so energisch betone, praktisch 
aufser acht gelassen habe, die steine lehren, dafs die Ghalkidier 
diese dative ganz wie die sämmtlichen sprachen des mutterlandes 
(aufser Athen) und des westens bilden, es ist also nur in der 
Ordnung, dafs Gorgias und die Gorgieer nur kurze dative zeigen, 
und Thrasymachos und Andokides treten zu ihnen in bezeichnen- 
den gegensatz. die Nesioten aber gehen mit den übrigen Ioniern, 
so viel wir bisher sehen. 



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INHALT 



Seite 

I Die composition der Odyssee 

1 das erste buch 6 

2 die drei würfe nach Odysseus 28 

3 Odysseus vor Penelope 49 

4 der schlufs unserer Odyssee • 67 

5 Telemachie und Odyssee 86 

6 Kirke und Kalypso 115 

7 Nekyia 140 

8 die irrfabrten des Odysseus 161 

excurs: die orphische interpolation der Nekyia 199 

abschlufs . . * 2-'7 

II Homerische Vorfragen 

1 die pisistratische recenslon 235 

2 Lykurgos 267 

3 fjtiuyqaipuukyoi 286 

4 der epische cyclus 328 

5 rückblick und ausblick 381 

Register 420 



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I 
DIE COMPOSITION DER ODYSSEE 



Philolog. Untersuchungen VIT. 



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Die im folgenden vorgetragene ansieht von der composition 
der Odyssee soll auf eigenen füfsen stehen, und ich trage für 
jeden satz den ich zu ihrer begründung anwende selbst die Ver- 
antwortung, leicht würde es mir gewesen sein und bequem 
dazu die darstellung so zu gestalten, dafs ich in den händen 
oder dem gedächtnisse der leser nichts als den text der ge- 
dichte voraussetzte: ich knüpfe aber zumeist nicht an die über- 
lieferte, sondern an Kirchhoffs Odyssee an. darin soll zunächst 
das eingeständnis liegen, dafs ich wirklich von diesem ausgangs- 
punkte zu meinen wesentlich verschiedenen ansichten gelangt bin, 
zum andern aber auch, dafs meines erachtens Kirchhoflfs arbeiten 
die grundlage für die analyse der Odyssee sind und bleiben, 
diese besondere bedeutung motivirt die besondere beachtung, und 
die direkte und unverhüllte polemik ist nur ein zoll der pietät. 

Im übrigen habe ich von einer berücksichtigung der modernen 
abstand genommen, und nur einzeln, namentlich wo mir ein wirk- 
liches verdienst nicht genug anerkannt schien, mitforscher ge- 
nannt, als ich das erste capitel entworfen hatte, fafste ich mir 
ein herz, las die moderne litteratur, fand, was bei einem so viel- 
behandelten gegenständ selbstverständlich ist, den einen ganzen 
oder halben gedanken hier, den andern da wieder, und garnirte 
den fufs der Seiten mit ,so schon Düntzer,' ,vgl. Hennings,' 
,fein bemerkt Heimreich', und was man so sagt, da fafste mich 
ekel, so dafs ich alles oder beinahe alles wieder ausstrich, der 
ekel über die einmischung von uns modernen und meinen 
eigenen Sympathien und antipathien in die frage nach den dritt- 
halbtausendjährigen versen und ihren anonymen Verfassern, da 
ich nun doch willens war in eine auseinandersetzung mit den 



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4 I DIE COMPOSITION 

meisten mich nicht einzulassen, so gestehe ich mancherlei auch 
ungelesen gelassen zu haben, bücher, die mich doch nichts von 
bedeutung lehren können, zu lesen, fühle ich weder Verpflichtung 
noch neigung (damit schlägt man so schon zeit genug tot), am 
wenigsten aber will ich meine leser auf sie hinweisen, das aber 
ist allerdings richtig, dafs für manche anregung so die ausdrück- 
liche anerkennung nicht ausgesprochen ist, und dafs ich wahr- 
scheinlich mir den einen oder andern gedanken, den ich nun 
selbst gehabt habe, von andern hätte suppeditiren lassen können, 
beides aber scheint mir nicht bedenklich; denn männer wie die 
oben beispielsweise genannten, die wirklich um diese Studien sich 
verdient gemacht haben, brauchen sich das nicht spezifizirt attes- 
tiren zu lassen, und sie werden, wie jeder der sich eine eigene 
ansieht zu bilden überhaupt vermag, aus erfahrung wissen, dafs 
selbst die beweise, die man von andern nimmt, subjektiv über- 
zeugende kraft erst gewinnen, wenn man sie aus sich nachge- 
schafifen hat. auch hier gilt es das überkommene zu erwerben, 
damit man es besitze, mit dem erworbenen aber darf man, dünkt 
mich, schalten wie man will. 

Eine ausnähme habe ich mit Nieses buch gemacht, dessen 
ansichten an entscheidenden stellen ausführlich besprochen sind, 
doch nur, wenn es galt die gesunden gedanken auszulösen, das 
ganze kann nur ein kurzes leben haben, und namentlich wünsche 
und hoffe ich, dafs der Verfasser selbst möglichst rasch darüber 
hinweg kommt. Winckelmann und Herder, Welcker und die Grimm 
lassen sich nicht ignoriren, und Homer hat wirklich nicht die Luise 
geschrieben wie Vofs die Ilias. Niese glaubt die sage zu ver- 
neinen, wenn er die Stellung des epischen dichters ihr gegenüber 
genau so auffasst wie die des tragikers. dieser satz ist richtig; 
er stammt von Piaton und Aristoteles, wie aber der tragiker 
zu seinem stofife stand, und auch jetzt stehen würde, wenn es 
einen gäbe, hat Niese offenbar nicht erwogen, ich aeeeptire 
diese parallele voll und ganz, möchte doch keiner über Homers 
Verhältnis zur sage reden, der nicht einmal sich klar gemacht 
hat, z. b. wie Shakespeares Goriolan zu dem des Plutarch, Euri- 
pides Kyklop zu dem Homers, und dann Goethes Faust und 
Sophokles Oidipus zur volkssage sich verhalten. Niese glaubt die 



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DER ODYSSEE 5 

sage in Übereinstimmung mit den besten grammatikern (d. h. 
Aristarch) zu negiren, weil Aristarch von sage nichts weifs. das 
ist aber nur eine negative Übereinstimmung, denn für Aristarch 
ist wenigstens der troische krieg geschichte, für Niese ist er so 
gut wie eine erfindung Homers, trotzdem aber dafs ich das buch 
nicht nur für verfehlt sondern für recht vergänglich halte, ist sein 
erscheinen so heilsam gewesen, wie es das energische eintreten 
einer von rückhaltloser Wahrheitsliebe getriebenen Persönlichkeit 
immer ist. die tramontana fegt die miasmen der Stagnation weg. 
auch persönlich gestehe ich gern die frische anregung, die ich dem 
buche verdanke, und dafs auch fruchtbare keime darin enthalten 
sind, hoffe ich dadurch, dafs ich sie zur entwickelung zu bringen 
versucht habe, am besten zu beweisen. * 

Die bitte habe ich allerdings an den leser, die Odyssee zur 
hand zu nehmen und zu behalten, ich habe möglichst wenig 
verse ausgeschrieben, denn auf einzelne stellen kommt es doch 
minder an als auf den Zusammenhang im ganzen, häufiger 
habe ich von der paraphrdse gebrauch gemacht, die mir deshalb 
eine so vortreffliche sitte der antiken philologie scheint, weil sie 
darüber keinen zweifei läfet, wie der kritiker den text, um den 
sich schliefslich alles dreht, verstanden wissen will, im übrigen 
habe ich mir mühe gegeben, jede einzeluntersuchung möglichst 
rein für sich zu halten, ohne sie durch bezugnahme auf die an- 
deren oder auf das endergebnis zu trüben, auch hierin Kirchhofes 
vorbilde nachstrebend, die förderung der sache geschieht er- 
fahrungsmäfsig durch diese einzelheiten: dafs mein endergebnis 
sich voll und ganz sollte behaupten können, glaube ich nicht 
und hoffe ich nicht einmal, ich hoffe, dafs es gut ist: aber das 
bessere, seinen feind, erwarte ich, und werde ich mit freuden 
begrüssen. 



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1 

DAS ERSTE BUCH 



Wer nach dem schritt für schritt, vers für vers die ent- 
lehnungen darlegenden commentare Kirchhoffs noch bestreitet, 
dafs die partie des a, die er seinem bearbeiter zuweist, eine 
flickarbeit ist, und dafs für die flickerei alle möglichen teile 
der Odyssee, besonders ß J er, in contribution gesetzt sind: mit 
dem ist eigentlich nicht zu reden, die Verteidigung, so weit sie 
nicht von solchen stammt, ovg ovdi tfjfyeiv %ol$ aya&ol<h bipus, 
versucht nur noch mit preisgäbe von einem guten teile der 
verse den rest zu retten, und da der eine dieses stück, der 
andere jenes preisgibt, so heben sie sich unter einander auf. ist 
doch auch die formelle abhängigkeit keineswegs das in erster 
linie anstössige: die poetischen motive sind ganz eben so wie 
die verse fremdes gut. obgleich ich weiter strebe, will ich doch 
nach dieser richtung das präcisiren, was mir das durchschlagendste 
scheint. 

Athena erscheint im a als der Taphierkönig Mentes, im ß 
als der Ithakesier Mentor; die rolle, die sie spielt, ist wesentlich 
dieselbe, soll derselbe dichter beide frei erfundene namen wirk- 
lich mit absieht so ähnlich gemacht haben? wer namen nach- 
erfindet, steht gar oft unter einem zwange, den er sich selber 
nicht klar macht; das ist nicht blofs im griechischen epos so, 



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I 1 DAS ERSTE BUCH 7 

mit Eurykleia Eurynome Eurymedusa (ij 8) 1 ), Melanthios Me- 
lantho, Telemachos Telegonos Teledapos, oder in der sage, wo 
Polydoros und Polyxene als die beiden jüngsten Priamoskinder 
zusammenstehen : fictive namenlisten aller Zeiten liefern ähnliches, 
aber weiter, der name Mentes ist mitsammt dem halbverse, wo 
er zuerst auftritt, aus der Ilias geborgt (P 73). wir stehen also 
vor dem dilemma: entweder jemand nahm zufällig den Mentes 
aus der Dias und erfand danach den Mentor von sich, oder aber 
der, der den frei erfundenen Mentor nachahmte, wählte sich aus 
der Ilias den namen, der an den gegebenen anklang, die ent- 
scheidung kann doch nicht schwer fallen, ohne Mentes aber ist 
kein a. 

ß 327 höhnen die freier : „wer weifs, vielleicht will Telemach 
nach Ephyra fahren, um sich gift zu holen, das er uns dann in 
den wein tue", a 259 erzählt Mentes (d. h. erfindet Athena), 
Odysseus sei einmal aus Ephyra, von Ilos Mermeros söhne ke- 
rnend, in Taphos gewesen, er hätte sich nämlich von Hos gift 
holen wollen für pfeile, das ihm jener aber aus religiösen gründen 
nicht geben mochte; aber Anchialos, Mentes vater, gab es ihm, 
weil er ihn so sehr lieb hatte, also dort ist Ephyra ein hypo- 
thetisch genanntes land, hier ein fest bestimmtes local mit einem 
könige, dort das giftholen eine schnöde insinuation, hier realität. 
kann die entlehnung offenkundiger, kann sie plumper sein? 
wahrlich, wenn Odysseus gift an seine pfeile strich und ^iurch 
dem Ilos von Ephyra unehrenhaft vorkam, so hatte Antinoos ja 
ganz recht sich bei seiner sippe der giftmischerei zu versehen. 

Phemios, den die freier zwingen, ihnen mit seinem gesange 
die zeit zu vertreiben (a 154 = % 331), hält seine laute zwar 
selbst in der Verwirrung des freiermordes in der hand : hier aber 



') Eurymedusas name beweist, dafs die Nausikaaepisode , die doch zum 
ältesten teile der Phaeakengeschichten gehört, erst gedichtet ist, als Eurykleia schon 
bestand, mindestens also die sage von Odysseus beimkehr war damals schon in's 
detail aasgebildet, da aber der name einer solchen figur erst von einem dichter 
erfunden worden ist, so folgt, dafs ein berühmtes gedieht von Odysseus dem 
dichter der Phaeakenlieder vorlag, dafs wir von diesem gedichte noch etwas be- 
sitzen, folgt freilich nicht. Eurykleia gehört allen den verschiedenen gedichten 
an, deren reste in der jetzigen Odyssee vorliegen. 



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8 11 

kann er sie sich nicht einmal selbst holen, als er singen will, 
sondern ein herold mufs sie ihm in die hand geben, warum? 
weil es im 17 (255. 261) mit Demodokos so geschieht: der ist 
nämlich blind. 

a 425 geht Telemach zu.bett o&t, oi &dXa/nog negixaXXeog 
avXrjg vipyXog dedfitjto nEQrtximy ivl x^QW* das ist der reine 
gallimathias, die hohe schlafstube, und diese als teil der avXij, 
und gar auf freiliegendem platze, was wollte man mit den 
versen anfangen, wenn nicht £ 4 Eumaios auf der diele säfse, 
iv&a ol avXri viptjXij deSfirjto neQiöxinnp ivl X°>Q<P- 

Wer kann ein bis auf die füfee reichendes hemde (einen 
Xttdov nodTJQrjg) im sitzen ausziehen? Telemachos, a 437 ifceto 
d*iv XextQcp, fiakaxov tfexdvve xi*o>va. warum ist der junge mann 
so müde, dafs er sich dazu hinsetzt? weil B 42 Agamemnon 
e^exo oQÖw&eig, fiaXaxov d'ivdvve x i%i »va. 

Im a kommt Penelope plötzlich auf den einfall, der ihr selbst 
ganz* verrückt vorkommt, vor den freiem zu erscheinen ; sie be- 
steht sich dazu zwei zofen und macht toilette: wenn's etwas so 
ganz besonderes ist, was sie unternimmt, ist es ganz recht, dafs 
uns der dichter die Vorbereitungen erzählt. Athena, die die ganze 
sache dirigirt, läfst Penelope erst noch ein wenig schlafen und 
vervollständigt ihre reize; so erscheint dann die schöne frau, die 
zofen zur seite, bleibt an der schwelle des saales, den schleier 
an d#%wange: wie die haltung schöner frauen so oft in der 
archaischen kunst ist. sie will wirken, sie ist coquett — es ist 
nicht anders, über die absieht läfst der dichter keinen zweifei, 
und der erfolg bleibt nicht aus: tcuv i'ainov Xvto yovvax, §Q(p 
d'aQCt &v(aov e9eXx#ev, ndvteg d'rjQrjaavso naqal Xe%£e<s<H xXi&rjvai. 

Im a hört Penelope Phemios den 1 oötog 'Axaiwv singen , sie 
geht hinunter, es ihm zu verweisen; Telemachos schickt sie hinauf 
(a 356—59 = y> 350 — 53, auch töricht entlehnt und doch nicht zu 
entbehren), mit den freiem verkehrt sie gar nicht: und doch 
schildert der poet ihr auftreten mit den coquetterien von a 
(a 332 — 35 = a 208 — 11): hat er die Situation, die er nachbildet, 
verstanden? und doch äufsem die freier, nachdem Penelope weg 
ist, unter grofsem rumor ihre gefühle wie im a (a 385), - - nach- 
dem sie weg ist, wie Christoph von Bleichenwang. 



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DAS ERSTE BUCH 9 

Nachdem dann im <r Penelope ihre geschenke erhalten hat, 
(um die es ihr in Wahrheit zu tun war), und abgegangen ist, 
wenden sich die freier zu spiel und tanz bis zum abend; als 
es abend geworden ist, lassen sie licht machen, zechen und 
treiben allerhand ungebühr, bis Telemachos ihnen sagt, sie wären 
toll, sie hätten nun gut genug gegessen und sollten zu bett gehen, 
sie remonstriren zwar etwas und murren, tun aber doch nach 
einem letzten trunke was sie sollten. 

Im a haben sie sich an spiel und tanz längst vergnügt, nur 
Penelopes erscheinen und der zank mit Telemachos (in dem a 
381. 82 aus <s 410. 11 ist) unterbricht sie darin, wenn sie dazu 
dann zurückkehren, um es bis zum abend zu treiben, so erwartet 
man eine erwähnung der Wiederholung — aber die konnten die 
verse <f 304 — 6, die hier als a 421 — 23 stehen, freilich nicht 
liefern, als es nun abend geworden ist, da — gehen die Freier 
solide zu bette, ohne nachttrunk sogar, der nur dem guten ge- 
gonnen ist, oder auch dem nicht, denn auch Telemachos sucht 
sich ohne weiteres auf dem schönen hofe seine freigelegene 
schlafstube, setzt sich auf sein hemde, um sich's auszuziehen 
und läfst sich von seiner alten amme, die schon sein grofsvater, 
aber in allen ehren, sehr lieb gehabt hat, zu bett bringen. 

Wer das nicht sieht, dafs das ganze gebahren der freier, 
das auftreten Penelopes, das eingreifen Telemachs nach <r ge- 
arbeitet ist, dafs Phemios als person aus %, in seinem auftreten 
und der Wirkung seines gesanges auf die innerlich beteiligte 
Penelope aus 17 stammt, Mentes aber ein abklatsch von Mentor 
ist, — ja, dem ist nicht zu helfen, mit absieht habe ich die 
Athenarede und die drohung Telemachs an die freier, die 
aus dem ß entlehnt sind, 2 ) ganz bei seite gelassen, sie sind 
durchschlagend, gewifs, und es ist nichts von Kirchhoffs deduc- 
tionen abzudingen: aber es ist genau dasselbe auch ohne sie zu 
erhärten, die apologetik, welche das a zu retten hofft, indem sie 
sich an jene eine rede klammert, in welcher allerdings jede 

*) Wer a 374 — 80 streicht, wie Gottfried Hermann, der läfst Telemachos 
schliefsen: „morgen wollen wir uns auf den markt setzen, damit ich euch unver- 
blümt einen bescheid gebe", fühlt man denn nicht, dafs es statt des adverbs 
dann adjectiyisch heifsen müfste tv ti/utv pv$ov dntjXtyto anotinai? 



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10 I l 

einzelne versreihe, weil sie alle entlehnt sind, leicht zu entfernen 
ist, kommt an jeder andern partie eben so zu kurz, das ab- 
hängigkeitsverhältnis ist überall das gleiche, und gesetzt, man 
vermöchte durch streichen wirklich noch etwas erträgliches daraus 
zu gewinnen, so würde dieses erträgliche doch im jetzigen a in 
einer weise umgedichtet und erweitert sein, dafs auf den um- 
dichter und erweiterer alle die prädikate zuträfen, die dem ver- 
fertiger gehören; aber die form von a fordert diese Verdoppelung 
der personen nicht. 

So sei es denn das produkt eines unfreien und unklaren 
kopfes , so jung, dafs es in keinem stücke der Odyssee irgendwie 
benutzt ist. dennoch hat die sache ihre kehrseite, und haben 
diejenigen, Welche a inhaltlich in schütz genommen haben, 
eben so wol recht wie Kirchhoff, direkte beziehung auf das, 
was vorher geschehen sein soll, also, da wir es in der Telemachie 
mit einer freien dichterischen erfindung zu tun haben, vorher 
erzählt sein muss, findet sich nur an einer stelle im ß, 262, wo 
Telemachos betet: c xXv9i [xoi, S x&i&S &*os rjkv9eg rjfiheQOv im 
und mir die fahrt gebotest/ das stimmt zu a. Kirchhoff ist also 
nicht aus inneren gründen, sondern um seiner hypothese willen 
gezwungen, eine Umarbeitung anzunehmen, „in der vorläge kann 
Telemach zur Athena nur im allgemeinen als zur schutzgöttin 
seines hauses und seines vaters gebetet haben." das kann er 
überhaupt nicht, denn Athena ist schutzgöttin des Odysseus erst 
auf Scheria und Ithaka, und wir hören, dafs sie es in Troia ge- 
wesen ist; für Odysseus haus hat sie sich vorher, wenn a nicht 
da ist, überhaupt nicht interessirt. der Telemach des ß betet 
zudem gar nicht zu Athena, sondern zu einem ihm unbekannten 
gotte, den er tags zuvor beherbergt zu haben empfindet, wer 
dies etwa an die stelle eines direkten gebetes gesetzt hätte, der 
hätte wahrlich eine grofse Schönheit eingeführt — das ist nicht 
interpolatorensitte, und nach Kirchhoff soll es gar sein bearbeiter 
getan haben, die stelle liefert den beweis, dafs vor ß etwas dem a 
entsprechendes gestanden hat. und das fordert die ganze Tele- 
machie. der unreife Jüngling soll durch die reise zum manne werden, 
dazu ist sie da; allgemein gilt sie für ein grofses wagnifs, und 
Athena selbst hält es für nötig persönlich mitzugehen, es ist somit 
ganz unmöglich, dafs der entschlufs zu reisen von selbst in Tele- 



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DAS ERSTE BUCH 11 

machos entstanden wäre; ja selbst nur die Versammlung zu berufen 
bedurfte er eines anstofses; und, poetisch betrachtet, der dichter 
konnte nicht mit der tür in's haus fallen, wie es in ß geschieht: 
er brauchte eine exposition. diese exposition will a geben, und, 
falls man sich nur in die nötige entfernung von dem detail 
stellt, so gibt es sie vortrefflich, aber, um das gleich hinzuzufügen» 
eine exposition auch für den ganzen zweiten teil des Odyssee, 
von J bis cd. wir sehen die freier, wie sie es tag für tag 
treiben, Penelope in trauernder Sehnsucht und in der Wirkung, die 
sie auf die freier ausübt, Telemachos den druck empfindend, aber 
unvermögend ihn abzuschütteln; Antinoos und Eurymachos 
werden eingeführt, ebenso über Laertes und Eurykleia das nötige 
berichtet, und ganz leise, so dafs wir noch nicht sehen, zu wel- 
chem ziele es führen wird, beginnt die hand der gottheit in die 
verworrenen verhältnifse einzugreifen, das a ist freilich ein füll- 
stück, aber es füllt seinen platz : denn es ist eine lücke da, wenn 
man es entfernt; und es entsteht eine lücke, wo immer man 
auch nur eine episode streichen will, sit, ut est, aui non sit. 

Ehe ich versuche, aus diesem tatbestande die folgerungen 
zu ziehen, halte ich es für nötig, den anfang des buches genauer 
zu betrachten, hier braucht man den inhalt nicht zu loben, das 
prooemium, das Horaz und Lehrs bewundern, und die pompöse 
scene im Olymp, wo Zeus über die menschentorheit den köpf 
schüttelt und Athena die gelegenheit ergreift, ihrem duldenden 
freunde zur heimkehr zu verhelfen, aber man hat sich gewöhnt, 
und zwar auch solche, welche Kirchhoflfs kritik nicht billigen, 
zwischen diesem eingange und den folgenden scenen in Ithaka 
einen schnitt zu machen, und a 1—87 vielmehr zum e zu rechnen, 
die allgemeinen erwägungen, welche dazu führen, sind schein- 
bar genug, vor dem e, ehe Hermes nach Ogygia fliegt, steht 
jetzt eine götterversammlung, aber sie ist ein miserabler cento, 
in dem kein wort original ist, folglich ist sie nicht mit dem e aus 
einem gufs. dann fehlt aber eine götterversammlung, und da 
eine solche wohl für die sendung des Hermes, aber nicht für die 
expedition, die im a Athena unternimmt, nötig ist, so ist es sehr 
ansprechend, die vor a stehende, anscheinend entbehrliche, vor e 
zu versetzen, auf dieser hypothese fufsend, ist Kirchhoff dazu 



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12 II 

gekommen, in dem eingang der Odyssee wirklich den eingang 
des alten nostos zu sehen, den er sich construirt hat. aber trotz 
allen scheinbaren hypothesen, auch wenn die verse vor e noch 
so schön passen könnten, wir dürfen sie doch nicht eher von 
ihrem platze rücken, ehe nicht bewiesen ist, dafs sie dahin nicht 
passen. 

„Als alle anderen, die dem jähen untergange entronnen 
waren, zu hause waren, da safs Odysseus bei Kalypso." so 
hören wir hier, wer war denn zu hause? darauf ist die antwort 
leicht, wenn die Schilderung der stürme und die heimkehr des 
Menelaos, der zuletzt nach hause kam, mit andern worten, wenn 
die Telemachie folgt, wie es jetzt in der Odyssee ist aber der alte 
nostos weifs nichts von andern nosten, er kennt keine andern 
irrenden helden, und es wäre eine äufserst gewaltsame ausrede, 
eine beziehung auf verschollene sagen da anzunehmen, wo die 
passendste beziehung vorhanden ist, sobald man die verse nur 
stehen läfst, wo sie stehen. 

Den anlass zur intervention für Odysseus nimmt Athena da- 
her, dafs Zeus über den tod des Aigisthos zu reden beginnt, 
das soll vor e stehen können? vor Kirchhoffs altem nostos, in 
dem von Orestes und Aigisthos überhaupt nicht die rede ist. 8 ) 
das ist ein unding. aber in der Telemachie ist die tat des 
Orestes die grofse neuigkeit; in Ithaka spornt Athena damit den 
Telemachos (a 298), in Pylos und Sparta redet ein jeder davon, 
die verse im anfange von a sind unter derselben Voraussetzung 
gedichtet, wie die in der mitte von « und in den echten büchern 
der Telemachie. ich halte diese bemerkung für durchschlagend; 
an die Zugehörigkeit von a 1 — 87 zum e ist um dieser verse 
allein willen nicht zu denken, die Zugehörigkeit zu c 88 ff. er- 
gibt sich daraus, dafs dasselbe formelle verhältnifs, d. h. dieselbe 
sklavische abhängigkeit von der Telemachie wie in dem oben 
betrachteten teile auch hier statt hat. 

28 zofai di hv$(dv ijqxg nax^q dvdQwv te &6<Zv tc, 
[/Avrjaato yaQ xata d-vpov d/nvfiovog AiyUsSoiQ 



8 ) Dies gilt nicht mehr für Kirchhoff, der in seinen jetzigen nostos das X 
aufgenommen hat. aber das wird ihm schwerlich auch nur ein mensch glauben. 



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DAS ERSTE BUCH » 13 

%6v p 'AyafiefJivovlSris ttjXixXvtog hnav y '(ty&rnjs, 
toi $ of intpvriö&sls ene' ä&avdtoiai fiexfjvdd] 
"w nonoi, wie töricht ist es, dafs die menschen den göttern zu- 
schreiben, was nur ihrer eigenen frevel erfolg ist! hat doch 
Aigisthos des Atreiden weib gefreit und ihn bei seiner rückkehr 
erschlagen, obwohl er seinen Untergang vorauswusste, denn wir 
hatten ihm oft durch Hermes ankündigen lassen: „wenn Orestes 
der Atreide erwachsen sein wird und nach seinem vaterlande 
verlangt, wird die räche kommen; jetzt hat er alles büfsen 
müssen." die drei verse, die ich eingeklammert .habe, sind nach 
d 187 — 89 verfortigt, und es ist klar, dafs sie hier nach jut&w i}(#« 
ganz ungeschickt stehen; dieser vers (28) ist allerdings auch 
entlehnt, aus Q 103. wer also den eingang des Odyssee für alt 
hält, der muss unweigerlich die verse der Telemachie entfernen, 
wie nach Hennings Vorgang denn auch geschieht, aber sie sind 
schlechthin unentbehrlich, und es ist also nicht anders über 29 bis 
31 zu urteilen wie über die mehrzahl der verse von a; sie sind 
ungeschickt, weil der dichter mit entlehntem gute arbeitet, denn 
denken wir sie doch fort, so fängt Zeus plötzlich in der Ver- 
sammlung mit einem gemeinplatz an, den des Aigisthos Schicksal 
illustrirt. wie kommt der göttervater dazu? weil es der dichter 
so haben will, gut, so hat der dichter die pflicht, es zu moti- 
viren. das geschieht in den fraglichen versen, wenn auch un- 
geschickt, die tat des Orestes war kürzlich geschehen, also kam 
Zeus darauf zu sprechen, und weiter, „Aigisthos tödtete den 
Atreiden, obwohl wir ihm sagen liefsen, die räche kommt, wenn 
der Atreide Orestes erwachsen ist?" das ist doch wohl eine rede, 
welche der deutlichkeit entbehrt, schön ist sie überhaupt nicht, 
aber sie ist doch verständlich, wenn „Orestes Agamemnons söhn" 
vorhergeht; und wenn vorhergeht, „der den Aigisthos erschlug", 
so verstehen wir, „ia dij vvv ndv% änheufev" sonst müssten wir 
raten, also diese stümperhafte entlehnung aus i kann nicht 
entbehrt werden, und sie schickt sich auch für den inhali hat 
man so etwas gehört, dafs die götter einem menschen den Hermes 
schicken und ihn warnen: „tödte den könig nicht, verführe sein 
weib nicht, sonst verfällst du der räche seines sohnes?" woher 
diese zärtliche fürsorge für Aigisthos? was soll diese resultatlose 



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14 I 1 

wamung? gar nichts für die sage, nur etwas für er. die Sen- 
dung des Hermes füllt das loch in der composition so gut wie 
irgend was anderes. Hermes gieng zu Kalypso, das stand in der 
vorläge: warum ihn nicht auch zu Aigisthos schicken? das ist so 
gut und so schlecht erfunden wie die giftpfeile. 

Inhaltlich und formell gehört das ganze a zusammen; es ist 
nicht mehr nötig, 83 zu verwerfen, weil er aus y 204 stammt, 
21 das original für f 328 sein zu lassen, wo er allein gut passt, 
und vollends nicht 6—9 zu verwerfen, welche nur fallen, weil 
sonst Kirchhoffs nostos fallt, — an dem ich durch sie zuerst irre 
geworden bin. denn wie ist es möglich, zu sagen: „Odysseus 
muste viel leiden, um sein leben und seiner gefährten heimkehr 
zu sichern* 4 , wenn sein streben wohl für das erste, aber nicht 
für das zweite erfolg hatte? man müste ja eine lücke constatiren, 
wenn nicht folgte: „aber die gefährten giengen doch, und zwar 
durch eigene schuld, zu gründe". 

Die Unfreiheit der form belegt aufserdem noch das mit recht 
von Niese besonders betonte beispiel 63 — 65. 

Q 64 vfjv <T dna/xevßo^evog n(>oo£<pri vetpeAriyeQha Zevg, 
A 414 u. ö. tixvov 6juo>», nolov as inog <pvysv BQxog ddovtwvj 
K 244 ndog av snew K)dv<rijog iyd> detoio Xa&oiprjv; 
alle drei sind entlehnt, und im K geht vor nmg eneita voraus 
ei fiiev üi ixaqov ye xeXeveti p aviöv eXia&at, d. h. sneiia hat 
dort sinn, hier nicht, es ist mir unbegreiflich, wie Gemoll (Her- 
mes 18, 308) sich diesem zwange zu entziehen versuchen kann, 
obwohl er die vollkommen richtige grammatische erklärung vor 
äugen hat und selbst citirt. snetta bedeutet zunächst die zeit- 
liche folge, danach auch die logische, daher steht es so oft 
nach einem bedingungssatze , und es ist nur ein fortschritt der 
fähigkeit lebhafte rede wiederzugeben, wenn sich dasselbe Ver- 
hältnis so ausdrückt, dafs die bedingung in einen selbstständigen 
satz tritt, die folge in frageform sich kleidet, derart sind die 
beispiele, mit denen Gemoll argumentirt, i 14. aol iftä xrjSea 
dvfjidg inBTQdneio eX(>e<f&at,. %t nqwzov %oi i'neita, %l fvaidttov 
xataX&zw, d. h. av fiiv iJQOv, iyd> tfeneiia ovx oiia no&ev a?(?£co^ai, 
oder iQWTrjöeig elt' ovx olia — wenn nicht vielmehr %l nqm%ov 9 
%i S 1 in stta zu lesen ist. und % 23: Telemach verlangt von Eury- 



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DAS ERSTE BUCH 15 

kleia, sie sollte die mägde einsperren, weil er die waffen aus der 
halle schaffen will, da sagt sie „kind, wenn du dich doch nicht 
um die haushaltung kümmern wolltest. äXX 1 äye, %k toi enena 
fietoixofiivfj g>dog ofoei; ifjupäe fovx siag nQoßkmftxifiev, cu xev 
eycuvoy d. h. wenn du erst die mägde eingesperrt hast, wie du 
das willst, wer soll dir dann (eneita) leuchten?" hier ist sogar 
das zeitverhältniss ganz deutlich, und wenn es weiter keinen 
beleg gäbe : sneitct bedeutet nie und nirgends tandem, wie soll es 
das im Homer bedeuten? hat nicht Gemoll oft genug den satz 
befolgt, dafs ein vers, der einmal in individueller rede vorkommt, 
einmal zwischen geborgtem gut, im letzteren falle geborgt ist? 
dafs vollends gar Zeus mit betonung der eignen person sagen 
soll: „wie soll ich, Zeus, den Odysseus vergessen", aber nicht 
Diomedes, der waffengefährte desselben, „wenn ich wählen darf, 
so ist's für mich selbstverständlich, dafs ich den Odysseus 
wähle", das ist geradezu pervers und ein gedanke, den Gemoll 
gewiss nicht ausgedacht haben würde, den er aber auch nicht 
von einer seite sich suppeditiren lassen sollte, deren Zuverlässig- 
keit er selbst richtig zu schätzen weifs. 4 ) 

Zu den partien, welche unter dem namen des nostos oder 
der nosten des Odysseus begriffen werden, steht die erste götter- 
versammlung zwar nicht formell in demselben verhältnifse der 
abhängigkeit, wohl aber läfst der inhalt über ein ganz analoges 
Verhältnis keinerlei zweifei. 

Im i nennt Odysseus die Kyklopen zunächst nur bei diesem 
gattungsnamen, und gebraucht den eigennamen Polyphemos erst, 



4 ) Auch mit dem alten (fapa, ob Nestor den Agamemnon oder Telemachos 
den Peisandros Xa$ nodi xiyijaae aufwecken dürfe, mit andern Worten, ob K 158 
yorbild für o 45 ist oder umgekehrt, hat Gemoll nur soweit recht, dafs es sich 
lediglich um entlehnung, nicht um interpolation handelt, wie die alten wollten, 
sonst haben diese richtig dem K die priorität zuerkannt, und wenn wir noch auf der 
erde schliefen, so würden wir das vermutlich alle ohne weiteres eben so machen wie 
Nestor, xviftat xaroxyijaayTfe, auch wenn wir nicht drei menschenalter auf dem 
buckel hätten, wenigstens ist es im alten Arabien das ganz gewöhnliche, und 
weckt so selbst der aus dem felde heimkehrende mann seine frau (Weilhausen 
zu Vakidi s. 189). dafs aber, wenn zwei leute neben einander auf der streu 
liegen, einer den andern mit dem beine aus dem schlafe wecke, kann auch zu 
Homers zeiteu nicht sitte gewesen sein. 



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16 I l 

als er denselben von den andern Kyklopen gehört hat, welche 
auch Poseidon als vater nennen (t, 403, 412). die mutter kommt 
nicht vor. es ist die absieht des dichtere, auch den hörer erst 
allmählich mit dem bekannt zu machen, was der held allmäh- 
lich erfahrt, wenn er in der weise tragischer prologe erst einen 
bericht über die personalverhältnifse des unholdes vorausgeschickt 
hätte, so wäre das zwecklos, aber a 69 — 73 teilt Zeus den 
göttern höchst ausführlich mit, der ävii&sog noXvq>i\po$ wäre der 
söhn des Poseidon und der Thoosa, der tochter des Phorkys. also 
hier eine ausführliche genealogie, mit personen, die sonst nirgends 
vorkommen, in ganz ungeschickter weise Zeus in den mund ge- 
legt, das altersverhältnifs zwischen a und den apologen ist 
unverkennbar. 

Ganz in der nämlichen weise orientirt Athena die götter über 
Kalypso und ihre insel, wobei es ihr freilich begegnet, dafs sie 
den namen der Nymphe zu nennen vergisst, welchen wir uns 
aus den worten des dichters (14) ergänzen müssen, das ist die- 
selbe Unbedachtsamkeit, wie sie dem prooemium vorgeworfen 
werden muss, welches den avrjQ hoXvtqonog zu nennen ver- 
gisst, und auch der grund ist derselbe, der stoff war ein längst 
bekannter und längst poetisch ausgebildeter, ehe dieser dichter ihn 
als gegebenen neu zusammen zu fassen versuchte. Kalypso ist 
die tochter des Atlas, der des meeres tiefen kennt und dem 
die säulen gehören, die himmel und erde aus einander halten; sie 
wohnt auf einer insel, welche der nabel des meeres ist, und, wie 
wir nachher von Zeus hören (85), Ogygia heifsi die be- 
schäftigung des Atlas und die läge der insel erfahren wir über- 
haupt nur hier, ganz wie die mutter des Polyphem; den vater der 
Kalypso und den namen Ogygia sonst lediglich in der ersten er- 
zählung des Odysseus an Arete {q 244. 254), und in stellen, 
die ihren verdächtigen Ursprung aus dieser partie ableiten oder 
mit ihr teilen (ja 447 ip 333); das e weifs von beiden nichts, das 
würde genügen, auch die stelle in rj für jünger als e zu halten, 
gesetzt, dies verhältnifs wäre nicht aus andern gründen längst 
festgestellt, mit Ogygia ist es nun vollends eine ganz eigene 
sache. <oyvyiog ist ja ein einfaches adjektiv, das später meist für 
,alt 4 gebraucht wird, aber eigentlich einem wxedviog entspricht, 



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DAS ERSTE BUCH 17 

und je nach dem begriffe, der an Okeanos geknüpft wird, ver- 
schiedene bedeutung annimmt, die insel der Kalypso ist eine 
okeanische im allernatürlichsten sinne. 5 ) und wirklich besitzen wir 
noch eine stelle, wo sie ogygisch heifst, ohne dafs es auch nur 
möglich wäre, den eigennamen zu verstehen: in seiner ersten rede 
anNausikaa sagtOdysseus: nach zwanzigtägiger fahrt bin ich gestern 
dem meere entronnen, totpQa de ju' aUl xvfia g>ÖQSv xQcunvai te 
SveXAai vrjaov an ccyvyfrjs" vvv <F iv9die xdßßaXe datpcov (f 172). 
es liegt durchaus nicht in seinen intentionen, mehr als die allerall- 
gemeinsten umrisse seiner erlebnisse zu verraten, und wenn er 
es wollte, so könnte er doch einen namen nur dann gebrauchen, 
wenn er irgend erwarten dürfte, dafs die vor ihm stehende Jung- 
frau sich dabei etwas denken könnte: das ist bei der insel der 
nymphe ,Verbergerin 4 am wenigsten zu erwarten, vielmehr sagt 
er nur über seine herkunft, er wäre von einer insel des Welt- 
meeres abgefahren, welche gerade eben so gut Aiaia oder Thri- 
nakia sein könnte wie die insel der Kalypso. es ist meines er- 
achtens ganz evident, dafs diese stelle die veranlassung gewesen 
ist, dafs spätere dichter, zunächst der, welcher ij und /* so, wie 
sie vorliegen, gestaltet hat, y Qyvyir] als namen auffassten. von 
diesen aber erst hängt der dichter des a ab, denn er lokalisirt 
die insel als meernabel, und er fügt über Atlas, den tj schon ge- 
nannt hatte, mythologische details hinzu, der dichter von e ist 
auch nicht im entferntesten für die abstammung von Atlas in 
ansprach zu nehmen, für ihn ist Kalypso einfach eine nymphe, 
wie es unzählige gibt, und mit vollem recht hat sie Hesiodos 
(theog. 359) in seinen nymphenkatalog aufgenommen und mit 
den andern allen von Okeanos und Tethys abgeleitet, er kannte 
*, nicht ij, geschweige a. 

Bei den Aetiriopen schmausen im A die götter, und im e 
Poseidon; da wohnen sie im fernen osten, wo sie immer wohnen, 
denn Poseidon kommt auf dem rückweg über Kilikien (e 283). 
das a erwähnt, dafs Poseidon zu den Aethiopen gegangen ist, es 



*) Oder auch, wenn man das vorzieht, sie ist in dem sinne toyvytfi, wie die 
Styx bei Hesiodos (theog. 806) ogygisches wasser hat, wofür Euripides (Hipp. 121) 
tüxtayov vftoQ sagt, bei Empedokles wyvyiov nvg, als av&tytvijs, rein elementar. 
Philolog. Untersuchungen Vn. 2 



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18 I 1 

fügt die mythologische notiz hinzu, es gäbe deren im osten und 
westen. das ist ganz konsequent, denn Lehrs hat sehr recht, 
a priori zu erwarten, dafs, wenn die sonne im osten die ihr nahe 
wohnenden zu ,brandgesichtern* brennt, sie das auch im westen 
tue. nur schade, dafs die volkstümliche Vorstellung tatsächlich 
nur im osten Aethiopen kennt, und dafs sie damit ganz recht 
hat, denn im äufsersten westen wohnen keine menschen, sondern 
ist meer. gesetzt aber auch, wir wollten die theogonische Weis- 
heit, die a hier wie in den andern fallen auskramt, gut heifsen: 
so bliebe immer die Unschicklichkeit , dafs wir im a erfahren, 
es gäbe zweierlei Aethiopen, aber nicht, zu welchen denn Poseidon 
gegangen ist. 

a 60 sagt Athena zu Zeus: „hat dir nicht Odysseus viele opfer 
gebracht? %l vv ol zotiov oodtxfao Zev;" der kalauer ist der stärkste 
trumpf, den sie ausspielt. 'Oivttaevg wird noch einmal etymologi- 
sirt, da aber ausdrücklich in der erzählung, wie der narae dem 
neugeborenen gegeben ward (r 409). das ist auch eine ganz 
junge einlage, welche Odysseus mit Autolykos verbinden soll, aber 
die ausführlich motivirende etymologie ist immer noch älter, als 
diese in der weise der tragiker lediglich aus rhetorisch poetischem 
anlass erfundene, das r itvtioXoyel, das a naQeivfioAoyel.*) 

Ich will nicht wiederholen, was Im. Bekker wegen des aus- 
druckes wider das prooemium gesagt hat, weil die kritik klassisch 
ist, und daran nicht ein titelchen durch sentimentale gefühls- 
ergüsse geändert wird, wie sie Lehrs statt der gründe * zu ver- 
wenden nicht unter seiner würde gehalten hat. neyvynevog, 
dies xöfifia xcuvov wird man so nicht los, und die harte und un- 
logische zerreifsung von §v& äXkoi [iiv ndvteg — ovtf ev&a 
Tcsyvyiiivoq r t v (wie es eigentlich gedacht war) durch allerhand 
zwischen tretende glieder ist ebensowenig zu beschönigen wie 



*) foftwrevf, altattisch 'OXvrnvs, rheginisch toAf&tfc, variirt wie <fj<r<roc, «firrot, 
öi£6c der stamm ist also (o)duk oder (o)luk; Wvaivs ist anorganisch, die ab- 
leitung, wie bei WjfiAtafc, Ax*Uvs, wahrscheinlich nicht blos bei etymologischen 
Phantasten UxdXtvg; wenigstens wäre das korrekt, stamm {a)chil> wozn wol 
Xtkov, XiXXmy, Xtihor gehört, vergl. "Oagos jafrs Ufo, 'Oi'teve sfavs 7Wc, 
"Arv/uyoe Tvpvtjg, "AtXttg TaXaog, Ufatos #««k, oßQt/uog Bq^at, "Afaoc StStg : von 
dieser unzweifelhaften analyse gehe aus, wer die namen zu deuten wagt. 



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DAS ERSTE BUCH 19 

durch Umstellung, oder gar durch Kirchhoffs construktion tdov 
afxo&ev sine, ev9a — zu beseitigen, in welcher äuod€v ganz un- 
berücksichtigt ist. 7 ) stümperhaft ist tov fexrave voaujaavra (Ai- 
gisthos den Agamemnon) elSmg ainvv oXbSqov, d. h. obwohl er 
wufste, dafs er dadurch sich den Untergang (wenn auch keinen 
jähen) zuziehen würde (37); stümperhaft das anakoluth und die 
auslassung der; copula, 51: Odysseus leidet auf einer insel, vrjöog 
devdQi]£<f(ta, &eä <Tm olxta valsv: was doch höchstens dann zu 
ertragen wäre, wenn auf die qualität der bewaldung Ogygias 
irgend etwas ankäme, stümperhaft ist die rede in dem be- 
rühmten verse 'Odvaäevg lefievog xal xanvov ano9qwdxov%a vorjäcu 
rjg yattig öavfysv (oder dieser Spätling hat wohl vielmehr schon 
&av€eiv gekannt) tfisi^erai. denn einen fyeQog hat Odysseus 
danach, den rauch der heimat zu sehen, und sterben will er 
doch erst, wenn ihm dieser einzige wünsch erfüllt ist, wie er 
ij 224 sagt liovta de xal Xinot, alwv xirjöiv ifirjv; wenn er nur 
noch einmal seinen besitz geschaut hat, 8 ) dann ist ihm selbst der 
tod recht: das ist etwas anderes, als diese todessehnsucht, 
welche nicht im entferntesten in seiner weise ist, ebenso wenig, 
wie die reflexion über die menschliche Sündhaftigkeit im vor- 
stellungskreise des echten alten epos liegt, über welche Zeus hier 
predigt, für stümperhaft, wenn auch unzweifelhaft und leider 

7 ) G. Hermann bei Bekker, Hom. bl. I 101 nach aussonderung der Tele- 
machie „auch kündigt sich der dichter, der das apofoy schrieb, dem tv9ev tltav 
& 500 gleich kommt, gleich selbst durch das xal n^Xv als einen von dem ursprüng- 
lichen sänger verschiedenen an." G. Hermann und Bekker haben über das a im 
wesentlichen schon das richtige empfunden; nur die folgerungen bleiben uns 
zu ziehen. 

8 ) Odysseus redet als ein hilfloser bettler, dem es am meisten nahe geht, 
dafs er in die entwürdigende läge versetzt ist, und er redet mit der absieht, das 
incognito zu wahren, „ich bin nichts als ein mensch, und zwar ein ganz un- 
glücklicher; ich konnte euch ja sagen, wer ich bin, aber lafst mich, ich bin 
hungrig, ich bin so weit gekommen, dafs mir das essen das wichtigste ist. 
schickt mich nur morgen heim: o dafs ich noch einmal mein hab und gut sehen 
könnte," d. h. „dafs ich auch nur für einen augenblick aus der entwürdigenden 
läge käme, almosen zu bedürfen und zu heischen." ich finde die rede vortreff- 
lich und würde es für eine verballhornung halten, wenn der fremde statt „hab 
und gut" nttxqida % iJcT aXo%ov nennen wollte, wie Aristophanes gemeint hat. 
(Cobet Mnem. 2,165.) 

2* 



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20 I 1 

noch ein par mal vorliegend, wenn auch immer als beweis eirfer 
verwahrlosten technik, sehe ich auch die elision des dativs toi 
vor kurzem vokale in oi vi % XMvaaevg (60) an. und schliefslich 
liegen gerade in diesem so vielfach als unzweifelhaft alt gepriese- 
nen stücke zwei wirkliche und wirklich etwas beweisende ce/raj 
siQTjjuiva vor: denn solche beweisen dann, wenn es worte sind, 
welche notorisch unhomerisch, in der spätem zeit ganz geläufig 
sind; es ist Xoyog in dem trivialen verse alel Se tiaXaxoUti xai 
alfjLvXioLdt, XoyouSi (56) und vöfiog in noXXdov fäv9qdnmv Xie atnea 
xai vöfiov eyvco. hier hat Aristarch allerdings vöov conjizirt, 
oder wol wahrscheinlicher die ältere conjektur gebilligt, während 
Zenodot vöfiov las. indessen sein grund, eben die beobachtung, 
dafs vöfiog unhomerisch sei, beruht auf der Voraussetzung, dafs 
der vers »homerisch 4 , d. h. gleich alt mit der masse des epos 
wäre, und es ist nicht einzusehen, wie jemand, der vieler menschen 
städte sieht, ihren sinn kennen lernt, während der ahnherr der 
ionischen landfahrenden XatOQcg die kenntnis heimbringt, auf 
grund deren sie vöfiifia ßaQßaqixd schrieben. Nauck, der die 
aristarchische schlechte conjektur otcorofcfc Si näai für Salta 
aus dem prooemium der Ilias für alle nicht unfreien köpfe ver- 
trieben hat, hat auch hier vöov als alte conjektur erkannt, allein 
vofiöv, wie er schreiben will, würde doch wirklich nur durch den 
schatten des accentes, nicht durch die bedeutung von vöfiov ge- 
sondert, und es fällt ja jeder anlass weg, die zenodoteische, d. h. 
älteste uns erreichbare lesart zu beanstanden, sobald man die 
petitio principii fahren lässt, das a müste reden wie das A. 

So bleibe denn die Überlieferung ohne jede zwangsmafsregel 
in ihrem rechte, und beschränken wir uns darauf, die Schlüsse 
zu ziehen, welche sie, wie sie ist, an die hand gibt, das a ist 
in sich unteilbar, es ist bestimmt, an dem platze zu stehen, wo 
es steht, es gibt die exposition der Odyssee, unserer Odyssee, 
speziell der Telemachie, und dies schon in vers 29, des aufenthaltes 
bei der Kalypso, bei den Kyklopen, auf Thrinakia, der heimkehr, 
des treibens der freier, ihres schliefslichen Unterganges, ja selbst 
der fufswaschung (Eurykleia 429) und der zurückführung des 
Laertes in die stadt, also des co (190). aber das a ist von anfang 
bis ende ein flickpoem, es ist das jüngste stück so ziemlich in 



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DAS ERSTE BUCH 21 

der ganzen Odyssee, das a ist aber auch, wie die dinge jetzt 
liegen, unentbehrlich, denn ß hat sonst keinen anfang. daraus 
folgt, dafs dieser anfang weggeschnitten ist, damit für a platz 
würde: ohne zweifei von dem Verfasser von a, das ohne ß nicht 
gedacht werden kann. 

Ganz desselben kalibers wie a und, wie sich nicht füglich 
bezweifeln lässt, von demselben Verfasser ist die zweite götter- 
versammlung, der anfang von 6, das also ebenfalls seines anfangs 
entbehrt, da der versuch, a zu zerschneiden, um das hier fehlende 
zu ersetzen, sich als verfehlt herausgestellt hat. folglich fehlt 
auch von e jetzt der anfang, in ganz analoger weise wie von ß; 
auch er ist weggeschnitten, und zwar ersichtlich in der absieht, 
dafs dadurch die ursprünglich selbständigen teile, Telemachie und 
Odyssee, zu einem epos verbunden würden, also auch durch den 
Verfasser von er, dessen schneidertätigkeit mit scheere und mit 
flicken ja auch den schluss von d in seine jetzige Verfassung 
gebracht hat. 

Wo das ursprüngliche gedieht im e beginnt, ist nicht mehr 
genau fest zu stellen, von Kirchhoffs rekonstruktionsversuch 
darf ich wol schweigen, da seine Voraussetzungen fortgefallen 
sind; er würde sonst sehr leicht zu widerlegen sein, nicht nur 
die ganze rede des Zeus an Hermes, sondern auch die ganze 
fahrt des Hermes vom Olympos bis zu Kalypsos insel muss viel- 
mehr dem cento noch zugeschrieben werden, denn nach Gemolls 
klarer darlegung kann es keinem zweifei unterliegen, dafs € 44 — 
50 genau ebenso aus & genommen sind, wie e 29. 30 und a 28. 
68. 102. es widerspricht jeder logik, den auftrag des Zeus und 
seine ausführung verschiedenen Verfassern beizulegen, frühestens 
also mit der Schilderung von Kalypsos grotte wird man das 
originale gedieht anheben lassen dürfen, und man kann sich somit 
nicht verhehlen, dafs überhaupt kein beleg dafür vorhanden ist, 
ob das originale e eine scene im Olymp enthalten hat, noch viel 
weniger, ob Athena irgendwie als schutzgöttin des Odysseus von 
vornherein eingeführt war. indessen setzt e einen beschluss des 
Zeus 9 ) und nicht blos den zorn des Poseidon, sondern auch dessen 
gang zu den Aethiopen voraus: also erwartet man, dafs davon 
vorher gehandelt wäre, vornehmlich aber ist der Verfasser v©n 



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22 I 1 

a ein so schwacher köpf, dafs man sich kaum entschliefsen wird, 
ihm, auch wenn Q ihm vorlag, die erfindung der olympischen 
scene zuzutrauen, um so weniger, als er das motiv ja verdoppelt, 
ich bin deshalb geneigt zu glauben, dafs e wirklich ehedem mit 
einer götterversammlung begonnen hat. 

So wie der verfertiger von a sich zeigt, wo wir ihn kon- 
trolliren können, ist an und für sich anzunehmen, dafs er so 
viel er nur irgend konnte von seinen vorlagen verwandt haben 
wird; es werden sich also noch einzelne verse der verlorenen 
anfangspartien von ß und e in a befinden: es ist aber durchaus 
müfsig, ihnen nachzuspüren. 

Es hat sich also ein resultat ergeben, welches zunächst nur 
in betreff weniger verse von dem Kirchhoffs abweicht, der Ver- 
fasser von a ist sein ,bearbeiter 4 , wie auch ich ihn nennen will, 
denn die einzige absieht desselben ist, die ganze Odyssee einzu- 
leiten, und bevor er seine flickerei vornahm, waren die Telemachie 
und die mit e beginnende erzählung von einander unabhängig, 
somit kann die Telemachie auch nur ein selbständiges gedieht 
gewesen sein, nicht eine erweiterung einer schon vorhandenen 
Odyssee, oder aber sie hat eine andere Odyssee eingeleitet, als 
die, welche mit e beginnt, nach der andern seite aber hat Kirch- 
hoffs alter nostos den köpf verloren, und da die jetzige erste 
götterversammlung für ihn, wie für die meisten rekonstruktions- 
versuche bestimmend geworden ist, so ist das schon für sie ein 
schlimmes praejudiz. 

Ich halte es für eine sehr wichtige, und allerdings eine ganz 
unanfechtbare tatsache, dafs wir den anfang der Odyssee nur 
in einer ganz jungen form besitzen und von den älteren zu- 



°) Es ist allerdings zu bemerken, dafs Odysseus selbst nirgends erfährt, ob 
Ealypso aus eigenem mitleid oder auf höheres geheifs ihm erlaubt hat, sich das flofft 
zu bauen, selbst in dem berichte an Arete 9 263 schwankt er zwischen diesen 
beiden motiven ihrer handlungsweise. man könnte also auch denken, dafe die 
ganze person des Hermes im e spätere einlage wäre, und das gedieht vielmehr 
mit einer Schilderung von Kalypsos insel begann, und dann etwa einsetzte: „sieben 
jähre hielt sie ihn und suchte ihn zu verführen; aber er blieb standhaft, da 
endlich wandte ihr Zeus den sinn u. s. w." dann müste man aber eine zu tief- 
gehende und zu geschickte Überarbeitung annehmen. 



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DAS ERSTE BUCH 23 

sammenfassungen von Odysseusliedern, oder auch den älteren 
Odysseusepen, wenn man so lieber redet, den anfang überhaupt 
nicht, von keinem unter ihnen, besitzen, obgleich im verlaufe der 
Untersuchung noch sehr viele stücke der Odyssee demselben 
poeten zufallen werden, genügt doch schon das was wir jetzt 
von ihm kennen, zeit und heimat desselben einigermafsen fest- 
zustellen, wenigstens relativ, gegenüber seinen vorlagen. 

Eins ist zunächst aus den genealogien klar, mit welchen der 
poet so verschwenderisch ist, wie es die Spätlinge des epos zu 
sein pflegen, nämlich dafs seine Kalypso, Atlas tochter, dem 
Hesiodos, dem dichter der Theogonie, unbekannt war, und dafs 
auch die urheber der landläufigen Atlantidenverzeichnisse ihn 
nicht gekannt haben: weder unter den Pleiaden, noch unter den 
Hesperiden hat Kalypso eine stelle, dagegen hat Hesiodos die 
Kalypso des e, wie sich gebührte, unter die meermädchen gestellt, 
die Vorstellung von Atlas, der die säulen zwischen himmel und 
erde unter aufsieht hat, ist eine nicht glückliche fortbildung der 
gewöhnlichen Vorstellung von Atlas dem himmelsträger im %6 
ni&avooteQOv. dafs aber Atlas zugleich die tiefen des meeres 
kennen soll, was ihn auch allein berechtigt, eine tochter wie 
Kalypso zu haben, ist ersichtlich aus der Heraklessage genommen, 
denn Herakles hat ja auf der Hesperidenfahrt die tiefen des 
meeres erforscht und der Schiffahrt die bahnen frei gemacht. 10 ) 
wie alt diese sage ist, steht nicht fest, und hier will ich nicht 
vortragen, was ich darüber ermittelt zu haben glaube, da es zu 
einer verwendbaren Zeitbestimmung nichts hilft, es genügt, den 
einfluss der Heraklessage zu konstatiren. der Kyklop als söhn 
Poseidons war im * gegeben; auf der stufe, welche schon Hesiodos 
einnimmt, pflegt die sage Scheusale anderen meerdämonen ent- 
stammen zu lassen, und deshalb wird wenigstens die mutter des 
Polyphem eine Phorkide; allein sie fehlt unter diesen in allen 
sonstigen traditionen, Phorkys selbst, auch Phorkos und Porkos 
genannt, ist ein vielfach vorkommender und keineswegs blofs 
genealogisch bedeutsamer meergott. nach ihm benennt einer der 



") Pindar Nem. 3, 63, Istbm. 4, 52, Euripides Her. 401. 



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24 I l 

alten dichter v 96 einen hafen von Ithaka. 11 ) aber nicht von daher 
wird er in das a gekommen sein, sondern weil er bei Hesiodos 
und in entsprechender sagengestaltung vater von Ungeheuern 
war. es ist hier innerhalb dessen, was wir jetzt Odyssee nennen, 
geschehen, was bei andern mythischen figuren die vewieqot er- 
funden haben sollen: zu denen eben auch dieser poet gehört, 
die Skylla ist tochter des Phorkys nach Akusilaos, 12 ) die Seirenen 
nach Sophokles (fgm. 776). 

Für den geographischen horizont des poeten ist Temese am 
meisten charakteristisch, wohin man fährt, um erz zu holen (183). 
Apollodoros (Strabon 255) gibt die herrschende und unzweifel- 
hafte deutung auf die stadt Temesa oder Temesia oder Tempsa 
am terinaeischen golfe. andere, und vielleicht schon Lykophron 
(854), dachten an Tamassos auf Kypros, wo erzgruben waren, 
die für Tempsa offenbar erst durch diesen vers hervorgerufen 
sind, der aber nur erzhandel verlangt; das erz wird tuskisch ge- 
wesen sein, aber schon sehr viel früher, als man noch das 
unbefangene Verständnis des verses besafs, hatte man richtig 
Tempsa verstanden: das zeigt die identiftkation des fjQmg von 
Temesa mit einem geführten des Odysseus in der fabel vom 
Lokrer Euthymos, 18 ) die, wie alle diese athletenfabeln auf ein 
sehr hohes alter anspruch hat. Tempsa ist ganz früh, vielleicht 
schon zu Euthymos zeit, den Hellenen an die Brettier verloren 



n ) Herodoros beim scholiasten erwähnt eine scblucbt des Phorkys beim 
*Aqv(mihov ogog in Ächaia. das muss bei 'Pvnes gelegen haben, für welches 
Pherekydes "AQvnts sagte (Et. M. s. v.), so dafs sich die namensform, welche Hero- 
doros gibt, bequem ableitet und als gut und alt erscheint. 'Pvmg ist freilich 
volksname, geht aber doch das östliche Achaia an, da es an diesem haften blieb, 
die Identifikation von Curtius (Pelop. I. 426) ist eine von denen, wo ein berg, 
der keinen namen hat, identificirt wird mit einem namen, der kein lokal bat, 
weil ihnen beiden etwas fehlt, dafs Phorkys von Arypes nach Ithaka gewandert 
sei, mag Herodoros um des v willen gesagt haben ; immerhin ist es bemerkenswert, 
dafs wirklich in historischer zeit Achaeer auf Ithaka gesessen haben. 

>*) Schol. Apoll. Rhod. IV 828, vgl. Schol. /u 124. 

,3 ) Aufser der stelle des Strabon und bei Paroemiographen mit anderem 
detail von Pausanias erzählt, aus seinem Olympionikenverzeicbnis (VI 7). sehr 
hübsch und ganz in seinem stile ist es, dafs Pausanias der geschiente, die er 
abschreibt, hinzufügt, „dsfs Temese noch besteht, habe ich von jemand gehört, 



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DAS ERSTE BUCH 25 

gegangen und erscheint bei Lykophron (1067) als ein annex von 
Lokroi: dagegen hat es nach der angäbe bei Strabon Thoas der 
Aetoler gegründet, der also genau des weges gefahren wäre, wie 
Mentes. die besiedelungen der gegenüberliegenden küste von 
Achaia und Lokroi aus liegen noch im bereiche der zeit, welche 
keine andere Überlieferung des gegenwärtigen kennt, als im spiegel- 
bilde der sage, vor ihnen und neben ihnen her müssen häufige 
Verbindungen gegangen sein, so dafs eine fahrt, wie diese, von den 
Echinaden an die küste des zephyrischen Lokroi (denn an ein 
umschiffen der brettischen halbinsel braucht man nicht zu denken) 
ganz wol im bereiche des gewöhnlichen liegen muste: freilich 
das ist eine zeit mit dem geographischen horizonte des cd, wel- 
ches Sikeler, Sikaner und Alybas, welchen ort die alten schon 
grund gehabt haben werden, in das metapontinische gebiet zu 
verlegen, anstandslos einführt, und wer so dichtet, dem ist 
Ithakas läge gegen west und ost wolbekannt. gerade wie der- 
selbe poet, der Temesa eingeführt hat, im S zwar die klippe 
*A<neqiq frei erfindet, wie sein recht ist, aber von dem wirklichen 
sunde zwischen Same (Kephallenia) und Ithaka allerdings eine 
Vorstellung hat: wenn nicht gar Asteris real ist. (Strab. 456.) 

Endlich Ephyra. ich will die antiken erklärungen nicht 
durch ihre wechselnden phasen verfolgen, M ) sie geben das material 
zum richtigen urteil, das sie nur teilweise finden konnten; denn 
sie musten verkennen, dafs a sein Ephyra mit sammt dem gifte 
aus ß borgt und dabei ganz wol ein anderes Ephyra verstanden 
haben kann, als ß verstanden wissen wollte, der dichter von ß, 
der Ephyra neben Sparta und Pylos als reiseziel des Telemachos 
von den freiem nennen lässt, bezeichnet es als ein fettes acker- 
land. da kann er nur entweder das eleische oder das thessalische 
Ephyra meinen, für ersteres ficht der Skepsier, der die Augeias- 
tochter Agamede heranzieht, rj %6aa gxxQ/xaxa jfctet oött %<>£<pei 
evQtta %9<ßVi (A 741), um das gift als ephyräisch-elisch zu be- 

der dorthin handelswegen zu schiffe gefahren war." er erfindet sich eben seinen 
gewährsmann nach dem muster des Taphiers Mentes, der füxä /ctfaov nach 
Temese fahrt was von der kopie eines alten gemäldes zu halten ist, die er dann 
beschreibt, bleibe dahingestellt. 

M ) Qaede de Demetrio Scepsio 5. 



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26 I l 

weisen, die gxtQfiaxeia der Thessaler könnte auch für Ephyra 
Krannon sprechen, da die freier die hochfliegenden plane des 
Telemachos verhöhnen: auf keinen fall aber kann ß das thes- 
protische Ephyra, Kichyros, gemeint haben, welches a durch seinen 
könig IXog MsQfiSQlSrjg ganz deutlich bezeichnet, wie denn auch 
der weg von Thesprotien am besten den Odysseus über Taphos 
führt, charakteristisch ist hier erstens das misverständnis der 
vorläge, zweitens aber die hereinziehung einer person aus ganz 
junger thesprotischer sage, einem spross der Medeia-, der Argo- 
nautensage, in den scholien liegen nämlich excerpte aus Apollo- 
doros vor, welche uns den ganzen Stammbaum des Ilos geben, 
auch bemerken, dafs manche Iros statt Ilos lasen, weil der name 
bei Proxenos, dem Zeitgenossen des Pyrrhos, der eine epirotische 
geschieh te geschrieben hat, so lautete: Proxenos schöpfte also 
nicht aus a. aufserdem ist Mermeros als söhn Medeias vielfach 
bezeugt, und Medeia ist die Zauberin par excellence, so dafs gewiss 
richtig von Apollodoros geschlossen wird, um seiner grofsmutter 
willen werde hier dem Dos der besitz von gift beigelegt. Niese 
wird vielleicht umgekehrt schliefsen, den Ilos von Homer erfunden 
sein lassen und dann womöglich die giftmischerei Medeias von 
dem gifte des Ilos ableiten, das wäre wenigstens dieselbe me- 
thode, wie mit 'AQyd> nä<fi fxiAovaa, die Homer so genannt haben 
soll, weil niemand etwas von ihr wusste. ich halte es für sonnen- 
klar, dafs der dichter von a erst in so später zeit und an einem 
orte lebte, wo ihm und seinem publicum Mermeros, der söhn 
Medeias und könig von Ephyra in Thesprotien, bekannt war, also 
nachdem die rückkehr der Argonauten durch das adriatische 
meer geglaubt ward, dorthin haben dieselbe die Korinther ge- 
tragen, also erst, nachdem diese sich dort festgesetzt hatten, hat 
er gedichtet, der dichter von a hat im westmeere kenntnisse, 
wie sie bei einem Korinther des achten oder siebenten Jahr- 
hunderts ganz begreiflich sind: nach Asien weist nichts bei ihm. 
sehe man dagegen doch den dichter der Telemachie. für den 
ist Ithaka nichts als eine felseninsel im westmeer; zwischen ihr 
und Pylos ist ein idealer räum, Pylos selbst (wo die herren- 
geschlechter der ionischen städte Milet, Kolophon u. a. zu hause 
zu sein glaubten) ist mitnichten genau lokalisirt; zwischen Pylos 



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DAS ERSTE BUCH 27 

und Sparta ist wieder ein idealer räum, ohne Taygetos, mit einem 
nachtquartier in Pherai, das sammt dem wirt aus der Ilias (E 546) 
geborgt ist, und wie auf völlig leerem felde werden die auch 
der Ilias entlehnten Kaukonen irgendwo im Peloponnes ange- 
siedelt (y 366). dagegen ist der dichter über Kreta einigermafsen, 
vortrefflich über die inseln des ägäischen meeres orientirt. die 
figur des Proteus stammt aus den gewässern der Chalkidike. 15 ) 
gerade die Schilderung der fahrt Nestors von Lesbos ab (y 169) 
hat Wood an ort und stelle im jähre 1742 das originalgenie 
Homers aufgehen lassen (s. 66 des Frankfurter druckes; die stelle 
ist sehr lesenswert.) 

Die Telemachie ist ein kleinasiatisches gedieht: die be- 
arbeitung der Odyssee, die wir jetzt lesen, ist im mutterlande 
gemacht, in dem kulturkreise von Korinth oder allenfalls Euboia. 



,5 ) Proteus sammt seiner hilfreichen tochter (das ist das allgemeine märchen- 
motiv, das eben so bei der mutter von Otos und Ephialtes, und von Hymiskvida 
bis zu der guten frau des menschenfressers im däumling geltung hat) ist nach 
Aegypten von dem dichter verpflanzt, und alles, was ihn dortbin versetzt, ist aus 
der Telemachie weiter gesponnen (belege Preller-Plew I 501). zuhause ist er nur 
an der Chalkidike, und Lykophron (118) sucht seine Wanderung nach Pharos zu 
motiviren. wer die sagen zuerst aufgezeichnet hat, weifs ich nicht; alt sind sie 
jedenfalls, wenn auch Herakles darin erscheint, so dafs man nicht zu hoch 
hinaufgehen kann, ionische ansiedelungen an jener küste sind genug bekannt 
anderswo gibt es Proteus nicht, wir können aber auch noch nachweisen, wieso 
gerade dieser meergott, der einen so abstrakten namen führt, die heerden der 
robben zu hüten bekommen hat: StiquodtCTains lovaqs jrjt &aXaao>i<; tys m(>i 
roy 'A&<oy y (Herodot VI 44). also die Siedler, die in den urbewohnern die gi- 
ganten, die äteot Suite vom Athos wiederfanden, meinten, der vater der bösen 
könige wäre „Aborigines", eine art autochthone, oder besser, autothalasse, und in 
den vielen haifischen, die ihnen gefahrlich wurden, sahen sie seine heerden. er 
war eine lokale figur, die nur durch den zufall, dafs der dichter der Telemachie 
sie kannte und verwandte, weitere bedeutung erhalten bat. Pherekydes (schol. Eur. 
Hek. 3) fahrt Hekabe auf 'Htovtvc, söhn des Proteus, zurück; das ist der epony- 
mos von Eion, damit sind wir in der erforderlichen gegend. ihre mutter pflegt 
auch Ziqvjuüj zu heifsen. 



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2 
DIE DREI WÜRFE NACH ODYSSEUS 



Einer der wenigen brocken alter gelehrsamkeit, die sich zu 
den letzten büchern der Odyssee erhalten haben, lehrt uns, dafs 
Äristophanes zu a 282 das xeQavvtov setzte, das zeichen einer 
umfassenden athetese. aber wie weit er sie erstreckte, lernen 
wir nicht; nur die gewissheit ist der gewinn dieser notiz, dafs 
der gröfete philologe des altertums sich den vielen unzuträglich- 
keiten nicht verschlossen hat, die jene stelle bietet, und daraus, 
dafs erst hier das zeichen notirt wird, ist mit Wahrscheinlichkeit 
zu schliefsen, dafs Äristophanes ähnlich wie Kirchhoff mit einer 
verhältnismäfsig geringen athetese hat auskommen wollen., dieses 
mittel genügt nicht: eine weitere Umschau über den Zusammen- 
hang führt zu einer andern, wie mich dünkt, sicheren lösung. 

Im q hören wir, dafs Penelope, aufmerksam geworden auf 
den fremden bettler, erkundigungen über ihn bei Eumaios ein- 
zieht, ihn sprechen will, aber auf seine mahnung hin bis zum 
abend zu warten beschliefst: es wird so das % vorbereitet, sie 
äufsert den lebhaftesten abscheu gegen die freier und besonders 
gegen Antinoos, der vorher gegen den bettler gefrevelt hat 
(q 493 — 504); die möglichkeit, dafs der fremde den Odysseus 
kenne, ja dafs Odysseus heimkehre, weist sie nicht ab. (q 510, 
539). die freier beschäftigen sich mit tanz und gesang; der 
abend kommt heran, (q 606). dann erscheint Iros (mit dem 
anfang des a); der Zweikampf vor der tür der halle geht vor 



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DIE DREI WÜRFE NACH ODYSSEUS 29 

sich; die freier begrüfsen den sieger; Amphinomos reicht ihm 
seinen becher und geht, nachdem er die mahnende rede gehört 
hat, zu seinem stuhle zurück (<* 157). 

Penelope kommt auf den gedanken, sich den freiem zu 
zeigen, Euronyme bestärkt sie darin, sie machen anstalten dazu, 
aber Athena lässt Penelope erst noch in schlaf sinken, um sie 
zu verschönern, so erscheint sie an der tür des saales; die 
freier werden von liebe ergriffen; sie macht dem Telemachos 
Vorstellungen, dafs er die mishandlungen des fremden geduldet 
hätte. Telemachos verantwortet sich dagegen, es sei nicht 
seine schuld, denn er werde vergewaltigt, die freier hätten den 
kämpf mit Iros angezettelt; er wünscht, dafs die freier 
so übel zugerichtet werden möchten, wie Iros jetzt, dies ge- 
spräch geht nicht weiter, vielmehr richtet Eurymachos worte der 
huldigung und bewunderung an Penelope, die diese jedoch ab- 
lehnt; sie jammert wol, findet sich jedoch in die aussieht bald 
zu heiraten, und beklagt sich nur, dafs man nicht mit geschenken 
um sie werbe. Odysseus freut sich über diese rede, weil sie 
damit die freier betört, während sie es doch ganz anders meint. 
Antinoos stellt die geschenke in aussieht, und wirklich schicken 
die freier darnach; die geschenke kommen und Penelope geht 
mit ihnen ab. darauf wenden sich die freier zu gesang und 
tanz bis zum abend, als es abend wird, machen sie licht u. s. w. 

Es ist durchaus nicht pedantisch, die episode von Penelope 
auszusondern, weil die zeit sie nicht gestattet denn der dichter 
mag die stunden kürzen oder dehnen, wie er will, danach fragen 
wir nicht, z. b. hier nicht, ob denn die geschenke so bald kommen 
konnten, dafs Penelope sie noch selbst in empfang nahm, wenn 
aber nachmittag, eintreten des abends, abend vom dichter aus- 
drücklich bezeichnet werden, so haben wir das recht, mit dem zu 
rechnen, was er uns angibt, es bedarf keiner weiteren aus- 
führung, dafs für die episode von Penelope keine zeit ist ferner: 
Penelope hat im q sich zwar um den fremden gekümmert, hat 
sich auch vorgenommen, am abend zu ihm zu gehen, wie sie es 
im t tut: aber dafs sie zu den freiem hinunter gehen könnte, 
daran kann niemand im q denken, es ist keine ausrede, dafs 
auch im <r dieser entschluss etwas befremdendes ist: der dichter, 



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30 12 

der vorhat, Penelope nach 200 versen zu den freiem zu schicken, 
wird nimmermehr sie vorher einen plan fassen und nachher den- 
selben ausführen lassen, ohne an diesen stellen mittelbar oder 
unmittelbar auf ihren besuch im saale rücksicht zu nehmen, so- 
bald man die episode entfernt, auf die nirgends eine be- 
ziehung vorkommt, ist die einheit der handlung und der zeit da. 
die freier sind am nachmittage bei gesange und tanz (q 606), 
dann ergötzen sie sich an dem bettlerkampf, begrüfeen Odysseus 
bei seiner rückkehr in den saal (111), Amphinomos geht an 
seinen platz. 

157. aip 1 <T avtvg xax* öq 1 HfceT 1 im 9-qovov ev&ev ävi&tij, 
304. oV «Tefc ÖQxy&tvv %e xu IfxeQoetftfav äoidrjv 

tQeipdfAevoi tiQnovxo^ /asvov d y inl eaneQOv ikd-eiv. 
dies geht so glatt und scharf zusammen, wie man nur wünschen 
kann, auch die episode selbst zeigt sich durchaus nicht für diesen 
bestimmten platz gedichtet. Penelope und Telemachos nehmen 
zwar jetzt auf den Zweikampf mit Iros bezug, aber die auch im 
einzelnen vielfach unklaren verse 214 — 243 können sich nicht be- 
haupten. Telemachos äufsert sich in der stärksten weise gegen 
die freier; sie sollen das offenbar nicht hören, so will der dichter, 
aber da Penelope an der tür steht, so ist das schlechterdings 
nicht denkbar, und schon ihre an Telemachos gerichtete rede, 
die doch ohne frage allgemein verständlich ist, hat, wenn sie das 
ist, keinen zweck, weshalb nehmen denn auch die freier gar 
keine notiz davon, weder was mutter und söhn sagen, noch 
dafs sie überhaupt mit einander verhandeln? endlich fragt man 
bei einer poetischen erfindung nach dem zwecke; diese reden 
haben gar keinen, weder für den dichter, noch für seine geschöpfe. 
dagegen, sobald man die Unterhaltung entfernt, dann schliefst 
der allgemeine ausbrach der begeisterung, die Penelopes erscheinen 
unter den freiem erregt, (212, 213) sich eng an die rede des 
Eurymachos (244 — 249), welche in geziemender weise dem- 
selben allgemeinen gefühle ausdruck verleiht, und wieder wird 
man sagen : das geht nicht an, Penelope hat ja selbst gesagt, sie 
wolle hinunter, um sich mit Telemachos zu besprechen, (166): 
es müste doch notwendigerweise dieser absieht folge geleistet 
werden, allerdings, diese stelle ist die Voraussetzung für die 



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DIE DREI WÜRFE NACH ODYSSEUS 31 

Unterhaltung, aber nur insofern, als sie falsch verstanden ward: 
ich hätte den beweis ganz ebensowohl umkehren können und so 
schliefsen : weil die Unterhaltung zwischen Telemachos und Pene- 
lope die verse 166, 167 misversteht, ist sie unecht, und weil mit 
ihr jede beziehung auf die handlung von <r wegfallt, gehört die 
ganze episode nicht her. 

Wir erfahren, dafs Athena die Penelope dazu bewegt, sich 
den freiem zu zeigen, onoog ne%d<tei€ iiäXiöta 9vfxov fivijat^Qatv 
lii u/MJetiöa yevoiio (160). man kann schwanken, ob mit diesem 
satze die absieht Athenas oder die absieht beider angegeben 
werden solle, das letztere ist an sich das wahrscheinlichere, weil 
es das einfachere ist, und der dichter selbst nimmt an, dafe man 
die absieht Penelopes aus ihrem auftreten merken muss, denn er 
sagt von Odysseus, dem klugen manne, dafs er mit Wohlgefallen 
sali, wie Penelope die freier berückte, vor allem aber, Penelope 
handelte so; der einzige erfolg ihres auftretens ist, dafs sie ge- 
schenke erhält: wir dürfen annehmen, dafs sie das auch beab- 
sichtigt hat. zu Eurynome sagt sie freilich: „ganz wider meine 
gewohnheit verlangt es mich, mich den freiem zu zeigen, so 
wenig ich sie leiden mag; ncuSl de xev einoifu enog %6 xe xiqiwv 
eTrj, (tri ndina fJ,vr)0%TJQ<Hv tineQtpidXoufw öfiiXelv oh 1 iv fxiv ßd£ov<fi, 
xaxwg fom&ev g>Qoviovüi". und die alte findet den entschluss 
löblich, wünscht nur, dafs Penelope erst toilette mache: unauf- 
hörliche trauer sei vom übel, ihr söhn zudem schon nach wünsche 
ausgewachsen, hierin ist durch die form schon ausgeschlossen, 
dafs Penelope unbedingt mit Telemachos sprechen müste. sie 
hat bei den freiem gar nichts bestimmtes zu suchen, sie greift 
halb für sich selbst, halb für die alte ein scheinbares motiv auf, 
das möglicherweise ihren auffallenden wünsch rechtfertigen könnte, 
auf alle fälle aber haben diese worte mit dem nachher folgenden 
gespräche gar nichts zu tun, denn da macht sie dem Telemachos 
vorwürfe über die behandlung des bettlers, hier will sie ihn vor 
dem umgange mit den freiem warnen, die scheinbare Vorberei- 
tung jenes gespräches führt vielmehr dazu, die unechtheit des- 
selben nur um so deutlicher zu erkennen. 

Was aber will die alte mit der rede: „unaufhörliches trauern 
ist nicht gut; dein söhn ist ja schon ausgewachsen", womit sie 



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32 12 

motivirt, dafs Penelope sich zu baden und zu schminken gehe (das 
ist natürlich imxQfaa<t&cu äXoupü naqsvdg 173. 179)? antwort gibt 
Penelope selber (269— -71): Odysseus hatte ihr beim scheiden frei- 
gestellt, sich zu verheiraten, sobald Telemachos erwachsen wäre. 
tä dri vvv ndvta tefottai. die alte findet in Penelopes auftreten 
dasselbe, was die freier sehen, ein einlenken, und sie, die rechte, 
immer zum munde redende confidente, greift den gedanken mit 
freuden auf. zum schminken versteht sich Penelope freilich noch 
nicht; aber Athena ersetzt diesen ausfall anreizen, indem sie sie 
im schlafe mit dem ambrosischen xdXXog schmückt, das Aphro- 
dite anwendet, wenn sie zu tanze geht; es wird ipifiv&iov etwa 
gewesen sein, denn der erfolg ist ein elfenbeinerner teint. x ) 
ihrer rede nach zu schliefsen dürfte man freilich wirklich an- 
nehmen, dafs Penelope zur nachgiebigkeit sich bequemen wolle 
und nur noch die dehors zu wahren suche, ein glück, dafs 
Odysseus so klug ist; ein anderer' wäre wohl bedenklich geworden, 
die freier aber, die gimpel, gehen auf den leim: und goldbeladen 
kann Penelope in ihre stube hinaufgehen, wo sie der dichter denn 
auch nicht die obligaten tränen vergiefsen und den obligaten 
schlaf finden lässt: sie hat genug zu tun, die geschenke zu be- 
trachten. 

Ist es sacrileg, wie ich von dem gedichte, vom heiligen Ho- 
mer geredet habe, oder ist es sacrileg, wie dieser Homer gedichtet 
hat? vielleicht beides; mir soll's recht sein: nur leugne man nicht, 
dafs der dichter so gedichtet hat. so hat die sache ja eine pointe, 
sonst ist es eine albernheit. Kirchhoff freilich und wahrscheinlich 
Aristophanes hat gemeint, wenn er der geschichte die spitze ab- 
bräche, so gienge alles in der gewöhnlichen ehrbarkeit ab. danach 
redet Penelope ganz ohne irgend welchen zweck von den ge- 
schenken und erfolgt auf ihre lange rede nichts, als dafs Antinoos 
sagt: „nimm nur die geschenke an, wenn jemand dir welche 
geben will : abschlagen ist unschicklich, wir gehen nicht eher nach 
hause, als bis du geheiratet hast." 2 ) 



*) 195 = & 20 zerstört den sinn; mit recht von Kirchhoff verworfen. 
*) a 288. 89 sind im ß als 127. 28 interpolirt. das hat Kirchhoff richtig 
gesehen. 



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DIE DREI WÜRFE NACH ODYSSEÜS 33 

290. a>V eg>a%* 'Avilvoog, toiöw S'emavSave fivöog. 

302. ij (xev e/rfitt' dveßcuv vneQoiuz tita yvvcux&v 

304. o? feig o^öWv x%i. 
ich halte nicht für nötig, die Ungereimtheiten dieser construction 
hervorzuheben, denn Kirchhoff hat seinen eigenen grundsatz hier 
ganz vergessen, dafs für eine interpolation doch ein anlass er- 
wiesen werden muss. dagegen hat er die Unterhaltung mit Tele- 
machos behalten und sagt: „Penelope betritt den männersaal in 
der bestimmt ausgesprochenen absieht, ihrem söhne Vorstellungen 
zu machen; sie schilt ihn, dafs er ruhig mit ansehe, wie der 
fremde von den freiem gemisshandelt werde u. s. w. u die ,be- 
stimmte* absieht ist so ausgesprochen: ncudl de xev elnoipu, enog, 
und ihre absieht ist, den Telemach zu warnen: was Kirchhoff 
angibt, ist das gegenteil davon, nämlich das, was sie tut. er hat 
den Charakter des dichters völlig verkannt. 

Den hatte Kayser vollkommen richtig erfasst: ipsa regina ad 
aries prope meretricias descendü (hom. abh. 41). ja, wir haben 
hier ein stück, das fast in die parodie überspielt, ein stück, das 
man nicht wie das % lesen soll, sondern wie den Ariost die 
typischen figuren und Situationen hat einmal ein poet auch in 
einer lustigen, leise ironisirenden manier gefasst, etwa wie die 
liebe von Ares und Aphrodite im &. er weifs ganz genau, dafs 
er eine andere Penelope schildert, er führt es ja selbst aus, dafs 
sie wider ihre gewohnheit handelt, äxqeiov yiXcutev. er bemüht 
zu dem behufe Athena, die sich in dieser gegend der homerischen 
poesie alles gefallen lassen muss; und er fingirt entweder ein 
einverständniss des Odysseus, oder er lässt wenigstens diesen den 
trug durchschauen, damit der hörer nicht einen wirklichen ver- 
stofs gegen die continuität der sage annehme, um einen gröfseren 
Zusammenhang ist es ihm nicht zu tun, weder nach vorn noch 
nach hinten sucht er anschluss. nur in den allgemeinen umrissen 
bedürfen wir die sage als hintergrund; wenn auch natürlich längst 
die meisten Penelopegedichte existirten, die in unserer Odyssee 
jetzt überarbeitet vorliegen, wie namentlich die ernsthaft schönen 
verse % 123 — 29 hier als 251 — 56 fast parodisch verwertet sind, ob 
man ein solches stück (und mit dem des Demodokos im & ist es 
ganz ähnlich) als die einlege eines rhapsoden, oder als ein selb- 

Philolog. Untersuchungen VIT. 3 



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34 12 

ständiges gedieht fassen will, das ist im gründe einerlei, selb- 
ständig ist jedenfalls die ganze tonart, urid in sich abgeschlossen 
ist es auch. Penelope, die treue wittwe, ist natürlich treu — 
wie Angelica keusch ist. das steht ja fest, aber, aber, sie be- 
trägt sich, wie sich die weiber immer betragen; sie weifs ganz 
gut, wie hübsch sie ist, sie weifs, wie man die männer kirre 
macht und weifs die günstigen Chancen, dafs so viele liebhaber 
um sie schmachten, wohl auszunutzen — wie Angelica. die freier, 
von denen wir alle wissen, dafs sie Odysseus schliefslich umge- 
bracht hat, haben auch eine menge goldes an geschenken in dem 
hause gelassen, dessen heerdenbestand ihre mahlzeiten schmälerten. 
Athena hat auch insofern für das haus des Odysseus gesorgt, 
was ist daran unglaublich, dafs das einmal zu Archilochos zeit ein 
Ionier in diesem sinne darzustellen beliebt hat ? unglaublich nicht, 
merkwürdig ist es freilich genug. 

Der jetzige Zusammenhang von q— % wird sich als das resultat 
einer wiederholten Überarbeitung ergeben, diese hat jedoch in 
keiner weise mit der Penelopeepisode gerechnet; andererseits ist 
diese ohne rücksicht auf den Zusammenhang p— % gedichtet, diesen 
hat erst der hergestellt, der 214 — 43 eingelegt hat, also erst 
wieder ein Überarbeiter, und nicht der letzte; denn es hat sich 
oben (s. 9) herausgestellt, dafs a das h in seiner jetzigen gestalt 
gelesen hat. das würde sehr wichtig sein, wenn sich an dem 
charakter von a überhaupt noch zweifeln liefse. eben so lügt 
Athena o 16 dem Telemachos vor, Eurymachos gäbe die besten 
geschenke, Penelope werde ihn wol nehmen und noch schätze 
des Telemachos in ihren neuen hausstand entführen; es wäre ja 
weiberart, nur für den neuen gatten zu sorgen, die ungeschickte 
und unschickliche erfindung ist nach dieser scene des <x gemacht; 
sie ist vom dichter des a. 

Nach entfernung der Penelopeepisode hat das <r seinen voll- 
kommenen Zusammenhang, der kämpf mit Iros wird von Me- 
lantho vorausgesetzt (333-36), und der streit mit dieser ist 
durch denselben umstand motivirt, der auch den höhn des 
Eurymachos hervorruft, dadurch, dafs Odysseus die feuer be- 
sorgt, welche den saal erhellen. Odysseus erscheint überall 
"in tiefster erniedrigung, als verzauberter bettler: denn Eury- 



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DIE DREI WÜRFE NACH ODYSSEÜS 35 

machos verspottet ihn wegen der glatze, welche Athena ihm 
v 431 verliehen hat, und vor dem kämpfe mit Iros muss die 
göttin erst einen teil ihres Zaubers entfernen (d 69). es ist Will- 
kür, diese züge beseitigen zu wollen; die erniedrigung , die ihm 
hier geboten wird, würde der held in seiner wahren gestalt nicht 
ertragen, oder vielmehr für den dichter war die Verwandlung die 
Voraussetzung seiner erfindungen. wie dieses ganze motiv ver- 
hältnismäfsig jung ist, so ist auch das er jung, das in dem bettler- 
kampfe ein halbkomisches gegenbild zu den heroischen Zwei- 
kämpfen liefert und auch nachher die Verkehrs- und lebens- 
verhältnisse Ioniens voraussetzt, wie sie zu Semonides zeit noch 
waren, den reiz, den der Zweikampf besitzt, hat kaum jemand 
verkannt ; anders steht es mit dem schemel würfe des Eurymachos, 
der meist, und so auch von Kirchhoff, für eine nachbildung der 
parallelen seenen gehalten wird, die sich in q und t; finden, das 
ist ja gewiss möglich, auch wenn in sich die erzählung schick hat; 
da aber selbst das ihr abgesprochen ist, so muss ich sie nach- 
erzählen. 

Als des abends licht gemacht wird, übernimmt Odysseus die 
scheiter aufzulegen und schickt die mägde zu ihrer herrin. es ist 
nicht ausgesprochen, weshalb er das tut, aber es bedarf nur 
einiger Überlegung, um zu verstehen, dafs der bettler sich nütz- 
lich machen will, damit er im hause bleiben kann, dazu stimmt, 
dafs die freche und verbuhlte Melantho, (die hier ausführlich ein- 
geführt wird), da sie gern unter den jungen männern bleiben 
will, den bettler anfälirt, er solle gehen, sich eine lagerstätte in 
einer öffentlichen markthalle oder in einer schmiede zu suchen. 8 ) 
Odysseus weifs das mädchen durch eine drohung mit der autorität 
des Telemachos einzuschüchtern; er versieht nun das amt unbe- 
helligt und brütet über seinen planen, aber Athena will ihn noch 
mehr reizen, deshalb gibt sie dem Eurymachos ein, ihn zu ver- 
spotten, er erregt das gelächter der freier durch einen witz (ein 

*) Die schmiede zu erklären, fallt uns, die wir von dem ionischen leben so 
wenig wissen, schwer, aber dafs es sich um ein warmes nachtlager handelt, würden 
wir verstehen, auch wenn nicht die parallelstelle des Hesiodos zu geböte stunde, 
Erg. 492 nag cfr#i ^ahtuov ötoxoy xctl inaXia Xiexqv wQg /ci^pl/r, bnoif xqvo$ 
aviqa; tyycoy lax^yu. 

3* 



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36 12 

slxd&iv, wie die attischen Symposien des Philokieon und Kallias 
reden): er vergleicht das grelle licht, das der brennende kien auf 
das kahle haupt des bettlers wirft, der neben dem feuer steht, 
mit dem strahlenschein um ein göttliches haupt. dann fordert er 
den fremden auf, der sich ja eben nützlich macht, bei ihm in 
dienst als gartenarbeiter zu treten; aber freilich, er werde, ge- 
wohnt an lüderliches leben, nicht arbeiten wollen, sondern mit 
dem bettel seinen unersättlichen bauch füttern, da erwidert 
Odysseus: „ich wollte, wir müsten um die wette an einem langen 
maientag wiesenheu mähen, oder ich sollte ein joch stämmiger 
ochsen vor dem pflüge durch nachgebenden acker treiben: da 
solltest du sehen, ob ich die furche gerade zu ziehen verstünde 4 ), 
und deinen spott über meinen bauch lassen, aber du überhebst 
dich und bildest dir ein, du wärest etwas, weil du nur unter 
wenigen und geringen gesellen dich bewegest, wenn Odysseus 
heimkehrend erschiene, sofort würde die tür, so breit sie ist, zu 
schmal für deine flucht." das ist eine rede iv rj&ei, wie nur eine, 
statt der greisenhaften beschäftigung des gartenbauers tritt die 
des mannes ein, die in derselben Sphäre bleibt, aber ausdauer, 
gerade im hungern, und volle beherrschung des handwerks fordert, 
die vergleichung aber mit Odysseus, aus Odysseus munde, ist so 
gefasst, dafs wir dem beiden, der in knechtsgestalt unter dem 
protzigen pack von adlichen gelbschnäbeln steht, den gedanken 
anmerken: „wenn ich jetzt die maske abwürfe, wie würde diese 
ganze sippschaft reifsaus vor mir nehmen." der dulder ist von dem 
helden für einen augenblick überwunden, gerade durch diese 
Unvorsichtigkeit erwirbt er sich doppelt unsere Sympathie; er zeigt, 
dafs ihm die Selbstbeherrschung schwer wird: wenn er sein 
incognito immerwährend festhält, dann glauben wir beinahe, dafs 



4 ) Es folgt 376—79. „wenn heute krieg wäre, und ich hätte die nötigen 
Waffen, dann solltest du mich in erster reihe fechten sehen." eine plumpe Inter- 
polation, da es sich bei Odysseus gar nicht um feigheit handelt, sondern um faul- 
heit und nichtsnutzigkeit. man sieht wohl, wie ein rhapsode, den köpf voll von 
dem säbelgerassel des Conventionellen heroentums, den trumpf auszuspielen sich 
gemäfsigt fohlte, den Odysseus der bettler eben deswegen in der hand behält, 
weit Odysseus der beros ihn noch früh genug, nicht mit worten, sondern mit der 
tat ausspielen wird. 



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DIE DREI WÜRFE NACH ODYSSEÜS 37 

sich das betUertum für ihn so gut wie das heroentum schickt, 
dafs Eurymachos freilich die kühnheit des bettlers hinnehme, ist 
nicht zu verlangen: „erbärmlicher wicht, ich will dich strafen, dafs 
du so frech vor vielen männern (navQoi ov& äya&oi hatte sie 
jener genannt 383) schwätzest, bist du betrunken, oder ist das 
deine art so, dafs du solchen unsinn redest ? u und er wirft den 
schemel, der, weil Odysseus sich zu den füfsen des verständigen 
Amphinomos (125) 6 ) duckt, den schenken trifft und zu boden 
wirft, die freier ärgern sich, in ihrer gemütlichkeit dadurch gestört 
zu werden, dafs sie sich um bettler zanken, ihrer natürlich gegen 
Odysseus gerichteten erregung weifs Telemachos sorglich die spitze 
abzubrechen: „ihr seid ja toll, ein gott verstört euch; ihr habt 
gut gegessen, nun geht zu bett." 6 ) über diese energische Zurecht- 
weisung ärgern sie sich zwar noch mehr, allein Amphinomos, in 
dessen schütz sich Odysseus begeben hat, der also den ixeiys zu ver- 
treten berufen ist, unterstützt den Vorschlag, „freunde, er hat recht, 
wir dürfen ihm nicht entgegen treten, tut weder dem fremden noch 
den dienern (wie eben dem schenken) etwas zu leide; der schenke 
soll uns noch mal einen nachttrunk kredenzen, dann wollen wir 
zu bette gehen, und Telemachos mag für den bettler sorgen." 
das findet beifall; zwar nicht der schenke, der wenig lust ver- 
spüren mag, aber der bediente des Amphinomos schenkt ein, und 
man geht auseinander. 

Wer das gedichtet hat, der hat mit voller anschaulichkeit 

*) Odysseus kennt hier den Amphinomos und teilt uns den namen seines 
Taters und Taterlandes mit. da der freier sich über die kenntnis des bettlers 
nicht wundert, werden wir es auch nicht tun, die wir wissen, dafs der könig von 
Ithaka zu dem söhne eines seiner Untertanen redet, wir werden vielmehr den 
dichter loben, der uns so über diese neue person orientirt. Amphinomos erscheint 
schon mit demselben Charakter n 394, und da wird er dem horer ausführlich vor- 
gestellt; offenbar ist <r älter als n. 

°) Hier hat wieder ein interpolator sich gewundert, den schüchternen Tele- 
machos so energisch zu sehen, und hat sich gemüfsigt gefühlt, der rede die pointe 
zu nehmen, indem er an die aufforderung, zu bette zu gehen, anschloss bnnoit 
ftvuog uyajyf, Siotxio cToiW fytoye. dann brauchte freilich Amphinomos die freier 
nicht zu beschwichtigen, sie waren ja gar nicht zu bett geschickt, und wenn Tele- 
machos im letzten verse seine aufforderung zurücknehmen wollte, tat er besser, 
zu schweigen, ich weifs nicht, wem das verdienst gebührt, die interpolation zuerst 
erkannt zu haben. 



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38 12 

und aus einer ganz klaren, eigenen Vorstellung gedichtet, und mag 
er noch so viele verse entlehnt haben, er hat sie sich zu vollem 
freiem eigentum gemacht, was gegen einzelnes eingewendet ist, 
das verdient keine Widerlegung; es beruht auf mangelndem Ver- 
ständnis des textes. 

Zweimal wird noch nach Odysseus geworfen; ich ziehe zuerst 
den wurf des Ktesippos heran, muss dazu aber tiefer auf das v 
eingehen, jenes buch, dessen Verkehrtheiten I. Bekker mit seinem 
sicheren Stilgefühl scharf gekennzeichnet hat, ohne doch den 
versuch zu machen, ihre entstehung zu erklären, die sehr ver- 
schiedene Ursachen hat. 

Wie Odysseus und Penelope die nacht verbringen, das geht 
uns hier nicht an: genug, dafs es in einen andern Zusammenhang 
gehört, v 124 kommen die mägde mit Eurykleia in den saal, Tele- 
machos steht auf, unterhält sich mit der alten, geht auf den 
markt, die grofsen Ungereimtheiten sehe man bei Bekker. t; 125. 
126. 145. 146. 148 = ß 3. 4. 10. 11. 347: das ganze ausgehen des 
Telemachos ist hier dasselbe wie im ß; nur hat er dort auf dem 
markte etwas zu suchen, hier nichts, es heifst überhaupt auf 
jedes schliefsen aus entlehnten motiven und versen verzichten, 
wenn man leugnen will, dafs diese partie das ß, also die Tele- 
machie, voraussetzt. 

Es erscheinen nun die hirten, Eumaios, Melanthios und der 
hier erst eingeführte Philoitios; das ist eine für <p% nötige partie: 
aber wie sie vorliegt, ist sie arg zusammengestoppelt; den schwur 
des Odysseus v 230.1 kennen wir aus % 303.4, die abschliefsenden 
verse 235—39 sind nach g> 200 — 204 verfertigt, und nur einen 
teil der misstände hebt man, wenn man einen teil der entlehnung 
(238. 39) entfernt. 

Wir hören sodann, dafs die freier dem Telemach mord sin- 
nen — sehr seltsam, nachdem sie im q und er so gutartig gewesen 
sind; aber ein vogelzeichen kommt dazwischen, das Amphinomos 
mit ihrer Zustimmung als verbot des anschlages deutet; sie gehen 
also in das haus des Odysseus zum frühmal. es würde Verstockt- 
heit sein, zu verkennen, dafs diese seltsame scene ihre entstehung 
dem n verdankt, dort fordert Antinoos in längerer rede auf, dem 
Telemachos zu lande aufzulauern, da der hinterhalt im sunde 



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DIE DREI WURFE NACH ODYSSEÜS 39 

zwischen Same und Ithaka keinen erfolg gehabt hat. dagegen 
erhebt sich Amphinomos, welcher ausführlich als der verständigste 
und wohlmeinendste eingeführt wird, und macht die ausführung 
des mordes von einer befragung des göttlichen willens abhängig, 
er dringt durch und sie gehen in das haus des Odysseus. den 
anschlag nicht ganz fallen zu lassen, sondern auf dem wege, den 
Amphinomos im n angegeben hatte, vorläufig zu beseitigen, sind 
die verse im v gedichtet: damit ist aber zugleich ausgesprochen, 
dafs sie später fallen als die mit der Telemachie zusammen- 
hängende scene des n. 

Das mal beginnt (mit fast lauter geborgten, wie Bekker zeigt, 
übel geborgten versen). Telemachos, der plötzlich wieder da ist, 
setzt den Odysseus stalt auf die schwelle an einen tisch im saale 
und lässt ihm speise und trank vorsetzen, so dafs er nicht zu 
betteln braucht, den freiem sagt er, sie sollten sich der beleidi- 
gungen mit worten und händen enthalten, damit kein streit ent- 
stünde, das ärgert zwar die freier, weil er so kühn gesprochen 
hat, aber Antinoos erklärt gleichwol ihre bereitwilligkeit, da ihr 
anschlag nicht zur ausführung habe kommen können, damit ist 
vorausgesetzt, dafs Odysseus früher nicht an einem tische gesessen 
hat und mit wort und tat beschimpft worden ist: also das q 
und das d, oder wenigstens eines von beiden ist vorausgesetzt, 
t; 268. 69 = er 410. 11, also aus einer stelle, die als Voraussetzung 
für v dem Inhalte nach trefflich passt. und wo hat Telemachos 
SaqaaXsux; geredet, im <x oder hier? 

v 276 — 78 folgt in ganz abrupter weise die kurze notiz, 
„herolde führten eine hekatombe durch die Stadt; die Achaeer 
(d. h. die Ithakesier aufser den freiem) sammelten sich im haine 
des Apollon". auch dies für g> nötig, wo Antinoos das Apollon- 
fest so erwähnt, dafs der dichter davon geredet haben muss (258) : 
aber der versuch der motivirung ist ganz stümperhaft ausgefallen. 

279—83 wird kurz etwa dasselbe erzählt, was ausführlicher 
250—75 steht, neben einander ist es nur erträglich, wenn man 
einen ganz confusen Verfasser zugiebt; eine berechtigung zur 
athetese aber nicht zu sehen, da zur interpolation kein grund 
vorlag. 284 — 86 „aber die freier liefs Athena sich nicht des 
schimpfes enthalten, damit Odysseus noch zu tieferem grimme er- 



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40 12 

regt würde" = c 346 — 48. vergeblich versucht Kirchhoff dieser 
verse sich zu entledigen; nachdem eben Antinoos versprochen 
hat, dafs die freier ruhe halten wollen, war der Umschlag dieser 
Stimmung zu bezeichnen, und er wird ganz passend mit dem 
willen Athenas motivirt. deshalb könnten zunächst die verse 
sogar hier für ursprünglich gelten. 

Nun wird ein neuer frevler aus den freiem herausgehoben, 
Ktesippos; der sagt mit bezug darauf, dafs Telemachos den bettler 
von gestern als gast behandelt, auch er wolle ihm ein gastgeschenk 
geben, und schleudert einen ochsenfufs nach ihm. doch der wurf 
trifft die wand, da Odysseus mit einer wendung des kopfes aus- 
weichen kann. Odysseus lächelt nur sardonisch, also, wenn 
Athena den Ktesippos zur tat reizte otpq exv [iäkXov dvtj äxog 
xQaöiijv 'Oiv<ri[a, so hat sie sich verrechnet, mit andern Worten: 
die verse 284—86 sind doch aus er entlehnt, wo wirklich Odysseus 
zu äufserster Unvorsichtigkeit gereizt wird. 

Ktesippos erscheint im fc, und dort wird auf den ochsenfufs 
bezug genommen (290), xovxo xoi ävxl nodos Jewiftov, bv not 1 
sdmxag dvxid'icp Öfetf^t 66(iov xatakrjtevovti' somit ist in unserer 
Odyssee die scene im v unerlässlich. aber sie motivirt nicht richtig; 
Ktesippos wirft mit höhnischer rede, während Odysseus sitzt und 
isst. im x sa &t Philoitios, dafs er den fufs dem Odysseus, als 
er bettelte, gegeben habe, offenbar mit einem guten oder schlechten 
witze, denn Philoitios schickt der tötlichen lanze die mahnung 
voraus, das grofsprahlen zu lassen, und schilt ihn ytXoxtQtope; 
daher hat er auch den UoXv&^Qtfrig zum vater. 

Telemachos nimmt die tat des Ktesippos nicht so gleichmütig 
hin, wie sein vater, sondern droht jenem auf das heftigste, er 
wolle sich so etwas nicht gefallen lassen, lieber sollten sie ihn 
gleich tot schlagen, als dafs er fortwährend mit ansehen müste, 
wie gaste verunglimpft und dienerinnen schnöde gemishandelt 
würden, darauf längeres schweigen (weshalb wol?), endlich sagt 
Agelaos, des Damastor söhn: „freunde, er hat recht, und wir 
dürfen ihm nicht entgegentreten, tut weder dem fremden noch 
den dienern etwas zu leide (v 322 — 25 = a 414 — 17)". im o hat 
Telemach einen bestimmten Vorschlag gemacht, sie sollten zu 
bette gehen, hier hat er sich nur beklagt und dem Ktesippo 



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DIE DREI WÜRFE NACH ODYSSEÜS 41 

heftig mit dem tode gedroht: darauf soll sich im fa&4vn dixdly 
beziehen? im <f ist der bettler beschimpft, der schenke zu boden 
geworfen, hier ist niemandem etwas zu leide geschehen, und 
wenn ein bettler einen ochsenfufs wirklich an den köpf bekommt, 
so ist das selbst nach den begriffen eines attischen Symposions 
kein solches verbrechen, dafs darauf gleich zum degen gegriffen 
werden mäste, vollends, was das Qvätd&w der mägde anlangt, 
so ist das eine sehr seltsame bezeichnung für die ungebühr, welche 
diese von den freiem erleiden, im a intervenirt Amphinomos, 
der den bettler zu schützen verpflichtet ist, hier ein plötzlich 
auftauchender Agelaos. derselbe entstammt dem y, wie die 
worte, die er spricht, dem <x; er soll hier eingeführt werden, wie 
Philoitios und Ktesippos. es ist aber für das % nicht einmal 
nötig, ihn vorzustellen: denn da die beiden rädelsführer der 
freier zuerst fallen müssen, so war es unvermeidlich, dafs nach 
ihrem falle ein neuer Wortführer namentlich aus der masse her- 
vortrete, bis auch er erliegt, diese rolle spielt Agelaos eben so 
gut, auch wenn er nicht vorher erwähnt ist. 

Seine rede geht weiter; er macht dem Telemachos einen 
vermittelungsvorschlag. „dafs ihr uns hingehalten habt, so lange 
die heimkehr des Odysseus noch möglich war, war begreiflich, 
jetzt ist das vorbei, folglich bestimme deine mutter zur heirat, 
so wirst du ruhe haben." darauf geht Telemachos ein, er treibe 
seine mutter ja selbst zur hochzeit; nur mit einem macht wort sie 
aus dem hause zu jagen, dazu könne er sich nicht entschliefsen. 

Ich will nicht fragen, wie diese von der Stimmung der vorigen 
rede des Telemachos grell abstechende fügsamkeit denkbar sein 
soll — sie ist ja unerlässlich, da wirklich im g> Penelope sich 
dem hochzeitsgedanken bequemt; aber dafs inhaltlich das ß, 
formell das q für den verfertiger bestimmend gewesen sind, ist in 
keiner weise bestreitbar, im ß dreht sich der gegensatz in der 
Volksversammlung darum, dafs Antinoos an Telemachos das an- 
sinnen stellt, seine mutter zu verheiraten. Telemach erklärt, das 
nicht über's herz bringen zu können, sie wider ihren willen aus 
dem hause zu treiben; die möglichkeit, dafs der vater noch lebt, 
lässt er offen (ß 129 flfg.). um über sie sich klar zu werden, 
unternimmt er mit vprwissen der freier die reise ; es ist ein ganz 



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42 12 

billiges verlangen, das in v befriedigt werden soll, nämlich, wie 
die freier und Telemachos sich officiell zu einander stellen, nach- 
dem er ohne aufklärung über seinen vater heimgekehrt ist, 
Agelaos wiederholt die proposition die Antinoos aus dem ß ganz 
passend abgeändert, und Telemach modifizirt ebenfalls ganz passend 
seine entgegenstehende erklärung. nicht materiell tadeln will ich 
das u, nur bitte ich zuzugestehen, dafs es das ß voraussetzt, genau 
so in v 325—44 wie in v 124 — 50, formell aber ist 343. 44 
alSiopcu d'dixovaav änb jtieyagoto iiea&cu pivd-q ävayxaty pr} 
tovto d-cbg tetäeiev aus q 398. 99 entlehnt, wo Telemachos es 
von dem sich zuerst dem hause nahenden bettler sagt. 7 ) wer 
die präpositionen dno und ix zu unterscheiden weifs, und iistöai 
seiner abstammung nach erwägt, der sieht ein, dafs man den vor 
dem hause befindlichen bettler, nicht die darin befindliche mutter 
,vom hause wegscheucht'. 

Die nachgiebigkeit des Telemachos macht auf die freier keinen 
eindruck; sie lachen unaufhörlich, weil Athena ihren sinn ver- 
wirrt; sie betragen sich halb irrsinnig, und Theoklymenos der 
seher, der plötzlich auftaucht (doch nicht plötzlicher als Telemach 
257 oder die hekatombe 276), warnt sie. Eurymachos weist ihn 
ab, und er geht mit unheilkündenden worten; die freier aber 
höhnen den Telemachos wegen seiner gaste, worauf dieser nicht 
achtet: er blickt nur auf den vater, harrend des Zeichens zum 
angriff, ebenso behorcht Penelope das gespräch. so hatten die 
freier ein vergnügtes frühmal: ein nachtmal aber sollten ihnen 
die göttin und der gewaltige mann bereiten, so furchtbar, wie 
nimmer eines war. 

Theoklymenos gehört in die Telemachie, deshalb hat Kirch- 
hoff mit gewaltsamen schnitten 347 — 89 entfernt, verkehrt, weil 
die Telemachie auch sonst im v benutzt ist, verkehrt, weil der 
schnitt willkürlich ist, verkehrt, weil er sinn zerstört, unsinn her- 
stellt, die freier betragen sich wahnsinnig (345, 46): das deutet 
Theoklymenos im folgenden, welchen schatten einer ratio hat es, 



■*) Kirchhoff beanstandet q 399, ,da Antinoos nicht direkt aufgefordert hat, 
den fremden aus dem hause zu jagen. 1 dieser grund wurde höchstens den unent- 
behrlichen und unbeanstandeten vers 398 treffen. — den vierten trochaeus tovto 
Ms traue ich dem dichter im g nicht zu; aber die corruptel kann ich nicht heben. 



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DIE DREI WÜRFE NACH ODYSSEUS 43 

die deutung zu streichen, das zu deutende zu belassen? Kirchhoffs 
dichter hat folgendes gegeben: (tvriinrJQtH öe IlaXkag ^vhj'vij 
346. äößectov yiXov wqög, naqinXay^Bv de vorjfxa. 
390. ielnvov fiiv yäq toi ye yeXcvovxeg xstvxovjo 

tjdv xb xal fievoeixig, inet fudla noXK t^QBVöav. 
also ein gutes mal sich mit lachen zu bereiten ist eine begrün- 
dung dafür, dafs man von sinnen ist. dazu führt der versuch, 
mit der athetese einen brauchbaren kern aus dem v zu retten, 
nichts ist zu streichen; die verse 345 — 84 sind grade eben so gut 
und schlecht, sind genau derselben herkunft, unter denselben 
Voraussetzungen und zu demselben zwecke verfertigt, wie die 
bisher betrachteten, mit 387 aber beginnt in Wahrheit das g>. dafs 
Penelope als lauscherin dem gelage zusieht, ist ganz unmotivirt; 
aber wir bedürfen am anfang von g> einer angäbe, wo sie sich 
denn befinde, als sie den gedanken fasst, endlich das wettschiefsen 
zu veranstalten, das eine entscheidung bringen soll, wir erwarten, 
dafs der dichter, obwol er ihr den entschluss von Athena ein- 
geben lässt, ihn doch irgendwie motivirt habe, wenn sie ohren- 
zeugin der ungebühr war, die unten, wer weifs in welchem 
sinne, getrieben ward, so war das passend herzustellen, im v ist 
es ganz unsinnig, dafs Telemachos ein losbrechen seines vaters 
erwartet, es ist ein aus dem Schlüsse von g> geborgtes motiv; da 
hat Odysseus durch die beile geschossen, ruft, , jetzt ist es zeit, sich 
den ioqnog zu bereiten" und winkt dem Telemachos, der sofort 
das nötige tut. darauf bereiten die wirkungsvollen schlussverse 
des v vortrefflich vor. die eindichtung ist also v 386 (vielleicht 
384) zu ende. 

Denn weit entfernt, dafs v vor <r gedichtet wäre: es hat sich 
unzweifelhaft herausgestellt, dafs es ein flickpoem ist, nach ß n 
q er, q> x verfertigt, bestimmt also, diese gedichte zu verbinden; 
es ist ein stück genau im stile vom a, welches ebenfalls mit dem 
materiale von ß 5 * % verfertigt ist, bestimmt, die ganze Odyssee 
zu exponiren: also ist v von demselben dichter wie a. 

Nun folge der schemelwurf des Antinoos im q, der wieder 
eine umfänglichere Untersuchung fordert, die zu minder präcisen 
ergebnissen führt, weil auf keiner seite eine so geringhaltige 
flickpoesie vorliegt wie im v. 



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44 I 2 

Das $, das übrigens mit dem n und dem c unlöslich zu- 
sammenhängt, ist im ganzen von Kirchhoff richtig beurteilt, der- 
selbe hat 31—166 ausgeschieden, den bericht Telemachs an 
Penelope und die fürsorge für Theoklymenos. dies gehört zu 
den die Telemachie berücksichtigenden flickstücken, ist auch im 
Charakter derselben, wie wir ihn eben im t; gefunden haben, 
lässt sich auch ohne jeden schaden des Zusammenhangs entfernen, 
der rest des buches gehört zusammen. Telemachos ordnet an, 
dafs der bettler von Eumaios zur stadt geleitet werde und geht 
voraus, sehr passend wird der morgen, von dem der dichter 
nichts zu erzählen hat, durch eine kürze Schilderung des treibens 
der freier ausgefüllt (167— 82). 8 ) dann geht Odysseus mit Eumaios 
zur stadt; auf dem wege begegnet ihnen der ziegenhirt Melanthios, 
der eingeführt wird; auf dem hofe erfolgt die rührende begeg- 
nung mit dem treuen Jagdhunde Argos. Odysseus betritt den 
männersaal, bettelt und wird geworfen. Penelope hört es, (scheint 
es auch zu sehen 501—3. sie zu verwerfen geht nicht an: denn 
sie allein motiviren die nennung des Antinoos), will den fremden 
sprechen, schickt Eumaios nach ihm; er verspricht den besuch 
auf den abend. Eumaios verabschiedet sich bei Telcmach. es 
geht auf den abend; da kommt Iros; u. s. w. im <r. 

Der letzte teil, vom auftreten Penelopes an, hat nur den 
wert eines bindegliedes zwischen £ n q und t, wie Kirchhoff mit 
recht hervorhebt, der ihn seinem fortsetzer gibt, auch Eumaios, 
der in c und in % nicht vorkommt, in <p % wieder da ist , muste 
sowol weggeschickt wie wiederbestellt werden, es ist aber auch 
dieses ganze stück verfertigt, nachdem das t, wesentlich wie es 
ist, vorlag, denn nur so ist die oft bemerkte Unschicklichkeit zu 
erklären, dafs Eumaios der Penelope ein referat nicht sowol der 
lügen gibt, die ihm Odysseus erzählt hat, als derer, die Odysseus 
der Penelope erzählen wird (q 521—27 aus % 178. 194. 271—73), 
ganz ebenso ist das verhältniss zu <x. denn die freier bei spiel 
und tanz sind zwar für das erscheinen des Iros ein ganz passender 
hintergrund, aber nicht notwendig: die freier beim male würden 

8 ) Aus dieser Schilderung hat der flickpoet 167—169 im Schlüsse des J 625 
bis 27, 179—81 im v 249—51 verwendet, im q streicht Aristophanes 181 aus 
rücksichten der concordanz, also ohne grund. 



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DIE DREI WURFE NACH ODYSSEUS 45 

dieselben dienste leisten, aber q 606, 6 hat die Situation aus 
o 307 geborgt, und seine Zeitbestimmung inijXvfre deieXov t\ixaq 
mit rücksicht auf fiiXag im etsneqog yX&e gegeben, auch formell 
ist das verhältniss dasselbe wie zu t. denn wenn Penelope sich 
den bettler bestellt „die freier mögen nur vor dem tore oder 
im hause sich in ihrer guten laune scharen, el <T 'OSvtievg eköoi 
xal txon 1 ig natqiia yaiav, altpd xe avv to naidl ßiag dnoxeiöeicu 
dvSqvov (q 529— 40) u , so ist das aus der rede des Odysseus an 
Eurymachos genommen, <x 384 el <T 'Odvöevg §töoi xal ixon' ig 
natQÜa yaiav, altpd xe tot tä &vqexqa . . . mefooito. 9 ) es liegt 
also hier ein umfängliches stück vor, das für den Zusammenhang 
unserer Odyssee unentbehrlich ist, aber diesen Zusammenhang 
erst auf grund schon vorliegender, also nicht ursprunglich zu- 
sammenhängender gedieh te, ? tt, <x, % herstellt, derartige stücke 
sind zwar auch die, welche die Telemachie fortführen, wie q 31 
bis 166 und v. aber von diesen ist das hier vorliegende stück 
durch einen unverkennbaren Gradunterschied des poetischen 
könnens gesondert: es ist keine blofse flickarbeit. es fragt sich 
nun, ob die vorhergehende partie, die begegnung des bettlers 
mit Melanthios und der schemelwurf des Antinoos zu den partien 
gehört, die der sclüuss des q voraussetzt (der ja an den schemel- 
wurf anknüpft), oder ob auch sie zu diesem fullstück gehören, der 
schemelwurf setzt die begegnung mit Melanthios voraus, so dafs 
diese beiden scenen unmöglich gesondert beurteilt werden können, 
dadurch verstärkt sich die ähnlichkeit mit <r, denn auch dort geht 
dem schemelwurfe eine Verspottung des Odysseus, durch Melantho, 
die Schwester des Melanthios, voraus. 

Melanthios begegnet dem bettler in begleitung des Eumaios 
auf der landstrafse und fällt ihn mit den gröbsten schmähreden 
an. für den bettler schicke es sich, bei Melanthios in dienst zu 



•) Der zweite teil von 540 kehrt öfters wieder, in der form ßlat dnoittotjai 
il$^y t wofür a*fy»y recht ungeschickt eingesetzt ist X 118, y 216, n 255. welche 
stelle hier zu gründe liegt, kann zweifelhaft erscheinen; ursprünglich ist der vers 
im X. die vorhergehenden q 532—38, eine entlehnung aus ß 55—59, hat Kirch- 
hoff mit recht als interpolation verworfen, sie fallen nicht nur aus dem tone, son- 
dern schliefen sich mit 539*, wie die Wiederholung des namens Odysseus zeigt 
schlecht zusammen. 



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46 12 

treten, die hürden zu hüten und auszufegen, den zicklein grünes 
zu bringen ; aber sintemalen er nur schlechte künste gelernt habe, 
würde er keine arbeit wollen, sondern nur mit bettel seinen un- 
ersättlichen bauch nähren, nun, wenn er in den palast des 
Odysseus käme, so würden ihm bald die schemel um den köpf 
fliegen, auch Eurymachos fordert im a den bettler auf, bei ihm in 
dienst zu treten und ländliche arbeit zu verrichten und erwartet 
eine ablehnung, was er in denselben versen äufsert, wie Melanthios 
(<x 362—64 = q 226—28). auf einer seite also ist entlehnung; 
auf welcher, kann nicht zweifelhaft sein, woher soll denn Me- 
lanthios von dem bettler, den er zum ersten male sieht, wissen, 
dafs er nicht arbeiten mag, dafs er schlechte künste gelernt hat, 
Snel ovv ifi §Qya xdx 1 epades? Eurymachos sagt das, während 
Odysseus sich beim Symposion nützlich zu machen sucht, woher 
weifs Melanthios von dem unersättlichen bauche? Eurymachos hat 
den bettler für seinen einträglichen posten kämpfen sehen, end- 
lich gibt Melanthios oder vielmehr der dichter die prophezeihung 
der schemel würfe ex eventu: dann ist klar, dafs er den des 
Eurymachos vorbereitet, denn Melanthios redet von <s<f£Xa (q 231). 
mit einem acpeXag wirft Eurymachos, Antinoos mit einem &Qtj[vvs. 
damit ist ein präjudiz auch für den wurf des Antinoos geschaffen, 
bei dem freilich keine so durchschlagende entlehnung in der form 
von <x erweislich ist, denn q 458. 59 = er 387. 88 beweist nichts, 
da sie beidemale angemessen stehen, wol aber ist dieselbe ab- 
hängigkeit von % vorhanden, wie in der schlusspartie des q. die 
erzählung des Odysseus stammt 427—441 aus £ 258—72, 442—44 
referirt nicht ganz genau über f, aber 419 — 24 stammt aus t 75 
bis 80. 10 ) auch von dieser seite liegt also ein präjudiz gegen die 



l0 ) Kirchhoff erscheint freilich das umgekehrte Verhältnis so unzweifelhaft, 
dafs er x 75—80 gar als interpolation verwirft, ich glaube, eine paraphrase beider 
stellen wird zeigen, dafs nirgends von einer interpolation die rede sein kann, wol 
aber x das original ist zu Antinoos sagt Odysseus: „gib mir etwas; du scheinst 
ein fürst zu sein, deshalb musst du mir nur mehr geben, und ich werde dich 
deshalb allerorten preisen; denn auch ich war einst ein reicher mann und gab 
dem heischenden was er notig hatte, tausend Sklaven hatte ich und alles, was 
einen reichen mann macht, aber Zeus hat.es zerstört; er wollte es wol so; er 
Hefs mich zu meinem untergange nach Aegypten ziehen." zu Melantho, die ihn 



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DIE DREI WÜRFE NACH ODYSSEUS 47 

ursprünglichkeit des q vor. ich wüsste wirklich nicht, wie man 
diese scene anders beurteilen sollte als ihre Umgebung, und dazu 
kommt eine allgemeine erwägung. unabhängige dubletten sind die 
beiden schemelwürfe schwerlich, folglich ist einer des andern 
nachbildung. auf welcher seite die Steigerung und vergröberung 
der motive ist, wird ein referat über q hoffentlich zeigen. <s kann 
nicht nach q gemacht sein; das umgekehrte anzunehmen bietet 
keinen anstofs. 

Antinoos erhebt schon einsprach gegen die Zulassung des 
bettlers und weist höhnisch auf den schemel, als Telemachos Ihn 
auffordert, dem bettler, wenn er zu ihm käme, etwas zu geben, 
dann kommt Odysseus und hält eine lange unterwürfige rede; 
erst als diese mit höhn beantwortet wird, wird er ausfallend, 
aber was er dem hartherzigen manne vorwirft, ist knickerei. 
dann erfolgt der wurf, trifft, aber bringt den helden nicht aus 
seiner fassung; er setzt sich vielmehr zum essen und klagt nur 
vor den freiem, dafs Antinoos ihn wegen seines bauches ge- 
worfen hätte, 11 ) was nicht einmal ganz wahr ist. die freier 
nehmen seine partei. 

Der dichter des a liefs Odysseus provocirt werden und fast 
seine maske abwerfen ; den wirklichen schlag ersparte er ihm. der 



wegjagen will, sagt Odysseus mit nicksiebt auf die gegenwärtige Penelope: „was 
schmähst du mich? weil ich ein bettlerkleid trage? dazu zwingt mich die not so 
geht's dem bettler. denn auch ich war einst ein reicher mann und gab dem 
heischenden was er notig hatte; tausend sklaven hatte ich und alles, was einen 
reichen mann macht aber Zeus bat es zerstört; er wollte es wol so. ebenso 
kannst du all* die Schönheit verlieren, mit der du jetzt unter den mägden hervor- 
leuchtest; die herrin kann dir zürnen, oder Odysseus heimkehren u. s w." rtji vvy 
juijnort xai av äno nuoar oXiaags aylttCqy t 82 ist sinnlos ohne das Torher- 
gehende exempel, die erwähnung der tausend sklaven gegenüber der Sklavin, 
nicht gegenüber Antinoos am platze, doaxoy äXqTß roty onolog tot bezieht sich 
auf Totovro* nrotxol (aoty, d. h. naxa tt/uat' QfoJTff, t 74. die erwähnung des 
schenkens hat Kirchhoff getäuscht: deshalb waren die verse des x im q ver- 
wendbar, aber im x ist das schenken durch den gegensatz der behandlung, die 
lfelantho dem bettler erweist, vorzuglich motivirt. 

") Dafs Odysseus den Antinoos verflucht, und dieser ihm mit dem tode 
droht, 4fö— 80, ist eine von den alten mit recht gestrichene vergröbernde inter- 
polation. eines so unverschämten bettlers partei konnten die freier unmöglich 
nehmen. 



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48 12 

dichter des q lässt Odysseus provociren und doch durchaus bettler 
bleiben; ihn trifft der schemel, und höchstens darin zeigt sich 
die heldenkraft, dafs er nicht zu boden fallt, wie der schenke 
im <x. wo ist die erweiterung und vergröberung der motive? 
Das q ist, wie in der Penelopescene, so auch in der begeg- 
nung des Odysseus mit Melanthios und seinem ersten auftreten 
im palaste eine nachdichtung, verfertigt mit benutzung von tf, % 
und £, in der absieht, einen einheitlichen Zusammenhang zu 
schaffen, wo diese nachdichtung anhebt, ist nicht von tf und % 
aus zu ermitteln, wol aber ist es eine selbstverständliche folge- 
rung, dafs bestandtheile des q, die sich aus den bisher be- 
trachteten vorlagen desselben nicht ableiten lassen, anderswoher 
stammen, also namentlich die scene mit dem hunde Argos, und 
die Wahrscheinlichkeit spricht von vorn herein dafür, dafs sie mit 
zu der vorläge gehören, die im jetzigen £ und n enthalten ist 
und die erzählung des q von dieser seite bedingt. 



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3 
ODYSSEUS VOR PENELOPE 



Das er ist (von der Penelopeepisode abgesehen) ein zusammen- 
hängendes stück originaler poesie. vorher geht ihm das q, ge- 
dichtet um % vorzubereiten und mit <s zu verknüpfen; im i; steht 
eine sogar qualitativ schlechte nachahmung von <x. was zwischen 
c und diesem flickstücke sich befindet, soll in diesem abschnitte 
geprüft werden. 

Die ersten fünfzig verfce des % sind von Kirchhoff genügend 
gekennzeichnet und dem flickpoeten des a überwiesen, sie sind 
bestimmt zwischen einer voraussage des n und dem %, wo sie in 
anderer weise erfüllt gedacht wird, zu vermitteln. 1 ) die Unge- 
schicklichkeit der darstellung und die sclavische abhängigkeit der 
form läfst über den character als flickpoesie keinen zweifei. nur 
darin hat sich Kirchhoff getäuscht, dafs er mit der einfachen ent- 
fernung der 50 verse den ursprünglichen Zusammenhang her- 
gestellt zu haben wähnt, es fehlt in diesem falle durchaus die 



l ) % 1^1 zu streichen ist einmal gewaltsam , znm andern unzulässig, wäre 
überliefert ttv/l iwtUta ix »aXapov Mor yaQ oio/uat ovdi nrj äXXp, so moste 
man eine lücke anerkennen, da für das epos eine ellipse ton iaxi %ä uvx*a oder 
vielmehr xtTtai ohne parallele ist. es folgt itv/ea xaiMa&qv *06v<stve xai <pal6i- 
juo{ v\6q, was freilich voraussetzt, dafs ein verbergen der wafien stattgefunden hat 
ob diese stelle aber dem originalen gedichte oder der bearbeitung angehört, die 
tpx mit n Terbunden hat, ist schwer zu entscheiden , da Kirch hoff / 23—25 mit 
recht als interpolation bezeichnet hat 

Philolog. Untersuchungen VIT. 4 



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50 I 3 

entfernung des Telemachos aus dem saale. diese konnte der 
ursprüngliche dichter um so weniger unbezeichnet lassen, als 
Telemachos sich notwendig des bettlers irgendwie annehmen 
muss, oder vielmehr die gelegenheit wahrnehmen, mit seinem 
vater vertraulich verkehren zu können, zumal er über die ge- 
plante Unterredung mit Penelope nichts gehört hat. der ver- 
fertiger von t 1— 50 hat diese verse also an stelle von etwas an- 
derem gesetzt, ohne dieses füllstück reifst die handlung entzwei, 
gerade wie das füllstück t; 122 — 384 allein den Zusammenhang 
von t und <p% herstellt. 

Penelope erscheint mit den dienerinnen, die abräumen. Me- 
lantho beschimpft den bettler ievieQOv avtig (65): also liegt hier 
die continuität von o klar zu tage, der bettler erwidert aus rück- 
sicht auf Penelope sehr mafsvoll; deshalb deutet er die hoffnung 
auf Odysseus heimkehr an, und hebt nachdrücklich hervor, dafs 
Telemachos mit Apollons hilfe (ein ganz singulärer, bedeutsamer 
zug) zum manne erwachsen sei. Penelope verweist der Melantho 
ihre frechheit; sie müsse ja wissen, dafs der fremde von ihr be- 
stellt sei. das weist auf q 528. aber es ist nicht original, be- 
hauptung und begründung vertragen sich nicht in Penelopes rede, 
„schamlose hündin, ich weifs sehr gut, dafs du ein gewaltiges 
spiel treibst, das dir den köpf kosten wird: denn du hast selbst 
gehört, dafs ich den fremden fragen wollte", das fieya egyov der 
Melantho kann nicht die frechheit gegen den landfahrenden bettler 
sein, sondern lediglich ihr verrat gegen die herrin (vgl. % 154) 
und ihre buhlschaft mit Eurymachos (d 325): dieses fxiya eqyov büfst 
sie auch wirklich mit dem tode. somit liegt eine Überarbeitung 
vor, welche die be2iehung auf q erst hineingetragen hat; wir 
werden nicht zweifeln, dafs es durch den dichter des q geschehen ist 

Darauf heifst Penelope dem fremden einen sessel reichen und 
fragt ihn nach seinem namen und seiner herkunft. er weicht aus 
und bewegt durch seine anspräche die Penelope zu einer Schilde- 
rung ihrer läge, die um so verzweifelter ist, da Telemachos nun er- 
wachsen ist (160)., von neuem verlangt sie bericht des bettlers über 
sich, derselbe erfindet, dafs er aus Kreta sei und Odysseus auf 
dem zuge nach Troia bewirtet habe, offenbar ist seine absieht, 
Penelope zu rühren und durch einen beweis seiner bekanntschaft 



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ODYSSEÜS VOR PENELOPE 51 

mit Odysseus ihren glauben an seine Versicherung zu bestärken, 
dafs dessen heimkehr bevorstünde, sehr passend also nennt er 
sich einen Kreter, weil Odysseus auf der fahrt um den Peloponnes 
allerdings sehr gut Kreta berührt haben konnte, er erreicht auch 
seinen zweck, denn Penelope wird so tief gerührt, dafs auch er, 
angesichts der treuen liebe seiner gattin, nur mit gewalt sich be- 
herrschen kann, sie prüft seine kenntnis, und als er die prüfung 
besteht und sie ihm deshalb ihr vertrauen, aber zugleich ihre Ver- 
zweiflung an Odysseus heimkehr ausspricht, 2 ) kommt er mit dem 
feierlich beschworenen berichte heraus, dafs Odysseus in bälde, 
innerhalb desselben Xvxdßag, an der Ivij xal via heimkehren werde, 
das bestreitet Penelope nicht gerade, aber sie setzt ihm den Un- 
glauben ihrer Verzweiflung entgegen, doch der fremde ist ihr wert 
geworden: die wirtin regt sich in ihr, sie ordnet an, dafs er als gast 
des hauses behandelt werde, das lehnt der fremde ab. weicheren 
lagers und des badeluxus sei er längst entwöhnt; selbst die füfse 
soll ihm keins der weiber berühren, es sei denn, dafs eine alte 
weit- und leiderfahrene greisin da wäre, die ihm die füfse waschen 
könnte. Penelope bewundert seine bescheidenheit und ruft die 
bei ihr sitzende (also dem Odysseus vor äugen sitzende) Eurykleia 
auf. willig macht sich diese daran; sie äufsert freude, dafs der 
fremde die mägde, die ihn verspottet haben (also auf die ein- 
gangsscene deutend), nicht an seine füfse lassen will, und findet in 
seinen zügen eine ähnlichkeit mit Odysseus, was dieser bestätigt, 
so wäscht sie ihn und findet die narbe. 

Hier mufs ich inne halten, und selbst ehe ich in die prüfung 
des Zusammenhanges dieser erzählung eintreten kann, erfordert 
das Verhältnis von % zu £ eine erörterung. nach Kirchhoff stammt 
% aus £ und ist % 273—84 obendrein interpolirt, nach Niese stammt 
£ aus t. Kirchhoff sowol wie Niese erkennen an, dafs Odysseus 
im % seine eigenen wirklichen erlebnisse erzählt, nur dafs er 



*) Diese partie teilt trefflliche veree mit dem treffliebsten teile vom ip, 249 
= V 231, 250 = 206, 260 = tp 19. es kann, da dies verhaltnifs auch ffir 
unentbehrliches gilt, nichts gestrichen werden. (251, der aus 213 entlehnt ist, ist 
unerträglich nach 249, fehlt aber auch in mehreren handschriften.) wo original, 
wo copie ist, gestatten die verse, da sie beide male passend stehen, nicht zu ent- 
scheiden, es wird sieb unten aus andern gründen die priorität von x ergeben. 

4* 



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52 I 3 

zwischen Scheria und Ithaka einen thesprotischen aufenthalt ein- 
fügt, und beide erkennen an, dafs dabei eine form der sage be- 
rücksichtigt wird, die wol in den quellen der Odyssee aber nicht 
in ihr existirt hat, nämlich dafs Odysseus direkt hinter dem unter- 
gange seiner geführten nach Scheria kam. gleichwol meint Kirch- 
hoff, dafs der Verfasser der verse % 273—84 sich eine sehr über- 
flüssige mühe gegeben habe, wenn er diese Übereinstimmung 
zwischen der rede des bettlers und der Wahrheit gesucht hat 
mit mehr recht wird man sagen, dafs Odysseus sich eine sehr 
überflüssige mühe gegeben haben würde, wenn er gelogen hätte, 
wo die Wahrheit ausreichte, aufserdem erklärt es Kirchhoff für 
eine erbärmliche erfindung, dafs Odysseus geschenke heischend 
im Thesproterlande herumzieht, diesen ,erbärmlichen* Vorschlag 
macht Menelaos o 80 dem Telemachos, auch nach Kirchhoff, bei 
dem dichter der Telemachie. wer als gast einkehrt, bekommt 
geschenke und weifs das zuvor; auch darum zu bitten ist 
einer naiven zeit nicht anstöfsig. der bettler att^t dxoXovg, ovx 
äoqag ovSe Xißrpag (q 222) ; es gibt also auch leute, welche um 
schwert und kessel bitten, und gesetzt, es wäre eine erbärmliche 
erfindung, so würde daraus noch nicht folgen, dafs sie interpolirt 
wäre, im gegentheil: auch bei Kirchhoff steht % 293 = £ 323, 
X^fxax' otsa ^wayBiqaz 'OSvtftfevg* dies %vvayei(>ei,v ist unmöglich 
etwas anderes als das dyvQjd&w 284, es ist ohne die vorher- 
gehende erklärung unverständlich, und weit gefehlt, dafs man diese 
streichen könnte, muss man vielmehr das * , weil es sie enthält, 
für die vorläge des £ erklären, wie Niese tut. doch ich will den 
wichtigen satz dieses abhängigkeitsverhältnisses nicht auf eine 
stelle stützen. Nieses beweis aber kann ich mir nicht aneignen, 
allerdings sagt er mit recht dafs £ 157 — 62 aus t 303 — 7 stammt; 
aber Kirchhoff hat, zum teil nach anderer, alter und neuer, kritiker 
Vorgang, mit schlagenden gründen dargetan, dafs £ 157 — 64, 171 
bis 84 interpolirt sind, und zwar mit rücksicht auf die Verknüpfung 
des £ mit n und a> interpolirt sind, wol aber ist eine viel näher 
liegende beobachtung durchschlagend. £ 301—309 = ju 403 — 19, 
£ 313 = ju 425, £ 314 = jk 447, £ 315 = e 296. daran schliefsen 
sich die aus t entlehnten verse mit wenigen dem £ eigentümlichen, 
dafs £ aus p borgt, ist unbestritten; schon das spricht dafür dafs 



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ODYSSEÜS VOR PENELOPE 53 

es auch aus % borge; ganz sicher aber wird dies, sobald man 
sieht, dafs % keinen vers mit ju gemein hat. wie sollte denn der 
Verfasser des t, wenn er f vor äugen hatte, die aus wähl so 
treffen, dafs er die von £ aus /i entlehnten verse vermied? schliefs- 
lich kommen die allgemeinen erwägungen, die Niese anstellt, dazu, 
und ich habe schon daran erinnert, dafs Kreta für die erfindungen 
im i von belang ist, während im % jeder beliebige ort die gleiche 
Wirkung getan haben würde. % ist also älter als £. 

Bei der Würdigung der scene des % ist man in der angenehmen 
läge einem vortrefflichen dichter seine intentionen abzulauschen. 
Odysseus und Penelope sind mit vollendeter meisterschaft cha- 
rakterisirt. Penelope verhält sich zunächst beobachtend; während 
die schar der mägde abräumt, mag sie nicht von dem fremden 
notiz nehmen. Odysseus hält ebenfalls an sich gegenüber Me- 
lantho, die er zuvor so scharf zurückwies, und macht von seiner 
Zuversicht auf die heimkehr des herren nur andeutungsweise ge- 
brauch, dagegen wirkt das lob des haussohnes eben so als com- 
pliment für die mutter wie die direkte ehrfurchtsvolle anspräche, 
nachdem Penelope ihm die frage nach namen und herkunft 
vorgelegt hat. wir haben ohne zweifei anzunehmen, dafs in 
der durch die eindichtung 93 — 95 verdrängten partie erzählt 
war, dafs alle unbefugten den saal verliefsen, indem nur die 
standesgemäfse begleitung der fürstin, darunter Eurykleia und 
Eurynome, zurückblieben, mit seiner huldigung provocirt Odysseus 
die selbstschilderung seiner gattin : schmerzliche befriedigung em- 
pfindet die entmutigte aber nicht entwürdigte edle frau, einmal 
einem zwar niedren aber rücksichtsvollen manne gegenüber ihre 
verzweifelte läge zu schildern, die selbst dadurch nur verschlimmert 
wird, dafs Telemachos, was der fremde als gnade Apollons be- 
zeichnet hatte, zum manne erwachsen ist. die zunge löst sich ihr; 
gewaltsam rafft sie sich endlich zusammen und kehrt zu ihrer auf- 
forderung zurück, dafs der fremde sein geschick erzählen möge, 
und freilich, nachdem die königin das ihre enthüllt hat, kann er 
die bitte nicht weigern, aber mit überlegner klugheit weifs er 
dem gespräche eine andere Wendung zu geben, er flicht in den 
anfang seines berichtes eine erzählung von Odysseus ein, welche 
nicht nur die neugier Penelopes in tränen der Sehnsucht löst, 



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54 13 

sondern ihm selbst die gelegenheit gibt, für seine bekanntschaft 
mit Odysseus den unzweideutigsten beweis zu liefern, seine 
rührung hat er beherrscht, aber so viel glaubt er wagen zu 
dürfen, dafs er, auch hier nur so weit es unumgänglich nötig 
ist von der Wahrheit weichend, die rückkunft des Odysseus inner- 
halb eines bestimmten termins, ja für einen bestimmten tag in 
aussieht stellt, wann ist dieser tag? toi fxev (p&ivovtog juijvoc, 
%ov 6 1 itftafxivoto : das ist unweigerlich nichts als die evri xal via. 
der folgende tag, deutlich wenigstens g> 258, ist ein Apollonfest 
wenn wir dafür nach altertümlicher, für Ionien (wo Apollon das 
erste viertel gehört) freilich unbezeugter sitte 8 ) den neumond 
halten, so ist die evrj xal via der tag an dem Odysseus redet, er 
drückt also in orakelhafter weise aus, „heute kommt Odysseus". 
Xvxdßag, das ungedeutete wort, ist auch in diesem falle jähr, 
wie die alten es verstanden. 4 ) „in diesem jähre an einem neu- 
mond, kommt Odysseus heim." mag Penelope das durchschauen 
und sagen: fremdling, das ist nicht möglich, du sagst, er sei in 
Thesprotien, die evtj xal via ist heute — so wird er ihr antworten, 
„siehe, hier bin ich, ich bins". mag sie sich durch die dunkele 
rede täuschen lassen, so wird der treue gatte wol mit schmerzen 
inne werden, wie fremd er ihr geworden ist, aber der erfindungs- 
reiche wird eine neue list ersinnen. Odysseus redet vom heutigen 
tage, er widerspricht sich in seinen eigenen fabeln mit absieht: er will 
sich entdecken, aber noch ist Penelope kleingläubig, gerade die 
sichere und nahe aussieht, die der fremde ihr eröffnet, ist zu schön, 
als dafs sie daran glauben könnte; sie lenkt ab. freundlich und 
gastfrei redet sie: aber es ist wieder die königin, die zu einem 
fremden redet; der ton der zutraulichkeit ist gewichen, auch 
Odysseus lenkt ein und schickt sich in seine rolle: aber er hat 
ein anderes mittel erdacht, vor ihm sitzt Eurykleia, an deren 
brüst er gelegen, die ihn von kindesbeinen kennt: die wird nicht 



8 ) Usener Chronol. Beitr. Rh. M. 34, 421. 

*) Stengel (Herrn. 18, 304) will ,monat' verstehen, was sich dadurch wider- 
legt, dafs jurjy (jutig) nicht durch jüngere umdeutung, sondern immer monat bedeutet; 
mond heifst /utjvrj, von demselben stamme, die sehr berechtigten fragen, die 
Stengel s. 305 anra. 4 tut, gelten für die Odyssee: das einzelgedicht, das im t 
vorliegt, löst alle aporien. 



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ODYSSEÜS VOR PENELOPE 55 

so tief und fein fühlen wie die gattin, aber deshalb minder blind 
sein, und er hat in der narbe das untrügliche erkennungszeichen. 
so bittet er, dafs ihm eine alte und leiderprobte sclavin die füfse 
wasche, die alten hatten schon recht, diese aufforderung, 346 
bis 48, zu streichen, denn sie hat nur sinn, wenn sie auf eine 
bestimmte person zielt, eben auf Eurykleia, die da sitzt; wenn sie 
aber auf diese zielt, so hat sie nur sinn, wenn Odysseus sich von 
Eurykleia erkennen lassen will, wirklich hat Eurykleia, die von 
der herrin zum bade entboten wird, schärfere äugen als Penelope 
und bemerkt die ähnlichkeit des fremden mit Odysseus, wirklich 
findet sie die narbe und erkennt den heim, die absieht ist er- 
reicht: Odysseus ist an der Svtj xal via heimgekehrt. 

Es braucht kaum noch hinzugefügt zu werden, dafs der 
dichter dieser scene weit entfernt davon war, die von Odysseus 
gewollte entdeckung zu verbergen, oder gar Penelope durch un- 
passendes eingreifen Athenas apathisch dabei sitzen zu lassen, 
wie es jetzt im % geschieht; es muste vielmehr das wiedererkennen 
der gattin folgen, eben so wenig bedarf es eines wort es, dafs 
dann die ganze Odyssee, die jetzt folgt, ausgeschlossen ist. das 
bruchstück einer anderen Odyssee endet hier. 

Odysseus ist seit dem v überall, auch im er, von Athena ver- 
wandelt, hier ist er es nicht, und allerdings von hier ab nicht, 
folglich hat nicht derselbe dichter, der v — er gedichtet hat, oder 
vielmehr keiner der dafür tätigen dichter, diese scene erfunden, 
aber durch die scene mit Melantho und die mit Eurykleia, welche 
auf die Melanthoscenen anspielt, ist gleichwol % mit tf verknüpft, 
folglich hat doch der dichter von tf entweder selbst das gedieht, 
dem % angehört, in seinen Zusammenhang aufgenommen, oder 
ein dritter beide mit einander so verknüpft, dafs sie für uns zu- 
sammengehören, denn die scenen mit Melantho und Eurykleia 
sind hoffentlich in ihrem bedeutungsvollen zusammenhange mit 
der Penelopescene klar geworden. 

Es ist mit einigen modificationen Nieses ansieht, die sich mir 
bewährt hat, dafs hier ein stück einer alten verlorenen Odyssee 
vorliegt wenn Niese auch nur diesen punkt für die Odyssee er- 
mittelt hätte, so würde er zu den bedeutendsten förderern ihrer 
analyse zu zählen sein, leider hat ihn der unselige wahn der Ur- 



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56 13 

odyssee und seine unempfänglichkeit für die sage statt zur Verfolgung 
seiner erkenntnis zu Ungeheuerlichkeiten verführt, die ich nicht 
unbesprochen lassen kann. Niese meint, nach dem ävayvwQiapog 
hätten Odysseus und Penelope nur hervorzutreten gebraucht, 
damit sich die freier verliefen und alles ohne blutvergiefsen zu 
einem befriedigenden abschluss gelangte, er meint ferner, in 
dieser ältesten Odyssee habe es keinen Telemachos gegeben, der- 
selbe sei vielmehr erst vom dichter der Telemachie erfunden, 
ich begreife wol, dafs eine ansieht, welche sagt, ohne Odyssee 
kein Odysseus, zu der consequenz führt, ohne Telemachie kein 
Telemachos. aber ich will diesen ihren auswuchs mit ganz con- 
creten dingen widerlegen, aus dem griechischen recht. Laertes 
existirt in den meisten stücken der Odyssee nicht, wenn nun auch 
Telemachos fortfallt, wo ist der erbe des Odysseus? wo ist der 
xvQiog Penelopes? wo sind die äyxunels? ein weib, nun gar ein 
kinderloses, ist doch nicht erbe des mannes noch herrin ihrer 
hand. die freier Homers vergreifen sich am gute des Telemachos 
um auf ihn eine pression auszuüben, dafs er die mutter mit oder 
gegen ihren willen verheirate, oder sie verlangen auch nur, dafe 
er sie zu ihren anverwandten zurückschicke, also seine Vormund- 
schaft aufgebe, damit sie dann ihre Werbung bei Ikarios erneuern, 
darin ist sinn und verstand, keine sage und kein gedieht konnte 
die Situation, die wir Odysseus in Ithaka antreffen sehen, ohne 
einen erbanwärter schildern, und eben so wenig könnte die kinder- 
lose wittwe in dem hause des gatten einen platz oder gar über 
sich und das erbe ein dispositionsrecht haben, die grundsätze 
des geschlechterrechtes sind vollkommen bekannt, und nur aus 
diesen dem Hellenentume selbstverständlichen anschauungen 
konnte erzählt und gedichtet werden, dazu kommt folgende er- 
wägung. Penelope, die gattin par excellence, wird kinderlos ge- 
macht, kinderlose heroinen bitte ich mir aufzuweisen, nur dann 
ist kinderlosigkeit ein motiv der sage, wenn es gilt durch sie 
etwas zu motiviren, wenn es sich um das geschick der frau oder 
des geschlechtes handelt, deren existenz durch den anomalen zu- 
stand in frage gestellt ist. nein, keine Odyssee ist ohne Tele- 
machos denkbar, aber wol ist er zuerst nebenperson gewesen 



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ODYSSEÜS VOR PENELOPE 57 

und ist das so lange geblieben, bis jemand ihn zur hauptperson 
machte, mit andern worten, die Telemachie dichtete. 

Ebensowenig hält Nieses construction des Schlusses stand, in 
seiner Odyssee würde die Wiedererkennung die hauptsache sein. 
dvayvcoQiafxoi sind sehr feine ethische motive, aber deshalb sind sie 
relativ jung; das sind sie fiberall, wo sie die feder bilden, welche 
das getriebe der handlung bewirkt, die yfoxr} tgayipSUt ist junger 
als die pttftxi]'. wol hätte die Odysseussage die möglichkeit ge- 
boten, eine Verwickelung wie die vom falschen Waldemar daran 
zu knüpfen, aber das ist nicht geschehen, nicht auf den ävayvm- 
Qiopcg geht die Odyssee zu, sondern auf den freiermord. was ist 
denn der kern der sage von Odysseus heimkehr? der königliche 
held kehrt nach unsäglichen leiden und gefahren allein nackt 
und blofs in die heimat zurück: das hatte er als ziel der muhen 
ersehnt, und nun findet er eine noch viel schwerere aufgäbe, 
unbotmäfsige edelinge haben sich erhoben, da der fürstensitz leer 
war, und hindern dem erben das angestammte herzogtum, sie 
zehren vom gute des verschollenen, umwerben sein weib. er ist 
zu schwach, ihnen offen die spitze zu bieten, nichts hat er für 
sich als sein gutes recht und seine heldenkraft und klugheit: aber 
diese sichern ihm den erfolg, denn die götter sind auf seiner seite. 
mit der götter hilfe gelingt das unerwartete, menschlichem er- 
messen nach unmögliche: das recht triumphirt. es heifst ja ganz 
und gar das wesentliche in der sage verkennen, wenn man den 
Odysseus leichter hand, durch sein blofses erscheinen, wie den 
onkel aus America im letzten acte einer schlechten komödie, der 
Schwierigkeiten herr werden lässt, und wieder wie in der komödie 
den konflict in eitel Zufriedenheit auflöst. Nieses Odyssee ist eine 
parodie Homers, der parode mag die freier abziehen lassen wie 
begossene pudel und Odysseus ihnen hoffentlich dank votiren, 
dafs sie seiner frauen in ihrer einsamkeit die grillen verscheucht, 
die ernste und keusche sage hat für die frevler nichts als die 
tötlichen pfeile. kein gott und kein mensch in der Odyssee ist 
darüber in zweifei, dafs Odysseus, wenn er kann, nur blut 
für die verletzte ehre seines hauses als entgelt nehmen wird, 
darin konnte die sage nicht wandelbar sein, denn sie wird von 
den empfindungen des volksgewissens regulirt. die sage gab den 



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58 13 

dichtem die allgemeinen umrisse, die treue gattin, den unmündigen 
söhn, den schon zu einer charakteristischen figur, zum ionischen 
mannesideal, ausgebildeten helden, die sage gab im freiermorde 
den ausgang: wie das aber zugegangen, das zu gestalten stand 
in des dichters hand, dem die Muse es erzählte, da mochte denn 
in wetteiferndem und nacheiferndem schaffen die gefahr, die der 
held zu bestehen hat, immer mehr gesteigert werden, mochte der 
packende moment seines persönlichen eingreifens immer neu 
pointirt werden, die beiden parteien durch die Vermehrung und 
individualisirung ihrer Vertreter immer reicher und voller cha- 
rakterisirt werden: an dem gerippe konnte niemand ändern, so 
lange das volk die sage ernsthaft nahm, wol hätten auch noch 
andere wege freigestanden; in einer parallelen und wahrscheinlich 
als gegenstück erfundenen oder erwachsenen sage, von Agamemnon 
und Klytaimnestra, sehen wir allmählich den massenmord und die 
schlacht zum einzelmorde werden: eben so konnte man die zahl 
der freier vermindern um kräftiger die einzelnen zu gestalten, 
man ist den weg nicht gegangen, und auch er würde um den 
freiermord nicht herumgeführt haben. 

Wie gieng denn also die sage, oder vielmehr das epos weiter, 
von dem im % ein rest vorliegt? die antwort ist mit dem feste 
des Apollon gegeben, an dem das wettschiefsen statt findet. 
Odysseus und Penelope beraten sich, nachdem sie sich erkannt 
haben, und beschliefsen diesen plan, der des erfindungsreichen 
würdig ist. die scheinbare einwilligung Penelopes in die hochzeit 
macht die freier sicher, es ist wol augenfällig, dafs nur als eine 
list das wettschiefsen der treue Penelopes nicht zu nahe tritt. Tele- 
machos muss natürlich noch verständigt werden, zugleich moti- 
virt das fest des Apollon die Übung in seiner kunst, also den 
plötzlichen entschlus Penelopes. dem bettler wird die fernwaffe 
sammt dem köcher voll pfeile in die hand gespielt und so das 
numerische übergewicht der freier ausgeglichen, die hausherrin 
hat es in der hand die sonst nötigen Veranstaltungen zu treffen, 
mit der götter hilfe kann der plan nicht mislingen. 

Ist dieses evident, so ist andererseits ebenso klar, dafs unser 
<PX nicht die fortsetzung selbst enthält, da Penelope darin nicht 
mit im geheimnis ist und den Odysseus nicht kennt. <px gibt 



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ODYSSEÜS VOR PENELOPE 59 

also eine spätere Umarbeitung derselben sage: denn das wett- 
schiefsen ist für die Odyssee des % erfunden, weiter lässt sich 
das hier noch nicht verfolgen, wol aber sei auf das sehr merk- 
würdige factum hingewiesen, dafs die zweite Nekyia 167 dieses 
einvernehmen des Odysseus mit Penelope kennt, avxäq o i\v äXo%ov 
7ioXvx€Q3eifl<Jw ävtoyev %6%ov jxvr]<n7JQ€<t<h d-eper noXtov te <fi3rjQov. 
noch merkwürdiger vielleicht ist es, dafs eine hyginische fabel 
(126) in ganz barbarischer spräche und so, dafs fraglich ist, in 
wie weit interpolation in betracht kommt, aber mit deutlichen 
spuren eines griechischen Originals, eine ähnliche version befolgt, 
sie erzählt dafs Odysseus von Eumaios alles erfährt wie es in 
Ithaka steht, dann entzaubert wird und von Eumaios erkannt, 
nachdem er wieder verwandelt ist, wird er von Eumaios zu den 
freiem geführt, die ihn mit Iros um den posten des concessionirten 
bettlers kämpfen lassen, dann wird Odysseus von Eurykleia er- 
kannt (hier ist der text lückenhaft), und er gibt Penelope den rat, 
das wettschiefsen anzuordnen, danach verläuft es ziemlich wie 
in unserer Odyssee, so hat hier späte willkür das ursprüngliche 
unwissentlich fast erreicht. 

Wäre noch ein zweifei daran, dafs der erste teil des % mit 
der entdeckung der narbe zu ende ist, so müste ihn die be- 
trachtung des restes dieses buches heben, da steht zuerst die 
geschichte, wie Odysseus zu der narbe kam. gewifs kann man sie 
dem dichter des % nicht zutrauen, nur einfach auswerfen, wie Kirch- 
hoflf will, geht auch nicht an. wollte man mit ihm lesen otttijv, 
tijv noxi fuv tivs rjXatie Xev*<$ 636v%v JIaQVfjifovd 1 eX&ovta avv viitsw 
AvtoXvxoto (393. 94 = 465. 66), so bliebe Autolykos, den sonst die 
Odyssee (aufser X) nicht kennt, und der aufenthalt auf dem fernen 
Parnassos unerklärt, hier liegt eine übel angebrachte aber jetzt 
nicht mehr auszulösende mythographische gelehrsamkeit vor wie 
% 518, v 66, y 14, 295, von denen zum teil noch die rede sein 
muss. das echte reicht erkennbar nur bis % 392 und liegt dann 
noch 467—75 vor. 

Odysseus fasst die alte bei der kehle, während Penelope apa- 
thisch dabei sitzt, und bedroht sie zu schweigen, sonst werde er sie 
nach der räche an den freiem umbringen wie die andern mägde. 
sie verspricht schweigen, und wenn er gesiegt hätte, wolle sie ihm die 



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60 13 

schlechten unter den mägden namhaft machen, das lehnt Odysseus 
als überflüssig ab, da er sie schon selber kenne, im nr, 317, sagt 
Telemachos zu Odysseus, er möge auf die mägde acht haben, die 
ihn verachten würden: offenbar um sie später zu bestrafen, im x, 
418, fordert Odysseus die Eurykleia auf, ihm die schlechten mägde 
zu nennen, was diese denn auch tut. unabhängig sind die stellen 
nicht, denn % 497 = x 417, % 498 = n 317 + x 418. das Ver- 
hältnis ist genau ebenso wie bei der wegschaffung der waffen, die 
im n anders vorbereitet ist als sie im x geschehen sein muss, und 
wo deshalb das t 1—50, eben so übel wie hier, vermittelt, in 
betreff der mägde soll Odysseus im n tun, was Eurykleia im x 
tut: deshalb erbietet sie sich im t, aber er lehnt es zunächst ab; 
mittlerweile muss er sich denn wol anders besonnen haben, folg- 
lich ist diese Unterredung von demselben Verfasser wie % 1 — 50. 
dazu stimmt, dafs sie von vulgären versen (487. 491. 492. 495) 
voll ist, und eine menge fremdes gut verwendet 483. 84 = \p 101 
vgl. n 206. 485 = xp 260. 488 = 496 = <p 213. wie jung das 
füllstück ist, zeigt die form ovaijg 489. 

Nachdem das fufsbad endlich vorbei ist, erwacht Penelope aus 
ihrer apathie. „ich möchte dich noch eine kleinigkeit fragen, obgleich 
es spät ist,~ und schlafen sollte, wer schlafen kann, ich habe freilich 
das unermessliche leid, dafs ich nach des tages beschäftigung, die 
mir trotz meinen klagen eine freude ist, 6 ) bei nacht voll sorgen 
im bette liege, und wie die nachtigall (über die mythologisches 
detail beigebracht wird) in immer neuen tönen klagt, so überlege 
ich hin und her, ob ich meinem gatten treu bleiben oder einem 
andern folgen soll; zumal jetzt wo mein söhn erwachsen ist und 
mich aus dem hause fortwünscht, aber deute mir doch folgenden 
träum u. s. w." sie braucht lange, um die kleine frage zu tun. 
dafs die ganze Stimmung nicht nur keine spur von der dem bade 
vorhergehenden Unterhaltung zeigt (aufser dem geborgten verse 
534 = 159 auch 524 co 377), liegt auf der band, aber das ganze 
ist auch in sich verkehrt, an dem gleichnis hat Kirchhoflf ange- 



6 ) So ist 514. 15 zu constmiren und demgemäfs nicht zu interpungiren 
Tigno/u* otivQOftivri yoowaa ?t t* iita fyy* oqoümjci xui äft<ptn6Xo)V ivi ofxtp. d. h. 
iv TOff yootg xai odvQpQls jjöoyqv optos vir* fyai ix Trjg TaXaaiag. 



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ODYSSEÜS VOR PENELOPE 61 

stofsen, mit recht, wenn er es unverständig findet (so unverständig 
wie das seines bearbeiters 3 791), mit unrecht, wenn er 518 — 24 
streichen will, denn er macht die disjunctive frage rji pivm naqa 
ncuii — ij ij<toj ce/u' enrnficu *A%aimv o&ug ägunog abhängig von 
mxivai fioi äfup' dSvvov xtjq fiekeidiveg 6ivqop,ivr\v $Q€&ov<tiv, wäh- 
rend sie in der Überlieferung von ii%a d-vfxbg oqwQetav ev&a xaX 
ev&a sach- und sprachgemäfs regirt wird, dem Verfasser muss 
also die Verantwortung für die Ungereimtheit bleiben, der vorher- 
gehende gedanke „ich habe bei tage in der arbeit eine Zer- 
streuung, bei nacht raubt mir die sorge den schlaf" ist durchaus 
untadelhaft; nimmt man aber v 83 — 87 dazu, wo es heifst „er- 
träglich ist es bei tage zu weinen, wenn man nur bei nacht ruhe 
hat, aber mir scheucht ein böser träum selbst den schlaf", was 
dort, wo sie aus einem träume erwacht, ganz actuelle bedeutung 
hat, so wird man wenigstens entlehnung des motives nicht ab- 
streiten, entlehnung der verse fehlt nicht, 524 — 29 stammen aus 
n 73 — 77, womit X 178. 9, ij 225 verquickt sind, besonders be- 
zeichnend aber ist, dafs Penelope 530 sagt, ihr söhn wäre früher 
vijmos ij<M xalicpQoov gewesen: unmündig ist jedes kind, aber fahr- 
lässig soll der nenwpivos gewesen sein? lediglich deshalb, weil 
i 371 Eidothea so den Menelaos nennt, dem sie nachsagt ixwv 
f*e$uTg xal xiqneai, äkyea na<s%mv. also ein vers der Telemachie 
ist hier, nicht ohne x a ^- l( fQoavvri, benutzt. 

Nun erzählt Penelope ihren träum, „ich habe 20 gänse, die 
tötete mir ein adler und flog auf das dach, als ich weinte, und 
sagte, die gänse sind die freier, ich aber bin Odysseus." der 
bettler kann wirklich nicht gut anders als den träum bedeuten 
lassen, was er selbst sagt. Penelope belehrt ihn dagegen, dafs es 
zwei tore gäbe, das von iXfyag, aus dem die träume kommen die 
iXegxziQOvtcu, und das von xsqck;, durch das die träume kommen 
die ervpa xQaivovai; deshalb sei sie ihrer sache nicht sicher, 
weshalb fragte sie denn den bettler? sollte der es dem träume 
ansehen, durch welches tor er gekommen wäre? die unzeitige be- 
lehrung ist ganz im stile der mythologischen gelehrsamkeit über 
die metamorphose der Pandareostochter in die nachtigall. die 
etymologische Spielerei entspricht der des namens Odysseus, minder 
wie sie in der Autolykosepisode als wie sie im a gegeben wird. 



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62 13 

der mehr als seltsame träum aber hat auch seine parallele, o 160 
ist Telemachos im begriffe aus Sparta aufzubrechen, da kommt 
ein adler und raubt eine gans aus dem hofe. Helene erkennt 
die bedeutung des Zeichens, der adler ist aus seinem neste ge- 
kommen und hat die gans, die im hause sich mästete, geraubt: 
das heifst, Odysseus kehrt heim und tötet die freier, das vogel- 
zeichen mit einem träume zu vertauschen geht an ; aber die deu- 
tung nun dem vogel in den mund zu legen beweist nur die Um- 
setzung eines Zeichens sammt deutung in einen träum, die freier 
werden im o durch die gans symbolisirt ätvtaXXofiivri ivl olx<p: 
im % sind aus der einen zwanzig geworden, aber das tertium 
comparationis wird nicht bezeichnet, es ist eine verschlechterte 
und vergröberte nachahmung eines der Telemachie gehörigen 
teiles; derselben (3 340) entstammt 550. 

Zu guter letzt kommt Penelope mit der mitteilung heraus, 
sie wollte morgen das wettschiefsen veranstalten; das ist kein 
einfall der ihr jetzt kommt, sie muss wol nur bisher mit ihm 
zurückgehalten haben, ihre keimende hoffnung und die Ver- 
sprechungen und schwüre des bettlers hat sie ganz vergessen, 
der aber auch; denn er bestärkt sie in dem plane, Odysseus 
werde noch vorher wiederkommen: das ist allerdings dasselbe 
versprechen wie vorher; unbegreiflich dafs Penelope nicht 
dieser deutlichen Zusicherung, dafs Odysseus innerhalb von zwölf 
stunden da sein wird, mindestens mit zweifei entgegentritt, sie 
macht vielmehr dem bettler über seine Unterhaltung ihr compli- 
ment (was eher umgekehrt zutreffen würde, denn seit dem bade 
schwatzt sie, und er kommt nur mit kurzen antworten heraus), 
erklärt in lehrhaftem tone (wie oben über die träume), es wäre 
ein naturgesetz, dafs der mensch nicht ewig wachen könne, des- 
halb wolle sie auf ihr tränenfeuchtes lager gehen, der bettler solle 
sich auch ein lager suchen oder bereiten lassen (halb und halb 
rückweisung auf 318 und 337); so geht sie hinauf, — weint 
wirklich, wie sie gesagt hatte, und schläft ein. Odysseus macht 
sich ein lager zurecht, Eurynome aber deckt ihn zu mit einer 
decke, wogegen er % 337 protestirt hatte, die er aber, als er des 
andern morgens sein bett macht, zusammenlegt (v 4. 93). inhalt- 
lich ist der flickcharacter dieser partie ganz eben derselbe wie 



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ODYSSEÜS VOR PENELOPE 63 

vorher; formell ebenfalls, da sie dazu dient, <p vorzubereiten, 
wenn auch genau so schlecht, wie das fortschaffen der waffen 
und die nennung der schlechten mägde das % vorbereitet, so ist 
q> besonders in contribution gesetzt; % 577—81 = <p 75—79, 
% 587 = <p 127, % 602—4 = y> 356—58. sonst ist von minder 
durchschlagendem abgesehen (593 aus y 3 oder p 386, dieses die 
originalstelle, 597 aus % 260 oder xp 19) characteristisch die 
abhängigkeit von der Telemachie. % 598 sagt Penelope, sie 
wolle zu bett gehen, ev&a xe Ae£afy*ijv. zu so bedingtem aus- 
druck hat sie gar keine veranlassung: wo kann sie sonst schlafen? 
aber y 365 hatte Athena-Mentor abgelehnt Nestors gast zu sein; 
er wolle lieber zum schiffe zurückkehren, ,da werde ich wol mich 
schlafen legen für jetzt, mit tagesanbruch aber zu den Kaukonen 
gehen. 4 ferner sagt der bettler, Odysseus werde heimkehren 
tiqIv tovtovg roäe %ö£ov §v£oov äfJKpaipomvTas vsvqtjv t' ivxavvöai 
xt£ (586. 87, der letzte y 127). was das deiktische pronomen 
soll, ist nicht zu sagen, und schon im altertum hat man deshalb 
no%£ geändert, beides aber ist nur ein notbehelf , hervorgerufen 
dadurch, dafs die vorläge #215 ist ev p£v %6%ov olda iv£oov 
än<pa<paao$ai: dieselbe gehört der ausgeführten Phaeakendichtung, 
den wettkämpfen, an. auch der lediglich der Verbindung dienende 
schlufsteil von q ist benuzt. wenn Penelope an unpassender stelle 
zum bettler sagt (589) „a? x' i&ikoig juot, Zelve, naQijfisvog iv (xeyd- 
Qoufw iSQnifiev, würde ich nicht einschlafen" so geschieht das 
wegen q 520, wo Eumaios erklärt, wie ein lieblicher sänger £g 
ifii xelvog e&eXye naQrjfievog iv iiGydQoitiw.*) das ganze stück 
t 476 — 604 ist also ein füllstück, flickpoesie, in der weise des 
oben betrachteten Stückes von v, das von diesem nunmehr nur 
noch durch die verse v 1 — 121 getrennt ist. 

Auch diese zeigen spuren derselben flicktechnik. die decke, 
welche Eurynome dem Odysseus gibt, ist schon erwähnt, der- 
selben art ist das gleichnis von den töchtern des Pandareos 
68 — 79, das offenbar eben so unpassend eingefügt ist, wie in dem 
zweiten teile von t die andere tochter des Pandareos, 511. aber 



6 ) Andererseits ist allerdings t 506 im q 572—73 benutzt aber diese beiden 
ganz törichten verse sind schon von anderen mit recht verworfen. 



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64 13 

oben so wenig wie dort verschlägt hier das wieder von Kirchhoff 
angewandte heilmittel der athetese. er entfernt 66 — 81, wonach 
Penelope sagt „möge Artemis mich erschiefsen oder ein Sturmwind 
forttragen und an der Strömung des Okeanos niedersetzen, es 
ist noch erträglich, wenn man bei tage weinen muss, aber nachts 
ruhe hat, aber ich u. s. w." dabei ist die gestörte nachtruhe 
allein grund des todeswunsches, dieser wünsch aber doppelt aus- 
gedrückt, in Wahrheit steht das motiv des todeswunsches 79 — 81 
o<pq' 'Oävarja otftfofiivtj xal yalav inb ctvysQrjv dg>ixoifitjv. wenn 
hier eine einlage ausgesondert werden soll, so kann das nur die 
eine form des Wunsches sein, das entrückt werden durch Sturmwind 
nach art der Pandareostöchter. diese reicht von 63 bis in 80 hinein, 
wo der halbvers r\£ /t' ivnXoxaixog ßdkoi "AQveptg auf den ersten 
wünsch zurückgreift, allerdings ist hier eine einlage; aber die aus- 
sonderung ist rein nicht mehr möglich, einen dritten eingelegten 
zug, die Vorbereitung auf co, hat Kirchhoff in den versen 41—43 ge- 
tilgt; nur was die ursprüngliche dichtung angeht, mit recht, denn 
trotz alledem ist die ähnlichkeit mit den umgebenden partien 
von t und v nur firniss. was zu gründe liegt, muss man sich 
nur aus dieser Umgebung weg denken, um nicht nur erträgliches, 
sondern treffliches zu erhalten, als Voraussetzung ist eine Situa- 
tion etwa wie am ende von er zu denken. Odysseus hat uner- 
kannt in der halle seines eigenen hauses sich ein lager zurecht- 
gemacht, aber er liegt schlaflos, sinnend und sorgend, da er- 
scheint ihm Athena, mitleidig fragend, weshalb er wache, da er 
doch endlich in seinem hause, mit seinem weibe und dem nach 
wünsche erblühten söhne unter einem dache ruhe, und da er 
erwidert, dafs ihn die sorge beängstigt, wie er allein die freier 
überwinden solle, so verweist sie ihn auf ihre hilfe, verspricht 
ihm den sieg und heifst ihn schlafen, so tut er; aber derweil 
erwacht Penelope, sitzt im bette auf, und bittet Artemis um 
schnellen tod, damit sie doch treu dem Odysseus lieber sterbe 
als einem schlechteren zufalle, die tage lang zu weinen, das 
möchte noch erträglich sein: ihr aber kämen auch böse träutne. 
so hätte sie eben geträumt, Odysseus ruhte wieder an ihrer seite, 
so lebhaft als wäre es Wirklichkeit mittlerweile wird es morgen, 
Odysseus wacht auf, hört die letzten klagen Penelopes, und ihm 



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ODYSSEÜS VOR PENELOPE 66 

ist, als träte sie heran an sein bett und kennte ihn schon, 
rasch ordnet er sein lager und bittet Zeus um ein vorbedeutend 
wort auf erden und ein zeichen am himmel. es donnert vom 
heitern himmel und eine arme sclavin, die die nacht hindurch 
körn für die freier gemalen hat, verflucht die freier. Odysseus 
sieht seine bitte erfüllt. — da bricht die echte erzählung ab, die 
von höchster vortrefflichkeit ist. es ist ein bruchstück, denn zu 
dem vorigen hat es auch keine beziehung. Odysseus weifs nichts 
davon, dafs er diesen tag noch die freier töten muss, wo nicht 
Penelope die gattin des Siegers im wettschiefsen werden soll. Pene- 
lope hatte es ihm selber gesagt, x 571 — 81, und er sie selber dazu 
ermuntert Odysseus und Penelope haben sich offenbar weder er- 
kannt, wie es im echten % geschehen ist, noch sich überhaupt ge- 
sehen, wie es jetzt im % ist. Penelope ist von niemand mit der hoff- 
nunggeschmeichelt, dafs dieheimkehr des gatten nahe, und Odysseus 
ahnt nicht, dafs heute das wettschiefsen stattfindet, also dieser 
tag die entscheidung bringen muss. nirgend ist von dem Apollon- 
feste zu lesen, das nach den folgenden partien an diesem tage 
stattfindet, es ist ein ganz einfaches stück, das nichts als die 
allgemeinsten umrisse der sage fordert, nur durch die magische, 
Wirkung in die ferne, durch den zauber des traumes ahnt 
Penelope unbewufst etwas von der nähe des gatten. ihm aber 
schaudert sein liebendes und sorgendes herz, als er diese ahnung 
belauscht, rasch fafst er sich selbst; es war ihm, als träte die ge- 
liebte gattin schon an sein bett, als wäre alles schon vorüber, 
er hat keine zeit so süfs zu träumen: entscheid tut not. eine 
wundervolle exposition des entscheidungstages — nur in unserer 
Odyssee steht sie ganz verloren, allerdings weist sie auf die Ky- 
klopie (19) und im ausdruck findet sich mancher anklang, nament- 
lich an V (*> 32 = tp 4, v 29. 40 = ip 37. 38), aber nirgend ist die 
entlehnung ersichtlich, weil die an Wendung immer passend ist. 7 ) 
Wenn wir nun die ganzen bücher % v überblicken, so sehen 
wir ein vollkommen verständliches bild. die scene % 51 — 476 ge- 
hört mit dem vorhergehenden q a zusammen; mit <s durch Me- 



i) Der bearbeiter bat dies stück selbst benutzt, wodurch sich zeigt dafs es 
nicht sein werk ist, S 685 nach v 13 und 119. 

Philolog. Untersuchungen VIT. 5 



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66 I 3 

lantho; im q ist ein stück, das lediglich dazu da ist die Penelope- 
scene vorzubereiten, aber diese gieng ursprünglich auf eine er- 
kennung aus. diese hat ein flickpoet, der bearbeiter, abgeschnitten, 
und die erkennung durch Eurykleia, die er nicht beseitigte, 
wiAungslos gemacht, offenbar war sein zweck, das in g> % tp vor- 
liegende gedieht zu verwenden, was er nicht konnte, wenn die er- 
kennung der gatten vorhergieng. er muste also den anschluss selber 
vermitteln, deshalb dichtete er den rest von % und v. er muste in 
betreff der waffen und der mägde zwischen n und % vermitteln; 
er muste das wettschiefsen vorbereiten, Philoitios einführen, Kte- 
sippos höhnen lassen; er wollte auch Agelaos einführen und 
Theoklymenos noch etwas ausnutzen, also er vermittelte zwischen 
unserm £ o n q a und <p % V* für seine zwecke verwendete er 
von den erhaltenen gedichten mancherlei, auch aus der Tele- 
machie. ein grofses schönes stück, zunächst noch unbekannter 
herkunft, das erwachen des Odysseus und der Penelope, konnte 
er überarbeitet aufnehmen; auch wo wir es nicht bemerken 
können, wird er natürlich vielerlei, soviel als möglich, aus den 
stücken verwandt haben, die er entfernte, so erklärt sich, dafs 
auch gute verse ihm eigentümlich sind, oder auch in andern 
partien desselben Verfassers wiederkehren. 8 ) denn dafs er iden- 
tisch ist mit dem flickpoeten von q 31—165, von a und dem 
Schlüsse von <J, brauche ich nicht erst zu sagen. 

Den kitt schlagen wir weg: dabei stürzen die Werkstücke 
unserer Odyssee aus einander, und dafs sie selber zum teil noch 
verschiedenartige steine mit älterem und festerem kitte zusammen- 
halten, hat die betrachtung von q <s t bereits gelehrt. 



8 ) Ein recht bezeichnendes beispiel ist r 594—96 = q 101—3. hier liegt 
wol ein rest aus dem achten t vor. 



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4 
DER SCHLUSS UNSERER ODYSSEE 



Nachdem der grofse riss constatirt ist, den die nachdichtungen 
des % und v überkleistern, will ich die letzten bücher der Odyssee 
zuförderst untersuchen, da aber ist von hinten vorzugehen, 
schon Aristophanes von Byzanz hat das ende der Odyssee \p 296 
angesetzt, und da ihm sein schäler Aristarch folgte, so folgen 
ihm die Aristarcheer. so hat die tüchtige arbeit von Spohn schon 
im anfang des Jahrhunderts die gründe, welche die alten bestimmt 
haben werden, ausgeführt, und es herrscht darüber ausnahms- 
weise so ziemlich einhelligkeit. ich muss dieselbe stören, auch 
hier wie bei ihren meisten athetesen haben die alten zwar scharf 
beobachtet, aber den begründeten anstofs auf grund ihres glaubens 
an den einen Homer unrichtig entfernen statt richtig erklären 
müssen. Kirchhoff, der die ganze Schlusspartie mit entschieden- 
heit für das werk seines bearbeiters erklärt, hat sich dem doch 
nicht verschlossen, dafs mit ihr alle die partieen fallen müssen, 
die sie voraussetzen, und damit dafs diese alle fallen können, hat 
er durchaus recht, es sind aber nicht wenige; die berücksichti- 
gung des Laertes im schlufsteil von 6, der ohne frage seinem be- 
arbeite^ dem dichter von a, gehört, dann £ 173, ebenfalls in einer 
aus andern gründen dem bearbeiter zugewiesenen partie, o 353 ffg., 
n 135—53, die sehr zum vorteil der scene fallen, n 302, 303, 
t; 41 — 43, endlich tp 117— 152, die in einer aus andern gründen 
von Kirchhoff unwiderleglich erwiesenen interpolation stehen. 

5* 



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68 14 

alle diese eindichtungen beweisen zwar, dafs a> in sämmtlichen vor- 
lagen, die erst durch die schlussredaction der Odyssee vereinigt sind, 
nicht vorausgesetzt ist, vielmehr Laertes für dieselben gar nicht 
zu leben braucht (abgesehen von X), ob aber der bearbeiter für 
eine eigene erfindung diese einlagen gemacht hat, oder weil er m 
auch unter seinen vorlagen hatte, das steht zunächst dahin, dafs 
Kirchhoffs entschiedenheit, nur die erste möglichkeit gelten zu 
lassen, an stelle eines jeden grundes steht, kann höchstens ein 
präjudiz gegen seine ansieht bilden. 

Ich werde zunächst beweisen, dafs um m loszulösen, noch 
sehr viel mehr von \p fallen muss als Aristophanes angenommen 
hat. in dem verworfenen teile (ip 347) lässt Athena die morgen- 
röte aufgehen, als sie annimmt, Odysseus hätte genug geschlafen, 
das bezieht sich auf ip 241, wo sie das gespann der Eos zurück- 
hält, um dem eben vereinigten pare zeit zum genusse ihres 
wedersehens zu lassen, diesen teil hält man für echt, es hat 
aber keinen sinn, die correspondirenden teile einer erzählung ver- 
schieden zu behandeln, nun befremdet die erste intervention 
Athenas. sie konnte doch die nacht nur verlängern, wenn es schon 
spät war. davon vermutet ein hörer von % xp nichts; im gegenteil, es 
bedurfte derselben Athena, damit Penelope schliefe (y 356 % 429 
xf) 57), ihr schlaf war also ungewöhnlich, allerdings singen und 
tanzen die mägde um den anschein einer hochzeit zu geben, also 
am abend, vielleicht in die nacht hinein: aber das steht wieder 
nur in einer bereits verworfenen partie. die Verlängerung der 
nacht ist dazu da, dem Odysseus zeit für die recapitulation seiner 
apologe zu lassen: und diese apologe werden verworfen, was in 
den echten teilen Odysseus allein erzählen soll, ist die Prophe- 
zeiung des Teiresias. das ist in ein par minuten getan, und erst 
danach geht er überhaupt zu bette, also müssen 241 — 47 wenig- 
stens das geschick von 297 ffg. teilen, die recapitulation der 
apologe (d. h. unserer bücher t x X ,u), die Aristoteles gut hiefs, 
wird mit recht verworfen, weil sie sclavisch von diesen büchern 
abhängig ist, also dem dichter von i — fi nicht zugetraut werden 
kann, genau dasselbe Verhältnis der abhängigkeit zeigen die verse 
268 — 84 gegenüber dem A. wenn man es also für unangemessen 
hält, dafs Odysseus seiner frau in der ersten nacht ihrer wieder- 



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DER SCHLÜSS UNSERER ODYSSEE 69 

Vereinigung alles erzählt, was er den Phaeaken erzählt hat, so 
ist mindestens eben so unangemessen, dafs er ihr die freude ohne 
not mit den Weisungen des Teiresias stört, die ihn bald wieder in die 
fremde hinaustreiben werden, und wenn man die recapitulation 
der apologe mit fug und recht daher ableitet, dafs ein nach- 
dichter sich gemüfsigt fühlte, Penelope gleich mit allem was in 
der Odyssee steht vertraut zu machen, so ist das eben der grund, 
der zur recapitulation von Teiresias Prophezeiung geführt hat. 
es ist somit eine durchaus unstatthafte, willkür, für die in einem 
zusammenhange stehenden gleichartigen erzählungen zwei Ver- 
fasser anzunehmen. 

Die nachdichtung, zu der a> gehört, beginnt nicht erst 297, 
sondern ihr gehört mindestens noch 241 — 288; in wie weit die 
wenigen verse 289 — 96 unter einer Überarbeitung ursprüngliches 
gut bergen, kann erst an späterer stelle untersucht werden, da 
nun auch xf> 117 — 152 zu co gehören, so ist aufser zweifei gestellt, 
dafs so ziemlich das ganze xp entweder unter einflufs von co über- 
arbeitet ist, oder mit co zusammenhängt. 

Eine weitere Vorfrage ist die Unteilbarkeit von xp co, genauer, 
ob die zweite Nekyia mit ihrer Umgebung zusammengehört oder 
nicht. Hennings (Fleckeisens jahrb. 1861), der sie loslöst, hat 
mindestens das erwiesen, dafs die Nekyia fehlen kann, und dafs 
der Zusammenhang durch ihre entfernung gewinnt, gemeinsam 
hat sie freilich mit ihrer Umgebung die sclavische abhängigkeit 
von den andern teilen der Odyssee, namentlich von A, und die 
Situation, dafs die freier noch unbegraben sind, wenn sie dem 
co ursprünglich fremd ist, so kann sie doch nur eine erweiterung 
desselben sein, aber die unzuträglichkeiten ihrer einfügung 
können auch auf die geringe poetische geschicklichkeit des Ver- 
fassers geschoben werden, somit ist eine entscheidung mit diesen 
mittein unmöglich, muss aber erlaubt sein, zunächst in die be- 
trachtung von co einzutreten, ohne die Nekyia zu berücksichtigen. 

Dies gedieht von Laertes ist ohne jede frage ein ganz junges 
machwerk. die epische spräche und technik erscheint darin im 
verfalle, die motive der handlung, die personen, (zumal Dolios) 
und die einzelnen verse sind zum gröfsten teile entlehnt: für die 
zeit des Verfassers ist nichts bezeichnender, als dafs Odysseus 



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70 14 

sich für einen mann aus dem metapontinischen ausgibt, den der 
wind auf der ruckfahrt von Sicilien nach Ithaka verschlagen hat. 1 ) 
das ist derselbe geographische horizont wie im a. benutzt sind 
aufser anderen älteren teilen namentlich auch viele verse und 
motive der Telemachie. man kann das in Kirchhoffs commentar 
nachsehen, wenn nun Kirchhoff mit dem bearbeiter als dichter 
recht hat, so darf natürlich wol im a> ein vers vorkommen, den der 
bearbeiter wo anders schon verwandt hat, aber dieser darf keines- 
falls aus od borgen, demgemäfs wird, schon von Aristophanes, 
a 185, 86 verworfen, weil 185 = od 308 ist, und der vers im cd 
unentbehrlich ist, im a, wenn man noch einen streicht, entbehrt 
werden kann, das ist bei dem notorischen flickcharacter des a 
ein wenig berechtigtes verfahren, aber es kommt ärger. 

(o 477 antwortet Zeus der Athena auf die frage, ob sie es 
in Ithaka zur schlacht kommen lassen soll oder eintracht stiften: 
texvov ifxovy %l [jie tavta «hetgeat rjäi fuetaXkifg; oi yäq ir] tovtov 
fxev ißovkevaag voov avtrj, cS$ r]%oi xeivovg X)dv<sevg änotefoetai 
iX&wv; sq£ov onwg HHXeig. in der zweiten götterversammlung 
beklagt Athena dafs Odysseus von Kalypso festgehalten wird, 
Telemach aber gefahr läuft von den freiem umgebracht zu werden; 
da entgegnet ihr Zeus: tixvov ipov, nolov <fe enog <pvyev fbxo? 
oSoyhdv' ov yä(i ärj tovtov per ißovkevöag voov avtrj, dg r/tot, 
xe'wovg XMvasvg dnoxeioexai iX&wv; TrjXifAaxov ii av ni/xtpov (€ 22). 
ich verliere kein wort darüber, dafs e die verse plump und roh wie 
alle übrigen entlehnt, aus o> entlehnt. Hennings hat den richtigen 
Sachverhalt angemerkt; bemerkt natürlich auch Kirchhoff, aber 
dieser versucht der klippe zu entgehen, indem er sagt, dafs „die 
ziemlich ungeschickt geratenen verse später einmal, und zwar, 
wie nicht zu leugnen ist, mit etwas grösserem geschicke od 479. 80 
verwendet worden seien." das ist eine seltsame beschönigung 
der tatsache, dafs die verse im cd passen und im e nicht passen, 
und aus dieser tatsache folgert Kirchhoff sonst entlehnung. diese 
folgt auch hier unwidersprechlich daraus, und damit ist bewiesen, 



l ) Er nennt seinen vater 'Ayttötjs noXvnrj/Lioyi^. da steckt eine verkehrte 
ionisining. ,Freigebig ( ist nicht der sonn von ,Schmerzenreich', sondern von »Güter- 
reich:' JloXvna/uoyidrji oder nokvnapjuoytöijf. 



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DER SCHLÜSS UNSERER ODYSSEE 71 

dafs der flickpoet der zweiten götterversammlung, das ist der 
flickpoet von a, das co gekannt und benutzt hat. also auch a 185. 
86 und ebenso 3 624 aus co (104) seiner manier entsprechend ge- 
borgt hat. die klägliche weise, in welcher dieser dichter im a 
3% n auf die Laertesepisode hinweist, ist auch wahrlich nicht der 
art, wie man eine eigene freie dichtung vorbereitet: sie borgt 
vielmehr die motive aus co. d 722 klagt Penelope vor den 
mägden „ich bin ganz unglücklich; mein gatte ist verschollen, nun 
reist mein söhn auch in die fremde, und ich höre nichts davon, 
es ist unrecht dafs ihr es mir nicht gesagt habt; vielleicht hätte 
ich ihn doch noch umgestimmt, schicke doch einer meinen alten 
gärtner Dolios zu Laertes; vielleicht tritt der vor das volk und 
klagt über die anschlage der freier wider Telemachos". darauf 
tut nicht nur Laertes nichts, sondern Dolios wird nicht geschickt, 
ja, Eurykleia ignorirt den ganzen befehl. ebenso fragt im n 175 
Eumaios, den Telemachos zur Penelope schickt, ob er nicht auch 
zu Laertes gehen sollte; der aber sagt nein (ohne grund), aber 
der Penelope solle Eumaios auftragen, zu Laertes zu schicken, 
das läfst Eumaios nachher auch wieder bleiben, warum unter- 
bleibt es? weil im co keine anspielung darauf vorkommt, der- 
selbe dichter würde doch wol nicht die halbe sondern die ganze 
Übereinstimmung hergestellt haben; es ist wie mit dem Waffen- 
verstecken und mägdebestrafen im t. die vorläge der dürftigen 
flickereien aber ist im od vorhanden, wo der gärtner Dolios, so- 
bald er den Odysseus erkannt hat, sehr begreiflicher weise sich 
erkundigt, ob denn Penelope schon unterrichtet sei, widrigenfalls 
er sie benachrichtigen wolle; worauf ihn Odysseus beruhigen und 
zu hause behalten kann. 

An einer stelle scheint es freilich, als nähme co auf eine ein- 
dichtung des bearbeiters rücksicht. Kirchhoff hat die alberne 
einführung Athenas in Mentors gestalt mit vollem rechte aus dem 
freiermorde entfernt (% 215—40. 249. 50). von dieser erscheinung 
berichtet der herold Medon od 439 — 50. sehen wir uns den Zu- 
sammenhang an. Eupeithes, der vater des Antinoos, fordert zur 
räche für die erschlagenen freier auf, und alle Achaeer ergreift 
rührung. da kommen Medon und Phemios aus dem schlösse, 
nachdem sie ausgeschlafen haben, und alle staunen. Medon sagt 



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72 14 

aus, dafs ein gott in Mentors gestalt auf Odysseus seite in 
den kämpf eingegriffen habe, da ergreift alle entsetzen, nun er- 
hebt sich Halitherses und sagt „ich habe euch immer gesagt, ihr 
solltet euren söhnen die torheiten legen, was die freier taten, war 
ein frevel, deshalb wollen wir nicht losziehen, sonst möchte es 
uns schlimm ergehen." da stürmt die mehrzahl mit grofsem ge- 
schrei los, denn sie folgen dem Eupeithes. ich will davon ab- 
sehen, dafs Medon und Phemios einen ganz übernatürlichen 
schlaf gehalten haben, denn die freier sind mittlerweile be- 
stattet (417); man wird dem Verfasser diese Unschicklichkeit 
aufbürden wollen, und auch die anderen, dafs der sänger 
stümperhaft erwähnt und wieder fallen gelassen ist, dafs das 
staunen des volkes über ihr erscheinen ohne sinn ist, und dafs 
ein herold, ein SrniioeQyog, überhaupt nicht berufen ist, unter 
den freien Ithakesiern zu reden: obwol ich den nachweis fordern 
kann, dafs solche torheiten im a> begangen sind, aber die hand- 
lung selbst muss doch dem Verfasser, ihrem erfinder, einiger- 
maßen klar gewesen sein, es ist aber undenkbar, dafs Halitherses 
so wenig wie irgend jemand auf die aussagen der einzigen augen- 
zeugen des kampfes bezug nimmt, es ist undenkbar dafs die durch 
Medons mitteilung in blasse furcht gejagten Ithakesier nach der 
ebenfalls abmahnenden rede des Halitherses sich in der majorität 
für Eupeithes erklären, die scene war einfach componirt, so dafs 
die entgegenstehenden ansichten je einen Vertreter hatten, die 
entscheidung des volkes durch den erfolg von Eupeithes rede 
(438) schon voraus bestimmt war. die störende einführung der 
beiden von Odysseus verschonten Ithakesier, welche der dichter 
nur, wenn er sehr viel ausführlicher werden wollte, hätte be- 
rücksichtigen können, ist erst von jemandem eingefügt, der einen 
bezug auf % 205 — 40 einlegen wollte, mit andern Worten: der 
tatbestand fordert den schlufs heraus, dafs co eine Überarbeitung 
aus rücksicht auf eine partie erfahren hat, die dem bearbeiter 
gehört, der zustand von co gegenüber dem bearbeiter ist also 
genau der nämliche wie von ß — xp: also ist co zu den vorlagen 
des bearbeiters zu rechnen. 

Für die Unabhängigkeit des co vom bearbeiter legt endlich 
noch eine abweichung im sprachgebrauche ein zeugnis ab, das 



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DER SCHLÜSS UNSERER ODYSSEE 73 

uns noch weiter nützlich werden soll, die insel Kephallenia er- 
scheint sonst in der ganzen Odyssee, auch beim bearbeiter, als 
Same, nur dem Verfasser von cd sind die Untertanen des Odysseus 
Kephallenen (355, 378, 429); er teilt diese kenntnis mit dem Ver- 
fasser der ßotania 631. es ist ganz begreiflich, dafs die winzige 
insel Ithaka in historischer zeit eine dependenz von der nachbar- 
insei Kephallenia war, und dafs beide inseln achaeische bewohner 
hatten, stimmt dazu; in Leukas und an der akarnanischen käste 
dominirten die Korinther. 2 ) diesen späteren historischen zustand 
tragen die beiden dichter, von B und co, arglos in das epos hinein, 
während der bearbeiter der Odyssee der mehrzahl seiner quellen 
folgte, nur v 210 erscheint noch Kephallenia, als heimat des 
Philoitios, allerdings in einem stücke, welches dem bearbeiter ge- 
hört, der aber diese heimat des hirten, den er aus <p x nahm, 
natürlich dieser von ihm gekürzten quelle verdankt. 

Somit ist der beweis geliefert, dafs die Laertesepisode des co 
zwar ein junges gedieht ist, verfertigt mit kenntnis von den meisten 
der vorlagen unserer Odyssee, namentlich auch der Telemachie 
(ß), zeitlich den nachdichtungen vom schlage a am nächsten 
stehend und auch demselben eulturkreise entstammend, dafs aber 
gleichwol diese junge dichtung von dem verfertiger von a, dem 



9 ) In aller erwünschten weise klärt Apollodor über diese dinge auf (Strab. 
452 ffg.), nur muss man die versuche der conciliatoriseben kritik natürlich abziehen, 
dafs mit Same Kephallenia, mit Dulichion die Echinadeninsel doXi/a gemeint ist, 
darf man festhalten. B und a> stimmen auch in der erwähnung der stadt Neritos 
= Nerikos an der akarnanischen küste, aus der minder geographisch bewanderte 
dichter (oder viel mehr einer, dem i 22, v 351 gehören) einen berg auf Ithaka 
gemacht haben, worauf dann spätere mytho- und geographen fufsen. das Vorgebirge 
Mvxdc hat seinen Damen von seiner färbe, die stadt ist erst eine korinthische grün- 
düng aus dem ende des siebenten Jahrhunderts : wenn die Alkmaionis (die Ephoros 
bei Strab. 452 citirt) ihren gründer Mvxa&tog bruder der Penelope nennt, so sehen 
wir daraus, dafs dies gedieht (was die person des Amphilochos und die Alkmeon- 
sage, die Thukydides gibt, eben so beweisen), erst um 600 verfafst ist oder später, 
aber der Apollon Leukates, verknüpft mit kephallenisch-taphischen sagen, ist älter, 
wie auch der leukadische sprang und die Xivxug n(tqti am Hadesweg in der 
zweiten Nekyia; also muss Leukas zu Odysseus reiche gehört haben, wirklich be- 
gegnet uns ein gefährte desselben Jtvxoe in der Ilias J 498, und einen andern 
Atvxos finden wir der Penelope nachstellungen bereitend in einer fast verschollenen, 
aber keineswegs jungen sage. vgl. de Lycojphr. 5. 



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74 1 4 

bearbeiter unserer Odyssee, bereits vorgefunden und überarbeitet 
ist es erwächst von selber die frage, ob dieser erst die Ver- 
bindung des a> mit % xp hergestellt hat, der in Wahrheit fast das 
ganze xp gehört, oder ob der dichter von cd auch diese jüngeren 
teile von \p gedichtet hat und somit ein fortsetzer, vielleicht be- 
arbeiter von <p % V ist. dazu ist ein näheres eingehen auf xp 
nötig, der poetische wert und die empfindung für denselben ent- 
scheidet kritische fragen nicht: keineswegs weil es kein objectives 
kriterium wäre, sondern weil es als solches nicht darstellbar ist. 
deshalb bekämpfe ich Kirchhoffs beurteilung der Laertesepisode 
erst jetzt, wo ich sie widerlegen kann, aber zu allen Zeiten 
war mir und wol manchem sonst die empfindung entscheidend, 
dafs der poetische wert eine unübersteigliche klufl zwischen cd 
und a bilde. 

In der einlage, die Kirchhoff xjt 115 - 176 erkannt zu haben 
glaubt (die grenzen können genau erst später bestimmt werden), 
und die er, was sich durch einfachheit empfiehlt, einem Ver- 
fasser, seinem bearbeiter, zuschreibt, sind zwei motive enthalten, 
einmal die Vorbereitung der Laertesscene, zum andern das bad 
des Odysseus, welches dieser nimmt, damit ihn Penelope nicht 
wegen seiner schlechten kleidung verkenne; worin sich der kluge 
mann freilich täuscht, da Penelope ihn in der Schönheit, in der 
er aus dem bade steigt, doch nicht erkennt, was den bearbeiter 
zu dieser eindichtung bewogen hat, ist nach Kirchhoffs meinung 
der allerdings misglückte versuch, den Widerspruch zu entfernen, 
der dadurch entsteht, dafs Odysseus in den büchern v — a ver- 
wandelt ist, % — x nicht. Kirchhoff selber erklärt es für ,unbe- 
greiflich 4 , wie sein fortsetzer dieses motiv hätte im verlauf seines 
gedichtes ganz vergessen können, eine ansieht, die um solchen 
preis erkauft wird, kann niemals richtig sein, nachdem erwiesen 
ist, dafs in der mitte des % der alte Zusammenhang abreifst, ist 
dieser anstofs verschwunden: g> x sind erst durch den bearbeiter 
mit v — % verbunden, die dem bearbeiter imputirte absieht aber 
ist in seinen versen nicht zu finden; so wol die procedur des 
bades wie sein erfolg sind mit versen geschildert, die an andern 
stellen wiederkehren, wo an eine zauberhafte Veränderung der 



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DER SCHLÜSS UNSERER ODYSSEE 75 

gestalt nicht gedacht werden kann, xp 153. 4 = co 365. 6, xp 155. 
163 = y 467. 68, 157—62 = f 230—35. somit ist die absieht des 
Verfassers dieser badescene gan& unerklärlich. 

Dieselbe streitet aber nicht blofs mit ihrer echten Umgebung, 
sondern auch mit der auf co bezüglichen eindichtung. Odysseus 
sagt dem Telemachos, als dieser seiner mutter wegen ihres zweifeis 
vorwürfe macht ,lafs sie nur mich auf die probe stellen; sie wird 
sich wol besinnen, jetzt glaubt sie nicht, weil ich so schlechte 
kleider anhabe, wir wollen überlegen, wie wir den folgen des 
freiermordes entgehen.' wir erwarten billig vielmehr dafs er sage 
,ich will mich deshalb baden und umziehen; dann wird sie mich 
schon erkennen', das bademotiv ist also in den zwei versen 115. 
116 zwar vorbereitet, aber stümperhaft und so, dafs die verse 
zum vorteil der rede fehlen können. 153 kommt es ohne irgend 
eine andeutung, dafs Odysseus damit etwas bezwecke, zum bade, 
was an sich nicht merkwürdig ist, da sich eben Telemachos und 
die hirten gebadet haben, die verse, die das bad beschreiben, 
sind, ein par unwesentliche worte abgerechnet, alle entlehnt, als 
aber Odysseus vor Penelope wieder erscheint, (wo 168 — 70 stumpf- 
sinnig aus 101 — 3 wiederholt sind), da redet weder er noch sie 
von der durch das bad verursachten Veränderung, allerdings 
läfst sich nach Streichung des bades kein Zusammenhang her- 
stellen; allein, da dasselbe wirkungslos bleibt, so ist wenigstens 
die möglichkeit nicht ausgeschlossen, dafs es eingelegt sei, und 
dabei relativ echtes, d. h. den vom dichter von co hergestellten Zu- 
sammenhang, zerstört habe, und diese möglichkeit wird wahr- 
scheinlich, wenn man die verse vergleicht, die xp mit co gemein 
hat. Odysseus hat den Laertes im garten getroffen; als sie nach 
dem hause gehen, finden sie Telemachos und gefolge bei der 
zurüstung zum male; tocpQa 3i AaiQ%r\v fAeyaAijtOQa cp ivl olxy 
ufig>lnokog %a\xir\ Xovaev xal %qZisbv ilaiy diese verse kehren 
xp 152, 153 mit den Veränderungen avtäq '03v<soija und EvQvvopri 
tapiri wieder, die qualification der Eurynome als schaffherin ist 
überflüssig und füllt lediglich den vers. bei Laertes ist cp ivl owrto 
im gegensatze zum garten und vorplatz, wo man das mal bereitet, 
von actueller bedeutung; im \p ist es ganz müfsig. wenn man 
also nicht zu dem beliebten sich selbst abschreiben greifen will, 



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76 14 

so sind diese verse von jemand gemacht, der cd benutzte, also 
später als dieses: dann sind sie eine zutat des bearbeiters. 

Sicherheit aber gewährt auch das noch nicht, dazu muss 
man wissen, weshalb das bad erfunden ist. gehen wir also in 
das ende vom % zurück. Telemachos und die beiden hirten üben 
an den mägden und Melanthios das henkeramt, danach waschen 
sie sich und kehren zu Odysseus zurück, der noch immer im saale 
steht, von blut und schmutz bedeckt (x 402). Odysseus gibt der 
Eurykleia weitere auftrage; die aber fordert ihn auf sich umzu- 
ziehen und nicht in den lumpen zu bleiben: das wäre ja unver- 
antwortlich, darauf antwortete er kvq vvv pot, nQaiiMtoov ivl 
ixeyäqoiai yevotto (491), kein wort weiter, so gehorcht sie, die 
mägde kommen und küssen dem Odysseus köpf schulter und 
hände. es ist kein pedantismus, wenn man das ekelhaft nennt, 
weil diese hände von blut und schmutz starren, denn da 
Odysseus eben auch nicht ein wort der ablehnung für die sehr 
natürliche aufforderung gehabt hat, reine wasche anzuziehen, so 
ist es sein wille schmutzig zu bleiben, und dem dichter sein aus- 
sehen wol bewufst. was der dichter wollte, das ist sehr einfach: 
er konnte hier kein bad brauchen, da er Odysseus nachher erst 
baden will, aber das halte ich für evident, dafs er sich dadurch 
in Widerspruch zu dem gedichte gesetzt hat, welches er im Schlüsse 
von % überarbeitete: in diesem stand das bad, oder wenigstens 
die waschung und umkleidung, hinter 490. die abgerissene antwort 
an Eurykleia 491 zeigt auch ganz augenfällig, dafs hier gestrichen 
worden ist. damit ist die person dessen, der diese Umformung vor- 
genommen hat, noch nicht näher bestimmt; es könnte an sich eben 
so gut der dichter von co wie der von a (der bearbeiter) sein: 
wol aber ist die möglichkeit eröffnet, die einlage des bades zu 
erklären, wenn dieses an sich zwecklos ist, so kann seine ein- 
fügung an jener stelle nur dadurch herbeigeführt sein, dafs es an 
seiner ursprünglichen stelle, am ende von Xi gestrichen werden 
muste. das ist in der tat der fall. 

Eurykleia berichtet der Penelope im anfang von tp so, dafs sie 
den Odysseus unmöglich schon seit dem gestrigen abend kennen 
kann (namentlich ip 29. 45); sie hat also nicht erlebt, was im % 
jetzt erzählt wird, gleichwol wendet sie als sichersten beweis der 



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DER SCBLUSS UNSERER ODYSSEE 77 

identität die narbe an (74) ti)v änovitovaa q>Qa(Sd(xriv, b&bXov Si 
00* avTß einifuev aXXd fie xelvog iXwv inl jad&taxa %bqc\v ovx bXcl 
elneiv noXviSQei^i vooio' das ist eine hinweisung auf %. aber 
eine wie törichte! wann hat sie ihn gewaschen? war Penelope 
dabei, dafs er sie an der gurgel fassen muste? so hat ihn ja 
Penelope gesehen, wovon doch nirgend im ip die rede ist. hier 
ist des knotens lösung. im % stand eine waschung, das wissen 
wir. damals hat Eurykleia die narbe gefunden, die willkommenste 
bestätigung für sie und das ganze gesinde, den stärksten beweis 
auch für Penelope. aber für den, der % mit hineinzog, war es 
ganz unerläfslich, diese waschung zu entfernen, und er hat dafür 
in den kümmerlichen versen nachher einen ersatz geschafft, dieser 
bearbeiter aber war der gesammtbearbeiter, denn zwischen % und 
(p klafft die lücke, die er ausgefüllt hat, ja die fassung des t, die 
er hier voraussetzt, hat er erst selber geschaffen, ihm gehört 
^/ 74— 76 von dem oben bezeichneten Schnittpunkt an, und xcxä 
XQoi elfxat 1 B%ov%a 95. 

Wenn die zutat des bearbeiters abgestreift wird, so geht die 
handlung also fort, als Odysseus sich die mägde bestellt, fordert 
ihn Eurykleia auf sich umzukleiden, er läfst sich von ihr waschen: 
sie findet die narbe, die ihr die erwünschteste bestätigung gibt, 
holt Penelope herab, diese zaudert mit der anerkennung, Tele- 
machos schilt sie. Odysseus gibt ihr bedenkzeit, indem er ihr 
zugleich durch die erwähnung des netQd&tv die lösung nahe legt, 
die nachher wirklich erfolgt, mittlerweile bereitet er die expe- 
dition des a> vor. Penelope kann sich nicht entscheiden, da wird 
er unwillig und sagt etwa 

ScufiovCrj^ tibqI <sol ye yvvcuxwv &tiXvTBQda>v 
167. xrJQ dtiQafJivov i&tjxav 'OXvpma dwpat' b%ovzb^ 

<dXX } äva irj%\ dvaßuo' ineqma (hyaXoBvxa 

Xi^ev 9 insl xoitoio iniqXv&B fjdeog wQtj> 
171. dXX 1 äy\ ifioi, fxala, ötoqbgov Xfyog, ocpQa xal avxog 

XQofxac tj yaQ %jj ys tnirJQBog iv g>QB<fl dvfiog. 
worauf Penelope erwidert, dcuiiovC, ov ydq ti ixsyaXi&ixcn, ov9 
d&BQi&v* ovde Xitjv <xya/u<M 8 ), ich weifs vielmehr sehr gut, wie du 



*) So ist V 173 zu schreiben; sowol yäg wie die beiden ovdi sind gut be- 



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78 14 

ausgesehen hast, als du aus Ithaka fortzogst (d. h. jetzt siehst du 
zu verändert aus). Ja Eurykleia hole ihm sein bett heraus 1 , 
damit stellt sie ihn auf die probe, die er dann besteht: er hatte 
sie ihr selbst unter den fufs gegeben. 

Ich habe die zwei verse eingefügt um zu zeigen, mit wie ge- 
ringen mittein der Zusammenhang herstellbar ist. den gedanken 
aber habe ich nicht erfunden, sondern nur die erfindung des 
dichters in ihr recht gesetzt: es ist ja nur so möglich xal avtog 
in vers 171 zu verstehen; alle anderen personen gehen erst 297 
zu bette, so dafs nur Penelope gemeint sein kann. 

Nun haben wir boden unter den füfsen. von g> (genauer 
v 387) bis cd haben wir ein zusammenhängendes gedieht ; darin ist 
von dem momente, wo Penelope durch Athenas eingebung darauf 
kommt, das wettschiefsen zu proponiren, bis zu der aussöhnung 
zwischen den Ithakesiern und Odysseus kein Schnittpunkt offen, 
dies gedieht entstammt so wie es ist dem dichter von cd, der 
selbst ein compilirender nachdichter ist, aber für den bearbeiter 
lag es vor, wie es ist. er hat es durch die Mentoreinlage des % 
und die sich darauf beziehende des cd einerseits, durch die auf 
cd bezüglichen partien im a S £ o n v andererseits mit seiner 
Odyssee verbunden, hat ferner die Veränderung mit dem bade 
des Odysseus vorgenommen, weil er die erkennung der narbe 
durch Eurykleia aus rücksicht auf sein % streichen muste. eigen- 
tümlich ist diesem gedichte der liirte Philoitios, eine dublette des 
Eumaios, und dieser heifst ein Eephallene im v, wodurch sich 
deutlich die spur des dichters von cd auch in einem teile zeigt, 
den der bearbeiter nach fremden motiven, so gut er konnte, selbst 
gestaltet hat. überhaupt ist es ja eine folgerung, die sich von 
selbst ergibt, dafs in den erzeugnissen des bearbeiters, die in % v 
vorliegen, wie von den stücken, die er von der vorläge, welche bis 
zur mitte von % reicht, abschnitt, um die andere, in <p — cd vor- 
liegende, anzustücken, so von dieser letzteren einzelne reste sich 
verbergen müssen, die ganze handlungsweise des bearbeiters ist 



zeugt, ovit kann dreimal gesetzt werden, das geht wol, aber dann tritt für yag 
(in der bekannten weise die qualificirung öat/uonos begründend) ein unmögliches 
aga ein. an xaq glaube ich überhaupt nicht. 



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DER SCHLÜSS UNSERER ODYSSEE 79 

verstandlich geworden, er folgte von v bis zur mitte von % einer 
darstellung, die darin gipfelte, dafs Penelope vor dem freiermorde 
den Odysseus erkannte, so dafs das wettschiefsen abgekartetes spiel 
war. wettschiefsen und freiermord aber wollte er aus einer andern 
vorläge nehmen, g> — co: weshalb er das wollte, ist weder zu sagen 
noch zu fragen, deshalb muste er flicken und einen Übergang her- 
stellen, er begann damit, Eurykleias entdeckung im % der Pene- 
lope vorzuenthalten, und dafür die parallele scene der waschung im 
X zu entfernen, die begegnung mit Penelope benutzte er zur Vor- 
bereitung des <p. den morgen aber des entscheidungstages erzählte 
er, nachdem er die nacht aus fremder quelle genommen hatte (aus 
y> — od, wie wir sehen werden), teils vordeutend, durch einführung 
des Philoitios (auch aus <p — a>), teils rückdeutend, durch die mord- 
pläne der freier (auf n) und die einführung des Theoklymenos 
(auf o). ganz verständlich wird nun das misverhältnis zwischen 
n und x ia betreff des waffenversteckens und des mägdegerichtes. 
Vorbereitung und ausführung gehören verschiedenen gedichten an. 
die stücke des bearbeiters am anfang und in der mitte von % 
stellen einen versuch der vermittelung dar, zu dem die not zwang, 
das n aber bereitete natürlich die fortsetzung vor, die auf den 
echten teil von % folgen sollte und ehedem gefolgt ist; der dichter 
von n gab für sich die exposition. ganz verständlich ist, dafs 
Odysseus nicht entzaubert wird: denn in dem gedichte y — cd ist 
er gar nicht verzaubert, das unglückliche sein selbst vergessen 
Kirchhofs ist keinem dichter mehr vorzuwerfen, der bearbeiter 
hat nur widersprechendes zusammengefügt. 

Nach dieser richtung also ist ein reinliches resultat erzielt. 
n — cd, das letzte drittel der Odyssee, ist, soweit es den bearbeiter 
angeht, analysirt. nur für den letzten act, die letzte bearbeitung, 
ist solche reinlichkeit des resultates überhaupt zu erwarten, 
weiterhin würde das nur in dem falle denkbar sein, dafs die vor« 
lagen des bearbeiters selbst nicht schon durch den complicirten 
procefs einer bearbeitung entstanden wären, das ist bei dem ge- 
dichte, dessen reste g> — cd vorliegen, nicht der fall, wie sich ge- 
nugsam darin zeigt, dafs cd eine jüngere fortsetzung von <p x ist, 
die mit denselben durch die sehr geringhaltigen stücke des xfj 
zusammenhängt, indessen ist es geboten zunächst inne zu halten 



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80 14 

und zu ermessen, welche Voraussetzungen g> — a> als ganzes machen, 
das ist die jetzige Odyssee von c— p, die im tp recapitulirt wird, 
dagegen nicht v — t, denn Odysseus ist hier nicht verzaubert, statt 
des wurfes des Antinoos oder Eurymachos tritt der des Ktesippos 
ein (den der bearbeiter in t; nachgedichtet hat), statt des ver- 
ständigen Amphinomos, der hier fällt wie andere auch, nur unter 
den ersten (% 89, von Telemach fiel er auch nach a 156), der ver- 
ständige Leiodes (y 143) ; hervortritt sonst der vorher unbekannte 
Agelaos, anderes ist schon erwähnt, wie viel das gedieht ur- 
sprünglich umfafste ist nicht zu sagen: aber die recapitulation von 
e — p im tp verliert ihre grofse Verkehrtheit, sobald sie nicht in 
demselben gedichte erscheint, also ist anzunehmen dafs wirklich 
nur die räche des Odysseus der inhalt war. 4 ) die Telemachie ist 
zwar als fundgrube für zu borgende verse reichlich ausgenutzt, 
auch ein freier, Leiokritos, oder vielmehr Laokritos, entstammt ihr 
ix 294, ß 242), es findet sich auch nichts grade widersprechendes, 
aber ein bezug auf sie ist direct nicht vorhanden, also ist auch 
sie von dem körper des gedichtes fern zu halten, dasselbe 
braucht nicht mehr als den aufenthalt des Odysseus in seinem 
hause, Verständigung mit Telemachos, Verhöhnung durch die 
freier, entfernung der waflfen vor g> enthalten zu haben, das 
genügt nun aber um die zweite Nekyia auszusondern, wie das 
bisher ohne beweis geschehen ist: denn in dieser wird nicht blofs 
die reise des Telemachos erwähnt (co 151) und zwar in der jetzigen 
fassung von n (das widerspricht der Telemachie des nächsten ca- 
pitels nicht), sondern ausdrücklich erzählt, dafs Penelope das 
wettschiefsen auf befehl des Odysseus veranstaltet hätte: das ist 
also die fortsetzung des t, die der bearbeiter gestrichen hat, weil 
sie mit <p % stritt, und steht mit g* % im schärfsten Widerspruche, 
da die zweite Nekyia ohne spuren zu hinterlassen entfernt werden 
kann, so ist nicht sicher zu sagen, ob sie der bearbeiter eingefügt 
hat, oder etwa als erweiterung vorfand: verfafst kann er sie nicht 
haben und später kann sie auch nicht sein, da sie die von ihm 
zerstörte form der handlung voraussetzt. 



4 ) Wenn v— r mit t—/u zusammengehören, so ist das so zu formuliren, dafs 
<p—u) nur auf den teil bezug nehmen, dem sie keine parallele zur seite stellen. 



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DER SCHLUSS UNSERER ODYSSEE 81 

Diese unterschiede des gedichtes y— w von v — % mit seiner 
zu praesumirenden fortsetzung sind charakteristisch genug; aber 
die ähnlichkeit geht doch viel weiter als die Verschiedenheit, ge- 
meinsam sind nicht nur die meisten personen, sondern auch so 
detaillirte züge wie mägdestrafe, Waffenversteck, narbe durch 
Waschung entdeckt, handlung am Apollonfest, wettschiefsen. 
solche züge gibt nicht die sage, sondern die gestaltende dichter- 
kraft sie sind beiden gedichten gemeinsam, entweder weil eines 
von dem andern abhängt, d. h. eine jüngere dublette des andern 
ist, oder weil beiden ein gemeinsames original zu gründe liegt, 
im allgemeinen wird man nicht verkennen, dafs die in y— cü vor- 
liegende anwendung der motive eine weit äufserlichere ist, wie 
der poetische wert dieser teile, ganz weniges abgerechnet, wo die 
motive unverwüstlich waren, wie beim beginn des freiermordes und 
der ersten begegnung danach mit Eurykleia, sehr viel tiefer steht 
als in ? <r oder gar %. wettschiefsen als vorbedachter plan oder 
als einfall Athenas, der neumond als von Odysseus festbestimmter 
tag, der auch das wettschiefsen motivirte, oder als zufälliges 
da tum, fufswaschung als mittel der erkennung oder als bestäti- 
gung: das ist ja alles unzweideutig. g> % ist wirklich häufig 
nicht besser als a>, und der dichter von a> hat hier schwerlich 
sehr viel von seiner vorläge unverändert erhalten, nur darin ist 
das altertümlichere bewahrt, dafs die Verzauberung des Odysseus 
fehlt: aber sie fehlte ursprünglich auch in t. zeitlich ist das cd 
schon oben dem bearbeiter nahe gerückt; schwerlich kann man 
über das siebente Jahrhundert hinaufgehen; auch als ort der ent- 
stehung ist das mutterland, Euboia oder Korinth, mit Sicherheit 
wegen des geographischen horizontes anzunehmen. 6 ) 

Und doch steckt in diesem jungen gedichte ein stück, welches 
ich nicht anstehe als lauterste und schönste poesie und als älter 
zu bezeichnen als jedes der gröfseren epen, die sich uns als vor- 
läge des bearbeiters ergeben werden, die Wiedererkennung des 
Odysseus und der Penelope. dieselbe enthält allerdings sehr viele 



*) Aristobul und andere haben den vers % 412 oty oaltj xxa^ivoiatv ln % 
dvÜQaow evxeraao&a* als vorläge von Archilochos 64 ov yng io&ka xar&avovai 
xtQioutiy in* ävSgdaiy bezeichnet, das ist nicht zwingend und könnte auch auf 
die Torlage Ton cp—o) gehen. 

Philolog. Untersuchungen VII. £ 



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82 14 

verse. die in anderen relativ guten partieen, namentlich % wieder- 
kehren (vgl. oben s. 51, 65), aber da die verse hier wie dort vor- 
trefflich an ihrem platze sind, so ist das für die entscheidung 
nicht verwendbar. 6 ) das ist allein der inhalt. 

Eurykleia weckt Penelope mit der frohen botschaft ,Odysseus 
ist da und hat die freier getötet 4 , diese weist das entrüstet als 
einen unpassenden scherz ab. doch die alte läfst sich nicht irre 
machen. ,ich höhne dich nicht; all 1 itvfjiov %oi ijA#' 'OSvaevg xal 
olxov Uaverat, wg dyoqevw [o gelvog %6v ndvteg ättfmv iv (ieyd- 
qoksiv], Trjlefia%os tfäqa fiiv gctet ndlav svdov iovra, aber er be- 
herrschte sich, bis die räche gelungen war*, da glaubt ihr Pene- 
lope beinahe, umarmt die alte und fragt nur, ,wie hat er vermocht 
die freier zu bezwingen? 4 „das weifs ich nicht; ich habe nichts 
gesehen, bis Telemachos mich rief; da fand ich Odysseus unter 
den leichen. jetzt reinigt er das haus und läfst dich rufen: so 
komme zu ihm 44 , nun bezweifelt Penelope freilich nicht mehr 
den tod der freier, aber sie bezweifelt dafs Odysseus sie erschlagen 
habe; das werde vielmehr ein rächender gott gewesen sein, doch 
dagegen führt Eurykleia die narbe an, die sie eben beim waschen 
bemerkt hat. endlich entschliefst sich Penelope, wenn auch noch 
zweifelnd, hinabzusteigen, findet Odysseus und sieht ihn schweigend 
an. Telemachos fahrt auf, aber Odysseus gibt ihr zeit und das 
mittel an, sich durch eine Versuchung zu überzeugen. 

Ich habe den einen vers, 28, als unecht, d. h. vom dichter 
von to herrührend bezeichnet. 7 ) er steht mit allem übrigen in 
Widerspruch. Penelope erwägt nirgend die identität des Odysseus 
mit dem bettler, sie so wenig wie Eurykleia könnten so reden, 
wenn sich Penelope und Odysseus je begegnet wären. Eurykleia 

*) Characteristisch ist \p 72 = £ 150, wo aliv die priorität von \p unweiger- 
lich erhärtet. 

"0 Berührungen mit / sind natürlich und häufig, aber wenn Penelope, die ein 
göttliches gericht annimmt, sagt ,die freier achteten keinen, hoch noch niedrig, der 
zu ihnen kam, und diesen frevel haben sie gebüfst' (\p 65. 66), so ist das eine idee, 
die dem verwandt ist, was die freier selbst q 485 äufsern, als Antinoos den bettler 
wirft: aber dem Odysseus stehen diese selben verse (x 414—16) nicht an. er 
sagt Tovsfo (f« fuotQ iödjuaaae ötcav xai <r/lrAf<« tyy«, und versteht unter den 
freveln ihre taten an Penelope, Telemachos und ihm, nicht dafs sie niemand, der 
zu ihnen kam, geachtet hätten. % 414—16 ist interpolation aus \Jj. 



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DER SCHLÜSS UNSERER ODYSSEE 83 

müste doch sagen ,der fremde, der sich zum wettschiefsen ge- 
meldet hat*, und Penelope ,der fremde sieht dem Odysseus aber 
gar nicht ähnlich. 4 der vers ist aber auch stümperhaft angeflickt 
'Odvtfevg olxov ixdvercu, 6 %eTvog tov ndvteg au/uan?: wer redet 
so? und der folgende, Ttjkfyaxog piv jjiei, sviov iovra, geht nur 
auf 'Odvooevg; wenn der bettler überhaupt erwähnt ward, so muste 
gesagt werden, dafs Telemachos fiw jjdei tov iovra, dafs er die 
identität des bettlers mit Odysseus kannte, der bettler war doch 
im hause nicht verborgen, dieser vers ist also ein zusatz des 
dichters, der mit dieser schönen scene, die er übernahm, das g> 
vereinigte, in dem Penelope den bettler kennt und verteidigt, 
eben so wenig wie den bettler Odysseus kennt diese scene das 
wettschiefsen. es ist doch schon seltsam, dafs Penelope sich um 
den erfolg desselben so gar nicht kümmert, dafs überhaupt vom 
<p in dem ganzen %p nicht mehr die rede ist. hier war die hand- 
lung eine viel einfachere: Odysseus hat sich heimlich in seinen 
palast zurückgefunden und nur mit seinem söhne sich verständigt; 
Penelope hat ihn nie gesehen, es gelingt ihm in wunderbarer 
weise der freier herr zu werden, dem gesinde macht er sich 
durch die narbe bekannt, der gattin durch die in tfj erzählte neloa. 
dieses ganz einfache gedieht, von dessen trefflichkeit die erhaltene 
scene den höchsten begriff gibt, ist von dem dichter von t/> — cd 
benutzt für den schlufs von % und den anfang von \p. denn auch 
die netoa dürfen wir dahin ziehen, sobald wir die für cd nötigen 
nachdichtungen entfernen, nur haben diese (abgesehen von den 
auf das bad bezüglichen zutaten des bearbeiters) in den versen 
117 — 176 so tief geschnitten, dafs es nicht mehr möglich ist den 
Übergang herzustellen, der von der aufforderung zu einer nstoa 
zu dieser selbst führte: diese liegt in dem befehle Penelopes, dem 
Odysseus das bett hinaus zu schaffen, wahrscheinlich aber ward 
der Übergang durch das bewirkt, was notwendig vorher erzählt 
sein muss, nämlich wie Telemachos und die knechte (so weit die- 
selben im alten gedichte vorkamen) zu bette giengen. der inhalt 
des gespräches der gatten duldet diese zeugen keinesfalls. 177 
bis 240, Odysseus zorn, dafs sein bett verstellt sei, und Pene- 
lopes freude, die in dem schönen gleichnis gipfelt, dafs sie sich 
über ihren gatten freute wie der schiffbrüchige über das land, 

6* 



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84 14 

(schön, weil das gleichnis im eigentlichen sinne auf Odysseus zu- 
trifft) sind des alten gedichtes würdig. 8 ) mit 241 setzt, wie sich 
schon oben gezeigt hat, die nachdichtung ein. 

Mancher wird geneigt sein, mit 240 zu schliefsen. aber da war 
das gefühl alter und neuer kritiker richtiger, die die Vereinigung 
der gatten erst da für abgeschlossen halten, wo sie acnaatoi 
lixtQoio nalaiov bsaiidv Xxovto 296 : der vers, den der geschmack- 
volle Phalereer wegen seiner <f(og>Qo<svvri mit recht bewundert hat. 9 ) 
es sind auch noch die verse 289 — 96 disponibel, diese bieten in ihrer 
jetzigen gestalt einen anstofs in sich, zwei alte weiber, Eurynome 
und Eurykleia machen das bett, und von ihnen wird die eine 
(Eurykleia) der andern als yqrivg entgegengestellt (292), was, ob- 
schon sie älter gewesen sein wird, unmöglich passend genannt 
werden kann. Kirchhoff hat deshalb den vers verworfen, der 
doch für die glatte construction und einfache erzählung unerläfs- 
lich ist. von diesen beiden alten dienerinnen verwendet <p — a> 
Eurykleia allein. Eurynome stammt aus dem t, dem sie das 
q (495), die Penelopeepisode des tf, und der bearbeiter, dieser 
auch im xp (154), verdankt, das ist nach dem was über die bade- 
scene ermittelt ist für das alte xfj unverbindlich, und überhaupt: 
Penelope hat eben zu Odysseus von ihrer d'aXa^tjnöXog ^Axtoqig 
geredet: wenn jetzt EvQvvöfxrj ^aXafitjnöXog heifst, 293, und be- 
sorgt, also weifs, was Aktoris allein wissen soll, so müssen wir 
wol oder übel annehmen, dafs Aktoris xata to aimnvofisvov 
mittlerweile verstorben und Eurynome in ihr amt getreten ist. 
da das torheit ist, so ist der schlufs berechtigt, dafs Aktoris in 
dem alten gedichte und in g> — cd die gatten wirklich auch zu 
bett brachte, aber vom bearbeiter, der ihre stelle in den büchern 
qotv an Eurynome vergeben hatte , mit dieser vertauscht ist. 
setzen wir Aktoris an ihren platz, so erhält yqiqvg als bezeichnung 
Eurykleias bedeutung, denn Aktoris ist der Penelope gleichalterig 
zu denken, so also lauteten ehedem, noch im gedichte g> — co, die 
verse, die ich aber gleich an 240 heranrücke, wie sie im alten 
gedichte standen: 

8 ) Abgesehen von 218—24, die die alten mit recht verworfen haben, sie 
sind noch junger als der bearbeiter. 

") Stob. Fl. V. 59, schol. Soph. Aias 492. mich dünkt, es kommt öfter vor. 



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DER SCHLÜSS UNSERER ODYSSEE 85 

240. SeiQrjs foimm ndfinav äcpieto nijxM Xevxw. 
289. %6(fqa <T ätf EvQvxXeia xal 'Axiogig evivov evvrjv 
i(S\Hjto$ [AaXaxrjg SatSwv vno Xafinofxevdwv. 
avxäq inel (Sroqsaav nvxwbv li%og eyxoveovticu, 
yQ^vg (iev xeiovoa ndfav oixovde ßeßrjxei, 
zolaiv foTQtiQrj $aXafX7)n6Xog rjyefxovevev 
€QXOfi€voi(St Xexoads, ddog fista %eqchf i%ov<ta. 
295. ig Sdlaiiov tfdyayovüa ndXiv xiev di fiev errettet 
äöndaioi Xexxqoio naXcuov $e<ffxöv Xxovxo. 
die verse sprechen für sich selbst, nicht im gedieht g* — co, aber 
im alten gedichte haben sie den schlufs gebildet: zwar keinen 
anfiang einer alten Odyssee, aber von einer wenigstens besitzen 
wir das ende. 

Wenn wir nur mehr von ihr hätten! ein stück glaube ich, 
allerdings auch nur in der doppelten Überarbeitung des dichters 
von y— cd und des bearbeiters, aufzeigen zu können: das oben 
ausgesonderte stück des v, das die nacht schildert, in der 
Odysseus unerkannt im eigenen hause nahe seiner gattin ruhtj 
die im träume die nähe des gatten spürt, und den morgen, wo 
sie mit ihrem Jammer früh im bette aufsitzt und er, ratlos wie 
das schwere werk gelingen soll, den himmel, seinen einzigen 
bundesgenossen, nicht erfolglos um ein zeichen bittet, (vgl. s. 63). 
hier ist derselbe unbestimmte hintergrund wie im ip, ohne bezug 
auf irgend etwas in den andern erzählungen von Telemachos, 
Eumaios, Eurykleia; dieselbe ungewifsheit ruht über dem freier- 
mord, dessen gefährlichkeit und bedeutung dadurch mehr gewinnt 
als durch die zahlen des n und die metzelei des g, endlich die- 
selbe tiefe der empfindung für gattenliebe und gattensehnsucht. 
dafs die ergebnisse der analyse von % — o>, die nun abgeschlossen 
ist, die herleitung dieser partie aus dem gedichte, von dem y — co 
erhalten ist, fordert, ist nicht nötig auseinanderzusetzen, dafs es 
dann sehr nahe liegt, die vorläge dieser scene mit der des xp zu 
identificiren, leuchtet auch sofort ein: aber eine Verbindung beider 
scenen kann nicht mehr hergestellt werden. 



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5 
TELEMACHIE UND ODYSSEE 



Die analyse des a hat in ihren consequenzen über r — cd licht 
geschafft, dieselbe hat aber auch für q das erste und wichtigste 
geleistet, es hat sich ergeben, dafs q (abgesehen von der zutat 
des bearbeiters 31 — 166, die die Telemachie fortführen soll) ver- 
fertigt ist um <r und % mit J n zu verbinden, zwar teilweise mit 
benutzung der fortsetzung von J rc, da diese gedichte in sich 
keinen abschlufs haben, aber meistens nur durch Wiederholung 
und ausführung von motiven aus a %. es ist also eine poesie, 
die von den elaboraten des bearbeiters nur graduell verschieden 
ist. hier setze ich jetzt, nach erledigung der bücher t — co, wieder 
ein, und stelle zunächst zusammen, wodurch q mit £ und n zu- 
sammenhängt, und worin es ihnen widerspricht. 

Odysseus ist verwandelt wie in v%n; aber die Übereinstim- 
mung ist nicht genau, er erbittet sich q 195 von Eumaios einen 
stock, obwol ihm Athena v 427 einen gegeben hatte, den er aus 
furcht vor den hunden auf die erde geworfen (5 31), aber zweifels- 
ohne wieder aufgenommen hatte, es ist hier also eine kleine 
differenz, wie sie ähnlich auch zwischen n und v besteht, denn 
v 431 hat Odysseus blonde hare, n 176 schwarze, der aufenthalt 
bei Eumaios, wie ihn £ schildert, ist im allgemeinen Voraussetzung 
für q, auch sind q 427 — 41 aus £ entlehnt, gleich wol referiren 
q 442. 43 nicht genau über J, und q 521 — 27, die aus % stammen, 
treten dazu sogar in Widerspruch, aufserdem gibt Eumaios q 515 



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TELEMACH1E UND ODYSSEE 87 

drei tage und drei nachte als die zeit an, die der fremde in seinem 
hause zugebracht habe, eine nachrechnung, die o mitzählt, er- 
gibt vier nachte, das kann man aber für irrelevant halten, 
da nur von dreien ausführlich geredet wird, die vierte, die dem 
nachtlager des Telemachos in Pherai o 187 entspricht, wird erst 
durch rechnung gefunden, in keiner weise ist q 515 erklärlich, 
wenn man etwa den anfang von n gleich an das ende von 5 
rückt. Eumaios warnt q 595 den Telemachos vor nachstellungen; 
das kann nur auf grund der anschlage geschehen, die von den 
freiem n 371—448 gemacht werden, sonst findet es keine be- 
ziehung. eine ähnliche Voraussetzung macht der dichter der 
Penelopeepisode c 167, aber ganz im allgemeinen, ausführlich 
handelt der bearbeiter im v davon, wie wir wissen, eben auch 
auf grund der scene des n. 

Ganz besonders characteristisch für eine reihe dieser scenen 
ist die Jahreszeit, es ist winter. § 457 ist eine vt)J (fx<no[xrjvios ; 
Odysseus friert bitterlich in seinem bettlerrock, Eumaios nimmt 
auf die nachtwache aufser einem mantel noch einen pelz mit 
(£ 530). ein par tage darauf ist reif gefallen, und der bettler 
kann in der morgenkälte nicht über land gehen, sondern wartet 
die mittagssonne ab (q 25. 191). in der halle hält er sich am 
feuer, das reichlich entzündet ist und bei dem die freier zechen; 
es ist offenbar früh dunkel geworden. Melantho weist den bettler 
in eine warme schmiede (<s 332 vgL die anmerkung s. 35). als 
Penelope kommt, wird frisches feuer gemacht, nicht blofs zum 
leuchten, sondern auch zum wärmen (t 64), und Penelope gebietet 
dem fremden ein gutes lager zu bereiten, damit er nicht friere 
(t 319). mit dieser Jahreszeit streitet die seefahrt des Telemachos 
und der freier so sehr, dafs sie als ganz unvereinbar bezeichnet 
werden muss. aber auch das n enthält nirgend eine andeutung 
über das wetter. 

Derselbe realismus, doppelt angenehm in dieser weit von 
ziemlich conventioneilen heroentypen, und ohne frage desselben 
dichters zeigt sich in einer wenigstens für meine empfindung 
äufserst characterischen eigentümlichkeit dieser gedichte, oder viel- 
mehr einzelner ihrer teile, die hunde und ihr gebaren werden 
anschaulich und anmutig geschildert. Odysseus hat mit den 



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88 15 

hunden des Eumaios seine liebe not (J 26), wie es wol auch jetzt 
noch einem einsamen wanderer in Griechenland geht, den Tele- 
machos aber respectiren die klugen tiere als den herrn, so selten 
sie ihn auch gesehen haben mögen (n 6. 27), denn ein guter 
hofhund jagt den bettler und den bummler weg; wer zu seinem 
herrn gehört, das merkt er. die hunde sind auch klüger als 
die menschen: der zauber bindet sie nicht (vgl. Grimm Mytho- 
logie 2 632). als Athena dem Telemachos verborgen erscheint, 
sehen sie die hunde und verkriechen sich knurrend in den winkel 
(n 163), und der edle Argos senkt grüfsend sein behänge vor dem 
heimkehrenden herren, den der zauber für hausfrau und gesinde 
unkenntlich macht (q 302). die scenen hat ein hundefreund ge- 
dichtet: das ist etwas rares unter den antiken poeten. 1 ) 

Diese beobachtungen ergeben etwas in sich widersprechendes; 
die bücher hängen bald zusammen, bald schliefsen sie sich aus: 
es ist unmöglich ein stück herauszunehmen, ohne dafs das ganze 
zusammenbricht, und doch sind die teile von verschiedenem werte, 
wie es auch mit ihnen stehen mag: soviel ist klar, dafs mit einer 
einfachen aussonderung hier nicht durchzukommen ist. 

Die Voraussetzung für die handlung von q ab, die haupt- 
handlung, auf die auch vjo hinstreben, ist die erkennung zwischen 
Odysseus und Telemachos. offenbar wird Odysseus nur deshalb 



>) Nur die beiden gröfsten denken darin wie Homer, nicht wie Göthe: Piaton 
und Aischylos, die mit liebe und sachkunde ihre gleichnisse von den hunden 
nehmen, die Athenerinnen und Athener liebten freilich ihre treuen genossen, die 
xvvldia futhiala und die /uoXotjoI, wie die vasen und grabsteine zeigen (der 
treueste aller hunde liegt noch heute trauernd auf seines herren grab vor dem 
thriasischen tore). Verehrer von sport und turf, wie Xenophon, behalten auch in 
der litteratur ihre neigung bei, aber im allgemeinen hat die poesie zur tierweit 
kein rechtes Verhältnis. Pindar und die meisten lyriker, Sophokles und Euripides 
halten sich in den convenlionellen redewendungen, die auch den meisten home- 
rischen dichtem geläufig sind, die löwen und die eber, die nachtigallen, schwane 
und adler treiben in der poesie ihr blutloses dasein wie in der kunst, seit die 
archaische zeit sie in beiden stilisirt hat. auch Theokrit, der seine salonmenschen 
wenigstens gut als hirten zu drapiren versteht, bringt es mit allen kälbchen und 
zicklein, sicilischen Schakalen und löwen zu keiner einzigen characteristischen figur. 
dagegen sind die hunde hübsch geschildert in dem epos, das man Theokrit 25 
nennt: aber dieser dichter hat das £ copirt. es liefse sich da noch viel sagen, 
was mir merkwürdig genug vorkommt A. E. hätte dafür sammeln sollen. 



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TELEMACHIE UND ODYSSEE 89 

von Athena nach dem gehöfte des treuen hirten dirigirt, damit 
er dort in ruhe mit seinem söhne sich besprechen kann, ganz 
ebenso wird Telemachos von Athena ebendahin dirigirt, damit er 
seinen vater treffe, aber die verse, welche diese handlung Athenas 
erzählen, sowol im v wie im o, sind von Kirchhoff mit vollstem 
rechte für Zusätze des bearbeiters erklärt, das n, in welchem 
die erkennungsscene steht, nimmt gleichermafsen auf das v (nament- 
lich n 155— 176, doch mit dem Widerspruch in der haarfarbe 2 )) 
und das £ (namentlich 61 — 67) rücksicht, wie auf das o. denn 
Telemachos kommt von Pylos (21. 24. 131. 321—475). nur an 
einer stelle ist eine spur eines anderen Zusammenhanges unver- 
kennbar und richtig von Hennings und Kirchhoff hervorgehoben. 
Eumaios sagt zu dem ankommenden Telemachos im selben atem, 
in dem er ihn wegen der heimkehr aus Pylos beglückwünscht 
,du kommst so selten aufs land, dir beliebt es ja auf das freier- 
getreibe zu sehen*, diese drei verse (27 — 29) können freilich nicht 
aus derselben Vorstellung wie ihre Umgebung gedichtet sein, so 
hat denn Kirchhoff, der richtung, welche diese verse anzugeben 
scheinen, folgend, den versuch gemacht, das ganze o und aufser- 
dem alles in v £ n q, was auf die reise des Telemachos bezug hat, 
als zutat des bearbeiters zu entfernen, und hat dem entsprechend 
das fehlende zu ergänzen versucht, nach ihm verlief die hand- 
lung so: Athena verwandelt den Odysseus und schickt ihn zu 
Eumaios, erscheint dem Telemachos im träume und gebietet ihm, 
auf den schweinehof zu gehen, aber den Eumaios gleich zu seiner 
mutter zu schicken, das geschieht, und nun schliefst das n an. 
man kann sich das gefallen lassen, obwol die entfernung des für 



*) Die verse n 157. 58 = v 289. 90 sind zu streichen, im v wirft Athena 
ihre maske ab und erscheint, wie sie sich den menschen offenbart, als ein schönes 
grofses kunsterfahrenes weib. im n hat sie keine maske; die gestalt, obwol sie 
so zu denken ist, wie die verse sie schildern, war also hier nicht zu be- 
zeichnen, übrigens ist es sehr characteristisch für den unterschied der ionischen 
von der attischen (und korinthischen) Athena, dafs sie als 'OQyävij (wie der name 
auf Delos lautet) nicht als kämpferin erscheint, wenn sie ihre gewöhnliche gestalt 
hat in Athen nimmt ihr erst die kunst der perikleischen zeit die rüstung, die 
sie doch meist attributiv wenigstens zum teil behalt, aber die reichsgöttin ist sie 
dann in dem typenschatz der alten und neuen zeit geblieben. 



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90 15 

den dvayvooQiCfiög lästigen Eumaios sehr wunderlich motivirt ist, 
während es dem dichter frei stand, ihn einfach dadurch, dafs er 
zu seinen Schweinen gieng, loszuwerden, aber mislich ist, dafs 
das echte n nun ein sehr dürftiges gedieht wird; es soll nach 
321 nur noch 452 — 56, 477—81 enthalten, mit andern worten, es 
soll weder der dichter von dem gange des Eumaios etwas er- 
zählen, noch Eumaios über den erfolg seines ganges bericht er- 
statten, was Kirchhoff von n nach 321 übrig läfst sind die 
schalen; den kern wirft er weg, weil er ihm nicht pafst. das ist 
nicht die rechte art nüsse zu knacken, es ist nicht anders: das 
7r, wie es ist, ist ganz untadelhaft, es klafft keine lücke darin, 
und die erzählung wechselt zwischen der stadt und dem schweine- 
hofe sehr geschickt, sie versteht es, Wiederholungen zu vermeiden 
und orientirt doch alle interessirten personen eben so ausreichend 
wie den leser. gleichwol fällt sie der hypothese Kirchhoffs zum 
opfer. in Wahrheit ist eine hypothese, die solche opfer fordert, 
dadurch widerlegt, und ist auch hier der poetische wert, der die 
von Kirchhoff verworfenen stücke des n weit über erzeugnisse 
des bearbeiters wie etwa q 31 — 166 erhebt, ein factor, den aufser 
rechnung zu lassen sich rächt, der Widerspruch, in dem n 27 
bis 29 zu der Pylosfahrt des Telemachos stehen, bleibt nichts 
destoweniger bestehen, aber er rückt von selbst in eine linie mit 
den oben hervorgehobenen misständen innerhalb v— t. 

Mit dem n % wie es ist, ist die heimkehr des Telemachos von 
Pylos, ist die Telemachie mit in die handlung gezogen, die 
prüfung muss sich unweigerlich auch auf o ausdehnen, hier bin 
ich zunächst in der angenehmen läge, im wesentlichen nur Kirch- 
hoffs deduetionen zu folgen, ich betrachte es als erwiesen, dafs 
der dichter der Telemachie ursprünglich den aufenthalt des Tele- 
machos in Sparta ohne Unterbrechung zu ende erzählt, und erst 
der bearbeiter e — £ dazwischen geschoben hat, eingefafst von den 
füllstücken, die jetzt das ende von S und den anfang von o ein- 
nehmen, es gilt die ursprüngliche erzählung zu verfolgen. 

Nachdem Telemachos in Sparta eine nacht geschlafen hat, 
besucht ihn Menelaos am frühen morgen, erleichtert dem schüch- 
ternen jungen manne die frage nach dem vater und steht ihm 
ausführlich rede, er schliefst mit der aufforderung zehn bis elf 



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TELEMACHIE UND ODYSSEE 91 

tage noch zu verweilen und dann mit reichen geschenken, darunter 
ein wagen mit bespannung, heim zu kehren. Telemachos er- 
widert mit vollendeter höflichkeit 3 ) ablehnend sowol in betreff 
so langen verweilens als auch in betreff der pferde. wann er fort 
will, sagt er nicht, geschweige dafs er gleich aufbräche, nur zehn 
tage sind ihm zu lange; er hatte vorgehabt höchstens zehn tage 
überhaupt fortzubleiben {ß 374 befiehlt er Eurykleia am elften oder 
zwölften seines ausbleibens die mutter zu benachrichtigen, offenbar 
hofft er eher zurück zu sein), jetzt ist er fünf fort und braucht 
noch drei zur heimreise, zu tun hat er nichts mehr, also ist sein 
aufbruch allerdings unmöglich fern. Menelaos freut sich über die 
artige und doch entschiedene rede, verspricht auch die pferde 
gegen einen silbernen mischkessel umzutauschen 4 ) — da bricht 
das gedieht ab; i 620. Menelaos muste unbedingt in betreff der 
abreise noch etwas sagen ; seine rede ist also unvollständig, es folgt 
ganz unklares gerede des bearbeiters, das zu einer andern scene 



3 ) Man ist versucht courtoisie zu sagen, denn sein gebahren tragt den Stempel 
ausländischer orientalischer höflichkeit ,auch wenn ich ein jähr dir zuhören sollte, 
würde ich mich nicht nach hause sehnen*. ,was du mir auch schenkst, wird mir ein 
xtifAtjXtov sein 4 , die homerischen personen, namentlich in der Odyssee, aber auch 
im V I &, benehmen sich mit nichten wie naive naturkinder, sondern hofisch 
wie die grund barbarischen recken auch im deutschen volksepos. die freie mensch- 
lichkeit, die erst seit Kleisthenes und Aischylos in Athen offen zu tage tritt, birgt 
sich unter fremder politesse. auch die sitte dieser menschen ist in dieselben 
bände geschlagen, wie ihre kleidung, ihr hausrat, ihr schmuck, wir müssen sie 
doch denken gekleidet und überhaupt stiu'sirt, wie die ältesten vasen sie zeigen, 
oder noch besser ihre gräber. Flaxman, Carstens, Preller illustriren den Homer, 
wie er Wood und Lessing, Herder und Göthe erschien, gott sei dank war dieses 
orientalisiren nur ein fremder zopf: das ionische herz war natürlich geblieben, wie 
das ionische meer. aber tief in die eultur der Jahrhunderte 8, 7, 6 hat dieses 
stilisiren der freien menschlichkeit doch sich eingefressen, und für manche dichter, 
selbst den grofsen Pindaros, ist es ein Verhängnis geworden. 

4 ) Es ist mir unbegreiflich, wie Kirchhoff die verse 6 613—19 hat verwerfen 
können, um dagegen o 113—19, wo dieselben stehen, zu behalten. ,ich will dir 
einen schönen mischkessel geben, sagte Menelaos und gab ihm einen becher 1 . die 
albernheit der Wiederholung haben G. Hermann und Hennings vollkommen richtig 
beurteilt, aber aus unserem texte, der die bearbeitung gibt, können die verse 
nicht herausgeworfen werden: die beschreibung steht jetzt durch zehn bücber ge- 
trennt von der Überreichung des kesseis. deshalb wiederholte sie der bearbeiten 



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92 15 

desselben überleitet. 5 ) vom o verwirft Kirchhoff 1 — 74, und von 
denen ist auch nichts zu halten, die erscheinung Athenas in 



6 ) Man kanD es den alten erklärern nicht verdenken, dafs sie schwankten, 
ob die verse 621—24 nach Sparta oder Ithaka gehörten, gemeint ist Sparta: es 
soll ja der abbruch des gespräches motivirt werden, die schmausbrüder (datTv/u6yet) 
kommen zum tQavoq. gedacht ist aber nicht sowol an einen (qovoc als an die 
Mptta, die gemeinsamen male in Kreta und Sparta, die wir mit modernerem 
namen tptidltta nennen, es ist aber fraglich, ob der bearbeiter sich mit ihrer 
einführung sehr vergriff; auch d 66 erhält Menelaos das prachtstück des rinder- 
bratens als ytga;. das entspricht genau der lakonischen sitte. dafs 642 aus <a 
402 stammt, vgl. oben s. 71. — die einführung der doppelhochzeit im eingange 
des cf ist in der tat so seltsam , dafs man die atbetese des Diodoros (Athen. V 
181) begreift, zumal im folgenden sehr viele unechte verse sind, nicht blofs 
Wiederholungen (21, 45, 46, 57, 58, 70, denn auch der muss fort) sondern auch 
Interpolationen (62-64. 94—96. 163—67) die vielleicht schon Aristarch verworfen 
hat. unter diese interpolationen, resp. entlehnungen fallen auch 15—19, die nur 
von der Aristarcholatrie, der wir alle mehr oder weniger unterworfen sind, gehalten 
werden können, denn dafs sie erst durch Aristarch in den text gekommen sind, 
d. h. bei Zenodotos und Aristopbanes fehlten, ist so ausdrucklieb und von einem 
so sachkundigen manne (dem gewährsmanne des Athenaeus) behauptet, dafs ihn 
der läge zu zeihen wirklich arg ist. und ist denn nicht dutzendweise vorge- 
kommen, dafs Zenodots Homer verse entbehrte, die die späteren, mehr material 
zuziehenden gelehrten nachtrugen, meistens im bewufstsein eine Interpolation zu 
verewigen? die Sorgfalt ihrer recensio zeigt sich grade darin, dais nun hier 
Aristarch seinen fund für gold statt für kohlen hielt, ist ein wahrhaftig verzeih- 
liches versehen, und wenn er für den Verfasser der verse ausgegeben wird, so zeigt 
sich darin eine rankune, die jedoch in der geschiebte der philologie ihres gleichen 
nur zu oft bat; auch Heinrich Stephanus sollte den Anakreon und Mynas den yv/uva- 
axixoe des Philostratos gemacht haben und einen vers der Vögel (1343) der Byzantier 
Aristopbanes, damit ein antikes beispiel nicht fehle, die unechtheit der verse hat 
jener grammatiker vollkommen bewiesen, die hochzeit aber ist nicht zu verwerfen, 
da der dichter schildern muss, in welchem zustand die gaste den Menelaos finden, 
und Eteoneus, der mit ihr zusammenhängt, so wie Megapenthes im fortgange des 
gedientes (im o) wieder vorkommen, da nun aber Diodoros so weit recht hat, 
dafs die ganze folgende erzäblung der hochzeit vergisst, so bleibt nur der ausweg, 
dafs der dichter der Telemachie eine ihm aus anderer poesie geläufige scene auf- 
gegriffen hat, um für den von ihm frei erfundenen besuch des Telemacbos einen 
Hintergrund zu finden, und die hochzeit der Hermione mit Neoptolemos ist ja 
auch ein berühmter sagenzug, den lächerlich wäre von diesem dichter erfunden 
sein zu lassen, über das andere par würden wir sicherer urteilen, wenn wir den 
Alektor kennten, dessen tochter Megapenthes heiratet, oder vielmehr, wenn wir 
wüssten, welchen wert die über ihn in den scholien gegebenen genealogien haben, 
mir scheinen sie sehr respektabel. 



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TELEMACHIE UND ODYSSEE 93 

eigener gestalt vor Telemach, ihre zwecklosen lügen, Telemachs 
einfall mit polnischem abschied durchgehen zu wollen, das ein- 
treten des Menelaos in seine Schlafstube (geborgt aus d), die bitte 
des Telemachos um Urlaub ohne versuch einer begründung, die 
sententiöse erwiderung des Menelaos (sententiös \yie die rede der 
Athena o 20, die der Penelope % 561, 591, u. ö.): das altes voll 
von entlehnten versen, zeigt den poeten von a, dem Schlüsse von 
3 und t, von t; unverkennbar, aber auch die nächsten fünf verse 
(75 — 79), in denen Menelaos den Telemach zu verziehen bittet, 
bis er die geschenke auf den wagen gelegt und ein mal bestellt 
habe, sammt einer sententiösen Verherrlichung einer reise mit 
vollem magen, gehören demselben. Kirchhoff, der sie der Tele- 
machie zurechnet, hat übersehen, dafs Telemachos im 3 weit ent- 
fernt davon war, seine sofortige abreise zu fordern, erst mit 
o 80 beginnt die Telemachie, und wirklich schliefst die rede des 
Menelaos eng zusammen. Telemachos hat die pferde abgelehnt: 
gut, sagt Menelaos, so bekommst du ein anderes geschenk. du 
willst nicht bleiben: gut, so will ich dich auf der fahrt durch den 
Peloponnes begleiten, und niemand wird dir ein geschenk weigern, 
ganz angemessen sagt Telemachos nun ,nein, ich will schon jetzt 
nach hause, denn ich habe keinen Vertreter meiner interessen 
zurückgelassen 1 . 6 ) da fügt sich Menelaos schweigend, bestellt früh- 
stück und holt die geschenke. die alten haben o 78 — 83 ver- 
worfen, teils aus nichtigen vorwänden, 3iä %6 anQBnig^ 1 ) besonders 
aber weil 'EXXdg darin Griechenland bedeutet, das fällt natürlich 



•) Die motivirung, 90. 91 gehört dem bearbeiter ,damit ich auf der suche 
nach meinem vater nicht selbst umkomme 6 bezieht sich auf den hinterhalt der 
freier, 30, »oder mir ein xnjurjXtoy fortkommt* auf die von Athena, 19, vorgespiegelte 
eventualität. Menelaos gegenüber ist freilich beides ganz unsinnig. Nauck hat 
beobachtet dafs die contrahirte form ßovko/uai qcfi? vito&ai 88 eine Singularität sei. 
er vermutet änovüo&at: aber ijcfi? ist ganz unentbehrlich. vtTa&ai sagte der 
dichter im leben, wie die meisten homerischen; die contraction war längst voll- 
zogen, dafs die epische kunstsprache in ihrem formelscbatze das veraltete hielt, 
ist sehr wahr und sehr merkwürdig: aber wundern kann man sich nicht, dafs die 
natur einzeln durchbricht, es ist ein Vulgarismus wie die vereinzelten epichorischen 
formen und messungen bei Tyrtaios und Theognis. 

7 ) Man konnte meinen, dafs Menelaos den Telemachos nicht mit mauleseln 
locken könnte (o 85), nachdem er pferde eben abgeschlagen hat (cf 601). aber so 



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94 15 

für die Telemachie weg, die viel später ist als die Hellanodiken von 
Olympia oder der Zeus Hellanios von Tenos Aigina und Sparta. 8 ) 
der abschied des Telemachos, bei dem Helene ein vogelzeichen 
auf die anwesenheit des Odysseus in Ithaka deutet, 9 ) und die 
rückfahrt ist anmutig und ganz im tone der Telemachie erzählt, 
der auch Kirchhoff diese versreihe nicht abspricht, wenn der- 
selbe den abschied von Peisistratos anders beurteilt und die grofse 
eile des Telemachos für die Telemachie unangemessen findet, 
so hat er vergessen, dafs Helene eben die anwesenheit des 
Odysseus in Ithaka prophezeit hat, so dafs dem söhn übel an- 
stehen würde sich zu versäumen, übrigens würde die annähme 
einer kürzung durch den bearbeiter die sache nur unwesentlich 
ändern, im augenblick von Telemachos abfahrt erscheint hülfe- 
flehend der seher Theoklymenos von Argos, den Telemachos mit- 
nimmt, wozu dieser seher eingeführt wird, weshalb er ein seher 
ist, erfahren wir nicht hier, wol aber am ende des buches, wo er 
ein vogelzeichen, den falken des Apollon, auf den sieg des Odysseus- 
hauses deutet, in der tat ist ein seher nur zum prophezeien da: 
entweder er ist überhaupt erst vom bearbeiter erfunden, der ihn 



wird nur denken, wer den unterschied in der Verwendbarkeit beider tiere vergifst. 
die Ithakesier halten in Elis stuterien (beim bearbeiter <f 636, der vers aus cp 23) 
offenbar weil sie es in Ithaka nicht können: das wäre ganz zwecklos, wenn sie 
nicht die maultiere brauchten. 

*) Die in sich verkehrten versuche, diese ,hellenischen* gotter aus der alt- 
lakonischen rhetra (Plut. Lyk. 6) zu vertreiben, werden wol verstummen, wenn 
man bedenkt dafs Aristagoras den könig Kleomenes bei ihnen beschwört. Herodot 
V 49. Jiog 'EkXavlov felsinschrift fünften Jahrhunderts von Tenos Mitteil. II 63. 

ö ) Eine nachabmung dieses vogelzeichens beim bearbeiter im r oben s. 62. 
o 178 glaube ich emendiren zu können. Odysseus yoar^cu xal ttlonai ijs xal jjcfy 
olxoi, arocQ /uvriaTrJQai xaxcv nuvxtaoi (pvitvki. die verkehrheit der adversativ- 
partikel ist offenbar und anerkannt, mir scheint sie einfach zu streichen: jjcfy 
olxoi /uvrjaz/jQicoi xaxoy n. cp. derartige Verderbnisse sind in unserem Odyssee- 
text am ehesten zu vermuten, ß 41 sagt Telemachos auf die frage, wer die Volks- 
versammlung berufen habe ,der mann ist nicht fem og \a6v jjy**(>«\ diesen 
versbau kann man nicht entschuldigen : ich vermute og tov Xabv äyttQt. die aug- 
mentirte form stiftete unheil wie oben der gewöhnliche dativ. ich fuge noch eine 
conjectur zu. y> 100, Antinoos sollte fallen von Odysseus oy *oY arS/ua y/Lttvov 
Iv /utydQotoi. die codd. y/Ltivog, was beziehungslos ist; vgl. 424 ov c 6 &Tvog ivi 
ptyoQototv ikfyxti fj/utyog. 



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TELEMACHIE UND ODYSSEE 95 

in q und t; eingeführt hat, oder diese seine erste einführung in 
Ithaka ist von demselben Telemachiedichter wie seine einschiffung. 
da nun aber die Verwendung des Theoklymenos in q und v dem 
bearbeiter mühe macht und wenig glücklich ausfallt, so ist es 
schlechthin undenkbar, dafe er sich diese Schwierigkeit selbst ge- 
schaffen hätte, vielmehr muss Theoklymenos in den beiden scenen, 
die ihn im o zeigen, der Telemachie angehören; Kirchhoff hatte 
es nur von der ersten zugegeben, damit ist der anschlufs des o 
an n erreicht, wenn wir den grundsatz festhalten, dafs nur da 
ein Schnittpunkt in der darstellung angenommen werden darf, wo 
diese selbst einen rifs oder eine fuge zeigt, so ist damit zugegeben, 
dafs von ß bis S 619 und dann weiter o 80—283 ein einheit- 
liches und ursprüngliches gedieht vorliegt, und ebenso von o 496 
bis tief in das t hinein (die erledigten eindichtungen abgerechnet) 
ein gedieht ununterbrochen fortgeht, dafs endlich o 283 und o 496 
auf einander vor- und zurückweisen. 

Was sie jetzt verbindet, kann allerdings nicht für ursprüng- 
lich gelten, schon die abreise und dann die seefahrt o 285 — 300 
ist fast mit lauter entlehnten versen bestritten (meist aus dem 
Schlüsse von ß, 296 = € 176 vgl. hymn. an Apoll. 427, 297 = v 275), 
die letzten verse aber ev&ev d'av vrjtfoiötv inmQohixe 9ofj<tiv ÖQfiai- 
vmv al x$v &dvatov yvyQ rje cUcog, sind genau so unklar wie 
die im S von dem bearbeiter zur Überleitung geschmiedeten, 
ausserdem bezieht er sich damit auf die Weisung Athenas o 33 
äXXä Sxag vrfimv änexeiv eveQyea v^a, obwol nicht zu sagen ist, 
wie er sich das eigentlich gedacht hat, und 300 geht auf den 
ebenfalls nur von Athena bezeichneten hinterhalt der freier; der 
ausdruck ist ähnlich vom bearbeiter 5 183 gebildet: die vorlagen 
gehören der Dias an, beweisen also zwischen Telemachie und 
bearbeitung nichts, dann werden wir in die hütte des Eumaios 
geführt; die scene ist nach n 1 gebildet, und ebenso der ausdruck 
der verse o 301 — 2, 304 aber stammt aus 5 459. Odysseus will 
nach der stadt um da zu betteln; Eumaios vertröstet ihn auf 
Telemachos kommen, man weifs nicht ob nach der stadt oder 
auf das land: das ist also eine lediglich dem bearbeiter zustehende 
contaminirung von £ und n. Odysseus erkundigt sich nach 
Laertes und Antikleia: da haben wir die Schilderung des Laertes, 



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96 15 

eine nQonaqaaxsvr^ des co, die wir schon genugsam kennen. 
Odysseus erhält so plötzlich eine Schwester, wie Penelope von 
des bearbeiters gnaden eine am ende von S erhalten hat. dann 
aber folgt die eben so hübsche wie hübsch erzählte jugend- 
geschichte des Eumaios. nach dieser setzt die fahrt des Tele- 
machos, d. h. das gedieht, das wir von seinem ersten teile Tele- 
machie nennen, wieder ein. 

Hier, in dieser nachtfahrt, an dieser stelle des o, welche die 
einzige erwiesene lücke in der Telemachie bietet, muss sich die 
entscheidung über die schwebenden vielen und schwierigen fragen 
finden, dafs die Überleitung aus der Telemachie in die hütte des 
Eumaios dem bearbeiter gehört, hat Kirchhoff mit vollem rechte 
gesagt; mit diesem aber die geschieh te von Eumaios Jugend dem- 
selben flickpoeten zu überweisen, dem ausnahmsweise etwas gut 
gelungen sei, kann ich mich nicht entschliefsen. die möglichkeit 
dafs einem miserablen gesellen ein gutes gedieht gelingt, ist un- 
bestreitbar: aber wir sägen den ast ab, auf dem unser ganzes 
kritisches bestreben sitzt, wenn wir bare möglichkeiten, bare un- 
wahrscheinlichkeiten mit in rechnung setzen, weil das unwahr- 
scheinliche nicht unmöglich ist. von einer königlichen abkunft 
des Eumaios weifs sonst niemand in der Odyssee, von einer er- 
ziehung desselben als kind vom hause auch nicht, nicht mehr 
als von einer Schwester des Odysseus: das möchte man auf 
die Unfähigkeit des dichters schieben, aber dann soll dieser 
wieder eine so hübsche geschichte erfunden haben von den 
sidonischen händlern und der sclavin die zu ihren landsleuten 
hält, der Wärterin die das herrenkind raubt, und wie dasselbe 
gleichwol zu guten leuten kommt und seinem stände gemäfs auf- 
wächst, die böse Wärterin aber die verdiente strafe ereilt, das 
sind motive, die vielen Völkern und vielen märchen gemeinsam 
sind; nur pflegen solche geschichten nicht damit zu schliefsen, 
dafs das geraubte königskind, nachdem es zuerst gleich einem 
solchen gehalten ist, schweinehirte wird und bleibt; sie lassen es wol 
eine zeit lang als schweinehirte gehalten werden : schliefslich aber 
wird es unweigerlich wieder ein könig oder heiratet mindestens 
die prinzessin mit der es aufwächst, allerdings, sehr hübsch ist 
das märchen, nur auf Eumaios trifft es nicht zu. er ist so wenig 



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TELEMACHIE UND ODYSSEE 97 

zum verkappten prinzen geeignet, wie Odysseus eine Schwester 
hat. das ist der anstofs im inhalt. mit der form steht es grade 
so. bekanntlich trifft hier in unvergleichlich höherem mafse die 
Unschicklichkeit zu, die Kirchhoff an /i gerügt hat, daß der er- 
zähler sich benimmt, als wäre er der dichter, und dinge weifs 
und berichtet, die er nimmermehr wissen und berichten kann, 
sondern allein der dichter. Kirchhoffs gegner haben denn auch 
diese stelle als hauptwaffe gegen seine beurteilung des p ins feld 
geführt; mit welchem recht, wird unten erörtert, dafs aber 
Kirchhoff selber im ju auf die erscheinung die weitgreifendsten 
Schlüsse baut, die er im o dem Ungeschick des bearbeiters zu- 
schreibt, der sich in der handlung von * p an fehlerhafte dar- 
stellung gewöhnt hätte, ist eine inconsequenz, die leider auch 
seinen resultaten in betreff von x p im urteil der weit abbruch 
getan hat. wenn die Zwangslage einer bearbeitung fremden Stoffes 
den umdichter von fu zu Verkehrtheiten getrieben hat, wie soll 
sich derselbe diese ihm nur halb zum bewufstsein kommenden 
Verkehrtheiten so angewöhnen, dafs er sie auf eine freie und in- 
haltlich vorzügliche Schöpfung überträgt? nein, gleiches recht für 
o wie für fi. da Eumaios das was er hier erzählt nicht wissen 
kann, wol aber der dichter, so folgt dafs diese geschichte ur- 
sprünglich der dichter erzählte und nicht Eumaios. dann gehört 
also folgendes dem bearbeiter an, die Verwendung der geschichte 
in o: das wissen wir schon; ferner ihre umdichtung in die erste per- 
son: das fordert die form; und ihre Übertragung auf den hirten des 
Odysseus. das märchen lösen wir aus den banden seiner Ver- 
wendung, die für den bearbeiter gut und schlecht genug ist, lassen 
es in seiner Verstümmelung und Vereinzelung gelten und freuen 
uns, dafs der bearbeiter in der ratlosigkeit, den Odysseus und 
Eumaios zu beschäftigen, uns hier einmal nicht mit blofsen flick- 
stücken eigener fabrik abgefunden hat, sondern ein stück anderer, 
der Odysseussage, vielleicht überhaupt der heldensage fremder 
poesie aufgegriffen hat, seine blöfse zu decken. 

Damit klafft freilich, auch abgesehen von der parallelhandlung 
auf dem schweinehofe, eine lücke in der beschreibung von Tele- 
machos reise, da trifft es sich gut, dafs das n uns den beweis 
liefert, es habe hier einst anderes und mehr gestanden, n 342 

Philolog. Untersuchungen VIT. 7 



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98 15 

bis 448 sind schon oben gegen Kirchhoffs verwerfendes urteil 
verteidigt, sie sind, wie jetzt die Odyssee liegt, das einzige stück, 
in welchem der hinterhalt der freier nicht erst vom bearbeiter er- 
wähnt wird, dafs dieser einen zug, der ihm so viel mühe gemacht 
hat, aus eigenen mittein eingelegt haben sollte, ist auch gar nicht zu 
verstehen, auch zeigt sich, dafs er vielmehr im d aus n geschöpft 
hat. 10 ) hier im n also geht Eurymachos mit den freiem vor die 
hofmauer, um unbemerkt zu sein, und fordert sie auf, botschaft 
an die lauernden freier zu schicken, dafs ihnen Telemachos ent- 
wischt sei. da kommt das schiff derselben schon zurück, sie 
halten eine von unberufenen gesäuberte Versammlung, in welcher 
Antinoos von der verfehlten expedition berichtet, sie hätten bei 
tag und nacht aufgepafst — nun hätte ihn doch ein dämon heim- 
geführt u. s. w. wenn sie bei nacht gekreuzt haben, wie ist 
ihnen denn Telemach entgangen? darauf antwortet o nicht, vor 
allem aber, wie haben sie erfahren, dafs er unbemerkt von ihnen 
durchgekommen ist? das hören wir eben so wenig wie Amphi- 
nomos n 355. folglich klafft eine lücke in unserem berichte 
genau da, wo die betrachtung von o eine solche wegen des Zu- 
sammenhanges und der qualität der poesie ergeben hat. dabei 
ist davon noch abgesehen, dafs in der Telemachie der hinterhalt 
der freier überhaupt unerwähnt war; was sie seit ß getan hatten, 
ist nirgends erzählt. 

Das führt dann zu der hauptsache. was ist die Telemachie, 
was bezweckt sie, wie geht sie aus? Kirchhoflf hat darüber nichts 
gesagt, oder doch wenigstens nichts, was er selbst entschieden 
fest hielte, seine Telemachie verläuft im sande. Hennings steht 
im banne der kleinliedertheorie, die ihm sogar aus nichtsnutziger 
flickpoesie, wie dem X6%og pvrjOiiJQwv oder der xadodog Tijlefidxov 

,0 ) n 343 beraten die freier naqtx /ufya xux^ov avXijs, 412 erfahrt davon 
Penelope x%qv$ yag ol fans Mtöatv dg intv&no ßovXdg. Medon als gefahrte der 
freier ist dem hörer aus n 252 bekannt, danach im cf 677 = n 412 mit dem 
zusatz avXfjg ixrog luv ol <T Mo&i prjriv vcpaiyoy, der ganz unklar ist, nur 
nicht in seiner herkunft. n 346. 1 = 6 663. 67 ,Telemach hat diese fahrt vollendet*, 
pafst das nach der abfahrt oder nach der beimkehr? eine vergleichende prüfung 
wird die Unmöglichkeit für beide partien denselben dichter anzunehmen jedem 
urteilsfähigen bestätigen, es ist das Verhältnis von copie und original, nur borgt 
6 noch bei andern stocken, z. b. ß. 



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TELEMACHIE UND ODYSSEE 99 

(im q) lieder zu zimmern gestattet, auch hier hat Niese voll- 
kommen richtiges gefühl gezeigt, leider auch hier um sogleich zu 
ungeheuerlichem überzugehen, die Telemachie ist auf die rück- 
kehr des Odysseus zugespitzt, sie verdient den namen nur sehr 
uneigentlich: die reise soll ihn zu dem manne machen, den er im 
freierkampfe durch Selbstbeherrschung und besonnenheit bewähren 
muss. dem nokvfirjxavog steht der nenvvfihog zur seite. die 
ratlosigkeit, die er doch lange zeit gegenüber den freiem gezeigt 
hat, und im ß zeigt, soll vermittelt werden mit der tatkraft, die 
er neben seinem vater beweist, dabei beabsichtigt der dichter 
gewifs auch die sagen von den nosten des Agamemnon Menelaos 
Nestor Diomedes Neoptolemos zu Odysseus in parallele zu stellen; 
es wird später noch deutlicher werden, wie richtig Kirchhoff diese 
absieht erkannt hat: aber dafs Telemachos bei seiner heimkehr 
die freier tot und seinen vater gesichert fände, würde ein ganz 
unerträglicher verstofs gegen die sage sein; ist übrigens durch 
das vogelzeichen o 177 ausgeschlossen, es gilt die andeutungen 
des dichters zu verfolgen, da der anfang, der ohne zweifei die 
exposition gab, durch a verdrängt ist, so beginnen wir mit der 
Volksversammlung im ß. sie zeigt uns die Stimmung im volke, 
die häupter der freier, Eurymachos und Antinoos, führt auch 
Eurykleia ein. wozu das alles, wenn nicht dieselben personen 
handelnd eingeführt werden sollen, wie es jetzt im n — % ist? ß y 
zeigt uns Athena fürsorgend und teilnehmend, wie in n und <r. wollte 
sie blofs den Jüngling zu seiner bildung in die fremde bringen? aber 
auch das diesem dichter beliebte mittel der Vorzeichen tritt schon 
hier ein. der seher Halitherses sagt mit betonung seiner sicheren 
künde ß 170 ,Odysseus kehrt im zwanzigsten jähre unbekannt den 
seinen aHein ohne schiff heim; das habe ich ihm beim auszug 
geweissagt, das, behaupte ich, ist alles eingetroffen 4 , ist einge- 
troffen, %ekevjrj9rjvcu, sagt er. das zwanzigste jähr ist da, Odysseus 
ist ohne schiff und gefahrten: wir haben darauf anspruch, den letzten 
teil der Weissagung sich erfüllen zu sehen, woher Odysseus 
kommen wird, verkündet Proteus im i durch Menelaos mund, 
er sitzt bei der Kalypso. so wird auf die Odyssee, die von e bis fi 
vorliegt, gedeutet; sie ist ja formell in der Telemachie aller orten 
benutzt, existirte also, am morgen nach dieser mitteilung, am 



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100 15 

fünften tage nach Halitherses Weissagung, erscheint dem Tele- 
machos ein zeichen, das Helene, plötzlich von gott beseelt, auf 
die anwesenheit des Odysseus deutet, unser interesse wächst, 
nicht mehr am gängelbande führt Athena ihren Schützling, aber 
die Verhältnisse hinter denen leitend die göttliche vorsieht steht, 
fügen es so, dafs er seine heimkehr beschleunigt Peisistratos 
selber drängt ihn dazu: der alte Nestor ist ein eigenwilliger 
herr, 11 ) er wird sich den gast nicht entgehen lassen, wenn dieser 
nicht abgefahren ist, ehe er ihn nötigen kann, nicht als retar- 
direndes moment tritt der flüchtige seher Theoklymenos heran: 
der jüngling bekommt zum ersten male zu handeln und wol zu 
tun, und da es ein seher ist, dessen er sich annimmt, so erscheint 
das dritte zeichen, das nun schon auf den ausgang des kampfes 
deutet, es ist der vogel des Apollon: durch Apollons gnade ist 
Telemachos aufgeblüht (% 86), und am nahen Apollonfeste voll- 
zieht sich die grofse räche. Telemachos tut den ersten gang nach 
seinen heerden und ackern, nicht weil es ihn Athena geheifsen, 
sondern von selbst, ahnungslos, aber auch hier lenkt göttliche 
vorsieht ihm unbewust seinen willen, denn auf dem lande weilt 
sein vater. das alles ist mit Überlegung geordnet, das alles weist 
auf die entscheidung. der inhalt verlangt, wie die analyse dar- 
getan hat, dafs ß y d o n q <r t zusammenhängen, aber eine lücke 
und zwar eine vom bearbeiter überkleisterte lücke klafft in der 
erzählung, sie liegt in der nacht, während welcher Telemachos 
heimfährt, was enthielt sie? 

Der dichter befand sich in der Zwangslage, eine doppelhand- 
lung durchführen zu müssen, in derselben Zwangslage, an der die 
gestaltungskraft des bearbeiters gescheitert ist. einmal muste er 

n ) Man hat diese Schilderung des alten Nestor durch seinen söhn bean- 
standet, mit unrecht, oder vielmehr aus moderner anschauungsweise. Nestor ist 
6 y(Q(ov (der artikel steht bei ihm schon in der Ilias). das alter aber zeigt sich 
an ihm ganz wie es den Hellenen erschien, überlegt mnd kühl, zu rat und übers 
können zur tat geneigt, schwatzhaft und selbstgefällig im denken an die gute alte 
zeit und die eigenen Jugendstreiche, so leiht ihm der dichter auch die zöge, 
welche später die ausgebildete tragodie (auch Oldinovg im Kokcovo} hat diese züge) 
und ihre tochter das menandrische lustspiel gibt, dafs der söhn sich ohne Ziererei 
über den vater äufsert, mag sebematische ästhetik oder schulmeistermoral häfslich 
finden: wahr ist es gewifs. 



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TELEMACHIE UND ODYSSEE 101 

die reisebeschreibung unterbrechen, darüber brauchen wir nicht 
zu grübeln, wo er es hätte tun können oder sollen: da er es 
sonst nicht getan hat, weil sein bericht überall vollständig vor- 
liegt, so hat er es in der letzten nacht getan, er muste also das 
erzählen, was für die fortführung der handlung nötig war, die 
Voraussetzungen, die n—% macht, müssen hier nachgeliefert worden 
sein, dazu war erstens nötig, die freier, die seit ß aufser unserm 
gesichtskreis geblieben waren, wieder vorzuführen und auf ihren 
hinterHalt zu schicken, dafs dieses wirklich an dieser stelle ge- 
standen hat, ist schon oben durch n selber bewiesen worden, 
aufserdem aber muste er erzählen, wie Odysseus nach Ithaka 
und zu Eumaios gekommen war, und seit wann er da war. 
es muste also erzählt werden, was dem v £ entspricht, und wenn 
das hier erzählt war, parallel, aber nicht identisch mit v £, so 
fallen von selbst die anstöfse fort, welche am anfange dieses 
capitels zwischen v £ und n q aufgezeigt sind. 

Es ist also das wesentliche was vom bearbeiter im o beseitigt 
ist, etwa folgendes gewesen. ,schon war es nacht geworden, aber 
Telemachos trieb seine Schiffsmannschaft zur fahrt an, um rasch 
heimzukehren, und mit günstigem winde fuhren sie. derweil war 
Odysseus von den Phaeaken nach Ithaka gebracht, von Athena 
verwandelt und zu dem treuen sauhirten gewiesen, bei dem er 
schon zwei tage verweilte, ohne erkannt zu sein, in grofser sorge 
um seinen söhn, denn durch Eumaios hatte er davon erfahren, 
dafs die freier dem Telemachos auf seiner heimkehr einen hinter- 
halt gelegt hatten. 12 ) dem aber entgieng dieser in der nacht; fuhr 
dem schiffe aus dem wege (oder wie das erzählt war), so dafs 
er aufser gefahr war, als jene ihn bemerkten; sie kehrten un- 
willig auf ihren ankerplatz zurück um dann nach hause zu fahren, 
er landete mit Sonnenaufgang auf Ithaka. 4 

Ich kann mir wol die mühe sparen, durch die probe einer 



") Diese Verknüpfung ist, abgesehen von ihrer poetischen brauchbarkeit, dadurch 
empfohlen, dafs n 463 Telemachos den Eumaios nach der heimkehr der freier fragt 
und nach der antwort dem vater zunickt 476. sie wissen also alle darum, die 
verquickung der freierpläne mit der erzählung von Odysseus und Eumaios machte 
diese partie für den bearbeiter unverwendbar, der deshalb die schlufspartie von cf 
aus eignen mittein beschaffen muste. 



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102 15 

nachdichtung zu belegen, dafs im homerischen stile und mit 
homerischen mittein solches bindeglied herstellbar ist; versucht 
habe ich es, um mich selbst zu beruhigen, was ich hier vortrage 
ist ja doch nur eine hypothese, und sie hat nur dann auf berücksich- 
tigung anspruch, wenn sie alle Schwierigkeiten beseitigt, deren 
bleiben aber noch zwei, einmal das Verhältnis der Telemachie zu 
v £, die doch auch eine fortsetzung fordern, zweitens das Ver- 
hältnis zum bearbeiter, dessen Streichungen und zusätze einen 
zweck gehabt haben müssen. 

Das erste zu verstehen ist auf die misstände hinzuweisen, 
die auch innerhalb n q a % noch bleiben, q <r t zeigen den winter, 
von dem o n nichts wissen, das erledigt sich nur so, dafs man 
die Telemachie selbst das gedieht benutzen läfst, von dem in v £ 
der anfang vorliegt, der dichter der Telemachie nimmt das schon 
vorliegende gedieht von Odysseus heimkehr in den teilen, die ihm 
verwendbar sind, auf: da ist er selbst nur bearbeiter, und bei 
diesem geschäfte sind die kleinen misstände unvermeidlich ge- 
wesen oder doch mit untergelaufen, es wird doch auch ein 
sachkundiger nicht bezweifeln dafs für die nosten im y und S 
dem dichter der Telemachie in derselben weise andere gedichte 
zur quelle gedient haben , wie das gedieht v £ u. s. w. im n — x. 
n—r besitzen wir somit in doppelter Überarbeitung, einmal der 
wenig belangreichen des bearbeiters, der uns kenntlich ist, und 
dem wir für die bemühung, den Theoklymenos noch weiter prophe- 
zeien zu lassen, als der dichter der Telemachie gewollt hatte, 
wenig dank wissen, da jener seher seine Schuldigkeit getan hatte 
und gut untergebracht war; Telemachos hatte am nächsten morgen 
mehr zu tun, als einen gast zu laden, die andere bearbeitung 
ist die des dichters der Telemachie: dessen anteil ist von dem des 
dichters von v £ nur selten zu sondern, doch kann in n verhältnis- 
mäfsig wenig ursprüngliches sein, während tf % wieder kaum von 
der Überarbeitung angegriffen zu sein scheinen, für die ursprüng- 
liche Verbindung von v £ mit n oder seiner ursprünglichen gestalt 
kann nun n 27 — 29 in der weise, wie Kirchhoff will, ausgenutzt 
werden, der möglichkeiten aber sind viele; Telemachos kann 
auch einfach unerwartet auf das gehöft des Eumaios gekommen 
sein, wie es weiter gieng, wissen wir nicht. 



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TELEMACHIE UND ODYSSEE 103 

Bei dem bearbeiter gelangt man, wie zu erwarten und zu 
verlangen ist, zu einem viel bestimmteren ergebnis. ich muss 
nur in rechnung setzen, was sich teils sogleich, teils später heraus- 
stellen wird, dafs v £ mit den vorhergehenden büchern zusammen- 
hängt, und dafs der bearbeiter e — fi , vielmehr e — £, wesentlich so 
schon vorgefunden hat, wie auch wir sie lesen, dann lag ihm 
also ein gedieht vor, welches die abenteuer des Odysseus ganz 
erzählte, anhebend bei Kalypso, das frühere in den apologen 
nachbringend, ausgehend in die darstellung der ithakesischen aben- 
teuer. daneben die Telemachie, die Telemachs reisen als ein- 
leitung in die ithakesischen abenteuer erzählte, diese selbst aber 
mit Zugrundelegung des ersten gedichtes, so dafs es von n — % 
geradezu eine dublette desselben war. der bearbeiter wollte nun 
beide verbinden und voll ausnutzen, er schnitt also beiden den 
köpf ab, der unmöglich verwendbar war, und ersetzte ihn durch 
a, schob dann die reisen des Telemachos vor das erste gedieht, 
von dem er dann alles wesentlich unverändert nahm, bis Tele- 
machos auftreten muste. da griff er auf die Telemachie zurück, 
zu dem behufe waren die füllsei am ende von S und am anfang 
von o nötig; die recapitulation über v £, welche in o stand, war 
überflüssig geworden, die lücke deckte der bearbeiter mit der 
auf Eumaios übertragenen irgend woher genommenen erzählung, 
und lenkte dann in die Telemachie wieder ein, der er bis ins % 
folgte, dafs er sie dort verliefs und ein neues füllstück, v, ein- 
fügte, um das jüngere gedieht vom freiermorde, y — co, verwenden 
zu können, ist schon oben gezeigt worden, diese drei vorlagen 
hatte der bearbeiter; sowol was er hatte als auch wie er es be- 
nutzte und warum er es so benutzte, ist zu voller klarheit ge- 
kommen. 

Nur eine partie erfordert noch genauere behandlung, die letzte 
für uns, wo der bearbeiter sein wesen getrieben hat. auf Scheria und 
auf Ithaka war in dem älteren gedichte, €— £, Athena die schützerin 
des Odysseus gewesen, der dichter der Telemachie, der aus 
diesem gedichte die handlung auf Ithaka herüber nahm, hatte die- 
selbe göttin auch den Telemachos auf seiner reise beschützen 
lassen, damit war dem bearbeiter die person gegeben, die die 
fäden beider handlungen in der hand hielt: er hat durch die 



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104 15 

götterversammlungen im a und e die parallelhandlung inscenirt, 
er muste auch die Vereinigung beider Handlungen durch Athena 
vornehmen lassen, das geschieht jetzt aufser dem anfang von o 
im v y wo 412 — 28, 440 Athena den Odysseus über die reise seines 
sohnes unterrichtet und sich selbst nach Sparta aufmacht, dies 
letztere entscheidet darüber, dafs der bearbeiter tätig gewesen ist, 
dem Kirchhoff mit recht diese verse gegeben hat. aber was er 
nur als möglichkeit hinstellt, ist unab weislich , nämlich dafs an 
der stelle dieser einlage anderes gestanden hat. Athena sagt zu 
Odysseus nach entfernung der einlage „im kämpfe will ich dir 
schon beistehen; zunächst aber will ich dich unkenntlich machen, 
damit du unansehnlich vor den freiem deiner frau und deinem 
söhne erscheinen kannst, du gehe dann zum Rabenfelsen, wo 
Eumaios wohnt, 18 ) da bleibe und erkundige dich über alles." 
damit ist Odysseus sehr wenig geholfen, die aussieht auf die ent- 
scheidung ins unbestimmte verschoben, für das bleiben muss ein 
termin gesetzt werden, die Verzauberung muss einen genügenden 
zweck haben; sie scheint auf einen aufenthalt im hause be- 
rechnet, aber wie er dahin gelangen soll, erfahrt Odysseus nicht, 
auch muss die göttin einigen trost wol spenden und die ent- 
zauberung in aussieht stellen, dies letzte muss sich jedem auf- 
drängen, der sich in die seele des Odysseus zu versetzen weifs. 
nach hause kommen und es nicht betreten sollen, nichts gerettet 
haben als die eigene heldenkraft und dann sich zu einem ekel- 
haften fratz entstellen lassen, das ist bitter, auch wenn die gütigste 
und weiseste gottheit es verhängt, was nun aber gesagt war, 
muss derartig gewesen sein, dafs der bearbeiter es nicht brauchen 
konnte, es ist nicht nötig, dafs Athena geradezu den Telemachos 
zu citiren versprach; wenn sie nur sagte ,bleibe bei Eumaios, bis 
Telemachos kommt oder du die möglichkeit siehst in dein haus 
unter sicherem schütze zu gelangen, 4 so reichte das als instruetion 
hin. als verheifsung aber muste da stehen ,wenn du aber mit 



,3 ) Athena ist über dieses local so ausführlich, weil Eumaios sich den 
schweinehof erst nach der abfahrt des Odysseus angelegt hat, £ 8, während die 
Ortsnamen, Rabenfels und quelle Arethusa, dem Odysseus bekannt sind, der dichter 
von v | zeigt sich hier sehr überlegt und sachgemäfs vorgehend: denn er erfindet 
das darum, dafs er dem hörer durch Athena eine volle exposition geben könne. 



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TELEMACHIE UND ODYSSEE 105 

deinem söhne oder deiner frau der Verständigung bedarfst, so 
werde ich selbst dafür sorgen, dafs du deine wahre gestalt zurück 
erhältst/ diese verheifsung zu unterdrücken, muste der bearbeiter 
sich besonders angelegen sein lassen, denn in seiner Odyssee, die 
wir lesen, wird Odysseus nicht wieder entzaubert, darüber also 
ist auch hier, am Schlüsse von v, keine Unklarheit, was der be- 
arbeiter geändert hat und warum, die Vermutung über den ehe- 
maligen Zusammenhang kann naturgemäfs nicht mehr als Wahr- 
scheinlichkeit und angemessenheit im allgemeinen erzielen. 

Damit ist die tätigkeit des bearbeiters im v noch nicht zu ende, 
ganz anders als er, der a — S schon voraussetzen konnte, muste das 
ursprüngliche gedieht, das den boden Ithakas erst zugleich mit 
Odysseus betrat, die ithakesischen Verhältnisse exponiren. dem 
dient zum teil das £ noch, aber es reicht nicht hin, und wir 
dürfen treffliches erwarten: der dichter hat doch nur deswegen 
den Odysseus Ithaka verkennen, Athena die insel ausführlich be- 
schreiben und allmählich dem heimkehrenden könige enthüllen 
lassen, um uns eine Schilderung des locales zu geben, ich er- 
kenne darin denselben überlegten dichter, der mit einem ähnlichen 
kunstgriffe am anfange von rj Scheria zu schildern verstanden hat. 
was aber erfahrt Odysseus von der läge seines hauses? als Athena 
sich ihm offenbart, gibt sie als grund ihres kommens an, erstens 
%va tot, övv firjnv vyxxivm, zweitens die geschenke der Phaeaken 
zu verbergen. 14 ) Odysseus entschuldigt sich dafür, dafs er sie 
erst verkannt hat, damit dafs Athena ihm seit Troias fall nicht 
erschienen sei, 15 ) sodann tut er die dringliche frage, ob er denn 



u ) Es folgt 306—10 ,und ich wollte dir sagen, was du noch zu leiden hast; 
du rnust es aushalten, darfst niemand sagen, dafs du gekommen bist und must 
viel leid schweigend auf dich nehmen, ßtag vnoöty/Lttyos dydgujy. 1 dies letzte ist 
überhaupt unverständlich , die ganze rede für die jetzige Situation viel zu detail- 
lirt; sie deckt sich inhaltlich mit Xva rot avv /urjriy vcpaipoj, und Odysseus nimmt 
keine rücksicht darauf. 306. 7 ist nach e 207 gemacht, 310 stammt aus n 189. die 
verse sind eine erweiternde interpolation. 

") Es folgen 319—23, von denen die alten die letzten vier, die neuern den 
ganz sinnlosen ersten entfernt haben, der wol damals ovd* lyqdtptxo. ,ich irrte mit 
zerrissenem herzen, bis die götter mich aus der not lösten', ist in dieser Situation, 
wo not genug bevorsteht, und Athena gegenüber verkehrt ,nur bei den Phaeaken 
hast du mich getröstet und in die stadt geführt 4 ist unwahr, da Odysseus im jj die 



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106 15 

wirklich in Ithaka wäre. Athena erwidert, dafs sie ihn nie ver- 
gessen hätte, 16 ) auch wäre sie seiner rettung immer sicher ge- 
wesen, nur aus rücksicht auf Poseidon hätte sie sich persönlich 
zurückgehalten, nun wolle sie ihm aber die insel zeigen, dafs er 
sie nicht mehr verkenne, nachdem das geschehen, hilft sie ihm 
die Phaeakengeschenke in die Nymphengrotte tragen, und sie 
setzen sich unter einen heiligen Ölbaum, 17 ) um zu beraten, schon 



Atbena nicht erkannt hat, sondern eben erst, v 302, erfahren, dafs Athena sein 
dortiges gebet erhört hat. auch dies eine Interpolation. 

10 ) Es treten mit völliger Zerstörung des Zusammenhanges 333—38 dazwischen, 
die die alten mit recht entfernt haben. ,ein anderer wurde gern zu weib und kind 
eilen : du wirst selbst deine gattin versuchen wollen, die um dich klagt 4 das ist 
in Athenas munde, die Odysseus grade noch von hause fern halten muss, so ver- 
kehrt, dafs man die absieht der Interpolation (für die n 37. 38 verwandt ist) kaum 
begreift, der interpolator charakterisirt den Odysseus von x freilich ganz richtig, 
nur pafst das hier nicht, die drei erweiterungen (und ebenso 200—208) sind wol 
von einer hand, die aber nicht die des bearbeiten ist. es sind einlagen so recht 
im Stile der Euripidesinterpolation , wie sie z. b. in Andromache und Helene 
auftritt. 

11 ) Das heifst nicht, dafs dieses exemplar geweiht war, sondern der jüngst 
importirte pflegebedürftige wertvolle bäum ist an sich heilig, Uqos, wie alles 
worüber der gottheit eine besondere macht zusteht, das unpersönliche, unbelebte, 
willenlose, in so weit als es wirkt, ist göttlich; in so weit dem menschen dabei 
unheimlich wird, er es als der gottheit zugehörig oder irgend wie etwas dabei 
nicht geheuer findet, ist es Uqov, der gottheit gehörig, meer flüfse und nacht sind 
sowol göttlich wie Uqov. der fisch im wasser, der atmet wo der mensch zu gründe 
geht, von dem der mensch nicht ifst, gehört den göttern, Uqcc ty^vc, die biene, 
die mehr kann als der mensch, ist Ugd. die menschenkraft oder menschenseele, 
die einem unbestimmten gotte zugetan scheint, ist Uqöv /uiyog; könige sind fooyivtts, 
andere einzelne "JQtjt Jti <p(Xoi t später inatpQodnot. schon bei Homer heifsen 
sie so gut wie Uqo$ daipovtot und 94$o&. das ist ganz ähnlich, der beamte ist, 
wie seine amtsinsignien zeigen, geweiht; er gehört nicht sich, sondern dem amte, 
dem unpersönlichen göttlichen an: wir sagen, der pflicht daher ist er ein Uqov 
tlXog. das einzelne stück vieh oder gerät wird erst durch eine weihung Uqov, 
das tier durch Schlachtung zumeist, daher Ugtvs hgiTov. so ist das wort zu ver- 
stehen, »kräftig* oder «rüstig* oder (wie unvermeidlich) ,licht ( zu verstehen, ist nicht 
nur mehr als fraglich von der grammatischen seite, sondern hilft zu gar nichts, 
die bedeutung eines concreten Wortes in concreter zeit ist mit der etymologie, 
d. h., mit der bedeutung eines andern Wortes bei einem andern volke zu anderer 
concreter zeit, selbst dann nicht gegeben , wenn die Identität fest steht, das über- 
setzen aber ist noch viel weniger etwas wert: den sinn eines satzes, den gedanken 



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TELEMACHIE UND ODYSSEE 107 

dafs sie sich hinsetzen läfst eine längere Unterhaltung erwarten, 
als da folgt, es folgt ganz törichtes zeug ,überlege dir wie du 
die freier töten kannst (376 = ip 37) die seit drei jähren in deinem 
hause das regiment führen, um deine frau mit brautgaben wer- 
bend (378 = X 117). sie klagt immer um deine heimkehr (vomov 
63vQofxevT], geschraubter ausdruck), macht jedem einzelnen hoff- 
nung, obwol sie es anders meint (380. 81 = ß 91. 92, daher 
auch die drei jähre.)* was bei ihm zu hause los ist, weifs Odysseus 
nicht, nur vor sieben jähren im Hades hat ihm Teiresias gesagt, 
er werde bei seiner heimkehr zu hause übermütige leute finden, 
um seine frau mit brautgeschenken werbend, die er erschlagen 
müsse, darauf kann ja der dichter sich indirect beziehen, aber 
es liegt doch auf der hand, dafs Athena die facta nicht als be- 
kannt voraussetzen kann, sondern mitteilen muss, ,deine frau lebt 
und ist dir treu, dein söhn ist erwachsen, aber die freier sind 
da u. s. w.* durch die jetzigen verse 375 — 81 brauchen wir uns 
auch nicht in dem glauben irre machen zu lassen, dafs der Ver- 
fasser des alten gedichtes so oder ähnlich seine Schuldigkeit getan 
hat: die verse sind entlehnt, zwei sogar aus der Telemachie, die 
flicktätigkeit des bearbeiters liegt somit zu tage, er hat eine um- 
fangreiche erzählung Athenas gestrichen. 

Wäre daran ein zweifei, so würde er dadurch gehoben, dafs 
Odysseus antwortet ,so wäre ich ja beinahe umgekommen wie 
Agamemnon, wenn du mir nicht alles ordentlich erzählt hättest*, 
sie hat ihm jetzt weder xaiä fioiQav ixaaxa erzählt, noch ist ersicht- 
lich, worin die ähnlichkeit mit Agamemnon liegen soll, dafs sie 
darin beruhen wird, dafs auch Odysseus, offen heimgekehrt, durch 
tückischen mord beseitigt worden wäre, müssen wir uns durch 
mühsame Überlegung erst zusammendenken, offenbar hatte Athena 
also weit ausführlicher geredet, dafs sie auf Odysseus bitte, ihm 
für den freiermord einen rat zu geben, auch ausführlicher 
geantwortet hat, als jetzt geschieht, ist schon ausgeführt, so hat 
dieser teil des v viel von der bearbeitung zu leiden gehabt, was 



kann man wiedergeben, aber ein einzelnes wort nur dann, wenn die geistige auffassung 
des begriffes in beiden Völkern identisch ist, deren sprachen man verwendet, wie 
sollte das bei religiösen begriffen der fall sein? 



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108 15 

man bedauern, aber als den intentionen des bearbeiters durchaus 
entsprechend anerkennen wird. 

Stammt etwa auch von ihm erst die erwähnung Agamemnons, 
wie die des Orestes in der ersten götterversammlung den Zu- 
sammenhang derselben mit dem übrigen a beweist? man müste 
es denken, obwol die verse gar nicht nach dem bearbeiter aus- 
sehen, wenn wirklich, wie Kirchhoff will, und unwillkürlich sehr 
viele anzunehmen geneigt sind, mitten durch das v ein rifs gienge, 
der die ithakesischen geschichten von den Phaeakengeschichten 
sonderte. Kirchhoffs ,fortsetzer', der nirgend von Agamemnon 
redet, könnte die verse freilich nicht gemacht haben: wie jetzt 
das v steht, sind sie ganz begreiflich, zwar ist es sieben jähre 
her, dafs Odysseus den Agamemnon gesprochen und von seinem 
geschicke gehört hat, aber es ist nur einige hundert verse her, 
dafs im X die parallele zwischen Klytaimnestra und Penelope ge- 
zogen ist. wenn es also dem Odysseus abstract genommen fern 
liegen mag, an Agamemnon zu denken, so lag es für den dichter 
sehr nah, und war ein sehr wirkungsvoller zug, auf diese parallele 
hinzuweisen, vorausgesetzt, dafs X und v in dem Verhältnis standen 
wie sie jetzt stehen: mit andern Worten, wenn der zweite teil 
von v (sammt seiner fortsetzung J u. s. w.) von demselben Ver- 
fasser ist wie der erste teil von v mit seinem annex, d. h. e— /u. 

Und im v liegt durchaus kein anlafs, einen Schnittpunkt an- 
zunehmen, von der abreise des Odysseus aus Scheria bis zu 
seinem schlafe, zu der heimkehr der Phaeaken, die seinen schlaf 
passend ausfüllt, und weiter zu seinem erwachen und Athenas 
auftreten geht ein durchaus untadelhafter Zusammenhang. Kirch- 
hoff hat ihn auch nicht getadelt, er hat vielmehr durch die von 
ihm erfundene qualitat des dichters von vju,s, w. als ,fortsetzer 4 
anerkannt, dafs der Zusammenhang ein beabsichtigter ist. andere 
gesichtspunkte, das prooemium und die erste götterversammlung, 
der gegensatz der poesie, der im allgemeinen zwischen v — m und 
« — (A herrscht, haben ihn bewogen, aber wieder muss ich sagen 
wie beim 7r, eine ansieht kann nicht richtig sein, die einen guten 
und untadelhaften Zusammenhang zerstört, lediglich aus anders- 
woher geholten gründen, diese ansieht über v aber ist erweis- 
lich falsch, die beziehung von v auf X haben wir schon gesehen. 



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TELEMACHIB UND ODYSSEE 109 

mit ihr correspondirt dafs in dem X wie es ist, die ithakesischen 
dinge vorbereitet werden, was ist das für ein seltsamer poet, 
der den Teiresias von dem freiermorde erzählen und den Odysseus 
dies orakel wiederholen läfst, wenn er nicht die heimkehr auch 
darstellen will, die doch, als Odysseus das spricht, nur noch vier- 
undzwanzig stunden aussteht? wozu ferner schläft Odysseus als 
ihn die Phaeaken heimbringen? das ist wol im gründe ein my- 
thisches motiv, das dem dichter von der sage obligatorisch vor- 
geschrieben, aber nicht mehr in seiner bedeutung bewust war: 
für ihn wird nur so erreicht, dafs Odysseus irgendwo an der küste 
abgesetzt wird; wenn er gewacht hätte, so würde er bei der stadt 
gelandet und von den freiem erschlagen sein, auch dieses motiv 
aber fordert die fortführung der handlung: es ist eingeführt um 
ausgenutzt zu werden und wird sofort ausgenutzt, eine er- 
lahmende und deshalb stärkere reizmittel anwendende phantasie mag 
man ferner mit recht darin sehen, dafs Odysseus um nicht erkannt 
zu werden verzaubert werden muss. aber man muss auch hier 
billig sein, nach den erfolgen, welche Odysseus bei den Phaeaken 
durch körperliche Schönheit und kraft gehabt hat, konnte derselbe 
dichter ihn unmöglich in seinem eigenen hause als bettler ansehen 
lassen, derselbe dichter also bedurfte einer vermittelung, wol 
oder übel, wenn er die Phaeaken und die ithakesischen ge- 
schichten vereinigen wollte; für einen nachdichter hatte das keine 
bindende kraft: daher also die Verzauberung, es fehlt aber 
endlich eine directe Wechselbeziehung nicht, der mancher 
mehr gewicht beilegen wird als den allgemeinen erwägungen. 
v 300 sagt Athena ,ich bins, die dir in allen mühen bei- 
steht, xal S4 6B Qcutjxeäöi cpiXov ndvreWiv e&tjxa.' damit 
spricht sie aus, dafs sie das gebet des Odysseus £ 327 er- 
hört habe, Sog p? ig Qaiijxag cplXov iX&fyev if<T iXeetvov, wie 
denn auch vom dichter die erfüllung hervorgehoben ward, 
#21, cos xev Qcuijxeöai (piXoq ndnsööcv y&voitOj aber sie wider- 
spricht dem Vorwurf des Odysseus £ 325 ,du hast mich niemals 
erhört, wenn Poseidon mich verfolgte. 4 im v beruhigt sich Odysseus 
auch dabei nicht, sondern wendet ein, dafs er Athena seit 
Troias fall nicht gesehen hätte, worauf sie die rücksicht auf 
Poseidon und ihre sichere voraussieht der endlichen rettung des 



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110 15 

Odysseus als grund angibt, dafs v auf £ bezug nimmt, liegt auf 
der hand und ist von Niese hervorgehoben, fraglich kann scheinen, 
ob f mit bezug auf v gedichtet ist. das wäre entschieden, falls 
die schlufsverse f 328 — 31 echt wären, wo der dichter sagt, dafs 
Athena den Odysseus zwar gehört hätte, ihm aber aus rücksicht 
auf Poseidon nicht selbst erschienen wäre, da jener seinen zorn 
bis auf die heimkehr des Odysseus ausdehnte, denn diese verse 
sind deutlich mit bezug auf i», wo Poseidon die Phaeaken be- 
strafen will und Athena diesen grund selbst angibt, verfertigt, aber 
die vier verse sind mit recht verworfen worden, denn wenn sie 
echt wären, müste irgend eine handlung der Athena folgen, die 
sie ohne dem Odysseus persönlich zu erscheinen zu seinem besten 
täte, jetzt folgt aber <S$ 8 fiev ev&' tJQäxo, und dann kehrt die 
erzählung zu Nausikaa zurück, erst später kommt Athena in 
einer Verwandlung, nichtsdestoweniger gibt die aus v gemachte 
interpolation (die dem a vorgelegen hat, oben s. 14) den sinn 
von £ richtig wieder, denn wenn der dichter einen Vorwurf gegen 
Athena erhebt, dafs sie dem Odysseus nicht geholfen habe, noch 
dazu mit directer Verweisung auf Poseidon, so ist ihm das motiv 
dieser göttlichen handlung bekannt, mag er dasselbe nun hier 
gleich aussprechen oder sich die aufklärung vorbehalten, das 
motiv ist aber so seltsam, und die Schwierigkeit, die es lösen 
will, erst durch die Verknüpfung der abenteuer von t — jtt (wo Athena 
fehlt) mit f — # entstanden, dafs man unmöglich zwei dichter da- 
für in tätigkeit setzen kann, dafs es vielmehr einem dichter in 
die karten sehen läfst, wie wir ihn grade auch für £ u. s. w. 
brauchen, f ij und v correspondiren : mich will bedünken dafs die 
ganze behandlungsart in beiden scenen dieselbe hand verrät. 

Fassen wir also e — £ sammt der vom dichter der Telemachie 
benutzten fortsetzung, deren reste in 7t q vereinzelt, umfangreicher 
in <tt vorliegen, als eine einheit, so ist das zwar das älteste der 
gedichte, die dem bearbeiter vorlagen, und es ist auch trotz allen 
gefälligen erfindungen der Telemachie das weitaus beste, aber 
absolut genommen ist es weder sehr alt noch sehr gut. in Ionien 
ist es entstanden wie die Telemachie ; das ionische meer und das 
eigentliche Griechenland ist ihm eben so wenig bekannt wie jenem, 
im gegensatz zu y — co und dem bearbeiter. aber es ist, wie sich 



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TELEMACHIE UND ODYSSEE Hl 

bei X zeigen wird, doch auch erst amausgang der epischen sangeskraft 
verfafet, und auch sein dichter war wesentlich Überarbeiter; die 
qualität wechselt je nach den vorlagen, und die misstände, wel- 
chen die compilation nie entgeht, sind nicht ausgeblieben, aller- 
dings aber ist der dichter, wo er frei erfindet, wie z. b. im v, 
noch fähig, gutes zu machen, diese Charakteristik wird sich in 
den folgenden abschnitten, die sich nur noch mit der analyse 
dieses gedichtes zu beschäftigen haben, noch deutlicher heraus- 
stellen : sie trifft aber auch, wie sie es muss, auf v £ zu. 

Es ist schon gelegentlich des % gezeigt worden (oben s. 52), 
das die erzählungen des Odysseus an Eumaios über seine Schick- 
sale teils aus ju, teils aus % genommen sind, das scheint damit 
zu streiten, dafs derselbe dichter p £ % gedichtet haben soll, aber 
er konnte sich zu diesen entlehnungen sehr wol berechtigt fühlen, 
da ja auch im fi und % Odysseus redet, der seine eigenen worte 
füglich wiederholen darf, dennoch würde der dichter unmöglich sich 
zu entlehnungen bei sich selbst entschlossen haben, wenn er nicht 
sowol im fi wie im % mit noch älterem materiale gearbeitet hätte, 
ob das andere epen oder einzellieder, d. h. kurze epische gedichte, 
die nur eine einzelne scene, aber abgeschlossen, behandelten, ge- 
wesen sind, wer will es sagen? ich vermag dazwischen nicht 
einmal einen unterschied von belang aufzufinden, dafs aber das 
% wirklich älter, wahrscheinlich beträchtlich älter, als diese Odyssee 
ist, zeigt sich in dem für % unmöglichen oder mindestens nicht 
ursprünglichen motive der Verzauberung, man kommt, da % im £ 
benutzt ist, nicht darum herum es mit in die Odyssee zu ziehen, 
und wollte man es einer andern quelle der Telemachie zu- 
schreiben, so bliebe die Unschicklichkeit dieselbe, da auch die 
Telemachie im n die Verzauberung enthält, und auch c dieselbe 
voraussetzt, man kann ja auch ohne mühe eine vermittelung 
Athenas, etwa während Odysseus sich zum fufsbade anschickt, im % 
eingeschoben denken, da dieselbe vom bearbeiter entfernt werden 
muste, also jetzt spurlos verschwunden ist. das ändert aber 
daran nichts, dafs die ganze scene, wie sie im % ist, ohne einen 
gedanken an eine Verzauberung componirt ist. damit coincidirt, 
dafs die beziehung auf das Apollonfest, den monatstag, zwar für 
% von eminenter bedeutung ist, aber vorher nirgend erwähnt; 



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112 15 

und damit wieder, dafs zwar vielfach die Jahreszeit als winter be- 
zeichnet wird, aber so dafs dieses im epos so befremdliche motiv 
(das nur jemand geringschätzen wird, der den süden nicht kennt* 
und mit seiner phantasie an die stube gebannt ist) gar keine 
rechte bedeutung mehr hat. im ursprünglichen gedichte war 
durch die Jahreszeit innerhalb des kvxdßag, d. h. des sonnenjahres 
von einer &Qa zum Wiedereintritt derselben, der bestimmte neu- 
mond bezeichnet: an der letzten ivq xal via des zwanzigsten Jahres 
kehrt Odysseus wieder; das jähr war nicht das des attischen 
kalenders und seiner sippe, so wenig wie der attische Apollontag 
des ersten vierteis vorkommt, sondern das andere weitverbreitete, 
wo der erste neumond nach der Wintersonnenwende das jähr 
begann; dieser kalender hat bekanntlich nicht nur in nordgriechen- 
land, sondern z. b. auch auf den Kykladen gegolten, am Apollon- 
feste aber, das so bedeutungsvoll für die handlung war, siegt der 
heimkehrende held mit der apollinischen waffe; schwerlich war 
er in der alten sage ein Schützling Athenas. 

Ob das gedieht, welches der Odysseedichter benutzte diese 
motive noch ganz und voll empfand, kann ich nicht sagen; dafs 
das gedieht uralt war, glaube ich selbst nicht, aber die sage 
ist eben so altertümlich wie ursprünglich, und es ist bedeutend, 
dafs sie keinesfalls ionisch war; vielleicht aeolisch. das zu ent- 
scheiden, dazu verstehe ich noch zu wenig von der geschichte 
des Jahres in vorattischer zeit, wol aber werfe ich die frage hier 
auf, ob diese sage nicht das älteste und echteste der Odysseus- 
sage überhaupt ist. freilich erscheint Odysseus im epos schon 
als das ideal des ionischen mannes, des mannes, der mit köpf 
und herz, mit kunst und list, unverzagt und unverwirrt zum ziele 
kommt, so hat ihn die Odyssee geschildert, so ist er das gegen- 
bild von Aias und Achilleus auch schon im epos geworden, 
noXvcuvog noXvfiiijxavog ntofan6Q&r\s. die feinde der Ionier haben 
ihm den argen Hermessohn ,ErzwolP, den feind des Apollon 
Lykoreus, 18 ) oder den Sisyphos, der den Hades betrog, zum ahn 
gegeben, Pindar hat ihn als ionischen heros gehafst. war er ein 



l8 ) Dies schon früh, X 85. Autolykos ist eine populäre diebsfigur K 267. Hesi- 
odos fgm. 130 Marck.; dafs er auch in den Epigonen vorkam, wird unten II 4 
gezeigt werden. 



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TELEMACHIE UND ODYSSEE H3 

Ionier? schwerlich; die älteren teile der Uias wissen aus dieser 
Charakteristik noch kein kapital zu schlagen; da ist er nicht ein 
andersartiger held als Diomedes oder Meriones. er hat in ihnen keine 
rolle zu spielen, die ein echtes sagenmotiv wäre, wie Aias Diomedes 
Menelaos; das tut er erst in jüngeren erfindungen, der nqsoßeia, 
der JoXwvsux, den ä#Xa; am bezeichnendsten im B. dagegen 
ist er ntolinoQ^og; die ntwxeiay die heranholung von Philoktetes 
und Neoptolemos, der Xnnoq sind seine a<H<rm(n; also die post- 
homerica; da bildet sich auch sein gegensatz zu Aias aus, wie 
andere gedichte (# 75, Kyprien) einen gegensatz zu Achilleus 
schilderten, man sieht in allem, wie Odysseus zwar eine sehr 
bedeutende sagenfigur ist, aber anderswoher in das epos ein- 
geführt und dann darin weiter entwickelt, wo kam er her? 
keine ionischen geschlechter, überhaupt in alter zeit, so viel wir 
wissen, keine geschlechter leiteten sich von ihm ab. wenn eine 
Eoee die Nestortochter von Telemachos einen söhn gebären liefs, 
so war es die pylische mutter die den adel eigentlich gab. und 
dieses gedieht war zudem erst aus dem sechsten Jahrhundert. 19 ) 
nur die dorische königsfamilie von Kyrene, dem sitze des Apollon 
Karneios, und die thesprotischen barbaren nannten ihn ihren 
ahn oder beteten zu ihm. die italische descendenz von Kirke 
und Kalypso hat keine bedeutung durch den vater. das weist 
von Ionien fort, dennoch gehört Odysseus für uns dem urbestand 
des epos an: das weist auf Aeoler hin. doch positiv kann ich 
nichts verbürgen über die herkunft: nur eins scheint unabweis- 
fich. nicht die teilnähme am troischen kriege hat die heimkehr 
hervorgerufen, da sie dafür nur soweit von bedeutung ist, als 
sie die entfernung motivirt: die in der Telegenosfabel anders 
motivirt ist. die irrfahrten enthalten viele züge, alte und junge, 
ionische und andere, aber sie setzten sich an den irrenden an 
und setzen alle die heimkehr voraus, das charakteristische ist 
also dies. Odysseus nimmt an dem kämpfe teil, der alle 
heroen beschäftigt, weil er ein bereits bestehender heros ist: der 
voatog ist älter als die fahrt, die Odyssee ist im kerne älter als 
der Odysseus als teilnehmer an der Ilias — doch das sollte bei 



,9 ) Darüber in capitel 8. 
Philolog. Untersuchungen VII. 



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114 I 5 

dem helden von Ithaka, den man in Mytilene und Ghios besingt, 
eigentlich nicht erst gesagt werden, was ist dann aber Odys- 
seus? der apollinische held, der am neujahrsneumond wieder- 
erscheint, die gattin befreit, die andere umwerben, und die freier 
erschlägt, das führt uns weiter und weiter, weg von Ithaka 
und den abenteuern des meeres, von dem irdischen und heroi- 
schen weg, hinauf, hinauf zu den göttern. aber ich wage die 
wolkenfahrt nicht; der held entschwindet meinen blicken, den 
gott kann ich nur ahnen, ov ydq mo ndvxEdtsi &eol (paivovtcu 
ivaqyslg. 



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6 
KIRKE UND KALYPSO 



Die Untersuchung des a hat der Kalypso ihren vater geraubt; 
sie ist nichts als eine nymphe wie tausend andere, auch ihre 
insel hat den eigennamen eingebufst; sie ist eine insel des Welt- 
meeres wie tausend andere, das einzige gedieht, welches Kalypso 
kennt, ist das e. alle andern beziehungen auf sie in der Odyssee, 
wenig genug überhaupt, sind durch e beeinflufst. was die sage 
sonst von Kalypso weife stammt auch entweder aus dem echten 
e, wie die erwähnung bei Hesiodos in der Theogonie, 1 ) oder aus 
der jetzigen Odyssee, es sind dürftige erfindungen, die sich be- 
streben die insel zu localisiren 2 ) und die Verbindung der Kalypso 
mit Odysseus nicht ohne frucht zu lassen; manchmal wechselt 
dabei Kalypso mit Kirke. 3 ) es ist keine frage, das e hat die Ka- 



') Hesiod. theog. 359 vgl. oben s. 17, daraus Homer hymn. an Demeter 423, 
mittelbar auch Apollodor bibl. I 2, 7. 

f ) Nymphaia: Apoll. Rhod IV 574 (daraus Steph. Byz.); Gaudos: Kalli- 
machos fgm. 524; vor dem lakinischen Vorgebirge: Skylax 13. Aeaea: Mela II 120, 
Properz IV 12, 31, durch Verwechselung mit Kirke; am Lukrinersee Dio Cassius 
XLVIII 50, durch dieselbe Verwechselung, gewifs gibt es noch mehr notizen: 
aber derartiges ist ohne wert. 

*) Frauenkatalog im anhang der hesiodischen Theogonie 1017, zwei söhne 
Nausitboos und Nausinoos, die namen von den Pbaeaken (n 56) geborgt, resp. 
danach gemacht, ersterer auf Kirke übertragen, Hygin 125. dagegen Telegonos 
auf Kalypso lediglich durch mis Verständnis, Eustath. zu n 118, darober unten. 
Auson von Kirke schol. Dion. Perieg. 78, Tzelzes zu Lyk. 44 ; er gehört eigentlich 

8* 



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116 I 6 

lypso frei erschaffen, die ,Verbergerin* tat ihre Schuldigkeit indem 
sie Odysseus sieben jähre verbarg: dann sank sie selbst in die 
Verborgenheit zurück. 

Wie anders strahlt neben ihr die Heliostochter Kirke, deren 
name noch heute an dem waldigen Vorgebirge hängt, das wie 
ein zauberschlofs am abendlichen horizonte über die Campagna 
aufragt, deren söhne Telegonos und Latinos tief in die mannig- 
fachsten sagen eingreifen, deren Zauberkunst schon die Vasen- 
malerei des sechsten Jahrhunderts mit reicheren zügen als die 
Odyssee ausstattet, deren beilager mit Odysseus die olympische 
xvipekrj enthielt, bei der Medeia und Iason eingekehrt sind und 
noch Glaukos heilung seiner liebe gesucht hat. es ist nicht denk- 
bar, dafs das gedieht, dessen reste jetzt x jti enthalten, die kraft 
besessen hätte, im gegensatz zu e diese figur so hoch zu er- 
heben. Kirke gehört der sage an. wer den abstand zwischen 
sage und fiction nicht zu verstehen vermag, der ermesse ihn an 
diesem Verhältnis. 

Bei Kirke geht Hermes aus und ein (x 331); Kalypso besucht 
er ungern auf Zeus befehl, aber wir sehen ihn doch da. Kalypso 
liebt den Odysseus, erweist ihm gutes, entläfst ihn und geleitet 
ihn mit ihrer fürsorge. Kirke tut desgleichen, sobald ihr zauber 
wirkungslos geblieben ist. beides sind göttliche wesen, begehren 
und geniefsen der liebe des sterblichen, beiden gegenüber, trotz 
ihrer göttlichkeit und ihren reizen, siegt des helden Sehnsucht nach 
der heimat; bei Kirke, nachdem er eine zeit lang sein selbst ver- 
gessen hat. man kann die ähnlichkeiten häufen: ein künstler 
würde schwerlich aus der poesie mittel nehmen können, sie vor- 
schieden zu charakterisiren. es ist ganz undenkbar, dafs beide 
personen nicht identisch sein sollten, die eine der andern nach- 
gebildet, das Verhältnis der sage gibt die antwort: Kalypso ist 
eine fingirte person, also ist sie die spätere, folglich gab es eine 
zeit, wo Odysseus zwar bei Kirke war, aber nicht bei Kalypso. 

Zum teil nach Kaysers Vorgang hat Niese die beiden gött- 



der Kalypso, Skymn. 230, Steph. v. Byz. bei Eustath. zu Dion. Perieg. 78 (über 
Atlas irrt Eustathius; Stepbanus gebt im gründe auf den commentar Theons zu 
Lykopbron zurück), schol. Apoll. Rbod. IV 553 (geht auch auf Theon zurück), 
Suidas s. y. Avawy. beide mütter Et M. s. v. 



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KIRKE UND KALYPSO 117 

liehen vvesen so aufgefafst und, wie er seiner ganzen auffassung 
von der nichtexistenz der sage nach muss, die Kalypso nach 
Kirke, d. h. das € nach x \.t verfafst sein lassen, in der tat ist 
es auch das nächstliegende, das Verhältnis des Inhaltes auf die 
form zu übertragen, aber ob das in abstracto nächstliegende 
auch in concreto vorliegt, kann nur vorurteilslose prüfung lehren. 

x 542—45 = e 228 — 31. es ist nur durch flüchtigkeit mög- 
lich, dafs Niese hier e aus x schöpfen läfst: Kirchhoff hat mit 
recht bemerkt, dafs Kirke nur hier eine nymphe genannt wird, 
was sie nicht ist, wol aber Kalypso. die verse gehören also in 
das e. dennoch beweist die entlehnung zunächst noch nichts, 
denn jene partie des x gehört erst dem an, der die Nekyia ein- 
gelegt hat; dass das der dichter des jetzigen x p ist, mufs erst 
bewiesen werden. 

p 312 schlafen Odysseus und seine gefährten auf Thrinakia 
am strande, um die dritte nachtwache sendet Zeus einen ge- 
waltigen stürm, hüllt erde und meer in wölken und nacht bricht 
herein. 4 ) dafs das widersinnig ist, braucht nicht gesagt zu werden; 
man würde zunächst an interpolation denken, aber die verse sind 
nötig, da sie das verbleiben auf Thrinakia motiviren. anlafs zu 
dem unsinn gab vielmehr die plumpe entlehnung der verse. als 
vorläge wird man zunächst an das t denken, welches von p stark, 
einzeln auch von x, in contribution gesetzt ist. aus diesem 
stammen in der tat /i 314. 15 = t 67. 68, und wir können der 
parallelstelle € 293. 94 entraten, da sie unvollständig ist. aber 
t* 313 steht £arjv äve/iov, und dieser angebliche aeolismus (Hinrichs 



4 ) Diese verse hat Vergil im anfang des zweiten buches benutzt, et tarn nox 
umida caelo praeeipitat suadentque cadentia sidera somnos, rjjuoe efe rp(f« 
yvxidg tyv t /uuä cT äoTQa ßeßqxit — oqujqu <T ovQttvo&tv vvt;. dabei deutete er 
das letzte auf ein sinken, d. h. herniederfahren der nacht dem endo zu, wie er 
muste um sinn zu erlangen, das merkwürdige ist, dafs auch bei ihm die zeit im 
zusammenhange des epos unpassend ist. wer I vor II liest, kann nicht glauben, 
dafs es schon mittemacht vorbei wäre, als Aeneas beginnt, auch passen für diese 
zeit seine apologe nicht, aber diese werden auch am ende von III abgebrochen, 
ohne dafs die Situation des erzäblers und seines publicums irgend wie berücksichtigt 
würde, es steht ja fest dafs II als einzelgedicht entworfen war, dessen fugen 
klaffen, so gut wie nur im Homer, dasselbe problem bei dem kunstpoeten neben 
Homer zu verfolgen, ist überhaupt äufserst belehrend. 



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118 16 

de Hom. eh vest. Aeol. 106) nimmt sich in diesem jungen stücke 
seltsam aus. dafs die Überlieferung als gesichert gelten kann, 
zeigen die erklärungs- und emendationsversuche der alten. 5 ) es 
ist ein anderer ausweg da und ein sehr viel einfacherer, £aijv ist 
genau so entstanden wie evQvona Zrjv, worüber Hinrichs vor- 
trefflich gehandelt hat. der falsche accusativ ist durch die ver- 
tauschung mit dem richtigen nominativ aus einer andern stelle 
hineingeraten: e 368 steht ävepog £arjg. 

e 391 wird geschildert, wie der stürm sich endlich legt und 
das meer sich glättet, xal tot' enew' ävsfxog fiiv inavoato y r^ii 
ycdrjvr) enXejo vrjveplri; damit geht die erzählung weiter, fi 166 
fährt das schiff schnell auf die Sireneninsel zu, errstye yäq ovQog 
ärtijfiwv avrciQ €7tei% y ävefxog fiiv inavcaxo ijö*e yaXijvtj snXeto 
vqveixiri, xoifitjXSB ii xvfiata Satfxcov. schon die schlechte Wieder- 
holung von ovqog und ävBfxog zeigt die entlehnung. was soll aber 
auch der letzte halbvers ? in wie fern ist ein übernatürliches ein- 
greifen hier erforderlich? ob ein solches stattfindet, merkt der 
mensch an der ungewöhnlichkeit oder bedeutsamkeit des ge- 
schehenden: dafs die gefährten jetzt rudern müssen, ist für das 
folgende nur insofern von bedeutung, als Odysseus etwa dadurch 
länger den Versuchungen des Sirenengesanges ausgesetzt bleibt, 
wollte man aber die entlehnung aus e hier noch bezweifeln, so 
wird das doch durchschlagend sein, dafs dieselbe stelle noch 
einmal in fi und mit noch weniger geschick benutzt ist. der 
aufenthalt auf Thrinakia ist eine folge der änXoia (Herrn. 18,220), 
d. h. des wehens ungünstiger winde, aus Süden und osten (p 326). 
der endliche Umschlag des wetters ist 400 mit xal toz 1 enen 
äve/tiog fiiv inavöato XaiXant, &vwv bezeichnet, das ist sehr un- 
genau ausgedrückt, wind brauchten sie ja auch zur fahrt; nicht die 
Windstärke sondern die Windrichtung muste sich ändern, schliefs- 



6 ) In den scholien zu dieser stelle steht ein fragment der herodianischen 
prosodie (II 154 L.) forty Alohxov to /utia tov v, xal fcfc* avio AioXtxws ßctqv- 
vto&cu tag to „alvona&rjv naiQitf ino*po(*ai' i naqä 'AvctXQtovn (fgm. 36), min- 
destens eben so seltsam wie dafs Anakreon einen überflüssigen aeolismus begangen 
hätte, ist es dafs Herodian zum belege für einen aeolismus den ionischen dichter 
anführt, es ist einleuchtend, dafs na^cc 'Ahtaitp zu schreiben ist. das versmafs 
(asclepiad. maior) ist auch lesbisch. 



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KIRKE UND KALYPSO 119 

lieh ist derselbe vers noch 426 als ev& qxoi Zetpvqog fxh inav- 
(faio XaiXam $va>v verwendet, das fi hat überhaupt eine sehr 
geringe Proprietät und Originalität des ausdrucks. 

Es steht noch eine parallele zwischen e und x aus, welche 
Kayser und Niese ganz besonders betonen: der eid den Odysseus 
von Kalypso und Kirke nimmt, ich beginne mit der letzteren 
stelle. Hermes heifst den Odysseus der liebeswerbung Kirkes 
willfahren, damit er seine genossen befreie, dXXd xeXea9ai fxiv 
fiaxaQwv fiiyav oqxov djAotitfai fi^ti tot ai%($ 7rrj[ia xaxov ßovXsvöe- 
iuev äXXo, fiTJ & dnoyvfivw&evta xaxov xal dvrjvoQa öeifl. (x 299 
bis 301.) das ist verständlich, und so handelt Odysseus. er er- 
widert auf Kirkes werben ,ich kann dir nicht hold sein; meine 
gefahrten hast du verzaubert, mich forderst du mit arglist auf in 
deine kammer zu gehen und dein bette zu besteigen, damit du 
mir in deinen Umarmungen die manneskraft raubst, oif äv 
Bywy* e$eXoif.u ierjg imßrinsvai £vvr\g, bI fxij fiot iXairjg ye, &ed, fxsyav 
oqxov öfJLoacai, f.irjzi (ioi avito nrjfxa xaxov ßovXevaefxev äXXo. i so 
spricht er; sie schwört wie er verlangt, darauf besteigt er ihr 
bette, das wird in drei versen ganz kurz erzählt, die ausge- 
schriebenen verse sind verständlich; äXXo xaxov nrjfia ist zwar 
nicht grade gut für bxbqov oder noch besser ndXiv oder av&tg. 
ftoi avz<j> hat, da an eine andere person, wie etwa die gefahrten, 
als gegensatz zu denken unmöglich ist (sie würden ja sonst der 
Kirke preisgegeben), wenig kraft, und recht wenig geschickt ist 
342 %Brjg imßrifievai Bvvrjg nach 340 örjg imßijiievai evirfg. be- 
sonders bemerkenswert ist, dafs die mahnung des Hermes erst 
nach der rede des Odysseus gemacht zu sein scheint, denn fxaxd- 
qwv ixiyav oqxov o^ioacay ist aus dem correcten fxeyav oqxov opoödat, 
erweitert: das absolute ixdxaQeg in der bedeutung &£oi ist, so viel ich 
weifs, sonst ganz unhomerisch und stammt lediglich aus dem zwange 
des verses; Hesiod hat es öfter, aber, wie gesagt, erträglich ist alles. 

b 170 hat Odysseus von Kalypso die überraschende botschaft 
erhalten, er dürfe heimfahren, dazu solle er sich ein flofs zimmern, 
sieben jähre hat er hoffnungslos und sehnsuchtsvoll ausgehalten; 
die nymphe, seinen dauernden besitz begehrend, hat ihn sieben 
jähre mit bitten und lockungen bestürmt: plötzlich, ohne dafs er 
einen anlafs für ihre Sinnesänderung merkt, eröffnet sie ihm die 



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120 I 6 

aussieht frei zu kommen, aber in einer weise, dafs auch der 
kühnste schaudern muss: auf einem flofse soll er über das wilde 
unendliche ineer. man schämt sich wirklich, dafs es menschen 
von solcher rohheit des empfindens gibt, dafs sie meinen, ein 
dichter könne Odysseus auf diese worte gar nichts erwidern lassen 
und in tölpelhaftem schweigen hinter Kalypso hergehen, sich hin- 
setzen und futtern, nun, gott sei dank, der dichter empfand anders: 
er erzählt so. Odysseus schauderte und sprach „damit hast du 
etwas anderes im sinne und nicht meine entsendung: du willst 
mich auf einem flofs über das fürchterliche nieer fahren lassen, 
das nicht einmal Segelschiffe durchfahren, wenn Zeus ihnen guten 
wind gibt, ich möchte auch nicht, wenn dir's nicht recht ist, das 
flofs besteigen, wofern du dich nicht entschliefsest einen schweren 
eid zu leisten, dafs du dabei nichts anderes im sinne hast, für 
mich zu argem leide." da lächelte Kalypso, streichelte ihn und 
sprach: „du bist doch ein verschlagener mann, und läfst dich 
nimmer betören: bei erde himmcl und styx, ich habe nichts 
anderes dabei im sinne, dir zu argem leide, das meine ich und 
rate ich, was ich selbst für mich planen würde, wenn ich in die 
läge käme, ich bin ja billig denkend und mein herz ist nicht 
hart sondern mitleidig." damit gieng sie rasch voran, und er ihr 
nach, sie essen (wir empfinden das peinliche schweigen der 
liebenden frau und des nur halb beruhigten mannes, dessen herz 
von hoffnung und aufregung geschwellt ist), bis sie wieder beginnt 
und eine neue auseinandersetzung, der letzte versuch Kalypsos 
den geliebten zu behalten, folgt. 

Trägt nicht jedes wort hier den Stempel der echten innigen 
poesie? doch prüfen wir die dem e undx gemeinsamen verse. ot/<T 
äv eywv äexrjxt, oeöev oxedCrjg emßairjv, ei /tij (xoi xkairjg ye, #ea, 
fieyav oqxov öfioööai, iiiqxi pot, crt/TcjJ nrffiu xaxov ßovlevaifiev akXo. 
ovde schliefst hier den zweiten einwand an; im x ist es nicht 
charakteristisch, einmal ist es ein abenteuerliches unterfangen, 
das flofs zu besteigen, zweitens lehnt Odysseus es ab (in milder 
form ab, wie er der freundlichen nymphe gegenüber muss) sie 
zu verlassen, wenn sie es nicht wirklich will, er hat ja gesagt, 
dafs er hinter dem anerbieten einen andern plan vermutet. älXo 
xi i§ cv %6de [irjdecu ovdi xi nofimjv. darauf bezieht sich der 



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K1RKE UND KALYPSO 121 

eid (xij %i (xoi ahvo nr^ia xaxov ßovXevas/jiev äXXo. mit nachdruck 
steht äXXo g,m anfang und ende der rede, zu aXXo ist n^pa 
xaxov fiot avxiii apposition. er weifs nicht was sie im Schilde 
führt, er vermutet nur, es wäre für ihn ein nrlixa xaxov. so ist 
auch not av%($ nicht ohne beziehung, sondern der einzige ver- 
ständige gegensatz, auf die schwörende, darin, man denke avxvp 
weg und das enklitische fiot sinkt zum gemeinen ethischen dativ 
herab, auch belegt ja tot avttf 187, (xoi avtfj 190 den gebrauch. 
Kayser und Niese haben die zu vergleichenden verse heraus- 
gerissen aus ihrem zusammenhange und haben sie vollkommen 
misverstanden. wenn Kayser sagt, Odysseus hätte sich einer tücke 
nicht versehen können, so ist das just dasselbe, was Kalypso ihm 
auch entgegenhält: aber Odysseus hat sich ja der erlaubnis zur 
abreise eben so wenig versehen können, und er schliefst nun aus 
diesem ungewöhnlichen auf das an sich eben so unwahrschein- 
liche, dafs Kalypso ihn etwa für seine standhaftigkeit bestrafen 
wolle, in Wahrheit ist Kaysers anstofs nur eine folge davon, dafs 
er äXXo nrjpa verbunden hat, weil es so im x zu verbinden ist, 
statt an äXXo %i prjäeai zu denken, worauf es sich doch im € 
bezieht, nur unter der annähme, dafs x aus e schöpft, erklären 
sich diese stellen, daher die üble Wiederholung ovo' äv aycuy' iüe- 
XoipLi isrjg imßijfxsvat evvijg, nachdem crjg imßtjfievai evvrjg vorher- 
gieng, gemacht aus cx£$ir\g imßalriv: i&iXouu muste eintreten, 
weil dexri%i ai&ev nicht verwendbar war. daher in Hermes rede 
das anstölsige fiaxaQwv fiiyav oqxov. und ganz abgesehen von 
der form: welche scene ist die originale, die, wo auf die auf- 
forderung zum schwur eine eben so ins einzelne ausgeführte und 
für die Situation charakteristische ableistung desselben folgt, oder 
wo die ableistung derselben mit ein par geläufigen redensarten 
abgemacht wird? 

Auf grund dieser prüfung bezeichne ich es als eine er- 
wiesene tatsache dafs x p mit benutzung von €, also unsere Kirke 
nach unserer Kalypso gedichtet ist. da nun p und x wenigstens 
vom Kirkeabenteuer an (vgl. x 140 — 42 mit i 142 und 74) mit 
benutzung auch von i gedichtet sind, so kann man sie nur 
mit Kirchhofif als einen jüngeren nostos* bezeichnen. Kirchhoff 
ist nun aber auf dieser grundlage zu der annähme gelangt, dafs 



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122 I 6 

Kirke selbst jünger als Kalypso, überhaupt nicht eine originale 
tigur der sage, sondern eine nachbildung Medeias sei. diese an- 
nähme hält nicht stich, das Verhältnis, in dem die sage Kirke 
neben Kalypso zeigt, widerspricht ihr. ich könnte auch den 
nachweis führen, dafs Medeia in der voreuripideischen, überhaupt 
in der korinthischen sage gar nicht eine arge Zauberin gewesen 
ist, sondern eine gestalt, der Helene in manchem, in anderem der 
Thetis verwandt, deren heimhol ung in ihr angestammtes reich den 
zweck der Argofahrt bildete, aber diese bedeutende Untersuchung 
fordert für sich Selbständigkeit, hier gilt es lediglich den wider- 
streit von form und inhalt, den unterschied von sage und gedieht 
anzuerkennen, die sage hat ihre existenz vor dem dichter und 
neben und nach ihm. haben die Hellenen von der zauberin Kirke 
wirklich nur gewufst, dafs sie die gefahrten des Odysseus in 
schweine verwandelt hat, und die vasenmaler durch achtlosigkeit 
oder willkür allerhand anderes getier dazu getan, oder lebte in 
der Vorstellung der Hellenen eine zauberin Kirke, die menschen 
in allerhand getier verwandelte, und deshalb auch die gefahrten 
des Odysseus in allerhand tiere verwandeln konnte, auch wenn 
im * nur von Schweinen zu lesen stand? wir haben hier innerhalb 
des Homer in einem ganz übersehbaren und controllirbaren zu- 
sammenhange denselben widerstreit zwischen dem alter der sage 
und der dichtung, der in dem Verhältnisse anderer sagen, nament- 
lich der andern homerischen gedichte zu Rias und Odyssee, so oft 
zu constatiren ist, gegen den sich aber diejenigen sträuben, die 
bewufst oder unbewufst von der antiken Vorstellung abhängen, 
dafs Homer nur Ilias und Odyssee repräsentire, dafs er einheit- 
lich und älter als die anderen gedichte sei. man erzählte längst 
von Kirke und Odysseus, längst sangen von ihnen die aöden : da 
griff ein dichter das motiv auf und setzte ihr die Kalypso zur seite. 
dies war ein hervorragender dichter, welcher mit seiner erfindung 
den Zusammenhang der alten Odysseusepen sprengte, schwerlich 
wollte er zwar Kirke verdrängen, und er konnte es auch nicht, 
da sie ja in der sage fest safs. wol aber bewirkte er, dafs die 
älteren fassungen des Kirkegedichtes durch eine neuere verdrängt 
wurden, welche unter anlehnung an Kalypso diese partien der 
Odysseusfahrt ausführlicher, z. b. mit namentlicher einführung von 



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KIRKE UND KALYPSO 123 

gefährlen des Odysseus, darstellte, die zusammenfügung unserer 
Odyssee hat nun die jüngere erfindung in der originalen fassung, 
wenn auch verstümmelt, die alte sage in der späteren be- 
arbeitung auf uns kommen lassen. 

Kirchhoffs jüngerer nostos 4 , ist gegenüber dem e jünger nur 
in seiner form, dazu stimmt die beobachtung, die Kirchhoff selbst 
gemacht hat, dafs diese form nicht die ursprüngliche ist. die 
Verständigung über diesen punkt ist unerläfslich ; ich glaube aber 
den zum teil sehr feinen einwendungen , die gegen Kirchhoffs 
annähme einer Umsetzung von x p aus dritter in erste person 
gemacht sind, darin rechnung tragen zu müssen, dafs ich die 
sache von innen heraus darzustellen versuche. 

Es scheint eine raffinirte form der darstellung, wenn ein 
dichter das, was er erzählen will, einem anderen in den mund 
legt, denn es bedarf dazu einer subjectiven färbung der erzählung, 
die der epische dichter aus seiner person heraus nur selten (doch 
häufiger als man meistens annimmt) gibt, aber was raffinirt 
scheint, ist es nicht immer; die einwirkung der götter, eine raffi- 
nirte maschinerie bei Vergil Tasso Klopstock, ist in gedichten wie 
E Q £ durchaus naiv, die apologe, die in den erzählungen des 
Phoinix im i, des Nestor im A, des Menelaos im i ihre parallelen 
haben, sind eine Steigerung dessen, was das epos durchgehends 
tut, der einführung directer rede, die antike ästhetik, wie immer 
für die eigene litteratur unendlich verständiger als die neuere, 
gibt deshalb dem epos einen platz zwischen dem yevog cfctjyij- 
fjtanxov und fufirjtixov, und der Bankesianus des Q bezeichnet 
die personen wie im drama. diese Verwendung der directen rede, 
die in der kunstmäfsigen historiographie wiederkehrt, macht auf 
uns durchaus den eindruck des künstlichen und raffinirten. sie 
ist es auch in der prosa; die historiographie, schon in den letzten 
büchern des Herodotos, und dann bei Thukydides schwer mit 
reden belastet, ist dadurch im weiteren verlaufe ruinirt worden, 
aber im epos ist die anwendung directer rede mit nichten etwas 
raffinirtes; die dichter können gar nicht anders, es dauert noch 
lange, bis indirecte rede überhaupt ermöglicht wird, das epos 
findet da seine parallelen in jeder naiven spräche, namentlich den 
echten teilen der historischen bücher des alten testaments. man 



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124 16 

kann selbst noch weiter gehen, und die einführung directer rede 
als eine Steigerung der parataxe bezeichnen, die in archaischer 
spräche fast allein gefunden wird, wo der moderne sagt ,da 
glaubte Diomedes, er müste sterben 4 , sagt Homer ,da sagte Dio- 
medes zu seinem herzen, „wehe mir, ich muss sterben", das 
schliefst nun nicht aus, dafs die Verwendung directer rede für 
ganze lange gedichte einer entwickelten periode der dichtung an- 
gehört, wie das tatsächlich der fall ist, aber es ist gut sich gegen- 
wärtig zu halten, dafs diese entwickelung aus einem naiven und 
uralten keime stammt, das spätere epos und ähnliche meist 
volkstümliche erzählende poesie, wie die sieben meister, 1001 
nacht u. dgl m., bis auf die Unterhaltungen der ausgewanderten, 
hat eine ganz besondere freude an solcher Verdoppelung des er- 
zählers, ohne dafs doch eigentlich an der Situation, in der die 
eingeführte person erzählt, viel läge, derart sind die erzählungen 
in / und A, ist die reise des Telemachos : vielfach sind es wirk- 
lich lediglich rahmenerzähl ungen, wie die in platonischen dialogen, 
z. b. Theaetet. ähnliche stücke waren in andern homerischen 
epen; aus den Kyprien und der Telegonie werden sie uns noch 
begegnen, es kann nun gar nicht ausbleiben, dafs namentlich 
geringere poetische fähigkeit in die directe rede dinge mischt, die 
für den redend eingeführten minder gut passen als für den 
dichter, unzählige male handelt so der dramatiker, lange nicht 
immer mit absieht, ganz besonders schwer wird es dem Pindar 
seine rede von der der eingeführten personen zu unterscheiden; 
nicht minder arg ist es bei Herodot und Thukydides: aber auch im 
Homer wird man doch z. b. die einlage ausgeführter gleichnisse 
oder mythologischer parallelen in directe rede unmöglich für etwas 
angemessenes oder für beabsichtigte feinheit ausgeben wollen, 
schon durch das metrum und die conventioneile spräche stilisirt 
der dichter die rede der eingeführten personen: es ist ein Über- 
gang, der nur im einzelnen falle scharf zu bezeichnen ist, wo die 
erlaubte stilisirung aufhört und der verstofs gegen die ethopoeie- 
anhebt. wenn z. b. die gefährten des Odysseus, während er 
schläft, den schlauch der winde lösen, so würde der dichter, der 
dies erzählt, sie ihre absieht in directer rede kund tun lassen: 
er könnte gar nicht anders, wenn er nun den Odysseus dasselbe 



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KIRKE UND KALYPSO 125 

erzählen und dieselbe form anwenden läfst, so gibt das für den 
nachdenkenden freilich einen Widersinn, weil Odysseus während 
dieser rede geschlafen hat, aber dieser Widersinn ist schwerlich 
dem dichter oder seinen hörern zum bewustsein gekommen, und 
wir vermögen auch kaum zu sagen, wie der dichter sich anders 
hätte helfen können, solche misverhältnisse werden sich häufen, 
wenn der dichter einen überkommenen stoff seinem erzähler in 
den mund legt, denn dieser stoff muste oder konnte demente 
enthalten, welche dem als erzähler gewählten individuum gar 
nicht bekannt sein konnten, wenn dem Odysseus menschenfresser 
alle seine schiffe bis auf eins vernichtet haben, so ist nicht an- 
zunehmen, dafs er, der dem Überfall mit genauer not entkommt, 
den namen der riesen, ihrer stadt und ihres königs je erfahren 
habe, er kann auch höchstens vermuten, dafs die unholde durch 
seine kundschafler herbeigelockt seien; von diesen kann der läge 
der sache nach keiner das schiff des Odysseus erreicht haben, 
aber die sage weifs, dafs die riesen Laistrygonen heifsen und ihr 
könig Antiphates. in diesem falle ist der dichter, der den 
Odysseus erzählen lassen will, in einer Zwangslage, und er ver- 
dient nur lob, wenn er dem Odysseus die volle kenntnis verleiht, 
und dieselbe dadurch motivirt, dafs einer der kundschafler ent- 
kommen sei. ob das dem nachrechnenden verstände als wahr- 
scheinlich oder möglich erscheinen mag % ist ohne bedeutung, da 
es auch der nachrechnende verstand als durch die Ökonomie der 
dichtung erfordert erkennt, es kann auch der fall eintreten, dafs 
der erzähler sich eine kenntnis erst allmählich erworben hat, und 
also sich selbst darstellen muss, wo er sie noch nicht besafs. 
dann werden wir den dichter loben, der z. b. den namen des 
Polyphemos erst dann von Odysseus anwenden läfst, als dieser ihn 
von den andern Kyklopen erfahrt; aber ebenso werden wir den 
dichter loben, der durch eine geringe unwahrscheinlichkeit der 
pedantischen langenweile zu entgehen weifs. als Odysseus zu 
Kirke gieng, begegnete ihm in Jünglingsgestalt ein gott; dafs es 
ein gott war, muste er sofort merken, aber welcher es war, 
konnte ihm höchstens nachher Kirke erzählen, soll nun der 
dichter erst von einem unbestimmten gotte erzählen und später 
durch Kirke dem Odysseus die aufklärung geben lassen, oder soll 



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126 I 6 

er einflechten, ,ein unbekannter gott, Hermes, wie ich nachher er- 
fahren habe?' ich denke, wir sind es zufrieden, dafs er vielmehr 
einfach Hermes eingeführt hat; wer nachdenkt, kann sich daraus 
den Zusammenhang ergänzen, dafs der verkehr der Kirke mit 
Hermes sonst erwähnt wird. 

Wenn nun die sage den Untergang der gefahrten des Odysseus 
auf ihren frevel gegen Helios zurückführte, so muste das der er- 
zähler Odysseus berichten: aber der wüste es auch ohne jede 
kenntnis davon, was Helios bei der gelegenheit gesagt hatte, 
wenn ein blitzstrahl bald darauf sein schiff zerschmetterte, so 
mochte den blitz Zeus geschleudert haben, weil der des blitzes 
herr ist, mochte also Zeus den frevel gegen Helios gerächt haben: 
soweit durchschaute Odysseus sofort den Zusammenhang; aber dafs 
Zeus von seiner absieht vorher etwas kund getan hatte, das wüste 
Odysseus nicht und brauchte es nicht zu wissen, die scene des 
p 374 — 390 ist also qualitativ von den andern verschieden, nur 
bei ihr fühlt sich auch der dichter veranlafst, die kenntnis des 
Odysseus durch die dürftige und mit e unvereinbare bemerkung 
zu erklären, dafs er sie von Kalypso, diese von Hermes hätte, weder 
die sage noch die poetische manier kann diese stelle erklären oder 
entschuldigen: hier hilft allein die annähme einer poetischen vorläge, 
die nicht den Odysseus reden liefs, hier gibt es keine rettung vor 
Kirchhoffs bündigen Schlüssen, der namentlich auch auf die stelle, 
an welcher das himmlische gespräch steht, zwischen dem er- 
wachen des Odysseus und seiner ankunft bei den genossen, hin- 
gewiesen hat: wenn Odysseus das himmlische gespräch hätte er- 
zählen wollen, so würde er es wenigstens während seines schlafes 
angebracht haben, es ist wirklich traurig, dafs man über die 
erbärmlichen auskunftsmittelchen noch ein wort verlieren muss, 
die gegen Kirchhoff ins feld geführt werden. Aristarch hat athe- 
tirt; ihn trifft kein Vorwurf, aber wer ihm nachschwatzt, hat sich 
zu schämen, denn wenn die verse fortfallen, so ist nirgend ge- 
sagt, dafs die räche von Helios ausgeht, der stumpfsinnige 
rationalismus, der sich weise dünkt, wenn er sagt, dafs der 
allsehende Helios keinen boten brauche, verdient nichts als die 
antwort in seinem stile, dafs grade eine wölke über Thrinakia 
stand, die rohheit zu verwerfen ohne die interpolation zu be- 



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KIRKE UND KALYPSO 127 

gründen wird dadurch bestraft, dafs damit weitere athetesen (130 
bis 36 und noch mehr) nötig werden, und was wird schliefslich 
erreicht? „die stelle ist beinahe eben so anstöfsig in dritter 
person," sagt Niese, beinahe? wirklich, beinahe? ei, wie ist denn 
dieser also zugestandene gradunterschied entstanden? 

Das abenteuer auf Thrinakia ist gedichtet auf grund einer 
poetischen vorläge, die in dritter person gehalten war. eine 
lediglich mechanische Umsetzung anzunehmen haben wir schlechter- 
dings keine veranlassung. wir dürfen auch keineswegs den dich- 
ter von p deswegen so sehr schelten oder gar verachten, 
weil der anstofs uns vielleicht besonders störend ist. es ist ein 
verstofs, den die benutzung fremder poesie nahe legt, und nicht 
anderer art als die wenig geschickte Verwendung fremder verse 
an vielen orten, auch, wie wir gesehen haben, im ju. und dem 
einen verstofse steht die lange gelungene Umgestaltung gegenüber, 
denn da mit Thrinakia bis zum anfang des Kirkeabenteuers hinauf 
alles unlöslich zusammenhängt, so muss man bis dahin dieselbe 
quelle annehmen, auch wenn man, wie ich es tue, eingesteht, 
dafs alles andere was Kirchhoff anstöfsig findet durchaus erträg- 
lich oder vielmehr untadelig ist. und da bis dahin auch die er- 
wiesene nachbildung von e geht, so verliert zwar die Originalität 
des Verfassers von x jtt noch mehr, ^ber da er zwei vorlagen be- 
nutzt hat, die erzählung der abenteuer, die ihm den stoff gab, 
und das Kalypsogedicht, dem er mehrere züge der darstellung 
entlehnte, so ist an mechanische umdichtung um so weniger zu 
denken, grade so wie e ist aber auch i benutzt, d. h. die beiden 
abenteuer bei Lotophagen und Kyklopen. und diese benutzung 
erstreckt sich auch auf den anfang von x, Aiolos und Laistry- 
gonen, 6 ) so dafs es am geratensten ist, mit Kirchhoff das ganze x 



6 ) x 56—59 aus i 85 — 87. wasser zu schöpfen und ein mal zu bereiten, da- 
nach auf kundschaft zu gehen schickt sich für die nach langer irrfahrt an den 
unbekannten Lotophagenstrand geworfenen, aber nicht für Odysseus, der an die 
statte seiner ausfahrt, die insel des Aiolos, zurückgetrieben ist. die nächsten 
verse des Lotophagenabenteuer « 88—90 stehen x 100—102, allerdings untadel- 
haft, nnd man mag die Wiederholung hier, wie in den durch « x wiederholten 
versen, die von einem zum andern abenteuer überleiten, verteidigen können. — 
am anfang von x wird die Aiolosinsel umgeben von einer ehernen mauer ge- 



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128 I 6 

dem dichter der Kirke- und Thrinakiascenen zuzuschreiben: dafs 
er die beiden ersten abenteuer aber demselben gedichte wie die 
folgenden entnahm, ist nicht zu beweisen, und die blofse möglichkeit 
hilft wenig, das wesentliche ist , dafs der dichter von * /* ein 
nachdichter ist, inhalt und form aus mancherlei älteren gedichten 
borgend, aber geschickt verarbeitend, wenn auch einzelne ver- 
sehen untergelaufen sind, also ein dichter desselben Schlages wie 
z. b. der der Telemachie , oder besser wie der dichter von v ?, 
d. h. den büchern, die auf x fi folgen und mit ihnen ohne jeden 
anstofs verbunden werden können ; namentlich die benutzung des 
r im J ist eine ganz analoge erscheinung (oben s. 52). 

Wenn also unser x p auf grund eines älteren gedachtes, das 
die selbsterzählung des Odysseus nicht kannte, unter gleichzeitiger 
benutzung des i und e verfertigt ist, das s aber die Kalypso erst 
geschaffen hat, so ist es notwendig anzunehmen, dafs in jenem 
älteren gedichte Odysseus, nachdem er bei Thrinakia Schiffbruch 
gelitten hatte ohne weiteren aufenthalt nach Scheria kam. eine 
solche fassung der sage ist noch nachweisbar, und sowol Kirch- 
hoff wie Niese erkennen sie an. % 273 — 280 ^ erzählt Odysseus 
dafs er, als er von Thrinakia kam, schiff und genossen, die sich 



schildert, Xtaatj d' avaMgope rrlrpq. da begreift man nicht, wie die landung 
ermöglicht ist: der ausgeschriebene halbvers kehrt t 412 wieder. — x 12G steht die 
Wendung £i(fog o|i) igvead/Liivos nct^cl pijQov', da Odysseus das schwort zie^t 
blofs um ein tau durchzuhauen, so ist die Wendung nicht hier original, sondern 
wo sie wiederkehrt, das ist in der Kirkegeschichte x 294, 321, wo das ziehen des 
Schwertes etwas plötzliches ist, und zum erfolge, der einschücbterung ausreicht, 
zwar ist auch da noch nicht der originale platz des verses, sondern X 48, wo 
Odysseus dauernd mit gezücktem Schwerte stehen bleibt, aber die Zugehörigkeit 
der Laistrygonenscene zur Kirkescene, die mit der Nekyia jetzt verbunden ist, 
zeigt sich doch, alles sind vielleicht nicht ganz durchschlagende stellen; sie weisen 
jedoch in dieselbe richtung, und auf keinen fall kann es schaden, wenn ich das 
ganze x hinfort als eins betrachte, da der sachliche nachweis wenigstens für das 
Laistrygonenabenteuer nachgeliefert wird. 

7 ) Die erwähnung von Thrinakia und den Heliosrindern, r 275 -77, ist zwar 
in mehreren handschriften ausgelassen und kann zur not fehlen, aber die aus- 
lasaung kann, wenn es nicht ein blofses versehen ist, auf eine kritik zurückgeführt 
werden, die, ähnlich wie Kirchhoff, daran anstofs nahm, dafs Odysseus die Wahr- 
heit sagte, und so viel davon wie irgend möglich zu entfernen suchte, die verse 
selbst bieten keinerlei anstofs. 



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KIRKE UND KALYPSO 129 

an Helios rindern vergriffen hatten, verloren habe, selbst aber 
auf dem kielholz des Schiffes an das land der Phaeaken ange- 
trieben und von denen wol aufgenommen und weitergeschickt sei. 
Niese vindicirt diesen Zusammenhang seiner Urodyssee, 8 ) Kirchhoff 
seinem jüngeren Nostos: das ist im gründe dasselbe, denn beide 
meinen das x p wie es war, bevor es seine jetzige gestalt erhielt, 
da die vorher zum abschlufs gebrachte Untersuchung in dem % 
den mehrfach überarbeiteten rest eines gedichtes aufgewiesen hat, 
das älter ist als die Umgebung, in der es jetzt steht, und zwar 
dafs es in diese Umgebung durch den dichter von v £ (also auch 
x ju) gebracht ist, so stellt es sich eben so gut als vorläge des 
dichters von * — £ dar, wie das gedieht, dem der inhalt von x /u ent- 
stammt, und es stimmt in der tat in der erwünschtesten weise, 
dafs in dem alten gedichte % genau der Zusammenhang der hand- 
lung angegeben wird, den die vergleichung von x jtt und e für 
die vorläge von x fi erschliefsen liefs. dafs der dichter von x p 
eine darstellung aus seiner vorläge im % beibehielt, die mit der 
von ihm selbst beliebten Umformung der ereignisse nicht mehr 
stimmte, kann nicht befremden, es ist nur ein weiterer beleg 
dafür, dafs er die verschiedenen bestandteile, die er verband, 
nicht völlig ausgeglichen hat, und er durfte sich auch in einer 
rede des Odysseus, der so viel erfundene geschichten erzählt, des 
anschlusses an die Wahrheit überhoben dünken. 



8 ) Niese glaubt sich dadurch genötigt, das letzte aben teuer des //, Odysseus bei 
der Charybdis, zu entfernen, das geht nicht an. im /u wird von den Windrichtungen so 
viel gesagt, dafs der hörer erwarten muss, Odysseus den gefahren, die er vor Thrinakia 
berührt hat, nach dem Schiffbruch wieder zugetrieben zu sehen, aufserdem ist der 
feigenbaum, durch den Odysseus sich rettet, schon von Kirke 103 genannt, muss 
also eine rolle spielen, und wollte man diesen vers tilgen, weil er in mehreren 
handschriften fehlt, so würde das an sich unstatthaft sein, da der grund der aus- 
lassung in dem gleichen anfange t<£ <ft von 103 und 104 liegt, und doch nichts 
helfen, da 432 der feigenbaum als bekannt vorausgesetzt ist. wenn das Charybdis- 
abenteuer also wirklich mit der darstellung des r unvereinbar sein sollte, so würde 
es der vorläge des (4 % die mit r gestimmt hat, abzusprechen und für eine erfindung 
des dichters von /u zu erklären sein, aber es ist dazu gar keine veranlassung, da 
nicht auszudenken ist, wie der Odysseus von r überhaupt zu einer erwahnung der 
verhältnismälsig unbedeutenden gefahr hätte kommen sollen, die ihm zwischen 
Schiffbruch und landung begegnet ist. 

Philolog. Untersuchungen VII. 9 



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130 I 6 

Zwei Veränderungen also hat dieser dichter vorgenommen; 
einmal die einführung des Odysseus als erzähler in x ji, zum an- 
dern die aufnähme der Kalypso, mit welcher die formelle be- 
nutzung von e harmonirt. die Verknüpfung der apologe mit den 
Phaeakengeschichten und die beziehungen auf Kalypso in diesen 
müssen also ein werk der contamination sein, und dafs sie es 
sind, wird schon dadurch wahrscheinlich dafs Kalypsos grade nur 
an den beiden stellen crwähnung geschieht, die die apologe vor- 
bereiten. 

Die eine steht am anfang der apologe selbst, schon die 
alten haben an mehreren stellen der verse t 29 — 36 anstofs ge- 
nommen, Kirchhoff sie alle verworfen, doch so dafs nur 30 eine 
eigentliche interpolation sei, was übrigens durch die Überlieferung 
fest steht, dafs diese verse die erweiterung eines interpolators sein 
können, wage ich nicht zu leugnen, aber einen zwang sehe ich 
nicht: er liegt nur in Kirchhoffs ansichten über die composition 
dieser partie. „ich bin Odysseus aus Ithaka. das ist zwar die 
äufserste insel des westens, und sie ist rauh: aber die heimat ist 
immer das teuerste, hat mich doch Kalypso dort (wo ihr wifst; 
bezieht sich auf r\ 246) festhalten wollen, und Kirke von Aiaia, 
aber sie haben mich nimmer überredet; so sehr ist heimat und 
eiternhaus das liebste, auch wenn man ihnen beiden fern in der 
fremde ein fettes haus bewohnt", das mag breit sein, aber es 
ist an sich nicht verwerflich, zumal niova oixov 35 mit bedeut- 
samkeit auf %qri%Bla 27 zurückgreift. 

Aber auch die athetese von 29—36 genügt für Kirchhoff 
noch nicht, er muss die ganze Verknüpfung der apologe mit dem 
nächst vorhergehenden lösen. Odysseus hebt zu reden an, um 
der aufforderung des Alkinoos zu genügen; er soll sagen, wer er 
ist, weshalb er beim gesange des Demodokos geweint hat, was 
er auf seinen irrfahrten erlebt hat. dies geschieht in den versen 
14, 15 so, dafs die nachahmung von tj 241 evident ist. Kayser 
(hom. abh. 31), der das zuerst bemerkt hat, hat noch mehr anstöfsige 
Wendungen in dieser einleitung aufgezeigt, die rede des Alkinoos 
enthält eine partie (& 564-70), die nichts ist als eine 7TQonaQaaxevij 
für das v, und i 22 wird ein berg Neriton auf Ithaka genannt, 
der der Wahrheit nicht mehr entspricht, als die läge Ithakas im 



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KIRKE UND KALYPSO 131 

äufsersten westen i 25, aber grade auch im v wiederkehrt (oben 
s. 73). dafs diese partie also eine secundäre ist, ist freilich sehr 
richtig: aber davon sind die verse 16 — 28, die Kirchhoff allein 
beibehält, nicht auszunehmen, für deren verschiedene beurteilung 
Kirchhoff auch keine in ihnen selbst liegenden gründe beigebracht 
hat. so wird man zu dem urteil gedrängt, alles zu lassen wie 
es ist, aber die ganze einleitung der apologe einem contaminirenden 
poeten zuzuschreiben, dessen absieht nichts anderes ist, als was 
er tut, nämlich die einführung der apologe. dieser redactor hatte 
vollkommenes recht, Kirke und Kalypso zu nennen, v\ zu benutzen, 
und mit sich selbst (dem v) in einklang zu stehen, das bestätigt 
sich weiter dadurch, dafs kürzlich Gemoll dargetan hat, dafs das 
Kikonenabenteuer, d. h. i 39 — 61 ein verhältnismäfsig spätes 
machwerk ist, nicht zwar aus reminiscenzen der Odyssee, wie 
der bearbeiter dichtet, aber aus solchen der Ilias zusammen- 
gestückt, und in einem falle (42) von der Kyklopie (t 548) ab- 
hängig, die auch in x /t so oft benutzt ist. damit ist das stück 
bester selbst erzählung, das niemand in den zwei abenteuern bei 
Lotophagen und bei Kyklopen verkennen kann, aus seinem jetzigen 
zusammenhange gänzlich losgelöst, seine Vorbereitung im anfang 
von t aber als desselben Schlages erwiesen, wie seine fortsetzung 
im x sich herausgestellt hat. 

Die eigentlich entscheidende stelle ist die erste erzählung des 
Odysseus im r\ 241 — 97, aus der der eingang von v schöpft, auf die 
der schlufs des fi 447 — 53 ausdrücklich verweist, so dafs der dichter 
von /* diese stelle unbedingt entweder gedichtet oder vorgefunden 
hat. es ist die stelle an welche Kirchhoff seine nostoshypothese 
angehängt hat, mit welcher in möglichster kürze demnach ab- 
rechnung gehalten werden muss. Aristarch verwarf in dieser 
Odysseusrede 251—58, und dafs die Überlieferung unerträglich 
ist, durch jene Streichung aber ein guter Zusammenhang entsteht, 
leugnet Kirchhoff nicht, eben so unbestreitbar ist, dafs 251 = e 
133, 253-55 = p 447—49, 256. 57 = € 135. 36, 258 = v 33 ist. 
der letzte gehört jener einleitenden partie an, die eben besprochen 
ist; Kirchhoff verwirft ihn dort sammt seiner Umgebung: dennoch ist 
er im * original, hier entlehnt, denn dort ist er für den sinn das 
wesentlichste, hier ist er entbehrlich, doch abgesehen von dieser 



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132 I 6 

bezeichnenden einzelheit, ist es unverständlich, weshalb sich Kirch- 
hoff wider die aristarchische athetese sträubt, dafs verse einer 
andern stelle falschlich wiederholt werden, weil sie dem irrenden 
gedächtnis zur unrechten zeit sich darboten, ist bei der aufzeich- 
nung von viel recitirten gedichten nicht befremdlich, wie in Euripides 
Phoenissen und Medea ist es im Homer ganz gewöhnlich, hier 
zumal ist die gleiche anknüpfung durch ev$a 251 und 259 ein 
fingerzeig für die entstehung des gedächtnisirrtums, und da die 
verse den bericht des Odysseus wirklich vervollständigen, so ist 
auch die absieht dessen erklärt, der sie hier einfügte oder, nach- 
dem einiges unabsichtlich wiederholt war, beibehielt und notdürftig 
in schick brachte. Kirchhoff mifst hier mit anderm mafse als 
z. b. i 29—36. Aristarch hat vollkommen recht; ähnliche er- 
weiternde interpolationen sind uns namentlich im v begegnet, 
aber Kirchhoff hält es auch für notwendig, dafs Odysseus sich 
sofort hier genannt hätte, und dann geht freilich die ganze Phae- 
akengeschichte aus den fugen, ja, wenn Odysseus ein gimpel 
wäre' sagt Lehrs; ich kann nicht finden dafs er unrecht hat. 
mit der sitte sollte Kirchhoff doch nicht operiren: im S essen bei 
Menelaos zwei junge leute, Helene kommt dazu, beide ahnen dafs 
Telemachos vor ihnen sitzt, aber sie fragen nicht nach seinem 
namen. man kann aber die doctorfrage bei seite lassen, ob der 
dichter so hätte dichten können, wie Kirchhoff will, da über 
allen zweifei erhaben ist, dafs er es nicht getan hat. Athena 
hüllt den Odysseus in nebel ein, ,damit ihn keiner der Phaeaken 
nach dem namen fragte' ^ 17. Odysseus macht über sein ge- 
schick und seine herkunft weder in der bittrede an Arete noch 
in der antwort an Alkinoos weitere andeutungen als dafs er unend- 
lich viel leid erduldet hat (also mitleid verdient) und dafs er zu 
hause ein geachteter wolgestellter mann ist (also den Phaeaken 
ebenbürtig, vgl. oben s. 19). überall aber in der Odyssee, auch 
Nausikaa gegenüber, hält er mit seiner person zurück: er kann 
ja auch so trefflich lügen, es ist von Athena und Odysseus nicht 
zu erwarten, dafs sie so handeln würden, wenn Odysseus den 
selbigen abend alles erzählen sollte, nun geht vollends die ge- 
sellschaft auseinander, die mägde räumen den saal auf; wir 
können nichts anderes erwarten als dafs das königspar auch zu 



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KIRKE UND KALYPSO 133 

bett geht, aber die weise königin hat die arbeit ihres hauses in 
dem gewebe von Odysseus rocke erkannt, sie hat den vertrau- 
lichen moment abgewartet, um das Verhältnis zwischen Nausikaa 
und Odysseus, das sie ahnen muss, aufzuklären. ,wer bist du und 
woher? wer hat dir die kleider gegeben, du willst doch nicht 
über das meer irrend her gekommen sein (sondern hast schon 
auf Scheria etwas erlebt). 4 darauf soll Odysseus nach Kirchhoff 
mit den apologen geantwortet haben, vor Alkinoos und Arete 
allein, mitten in der nacht, man möchte sagen, das licht in der 
hand, um in die fremdenstube zu gehen, diese Ungeheuerlichkeit 
wird nur noch durch die jetzige ansieht von Kirchhoff übertroffen, 
die X dem alten Nostos zuweist, das A, in dem Odysseus unter den 
Phaeaken sitzend erzählt. 

Aber, wie zu erwarten, ist es doch eine scharfsinnige beob- 
achtung, die Kirchhoff gemacht und nur falsch ausgenutzt hat. 
wenn Odysseus beginnt dqyaXiov^ ßaaiXeuz, dirptexiins äyoQevoai 
xrjie\ inei fioi noXXä 66 aar &eoi ovQavCwveg, 9 ) zovxo de %ol €Q€(ü 
o ii' äveiQecu rjdi fA€taXX$$, so ist es unabweisbar, dafs auf die 
protasis ,es ist schwer all das leid zu sagen, da es so viel ist' 
nur folgen kann, ,deshalb will ich dir nicht alles sagen sondern 
nur das und das 4 , oder, wie Aeneas zu Dido ,trotzdera will ich 
dir es sagen 4 , unmöglich aber kann folgen, ,das wonach du 
fragst, will ich dir sagen 4 und dieses versprechen dann nicht 
einmal gehalten werden, das also ist aus den versen selber zu 
folgern, dafs hier etwas nicht in Ordnung ist. da setzt nun ein, 
was über Kalypso ermittelt ist. in den folgenden versen gibt 
Odysseus einen bericht über Kalypso und seine fahrt von Ogygia 
bis zur Zertrümmerung des flosses, danach von seiner rettung, 
doch ohne Leukotheas erwähnung zu tun. es leuchtet von selbst 
ein, dafs, wenn der dichter, der die bücher e—p in diesen Zu- 
sammenhang gebracht hat, die Kalypso erst zwischen Thrinakia 
und Scheria eingefügt hat, er sie hier auch einfügen muste. 
dann stammen die verse 243 — 250. 260—75 erst von diesem 
dichter, und dafür legt die Verwendung von Ogygia als eigenname 

°) Kirchhoff durfte hier nicht vor x*f<fc« interpuDgiren, wie es in der Wieder- 
holung des verses « 15 notig ist, dessen entlehnung eben daraus Kayser zur evidenz 
gebracht hat 



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134 16 

(oben s. 17), die noch in f 172 nicht vorhanden war, ein schwer- 
wiegendes zeugnis ab. dann steht aber auch nicht das mindeste im 
wege den Odysseus auf die frage ov <ftj (pfe im noviov älajfievog 
ev&dd' IxdvBiv in dem von Kirchhoff als an sich möglich bezeich- 
neten sinne antworten zu lassen. ,es ist zu schwer, all das leid 
zu erzählen, was ich erduldet habe, deshalb sage ich dir nur so 
viel: allerdings komme ich übers meer. mein schiff ist unter- 
gegangen, meine bootsmannschaft ertrunken, amäq eywye vr/xo- 
(iBvog ioöb Xaltpa distfiayov (275) u. s. w. 4 so ist weder eine text- 
änderung, noch eine neue hypothese nötig, auch diese Schwierig- 
keit schwindet, sobald festgehalten wird, dass Kalypso erst durch 
den eingeführt ward, der die bücher e — £ in ihren jetzigen Zu- 
sammenhang gebracht hat. in den büchern f — p weisen alle in- 
dicien nach dieser richtung. in f — # geht die handlung im ganzen 
ungestört fort, wenn auch einzelne erweiterungen und Wieder- 
holungen verschiedener motive vorhanden sind, die anfügung 
der apologe aber und die einführung Kalypsos stellen sich als das 
werk eines contaminirenden dichters dar, der denn freilich auch 
f — & nicht glatt aus einer quelle genommen oder gar selbst ganz 
unabhängig gedichtet haben wird. 

So kommen wir endlich zu dem, wonach der leser schon lange 
vielleicht ungeduldig gefragt haben wird, wenn die Phaeakenbücher 
einst unmittelbar mit der erzählung zusammenhiengen, die Odysseus 
auf Thrinakia schilderte, Kalypso aber erst später eingefügt ward, 
wenn auch das e älter als unser x fi ist, wenn auch im ij Odysseus 
ursprünglich von Thrinakia und nicht von Ogygia kam, vielmehr 
die insel der Kalypso diesen namen erst durch eine gezwungene 
deutung von J 172 erhielt, welcher vers Thrinakia meint: dann 
muss zwischen s und f, zwischen Kalypso und Nausikaa eine fuge 
sein, an einer stelle also, die bisher für ganz besonders gut er- 
haltene alte poesie galt, dem ist allerdings so; ich finde es sehr 
berechtigt, wenn man mit mistrauen an diesen nach weis geht, 
aber ich will ihn erbringen, gestehe jedoch zum voraus, dafs der 
dichter seine contamination vortrefflich gemacht hat; was übrigens 
von ihm zu erwarten war, da er v z. b. mit x eben so gut ver- 
bunden hat: es ist ja ein dichter der nicht blofs dem flickpoeten 
von a v, sondern auch dem von y — w weit überlegen ist. 



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KIRKE UND KALYPSO 135 

Im e reist Odysscus auf dem flofs ab; dafs ihm gefahren be- 
vorstehen weifs er: der stürm, der das flofs zertrümmert, gehört 
also zu e. der nackt und blofs an Scherias küste geworfene 
Odysseus, dessen sich Nausikaa annimmt, ist durch den stürm 
nackt und blofs geworden: der stürm gehört also zu f. mit 
andern Worten, wenn hier eine fuge wirklich ist, so muss sie in 
der Schilderung des sturmes sein, folgen wir der erzählung. 

Poseidons stürme treiben das flofs; schon ist Odysseus einmal 
hinabgespült, aber er hat es vermocht, sich wieder auf die planken 
zu schwingen, da sieht ihn Leukothea, sie erscheint vor Odysseus 
auf dem flofse, rät ihm dasselbe zu verlassen und sich durch 
schwimmen ans land zu retten; dazu gibt sie ihm ihren schleier, 
der ihn im meere schützen wird. Odysseus nimmt den schleier, 
aber er traut der erscheinung nicht, die eben wie eine möve 
zwischen den weilenbergen verschwand; er beschliefst so lange 
auf dem flofse auszuharren, als dieses hält, und erst in dem falle 
zu schwimmen, dafs das flofs zertrümmert wird, dieser fall tritt 
sofort ein. Odysseus reitet auf einem balken, zieht sich die 
hinderlichen kleider aus, bindet sich den schleier vor die brüst 
und springt in die wogen, da gibt Poseidon die Verfolgung auf, 
sofort erscheint Athena zur hilfe des helden, beruhigt das meer, 
sendet nordwind, sichert ihn vor der brandung, gibt ihm ein, in 
der mündung eines flufses hinaufzuschwimmen, sobald er festen 
boden unter den füfsen hat, sinkt er erschöpft zusammen, als er 
erwacht, ist sein erstes, den schleier Leukotheas, wie sie ihn ge- 
heifsen, dem meere zurückzugeben, dann küfst er begrüfsend die 
erde und überlegt weiter, was er in dem unbekannten lande 
tun soll. 

Leukothea hilft dem Odysseus, trotzdem Poseidon noch die 
scene beobachtet: sie kann es; warum tut es Athena nicht? hatte 
Leukothea, die meeresgöttin, mindere rücksicht auf Poseidon zu neh- 
men? weiter, was hilft eigentlich Leukotheas schleier dem Odysseus? 
wir hören nirgend davon als in den versen 459-62, d. h. da wo 
er den schleier zurückgibt, dieser kann nichts anderes bewirken 
als dafs Odysseus das schwimmen so übermenschlich lange aus- 
hält, aber so lange hält er auch ohne speise und trank, noch 
viel länger ohne schlaf aus: dazu bedurfte also der dichter des 



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136 16. 

Schleiers nicht, drittens, weshalb traut Odysseus Leukothea nur halb, 
oder aber, wenn er das, wie ich glaube, mit recht aus vorsieht tut, 
weshalb entledigt er sich der gewande, die ihm schon einmal fast 
den tod gebracht haben (321), erst nach der Zerstörung des 
flofses und bindet auch erst da den schleier um (372)? zu dem 
behufe muss er erst wieder einen balken haschen und auf dem 
reitend sich umkleiden, weshalb bleibt er denn nicht auf dem 
balken, sondern springt nun, Leukothea trauend, ins unendliche 
meer? er hatte ja doch einst auf dem kielholz seines schiffes 
treibend glücklich Kalypsos insel erreicht. 

Doch halt: als es Kalypso noch nicht gab, hat ja Odysseus 
auf diese selbe weise, reitend auf dem balken, Scheria erreicht, 
was jetzt auf Ogygia übertragen ist. wenn wir dieses motiv ver- 
folgen und an die Situation, wie sie am schlufse von /t der Über- 
arbeitung zu gründe liegt, ansetzen, so ergibt sich folgender Zu- 
sammenhang. Odysseus , vom südwind (fi 427) zu den gefahren 
zurückgetrieben, sitzt glücklich auf seinem balken. da greift Athena 
ein, beruhigt die see und sendet den nordwind (e 385), so wird 
er bis in die brandung von Scheria getrieben, da wäre er zer- 
schellt, wenn er sich nicht mit Athenas hilfe an einer klippe 
festgehalten hätte: bei dieser gelegenheit muste er das holz fahren 
lassen, darauf schwamm er mühsam in der brandung längs der 
küste bis zu der mündung des flufses. das ist das eine jetzt in 
e verwandte motiv; es ist in sich abgeschlossen. Athena spielt 
darin genau dieselbe rolle wie in f ; es ist der anfang der Phae- 
akenbücher, und in den entschuldigungen Athenas, weshalb sie 
ihm nicht vorher geholfen hätte (oben s. 109), sehen wir den ver- 
mittelnden dichter dem misverhältnis rechnung tragen, das e, t, A, 
die den zorn des Poseidon kennen, erzeugt haben, endlich stimmt 
diese darstellung genau zu der erzählung, die Odysseus im rj gibt. 

Daneben steht das gedieht von Kalypso und Leukothea. Po- 
seidon verfolgt den Odysseus und jagt sein flofs umher, da greift 
Leukothea ein, gibt ihm den schleier und heifst ihn mit diesem 
rettungsgürtel schwimmend sein heil versuchen. Odysseus tut 
es; Poseidons zorn ist befriedigt, als er den dulder nackt und 
blofs im Weltmeer treiben sieht, so hat Odysseus Scheria erreicht, 
auch dies ist in sich abgeschlossen. 



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KIRKE UND KÄLYPSO 137 

Beide gedichte ganz zu sondern geht natürlich nicht an, denn 
sie sind nicht mechanisch verbunden, es sind nur leise discre- 
panzen, die sich fühlbar machen, aber eine bedeutende ist stehen 
geblieben. Kalypso hat dem Odysseus zwar vorhergesagt, dafs 
ihm schwere gefahr noch drohe, hat ihm auch die richtung der 
fahrt angegeben, aber das ziel, das Phaeakenland, nicht. Poseidon 
weifs, dafs Odysseus nach dem willen des Schicksals bei den 
Phaeaken das ziel seiner leiden erreichen wird (288). Leukothea sagt 
dem Odysseus 344 getgetftft viiov emfxaiso vo&iov yatrjg Qcuijxwv, 
o9i toi polQ 1 iaiiv aXvZcu. damit streitet das ende von e und der 
anfang von £, denn da weifs Odysseus nicht, wo er ist. man 
wird versucht 345 zu streichen, aber das geht nicht an: vö<nog 
ist für sich allein nicht genug, man müste ja sonst an Ithaka dabei 
denken, und wenn man jemand zum schwimmen auffordert, so 
muss man ihm auch ein ziel angeben, wenn aber Leukothea 
wirklich den vers spricht, so liegt in ihm der beste trost ihrer 
ganzen mitteilung, das versprechen der rettung und der heimkehr: 
nur kann das nicht im zusammenhange unseres £ tj gedichtet sein. 

Damit ist das gedieht von Kalypso und Leukothea so weit aus- 
gelöst wie möglich, freilich fehlt der anfang, den der bearbeiter 
weggeschnitten hat, so weit ihn etwa noch der dichter von € — £ 
verschont hatte; der schlufs aber, von 381 ab, und schon vorher 
das besteigen des holzes 371, ist durch die contamination umge- 
staltet: dennoch ist der geringe rest, den wir noch unverfälscht 
besitzen, nicht nur ein sehr schönes stück sondern auch ein von 
allen Odysseedichtern, dem des x p (e — £), dem der Telemachie, 
u. s. w. viel benutztes, und doch ist dies für die Odyssee relativ 
alte gedieht für die Ilias relativ jung, da es ein für die Ilias 
relativ junges gedieht, das 2 (die hoplopoeie), seinerseits vielfach 
benutzt, was aber das allermerkwürdigste und in der Odyssee 
(abgesehen vielleicht von dem gesange des Demodokos) einzige 
ist: es ist ein wirkliches einzellied (lied in der conventioneilen 
katachrestischen bedeutung genommen), nicht ein lachmannisches, 
d. h. ein bruchstück, sondern ein &>. man erkennt das daran, 
dafs der dichter gar keine speciellen Voraussetzungen macht und 
gar nichts künftiges vorbereitet. Odysseus ist bei Kalypso; das 
ist die von dem dichter selbst erst frei erfundene Voraussetzung, 



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138 16 

deshalb orienürt uns der dichter über die insel der Kalypso, über 
die art, wie Odysseus hin kam, wie er dort lebte. Odysseus ist 
natürlich der längst von der sage typisch ausgeprägte held, Pene- 
lope seine frau, Ithaka seine heimat, der troische krieg seine 
heldentat — etwa detaillirte angaben über seine früheren irr- 
fahrten finden sich nirgend. Odysseus ist dem Poseidon ver- 
hafst. das ist möglicherweise mit dem hasse der in i und X vor- 
kommt zu verbinden, allein es ist keineswegs nötig, denn dafs ein 
mensch, der so viel leid auf dem meere geduldet und so oft Schiff- 
bruch gelitten hat, dem meeresgottc verhafst ist, ist im gründe 
selbstverständlich. Odysseus wird zu den Phaeaken kommen und 
durch diese nach hause; das ist alaa, wie Poseidon weifs, der 
deshalb endlich seinen groll fahren läfst. das sagt Leukothea 
dem Odysseus. wenn wir also auch selbst nichts weiter vom 
dichter zu hören bekämen, als dafs Poseidon nicht mehr zürnt, 
Odysseus mit Leukotheas schleier im Weltmeere schwimmt, so 
würden wir befriedigt sein können: die Sicherheit des ausgangs 
ist uns gegeben und dem beiden gegeben, dazu ist freilich nötig 
dafs diesem so wie uns die nennung der Phaeaken die voll- 
kommene beruhigung gewährt, wir haben sie, weil wir aus der 
sage wissen, dafs die Phaeaken den Odysseus nach hause gebracht 
haben, und diese selbe kenntnis müssen wir dem publicum des 
sängers zutrauen, da sein Poseidon doch nur deshalb die aha 
kennt, weil die sage darüber fest stand, aber auch Odysseus 
kann beruhigt sein, die anmutige dichtung von £ — # läfst allerdings 
die Phaeaken über die heimsendung debattiren, und stellt Odysseus 
unkundig ihres wesens dar, aber das tut sie in ihrem interesse: 
den Ioniern und also auch dem Odysseus, den sie dichten, waren 
die Phaeaken als die freundlichen schiffer des fabellandes, als 
die halb gespenstigen ,grauen männer' wol bekannt, die den wel- 
chem sie wol wollen in rätselhafter art in die heimat führen, 
dem verschlagenen ionischen schiffer würde ein göttlicher ruf 
,schwimme nur, du kommst zu den Phaeaken* ebenso eine garantie 
der heimkehr gewesen sein, wie hier dem Odysseus. darum ist 
das gedieht von Kalypso ein in sich abgeschlossenes gedieht, und 
weil es in sich abgeschlossen ist, ist es ein einzelgedicht. 

Es ist von anfang bis ende eine freie erfindung seines dich- 



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KIRKE UND KALYPSO 139 

ters. nur die allgemeinen mythischen züge übernahm er, die 
handlung, die Verbindung der personen, und die eine hauptperson, 
Kalypso, erfand er. nicht der stoff mehr war ihm hauptsache; 
der ist dürftig; sondern die Charakteristik, das liebende und ent- 
sagende göttliche weib, der held, dem, obgleich sein sinn nicht 
danach steht, als er Kalypso kaum den rücken gekehrt hat, wieder 
die teilnähme einer göttin wird, und neben den figuren auch das 
charakteristische local, die zaubergrotte der nymphe und das wild 
erbrausende meer: eine naturschilderung, die nicht mehr objeetiv 
ist, sondern in innerer künstlerischer beziehung zu den auf dieser 
scene handelnden personen steht, das ist sehr schön ; aber es ist 
der gegensatz zu sog. volkspoesie. die aus dem volk stammenden 
sagenhaften stoffe musten schon viel vernutzt sein, und die einzel- 
kraft der dichter und ihr einzelwillen sehr entwickelt, damit ein 
solches gedieht entstehen konnte. 

Leukothea, die weifse wogengöttin, deren erscheinung mit der 
tiefsten empfindung für ihr wesen dargestellt wird, ist an der 
ionischen küste Asiens weit verbreitet und viel verehrt, an dieser 
küste muss das gedieht entstanden sein. Leukothea heifst aber 
Ino, Kadmos tochter (334). das wird mancher auf Boeotien oder 
Korinth beziehen, mir ist es nur eine bestätigung des ionischen 
Ursprunges, denn ich bin überzeugt dafs eine kritische Unter- 
suchung der sage von Kadmos und seinen töchtern ergeben wird, 
dafs sie nicht nach Boeotien gehören, sondern nach Asien, Kad- 
mos speciell nach Milet. in Boeotien werden sie deshalb an- 
gesiedelt, weil die ahnherren ionischer adelsgeschlechter zum teil 
Kadmeer waren und vor der boeotischen einwanderung dort ge- 
sessen haben wollten. 

Auf Milet scheint eine seltsame notiz auch die Kalypso be- 
ziehen zu wollen, die Meineke mit recht aus Eustath. zu Dionys. 
823 in seinen Stephanus unter Miltirog aufgenommen hat Xe'yenu 
de xal tijv Kakvipovg vrjaov MUtjtov xXri^vai no%e. dafs Stephanus 
diese notiz dem Byblier Philon verdankt, scheint mir aus der 
composition des artikels (die evdofrt, Mtlijviot gehen vorher) zu 
folgen, aber das hilft nicht weiter, ich weifs mit der notiz nichts 
anzufangen. 



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7 
NEKYIA 



Jedermann weifs dafs die episode der Nekyia von Minos den 
büfsern und Herakles eine späte einlage ist, obschon Polygnotos, 
wie seine lesche zeigt, dieselbe in seinem Homer gelesen hat; wie 
sie denn vielleicht das berühmteste stück der Odyssee ist. er- 
kannt hat die unechtheit Aristarch, wahrscheinlich nur anerkannt: 
es ist nicht glaublich dafs Zenodotos daran vorüber gegangen 
wäre. Aristarch verwarf, wie Kirchhoff, der ihm folgt, richtig aus 
den entstellten scholien entnimmt, 565—627, wozu trotz dem 
schweigen der scholien 631 zu fügen ist, der den Theseus er- 
wähnt, vermutlich schrieb ihn Aristarch überhaupt nicht, so dafs 
das schweigen der scholien sich erklärt, denn den vers A 263 hat er 
ebenso weggelassen, weil er den Theseus erwähnte, die neueren 
verwerfen 631 auf das zeugnis des Hereas von Megara bei Plutarch 
Theseus 20, der ihn dem Peisislratos zuschreibt, endlich scheint 
auch die erwähnung des Gorgo 634. 35 beanstandet worden zu 
sein. 635 stammt allerdings, wie die alten mit recht bemerkt 
haben aus E 741, 1 ) aber die verse sind unentbehrlich und werden 

! ) Odysseus fürchtet das haupt der Gorgo könnte ihm aus dem höllenschlunde 
entgegentreten; daraus folgt nicht dafs das ungeheuer dort wohnte; Persephone, 
die herrin der gespenster, kann ihm nur ein leids antun, indem sie ihm das 
fürchterlichste cpäopa schickt (Eur. Hei. 175 vgl. Herrn. XV III 407). spätere 
haben diesen zug vergröbernd dazu verbraucht, die Gorgo bei Herakles Iladesfahrt 
persönlich anwesend sein zu lassen. Apollodor II 5, 12. noch später und nur 
Spielerei ist es die ungeheuer der sage, die die heroen umgebracht haben, in der 
holle fortexistiren zu lassen, wie Vergil tut. 



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NEKYIA 141 

auch nicht mehr beanstandet, aber auch die erwähnung des 
Theseus zu verwerfen ist unberechtigt: dafs die neueren, die 
doch die megarischen insinuationen sonst nicht glauben, hier den 
Theseus auswerfen, weil er dem alten epos fremd ist, wo es sich 
doch erst darum handelt, festzustellen, wie alt diese partie ist, 
ist eine seltsame kritik. ,ich blieb, etwa noch andere früher ge- 
storbene heroen zu sehen, und ich hätte auch die früheren ge- 
sehen, die ich wollte [Theseus und Peirithoos], wenn nicht u. s. w. 4 
die rede ist ganz ungeschickt, wenn nicht gesagt wird, wen Odysseus 
sehen wollte, und wen in aller weit konnte er eher zu sehen 
verlangen als eben Theseus und Peirithoos, die lebend wie er des 
weges hinabgestiegen waren, freilich aus frevel, und deshalb ohne 
zurückzukehren? wer kann in der reihe der gestraften Hades- 
bewohner eher genannt sein, als die gegen Hades im Hades ge- 
frevelt? es ist eine bare gedankenlosigkeit den vers, den Polygnot, 
da er die beiden gemalt hat, zudem gelesen hat, zu verwerfen. 2 ) 
aber dann gehört freilich nicht er allein, sondern auch seine Um- 
gebung zu der eindichtung, und auf sie im ganzen ist auch das 
urteil des Hereas zu beziehen, wenn es sinn haben soll, dasselbe 
folgt aus einem anderen gründe. 541 sagt Odysseus im allge- 
meinen, dafs die seelen herantraten und eine jede ihr geschick 
erzählten; nur Aias hielt sich fern, damit reimt sich nicht, dafs 
er noch frühere helden zu sehen erwartet hätte, 629; er ist von 
Alkinoos auch nur nach denen des troischen krieges gefragt (370). 
die eindichtung muss also mindestens bis 631 gehen. 

Auch ihren anfang hat man nicht richtig angesetzt, als Aias 
geht, sagt Odysseus ,ich würde ihn doch noch angeredet haben, 
oder er mich, aber ich wollte noch andere seelen sehen 4 , das 
heifst nichts anderes als ,ich würde mit ihm geredet haben, wenn 
ich gewollt hätte', heifst also nichts; und vollends, wie sollte der 
wille des Odysseus einen einflufs auf Aias ausüben? offenbar ist 

*) Auf dem halbzerstörten zweiten unterweltsbild aus Via Graziosa sitzt über 
den Danaiden eine trauernde gestalt, die nicht zu benennen ist. ich würde mich 
durch das fehlen des Theseus, den die attische sage zumeist befreit werden läfst, 
nicht abhalten lassen, Peirithoos zu erkennen, wenn die figur nicht lange hare zu 
haben schiene, also weiblich sein müste; sie ist sehr zerstört. Vergil hat sein 
sedet aeternumque sedebit infelix Theseus natürlich aus dem verse der Nekyia. 



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142 17 

der nachsatz hier unursprünglich, versuchen wir es also anders: 
alle heroen haben geredet, nur Aias nicht, er weicht auch der 
anrede nicht, sondern geht auf das dunkel zu 

565. ev&a x* ofiitog nQOoegtrj xe%oX(Ofxivoq rj xal iyd> %ov, 
632. äXXä nqlv inl e&ve 1 ayeiqeio fxvqia vsxqvov 
WD &eöneain' ipi de xAoogoi* deog slAev?) 
(iij (xoi roQyeir\v xegxzArjv Seivolo n$Xdqov A ) 
ej 'Aidew nsfiipeiBv äyavrj IleQOetpovGia. 
das braucht kein wort der empfehlung. der eindichter hat den 
hypothetischen satz 565 anders ergänzt und dann fortgedichtet, 
bis er einen neuen Vordersatz für 632 gemacht hatte. 

Damit ist für die Odyssee die interpolation erledigt, dieselbe 
bietet aber allerdings in sich ein hohes interesse, und zu fragen, 
wo und wann sie entstanden sei, ist auch in diesem zusammen- 
hange unerläfslich. allein das erfordert so viel worte, dafs ich 
den nachweis ihres attischen orphischen Ursprunges für einen 
excurs aufgespart habe, jetzt heifst es weiter gehen. 

Kein verständiger zweifelt daran, dafs die Nekyia in das 
Kirkeaben teuer x fi eingelegt ist, das ich demgemäfs ohne rücksicht 
auf sie behandelt habe, es fragt sich nur, wann und durch wen 
die einlage geschehen ist, und wie weit sich^ die tätigkeit des 
redactors erstreckt, da wir schon wissen, dafs x (i selbst erst in 
die vorliegende form durch einen redactionsprozefs gebracht sind, 

3 ) Dieser vers ist als 43 interpolirt mit der Variante btonnsig laxjj und hat 
viel unheil angestiftet, dort schildert Odysseus wie auf sein gebet allerhand seelen 
kommen, alt und jung, männer und weiber. aber wie dort die schatten geschil- 
dert sind, können sie gar kein getöse machen, und schlimm wäre es gewesen, 
wenn er am anfang seines geschäftes blafse furcht gehabt hätte, er hat sie auch 
nicht, sondern hält tapfer an seiner grübe aus. wovor er sieb fürchtet, das sagt 
nur der auf 633 folgende vers. 

4 ) Eine nachahmung dieser stelle bei Panyassis will ich gelegentlich richtig 
stellen. Steph. ßyz. s. v. Bi/ußtya. Uaviaoaiq iy 'H(t(txXt(a% 7iQ(6iy Jig/ua re 
&t}ynov Bt/ußiy/jiao Xioviog 1 xul uXXujg ,xai Bi/ußtytjitto mXtüqov dkgpn Xioyrog i 
so list man und nimmt zwei verse an, in deren erstem Pqytiov neben Xtoyzog 
ungefällig ist, im zweiten der bau des vierten fufses (Panyassis macht sehr feine 
verse) und das doppelte attribut zu kiovioc. das ganze ist aus einem glofsem, 
kioytog zu mkujQov, das zunächst die bezeichnung der Variante xai äXXux; erhielt 
durch fortschreitende schlimmbesserung geworden. Panyassis ahmte roQytiqy 
xt(f.aJLr,v dttyoto ntXtuqov nach und dichtete dtyu« it d/jyttov Bt/ußtyijtao nt'Auntov. 



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NEKYIA 143 

so liegt von vorn herein am nächsten, demselben acte auch die 
einlage von X zuzuschreiben, und dazu stimmt die bezugnahme 
auf A im ju (266 — 72), die sich keineswegs ohne Zerstörung des 
einfachen Zusammenhanges entfernen läfst, so wenig wie die 
bezugnahme auf t (x 200. 435. p 209), das ja auch formell so 
ausgiebig benutzt ist. die entscheidung liegt in dem intermezzo der 
apologe, X 333—84. Odysseus bricht in der aufzählung der heroinen 
ab, wird aber durch geschenke bestimmt länger zu verweilen und 
erbietet sich auf geheifs des Alkinoos nicht nur von den vor Ilios 
gefallenen gefahrten zu erzählen, sondern aufserdem von denen 
die aus Troia heimgekehrt durch ein schlechtes weib umgekommen 
sind, d. h. von Agamemnon. 

Dafs dieses intermezzo sehr geringhaltig ist, in inhalt und 
form gleich wenig erfreulich, ist fast allgemein zugestanden, es ist 
verfertigt in der Voraussetzung, dafs Odysseus so bei den Phaeaken 
erzählt, wie das jetzt in der Odyssee steht, also entweder von 
dem redactor, der auch * ju erst in diesen Zusammenhang ge- 
bracht hat, oder von einem interpolator. das stück ist aber für 
X unentbehrlich, denn Odysseus bricht tatsächlich mitten im 
heroinenkatalog ab, so dafs sein aufhören motivirt werden muss, 
und ebenso erfordert die episode von Agamemnon Achilleus Aias 
eine motivirung. wollte man also das nach beiden seiten für den 
Zusammenhang unentbehrliche stück für interpolirt erklären, weil 
es häfslich ist, so würde dieser unmotivirte gewaltact nur um den 
preis zu erkaufen sein, dafs man an seiner stelle eine lücke an- 
nähme, wie die scene überliefert ist, so ist sie verfertigt, freilich 
dann von dem, der diesen ganzen Zusammenhang &—v geschaffen 
hat, einem compilator. derselbe hat ferner auch den heroinen- 
katalog und die Agamemnonepisode in ihre jetzige gestalt ge- 
bracht, er ist also der dichter von X in demselben sinne wie von 
x jti : seine vorlagen nur haben wir zu suchen, und dazu müssen 
wir die Nekyia aus dem Kirkeabenteuer auslösen. 

Ein jähr hat Odysseus bei Kirke verweilt, da bringt ihn die 
mahnung seiner gefahrten zur besinn ung; er richtet noch in der- 
selben nacht die bitte um Urlaub an sie. sie erwidert titjxhi vvv 
dexovteg ifuf ivl (xCjuvere olxtp (x 489): dann setzt unmittelbar 
die aufforderung zur Hadesfahrt ein, also ist spätestens bei x 489 



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144 17 

die ursprüngliche erzählung des x zu ende, nach der ruckkehr 
vom Hades nach Aiaia hält Odysseus im ju am strande und über- 
nachtet da. Kirke kommt aus ihrem entlegenen schlofse herab, 
und da sie dem Odysseus noch sehr viel zu erzählen hat, aufser- 
dem auch ein letztes trauliches Zusammensein statt finden soll, 
so sind sie gezwungen sich von der Schiffsmannschaft entfernt 
einen stillen platz, im gebüsche also, zu suchen, diese Unschick- 
lichkeit ist durch die einlage von X herbeigeführt, im ursprüng- 
lichen x /x war dazu keine veranlassung, vielmehr erfolgte die 
warnende rede der Kirke und das letzte beilager naturgemäfs in 
ihrem hause, eben bei jener nächtlichen Zusammenkunft, welche 
in x unmittelbar vor der auf X bezüglichen einlage steht, die 
instruction für die Hadesfahrt ist an die stelle der Instruc- 
tion für die abenteuer des fi getreten, auf x 489 folgte der 
überleitende gedanke ,gewifs sollst du morgen abfahren; das 
führt aber zu neuen gefahren, öv <T uxovaov wg tot syd iQew 
IsiQfjvag /a£v nqtStov u. s. w. 4 /t 38 — 142. des andern morgens 
hatten dann die gefährten reichlich zeit, sich mit allem nötigen 
einzuschiffen, die abfahrt konnte freilich nicht mit den versen 
ju 143 — 46 geschildert werden, aber diese verse, die eben so X 636 
bis 38 die abfahrt vom Hadesufer schildern, sind nur ein ge- 
borgter flicken aus t 177 — 79. reste des ursprünglichen mögen 
in x 546 — 50 vorliegen. 

Damit ist x p das seine gegeben, das X auszusondern kann 
ebenfalls leicht scheinen, denn die auch von Kirchhoff anerkannten 
grenzlinien, X 25 und 636 sind ganz unverkennbar. 636 wird der 
Übergang von der Agamemnonepisode durch den eben erwähnten 
flicken gemacht, und vor der 25 beginnenden zusammenhängenden 
erzählung stehen fast ausschliefslich geborgte verse, darin noch 
zuletzt eine erwähnung der Kirke. gleichwol ist eine vermittelung 
da, die weder so noch so zu erledigen glückt, die geschichte von 
Elpenor, x 551—560, X 51—83, p 11—15. zum X gehört sie nicht, 
denn Elpenor verunglückt bei Kirke und der vers X 51, nQcotrj 
de ipvxrj 'ElnrjvoQog yX&s, ist unrichtig, da schon sehr viele seelen 
vorher gekommen sind, zum x p gehört die geschichte aber auch 
nicht, da Elpenor umkommt, damit Odysseus den schatten eines 
unbestatteten im Hades finde, folglich ist der redactor als ur- 



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NEKYIA 145 

heber dieser partie anzusehen, durch die er ganz passend eine 
innerliche Verknüpfung der beiden geschichten herbeigeführt hat. 
für seine freie erfindung kann man aber die geschichte doch 
nicht halten, denn sie läuft auf die errichtung eines denk- 
mals hinaus, das genau beschrieben wird, es liegt auf dem 
äufsersten cap von Aiaia und ist ein hügel mit einer cfri/Aij. ' eine 
solche geschichte muss man nach aller analogie, die selbst in der 
Ilias nicht fehlt, 5 ) aetiologisch nennen, das gegebene denkmal 
ward einem gefahrten des Odysseus zugeschrieben; die Singularität 
desselben forderte eine ganz besondere Verpflichtung zu seiner 
errichtung, welche in der geschichte gut gegeben wird, das fülirt 
freilich dazu, Aiaia aus dem fabellande auf die karte zu verlegen, 
ob das möglich ist, kann erst später erörtert werden, für jetzt 
mag der redactor die episode, erfunden oder geborgt, eingelegt 
haben. 

Aufserdem hat der redactor die rede des Teiresias mit der 
warnung vor Thrinakia ausgestattet, X 104 — 13, meist mit versen 
des ju. aber damit ist seine tätigkeit nicht zu ende, es folgt 
113 — 20 eine Prophezeiung über Ithaka und die freier, auch diese 
ist im X unerträglich, denn Antikleia, mit der sich Odysseus 
nachher über Ithaka unterhält, weifs von den freiem durchaus 
nichts, und wenn Odysseus sie nach seiner frau fragt, ob sie ihm 
treu geblieben oder einem andern manne gefolgt sei, so gibt ihm 
freilich der dichter diese frage, weil die sage von Penelopes ge- 
fahren weifs, sein Odysseus kann jedoch unmöglich eben die ge- 
wifsheit erlangt haben, dafs er vor Penelopes hochzeit heimkehren 
und die freier erschlagen wird, auch die form bestätigt, dafs die 
verse 113 — 20 zu 104 — 13 gehören und nicht zum folgenden. 
6\pe xaxtfig vescu, oXiaag ano ndvxag itaiQOvg, vyog in' dXÄOTQlqg, 
drjeig <T ivl nrjftata olxcp, aviqag vneQg*idXovg 9 o% toi ßiotov xa%£- 
Sovöiv heifst es 114—16. die epexegese dvdqag zu ntjfiata ist 
recht ungeschickt und schreibt sich daher dafs 114. 15 aus v 534. 
35 stammen, also aus der quelle für so viele verse des redactors. 



6 ) Das grab des Sarpedon 1? G71, Robert pbil. Unt. V 115. das des Eetion 
in &nßat 'YnonXJeiuRi, das in Z 420 genau beschrieben wird , von den nympben 
mit riistern geschmückt. 

Philolog. Untersuchungen VII. \Q 



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146 17 

wer diese verse verfaßte, deutete freilich auf die ithakesischen 
abenteuer, und es ist von ihm zu erwarten, dafs er auch die er- 
füllung der Prophezeiung darzustellen vorhatte: das ist nach dem, 
was für den redactor schon oben erwiesen ist, nur eine bekräfti- 
gung; hat er doch v £ verfafst und die geschichte des Odysseus 
bis zum freiermorde erzählt. 

Muss ihm so ein ziemlich beträchtlicher anteil an den versen 
zugesprochen werden, in denen Kirchhoff, entgegen älterer rich- 
tigerer auffassung, jetzt seinen alten nostos zu erkennen glaubt, 
so gehört ihm andererseits ein teil selbst vom ende von x nur in 
bedingter weise, es ist ja von vornherein anzunehmen, dafs er 
auch vor X 25, wo er sich ganz der vorläge anschliefsen kann, auf- 
genommen haben wird, was möglich war. darüber ist zur Sicher- 
heit zu gelangen. 1) konnte in X eine Schilderung des locales 
nicht fehlen, welches ganz besonders die phantasie beschäftigt 
und das gefühl des Schauders herbeiführt, auch wenn man nicht 
an das grandiose esquilinische gemälde denkt, diese Schilderung 
steht x 509 — 15. 2) führt X 35 bestimmte schafe, rä prjXa, ein, 
von denen also im vorigen gehandelt war. das ist x 527 — 29 
geschehen, und ihre einschiffung zu bewirken macht dem redactor 
besondere Schwierigkeit x 571 — 73. sie waren für ihn etwas ge- 
gebenes. 3) erscheint im X Teiresias und redet den Odysseus 
an, doch ohne sich zu nennen, darauf läfst ihn Odysseus trinken, 
es liegt auf der hand, dafs Odysseus im besitze eines erkennungs- 
zeichens sein muss, 6 ) und das liegt darin, dafs alle andern schatten 
bewustlos schwirren, nur Teiresias bewustsein hat, also reden 
kann, diese ihm allein gewährte auszeichnung, die Odysseus also 



°) Teiresias fahrt einen goldenen stab; das ist etwas besonderes, denn die 
oxrJTiiQ« der könige sind nicht golden; an die blindheit aber, die eine stütze 
brauchte, ist hier, wo Teiresias den Odysseus erkennt, nicht zu denken, also wird 
die Teiresiassage, die der dichter befolgt, den stab geboten haben, derselbe er- 
scheint bei Pherekydes (Apoll, bibl. III 6 7) und Kallimachos im Pallasbad: doch 
dieses gedieht gibt nur eine paraphrase des Pherekydes, wie der dichter sich auch 
rühmt /uv9os d'ot'x Ipus, aXX htno>y. die Teiresiasfabeln bei Apollodor, in den 
scholien des k und namentlich bei Eustathius, der eine sehr viel vollständigere hand- 
schrift hatte, gehen auf dieselbe ausgezeichnete quelle zurück, was im Uamburgensis 
(Dind. II p. 782) steht, scheint dem apollodorischen berichte über Pherekydes zu 
widersprechen, es ist aber verwirrt, wie sich zeigt, wenn man Eustathius dazu nimmt. 



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NEKYIA 147 

kennen muss, gibt Kirke an, x 493—95, also auch das gehört zur 
vorläge X. 

Wer nun die probe machen will, der durchmustere x 480 — 
X 121, X 631 — ,u 145: er wird sich überzeugen, dafs die tätigkeit 
des redactors in jedem zuge klar ist, und, von Elpenor, der sich 
eben dadurch auszeichnet, abgesehen, überall die quelle und die 
absieht bei ihrer benutzung oder änderung zu tage liegt, was 
herausgekommen ist, ist nicht schön, aber es hat bei demselben 
Verfasser in stücken wie £ 300 — 335 seine parallelen, und ein 
grofser teil von j&, namentlich aber von X ist auch nicht besser, 
vorab das schon besprochene intermezzo. 

Was von X noch bleibt, sind drei stücke, die Unterhaltung 
mit Teiresias und Antikleia, der heroinenkatalog, die Unterhaltung 
mit den genossen des troischen krieges. die beiden letzten hängen 
mit dem intermezzo zusammen; haben wir ein recht, sie einem 
andern Verfasser als dem des intermezzos zuzuschreiben? 

Der frauenkatalog hat sein interesse ganz unabhängig von 
Odysseus. jeder andere berichterstatter würde eben so gut sein, 
auch dafs die frauen im Hades auftreten ist ohne bedeutung. es 
heifst zwar im anfang, dafs sie einzeln an die grübe traten ijdi 
sxäöirj Sv yovov i^ayoqevov (so Haupt für den singular op. II 212), 
iyu> <T iqeeivov andaag. aber das wird fallen gelassen, ja es 
werden nicht einmal blofs mütter genannt, geschweige von allen 
die nachkomm enschaft. also nur im stoffe kann hier das inter- 
esse liegen, das weder die Odyssee noch den Hades etwas an- 
geht, die form ist eine ganz äufserliche zutat: daher der gewaltige 
abstand von Dante, der doch ohne es zu ahnen ein nachahmer 
der Nekyia ist. aber auch ein frauenkatalog als solcher ist ein 
sonderbares ding, und man verlangt nach parallelen; noch sonder- 
barer ist die auswahl, und auch für sie verlangt man eine moti- 
virung. 

Frauenkataloge sind im epos eine ganze gattung, und es ist 
wahrlich sonderbar, dafs man die Nekyia von ihren parallelen 
ganz getrennt zu denken pflegt, das liegt daran dafs die andern 
kataloge für hesiodisch galten, und die modernen, obwol sie dem 
Hesiodos die gedichte nicht mehr zutrauen, doch alles hesiodische 
durch eine gewaltige kluft vom homerischen sondern, für jene 

10* 



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148 17 

gedichte nun ist die veranlassung klar, die adlichen familien in 
Hellas leiteten sich von einem gotte her; das verschiedene blut 
machte einen ganz realen unterschied von dem übrigen volke. es 
war also ganz in der Ordnung, dafs die Stammbäume weiblich 
begannen; von der heroine, die der liebe eines gottes gewürdigt 
war, durch ihren halbgöttlichen söhn hinunter bis auf die gegenwart. 
die sage jedoch, gewohnt nur die ideale person der ahnherren zu 
verklären, gieng selten über die zeit hinab, wo derjenige lebend 
geglaubt ward, der dem geschlechte den namen gegeben, dafs 
auf den höfen des adels einzelne solche geschlechtssagen im stile 
des epos dargestellt und fortgepflanzt wurden, war natürlich, 
seit dem achten Jahrhundert bildete sich aber ein standesbewust- 
sein zwischen den adlichen geschlechtern der verschiedenen 
gegenden aus, indem sie die gegenseitige gleichberechtigung auf 
grund der göttlichen natur höher anschlugen als das stammes- 
bewustsein, das sie ihren nicht adlichen Volksgenossen verbunden 
haben würde, deshalb war eine Zusammenfassung der geschlechts- 
sagen, eine sorte adelslexicon , ein der zeit genehmes werk, und 
es ist nicht befremdlich, dafs dasselbe mehrfach, je nach den 
kreisen und Zeiten, die eine Zusammenfassung nahe legten, unter- 
nommen worden ist, natürlich so, dafs die einzelnen geschlechter- 
sagen, also auch die quellen des gedichtes, sehr verschiedenen 
alters waren, und selbst als mit irgend einer uns unbekannten 
rahmenerzählung, auf die die anfange ij oXrj sich beziehen, ein 
einheitliches Schema für die aufreihung der sagen gefunden war, 
was durch ein epochemachendes gedieht geschehen sein muss, 
war die möglichkeit, neue ,Eoeen c einzureihen so bequem gemacht, 
dafs es ein wunder wäre, wenn niemand davon gebrauch gemacht 
hätte, demnach ist es ganz verkehrt, die alterskriterien, die 
man für eine Eoee oder eine geschichte des Kataloges ermittelt, 
auf alle andern zu übertragen; die sonderung von Eoeen und 
Katalogen, die Markscheffel vorgenommen hat, ist vollends un- 
haltbar, dies weiter zu verfolgen, ist hier unnötig, das aber ist 
klar, dafs zwar die form des heroinenkataloges der Nekyia den 
Eoeen entspricht, aber ganz äufserlich geworden ist, so dafs 
die Originalität entschieden auf seiten ,Hesiods 4 gegenüber 
»Homer* steht. 



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NEKYIA 149 

Die auswahl der heroinen weist allerdings nicht auf eine 
systematische Zusammenfassung, sie ist scheinbar ganz zufällig, 
es sind zunächst Tyro, Antiope, Alkmene, Megara, Epikaste, 
Chloris, Leda, von welchen ausführlicher im tone der Eoeen nur 
Tyro, die grofsmutter, und Chloris, die mutter Nestors behandelt 
werden. Megara, deren kinder Herakles erschlagen hat, Epikaste, 
die kinder von ihrem söhne Oidipus nach dieser sage bekanntlich 
nicht geboren hat, befremden in diesem zusammenhange, noch 
mehr aber Leda, die als mutter der Dioskuren, aber nicht Helenes 
bezeichnet wird, dies führt auf die Kyprien, in denen Helene die 
tochter der Nemesis war, die Dioskuren aber, über deren tod 
und heteremerie dort die classische stelle war, eine ganz hervor- 
ragende rolle spielten, unmittelbar nach ihrem tode kam Mene- 
laos, wie die hypothesis bei Proklos erzählt, zu Nestor, NetfzwQ 
de iv naQexßdaet diriyelrcu avxyi cos 'Enwnevg (f^elqag tijv Avxovq- 
yov &vya%€Qa i^snoQOrj&rj^) xal %a neql (Xäinovv xal tyv c Uqa- 
xXeovg fiaviav xal tä tibqI 0r)<fia xal *A(>iddvt]v. das also gibt 
Antiope, Epikaste, Alkmene, Megara. Tyro aber und Chloris sind 
die ahnfrauen dessen, der in den Kyprien erzählte, Nestors, für 
zufallig wird die Übereinstimmung so leicht niemand halten; das 
Verhältnis umzudrehen und die Kyprien aus der Nekyia schöpfen 
zu lassen, werden die meisten versuchen: vergebens, denn Mene- 
laos konnte doch nicht deshalb zu Nestor gehen, weil Nestors 
ahnfrauen im Hades von Odysseus erwähnt waren, wie die 
naqixßaaig der Kyprien motivirt war, ist nicht zu wissen: von 
dem heroinenkatalog liegt es vor aller äugen, dafs er überhaupt 
nicht motivirt ist. ich betrachte es als eine zwingende folge des 
tatbestandes, dafs die Nekyia aus den Kyprien schöpft. 

Auch Ariadne hat sie mit den Kyprien gemein, aber diese 
erscheint mit Prokris und Phaidra 321 — 25, und die attische form 
Jtovvöov 325 8 ) beweist formell dasselbe was Prokris und Phaidra 



") Dafs dies auf Antiope geht, ist sicher, obgleich das einzelne nicht mehr 
zu kennen ist. Welcker ep. cycl. II 98. 

a ) Cber Jtüjvvaof Kydathen 225, wo ein pindarischer Jiovvooc Isthm. 7, 5 
▼ergessen ist mittlerweile ist auf einem amorginischen steine spätestens aus der 
ersten halfte des siebenten Jahrhunderts (Bull, de Corr. Hell. VI 187) Jtiwoo;, 
in Erythrai aus dem fünften Jtovve (I G A 494), hervorgetreten, zu diesem vgl. 



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150 17 

inhaltlich zeigen, dafs hier eipe attische interpolation vorliegt, 
denn jene beiden frauen, von denen zudem keine nachkommen- 
schaft hat, können vor dem sechsten Jahrhundert unmöglich be- 
kannt gewesen sein, und auch da nur in Athen; Polygnotos hat 
sie gemalt; es ist eine interpolation wie die von den büfsern. 
die stelle der Kyprien zeigt nur, dafs es nicht einfach eine cin- 
lage ist, sondern auf grund einer erwähnung der Ariadne eine 
attische erweiterung. Theseus mochte in der vorläge gar nicht 
nach Athen, sondern nach Troizen gefahren sein. 

Zwischen den frauen der Kyprien und der attischen inter- 
polation steht Iphimedeia, die mutter der Aloiden, die ausführlicher 
bedacht sind, sie kennt auch die Ilias (E 383), aber nicht ihre 
mutter, sondern nur die Stiefmutter Eeriboia. die sage ist naxisch, 
wo die Aloiden ein rfyevog haben, kommt aber auch in Thes- 
salien vor. 9 ) da sie hier mit dem Ghier Orion verglichen werden, 
wird man lieber an Naxos denken, der dichter, der den Elpenor 
oben aus besonderer Überlieferung eingelegt hat, kann diese eine 
frau auch aus einer solchen haben, denn die drei letzten, Maira 
Klymene Eriphyle greift er wieder aus andern epen auf. wir 
wissen durch die beschreibung der polygnotischen lesche dafs 
Maira und Klymene ausführlicher in den Nosten erwähnt waren. 
Maira starb als Jungfrau, 10 ) Klymene war die mutter der Iphiklos. 
nun sagen die modernen, dafs die Nosten die namen der Nekyia 
verdanken und die geschichten dazu erfunden haben, das ist, mild 
gesprochen, eine gedankenlosigkeit. nach diesem recepte kann 
man beweisen, dafs die apologe aus der Prophezeiung Kassandras 
bei Euripides in den Troades verfertigt sind, es sind doch nicht be- 
liebige namen, die Odysseus hier vorbringt, bei denen die Phacaken 
sich nichts denken können, sondern er setzt voraus, dafs der name 
genügt um zu wissen, was es mit der person für eine bewandtnis 
hat. man kann also höchstens sagen, dafs die Nosten und die 
Nekyia zufällig in den namen übereinstimmen, die ersteren die 



Jtvwaog Anakreon 2,11 und Jiovvg in der komoedio Meineke Com. II 584. Jt4- 
pvöog ist nicht zu erklären. 

•) Hanptstelle Diodor V 51 (wahrscheinlich Aglaosthenes). Plutarch de exü. 9. 
Pindar Pytb. 4, 88. Stepb. Byz. Uluitoy. GIG 2420. 

,0 ) Vgl. Maate Phil ünt VI 124. 



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NEKYIA 151 

sage angeben, welche die Nekyia voraussetzt wo die Nosten die 
beiden erwähnt haben, ist nicht sicher, da sie auch eine Schil- 
derung der unterweit enthielten, so halte ich es für wahrschein- 
lich, dafs sie ebenda erschienen, aber das mag dahin gestellt 
bleiben: der schlufs, dafs wer eine geschieh te vollständig gibt, 
für den die vorläge abgegeben hat, der sie unvollständig gibt, 
aber vollständig voraussetzt, wird sonst von jedermann gezogen; 
ob bei einem grammatiker oder historiker oder im Homer, das 
macht keinen unterschied, also ist die Nekyia von den Nosten 
abhängig, und da sie einen compilatorischen Charakter auch sonst 
trägt, so ist das nichts als die bestätigung einer bereits gewonnenen 
erkenntnis. woran auch Eriphyle, die letzte heroine, nichts 
ändert: sie war in den Zeiten, wo dieses gedieht gemacht ward, 
ziemlich so bekannt wie Helene. 

Der frauenkatalog hängt formell mit dem folgenden inter- 
mezzo zusammen; inhaltlich ist er eben so ein stück compilatori- 
scher poesie: er gehört eben sammt dem intermezzo demselben 
redactor zu eigen, der X mit x fi verbunden hat. dessen Verhältnis 
zu den Kyprien ist kein anderes als das, in dem er zu dem ori- 
ginalen Kirkegedichte und zu seinen sonstigen vorlagen steht, nur 
dafs diese lediglich durch unsere analyse ermittelt werden, während 
für die Kyprien eine selbständige Überlieferung zu geböte steht. 

Die Unterhaltung des Odysseus mit den helden des troischen 
krieges macht einen erfreulicheren eindruck, weil sie des ethos 
nicht entbehrt; sowol die person des Odysseus wie das local ist 
von bedeutung. dafs diese scene von einem anderen dichter ist 
als die Teiresiasscene ist von mehreren mit vollem rechte be- 
hauptet, denn sie verweist auf jene , borgt verse daraus (395 = 
87, 398 = 171, 481. 82 = 166. 67 u. a. m.), und weicht doch 
darin ab, dafs die schatten reden können ohne blut zu trinken 11 ) 
und überhaupt bewustsein haben, der inhalt ist im wesentlichen 



") 390 ist die fassung (yvto (T alyS i/uk xuw intl tfoy otp&aXjuoioty die 
richtige, obwol sie die schlechter überlieferte ist; die handschriften ziehen inü 
nUv al/ua xiXatvov vor. aber für jenes spricht, aufser dem fortgang der scene, 
das sebolion H, das die andere lesart gar nicht kennt, und die nachahm ung des 
interpolators 615. im folgenden verse stört das pronomen xXaU <T oyt Aiy&if; ich 
würde xXahv 6i Xiyiwt vorziehen. 



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152 17 

ein bericht des Agamemnon über seinen tod, des Odysseus über 
die taten des Neoptolemos, endlich über den Selbstmord des Aias. 
das gedieht ist hübsch: ich kann es nicht besser kennzeichnen, 
als indem ich sage, es ist im stile der Telemachie. die andern 
heroen werden zu Odysseus in wirkungsvolle parallele gerückt, 
aber die geschichten von Aias Neoptolemos Agamemnon für er- 
findungen dieses dichters zu halten ist eine tollheit ganz ohne 
methode. davon sind die alten auch weit entfernt gewesen, es 
ist sehr lehrreich, wie sie sich verhalten haben. 

Neoptolemos ist, nachdem ihn Odysseus aus Skyros geholt, 
der hauptheld der Achaeer gewesen, ganz besonders im kämpfe 
mit dem Telephiden Eurypylos, 12 ) der yvvaiwv efoexa Swqwv den 
Troern zu hilfe zog. auch im hölzernen pferde war Neoptolemos 
der mutigste, überstand glücklich den nachtkampf und zog beute- 
beladen heim, so die Nekyia. dafs das alles so in der kleinen Ilias 
stand, kann kein mensch bestreiten, sintemal es nicht blofs der auszug 
des Proklos, sondern die erhaltenen bruchstücke bestätigen, damit 
ist bei so allgemeinen zügen der berühmtesten sage nicht viel ge- 
wonnen, aber es ist noch yvrawuv efoexa Swqwv da: ein rätsei, 
wie Strabon sagt, denn aus der Nekyia selbst ist es nicht zu ver- 
stehen, die scholien sind unzweideutig, »einige' bezogen den vers 
auf den goldenen weinstock, den Zeus dem Tros für Ganymedes 



12 ) Sein volk heifst Kjutoi; Aristarch leugnete das, und verstand nur ,die 
grofsen* von x£ro$, andere conjieirten. verbreitet aber blieb doch das richtige, dafs 
es die Myser wären, der Skepsier (bei Strabon 616 und in den scholien, die z. t. 
besser bei Eustatbius stehen; Gaede s. 38) leitet sie von einem Aufsehen Krjraog 
bei Elaia ab, das wenigstens existirt hat (Plin. n. b. V 126), und belegt, was 
entscheidend ist, den wortgebrauch aus Alkaios. da dieser vom X unmöglich ab- 
hängig gedacht werden kann, so ist Krjztiog kein arebaismus, sondern ein anachro- 
nismus im Homer, übrigens dürfte der name eher mythisch sein und an dem 
Aufsehen nur haften geblieben. Telephos ist ein Arkader, in Arkadien ist ein alter 
könig Krjxtve, vater Kallistos, aus bester Überlieferung zu belegen. (Ariaithos bei 
Hygin poet. astr. II 1, und Pherekydes in der apollodoriscben bibliothek HI 8 1. 
der name noch im schol. Eur. Or. 1642. die arkadischen genealogien erfordern 
eine zusammenfassende bearbeitung). Ktjrevs als ahnherr ist so gut wie KixQotp 
<f«jpvijf, 'Egtx&ivg KvxQtfc. ob der erdgeborene ahn schlangen- oder xqrotgestalt 
hat, verschlägt nichts, dafs aber ein orientalisches volk nach ihm heifst, bat an 
Krjcptvg und seinen Ktiyijvts, die eigentlich in Tegea zu hause sind und nach 
Joppe verpflanzt werden, seine analogie. 



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NEKYIA 153 

gegeben hatte, und Priamos der Astyoche gab, damit sie ihren 
söhn Eurypylos zur teilnähme am kämpfe bestimmte. 13 ) ovSiv 
de tovtwv oiiev "OptiQog. es wäre also besser anzunehmen, dafs 
Priamos dem Eurypylos eine tochter zum weibe versprochen 
hätte, wie dem Othryoneus (N 363), also yvvaia iwQa für ioöig 
ywaixog. also lieber eine sprachliche Unschicklichkeit annehmen, 
obwol der halbvers unzweideutig o 247 in der geschichte von 
Eriphyle wiederkehrt, die überhaupt das vorbild der Astyoche 
ist, und lieber eine absurde erklärung ad hoc erfinden, als zu- 
geben, was auf der hand liegt, dafs die detaillirte sage vom wein- 
stock vorausgesetzt wird: so rettet man das princip, oiiev tov- 
twv oiiev a OfitjQogj mit dem unverblümtesten zirkelschlufs, den es 
geben kann, dafs nun dieser ganz besondere zug, die bestechung 
der Astyoche, in der kleinen Ilias stand, wissen wir glücklicher 
weise durch Lysimachos (schol. Eur. Troer. 821, Or. 1392). damit 
ist die quelle für eine gesdiichte der Nekyia erwiesen, ohne 
zweifei haben das die grammatiker auch anerkannt, die von der 
aristarchischen doctrin bei seite geschoben sind. 

Ganz ebenso steht es mit dem gerichte über die waflfen 
Achills. 547 heifst es nalieg ie Tqw<ov iixaaav xal JlaXXag Axhjvtj. 
wer versteht das? soll man daraus entnehmen, dafs ein gericht 
gebildet ward, wie das in den Eumeniden, aus Troern mit Athena 
als Vorsitzendem? 14 ) leider hat man das wirklich getan; aber 
solcher Verkehrtheit war Aristarch doch nicht fähig, er strich 
den vers kurzer hand, ä&etel 'AqimaQxog' ij iuxoqia ix twv 
xvxAixdSv. besser kann sich die Willkür des princips nicht offen- 
baren, aber das eingeständnis liegt wenigstens darin, dafs der 
vers nur durch die kleine llias verständlich ist. denn in ihr ent- 
schied die ansieht von Troermädchen, die man belauschte, als 
sie auf Athenas eingebung hin Odysseus über Aias erhoben, auch 
das steht durch ausdrückliche anführung fest (schol. Aristoph. 
Ritt. 1056). demnach ist auch dieses stück der Nekyia nach der 
kleinen Ilias verfertigt, und es ist nur eine consequenz dieser 



") So auch Apollonios, Archibios söhn s. ▼. yvvalwr ttvtxa itogtoy. 
") In der AHhiopis, die sich hier wieder als altere vorläge der kleinen Ilias 
zeigt, entschied ein wirkliches geriebt, natürlich der Achaeer. Robert pbil. Unt. V 143. 



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154 I 7 

tatsache, dafs nun die einzelnen züge, welche die Nekyia vor 
unsern excerpten aus der kleinen Ilias voraus hat, auch dahin ge- 
rechnet werden müssen; das ist die klage der Achaeer um Aias 
(558), und Antilochos und Memnon (468. 522). das ist mir gar 
nicht befremdlich, ich bin schon längst, ehe ich dieses fand, der 
ansieht gewesen, dafs Memnon in keinem epos, das posthomerica 
behandelte, gefehlt haben könne, und pindarische gedichte, nament- 
lich Pyth. 6, genügten mir wahrscheinlich zu machen, was nun in 
vollkommener weise feststeht. 

Der tod des Agamemnon ist wegen der unzureichenden Über- 
lieferung nicht so rasch zu erledigen und führt doch zu minder 
reinlichem resultate. dazu muss zuerst erörtert werden, was die 
Telemachie gibt, das ist y S, denn die stelle des a, die lediglich 
darauf fufst, muss ebenso fern bleiben, wie für das X die daraus 
entwickelte der zweiten Nekyia. die berichte des Nestor und des 
Menelaos aber sind zu vereinigen, da sie von demselben dichter 
stammen, und sie ergänzen sich auch vortrefflich. Klytaimnestra, 
so hören wir, ward mit mühe und erst nach entfernung ihres 
warners von Aigisthos verführt und folgte ihm in sein haus 
(y 26.3 — 75). Aigisthos setzte einen späher aus, der ihm nach 
Jahresfrist das kommen des Agamemnon verkündete, er lud den 
könig zum male in sein haus (wo sich also Klytaimnestra befand) 
und legte zwanzig erlesene kämpfer in einen hinterhalt. nach 
dem male brachen diese vor und erschlugen Agamemnon sammt 
allen seinen gefährten, aber auch sie alle fielen, so dafs nur 
Aigisthos übrig blieb (S 524 — 37). nun bemächtigte sich Aigisthos 
der herrschaft in Argos (d. h. dem Peloponnes). nach acht jähren 
aber kam Orestes aus Athen und erschlug den Aigisthos; details 
werden nicht angegeben, am tage, wo er das leichenmal hielt, 
kehrte Menelaos zurück, der Klytaimnestra, die man als mit- 
wisserin aber nicht als mittäterin des mordes betrachten muss, 
geschieht keine erwähnung (y 303— ll). 16 ) 



1& ) Das urteil über y 306 — 10 scheint mir sehr leicht, tjkvdt ötog 'Oqhjiijs 
tajj an 'Afryvdatv xatd <T txxavl 7iaTQO<povrja' [AlytoSov öoXo/urjTiv, o oi naitQa 
xavtov txict = 200] i} tot o tov xrtlvag dalvv rdffoy U^ydotoiy [juijxqos t$ oivytQrjs 
xai äyaXxiäos Jiyio9oio] y avTq/uag di ol $X$t ßorjy aya&os MtviXaoq. die ein- 
scbw&rzuDg des verses aus der kurz vorhergehenden stelle ist ohne bedeutung. 



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NEKYIA 155 

Die Nekyia stimmt darin, dafs der raord in Aigisthos hause 
(410. denn 411 = S 535 fallt natürlich fort) beim male ge- 
schieht, und in dem gefechte alle genossen des Agamemnon um- 
kommen, aber sie gibt Klytaimnestra auch eine rolle, ja die 
hauptrolle, da sie zugegen ist, dem vater selbst den anblick 
des Orestes vorenthält 16 ) und die tochter des Priamos, Kassandra, 
mit eigner hand erschlägt: der todesschrei Kassandras war für 
Agamemnon das bejammernswürdigste in dieser greuelscene. die 
hervorziehung dieser beiden weiblichen personen, die den unter- 
schied der Nekyia von der Telemachie macht, beweist dafs die 
erstere, obwol das ältere gedieht, 17 ) doch in dieser sage eine 
jüngere stufe darstellt: beide hängen offenbar von ihren quellen 
ab. Klytaimnestra als die hauptschuldige steht in der Nekyia 
neben dem gemetzel der gefährten, welches die Telemachie uns 
gibt; der nächste und eigentlich notwendige schritt war es, das 

die erw ähnung des leichenuoales ist notig, da ja sonst Menelaos ankunft auf den tag 
des karopfes fallen wurde, und wird durch die propbezeiung des Proteus <f 547 be- 
zeugt, der den Menelaos auffordert rasch nach hause zu fahren, vielleicht würde er 
den Aigisthos noch lebend antreffen, vielleicht schon von Orestes erschlagen; dann 
würde er wol zum leichenschmause zu recht kommen, die kritiker also, welche 
309 und 310 gestrichen haben, schnitten zu tief: aber 310 muss fort, ra<poy ist 
durch das vorhergehende tov xxttvttq genügend erklärt, und Klytaimnestras er- 
wahnung widerspricht der Telemachie. dafs der vers alt ist, von Sophokles und 
Euripides gelesen, kann ihn nicht schützen: er ist ebenso alt als Orestes mutter- 
mord, das ist jünger als die Telemachie. 

lfl ) Die sebolien lassen erkennen, dafs Aristophanes von ßyzanz, dem Aristarch 
folgte, mit vorzüglichem Scharfsinne das ursprüngliche in den versen 434—461 
erkannt bat. es liegt hier, was in der Dias häufig, in der Odyssee ganz selten 
ist, eine dittographie vor. es folgt auf 434, 435—43, 454—56, 457—60, oder 434, 
444—53, 457—60, so dafs Odysseus die rede nicht unterbricht, diese letztere 
fassung ist die originale, denn der tadel Klytaimnestras, dafs sie schände über alle 
weiber gebracht hätte, xcti rj x' ivigyog fyoty 424, hängt mit dem lobe Penelopes 
444 zusammen, und die erwäbnung des Orestes 453 führt zu der frage nach 
Orestes 457. die jüngere fassung ist durch die Verfluchung Helenes 436, den 
sententiösen Charakter dermahnung 441—43 und den im zweiten teile der Odyssee 
formelhaften vers 454 gekennzeichnet, auch dies ist eine textverderbnis, wie sie 
das drama, selbst die komödie kennt, diese berühmte partie ist überhaupt stark 
entstellt, 428. 525 sind von Aristarch entfernt, die schwere corruptel von 414 hat 
Friedländer erkannt 

,7 ) Dies folgt allerdings nur aus den allgemeinen er wägungen, eine nach- 
ahmung dieser partie des X kann ich in y <f nicht nachweisen 



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156 I 7 

gemetzel aufzugeben und Klytaimnestra selbst zur mörderin zu 
machen: er ist durch Stesichoros und die quelle des Pindaros 
(Pyth. 11), wahrscheinlich also schon durch die hesiodischen 
Kataloge, getan, wenn Klytaimnestra gemordet hat, muss sie auch 
gemordet werden: damit ist die spätere, eben auch stesichorisch- 
pindarische Orestesfabel da. die Telemachie kennt sie nicht; die 
Nekyia muss sie gekannt haben. Kassandras fürchterlicher schrei 
'st uns jetzt sofort verständlich, weil wir an die aischyleische scene 
denken, aber in der tat ist auch die homerische stelle nicht zu 
verstehen, wenn nicht Kassandra Seherin ist: der gegensatz des 
arglosen königs und der alles durchschauenden seherin ist schon 
von dieser sage gegeben, auch die liebe Agamemnons ist durch 
den hafs Klytaimnestras angezeigt, ob die posthomerica Kassandra, 
die vom Lokrer Aias geschändet ward, auch als seherin und als 
ehrengeschenk des Agamemnon kannten, weifs ich nicht zu sagen, 
die Ilias (iV366 ß 699) kennt sie nur als jungfräuliche tochter des 
Priamos, ohne sie besonders auszuzeichnen, seherin, ganz im 
späteren Charakter, war sie in den Kyprien. 18 ) auf alle falle 
ist auch diese scene der Nekyia nur auf grund einer detaillirten 
sagenkenntnis verständlich, und zwar einer sage, die selbst über 
den zustand, den die Telemachie repräsentirt, bis ganz nahe an 
das stesichorische ethos entwickelt ist. das Verhältnis ist also 
ganz dasselbe, wie in den andern partien, nur dafs wir da in 
Kyprien Nosten kleiner Ilias die quelle aufzeigen konnten, was hier 
nicht möglich ist. doch auch darüber ist eine Vermutung der 
mitteilung wert. 

Zu den modernen fabeln gehört es, dafs das gedieht 'Aiqsidvov 
xdxtoiog identisch mit den Nosten sei, die man beliebt dem Agias 
von Troizen zuzuschreiben, ein objeetiver grund existirt dafür 

'*) Die Alexandra von Amyklai (Löschcke Mitteil. III 169) ist erst durch 
späte contamination mit Kassandra identificirt: nicht von den Amyklaeern, deren 
göttin fortfuhr die leier zu spielen, sondern von den my thographen ; für uns zuerst 
Ton LykophroD. nachkommensebaft von Agamemnon und Kassandra nahmen die 
leute an, die in Hykene gräber zeigten; wer das war, weifs ich nicht. Pausanias 
(II 16) nennt Zwillinge, Pelops und TiWa/uoe, den letzteren allein schol. X 420. 
auf Kassandra, aber von Troia her, führte sich ein zakynthisches geschlecht zurück, 
dem nach 30 generationen, also 1000 jabre nach Troias fall, Ekephylos angehörte, 
der uns davon erzählt (Carapanos Dodone taf. XVII, Kaibel Rh. M. 34, 198). 



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NEKYIA 157 

nicht, die strafe des Tantalos durch den felsblock, der ihm zu 
häupten schwebt (Athen VII 281, darüber im excurs mehr), gibt zu 
gar keinem schlufse Veranlassung; es ist eine Übereilung, wenn 
Kirchhoff dies mit der Tantalosscene der Nekyia (ihrer inter- 
polation) verbindet: denn jene strafe erleidet Tantalos eben nicht 
im Hades, einen subjectiven grund hatten die modernen aller- 
dings: sie kennen nur diese eine stelle der 'AtQeiioSv xd&oiog. die 
andere haben sie allesammt übersehen, obgleich sie bei demselben 
Athenaeus 395 d zu lesen steht, ö iijv tcuv *AiQ8iSu)v xd&oiov 
nenoitjxwg iv tcjJ %qix^ <pr)oiv, ,,/crov d' 'EQ/MOvsvg noal xaqnaki- 
fxoia fietaanwv tpvag eyxei vv%€v" dieses gedieht hatte also 
mindestens drei bücher: mit den fünf der Nosten wird das kein 
mensch auszugleichen vermögen, und wo gäbe es einen grund 
für die identification? der erhaltene vers des anonymen gedichtes 
ist aus einem kämpfe: das combinire ich mit dem kämpfe der 
Telemachie und der Nekyia in Aigisthos hause; ein kämpfer heifst 
'EQfHOvevg, das pafst für einen gefahrten des Thyestessohnes 
Aigisthos, der pvx<$ "AQyeog Innoßoioio am meere seinen sitz hat. 
der gegensatz seiner herrschaft zu der der Atreiden ist ja doch 
der der dryopischen küste gegen die dorischen hauptstädte des 
binnenlandes. die existenz eines so ausführlichen gedichtes 'AtQBi- 
Afir xd&odog ist eine sehr wichtige sache: ob dieses aber für die 
Telemachie oder für die Nekyia die quelle abgegeben hat, das 
lasse ich unbestimmt: dazu reicht das material nicht hin. will 
man es vor die Telemachie rücken, so folgt daraus, dafs eine 
weitere umdichtung desselben stattgefunden hat, ehe noch die 
Telemachie daraus schöpfte, und diese umdichtung dann in der 
Nekyia benutzt ward. 

Was so inhaltlich erwiesen ist, ist formell, eben so wie oben 
an den versen 521 und 547, hier an 423 — 25 zu erweisen. 
KaöadvdQtjg, trjv xieive Kkvtcu/iivTJ&iQt] 3oX6/xrj%ig a/ty' ißoi' avtäq 
iyw natl yaiq %Blqag deiQ<ov ßdkXov a7io&vjj<fxa>v n€Qi gwtyawp* 
rj de xwdunig vootfiöato. diese verse würden wir verstehen, wenn 
wir die Schilderung noch lesen könnten, die sie nachbilden; so 
haben sich alte und neue vergeblich um sie bemüht, und nur 
der glaube, dafs die vorläge ungeschickt nachgeahmt ist, ver- 
hindert mich eine corruptel anzunehmen, unklar ist du<tf fjwof, 



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158 17 

das wol seinetwegen* heisst, anstöfsig vonyicaio , das doch 
wol ,sie wandte sich ab 4 , also voayü&rj, bedeuten soll, und 
wenn dno&vjjtixiwv neQi (paaydvq* gut gesagt ist, wie neaovta kbqI 
%i<pei Soph. AL 828, non yaiy nach nqog niiy auch verständlich 
ist, wenn das bild des mannes, der durchbohrt am boden liegt 
und die hände nach seiner gattin ausstreckt, die sich doch ab- 
wendet, auch schön ist: so hilft das nicht zum Verständnis von 
ßdlXov. was ist das? rjancuQov, txexevov, snurtov? ich weifs 
keinen rat: nur ändern darf man nicht, denn Aischylos hat ßdlkov 
noii yaiy gelesen und vom aufschlagen auf den boden verstanden: 
seine Kassandra sagt (Ag. 1172) iyw ii 9-eQfiovovg %d% > iv ni&y ßaXw. 
auch dieses sehr unklar, weil es die Odysseestelle nachahmt, die 
wieder unklar ist, weil sie ein unbekanntes gedieht nachahmt. 

Ich denke, mit dem redactor der Nckyia, genauer der bücher 
x A ju, sind wir fertig, wie er das Kirkegedicht umgeformt hat, 
für die Nekyia räum geschafft hat, und wie er das ganze A vom 
heroinenkatalog an selber gedichtet hat, allerdings auf grund von 
poetischen vorlagen, hier so gut wie in x ji, das hat sich gezeigt, 
überall ist dieselbe manier hervorgetreten; der mann ist, wie ich 
meinen sollte, eine ganz greifbare und begreifbare person ge- 
worden, nun steht nur noch das aus, was ihm den anlafs bot, 
nicht blofs die Kirkegeschichte durch die Hadesfahrt zu unter- 
brechen, sondern auch seine eigenen scenen, heroinenkatalog, 
intermezzo, Agamemnonepisode, daran zu fügen: die eigentliche 
Nekyia, das gespräch des Odysseus mit Teiresias und Antikleia. 
dies stück einer älteren und in jeder weise originalen poesie ist 
bereits ausgesondert, es umfafst die verse A 25 — 50, 19 ) 84 — 103, 
lücke, 121— 156, 20 ) 160- -224, wozu die oben (s. 146) aus x aus- 

,ö ) Darin ist 43 unecht, oben s. 142. aufserdem war schwerlich im original 
49. 50 = 88. 80. natürlich sind einzelne Änderungen des redactors überall 
möglich. 

*>) Die mutter sagt zum söhne ,wie kommst du lebend in die unterweit, 
Xahnov efe Tiidt Ciootoiy tQäofrat.' das heifst, ,das ist für ein lebendiges äuge ein 
schwerer anblick', folglich sind die drei folgenden verse ,denn davor liegen viele 
ströme, zuerst der Okeanos u. s. w.' unecht, wie auch die alten gesehen haben; 
sie fassen den vorigen vers falsch als ,denn es ist schwer, zu diesem anblick zu 
gelangen', aber auch die folgende frage ,kommst du etwa her auf der irrfabrt von 
Troia und bist noch nicht zu hause gewesen 1 , ist, wie Aristopbanes gesehen hat, 



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NEKYIA 159 

gesonderten züge kommen, der inhalt ist folgender. Odysseus 
mit einigen gefahrten kommt an den eingang des Hades, wo 
Kokytos Pyriphlegethon Acheron zusammenströmen, um den 
Teiresias, der allein von den schatten bewufstsein hat, zu befragen 
in betreff seiner heimkehr. diese Weisung muss ihm jemand ge- 
geben haben, auf seinen zauber erscheinen die schatten, Teiresias 
redet ihn an, verkündet ihm den zorn Poseidons wegen der 
blendung seines sohnes als grund seines Unglücks, was dann 
folgte hat der redactor weggeschnitten: es pafste also offenbar 
nicht in seine Odyssee. ,dann gehe bis dahin, wo sie kein salz 
kennen, da opfere dem Poseidon: dann gehe nach hause und du 
wirst aufserhalb des meeres einen sanften hausvatertod sterben'. 
Odysseus erfragt sich dann die möglichkeit, seine mutter zu 
sprechen und erkundigt sich bei ihr nach dem ergehen seines 
vaters und sohnes, und ob ihm sein weib noch treu sei. sie be- 
stätigt dies, schildert die trauer des vaters, das ungeschmälerte 
königtum des sohnes, erzählt ihr eignes ende. Odysseus will sie 
umarmen: der schatten zerfliefst, und die mutter klärt ihn über 
die wesenlosigkeit der bewohner der unterweit auf: ,nun gehe 
schnell zum lichte empor, dieses aber merke dir, damit du es 
deiner frau erzählen kannst.' dieses, d. h. die wesenlosigkeit der 
verstorbenen. — damit bricht das gedieht ab: mit der mahnung 
fortzugehen, so bestätigt sich die absonderung der übrigen Nekyia 
vollkommen, denn wir sind verpflichtet anzunehmen, dafs Odys- 
seus seiner mutter gehorchte und zum lichte strebte, aber von 
dem ursprünglichen gedichte ist nichts weiter erhalten. 

Dieses stück ist eine erzählung des Odysseus und ist es immer 
gewesen: wie *, das abenteuer bei Lotophagen und Kyklopen. 
es verweist auf die blendung des Poseidonsohnes, d. h. des Poly- 
phemos: das ist wieder t. also ist es als demselben gedichte 
angehörig zu betrachten, wie denn auch die trefflichkeit und 
ursprünglichkeit der poesie dieselbe ist, und in sofern hat Kirch- 
hoff recht, wenn er die Nekyia zum alten Nostos rechnet, wem 

zu verwerfen, denn Odysseus berücksichtigt sie nicht, und dafs Odysseus schiff 
und gefahrten hat, kann die mutter so wenig voraussetzen, wie dafs er auf der 
irrfahrt hergekommen ist. beide Interpolationen, in wabrheit eine, können auch 
dem redactor nicht zugeschrieben werden. 



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160 I 7 

aber Odysseus diese erlebnisse erzählte, davon ist nichts zu wissen, 
an die Phaeaken zu denken nicht die leiseste veranlassung. die 
Schilderung des Laertes stimmt zu a> und den danach gemachten 
versen des bearbeiters, aber nur deshalb, weil co selbst das X 
(nicht das alte gedieht) benutzt hat. die Schilderung des Tele- 
machos widerspricht der Telemachie: wie der redactor in seiner 
darstellung von 7r— % ihn behandelt hatte, ist nicht zu wis- 
sen, aber keinesfalls spielte er bei ihm eine bedeutende rolle, 
während er hiernach erwachsen ist und macht und ansehen hat. 
von den freiem hört Odysseus hier zwar nichts: trotzdem ist 
k4ar, dafe die scene nicht im zweiten jähre nach seiner abfahrt 
von Ilios statt findet, geschweige bald nach der Kyklopie, sondern 
als er schon sehr lange von hause fort ist also lag in dem 
ursprünglichen gedichte vieles zwischen dem fluche des Kyklopen 
und der Hadesfahrt, in der Kyklopie hat Odysseus noch eine 
anzahl schiffe: hier kommen nur ein par gefährten vor; aber 
leider ist es unmöglich, festzustellen, wie viel er überhaupt noch 
hatte, da er ganz eben so gut zum Hadeseingang blofs mit einer 
abteilung gegangen sein könnte wie in das Kyklopenland. in 
welcher gegend der weit der Hadeseingang gedacht ist, kann man 
für das ursprüngliche gedieht nicht ausmachen: denn mit ihm 
würden sich selbst localitäten des Peloponnes, wie Hermione und 
Tainaron, wo eingänge in den Hades waren, gut vertragen, man 
kann sich eben den Hades sowol in der erde, wie auf der erde an 
dem rande der olxov/ievri oder jenseits desselben denken, die haupt- 
sache ist die Weisung des Teiresias. in unserer Odyssee und so 
auch in den von ihr abhängigen gedichten, wie der Telegonie, ist 
das hinter den freiermord und den abschlufs der irrfahrten und 
kämpfe gerückt, dann ist die Prophezeiung eine sehr überflüssige 
sache, denn Odysseus will nach hause, voötov M£riiai: Weisungen, 
die sein späteres leben zu hause angehen, noch dazu solche, die 
ihn erst wieder von hause fortscheuchen, sind nicht nur zunächst 
ganz gleichgiltig, sondern haben auch wirklich im fortgange des 
gedichtes keinen effect. darin zeigt sich die unursprünglichkeit. 
da nun aber erwiesen ist, dafs die scene einem ganz andern zu- 
sammenhange angehört, als in den sie jetzt durch den redactor 
gerückt ist, der mit seiner Odyssee zu rechnen hatte, so sind wir 



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NEKYIA 161 

verpflichtet diese ganze Odyssee ganz fortzudenken um das zu 
finden, was der ursprüngliche dichter beabsichtigte, dafür sind 
die in den erhaltenen versen vorliegenden motive der einzige 
anhält, diese aber braucht man nur zu verfolgen, um etwas 
vollkommen befriedigendes zu erhalten, die Verdoppelung von 
Odysseus reise und heimkehr ist in ihnen nicht vorhanden. 
Teiresias gibt für den ganz unmittelbaren gebrauch seine Weisung: 
jetzt, um heimzukehren, um den zorn des Poseidon zu beschwich- 
tigen, soll Odysseus gehen, das rüder auf der Schulter, bis er zu 
leuten kommt die meer und salz und rüder nicht kennen : da soll 
er opfern, dann ist Poseidon versöhnt, und dann kann er nach 
hause gehen und wird einen ruhigen tod sterben, in der tat, 
wenn der gott des meeres zürnt, was liegt näher als sein reich 
zu meiden? wenigstens so lange zu meiden, bis er versöhnt ist. 
da Odysseus auf jener Wanderschaft allein sein wird, jetzt aber 
noch gefahrten hat, so muss allerdings noch ein Unglücksfall da- 
zwischen liegen in welchem er diese verliert, und daher ist es 
wahrscheinlich, dafe auch in dem ursprünglichen gedichte Odysseus 
zu schiff an den ort gelangt war, wo der Hadeseingang erreichbar 
war, also auch noch eine seefahrt machen muste. im übrigen 
folgt von selbst, dafs diese Prophezeiung des Teiresias eine jede 
einführung der Phaeaken ausschliefst, und wirklich hängt ja auch 
zwar der nostos, den der redactor in x fi verarbeitet hat, mit den 
Phaeakengeschichten zusammen, aber die Kyklopie ist erst durch 
den redactor selbst in dieselben hineingezogen, ebensowenig wollen 
die Heliosrinder und der aufenthalt auf Thrinakia zu einer 
solchen Odyssee, wie sie Teiresias andeutet, sich schicken; und 
in der tat sind der zorn des Poseidon und der zorn des Helios 
zwei parallele motive, die neben einander nur unzuträglichkeiten 
im gefolge haben. 

Also eigentlich nichts von dem was jetzt in e — # * fx steht 
verträgt sich mit dem alten gedichte, das wir erschliefsen. etwas 
positives zum ersatz dafür ist kaum anzugeben, doch wage ich 
eine Vermutung, eine Wanderung bis zu leuten die meer und 
salz nicht kennen kann sich ein Grieche schwerlich wo anders als 
in der rjneiQog vollzogen denken, die diesen namen behalten hat. 
dieses ausgedehnte festland befindet sich nun zwischen Troia und 

Philolog. Untersuchungen VII. jj 



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162 17 

Ithaka, also zwischen ausgangspunkt und ziel des Odysseus. wer 
es vermag ganz von unserer Odyssee zu abstrahiren, der wird 
gern zugeben, dafs eine Wanderung quer durch die Balkanhalbinsel 
bis nach Thesprotien für Odysseus gar nicht unangemessen ist, 
wenn ihm die umschiffung Maleas mehrfach mifsglückt ist. nun 
erscheint Odysseus in Maroneia an der thrakischen küste in den 
Nosten mit Neoptolemos, der von da zu lande nach Molottien 
geht; wie Odysseus gieng, ist nicht überliefert, in Thesprotien 
zeigt den Odysseus nicht blofs jede sage, welche an die Teiresias- 
episode anknüpft, nicht blofs ist er im innern Epirus allein ein 
gegenständ des cultes, sondern in der Odyssee selber und zwar in 
einem ihrer ältesten teile gibt er vor, ehe er nach Ithaka kam, 
in Thesprotien gewesen zu sein (t 270). das ist jetzt eine er- 
findung von ihm und wird so bezeichnet, aber dafs der dichter 
eine ihm bekannte aber von ihm verworfene fassung der sage 
als erfindung des Odysseus verwenden konnte, wird wol nicht 
unpassend genannt werden können, so vermute ich denn, dafs 
eine den erhaltenen fassungen mindestens gleichwertige sage den 
Odysseus zu fufs durch das barbarenland nach Thesprotien ge- 
langen liefs, und dafs dieser sage die ältesten teile unserer apologe, 
Kyklopie und Teiresiasscene angehören, deren Verknüpfung freilich 
eben so unbekannt bleibt, wie ihre fortsetzung. 

Das ist nur eine hypothese, und gibt sich nicht für mehr 
aus. um auch nur zu beurteilen, in wie weit sie möglich ist, 
müssen die sonstigen älteren sagen von Odysseus, zumal die in 
den andern homerischen gedieh ten niedergelegten gemustert werden, 
ist auch die analyse unserer Odyssee abgeschlossen, so fordert 
doch die Odysseussage noch eine betrachtung. 



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8 
DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEUS 



Odysseus ist, so viel wir wissen, nur auf Ithaka zu hause, 
diese heimat, die beteiligung an den troischen kämpfen und eine 
heimkehr nach langen irrfahrten ist ebenfalls als gegeben anzu- 
nehmen; wenigstens in diesem zusammenhange: dafs man das 
ursprungliche vielleicht ganz wo anders zu suchen hat, vgl. oben 
s. 114. will man die abenteuer beurteilen, so kommt man um die 
frage ihrer geographischen ansetzung nicht herum, die so alt und 
älter als die homerischen Studien ist, mit leidenschaftlichkeit bis 
auf den heutigen tag und gewifs auch so lange es homerische 
Studien geben wird geführt, dadurch dafs die Odyssee ihre ein- 
heit und Originalität verloren hat, haben sich die probleme nur 
vermehrt, da nun jede garantie fortgefallen ist, dafs die angaben 
unserer Odyssee den ursprünglichen sinn der sage wiedergeben, 
es ist ein wenig dankbares geschäft, diese fragen aufzuwerfen, 
wenigstens wenn man die illusion verloren hat, dafs sich eine 
voll befriedigende antwort geben liefse, und angesichts der 
leidenschaftlichen Vorurteile, die man notwendig verletzen muss, 
ist es ein sehr undankbares geschäft. aber es hilft nichts: es 
muss gewagt werden. 

Der älteste uns erreichbare teil der irrfahrten beginnt, sei es 
in Troia, sei es in Maroneia, das verschlägt nichts, er hält sich 
in controllirbaren gegenden. starker nordwind verhindert den 
Odysseus um Malea oder um Kythera nach westen umzubiegen 

11* 



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164 18 

und treibt ihn an die küste der Lotophagen. 1 ) diese hat sich 
also der dichter ebenda gedacht, wo sie auch die alten hinsetzen, 
an der syrte. an derselben küste denkt sich der dichter die Ky- 
klopen, denn er gibt keine beträchtliche fahrt zwischen Lotophagen 
und Kyklopen an. man muss wol am ehesten an eine küsten- 
fahrt westwärts denken, das Kyklopenland ist äufsert üppig, die 
insel davor voll von wilden ziegen. diese sind den Hellenen 
charakteristisch für Libyen. 2 ) die ,Rundaugen 4 passen ganz vor- 
trefflich in das land fabelhafter Völker, von denen Hesiodos und 
Alkman so viele namhaft gemacht haben, und dafs die ,einäugigen* 
in andern, wie den Arimaspenfabeln, vielmehr dem äufsersten norden 
angehören, tut nichts dagegen, denn die ungeschlachten menschen- 
fressenden riesen, oder diese ihre species, die Kyklopen, sind 
keinesfalls irn Zusammenhang der Odyssee erst erfunden, kommen 
auch selbst im herzen von Hellas vor. 3 ) es beliebte nur dem dichter 
den gutmütigen wilden die entsetzlichen menschenfresser zur seite 
zu stellen, und die fabelhafte küste Libyens, an die einzelne griechi- 
sche schiffe verschlagen wurden, bot dazu räum genug, diese 
darstellung konnte im achten Jahrhundert wol noch gegeben 
werden, später schwerlich, früher aber so viel man will. 

Die Odyssee, wenn auch schwerlich das gedieht, zu dem die 
Kyklopie gehört, führt dann den Odysseus zum könig der winde, 
das ist ein mythisches reich, der Übergang ist sehr geschickt, 
denn da Aiolos auf einer schwimmenden insel wohnt, so kann 
diese nirgend gesucht werden, und wenn Odysseus, nachdem er 
mit westwind (x 25) beinahe bis Ithaka gefahren ist, wieder zu 
Aiolos zurückgetrieben wird, so kann dieses ziel mittlerweile an 
einem ganz anderen orte des meeres sich befinden, die winde 
kehren einfach zu ihrer heimat zurück, wo sie auch grade ist. 
der dichter war sich offenbar bewufst dafs er so jeden versuch 
der controlle für Odysseus reiseroute abschnitt. 



') Lotophagen gibt es allerdings auch an der illyrischen küste, Skylax 22. 
aber Eratosthenes selbst nannte die insel Meninx hüToyayTrtg Plin. n. h. V 41. 
so auch Polybios bei Strabon 25 und dieser öfter. 

2 ) Herodot IV 189 und öfter, Hippokrates de sacr. morb. 2. 

*) Abgesehen von den mauerbauenden Kyklopen der Argolis ßio t u6i KvxXtoiuoy 
in Korinth Paus II 2, in Eleusis Agallis scbol. £ 485, vgl. Kydathen 147. 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEÜS 165 

In den folgenden abenteuern unter sich ist überall ein Zu- 
sammenhang, der aber dem redactor gehört, dessen Vorstellung 
also zunächst ermittelt werden muss. am unzweideutigsten äufsert 
er sich über Aiaia, die insel der Kirke, p 3. 4, also in versen, 
für die er ganz allein die Verantwortung trägt. ,bei den Woh- 
nungen und tanzplätzen der morgenröte und dem platze, wo 
die sonne aufgeht*, alles deuteln der scholien und der modernen 
hilft nichts. Aiaia liegt im äufsersten nordosten, wo die sonne auf- 
geht, es liegt auch am Okeanos, oder in ihm ; es ist nur noch eine 
unbedeutende fahrt bis zum eingange des Hades, dem andern 
ufer des Okeanos. Aia, das land des Aietes, dessen Schwester 
Kirke ist (x 137) wird von unserm ältesten zeugen, Mimnermos 
(fg. 11 vgl. Hermes 18, 397) ,an den rand des Okeanos, wo Helios 
strahlen liegen' versetzt, es ist unmöglich, Aiaia von Aia zu 
trennen, da nun Aia als ziel der Argofahrt fest localisirt ist, so 
ist dadurch auch Aiaia bestimmt, um so mehr, als Kirke selbst 
dem Odysseus den rückweg angibt und bei den Plankten be- 
merkt, dafs nur die Argo nag' Aiijiao (noAovüa sie passirt habe, 
der Verfasser unserer bücher xl/i denkt sich also die irrfahrt 
im schwarzen meere. die Kirkeinscl ist eine insel ,von Aia', auf 
welcher die Schwester des ,königs von Aia' wohnt, von der Kirke- 
insel braucht man nur über den Okeanos zu fahren, so ist man 
bei den Kimmeriern im dunkel (X 13). da Helios erst bei der 
Kirkeinsel aufsteigt, so ist freilich diese noch entlegnere gegend 
ewig unberührt von seinem lichte, die Kimmerier, die auch erst 
der redactor einführt, sind ein skythisches volk, dessen reale 
Wohnsitze genau da liegen, wo der Zusammenhang der dichtung 
sie ansetzt, ob der dichter die Kimmerier von ihren raubzügen 
her kennt, oder woher sonst, ist dafür ganz gleichgiltig, da er sie 
eben in ihren heimischen sitzen anführt, den Hades sich an diesem 
nordrande der weit zu denken ist an sich ebenso gut möglich wie 
an jedem von der sonne unerreichten rande: dafs es auch sonst 
vorgekommen ist, zeigt die localisirung der insel Leuke an der 
Donaumündung und die bezeichnung Achills als ,könig der Skythen' 
(Alkaios; vgl. Hermes 18, 251). 

Seirenen, Skylla und Charybdis, Thrinakia tragen in sich 
keinen für den redactor charakteristischen localen zug. Thrinakia 



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166 I 8 

war schon für seine quelle eine ^yvyitj vrjaog^ eine insel des 
Weltmeers (f 172). aber wenn man die Kirkeinsel als einen ge- 
gebenen punkt betrachtet, so schickt sich alles für die Vorstellung 
gut, dafs Odysseus durch den Okeanos in das westmeer fährt, 
nördlich um die rjneiQog herum, denselben weg also, den die 
Argonauten gefahren sind, aber Homer stellt eine ältere Vor- 
stellung dar, in welcher nicht ein flufs, der Istros, die vermitte- 
lung bildet, indem er sich gleichzeitig in das schwarze adriatische 
und ligurische meer ergiefst, sondern das meer einfach in com- 
munication steht, freilich einer von gefahren umgebenen und an 
der einfahrt ganz engen, die Windrichtungen stimmen dazu, so- 
weit der redactor nicht durch Übernahme fremder verse gefehlt 
hat (oben s. 118). conträr ist südwind und, auf Thrinakia wenig- 
stens, Ostwind (fi 326. 426). südwind treibt den Odysseus der 
Charybdis wieder zu. dann tritt, wie die Sachen jetzt liegen, 
Kalypso dazwischen, in deren ursprünglichem gedichte die über- 
legne kunst des dichters jede irdische localisaüon vermieden hat. 
aber e 385, wo derselbe dichter im spiele ist , der x X \i redigirt 
hat, treibt nordwind den Odysseus zu dem ersehnten, auch von 
Kalypso intendirten ziele, den Phaeaken. mag man sich diese 
auf einer insel des Weltmeeres denken, noch hoch im norden, 
etwa wo die Hyperboreer zu hause sind, die Hesiodos ganz 
ähnlich geschildert hat, oder mag man sie selbst im Hadrias 
irgendwo ansetzen: immer ergibt sich derselbe gute Zusammenhang. 
Die locale vermittelung zwischen dem Aiolosabenteuer und 
der Kirkeinsel fordert, wenn man einfach im sinne eines Ioniers 
etwa des achten Jahrhunderts denkt, eine passage durch die Pro- 
pontis; man kann sich's auch anders zurechtlegen, aber dies ist 
das einfachste, in der Odyssee steht an dieser stelle das abenteuer 
bei den Laistrygonen. die aber setzt die Odyssee wie sie ist eben 
an die Propontis, an die quelle Artakia (x 108). dafs die erwähnung 
derselben keineswegs die gründung einer griechischen Ortschaft 
daselbst voraus setzt, sondern nur die kenntnis des barbarischen 
namens, hat Niese mit recht betont, angesichts der genauen be- 
kanntschaft, welche die Ilias mit dem ganzen südgestade der 
Propontis zeigt, wird man ein chronologisches moment aus dieser 
localität nicht gewinnen können, das locale hat man versucht 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEÜS 167 

durch athetese los zu werden, als ob damit mehr erreicht würde, 
als die localisirung der Laistrygonen bei Kyzikos einem interpolator 
zuzuschieben, das aber ist deshalb ganz unwahrscheinlich, weil 
diese localisirung, wie sich gezeigt hat, zwar zu der jetzigen 
redaction der abenteuer vortrefflich pafst, aber später ganz ver- 
schollen ist. so ist vielmehr zu sagen, dafs alles im einklange 
ist, und der redactor die irrfahrten des Odysseus in das nord- 
meer, auf dieselbe scene verlegt hat, wo auch die Argonautensage 
spielt, auf die er selber verweist, es ist eben ein kleinasiatischer, 
fast möchte man vermuten, ein milesischer oder kolophonischer 
dichter, das gedächlnis von dieser localisation der Odyssee ist 
freilich ganz oder fast ganz verschollen, ich kenne nur eine spur: 
Pherekydes hat einen gefährten des Odysseus Itvamog genannt 
(schol. /e 257 aus Porphyr, neqi twv naQaXskeinevwv), den man 
von Sinope nicht wird trennen wollen, aber ich hoffe, es liegt 
nur an meiner mangelhaften kenntnis, dafs ich nicht mehr aufzu- 
weisen habe, und gelegentliche lecture wird diese spuren ver- 
mehren, hier setzt endlich, wie mich dünkt, nicht ohne nach- 
druck, das ein, was oben über Elpenor entwickelt ist. wenn die 
geschichte aetiologisch ist, eine parallele zu Palinuros und Misenos, 
oder auch dem heros von Temese, so hat sich der dichter das 
cap von Aiaia als noch zugänglich gedacht, und ist dasselbe an 
der südküste des Pontos wirklich zu suchen. 

Es liegt mir aber sehr ferne, in dieser politischen localisation 
das ursprüngliche ermittelt haben zu wollen, wie das freilich wol 
auch geschehen ist. im gegenteil, auch hier zeigt sich die redac- 
torentätigkeit gegenüber der Originalität des t. wer da weifs dafs 
Medeia nach Korinth gehört und Pasiphae nach Kreta oder La- 
konien, Elektryone nach Samothrake und Rhodos, der wird eine 
Heliostochter nicht notwendig am tanzplatze der Eos suchen, der 
Hadeseingang ist ebensowol an jedem erdende oder auch in 
mancher höhle. Laistrygonen aber und Thrinakia sind nach- 
weislich vom redactor falsch localisirt. wie beschwerlich die mit 
den vielen eigennamen, Lamos, Antiphates, Telepylos geschmückte 
Laistrygonen geschichte dem redactor gefallen ist, der die selbst- 
erzählung des Odysseus einführte, ist schon oben (s. 125) gezeigt, er 
hatte eben eine vorläge, und aus dieser hat er auch einen zug 



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168 18 

von localer bedeutung herübergenommen, der mit der von ihm be- 
liebten localisirung bei Artakia unvereinbar ist : die kurzen nachte, 
die niemand auf etwas anderes als auf hohen norden beziehen kann, 
von diesem phaenomen hatten die Griechen kenntnis, seit sie bis 
Olbia fuhren, das wenig südlicher liegt als die Scillyinseln, bis zu 
welchen eine (im übrigen unglaubhafte) tradition die unleidlichen 
Phoeniker fahren läfst. und will man durchaus mittelsmänner, 
so dürften sich die anwohner des Dniepr, die im sechsten Jahr- 
hundert griechische Werkstücke bis in die Lausitz trugen, besser 
eignen, als die Tarsisfahrer , die doch zunächst wol vom westen 
etwas erzählt haben würden, der den Ioniem des epos ganz un- 
bekannt ist. wer nun die Laistrygonen in den hohen norden 
verlegte, der verlegte sie nicht zu den Bebrykern nach Phrygien. 
das ist ein bündiger schlufs. leider mute ich jedoch gestehen, dafs 
ich mit den nordischen menschenfressern weiter nichts anzu- 
fangen weirs. 

Thrinakia, von ^wag, heifst die »gabelförmige 4 insel. 4 ) die 
durchsichtige ableitung des wortes muss dem bekannt gewesen sein, 
der es zuerst gebrauchte, und dafs die Odyssee jetzt den namen 
ohne rücksicht auf die bedeutung verwendet, beweist nur wieder die 
Überarbeitung des ursprünglichen sagenstoffes im ji. eine itQivaxiti 
würde man also etwa die Chalkidike nennen, wenn sie eine insel 
wäre, wir würden auch hier nicht weiter kommen, wenn uns 
nicht zufällig ein gedieht des ausgehenden siebenten Jahrhunderts 
erhalten wäre, das die lösung ohne weiteres gibt, der delphische 
teil des homerischen Apollonhymnus erzählt von den bei Tainaron 
weidenden rindern des Helios (411). das ist das gesuchte local: welche 
insel hat auf die bezeichnung gabelförmig mehr anspruch als die 
Pelopsinsel? Tainaron also, wo neben den sonnenrindern die sonnen- 
tochter Pasiphae und Poseidon und der Hadeseingang auch localisirt 
sind, hat in der Odysseusfabel ursprünglich eine rolle gespielt, die 
ihm für den, der von Troia nach Ithaka segeln will, auch sehr gut 
zusteht, wir sehen hier wol einen hellen stral auf die genesis der 
Odysseusabenteuer fallen — aber nicht mehr, denn es würde ver- 



4 ) td &Xiva xai tqotiov jftt£oc fyovra olg *«* iqv yqv [itraßdXkowH (?) 
xai zov$ doiaxvas ävuQQintovot d-Qivaxa$ xakovoi, schol. N 588. 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEUS 169 

messen sein, auch nur Kirke und Poseidons zorn heranzuziehen, die 
analyse dieser sagen kann überhaupt nicht befriedigend schlipfeen. 
nur der Selbsttäuschung kann eine solche rechnung je aufzugehen 
scheinen, die Odyssee zerlegen wir in epen: dazu ist anhält 
genug da. diese epen selbst sind wieder so entstanden wie die 
Odyssee, durch die zusammenfügung und Umgestaltung von 
mehreren gedichten. und diese gedichte einzeln stellen wieder 
dasselbe problem. selbst wo wir die gedichte fallen lassen und 
die sagen verfolgen, löst sich der cyclus in einzelne abenteuer 
und diese selbst wieder in eine contamination verschiedener züge. 
Banquo mag erschlagen werden: hinter Banquos geist schreitet 
eine reihe von seines gleichen und der letzte trägt den Spiegel, 
in dem die reihe sich in das endlose fortsetzt, wir schauen in 
die unergründliche tiefe der sage. 

Was die Ionier, die der redactor repräsentirt, taten, indem 
sie den Odysseus im Pontos fahren liefsen, den ihre schiffe durch- 
kreuzten, das taten die Chalkidier im westen. aber bei ihnen 
schlug sich das kaum noch in versen nieder, sie nahmen vielmehr 
das gedieht des redactors als homerische authentische darstellung. 
so erhielten die ionischen orte Leontinoi Katane Zankle Rhegion 
Kyme Neapolis eine jede ihr stück Odysseussage. Dorer und 
Achaeer nahmen daran keinen anteil. 5 ) geschehen ist dies jeden- 
falls sehr früh, da schon gedichte, die auf Hesiodos namen 
giengen, d. h. teile der weiberkataloge, spuren davon zeigen. 6 ) 

5 ) Dafs die Lotophagen bei Akragas oder Kamarina angesiedelt werden 
(schol. i 20),kann nur als notwendiger schlufs betrachtet werden, der getan ward, 
als die Kyklopen bei Katane angesiedelt waren. Aiolos hatte Lipara natürlich er- 
halten, ehe Knidier dorthin kamen, weil die insel den wind zu bestimmen schien 
(Nifsen Ital. Landesk. 281). 

6 ) Aus den Zusammenstellungen bei Markscheffel s. 308 und danach bei 
Kirchhoff Od. 318 flg., die ich in allem wesentlichen für zutreffend erachte, ergibt 
sich dafs dieses hesiodisebe gedieht von unserer Odyssee y und «—7/ las wie wir 
sie lesen, dagegen die Phaeakengenealogie v\ 56 ffg noch nicht, da der dichter 
sogar die Tyrrhener (Etrusker), Aetna und Ortygia erwähnte, so kann er nicht 
wol vor 600 gelebt haben, dann ist es unwahrscheinlich, dafs er Telemachie und 
Odyssee (d. h. t— £) gesondert benutzt hätte, da unsere Odyssee schon bestand, 
somit ist jene genealogie auch nach meinen ansätzen wie nach denen Kirchhofs 
eine Interpolation unserer Odyssee. da nun die Schilderung der gärten des 
Alkinoos (j? 102—32) als eine ganz junge interpolation erwiesen ist, und sich 



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170 18 

dafs sich aber heute noch jemand von diesen geschichten impo- 
niren läfst, ist traurig, es zeigt nur, dafs die Unterscheidung der 
stamme der Westhellenen, d. h. das wesentlichste für das Ver- 
ständnis ihrer geschichte, sehr vielen noch nicht aufgegangen ist. 
denn wären die Odysseussagen niederschlage der localen erinne- 
rungen ionischer schiffer an die küsten der westsee, so hätten 
sich diese doch wol nicht blofs an solche orte erinnern können, 
die später grade von Chalkidiern besetzt wurden, wer aber gar 
&Qivaxir l mit rgiraxQia gleichsetzt und in diesem ungetüm von wort 
die deutung des andern sucht, der offenbart eine so gründliche Un- 
wissenheit in der grammatik, dafs er auf ein urteil in diesen dingen 
verzichten muss. der westen kommt für die Odyssee nicht weiter in 
frage, als es gelegentlich desbearbeiters an seinem orte geschehen ist. 
Ist die identification von Scheria mit Korkyra gleichen Ur- 
sprunges? die Korinther, die Korkyra ende des achten Jahr- 
hunderts besetzten, behaupteten von dieser insel Kolcher ver- 
trieben zu haben, die bei der Verfolgung Medeias dort hinge- 
kommen waren, wie sie auch Kolcher in dem illyrischen Pola 
ansäfsig glaubten. 7 ) es ist nicht wunderbar, dafs die träger der 
Argonautensage in Hellas, die Medeia ihre königstochter nannten, 
in ihren feinden die wilden wiederfanden, die jene korinthische 
Prinzessin gefangen gehalten hatten. 8 ) aber sie überkamen doch 

unten (II 1) ergeben wird, dafs Chairis mit der beanstandung von rj 80 recht hatte, 
alle diese einladen aber sich nicht ohne weiteres auslosen lassen, so ergibt sich, 
dafs uns das q mindestens von 56—133 und 146 mit Umgebung in einer ganz 
jungen, dem sechsten Jahrhundert angehörigen, fassung vorliegt, wenn wir also in 
demselben buche 251 — 58 eine dittographie finden, und ebenda grade die ge- 
schichte von Rhadamauthys 321—24, so wird beides weniger Verwunderung erregen, 
eine eindichtung, die einen sittlichen anstofs (die {jeschwisterehe) entfernt, eine 
Schilderung phantastischer Üppigkeit und eine erwähnung vou Athen, vielleicht 
auch eine von Euboia, einlegt, ist so recht in dem stile der attisch-orphischen 
poesie. 

') Es ist mit Korkyra schlimm gegangen, da bei Strabon nur geringe bruch- 
stucke erhalten sind, und auch bei Stephauus der artikel fehlt, die geographen 
sonst sind unergiebig, so ist das wichtigste was in den schollen zu Apollonis IV 
983 (schol. Dionys. perieg. 994) 984 (daher Steph. 2/tgt«, E. M. s. v. Jotna^) 
992, 1212 1216. dasselbe ohne gelehrsamkeit schol. t 34.35. Timaios, Apollo- 
nios, Kallimachos geben die reihenfolge der namen jQtmiyijy J^jj«'«, KoQXVQHy 
die ersten beiden schon Aristoteles *V Konxvoaiwv noXtnt'if. 

8 ) In Epirus liefsen sie nachkommen Medeias herrschen, oben s. 26. 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEÜS 171 

schon einen hellenischen namen für die insel, Drepane, und die 
identification mit Scheria. denn die Kolcher hat Alkinoos an- 
gesiedelt und bei ihm ist Medeia eingekehrt. 9 ) Hellanikos liefs 
den Phaiax söhn Poseidons und der Asopostochter (d. h. korin- 
thischen pflanzstadt) Korkyra sein und seine insel nach ihr um- 
nennen. 10 ) Drepane hiefs die insel, weil sie die sichel bedeckte, 
mit der Kronos den Uranos entmannt hatte, und aus dem blute 
des Uranos waren die Phaiaken, d. h. eben die bewohner dieser 
insel, entstanden: so erzählten Akusilaos und Alkaios. das war 
also um 600 ein selbst zu den Lesbiern gedrungener mythos: 
den man sich, wie der geographische Ursprung derselben 
zeigt, hüten muss für das wesen der homerischen Phaeaken 
zu verwenden, der name Drepane ist also als der vorkorinthi- 
sche Hellenenname der von den barbarischen bewohnern Korkyra 
benannten insel zu betrachten, welcher, gegeben von der gestalt 
derselben, zunächst mehrere mythische erklärungen erhielt, und 
dann erst, als Scheria mit Drepane identificirt ward, die Phaeaken 
in seinen mythenkreis zog. das war aber schon im achten 
Jahrhundert geschehen, was für Hellenen früher in diesen 
meeren fuhren als die Korinther, würde schon die analogie be- 
nachbarter gegenden lehren, der akarnanischen küste, wo Kureten 
wohnen, 11 ) Kephallenias , das Kephalos von Thorikos besetzt, 12 ) 



°) In den Kaupaktien gieng Medeia Dach Pelias tod nach Korkyra statt nach 
Korinth. Skytobrachion bei Paus. II 3, 9. 

,0 ) Stepb. Byz. s. v. <*>«««£ schol. * 35 v 130, Pausan. V. 22, 6. 

") Diese stammen selbst aus dem Meleagergedicht des /, wobei aber zu be- 
denken ist, dafs dieses sagenhaften hintergrund hat. mit Euboia verbindet sie 
Archemachos bei Strab. (Äpollodor) 465, abgeschrieben iu den scholien B 512, 
/ 529. dies kann allerdings eine combination sein, xovgrjKs = om&tv xo/uouivits 
"Jßuvitg. Demetrios Magnes (Steph Byz. 'A&tjrat) nennt eine attische gründung 
in Akarnanien bei den Kureten. dafs die Kureten ein wirkliches volk gewesen 
seien, ist gar nicht zu glauben, sie sind die geweihten diener verschiedener gott- 
heiten, zu denen sie sich verbalten wie die Seiler zum Zeus von Dodona, die 
Hyperboreer zu Apollon, der Bakchenchor zu Dionysos, was Demetrios und Apollo- 
doros in Strabons zehntem buche erzählen, erhält die charakteristische bestäügung 
durch das mit dem ephesischen Artemistempel verbundene Kuretencollegium 
(Dittenberger syll. 134). 

,5 ) Aristoteles in der l&axrjiiMv nuhiiiu E. M. s. v. W(j*tta<o£, vgl Herrn. 
18, 423, ausführliches aber ohne gewährsmann gibt Äpollodor bei Strabon 456 flg. 



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172 I 8 

von Othronos und Amantia, wo Elephenor der Abante sich 
niederläfst, 13 ) ganz abgesehen davon dafs die Euboeer, wenn sie 
nach Italien überfuhren, notwendig auf den Stationen dieser fahrt 
fufs fassen musten. aber in der Übersiedelung der euboeischen 
nymphe Makris 14 ) nach Korkyra liegt auch der directe beweis, 
dafs Euboeer, Chalkidier also, es waren, welchen der rühm ge- 
bührt, zuerst die illyrische insel besucht, Drepane benannt, und 
danach mit Scheria identificirt zu haben, das hängt zusammen 
mit den sicilischen niederschlagen der Odysseusfahrten ebenfalls 
in chalkidischen siedelungen. unsere Odyssee, d. h. der redactor 
weifs nichts davon; nur eins ist merkwürdig, nämlich dafs Alki- 
noos davon erzählt, wie die Phaeaken den Rhadamanthys zu Tityos 
nach Euboia gebracht hätten (17 323). die sage ist ganz verschollen, 
und deshalb ein urteil kaum möglich: aber es ist ganz wol denk- 
bar, dafs dieses stück bereits der chalkidischen, mehr Korkyra 
als Scheria angehenden, sage angehört. 

Die localisirungen der auf die Odyssee folgenden zeit haben 
sich unergiebig gezeigt für das Verständnis der abenteuer selbst, 
ja noch mehr, selbst was der redactor hineingetragen hat, kann 
nicht für übereinstimmend mit der ursprünglichen bedeutung jener 

gegeben hat auch dies wol schon Aristoteles vgl. Steph. s. v. K^äviov mit Hera- 
klid. pol. 32. 

,3 ) Othrouos Melite Amantia gibt dem Elephenor mit seinen Abanten Lyko- 
phron 1027—46. Orikos von heimkehrenden Euboern gegründet Skymnos 441. 
Amantia, eine barbarische stadt, ist den Abanten (Abas ist vater Elephenors) 
gleichgesetzt, was wir wissen geht fast alles auf Theon zurück, teils zu Lyko- 
phron, teils zu Apollonios, in dessen scholien IV 1175 u. ö. jetzt weniger steht 
als in den excerpten derselben E. M. s. v. 'Aiutvtia uud Steph. Byz. Ußayrtg 
und 'A/uavTtcc. Lykophron, Apollonios, Kallimachos, Timaios, Proxenos der Epiroto 
kennen die gleichsetzung — dennoch kann derselben nicht wol mehr zu gründe 
liegen als namensähnlichkeit und die Euboeer von Othronos und Korkyra. denn 
z. b. Skylax (d. h. Ephoros) weifs nur von barbarischen Amantinern. 

li ) Makris war die amme der Hera (die in Euboia bedeutenden cult hatte), 
nymphe von Euboia, das nach ihr heifst, oder (was dasselbe ist) tochter des 
Aristaios (des freundes der Nymphen von Keos). da sie aber den kleinen Dionysos 
auch wartete, verstiefs sie Hera, und sie floh nach Korkyra, das auch ihren namen 
erhielt, so im wesentlichen Apollonios selbst, schol. IV 540. 1138. Plutarch über die 
Jaiöaka bei Euseb. pr. ev. III 84. schol. B 535. — auch ein Euboia gab es auf 
Korkyra Strab. 449. 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEÜS 173 

sagen angesehen werden, danach wird die chance gering er- 
scheinen, den Zusammenhang finden zu wollen, in dem die Tei- 
resiasscene einst stand: die Vermutung, dafs neben der sage von 
Odysseus heimkehr zu schiffe auch eine Wanderung durch Make- 
donien bestand, wird dennoch minder abenteuerlich geworden 
sein, gab es doch auch neben den eben angeführten traditionen 
über die Irrfahrten der heimkehrenden Euboeer eine, die sie zu 
lande gehen und im innern eine stadt gründen liefs (Strab. 449). 

Über die Nosten steht bei Proclus Neontokefiog GenSog vno- 
&£fievrjs neCfj noisluu trjv noQsiav xal naQayevofievog eig Oq^xtjv 
'Odvaasa xataXa/ußdvSi iv iß MaQwveig xal tö komov avvei rrjg 
öäov xal teXevnqaavja (Poivixa &dmei, lb ) avtog de €ig MoXoaaovg 
ä<pixoiievog dvayvwQifctcu n^Xet, also Odysseus brauchte nur mit 
Neoptolemos zu reisen, so zog er den weg, an den ich gedacht 
habe, und kam schliefslich nach Thesprotien, dahin, wo er im % 
sich selbst verlegt, die frage ist dringend, was erzählten die Nosten 
von Odysseus? 

Kirchhoff hat behauptet, sie hätten auf grund unserer Odyssee 
ziemlich ausführlich seine abenteuer berichtet, etwa wie jenes 
hesiodische gedieht, wenn das wahr wäre, so würden die Nosten 
sehr schlecht zu dem begriffe eines kyklischen gedichtes stimmen, 
den Kirchhoff sonst hat. denn sie waren dann ein paralleles, ein 
coneurrenzgedicht zur Odyssee, nicht im entferntesten bestimmt, 
wie es jetzt im auszuge scheint, den anschlufs an dieselbe zu 
suchen, sie giengen dann zeitlich nicht nur über das hinaus, 
was Proclus zuletzt daraus berichtet, den tod des Aigisthos, son- 
dern auch über die Odyssee, da in ihnen, wie Kirchhoff jetzt mit 

,& ) Dies geschah in Eion, Lykopb. 417, also am Strymon in der landschaft 
Pbyllis. diese geht die attische Pbyllissage an, nachweisbar nicht vor dem vierten 
Jahrhundert, und die Syleussage, in der littcratur nur durch Euripides vertreten, 
aber gehörig in die reihe der Heraklessagen jener gegenden, von Abdera, Tbasos, 
Torone, deren berkunft noch dunkel ist: denn nur wenig läfst sich auf die einzige 
Dorerstadt Poteidaia zurückführen, wie namentlich die Halkyoneussage und die 
beteiligung des Herakles an der gigantomaebie. das erklärt alles Phoinix in Eion 
nicht Phoinix ist ein Doloper: diese safsen bekanntlich auf Skyros, bis Kimon 
sie vertrieb und die insel annectirte; derselbe hat es mit Eion ebenso gemacht, 
das also keine zu befreiende Hellenenstadt war. es liegt nahe, Doloper als be- 
wohner von Eion anzusehen. 



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174 18 

der Überlieferung annimmt, die ehe des Telegonos und der Pene- 
lope vorkam, von Kirchhoffs gründen sind nun einige schon 
weggefallen, es hat sich ergeben, dafs die identification des ge- 
dichtes 'AtQBidalv xdöodog mit den Nosten ganz grundlos ist; Maira 
und Klymene, die sie mit der Nekyia gemein haben, sind in dieser 
so erwähnt, dafs sie notwendig eine ausführlichere vorläge voraus- 
setzen, die in den Nosten zu finden dann am nächsten liegt, das 
abenteuer bei den Kikonen, also bei Maroneia, ist in unserer 
Odyssee von demselben manne, dem redactor, erzählt, der jene 
partie der Nekyia gedichtet hat, und mit nichten gleichen alters 
mit der Kyklopie. also ist nicht der entfernteste anlafs, um 
seinetwillen eine benutzung der Odyssee durch die Nosten anzu- 
nehmen : das umgekehrte ist möglich, allein da auch die Kyklopie 
(198) die Zerstörung von Ismaros durch Odysseus kennt, nur ohne 
sie zeitlich su fixiren (sie kann selbst während Ilios stand statt- 
gefunden haben), so ist die benutzung derselben sage bei beiden 
dichtem mindestens eben so gut möglich. 16 ) ganz besonderes 
gewicht hat Kirchhoff darauf gelegt, dafs Megapenthes in der 
Telemachie nur der söhn einer dovkrj ist (d 12), während die 
Nosten die mutter benannt haben sollen, gesetzt die prämisse 
wäre richtig, so bliebe es doch ein trugschlufs. Megapenthes ist 
zwar, so viel wir sehen, keine person der volkssage, 17 ) aber auch 



lö ) Die Odysseus3age von Maroneia hat Kirchhoff für chiiscb gehalten, und 
chiisch ist es gewifs, dafs Maron söhn des Oinopion ist bei Hesiod. (schol. < 198). 
aber bei Homer ist er Apollonpriester und söhn des Euanthes. wenn die Chier 
etwa eine hellenische niederlassung in Ismaros vorfanden, so kann diese schon den 
Odysseus gekannt haben, und die läge der Stadt spricht dafür, dafs Aioler, wie 
am Hellespont den Milesiern, so hier den Chiern vorgearbeitet haben, dazu 
stimmt dafs Ainos, wo die Aioler sich gehalten haben, an dieser Odysseussage 
anteil hat. es leitete sich von einem gef&hrten desselben ab. Euphorion bei Serv. 
zu Aen. IH 17. 

,7 ) Über Menelaos söhne handelt Robert Phil. Unt. V 55 nicht ausreichend, 
er nimmt einen söhn Helenes auf einem vasenbilde an, das ihre entführung dar- 
stellt; die erklärung des bildes versuche ich nicht, aber Hesiod hat den söhn erst 
nach der heimkehr geboren gedacht, aus ihm kann also der vasenmaler nicht ge- 
schöpft haben, die Hesiodstelle, wo der söhn Nikostratos bnX6 raro; heifst, steht 
schol. Soph. El. 539, ist aber oft berücksichtigt, schol. Eur. Andr. 898 nennt 
Lysimachos ihn (nach Hesiod) und Pleisthenes (nach Kvnniaxai ImcQittt) zu- 
sammen mit einem söhn von Paris Aganos (so die codd. und Tzetz). in dem, 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEÜS 175 

nicht eine vom dichter der Tclemachie erfundene figur, sondern 
grade so wie Hermione, die braut des Neoptolemos, herzlich un- 
geschickt sogar, aus der Überlieferung genommen, und schliefs- 
lich nannten die Nosten seine mutter nicht einmal, sondern sagten 
nur ,getische sclavin', wo das S ,sclavin* sagt, dies für eine 

wie Schrader (Porph. II 302) mit recht sagt, nicht porphyrischen schol. r 175, 
das freilich schwer verderbt ist, scheint Ariaithos einen Mccgaytog (so zu schreiben 
nach Herod. I 125, Steph. Byz. mit Eustath.) zu bezeugen, wenn nicht J(«t9og 
name eines zweiten Hohnes ist (so Eustath.), und Kinaithon, dafs zwei söhne, 
Nikostratos und Aithiolas (?) in Sparta verehrt würden. Pausanias (II 18, 6. 
III 18, 13. 19, 9) erkennt nur zwei söhne, Megapenthes und Nikostratos an, von der 
mutter Dule, denn als eigenname ist das offenbar II 18 gemeint, er erzählt von 
ihnen aus rhodisclier sage etwas, und glaubt sie auf dem amykläischen throne 
dargestellt: nach Kinaithon werden wir vielmehr die beiden söhne Nikostratos und 
Aithiolas nennen müssen, schol. cf 11: die vttoriooi geben Helene von Menelaos 
den Nikostratos, von Paris den Korythos und Helenos. dies die Überlieferung, 
dabei ist von den fabeln bei Diktys V 3 und Tzetzes zu Lyk. 851 noch abge- 
sehen. Megapenthes erscheint also nur bei Pausanias, der von Homer abhängt, 
der name gehört einem könige von Argos, söhn des Proitos. die über öovXtj 
entscheidende stelle ist in den scholien ebenso corrupt wie in der apollodorischen 
bibliothek, wo sie auch steht, diese gibt III, 11, 1 Mtyilnog ig'Rkiyqg'EQfjiSyrjy 
iyivvriGi X(d xani nvctg (d. h. Hesiod) NixuornuToy' ix ÖovXtjc <(J*> JlifQi'fiog 
yivog Airtakldog, tj xtcßanfg y Axovallu6g cfrjoi Ttjntjidog MtyunivSri, ix Kvmaiug 
tU vvpcf.rjs x((Tn Ev/uqloy £ivod((tAoy. Hercher hat gesehen, dafs Tqgrji'g ein 
ethnikon sein müste, was es nicht ist, und ringig ein eigenname, was es auch 
nicht ist. also hat er Ilifgdfog als emendation von TqQrji&og betrachtet und danach 
das namenlose weib aus Aetolien oder, nach Akusilaos, aus Pierien sein lassen, 
über schol. 6 12 klagt schon Eustathius, dessen handschrift dem Ambrosianus ähn- 
lich war, rtjy öovfojy Zfvh'nnov ri rivtg iinov &vy(tTigtt xal xvqiov «vife i&Ötyio 
oyoucc, ov id üxgtßig uqayig iv rolg nuhtiotg v7iopv/ l jU€«si' xai 6 rtov Noanov 
cff, (paoi, 7iotrjTrjg xigtoy ovou« Xiyst 16 dovXyg. die besseren handschriften. 
bei Dindorf geben avrt), tag /nty 'AXtShoy (der epitomator des Didymus) 
Tijglg (oder Ttlgig rügt u. dgl.), mg di tyiot dvyaitjgtg dvydrtjg Ziv$~innt}$, tag 
Jt 6 i(jjy Noojiay noitjT/jS, ring, yöovkrjg' xvqiov cpuat u. s. a. dies letzte die 
von Pausanias befolgte ansieht, ein excerpt dieses scholions steht vorher oV /uiv 
xvqiov ro dovkqg, of dt T^giSdrig (oder ähnlich), Trjgtödq yug ro xvqiov avrtjg 
öyo/ua. hier liegt die fortschreitende corruptel zu tage, die ohne neue hilfsmittel 
nicht zu verbessern ist; ob z. b. Zivlinnov oder Zivlinnv\g richtig ist, ist nicht 
zu bestimmen, wenn man aber die Apollodorstelle mit Hercher hergestellt hat, so 
ist das klar, dafs Ttjok und in weiterer entstellung Tqgitidrj nichts als flugig 
ist. und dazu stimmt ring; beides sclavennamen, wie sie zu allen zeiten in 
Hellas üblich waren, die Geten werden freilich dann in den Nosten zuerst genannt 
sein; ein zeitmoment ist darin schwerlich zu finden. 



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176 18 

individualisirung a postliminio zu halten, durfte doch schwierig 
sein, so bleibt nur das bestehen, dafs die Nosten einmal den 
Odysseus einführten, woraus auf eine ausführlichere berücksichti- 
gung desselben zu schliefsen ist, und dafs sie eine angäbe über 
das letzte ende sogar der Penelope enthielten, worin die berück- 
sichtigung der ganzen Telegonossage liegt, wer nun an die ky- 
klischen gedichte als gedichte iv xvxAcp töjv 'OfirJQOv nicht glaubt, 
und wer zumal, wie ich, ein stück der Nosten für älter hält als 
das älteste in unserer Odyssee unmittelbar verarbeitete gedieht, 
der wird sich darüber nicht wundern, dafs der dichter der Nosten die 
heimkehr des Odysseus, den fabelreichsten nostos, nicht ausschlofs. 
aber wenn man sich dann bemüht darzulegen, dafs unsere Odyssee 
bestandteile sehr verschiedener zeit umschliefst und darunter 
solche, die sich schnurstracks zuwiderlaufen, so wird man sich 
zu seinem bedauern gezwungen sehen, a priori für wahrscheinlich 
zu halten, dafs die Nosten und ihres gleichen mindestens in der 
selben, wahrscheinlich in noch viel ärgerer weise ein conglomerat 
von versen der verschiedensten dichter und zeiten gewesen sind 
wie die Odyssee, man wird also einen schlufs sich und andern 
verwehren, der, was für eine geschichte, wie Maira und Klymene, 
erschlossen ist, auf eine andere, wie Telegonos und Penelope, 
übertragen will, blofs weil auch diese in den Nosten stand, wer 
sich zu solchen anschauungen durchgerungen hat, wird eben zwar 
bei den gedichten die wir haben den versuch wagen, die schichten 
zu sondern: bei denen die wir nicht haben aber alles für einheit- 
lich zu halten, blofs weil wir auch nicht den versuch einer son- 
derung anzustellen vermögen, muss dieser anschauung eine ganz 
bodenlose Verkehrtheit sein, die möglichkeit also, dafs jene ein- 
flechtung der Telegonie in die Nosten sehr viel später statt ge- 
funden habe als die einführung des Odysseus, ist fortwährend 
im äuge zu behalten, und so sind der möglichkeiten auch sonst 
noch viele, wenn z. b. wirklich auch in den Nosten Odysseus in 
den Hades stieg, so konnte die Prophezeiung sehr gut über das 
nächstliegende hinausgreifen und auch das ende des Odysseus 
von sohneshand und die lösung dieser Verwickelung umfassen, 
enthält doch auch unsere Nekyia eine Prophezeiung über den tod 
des Odysseus. 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEUS 177 

Mit solchen möglichkeiten ist uns nichts geholfen, und weiter 
ist leider gar nicht zu kommen, wo man die Nosten anfafst, 
verflüchtigen sie sich unter den händen. anfang und ende der 
hypothesis bei Proclus sind den berichten der Telemachie so ver- 
dächtig ähnlich, dafs Robert 19 ) mit recht diese stücke in den bann 
getan hat. das gedieht hat natürlich die abfahrt von Troia und 
die heimkehr der Atreiden erzählt: aber die einzelheiten sind von 
den compilatoren in Übereinstimmung mit der Telemachie ge- 
bracht, was von dem stürme erzählt wird, ist auch so farblos, 
dafs es nicht das mindeste lehrt. 20 ) so bleibt nur was Achilleus 
und Neoptolemos angeht, die heimkehr des letzteren, und die 



10 ) Pbil. Uni V 161, 247. was den tod und die räche des Agamemnon 
angeht, so ist dafür die abbängigkeit von der Telemachie nicht notwendig, denn 
hier nimmt Pylades an der räche teil. Robert hält das für eine berücksichtigung 
noch jüngerer sage, da er von den vasenbildern her eine aversion gegen Pylades 
hat. Stesichoros scheint Pylades gekannt zu haben, Herrn. 18, 221. für das epos 
wird Robert recht haben. nvXüöys hat den namen von der IlvXaia, ist also Ver- 
treter des A pol Ion der Amphiktionie. 

**) Oder was lehrte c 7itgi rag KaqtfiQtöaq ntzgag xti/uriv, xal tj AXavxoq 
xov sIoxqov (p&ogd? Kirchhoff freilich folgert, dafs hiernach der tod des Aias am 
Kaphareus statt fand, nicht bei den gyrischen f eisen, wie in der Odyssee, dazu 
ist keine veranlassung. wenn es am Kaphareus stürmt, wird es auch bei Mykonos 
stürmen, und es kann nicht geglaubt werden, dafs eine flotte von 500 segeln 
blofs zwischen Euboia und Andros durohfahren sollte, nicht auch durch die sunde 
zwischen Andros und Tenos, Tenos und Mykonos. so bat auch Euripides sich 
die fahrt gedacht, Troad. 89, axial di Mvxovov JrjXtal tc %oi(>döis Zxvqos rt 
slrjuyog £' al KaifiJQitoC t' axga$ notyaiv &avovrtüv öc6/uafr % Qovatv vtXQCüt*. die 
axial Mvxovov sind die gyrischen felsen, schol. d 500 = Hesycb s. v. yvQJjvt* 
die glofse bei Hesycb yvqdg = schol. Lykopbr. 390 bezieht sich auf einen district 
von Tenos, dessen existenz durch die grofse tonische inschrift (Inscr. Br. Mus. II 
377, 98) gesichert ist. dieses Oyra gebt aber den stürm nichts an. — die Nosten 
erwähnten auch die frau des Nauplios, Philyra (Apoll, bibl. II 1, 5), woraus 
Kirchhoff auf die erwähnung der nvQxaid des Nauplios schliefst das ist vor- 
schnell, denn eben so gut konnten z. B. Nauplios söhne bei der ermordung des 
Aigisthos erwähnt worden sein, aber sei es. Nauplios ist der eponymos von 
Nauplia. wenn den auch unser Homer nicht kennt, so zeigen doch die befesti- 
gungen von Nauplia und die läge dieser festung im Verhältnis zu Tiryns und 
Argos, dafs Nauplia und sein gegensatz zu Argos, also auch Nauplios und sein 
gegensatz zum konig von Argos, weit älter ist als Nosten und Odyssee, wenn 
nun der dichter der Nosten aus der Argolis war, könnte er nicht den Nauplios zu 
einer zeit erwähnt haben, wo ionische dichter nichts von ihm gehört hatten? 
Philolog. Untersuchungen VII. 12 



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178 I 8 

warnende erscheinung des ersteren vor der abfahrt. 21 ) und end- 
lich der abmarsch des Kalchas und der beiden Lapithenfürsten, 
Leonteus und Polypoites, nach Kolophon. leider zeigt nur dieses, 
weil Proclus hier allein controllirt werden kann, wie wenig verlafs 
auf das excerpt ist. ne£jj noQevd-ivteg etg KoXog>mva TeiQeaiav 
ivrav&a teXevtijaavta Säniovci sagt Proclus. diesen Teiresias 
hat Meineke (An. AI. 79) beanstandet, und dafs Teiresias von 
Theben, das längst zerstört liegt, in Kolophon bei den barbaren, 
also wol als sclave dorthin verkauft, just in dem augenblick stirbt, 
als die ersten griechischen colonisten daselbst eintreffen, müste 
sehr gut bezeugt sein um glauben zu finden, es ist befremdlich, 
dafs Kirchhoff, ohne von Meineke notiz zu nehmen, auf die ge- 
schichte sich verlassen hat. in Wahrheit starb in Kolophon Kal- 
chas, besiegt von Mopsos, Mopsos aber war der söhn des Apollon 
von Manto, des Teiresias tochter. dieses die namentlich in der 
Melampodie lebhaft und anmutig erzählte geschichte. 22 ) nun kann 



*') Bei Proclus hat die erscheinung gar keinen erfolg; Neoptolemos wird zur 
landreise erst durch Thetis bewogen, wer sich die epen losgelöst von dem ihnen 
octroyirten Zusammenhang vorzustellen vermag, wird keinen augenblick bedenken 
tragen, diese erscheinung des Achilleus mit der zu identificiren, die auch in der 
kleinen Ilias erzählt ward, vor der abfahrt erscheint Achilleus, und ihm fällt 
Polyxene: so die sage, die dann verschieden motivirt und eingereiht wird. 

") Hauptstelle Strabon 642, vgl. Markscheffel s. 169, 359. das gedieht gieng 
auf den namen des Hesiodos oder Kerkops; es ist ohne zweifei in Asien ent- 
standen, der in Kolophon (Klaros) spielende teil gehört der sprach- und streit- 
poesie an, (vgl. Antigonos 295): Kalchas zu Mopsos wie Homer zu Hesiodos im 
nyojy. aus diesen Sprüchen die hübschen disticha 190, 191, die seit Meineke das 

erstere emendirt hat, umzustellen sind, so hiefs es also jJ<W t*kv ] i)<ft) 

<f« xul to nv&icO-ai oaa &vrjToT<Jiy tya/uay ä&dv«TOi, dtiXöjy tt xul ia&kuiv rtx- 
fuaQ iyagyig (also die seherkunst)' fjifiOToy <T iv dcttxl xal tlXaniyy re&cdvirj 
TfQmo&ui /uvSoiaty, inijy dutrog xogiaatyrat. da hat Asklepiades freilich noch 
etwas süfseres gefunden: %dioxo9 <T on6t«y XQvipjj pin xovg cpikioviag %\(uva, xal 
ittyrjicu Kvnqig in' d/^tpoxigtoy (A. P. V 169 vgl. Herrn. XIV 166): der geniale 
Samier greift auch hier nach dem volkstümlichen, fast mochte man sagen, der priamel. 
— gelegentlich sei der letzte vers des bei Strabon erhaltenen bruchstückes ver- 
bessert: x(tl tot« <fjf KakxayfP vnvog &«ydtoio xdXviptv. das würde für die Vor- 
stellung von schlaf und tod sehr wichtig sein, wenn es glaublich wäre, aber die 
homerische forrael (z. b. X 361) lehrt dafs es heifsen muss KaXfayia riXog &aya- 
roio xäXvipty. aufserdem ist der Magys der Melampodie bei Athen. XI 498 in 
Maqtg aus tl 319 zu bessern. 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEUS 179 

man freilich nicht, wie Meineke wollte, bei Proclus einfach Kak- 
%av%a für TstQeaiav schreiben, denn nicht der abschreiber hat 
sich versehen, sondern einer der compilatoren, durch deren hände 
die hypothesis gegangen ist. aber am ende kommt es doch auf 
dasselbe heraus: denn jener compilator hat durch Vermischung 
der beiden in seiner vorläge genannten seher die Verwirrung 
angerichtet, wir besitzen die geschichte noch in zwei von ein- 
ander und von Proclus unabhängigen aber auf dieselbe mytho- 
graphische Überlieferung zurückgehenden fassungen, in den scholien 
zu Dionysios periegetes 23 ) und in der apollodorischen bibliothek. 24 ) 
das sind zwei dem Proclus gleichwertige apographa derselben 
vorläge für die historische recensio; die sache ist also mit voller 
Sicherheit abzutun. so reducirt sich die hypothesis der Nosten 
auf ein par unzusammenhängende geschichten und einiges selbst- 
verständliche. 

Ist es überhaupt verstattet die identität des Nosten jenes Kolo- 
phoniers, der von Odysseus und Telegonos erzählte, mit denen des 
Agias von Troizen festzuhalten? als bewerber tritt neben sie noch 
ein dritter, Eumolpos oder Eumelos von Korinth. 25 ) das möchte uns 

M ) Zu 850 KdX%c(g xal dtovtivg xal noXvnoirqg dnoxioQQvvttg ttjg TgoCag 
riXfrov ilg KoXoytoycc. 6 dt KdXxag pavtixji vixqSiig vno Moxpov tov UnoXXatvog 
TtXlVT$ u. 3. w. 

**) In dieser selbst kann man es freilich nicht mehr suchen, aber Tzetzes, der 
sie noch vollständig hatte und z. b. über Ampbilochos ausdrücklich citirt (zu Lykophr. 
440. II p. 612 Mull.), gibt über Kalchas und seine geführten zu Lyk. 427 und 
980 einen bericht, beidemale, wie es seine art ist, getrübt durch eigene Willkür, 
aber durch die Wiederholung control lirbar. das echte lautete etwa KdXxag xal 
Morttvg, TlodaXtlQiog xcti JloXvnoitfig iy 'iXito tag avttav vavg anoXmovxtg mCjj 
nootvovica (lg KoXoqptoyu, onov xal tittn&ivta /u«yrixrj KaXfavta d-dntovat. 
folgt die zugehörige geschichte des Mopsos. dafs alles dies aus der bibliothek ist, 
scheint mir jetzt, wo die Lykophronscholien, die Tzetzes auch ausschreibt, bekannt 
sind, unzweifelhaft, es ist dringend nötig, die so erhaltenen reste der bibliothek 
zu sammeln. Robert (Ph. Unt. V 192) nimmt für das schol. 344 benutzung des 
Proclus an: wenn er recht haben sollte, so müste das auch für diese geschichte 
gelten, und dann hätten wir aussieht, sehr viel mehr für die vno&fottg der alten 
epen zu gewinnen, aber ich glaube, dafs sich diese Vermutung nicht bewahrheiten 
wird, als factum war sie jedenfalls nicht hinzustellen. 

*) Schol. Pind. Ol. 13, 31 tovto <f#' 'Ev/uoXnov tov Kogiv&tov [xal] yqdtpavta 
vtatov tiZv 'EXXrjvwy, dafs Eumelos gemeint sei, wird mit Wahrscheinlichkeit an- 
genommen, ein anderes scholion nennt als berühmten dichter Eorinths Alotov öS 

12* 



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180 I 8 

wenig beirren; wenn nur nicht Agias daneben mit 'AQyoXixd und 
mit einer IHqois aufträte, und grade aus den 'AQyoXixd der Zeus 
'Egxeloc, an dem Priatnos fiel, und das datum der Uiqaig citirt 
würden. 20 ) danach möchte man ein argivisches epos, das die 
Zerstörung Troias, die heimkehr und die weiteren geschicke der 
könige von Argos erzählte, annehmen: damit verträgt sich viel 
von den Nosten. die gründung von Kolophon dagegen hat doch 
wol ein Kolophonier erzählt, offenbar haben gedieht und ver- 



(li^vriTcu Ztfuüivitirig. das ist natürlich 'AQi<av. den nennt der scholiast auch 
selbst zu 25, und auf lyrische gesänge bezieht sich auch Pindar in Wahrheit, mit 
dieser simpeln Verbesserung stürzen freilich eine anzahl confuser hypothesen, 

20 ) Eine 'Iklov Mqgk; Uyt'a (mit der Variante Uy(ov) tov UQyttov hat C. F. 
Hermann bei Athen. XIII 610 aus der corruptel Zctxazov rot; *A. hergestellt 'Agyo- 
lixii (das erste buch) des Agias, oder Avytag, wie der name wieder einmal lautet, 
citirt schol. V. und Eustath. zu A 690 über den tod des Neleus. gleichzeitig 
wird Tekiaag^og iv 'Agyoktxotg citirt, über den unten II 4. % Ayiag {ctlyictg cod. 
d. i. uying und ayig; uyig Euseb.) xcti JtQXvkog iv toItm 'Agyoktxiov über den 
tag der Tligötg (letztes viertel des Panemos) Clemens Str. I 139, mit Dionysios 
von Argos, Hellanikos, der kleinen Ilias. 'Ayittg xai Jtgxvkog über das nach Ajgos 
gebrachte bild des Zeig Igxriog, an dem Priamos fiel, schol. Eur. Troad. 16 (die 
fabel genauer Pausan. II 24, aus seiner Argolischen quelle), dieselben für die 
muschel «oTQaßqkog Athen. 86 f. aus lexicalischer quelle. Derkylos mit Deinias 
von Argos schol. Pind. Ol. 7, 49 für die flucht des Tlepolemos. Derkylos allein 
schol. Eur. Phoen. 7, aus Lysimachos oder Aristodemos. wegen der argivischen 
interaspiration {noiqat), die er doch wol nur in eigennamen anwandte, citirt den 
Derkylos Et. M. tvtog, nach Ahrons (dial. II 75) Apollonios Dyskolos. der Plutarch 
der flüfse und kleinen parallelen hat den namen für viele seiner fälschungen be- 
nutzt, dies der tatbestand. in diesem Agias haben einzeln schon manche (z. b. 
Meiüeke Com. I 417) den dichter gesehen, und Welckers Opposition (Ep Cycl. I 
260) kann heute so wenig stand halten wie sein glaube an die alleinige berechti- 
gung der nicht aspirirten namensform : wer die steine kennt, weifs dafs selbst der 
konig sich Hagesilaos, oder vielmehr Hagehilaos, genannt hat. dies ist im gründe 
gleichgiltig. aber dafs der Agias, der von Priamos und Troias fall bei Derkylos 
berichtete, kein anderer ist, als der, der die epen von Troias fall und der rück- 
kehr verfafst haben soll, ist einleuchtend. Derkylos hat 'Agyolixa verfafst mit 
benutzung des epos und mit berufung darauf, ähnlich ist das korinthische epos, 
das Eumelos hiefs, später in prosa, die auch Eumelos hiefs, umgeschrieben; auch 
das Verhältnis des Akusilaos zu Hesiodos aus alter zeit, des Dionysios oder Mo- 
ni ppos zu Xanthos dem Lyder und viele der stadtchroniken sind vergleichbar. 
äuviug xul JiQXvXog wird ähnlich sein; nur liegt hier das alters Verhältnis umge- 
kehrt, schliefslich ist denn wol eine ovyayatyij 'AQyoktxwv gemacht, wie Istros 
eine avvayayy^ 'Ax&töuv verfafst hatte. 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEUS 181 

fasser alle beide einen doppelgänger oder wenigstens eine döppel- 
geslalt: 27 ) wer will da sich ein urteil zutrauen? jede hypothese, 



,7 ) Zwei gedieh te wären erwiesen, wenn schol. Troad. 16 *Aylag xal Jtgxvlog 
wirklich von Lysimachos herrührte, der oben den Kokorpriviog notijxijg bezeugte, das 
ist unsicher, aber sehr möglich, und die sache hat sonst interesse. nachdem näm- 
lich jenes scholion den Ztvg iQxttog nach Agias und Derkylos beschrieben hat, fährt 
es fort ntqrivivxat 6 Tl{)la(doq vno Nfonxoki/uov dtxabog, inudq xal xov naxiqu 
avxov 'A^tlkia ildovxa inl rov yd/uoy xrjg Tlokv&yrjg ol ntol 'Ak&tydyoy iy xtp xov 
GvjußQaiov 'AnoXXwyog Uotji koy%aig (ko%iJGayxtg't) r'vttkov. damit hängt zusammen 
schol. Marcian. zu Hek. 41 vno Ntonxokijuov tpttalv avxyy (Polyxene) atpaytaa^nvat 
EvQtnidrjg x(d "ißvxog' 6 dk xa xvnqiaxa nottjoctg <pt\alv vno 'Odvaciwg xal Jio/urj- 
dovg iy xjj xijg nokewg dkwou xgavfAaxiö&tToay änokfo9«t t laqptjvcti de vno Nt~ 
omoU/uov. tos rkavxog (pyat (was das soll, ist nicht verständlich; vermutlich fehlt 
etwas. Glaukos, den Rheginer womöglich, das vorige citat beglaubigen zu lassen, 
ist ganz verkehrt, freilich gibt es leute, die sich einen sammler von sagenvarianten 
mit citaten im fünften Jahrhundert gefallen lassen), äkkot di rpreet owdi/uwov 
TJQid/ua) xoy *A%ikkia ntql xrjg Ilokv&yfjg yu/uov ayaigt&qvat iy xu) xov &v/ußoalov 
Unokkatyog äkau. damit ist auch für die Troerinnen als autor ein Varianten- 
sammler erwiesen, man würde ohne weiteres an Lysimachos denken, der Troad. 
31 citirt ist und Troad. 821 = Or. 1392 zu gründe liegt (Phil. Unt. V 230), 
wie er denn in allen Euripidesscholien (mit ausnähme des Rhesos) gern benutzt 
ist. dafs ihm das Hekabescholion gehört, ist aber auch noch zu beweisen, der 
xä xvngtaxa noirjaag kann nicht der dichter der Kyprien sein, minder wegen der 
prolepse als weil die schwächliche umdeutung der Opferung matten rationalismus 
verrät, so hat denn mit recht schon Cobet den xitg KvnQtaxäg laxoqlag ovyid&g 
aus schol. Andr. 890 herangezogen (oben s. 174), der glücklicherweise einen 
namen nennt, niuaOivrig, der in keinen epischen vers gebt, das schol. Andr. 
nennt aber Lysimachos, dem also auch das zur Hekabe gehört, und nun haben 
wir einen, der die geschiente von Achill und Polyxene erzählt bat, älter als 
unsere sonstigen ältesten zeugen, schol. Lycoph. 269, schol. Verg. Aen. III. 22, 
von denen der letzte wenigstens sicher dem ersten Jahrhundert n. Chr. zuge- 
zählt werden darf. Lysimachos selbst aber gab nur traditionen wieder; er erfand 
nicht, so kommen wir mit jener geschichte vielleicht recht hoch hinauf, ich ge- 
stehe dafs mich das nicht wundert: Korythos und Oinone sind auch der attischen 
poesie fremd, und sie würden gewifs für ,alexandrinisch* gelten, wenn sie nicht aus 
älterer zeit belegbar wären, ich frage sogar: ist nicht im schol. Troad. 16 das 
ganze auf Agias und Derkylos zu beziehen? waren es nicht dieselben argivischen 
localpatrioten, die ein barbarisches Zeusbild ihrer Stadt für den iQxtTog des Priamos 
ausgaben, welche auch um dieses bild nicht mit frevelhaft vergossenem blute be- 
sudelt zu glauben, erzählten, dafs Priamos mit recht, nach dem willen des Zeus, 
wegen seines eid braches getötet sei von dem bluträcher des Achilleus? das scheint 
mir sehr glaublich, aber ich kann es leider nicht beweisen. 



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182 l 8 

die man wagen will, schwebt in der luft; am meisten die, welche 
sich an eine angebliche Überlieferung klammert, denn sie muss 
alle andern gleichwertigen angaben ignoriren. wie soll man 
aber vollends über die Odysseussage dieses gedichtes auch nur 
etwas vermuten, wo das gedieht selbst eine chimaere bleibt? ich 
hatte einmal etwas vermutet; aber ich hüte mich, es laut werden 
zu lassen, obwol es sich mit jeder mir bekannten Überlieferung 
verträgt, ich weifs nichts von den Nosten, als dafs sie eine un- 
bekannte und möglicherweise höchst bedeutsame darstellung, kurz 
oder lang, von den Schicksalen des Odysseus enthielten. 

In dieser befand sich bereits die ehe von Penelope und 
Telegonos, Kirke und Telemachos, war also der tod des Odysseus 
durch Telegonos vorausgesetzt, das war auch der inhalt der Tele- 
gonie. diese pflegt man sehr geringschätzig zu behandeln, weil 
sie nach Eusebius erst ol. 53 von Eugammon von Kyrene gedichtet 
ist; dafs derselbe sie auch dem Kinaithon und der vierten Olym- 
piade zuschreibt, wirft man ohne weiteres über bord. nun liegt 
doch aber auf der hand, dafs die Telegonossage, falls sie in den 
Nosten stand, älter als die Telegonie ist, wenn diese so jung 
war, also auch mit der Odyssee ohne rücksicht auf das alter der 
Telegonie verglichen werden muss. den angelpunkt der ganzen 
frage bildet ein zeugnis des Lysimachos, das ich schon als glaub- 
würdig behandelt habe, obwol vielfach daran gerüttelt ist, Kirch- 
hoff zu verschiedenen Zeiten verschieden darüber geurteilt hat, 
und in der tat mehr als ein bedenken dadurch erregt wird, es 
ist das scholion, das Eustathius zu n 118 weit vollständiger als 
unsere handschriften erhalten hat. nach citaten aus Hesiodos 
Aristoteles Hellanikos folgt tweg de xal xoiovxoig Xoyoig ivevxai- 
Qovatv. ix KiQxrjg vlol xa& 'Hüiodov (theog.) 'OdvaaeT "AyQiog xal 
Aaxtvog, ix de KaXvipovg Navoi&oog xal Navaivoog' ö de %i)v 
TtjXeyoveiav yqdxjfag Kvgrjvalog ix /.tev KaXvipovg TrjXeyovov viöv 
X)dvaaet dvayqdifei r\ TrjXedainov, ix de Ili\veX6nr{g TijXefJiaxov xal 
'AQxeöLXaov. xaxä de Avdina%ov vibg avxtf i% EvCnnrjg Qe<f7XQ(o- 
rCdog Abovtqo^cov ov aXXot JoqvxXov (paar 2o(poxXijg de ix %rjg 
avtrjg EvqvaXov laxoqeZ, Sv dnixxewe T^Xe/xaxog' 6 de %ovg Notr- 
%ovg noirjaag KoXotpwviog Tr\keixa%ov [iiv g)T)<Ji xr^v KCqxtjv vöieqov 
yrjpcu, TtjXiyovov de töv ix KiQxrjg ävxiyrjfxat, JlrjveXonriv. 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEÜS 183 

nsQntä xavia xal xevt] (jlox&ijqIci' 
ei d* ovv atevwg <jp£a£otTo, /xixqöv %6 ßkdßog. 
die zwei iamben, hübsch byzantinisch accentuirt, stehen da. sie 
sind nicht von Eustathius, denn der dritte ist durch Umstellung 
von ihm zerstört: tiWs <f ivevxaiQovai toioviotg Xoyoig, in der ein- 
leitung des excerptes. die poesie, die an ähnliche leistungen des 
Tzetzes zu Thukydides und Euripides Hekabe erinnert, hat jedoch 
sonst dem inhalt keinen eintrag getan, dafs Lysimachos der ge- 
währsmann für das ganze nest von citaten ist, wird schwerlich 
jemand bezweifeln, der kyrenäische dichter der Telegonie nennt 
den söhn der Kalypso TrjXiyovog rj TrjXidafiog. der letztere name 
kann nicht im epos vorkommen, trotz Hippodamos von Milet. 
aber eine leise änderung gibt einen TrjXedanog, der der bedeutung 
nach sich zu Tt}Xe(Jiaxog und TnXeyovog gut stellt, aufserdem kann 
der söhn doch nicht bei dem epiker entweder so oder so genannt 
gewesen sein, nun muss in der Telegonie vvol Telegonos vor- 
gekommen sein, aber, darin ist die sage ganz fest, Telegonos war 
nicht der söhn der Kalypso, sondern der Kirke. dafs es an leuten 
nicht gefehlt hat, die das trotz dem vielseitigen zeugnis aller zeiten 
angenommen haben, ist für die sache ganz irrelevant, für die 
moderne kritik allerdings bezeichnend, der name Telegonos ist 
also falsch, wie er hineingekommen ist, ist sehr begreiflich, 
wenn aus der Telegonie nur ein söhn der Kalypso Teledapos im 
scholion stand, so stiefs Eustathius oder einer seiner Vorgänger 
nicht ohne grund an, vermeinte, Teledapos, das ihm nie vorge- 
kommen war, wäre ein Schreibfehler und conjicirte dafür Telegonos, 
was sich dann beides fortpflanzte, ob der Verfasser des scholions 
selbst den Kirkesohn Telegonos gar nicht genannt hat, mag frag- 
lich erscheinen, da es nicht gewaltsam ist, eine Verstümmelung 
seiner anmerkung anzunehmen: allein ich glaube, er hat diesen 
in der sage feststehenden söhn der Kirke, für den zudem noch 
sehr viel mehr zeugen hätten namhaft gemacht werden müssen, 
nicht für nötig befunden zu citiren. daran dafs die von dem 
Kirkesohne Telegonos handelnde Telegonie auch einen söhn Ka- 
lypsos nannte, ist, falls sie nur unsere Odyssee kannte, die Kirke 
und Kalypso beide der liebe des Odysseus geniefsen läfst, gar 
nichts auffallend. Pacuvius, d. h. Sophokles, dramatisirte in den 



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184 18 

Niptra die Telegonossage, und doch wird diesem stücke mit ziem- 
licher Sicherheit das bruchstück zugeschrieben filios slbi procreasse 
eundem per Calypsonem autumant (ine. fab. 40 Ribb.). dafs aber wirk- 
lich diese genealogien dem dichter der Telegonie, und zwar einem 
kyrenäischen dichter der 53 Olympiade, angehören, das lehrt der 
söhn des Odysseus Arkesilaos. diesen zu erfinden bot allerdings 
der grofsvater Arkeisios veranlassung, aber es hat doch wol die 
kraft der evidenz, wenn ich sage, dafs die genealogie erfunden 
ist mit rücksicht auf das königsgeschlecht von Kyrene, in wel- 
chem der name Arkesilaos erblich ist. der erste königliche träger 
desselben würde, wenn man die angaben Herodots (IV 159) mit 
dem gründungsjahr bei Eusebius (ol. 37) verbindet, von ol. 48 — 
51 regiert haben: dazu stimmt Eugammons blute, ol. 53, gut genug, 
um anzunehmen, dafs schon die alten Chronologen, sei es durch 
Überlieferung, sei es durch richtige combination die Telegonie 
einem kyrenäischen dichter aus der ersten hälfte des sechsten 
Jahrhunderts beigelegt haben, wenn dieser die Odyssee (sei es 
in welcher gestalt auch) benutzt, so ist das nur natürlich, und 
wenn er, wie bei Proclus steht, Telegonos und Telemachos mit 
Penelope und Kirke eben so verbunden hat wie der kolophonische 
dichter der Nosten, so hat er eben diese benutzt, denn daraus, 
dafs das bei Eustathius erhaltene scholien blofs aus den Nosten 
diese Verbindung berichtet, kann man unmöglich schliefsen, dafs 
sie nur darin vorkam, eine Verwirrung ist ja sehr wol möglich, 
aber eine veranlassung sie anzunehmen liegt nicht vor, und 
nimmt man eine an, warum denn nicht die auslassung waneq 
xal 6 7tQO€tQfjfJi€vog trjg TriXeyovsiag noirjtrjg so gut wie jede 
andere? dafs es grammatiker gegeben hat, welche den kyrenäischen 
Ursprung des gedichtes leugneten und es für sehr alt, ol. 4, hielten, 
ergibt der andere ansatz bei Eusebius. uns kann das nur in so 
weit helfen als die eoineidenz mit den Nosten auch hilft: die 
sagen waren zum teil älter, das gedieht gehört dem letzten 
Stadium des epos an. Hesiod oder vielmehr der Verfasser des 
anhanges der theogonie hat freilich Telegonos ignorirt (denn v. 1014 
ovie ygdtpeicu), aber ex silentio zu schliefsen ist in dieser poesie 
noch mislicher als sonst. 

Über die Telegonie, ein wenig umfangreiches gedieht (zwei 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEÜS 185 

bücher nach Proclus) sind wir verhältnismäfsig gut unterrichtet, 
das meiste freilich steht nur bei Proclus, hat aber seinen guten, 
von Welcker und anderen richtig aufgefafsten Zusammenhang, als 
Odysseus die freier getötet hat, werden diese zunächst bestattet: 
der dichter benutzte also weder unsere Odyssee noch das gedieht 
<p — co, wo die bestattung vollzogen wird, sondern er setzte an den 
sieg des Odysseus an. darauf opfert Odysseus den Nymphen, 
das heifst er löst das v 358 gegebene versprechen ein. der dichter 
des v hatte jene verse gedichtet ohne im geringsten eine solche 
einlösung ins äuge zu fassen, aber wer ihn fortsetzte, der muste 
freilich um die in der höhle geborgenen guter zu holen die hand- 
lung zur Nymphengrotte zurückführen, und da fand sich das 
opfer von selbst ein. es ist evident, dafs der dichter der Tele- 
raachie an das gedieht, dem v angehört, direct anknüpft, das ist 
jene Odyssee, von welcher e — J uns erhalten ist; es hat sich 
aufserdem als notwendig ergeben dafs sie ursprünglich bis zum 
freiennord reichte: das findet in der Telegonie seine schlagende 
bestätigung. darauf geht Odysseus nach Elis inia*e\p6iiBvog %ä 
ßovxoXia. worauf sich das bezieht, ist nicht mehr sicher zu wissen; 
allein da Eumaios J 100 den besitzstand des Odysseus an grofs 
und kleinvieh iv rjneiQy angibt, so liegt es sehr nahe, anzu- 
nehmen, dafs der dichter der Telemachie an dieses Verhältnis 
angesetzt hat; es ist auch sehr gut möglich, dafs in der Odyssee, 
die ihm vorlag, davon noch eingehender gehandelt war. in Elis 
kehrt Odysseus bei könig Polyxenos ein. dieser kommt sonst nur 
in der Boiotia vor (632), als söhn des Agasthenes und enkel des 
Augeias. 28 ) aber es versteht sich von selbst, dafs der dichter der 

M ) Aus ihr schöpfen die wenigen, die ihn erwähnen, der peplos 36, die 
eleische genealogie bei Pausauias V 3. was Hesych noXvgtvog tlg twi> fjQüjwv 
will, ist unbekannt: jedenfalls nicht th ta>y <q'> vqujüjv, denn ei gibt keinen 
attischen demos, der nach ihm hiefse. Meges, des Phyleus söhn, des Augeias enkel, 
kommt in der Ilias nur in ein par stücken, meist nebensächlich vor. (O 520 
H 313 gehören demselben dichter, N 692 ist eine erledigte interpolation. so bleibt 
E 69 und das ganz junge T 239). O 530 hat sein vater einen panzer aus Ephyra 
vom Seileeis gebracht, worin keine sichere heimatsbeziehung liegt. B 624 und die 
spätere tradition macht ihn zum heroen der Echinaden und Dulichions, was mit 
der Odyssee sich schlecht verträgt, da Dulichion zum reiche des Odysseus zu 
gehören scheint, immerbin zeigt sich auch so eine beziehung der ionischen inseln 
zu Elis, wie sie in der läge derselben von selbst gegeben ist. 



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186 I 8 

Boiotia etwas von diesem fürsten wüste, das uns nun entgeht, wie 
auch die beziehung, in der ihn die Telegonie einführte, in dieser 
hatte er Odysseus zu bewirten, was seinem namen IJolv^evog 
ehre macht, und ihm einen krater mit relief zu schenken, der 
die geschichte von Augeias Trophonios Agamedes darstellte, ver- 
mutlich kam es dem dichter wesentlich darauf an, diese erzählung 
anzubringen, und erfand er zu dem behufe den krater und den 
besuch des Odysseus bei Polyxenos. diese geschichte ist zwar 
nicht direct mit der rationalistisch gefärbten fabel zu identi- 
ficiren, die Charax mit sophistischem aufputze erzählt (schol. Ar. 
Wölk. 808), vielmehr würden da die alten scholien der stelle mehr 
heranzuziehen sein, aber das darf man glauben, dafs es die 
novelle vom schätze des Rhampsinit war. wenn Herodot diese, 
die er seinen griechischen gastfreunden in Ägypten verdankte, so 
behaglich erzählt, so ist ihm notwendigerweise unbekannt, dafs 
sie von einem epiker auf die geheiligte person des Trophonios 
übertragen war, und das ist für die geltung des kyrenäischen 
poems charakteristisch genug, mindestens ebenso charakteristisch 
ist die aufnähme einer ägyptischen novelle in ein homerisches 
gedieht, das ist litterarisch dasselbe Verhältnis welches Puchstein 
(Arch.Zeit. 38, 185.39, 215) für die kyrenäischen vasen nachgewiesen 
hat. die mischcultur des libyschen neulandes tritt uns anschaulich 
entgegen; das epos ward dort noch gepflegt, als die übrige weit 
sich ihm, wenigstens in seiner Conventionellen form, entfremdete, 
und die heldensage, sowol die von Herakles wie die von den 
Argonauten, trieb noch einige verspätete libysche sprossen, die 
fabelwelt der heifsen wüste des Südens drang in die geheiligten 
regionen Homers, so gut wie die fabelwelt der eisigen steppen 
des nordens in die arimaspischen gedichte des Aristeas eindrang, 
weil die civilisation an den ufern des Borysthenes einen symme- 
trischen verlauf nahm, und auch hier wurden Argonauten und 
Herakles, vor allem aber die Amazonensage mit neuen zügen 
bereichert, hier bewegte sich der Hellene unter pelztragenden 
und kumis trinkenden Skythen : aber nicht blofs barbarisches be- 
merkte er, sondern er bereicherte die heimische novellistik mit 
der bezeichnenden figur des Anacharsis, und am ende des sechsten 
Jahrhunderts hatte der Ionier, der sein haupt unter das joch des 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEÜS 187 

Dareios gebeugt hatte, gelegenheit, die freiheitsliebe der steppen- 
söhne zu bewundern, in Kyrene vollzog sich der amalgamirungs- 
prozefs mit den nackten oder ziegenfeütragenden Kabylenmädchen 
in den seltsamen formen, deren verschönertes abbild Pindars 
neuntes pythisches gedieht wiedergibt, die eultur aber, die hier 
die Hellenen beeinflufste, war die des wunderlichen nachbarlandes, 
das zumal den Theraeern, die sich in Libyen festsetzten, in jeder 
weise imponiren muste. die nachahmungen ägyptischer motive 
auf den vasen sind von hervorragender häfslichkeit: schön wird 
die ägyptische novelle des Eugammon auch nicht gewesen sein. 

Zurückgekehrt nach Ithaka macht sich Odysseus daran, die 
ihm von Teiresias aufgetragenen opfer zu vollziehen, es ist nur 
in der Ordnung, dafs so die Telegonie an das X direct anknüpft, 
das eben demselben gedichte angehört, das sie überhaupt fort- 
setzt, dann geht Odysseus nach Thesprotien, wo er also das 
volk findet, das kein salz kennt, er heiratet Kallidike die königs- 
tochter, mit der er einen söhn, Polypoites, zeugt, und führt wider 
die Bryger, die thrakischen vettern der Phryger, einen krieg, 
den die Telegonie mit götterbeteiligung im stile des E ausmalte, 
was sie dann erzählte, spielt viele jähre später, als Kallidike tot, 
ihr söhn erwachsen ist: es ist zu denken, dafs hier der buch- 
einschnitt der Telegonie sich befand. 

Unmöglich kann diese geschichte in Kyrene entstanden sein, 
jedermann sieht, dafs sie auf thesprotische localsagen und genea- 
logien hinausläuft, der dichter der Telegonie muss also hier 
seinen stoflf, dann doch vermutlich in epischer gestalt, aus fremder 
gegend erhalten haben, die Bryger, für die Ares, der thrakische 
gott, ficht, sitzen zwar im nördlichen Makedonien, vom Pangaion 
bis zum obern Erigon, sind aber hier wol einfach die nörd- 
lichen feinde, illyrische oder makedonische, der Thesproter; 
für die ganze Situation werden wir vor allem an die stelle der 
Uias denken, wo Ares mit Phobos aus Thrakien gegen Ephyrer 
und Phlegyer zieht (N 302) , deren genaues Verständnis schon 
den alten versagt war. das ganze gibt ein unschätzbares Zeugnis 
dafür, dafs die Thesproter spätestens im siebenten Jahrhundert 
den helden von Ithaka als ihren retter in den heimischen kämpfen 
und ahnherrn ihrer fürsten betrachteten, die sage ist offenbar 



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188 IS 

noch viel älter, älter als die korinthische besetzung der epirotischen 
küste, der stoff dieses teiles der Telegonie also älter als das ge- 
dieht n — co unserer Odyssee und als diese selbst in ihrer jetzigen 
bearbeitung. die Thesproter erhielten die person jies Odysseus 
übermittelt von den Vorläufern Korinths: das waren, wie oben 
gezeigt ist, die Chalkidier. 29 ) die Korinther führten ihnen die 
söhne Medeias, Mermeros und Pheres zu. 

Aristobul bei Clemens Str. VI 751 sagt, dafs Eugammon von 
Kyrene das ganze buch über die Thesproter dem Musaios ge- 
stohlen habe, die personenfrage kann auf sich beruhen; so viel 
richtige empfindung liegt darin, dafs dieses stück nichts seinem 
wesen nach kyrenäisches war. aber wie steht es mit dem epos 
OeanQMig, das nur einmal erwähnt wird? Pausanias (VIII 12) 
sagt, dafs darin Penelope dem Odysseus einen söhn Ptoliporthes 
geboren hätte, und er erwähnt es gelegentlich einer arkadischen 
sage, die auf ihr grab anspruch machte, in der Telegonie gebar 
Penelope den Arkesilaos, Kallidike den Polypoites. ich will das 
auf sich beruhen lassen, und es mögen zwei epen gewesen sein, 
aber ich bekenne meinen glauben, dafs noXinoQ&rig und IloXvnoiit]<; 
sich viel zu ähnlich sehen, als dafs nicht ersteres auch für die 
Telegonie passender erschiene, und dafs die fahrlässige benutzung 
einer notiz xal rixzovöiv aviy KaXXiöCxrj fiev ütoXinoQdijv, ntjve- 
Xony <T 'AQxeaiXaov für Pausanias zu sehr im stile seiner arbeit 
ist, als dafs ich nicht diese beiden irrtümer für wahrscheinlicher 
erachten sollte als ein doppeltes in späte zeit hinein erhaltenes 
gedieht von den thesprotischen abenteuern des Odysseus. 

Höchst befremdlich ist es, dafs Odysseus in Thesprotien ver- 
weilt, ohne dafs er der heimat nur gedächte, ebenso befremdlich 
dafs er im fortgang der Telegonie lediglich heimkehrt um von 
seinem söhne Telegonos erschlagen zu werden, dieses abenteuer 
selber aber sein kommen aus der fremde durchaus nicht nötig 
hat. denn gegen einen Ithaka plündernden Seeräuber würde er 
nur viel eher losgehen, wenn er ruhig zu hause gesessen hätte, 
mit andern Worten, hier sind zwei selbständige geschichten nur 



* 8 ) Auch die epirotische archaeologie, die Proxenos (Plut Pyrrh. 1) gibt, 
steht uuter euböischem einflufs, wie z. b. Pbaethon zeigt. Herrn. 18, 428, 2. 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEUS 189 

ganz äufserlich an einander geleimt es ist notwendig, auch 
dieses epos, so spät es ist, in seine bestandteile zu zerlegen, 
der eine ist die eigentliche Telegonie, von der unten, der andere 
die Thesprotis. diese setzt voraus, dafs Odysseus von Ithaka auf 
nimmerwiedersehen scheidet, von weib und kind ebenso, er geht 
in das Thesproterland, gewinnt da haus und hof, weib und kind. 
da lebt er bis zu seinem seligen ende. 

Von dieser fassung der sage gibt es nun recht respectable 
andere Überlieferungen. Aristoteles in der ithakesischen politie 
(Plut. qu. Gr. 14) erzählte, dafs Neoptolemos (der nachbar aus 
Molottien) als Schiedsrichter zwischen Odysseus und den bluträchern 
der freier diesen zu ewiger Verbannung verurteilte, worauf er nach 
Italien gieng. diese letzte angäbe verträgt sich aber schlecht mit einer 
andern, die aus demselben aristotelischen buche erhalten ist (schol. 
Lyk. 799), nämlich dafs bei den Eurytanen ein orakel des Odysseus 
gewesen sei. denn dann muss doch wol bei ihnen Odysseus, den 
sie als heros oder gott verehrten, sein ende gefunden haben, und 
Lykophron selbst legt dafür mit dem verse (xdvttv de vsxqov Evqv- 
niv (tiiipei Xswg o t 1 alnv vatmv TQaftnvag idi&liov Zeugnis ab. 80 ) 
damit sind wir im innern Epirus. schol. Lykophr. 809 führt aus 
Theopomp an, dafs Odysseus %ä neQi nr\veX6nr\v eyvwxwg äni\QBv 
xal iA9d)v elg TvQörjviav (elg T. xal e. cod.; Tzetzes läfst ildwv 
weg) (Sxrjtie trjv roQtvvaiav, sv&a xal reXsvxy. hier wiederholt 
sich das Verhältnis; im scholion ist man genötigt unter Tyrrhenien 
Etrurien zu verstehen und dann mag ja wol Cortona gemeint sein. 

3°) Ober die Eurytanen citirt der scholiast aufser Aristoteles Nikanders Ai- 
iiohxii, d. h. Theon fand bei ihm den Aristoteles citirt. zwar nicht den Aristoteles, 
wol aber den Nikander werden wir dann berechtigt sein, auch für Tga/unJa als 
quelle anzusehen, schol. 800 TQ«/unvta noXtq 'Untlgov^ onov /und xbv ySaioy 
'Oövootfc anrjXftSy xu9d xal "O/uijqos „tiaoxs rovg dtpixijcu oV ovx taaai &aXa<j<jay u . 
(röte xal rt/uarat. Steph. Byz. Tga/unva nokig jrjs 'Hntigov nXrjoiov Bovytl/utoy. 
und Bovvttjua noXtg 'RntiQOV ovtitiiQux;. xriaua 'Oävaofos, JJV ixtict nXqofoy 
Tgajuntag Xctßwv XQWH **' IXfaTy ngog äyögccs, o? ot'x Xaaai ftaXccooccy ßovv o$y 
övoag {xrun. Stepbanus schöpft aus dem Lykophroncommentar des Theon. die- 
selbe tradition gibt auch der Harleianus und Eustathius zu X 122, wo aufser 
Bovyt$/ua noch KtXxia oder KtXxiia genannt ist. Bunima ist jetzt auf einem 
dodonaischen steine erschienen, aber verkannt, die proxenie der UnttQtSTm wird 
einem Messapier verliehen ra/u(>i)X(ov i/u Bovy(/uatg fxrai xal tlxatii. Karapanos 
Dodone 144. Cauer del. 247. 



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190 IS 

aber ob Theopomp das meinte, scheint sehr fraglich, denn für 
ihn ist Lykophron selbst ein besserer zeuge, der sagt nach den 
oben citirten versen 805 lleQyri ii viv ^avovta^ TvQtirjvdov oQog, 
xal roQvvvaia di£sxai ne<pAey[ievov. B1 ) und bei diesem rätselpoeten 
ist nicht grade wahrscheinlich, dafs die Tyrsener, die es ziemlich 
überall gibt, bedeuten was am nächsten liegt, nun wohnen nach 
Herodot Tyrsener bekanntlich zwischen Axios und Strymon, im 
innern Makedonien, und am mittleren Axios liegt eine Stadt Gor- 
tynia oder Gordynia. 82 ) der berg Perge ist überhaupt unbekannt. 
Zu diesen thesprotischen sagen gehört auch endlich, was 
Lysimachos erzählt (oben s. 182), dafs Euippe dem Odysseus einen 
söhn Leöntophron oder Doryklos gebiert; der erste name ist un- 
episch, von beiden wissen wir nichts, aber einen dritten namen, 
Euryalos, gab Sophokles, der ihn zum gegenstände eines dramas 
machte, über das bei Parthenios 3 ein etwas ausführlicher bericht 
vorliegt, derselbe wird nicht richtig abgegrenzt und muss deshalb 
besprochen werden. Parthenios hat ein liebesverhältnis des 



9I ) Die folgenden verse sind ganz orakelhaft, da relative begriffe wie da jung 
und naig irre fuhren sollen, und dtwigav odov ganz geschraubt ist: otav anvaCtov 
xr t Q<x$ Ixnvtvoy ßlov nett $6$ tt xal dd/uagrog, §V xrslvctg noctg €cvrog ngog qSijv 
StvziQctv odov negq atpayatg adtXtprjg ykoxta/ufrog ötgtjv rXcevxatvog 'Atpvgtoio r 1 
avTctvixplctg. d. b. „wenn er stirbt, klagend um seinen söhn (Telemach) und seine 
gattin (Kirke, die es früher war), welche ihr gatte (Telemach, der es jetzt war) 
erschlägt und dann selbst den zweiten weg (d. h. ihr nach) in den Hades geht, 
erschlagen von seiner Schwester (d. b. von Kassiphone, der tochter der Kirke von 
Odysseus), der cousine des Glaukos (sohnes der Pasiphae) und des Apsyrtos 
(sohnes des Aietes)." wir hängen hier ganz von den scholien ab, die für die sehr 
schlecht erfundene fabel, die selbst Kirkes gottlichkeit vergifst, keinen gewähre- 
mann haben. Verknüpfung der verschiedenen sich ausschliefsenden Odysseussagen, 
die er neben einander aufnimmt, hat Lykophron wol überhaupt nicht beabsichtigt; 
er verdient also einigermafsen die schelte des Tzetzes, selbst wenn Gortynaia und 
die Eurytanen gut zu einander passen, denn dann kann Odysseus bei Kirke, wäh- 
rend diese Telemachos frau ist, nicht mehr anwesend sein, was ja sehr wün- 
schenswert ist, aber doch mit 807 sich nicht reimt. 

**) Der name der stadt hat wol eigentlich rogdvvla gelautet; so Ptolemaeus 
wie es scheint, Plinius, Steph. Byz. ich mochte deshalb rogrvyCa bei Thukydides 
II 100 nicht vertreten, zumal Steph. Byz. bei Gortyn keines makedonischen homo- 
nymons gedenkt, aber für Lykophron war die täuschendere namensform, wenn sie 
existirte, die erwünschte; wenn sie nicht existirte, so wäre eine solche graphische 
änderung auch bei ihm ganz in unser belieben gestellt. 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEÜS 191 

Odysseus mit einer tochter des Aiolos erzählt, 88 ) und fahrt fort 
ov fxovov de 'Oävaaevg nsqi AloXov i%f t fiaQt£v dXXä xal fistä itjv 
aXrjv, wg tovg fxvtjatrJQag ig>6vev6sv, elg "HneiQOv iX&mv XQV (Jtt IQ^ (OV 
tiv(ov evexa trjv TvQififia &vyazeQa S(p9eiQ£v Evinnr\v. folgt die 
geschichte: Euippe schickt den söhn, Euryalos, als er heran- 
gewachsen ist, zu seinem vater mit erkennungszeichen, aber Pene- 
lope, die ihn empfängt, da Odysseus zufallig abwesend ist, durch- 
schaut alles und bewegt den heimkehrenden, ehe er ihn noch 
erkannt, den söhn zu töten, xal 'Odvaaevg fuev diä ro ntj iyxQatrjg 
q>vvai fitjie äXXmg imeLxr\g avi6%etQ %ov naiSog iyivetOy xal ov 
fistä noXvv xqovov i\ toSe dneiQydo&ac nqog rijg avxov yeveäg 
iQtod-elg dxdv&u SaXaaaiag jqvyovog iteXevirjtev. es liegt auf der 
hand, dafs die ausgeschriebenen sätze dem Parthenios angehören 
und nicht auf seine quelle, die nach den scholien der Euryalos 
des Sophokles ist, bezogen werden können, das gilt denn auch 
von dem verse, TQmdelg äxdvxty TQvyovog daXaaciag, den Meineke 
erkannt hat. wie wenig zuverlässig im übrigen Parthenios ist, 
zeigt sich darin, dafs er den Odysseus avx6%eiQ seines sohnes 
werden läfst : Lysimachos bezeugt, dafs vielmehr Telemachos den 
streich führte, so ist auch kein sicherer verlafs darauf, dafs 
Sophokles den vater der Euippe Tyrimmas nannte, wenn ich es 
auch für wahrscheinlich erachte, der name ist bekanntlich aus der 
makedonischen königssage entlehnt, was zu Sophokles zeit nicht 
befremden kann, sehr merkwürdig ist es allerdings, dafs dieser 
eine so entlegene fabel aufgriff, die sich als eine ziemlich schwäch- 
liche Variante der Telegonossage darstellt, mit anderem ausgang. 
weiter vermag ich ihr nichts abzugewinnen. 

So viel von der Thesprotis: dafs Odysseus im innern der 
rjneiQog eine bedeutende rolle gespielt hat, ja nur hier ein eult 

M ) Aus dem Hermes des Philetas; das epyllion gieng überhaupt den Odys- 
seus an. er erzählte von seiner Hadesfahrt (Stob. fl. 118, 3) und ihm gehören 
auch die hübschen verse bei Stob. 104, 12, die ich hersetze, um sie zu verbessern. 
»J fjtiv iq mXdytooi (nolü<r<r$ codd.) ntepi^aeu £«JUao?0{>', dv/ui, yaXtjyctitj <f 
im/ufoyitt& owP Soor oaooy, ä/u<pi di rot viai uliv nvXm Tttpifocrff**'. von späten 
0dysseus8agen will ich noch auf eine aufmerksam machen, dafs Athena ihn in 
ein pferd verwandelt, Sext. Emp. adv. gramtn. 659 neben der Telegonossage und 
der aus Aischylos Psychagogen. schol. Cassell. zu Verg. Aen. II 44, auch mit 
andern todesarten, also aus demselben handbuche. 



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192 18 

desselben nachweisbar ist, fällt für diebeurteilung seiner sage, wie sie 
auch aasfallen mag, schwer ins gewicht, die alten, welche die Teire- 
siasprophezeiung auf Epirus bezogen, haben ohne frage recht gehabt, 
eine Wanderung in's innere der halbinsel darf ich nun wol für das 
älteste Odysseusgedicht annehmen, von dem wir noch etwas besitzen. 
Dies gedieht läfst ihn dann heimkehren, um in frieden 
zu leben und zu sterben, schlofs also den letzten teil der 
Telegonie, den einzigen, dessen sage sich im interesse der 
Griechen bis auf die letzten ausläufer der epen, die halb und 
ganz byzantinischen romane, Diktys und consorten, behauptet 
hat. 84 ) Telegonos, söhn des Odysseus und der Kirke, kommt den 
vater zu suchen; ein böser zufall führt beide zu feindlichem zu- 
sammenstofs, der söhn, bewaffnet mit dem rochenstachel, ver- 
wundet den vater, und, obschon sie sich noch erkennen, ist die 
wunde eine vergiftete, selbst für die (pdofxaxa einer zauberin un- 
heilbare (dies die bedeutung der giftigen waffe): doch Athena 
führt wenigstens eine Versöhnung herbei, und nach Odysseus tode 
ziehen die überlebenden zu Kirke, dort unsterblich gemacht und 
in der oben besprochenen uns allerdings sehr anstöfsigen weise 
kreuzweis verbunden zu werden, dieser inhalt ist nicht blofs 
durch Proclus, sondern durch mehrere grammatikernotizen und 
durch Hygin vollkommen festgestellt: denn dafs diese alle auf 
eine hypothesis der Telegonie zurückgehen, genügt die confron- 
tation zu erhärten. 35 ) dafs diese geschichte nicht durch die Tele- 

3i ) Im lateinischen Diktys, bei den ausschreiben! des griechischen, Malalas, 
Cedrenus, im Palatinus der Odyssee (schol. I p. 3 mit Buttmanns anmerkung) 
Cramer An. Par. II 215. es sind freie fictionen, anknüpfend vermutlich an eine 
hypothesis der Telegonie, etwa wie sie Hygin gibt. 

85 ) Proclus avxog (lg 'l&axijy acfixvtiuu, xo» tov reo Tqktyoyoi ini ^rrjaiy 
tov 7i«xo6g nkioiv anoßag (lg xrjy 'I9dxrjy liuvki xr^v yfjaoy. ixßorjStjaag o* 
*Odvao(vg vno tov natöog ävctigiiiat x«r' ayvotav. Tqteyovog (T intyyovg xr^v 
ajuaQiiuv ro xt xov naToog ow/uec xtcl xöy TqXtjuccxoy xtti xrjy n^vtXonrjy nqog 
jqy fitixlQ« /utsHaTrjGiv, ij d« «viovg aduvuxovg noiu xai ovvotxhi rjj /uky Iltjyf- 
Xotit) Trjktyoyog, xy öi KIqxtj TtjkijLta^og. 

Hygin. 127. Telegonus, Ulyssis et Circes ßius, missus a matre ut geni- 
torem quaereret, tempestate in Ithacam est delatus ibique fame coactus agros 
depopulari coepit, cum quo Ulysses et Telemachus ignari arma contulerunt, 
Ulysses a Telegono filio est interfectus, quod ei responsum fuerat, ut a filio 
caperet mortem, quem postquam cognovit, qui esset, iussu Minervae cum 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEUS 193 

gonie erfunden ist, zeigt sich ganz abgesehen von dem zeugnis 

Telemacho et Penelope in patriam redierunt (das wird gewesen sein in pacem 
rcdierunt), in insulam Aeaeam ad Circen Ulyssem mortuum deportaverunt 
ibique septdturae tradiderunt eiusdem Minervae monitu Telegonus Pene- 
lopem, Telemachus Circen duxerunt uxores. folgt Latinus als söhn des letzteren, 
Italus als der des ersteren pares. 

Scbol. X 134. ot vdoTtQoi t« mgi TtjXiyoyov avinUioav ihv Klgxrjg xal 
'Oövoaiax; , os doxtt x«za Crjrijaty tov ntttgog (ig 'l&axqy iXOmv vn dyyoiag roy 
ncaiqa <?««/£ jjffacrt?«* rgvyoyog xtvTQy, AlaxvXog d* iv *Pvx«y(oyoig löiatg fgm. 269. 

Schol. Lykophr. 805. /uv&og tptqinu, ort jutict xo (tvtXtty avioy roy TqXi- 
yoyoy Kigxtj (prtQ/udxotg dytarijat xal iyq/uctzo TrjXtjud^p KlQXtj xai flr^yiiontj TqXe- 
yovq) iy paxctQOjy ytjaotf. die aufer weckung erfindet der scboliast dazu, um 
Odysseus, wie es bei Lykophron steht, sowol bei den Eurytanen wie in Tyrrhenien 
sein ende finden lassen zu können; vorher 786 wird Oppian (II 447) citirt, aber 
gewifs hatte schon Theon den tod durch den rochenstachel angegeben, da er bei 
Lykophron steht. Tzetzes interpolirt das scholion 805 durch contamination mit 
808. andere stellen, die nichts weiter lehren, bei Welcker gr. trag. I 241. man 
konnte daran denken den tod durch den rochenstachel erst späterer combination 
mit der aischyleiscben fassung zuzuschreiben, und für die Telegouie nur tod durch 
sohneshand anzunehmen, aber das schweigen des Proclus kann gegenüber den 
parallelberichten nicht aufkommen, leider gibt schol. X 134 nicht seine quelle an; 
es sieht sehr nach alter tradition aus. die TQvydy frifst die fische in der rpoQxig 
Upvri und wird deshalb von Phorkys getötet. Hephaistos macht aus ihrem stachel 
auf Kirkes bitten die lanze für Telegonos, deren im&oQctrlg aus stahl ist, der 
arvQtt^ (die untere spitze) aus gold. was die imdoQaxtg ist, verstehe ich nicht, 
die Xipvn tpoQxig nennt Lykophron (fOQXij bei Kyrae (1275 von Scheer mit ab- 
scheulicher conjectur in tfovxrj geändert: wenn er den Fucinersee wollte, hätte er 
wenigstens (pvxtj schreiben sollen). — über die Telegonie berichtet Lykophron 
ganz wie die hypothesis ovgjug Sayttnu noviiov axinug (pvytav (Scheer falsch 
mit der schlechten dem accente rechnung tragenden Überlieferung <pvymy oxinug), 
xoq£($ avy onXotg Nrjgirioy &gv/u<5y niXag. xrtytt dt Tvifxig nXtvgd Xoiyiog 0to'»v£ 
xiyTQtp övaaX&qg {XXonog Zagdwyixrrf , -xüxog <fi nnxgog dqxajuog xXij&qaiTat, 
'JfiXXfag (fa/uagrog (d. i. Mqfo(ug) avxavixpiog (792—97), worin ich gestehe xdg«$ 
nicht zu verstehen: die scholien erklären es gleich ytgwy, weil die krähe (!) langlebig 
ist. gehört die xogaxog nixgri {y 408) dazu? vorher aber glaube ich durch folgende 
Ordnung der verse die jetzt ungefüge construction herzustellen, von dem verbum 
finitum alyfaft 752 hängen participia ab, danach ein relativsatz, das subject, 
Odysseus, umschreibend ov . . . . j} Botwiia . . . ixtxytaefy. (787). dann hat zu 
folgen 789. 90 Xotoöoy öi xavtj$ üjgm xvtudriov ögo/uftg, tog xoy%og nXinj ndyxoftty 

ntQttQtßtig 788 fioyog nqog otxovg KtvxiXtoy owd-iig xdXag 791 xxrjaiy x( 

Xatpvarlay .... xifaHy . . .". dayflrat. — ein vasenfragment, Klgxtj dem TrjXtyoyog 
den speer übergebend bei Welcker A. D. III t 30, 2. die andere dort publicirte, 
von Welcker nochmals A. D. V 345 besprochene vase geht Odysseus nichts an. 
Philolog. Untersuchungen VII. 13 



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194 18 

der Nosten für die doppelehe darin, dafs die complication der 
gleichzeitigen ankunft des Odysseus und des Telegonos in Ithaka 
für die Telegonie eben so wertlos ist wie für die Thesprotis. ich 
lege noch viel schwereres gewicht auf die Schönheit der geschichte 
selbst, der söhn im kämpfe mit dem vater, ahnungslos sein mörder: 
das ist der sage von Hildebrand und Hadubrand von Welcker 
mit recht zur seite gestellt, obwol die ähnlichkeit keine innerliche 
ist. die gäbe der mutter, der zauberische rochenstachel, verderb- 
lich dem vater, den der söhn auf der mutter geheifs zu suchen 
auszog: das ist ein motiv von so gewaltiger dramatischer kraft, 
dafs ein Spätling des epos es nicht erdacht haben kann, eben so 
wenig kann es aus einer erklärung des i£ äXog (A 134) herausge- 
klügelt sein, wie das in der tat die todesart ist, die bei Aischylos 
Teiresias dem Odysseus prophezeite, nämlich dafs ihn ein aus 
der luft fallender rochenstachel tötlich verwunden sollte. 36 ) dieser 
rochenstachel ist von der lanze des Telegonos erst entlehnt: für 
die Telegonie war der tod e£ äXog, wenn vorhanden, ganz neben- 
sächlich gegenüber dem tode von sohneshand. ob freilich der Zwei- 
kampf zwischen vater und söhn ursprünglich dem Odysseus und 
Telegonos galt, oder ein motiv allgemeiner art ist, das hier an 
einen berühmten heldcnnamen angesetzt ist, das wage ich nicht 
zu entscheiden, dazu müste man über dieses sagenmotiv eine 
Untersuchung anstellen, d. h. lange und in vielen weiten reichen 
der litteratur darauf fahnden, das habe ich nicht getan, und 
ad hoc lassen sich solche Untersuchungen nicht machen. 

Die Telegonie hat bekanntlich Sophokles in dem stücke dra- 
matisirt, das die grammatiker NintQa, 'Oövaaevg äxav&onXrfi, 
'Oivaaevg rqavfxaxiag nennen, da Cicero ausdrücklich bezeugt, dafs 
Pacuvius in seinen Niptra den Sophokles, wenn auch in seiner 
freien manier, übersetzt hat, so ist es erlaubt, auch die pacu- 
vianischen reicheren bruchstücke zur reconstruction heranzuziehen, 
aufser den erhaltenen worten ist, wie bei Sophokles gewöhnlich, 
nicht das mindeste material dafür verfügbar, dafs am schlufse 



86 ) In den Psychagogen 269 (schol. k 134). wo die psychagogie stattfand, 
weifs ich nicht, da ich den see nicht kenne, dessen anwohner von Hermes stammen 
(267). leider ist über die aischyleischen Odysseusdramen (Psychagogen Penelope 
Ostologen, Kirke auivqix> ly also wol eine tetralogie) überhaupt nichts zu sagen. 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEÜS 195 

der tötlich verwundete Odysseus hereingetragen ward, laut unter 
dem schmerze der giftwunde klagte, schliefslich gefafst starb, 
wissen wir ausdrücklich durch Cicero. (Tusc. II 48ffg). es ver- 
steht sich von selbst dafs zwischendurch eine aufklärung und 
Versöhnung sowol zwischen Odysseus und Telegonos wie zwischen 
diesem und den angehörigen des Odysseus stattfinden muste, wozu 
es einer göttlichen intervention nicht im entferntesten bedurfte, 
auf der hand liegt die grofse ähnlichkeit dieses schlufsteiles mit 
den Trachinierinnen, denen auch die abfassungszeit der Niptra 
nicht fern stehen wird. 37 ) über den kämpf mit Telegonos be- 
richtete ein böte, aus dessen rede eine Schilderung der verderb- 
lichen rochenlanze des feindes erhalten ist; 38 ) an wen dieser be- 
richt sich wandte, ist nicht sicher auszumachen, Penelope wird 
jeder zunächst wahrscheinlich finden, da vorher Telegonos un- 
möglich auftreten konnte, so würde eine andere handiung, wieder 
wie in den Trachinierinnen, notwendig angenommen werden, auch 
wenn das ,fufsbad' nicht durch sich selbst deutlich genug spräche, 
und nicht Cicero worte der Eurykleia, 39 ) erhalten hätte, an Odys- 
seus während des bades, ehe er erkannt war, gerichtet, also 
die fufswaschung des t hatte Sophokles hier benutzt, wie war 
das möglich? wiederholte er das motiv der Odyssee, dafs Odysseus 
auch von der zweiten fahrt unerkannt oder verzaubert heim- 
kehrte? dann handelte er recht wenig weise, denn er stellte dann 
dieselben geschichten, wie sie bei Homer standen, auch unter die 
Voraussetzungen seiner fabel; doch es ist nicht nötig, wahrschein- 



37 ) Von den acht bis neun erhaltenen griechischen trimetern beginnen zwei 
anapaestisch 417 und 412, 2 wo Nauck yvdkiov, wie mich dünkt, evident hergestellt 
hat. aufserdem ist 415 ein trochaeischer tetrameter. das würde für Euripides ge- 
nügen, das stück der zeit nach 422 etwa zuzuschreiben ; bei Sophokles ist die ent- 
scheidung nicht sicher, aber die inhaltliche Verwandtschaft mit den Trachinierinnen 
ist frappant 

M ) 1 1 Ribb. barbaricam pestem stibinis nostris optulü nova figura factam, 
commwam infabre. was pestis infabre commissa meint, ist durch die aißvyat 
des redenden und seiner gefährten klar. 

**) Cicero Tusc. V 46, sagt Anticlea; ob er oder Pacuvius die mutter des 
Odysseus mit seiner amme verwechselt bat, ist nicht sicher zu entscheiden: für 
Sophokles ist es um so mehr gleicbgiltig, als der vielleicht blofs eine iQocpoi 
einführte. 

13* 



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1% 18 

lichkeiten derart zu wägen, eine ganze reihe bruchstücke beziehen 
sich auf eine erzählung der abenteuer, die Odysseus in der Odyssee 
erlebt hat, den Kyklopen (Soph. 419 Pacuv. 6. 7), das flofs (Pac. 5), 
wahrscheinlich auch die Sirenen (Soph. 776) und das totenorakel 
am Avernersee, d. h. dem eingang der Unterwelt (Soph. 678). diese 
geschichten konnte Odysseus unmöglich erzählen, wenn sie in 
einer fernen Vergangenheit lagen, und er sie längst alle der Pene- 
lope und Eurykleia bei seiner der Odyssee entsprechenden heim- 
kehr erzählt hatte, ganz ebenso erzählte er auch von den 
priesterinnen Dodonas (Soph. 413. 40 ) 414). das ist an sich nicht 
wunderbar, da auch im % Odysseus sich einen aufenthalt in Do- 
dona zuschreibt: sollen wir aber den bericht über diese dodo- 
näische fahrt von dem über die andern in der art sondern, dafs 
Odysseus zwischen beiden die freier erschlagen, eine Zeitlang zu 
hause verweilt und dann, gott weifs wie lange, im auslande ge- 
lebt hat? den ausschlag gibt, wenn der leser nicht längst sieht, 
was ich sagen will, ein vers des Pacuvius (4) Spartam reportare 
instat: id si perpetrat, sobald man nur weifs, dafs Sparta die 
heimat Penelopes ist, und in der Odyssee die freier ganz zufrieden 
sein wollen, wenn Telemachos seine mutter nur in das haus des 
Ikarios zurückbringt, auch wider ihren willen, damit sie dann einem 
neuen gatten übergeben würde, demnach ist Penelopes Stellung die 
der Odyssee: wie sollte das alles denkbar sein, wenn nicht der erste 
teil des dramas sich wirklich in der Situation unserer Odyssee- 
bücher £ t bewegte? der ävayva)Qta/i6g des Odysseus durch Eurykleia 
und Penelope als inhalt des ersten teiles, der dvayvmqi,ö[x6g des 
Telegonos als der des zweiten, das freilich ist undenkbar, dafs 
freierund freiermord vorkamen : aber wenn auf den dvayvwQifffiog 
der gatten die meidung von Telegonos landung, Odysseus aus- 
zug und tötüche Verwundung folgte, so lenkte das den Zu- 
schauer von den Odysseegeschichten ab, und die Übersiedelung 
Penelopes und hochzeit mit Telegonos schnitt ja endgültig auch 
die ithakesichen Verwickelungen ab. Penelope, die vereinsamte 



40 ) Das Pariser blatt des echten Stephanus, das diesen vers erbalten hat, 
gibt JüjJtuvt vaiiov Ztvq 6/uio( ßQQTtx)v\ das verbirgt, wie nach auffindung der 
dodonäischen inschriften schwerlich bezweifelt werden kann, 6 vuioq ßgorcZy <t<5v 
iv&ud' 1 £v <p/j/uai<Jtv imxa\ov/Liivoc>. 



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DIE IRRFAHRTEN DES ODYSSEÜS 197 

gattin, mahnt wieder an Deianeira, Odysseus, der sterbend die 
eigene frau dem söhne übergibt, an Herakles, der die Iole dem 
Hyllos aufzwingt, das äufserliche motiv, das die Trachinierinnen 
zusammenhält, ist ein dodonäisches orakel. dasselbe war in den 
Niptra der fall, denn Soph. 412 lautet ,nun soll mich kein spruch 
von Dodona oder Pytho mehr überzeugen 4 , 415 ,und mache ein 
ende mit dem rühme des dodonäischen gottes c . dieser Unglaube, 
das können wir nach dem herkömmlichen sophokleischen Schema 
annehmen, galt einem Spruche, der durch die anerkennung des 
Odysseus im eigenen hause widerlegt schien, aber in Wahrheit 
erst durch den totschlag des ahnungslosen Telegonos erfüllt ward, 
z. b. y O6v0<T€vg äno&aveiTat, vno twv <piX%dt(*JV dyvoovwwv avtöv. 
aber wer wollte die möglichkeiten erschöpfen? genug dafs das 
wesentliche ermittelt ist. 

Sophokles hat den Odysseus aus Thesprotien heimkehren 
lassen ohne die Phaeakenintervention; diese konnte er sehr gut 
verwenden wie es % 279 geschieht, er hat den freiermord durch 
den tod des Odysseus ersetzt, Odyssee durch Telegonie. ob er 
überhaupt das kyrenäische gedieht vor äugen hatte, oder woher er 
die sage nahm, stehe dahin, wenn mir auch eine benutzung 
wahrscheinlich ist, weil Odysseus und Telegonos von zwei Seiten auf 
Ithaka ankommen, dafs die sophokleische fassung den eindruck 
gröfserer ursprünglichkeit macht als die contamination des Eugam- 
mon, liegt auf der hand. namentlich die ehe der Penelope mit Tele- 
gonos verliert so, wenigstens für den, der die Trachinierinnen wie 
sie sind vertragen kann, jeden anstofs. aufserdem aber wird so 
eine erfüllung des Teiresiasorakels vor der heimkehr nach Ithaka 
ganz so erreicht, wie ich es für den ursprünglichen Zusammen- 
hang des gedichtes vermute, dem Kyklopie und Teiresiasscene 
gehören, dadurch ward die zeit der irrfahrt so gedehnt, wie sie 
es muste, damit Telegonos mannbar werden konnte, ob Sophokles 
epische darstellungen vor äugen hatte, die jener verlorenen 
ältesten Odyssee noch näher standen als die bearbeitungen , die 
doch auch ihm die kanonische Odyssee waren? ich weifs es nicht, 
ich will keinen schein der Sicherheit erheucheln, obwol diese 
Untersuchung viel effectvoller schliefsen würde, und ich wahr- 
scheinlich mehr glauben finden würde, wenn ich zuversichtlich 



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198 I 8 

redete und die schlüfse bündig erscheinen liefse, gleich als ob die 
lückenhaften praemissen das erlaubten, ich bin es zufrieden, 
wenn dem leser schwindlich wird, der mir durch diese mannig- 
faltigen widersprechenden traditionen gefolgt ist und nun die 
masse überschaut, die schwankt wie ein nebelmeer. bewiesen 
ist, dafs es von Odysseus sehr viel mehr sagen gegeben hat, als 
in der Odyssee stehen, und zwar sagen, die von unserer Odyssee 
und von den in ihr zunächst benutzten gedichten ganz unab- 
hängig und ihnen mindestens gleichaltrig waren, dafs das ge- 
dieht, das Kyklopie und Teiresiasepisode enthielt, einen Zusammen- 
hang voraussetzt, der sich mit unserer jetzigen Odyssee gar nicht 
verträgt, habe ich auch bewiesen, dafs es ursprünglich jenen andern, 
thesprotischen sagen näher stand als seiner jetzigen Umgebung, ist 
meine Vermutung, für sie habe ich nur die möglichkeit erweisen 
wollen: das mag ein ergebnis sein, das zu der aufgewandten 
mühe nicht im Verhältnis steht, aber die Odysseussage mit der 
Odyssee identificiren zu wollen, oder die andern sagen als aus der 
Odyssee abgeleitet zu ignoriren, die probleme des textes ohne 
rücksicht auf die probleme der sage zu behandeln, das wird in 
zukunft denen, die wirklich wissenschaftlich arbeiten, nicht wol 
mehr möglich sein, wenn ich das erreiche, so war die mühe 
nicht umsonst, auch wenn jede einzelne meiner aufstellungen 
widerlegt oder berichtigt werden sollte, was ich selbst von vielen 
erwarte, und von manchen wünsche. 



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EXCURS 



DIE ORPHISGHE INTERPOLATION 

Die verse X 566 — 631 sind oben (s. 142) als eine interpolation 
unseres X ausgeschieden worden, in dieser partie selbst ist nichts 
weiter zu entfernen, allerdings finden sich aus der Theogonie 
des Hesiodos und ihrem anhange 604 = Theog. 952 und 612 = 
Theog. 228. aber es ist Willkür diesem dichter die benutzung 
des Hesiodos wehren zu wollen, die alten haben, was ich ihnen 
gar nicht verdenke, besonders an 602 — 4, dem efdcoAov des He- 
rakles, anstofs genommen und dafür Onomakritos herangeholt. 
Kirchhoff glaubt das und stützt es mit seinem glauben, dafs die 
Alexandriner die stelle ohne 603. 4 in den nicht-attischen exem- 
plaren, mit ihnen in den attischen (den apographa des pisis- 
trateischen) fanden, dieser roman kann auf sich beruhen bleiben, 
in dem athetirten schlufse der Odyssee haben die alten den 
scholien zu folge auch noch weitere athetesen angenommen, da 
aber urteilt Kirchhoff, dafs das eine durchaus unglaubhafte sache 
sei. offenbar mit recht, die gründe die zur athetese einer längeren 
partie führen heften sich naturgemäfs an die einzelnen anstofs 
erregenden stellen, und dafs die scholien dann teils durch unklare 
Vorstellung, teils durch undeutliche rede die athetese, die sie erst 
im ganzen gegeben haben, auf einzelheiten zu beschränken 
scheinen, ist nicht wunderbar, weder die beteiligung des Onoma- 
kritos noch die des Peisistratos wird von den Urhebern dieser 
hypothesen auf je einen vers beschränkt worden sein, wenn diese 



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200 EXCÜRS 

Urheber auch vielleicht nur einen als probe citirten. das aber ist 
auch abgesehen von den unten (II 1) im zusammenhange geführten 
Untersuchungen klar, dafs die namen der angeblichen falscher nur 
ein weiterer schmuck der athetese sind, und, wie diese, einer, 
möglicherweise richtigen, Vermutung, keiner tradition oder gar 
Urkunde entstammen, richtig aber kann diese Vermutung nur 
dann sein, wenn sie der ganzen eindichtung gilt, interpolationen 
der interpolation sind durchaus nicht zuzugeben. 1 ) es gilt zu 
lernen, was diese sehr unhomerische aber sehr schöne dich- 
tung will. 

Für ihre herkunft enthält sie selbst ein ganz äufserliches 
kennzeichen. Herakles trägt ein goldenes köcherband, darauf sind 
baren eher löwen schlachten kämpfe männermorde dargestellt, 
auf einem bände, also reihenweise, mich dünkt, wir kennen 
solche darstellungen. die korinthische kunst des sechsten Jahr- 
hunderts zeigt sie uns, diese endlosen reihen schreitender bestien, 
kämpfender namenloser männer. metall und tongerät zeigt sie 
gleichermafsen. Herakles erzählt, dafs ihn auf der Kerberosfahrt 
Athena und Hermes begleitet hätten, die poesie hat sein Ver- 
hältnis zu Hermes wenig ausgebildet, aber auf den schwarzfigurigen 
vasen erscheint er regelmäfsig mit Athena und Hermes; und die 
bezwingung des Kerberos gehört zu den beliebtesten gegenständen 
der schwarzfigurigen Vasenmalerei, die, wenn auch in Athen geübt, 
doch ihre typen und ihre technik den Korinthern verdankt, auf 
das sechste Jahrhundert, allerdings auf die zeit des Peisistratos 
und Onomakritos, und auf den korinthischen culturkreis, zu dem 
auch Athen damals in sachen dieser kunst gehört, werden wir 
gewiesen. 

Vernehmlicher spricht der inhalt. Minos und Orion tun 
im jenseits was sie im leben taten; das mag man sich als eine 
alte Vorstellung denken können, obwol sie der Nekyia widerspricht, 
aber Tityos Tantalos Sisyphos büfsen. Tityos, der söhn der erde, 
könnte als unsterblicher gedacht sein, wie auf ihn die strafe des 
gottes Prometheus übertragen ist; allein das ist offenbar nicht 



') Abgesehen von den zwei versen, die unsere Zählung nicht rechnet, und 
die nur im Marcianus hinter 622 stehen. 



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DIE ORPHISCHE INTERPOLATION 201 

beabsichtigt, er büfst den frevel arger lust; der grund wird an- 
gegeben, er hat sich an Leto vergriffen, dafs er nach dem tode 
büfst, ist eine späte umdichtung: die einfache altertümliche sage 
(auch sie ein gegenständ schwarzfiguriger vasenbilder) läfst der 
Leto ihre kinder zu hilfe kommen und den unhold erschiefsen. 
bei Tantalos und Sisyphos wird ein grund ihrer strafe nicht an- 
gegeben, und obwol wir einen solchen kennen, so kann er auf 
sich beruhen, da der dichter selber darauf keinen wert gelegt 
hat. das zeigt nur, dafs auch bei Tityos nichts als die Verkettung 
einer bestimmten schuld und strafe an einem beispiel dargestellt 
sein soll, es lehrt, dafs den durch wüste sinneslust vertierten 
ewige marter im jenseits erwartet; so haben es die alten ver- 
standen. Tantalos hat im Hades eigentlich nichts zu tun. er, 
der auf dem Sipylos zu hause ist und nirgend sonst, war der 
liebling der götter; er überhob sich und wollte gott gleich sein 
(was die sage verschieden specialisirt): dafür hat ihn die furcht- 
bare strafe ereilt, zwischen himmel und erde muss er ewiglich 
schweben, ein felsblock ihm zu häupten; ewig, gleich gott, aber 
in ewiger todesfurcht, im ewigen gefühle seiner Sterblichkeit, es 
ist eine der grofsartigsten conceptionen der volkstümlichen religion. 
so kannte sie der dichter von der Atreiden heimkehr, 2 ) so Archi- 
lochos, so noch Pindaros, dessen gottesfürchtiger sinn sie ganz 
verstand, so muste sie noch Polygnotos malen, obwol er die inter- 
polation der Nekyia malte, denn deren erfindung hat die alte 
Vorstellung nicht zu verdrängen vermocht. Sisyphos hat auch 
dem tode zu entgehen versucht; die geschichte kennen wir nur 
in märchenhafter spielerischer umdichtung; 3 ) er gehört also zu 

s ) Athen. 281b. das excerpt stammt aus demselben bucbe ntpi Worfa welches 
Athenaeus auch im zwölften buche ausgeschrieben hat, vgl. 279c— 80c mit 546 d 
547 c, das hier nur angedeutete citat aus Poseidonios steht 549. 50. aus derselben 
quelle hat Aelian in der Var. hist. die stücke geschöpft, die man aus Athenaeus 
abzuleiten pflegt, aber diese nächste vorläge war selbst eine compilation der 
kaiserzeit; nicht sie hat das alte gedieht ausgezogen, das hier in eine wolstilisirte 
prosa umgesetzt ist, sondern ein weit älterer philosophischer Schriftsteller. — die 
stellen über Tantalos sammelt bekanntlich Porson fast alle in dem ehedem be- 
rühmten excurse zum prologe des Orestes, das richtige Verständnis des Pindar 
hat Comparetti (Philo). 32) angebahnt 

3 ) n loioqia naga <p£Q(xvör] steht unter dem schol. A D zu Z 153 aber es 



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202 EXCÜRS 

den toten, und man kann eine besondere fesselung für ihn wie 
für Theseus und Peirithoos angemessen finden, dafür ist strafe 
und Verschuldung bei ihm ganz ohne beziehung. der dichter hat 
die heroischen bekannten namen nur als träger der allgemein 
aufzufassenden symbolisch lehrhaften motive verwendet, nicht 
als büfser ungeheurer schuld sind Tantalos und Sisyphos da, 
sondern als repräsentanten ewiger strafen, die nicht nur sie im 
jenseits treffen. Tantalos für die ewige begierde, die ewig mit 
dem trugbilde der erfüllung angeregt, niemals befriedigt wird, 
Sisyphos für das ewige wollen und nicht vollbringen, die ziellose 
mühe, für dasselbe also wie Oknos, dem die eselin das seil frifst, 
das er in ewigkeit zu flechten hat. er trägt den bezeichnenden 
namen eines sittlichen fehlers, den die tiefsinnige volksmoral der 
Hellenen aus dem leben aufgegriffen hat, des mangels an sitt- 
lichem mute, zu tun was man für recht hält. Hamlet ist ein 
Oknos. die Ionier des sechsten Jahrhunderts haben darin einen 
ihrer hauptfehler erkannt; das fünfte ist dann in den entgegen- 
gesetzten fehler TtoXvnqayuofSvvri^ %a%vßovXia verfallen, ein anderes 
bild für dieselbe höllenpein sind die seelen, die in das durch- 
löcherte fafs wasser tragen; seine herkunft aus orphischen kreisen 
steht fest, und die schwarzfigurige Vasenmalerei hat sie mit Vor- 
liebe dargestellt, auch neben Sisyphos (München 153) : ja Polygnot 
sie sowol wie Oknos in seine Nekyia aufgenommen, erst das 
dritte Jahrhundert (der Axiochos) hat auch für sie einen heroischen 
namen, die Danaiden, verwendet: das ist dasselbe was der dichter 
der Nekyia mit Tantalos und Sisyphos getan hat. noch spätere 
zeit hat dann den Ixion noch herangezogen, der in Wahrheit ein 
bild derselben grandiosen volksphantasie ist wie Tantalos, und 
ebenso am tiefsten und reinsten von Pindaros dargestellt, er hat 
gefrevelt wider den höchsten gott, der sich sein erbarmte und 



ist eines, dem man nach Schwartz ausfuhrungen nicht mehr trauen darf. Aiscbylos 
soll zwei Sisyphos gedichtet haben, sagen die neuern. aber die citate kennen nur 
einen, SUsvtpog mTQOxvktatjs, der katalog auch nur einen, 2lav<pog öganfrys; die 
sache ist also sehr zweifelhaft, ein salyrspiel nimmt man lediglich auf grund des 
Charakters jener angeblich pherekydeischen erzählung an. doppeltitel gibt es bei 
Aischylos Gfioyoi jj 'lofr/Lttaarai, *A(iy<u ij xw/utunal. zusätze wie ÖQ(tntT*is gehören 
immer den späteren an; nur ist hier kein grund ersichtlich. 



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DIE ORPHISCHB INTERPOLATION 203 

ihn vom vergossenen blute sühnte: deshalb ist er auf ein glühendes 
rad geflochten und wird in ewigem wirbel um die erde getrieben, 
die menschen zu lehren »seid dankbar 4 . 4 ) wenn es dem dichter 
der Nekyia um grofse frevler zu tun gewesen wäre, würde Ixion 
schwerlich fehlen, aber zu einem typus für die schrecken des 
todes eignete er sich nicht, neben die verdammten tritt der er- 
löste, Herakles, der hat auf erden eitel mühe und arbeit gehabt, 
aber er hat sie durch heldenkraft überwunden, er hat auch den 
tod überwunden, nur sein Schattenbild weilt drunten, er selbst 
ist in die Wohnungen ewiger Seligkeit eingegangen und geniefst 
der ewigen Jugend, der misversteht diese sehr unhomerische 
aber sehr schöne und tiefe poesie, der den eingeborenen söhn 
des Zeus unter die gemeinen toten versetzt, indem er die dichtung 
castrirt; dem ist niemals die bedeutung des Herakles im glauben 
der Hellenen aufgegangen (obgleich doch jeder bei Philipp Butt- 



*) Die sage ist ganz deutlich, sowol dem Pindar (Pyth. 2) wie dem Euripides 
(Her. 1298) wie dem Sophokles (Phil. 677), namentlich die letzte stelle zeigt, dafs 
der chor es für möglich hält, einmal das feuerrad in der luft zu sehen, von den 
dramen der drei tragiker wissen wir leider nichts, da die deutung der merkwürdigen 
vasenbilder nur unvollkommen gelungen ist, die mythographische Überlieferung 
hängt von Pherekydes ab (rein schol. Apoll. III 62, getrübt schol. Eur. Phoen. 
1185. Pind. Pyth. 2, 39). die sage ist mit natursymbolik behandelt absurd, aus 
den rechtsbegriffen der alten zeit ist sie verständlich ; ich finde sie überaus schön, 
in der zeit der blutrache und der lebenslänglichen (pvyij des mörders gab es solche 
ausgestofsenen und zunächst rechtlosen überaus viel, es ist ootov sie zu sühnen 
und damit in clientel zu nehmen: Ztvq xcc&ugatog und Ixioiog gebeut es ; das erste 
mal, an Ixion, bat er es selber getan, danach safsen die trotzigen aus ihren Ver- 
hältnissen gerissenen halb und halb dienstbar gewordenen männer an fremdem 
herde. wie oft waren es gefährliche gaste: was sie band, war nur eine sittliche 
Verpflichtung, ein ooioy, die dankbarkeit, die rücksicht auf denselben Ztvt xadag- 
aiog und txiatog. oft mochten sie mit undank lohnen: dann, sagt das volks- 
gewissen, gibt es für sie keine gnade. Ixion hatte mit wüster begier sich an dem 
eheweibe seines xa&ctQTijs vergriffen: nun ist er mit ewigem fluche, ewigem ruhe- 
und rastlosem aXaodat gestraft für ihn gibt es keine xa9agctg, gibt es keinen 
mehr, der seine ixtTtjgia annähme, es ist ein furchtbares exempel zur nacbachtung. 
— wem das aus dieser sage nicht gleich deutlich wird, der überlege sich das 
Verhältnis, in dem Orestes bei Aischylos zu Apollon steht, und die schöne ge- 
schieh te von Atys und Adrestos bei Herodot — in der unterweit erscheint Ixion, 
so viel ich weifs, zuerst bei Diodor IY 69, denn so ist TtXfvrtjaayta t»)v rifHoglay 
fyfv alüjyiov doch wol aufzufassen. 



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204 ExeuRS 

mann lernen könnte), der wähnt, es hätte ein Hellene ihn sich 
je im Hades weilend vorgestellt, 5 ) ab und tot wie die irdischen 
menschen, das Schattenbild des Herakles hat der dichter er- 
funden und erfinden müssen, weil er ein gegengewicht gegen die 
schrecken der ewigen Verdammnis brauchte, weil Odysseus hier 
der träger der Offenbarung vom leben nach dem tode ist, die nur 
halb wäre, wenn neben die hölle nicht das paradis träte, jede 
poesie soll aus sich verstanden werden, eine lehrhafte zumal aus 
dem was sie lehren will. 

Für den alten glauben der Ilias ist es mit dem tode aus. 
der mensch ist identisch mit seinem körper; die ipv%^ ist das 
leben, wenn das leben aus dem körper gewichen ist, dann fordert 
der mensch, d. i. der leichnam, nur noch ruhe, die ruhe des 
grabes. sie findet er durch die bestattung, an der deshalb dem 
sterbenden und den angehörigen so viel liegt, wenn aber der 
leichnam vernichtet ist, ist der mensch vernichtet, das leben geht 
in das reich, ,das keiner siehet', von dem keiner was weifs. es gibt 
keinen totencult. davon weicht die alte Nekyia (die Teiresiasepisode) 
kaum ab. sie zeigt im reiche, das keiner sichet, die schatten derer 
die da waren, die abbilder der gestorbenen, alle gleichermafsen, ohne 
körper, ohne leben, ohne bewustsein, leidlos und freudlos, nichtig, 
nur zauber kann ihnen auf eine weile blut, mit dem blute leben, 
mit dem leben persönlichkeit und bewustsein wiedergeben. 
Teiresias ist eine ausnähme, dagegen weicht die Agamemnon- 
episode hiervon um einen grad ab. die schatten sind individuell, 
im besitze von bewustsein, liebe und hafs, aber tatlos, ruhelos, 
elend, es ist das eine vergröberte Weiterbildung der vorigen 
Vorstellung, in der interpolation ist es anders, die menschen 
treiben drüben was sie hienieden trieben ; aber nicht alle, einzelne, 
typische Vertreter der sünde, erliegen den ewigen quälen des be- 



6 ) Aristarch hat es freilich sogar fertig gebracht, ihn unter die bufser zu 
versetzen, Porpbyrius 7ttQt arvyog Stob. ecl. I 40, 53 p. 423 Wachsm. Porphyrius 
hilft sich damit, den Herakles strafend zu denken, d. h. die bösen bekämpfend, wie 
er es im leben tat. nichts ist für den wirklichen glauben bezeichnender, als dafs 
Polygnotos den Herakles, d. h. sein Schattenbild, unter den schatten nicht gemalt 
hat. denn wie hätte er es ausdrücken sollen, dafs das blofs ein itöutkov wäre, 
während der wirkliche Herakles im himmel weilte? 



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DIE ORPHISCHE INTERPOLATION 205 

gehrens und nicht erlangens, des wollens und nicht könnens, 
oder auch ewiger physischer marter. und ist es nicht schon ein 
fluch, zur ewigen Wiederholung seiner irdischen tätigkeit verdammt 
zu sein, sein eigenes leben als Schattenspiel in ewigkeit wieder 
spielen zu müssen? dagegen gehalten ist die Vernichtung eine Selig- 
keit, für den helden der Uias ist der tod nicht an sich schlimm, nur 
das sterben tut weh, und es ist traurig, denn das leben ist so 
schön, jetzt ist der Hades zur hölle geworden, nicht zu der 
dummen christenhölle , die die henkerphantasie knechtischer und 
barbarischer Völker ausgemalt hat, und die deshalb bei Dante und 
Orcagna eine ekelhafte fratze bleibt, sondern zur hölle eines 
denkenden freien volkes. daneben tritt der typus des mannes, 
der mit heldenkraft das leben und den tod überwunden hat, den 
höllenhund bezwungen und die äpfel der Unsterblichkeit gebrochen, 
aber er war der söhn des Zeus, göttliche hilfe geleitete ihn, er 
ist gott geworden, der schatten seiner menschlichkeit aber hat auch 
nur das eine lied zu singen von dem elend des menschenlebens. 
auch der glaube an Herakles war diesem dichter keine erlösung 
mehr für seine vor dem grauen der ewigkeit schaudernde seele. 
das paradis, das er der hölle zur seite stellt, ist nur für götter- 
söhne — die menschen haben keinen teil daran, gibt es denn 
keine rettung? das gedieht schweigt; es malt nur die trostlosigkeit. 
aber ein volk malt sich nur dann diese bilder der quäl, wenn es 
eine erlösung glaubt oder hofft, die quäl war das notwendige 
ergebnis des fortschreitenden denkens. so lange der tod wol 
etwas fliehenswertes aber doch nichts positiv schlimmes war, so 
lange er das nichts war, mochte sich die mehrzahl mit dem all- 
gemeinen lose beruhigen, und wenn die heroen zu seligen inseln 
übergiengen, so gab das nur das fortleben in der ewig hellen 
herrlichkeit der sage und des liedes wieder, die lieben vorfahren 
leben im familiencult, das heifst so viel als, der mensch schafft 
sich Unsterblichkeit indem er sich den erben seines namens, seines 
irdischen Schaffens überhaupt zeugt, wie das auch Piaton aus- 
spricht, aber sobald die einzelpersönlichkeit sich mehr fühlt, sobald 
die individualität ihre rechte fordert, fordert sie die individuelle 
fortexistenz nach dem tode. reicher wird das leben, anspruchs- 
voller der mensch: dadurch wird er nicht glücklich sondern elend. 



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206 EXCÜ RS 

sobald er sich selbst und die weit nicht mehr naiv auffafst, fafst 
er auch gott nicht mehr naiv auf. er fühlt sich als einzelner, 
und darum fühlt er sich einsam, das gefühl der Individualität 
bedingt das gefühl der eigenen Verantwortlichkeit für alles tichten 
trachten und tun. das gefühl der Sündhaftigkeit kommt über 
den menschen, das dem homerischen helden so ferne liegt, jetzt 
tut er die äugen auf, sieht um sich und in sich, und das axiom 
der gerechtigkeit, des notwendigen gleichgewichtes zwischen schuld 
und strafe, jetzt bewufst gefordert, scheint in dieser weit nirgend 
erfüllt zu werden, und wenn man es auch im jenseits sich er- 
füllen lassen kann: was bleibt dem, der sich bewufst ist, wie 
wenig er ihm genügt, als die Verzweiflung, die in dem vorliegenden 
bilde des jenseits so vernehmlich sich ausspricht, ja, der bäum 
des wissens ist kein bäum des lebens. 

Von einer solchen Vorstellung ist das Hellenentum in allen 
seinen uns kenntlichen lebensäufserungen bis in den anfang des 
sechsten Jahrhunderts noch weit entfernt, nicht blofs Homer, 
auch Hesiodos weifs davon nichts, die dichter, deren wir doch 
aus der zeit um 600 eine ganze anzahl kennen, darunter manchen, 
der tief und ernst gedacht hat, werfen solche fragen nicht auf. 
der weiseste unter ihnen, Solon, lebt in der ungebrochenen 
freude an dieser weit und den göttern, die sie gerecht regieren 
und tugend und laster seinen lohn geben zu seiner zeit, die 
religion, die gewaltigste macht, und bei den Hellenen immer ein 
unverfälschter zeuge der Stimmungen des volkes, ist uns nicht 
gut bekannt, aber vom Apollon von Delphoi haben wir doch eine 
Vorstellung aus mannigfachen geschichten, und der mythos, zumal 
in solchen gewaltigen coneeptionen wie Ixion und Tantalos 
reflectirt die Volksempfindungen in lebhaften färben; wie jede 
poesie hat er den vorzug, mehr noch zu enthalten, als dem 
schaffenden selbst bewufst ist. aber gedanken, wie sie das stück 
der Nekyia enthält, finden sich nicht darin, also ist dieses stück 
nach 600 gedichtet. 

Um 500 beginnen zwei der gröfsten und der religiösesten 
dichter ihre laufbahn, Pindaros und Aischylos. ihnen ist dieser 
ganze gedankenkreis vertraut, ja sie haben ihn nicht nur selbst 
weit überschritten, sie erhielten schon nicht blofs die negation 



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DIE ORPHISCHE INTERPOLATION 207 

und die Verzweiflung, sondern den glauben und die hoffnung über- 
liefert. Aischylos weifs, dafs drunten auch ein Zeus waltet, der 
die sünden richtet, und dafs der tod die schuld nicht löscht 
(Hik. 231. 416). er kennt die ewigen strafen, kennt den ewigen 
lohn. Agamemnon (Choeph. 354) und Dareios leben fort als selige 
könige. 6 ) die götter sind nicht neidisch noch willkürlich, einst, 
als er noch jung war, war Zeus ein tyrann; jetzt hat er längst 
die fesseln der Titanen gelöst, er hat frieden geschlossen mit 
Prometheus und so sein reich für ewig gesichert, die quälen 
des denkens wird der mensch los, wenn er seiner gedenkt, 
gnade hat die schuld des Orestes gelöscht: dai/uovmv de nov %d- 
Qig ßiaiwg aiX/xa <f€f*vbv Jjfi£v(x>v. der dichter spricht es selbst aus, 
dafs die veränderte auffassung der götter, die persönliche ent- 
wickelung des Zeus und der Eumeniden u. s. w., die Versöhnung 
hergestellt hat. es ist dem frommen und wahrhaften sinne der 
Athener noch einmal möglich gewesen, den überlieferten glauben 
der väter mit neuem warmen lebensblute zu durchdringen, dazu 
bedurfte es dessen, dafs die ausgefahrenen gleise des epos ver- 
lassen wurden: Athen schuf das drama, und dessen dafs lebens- 
kraft und lebensmut einen frischen schwung erhielt: Athen 
schuf die kleisthenische gemeindeordnung und das attische reich. 
Pindaros hatte an beiden keinen teil, düsterer ist seine lebens- 
auffassung, näher steht er dem alten, aber er weifs, dafs des 
menschen drüben ein gericht wartet, unerbittlich und wahr, 
und dafs die seele wieder hinein muss in den Strudel der leiblich- 
keit, solange bis sie dreimal tugendhaft sich bewiesen: dann 
wartet ihrer die ewige Seligkeit, ein ewiges sinnliches wolergehen. 
er weifs aber auch dafs es einen bequemeren weg gibt: wer die 
weihen empfangen hat, geschaut das heilige, der ist der quälen 
des jenseits ledig, so redet denn auch Sophokles, vor diese zeit, 
vor 500 und nicht zu kurze zeit, muss die eindichtung der Nekyia 
fallen, die grenzlinien sind sich nahe genug. 

Aber auch in welchen kreisen wir den Verfasser zu suchen 
haben, ist nicht fraglich, die Vermutung, welche den Onomakritos 



°) Auf solches los für Agamemnon deutet der chor in Sophokles Elektra durch 
die parallele mit Amphiaraos $41), der rut/uipvxos avtxoou % d. h. wie Teiresias 
ninyvrat. 



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208 EXCÜRS 

oder Peisistratos für die interpolation verantwortlich macht, ist 
nicht fehl gegangen, da die orphischen gedichte, von denen man 
jetzt den fufs ängstlich fern hält, historisch nur in einer etwas 
ausführlicheren darlegung verständlich gemacht werden können, 
so lasse ich mir etwas die zügel schiefsen. erst nach einer beträcht- 
lichen abschweifung werde ich zur Nekyia zurückkehren, die weihen 
sind es, welche nach Pindaros die Seligkeit verleihen, die weihen 
von Eleusis. er selbst hat seine poetische bildung in Athen er- 
halten, wie überliefert ist und durch seinen entwickelungsgang 
bestätigt wird. Aischylos war ein Eleusinier von geburt. die 
[ivatixol Xoyoi und fxvaxixa Sgwfisva von Eleusis gaben dem 
gläubigen die Überzeugung, dafs der geweihte im jenseits den 
göttern selige reigen tanzt, während der nicht geweihte sich in 
strömen kotes wälzt oder in das durchlöcherte fafs schöpft. 
Voraussetzung ist die individuelle Unsterblichkeit der seele. von 
dem abstracten werte der eleusinischen Offenbarungen (das sind 
sie viel mehr als geheimlehren) mag man so gering denken, wie 
man will: den wert den tausende, und auch die besten, ihnen 
beigelegt haben, und den trost, den sie aber tausenden gespendet 
haben, soll man schätzen für die zeit, wo die Offenbarung frisch 
war. zu Ciceros und Hadrians zeit war die ixvr\ais freilich ent- 
weder farce oder superstition; zu Stilpons und Diogenes zeiten 
eine zur äufserlichkeit herabgesunkene religiöse ceremonie; zu 
Pindaros zeiten war sie ein sacrament. dafs die mysterien 
schon früher bedeutung gehabt hätten, davon wissen wir nichts, 
aus dieser zeit aber liegen sogar epigraphische documente vor, 
die ältesten umfangreichen, die es aus Athen gibt, aus früherer 
zeit (spätestens der ersten hälfte des siebenten Jahrhunderts) liegt 
im homerischen hymnus an Demeter ein document vor, das ge- 
eignet ist zu bestätigen, wie wenig die von alters her über- 
kommene Verehrung der eleusinischen göttertrias oder auch der 
&ew mit den mystischen weihen zu tun hat. der cult der 
eleusinischen Demeter ist ja auch über viele gegenden von 
Hellas verbreitet, ohne dafs er mysterien im gefolge hätte: 
wo diese sich finden, ist eine filiale von Eleusis anzunehmen, es 
muss also mit der religion in Eleusis eine Veränderung vor sich 
gegangen sein, die zugleich das grofse ansehen erklärt, das seit 



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DIE 0RPH1SCÜE INTERPOLATION 209 

dem ausginge des sechsten Jahrhunderts die mysterien geniefsen. 
diese reform des Demeterdienstes tritt damit in eine reihe längst 
beobachteter religiöser Stiftungen der Peisistratidenzeit. damals 
wurden die filialen des delphischen Apollon- und olympischen 
Zeuscultes gegründet, wenigstens die letztere neben einem alten 
attischen cultort des Zeus, 6 ) ward der burggöttin ein neuer tempel 
neben den alten gestellt, das Panathenaeenfest gestiftet und dem 
Dionysos von Eleutherai im Elaphebolion das prächtigste fest neu 
angewiesen, bei manchen dieser neuen oder erneuerten culte hat 
die staatsraison und bewuste politische tendenz mitgewirkt, und 
dasselbe wird man bereitwillig zugeben, wo wir sonst im sechsten 
Jahrhundert ähnliches wahrnehmen, wie bei der Stiftung der Py- 
thien Nemeen Isthmien. aber die politik würde nicht im stände 
gewesen sein, diesen culten eine innerliche bedeutung zu verleihen, 
wenn das volk nicht den religiösen impulsen empfänglichkeit und 
innerliche Stimmung entgegen gebracht hätte, was nun mit dem 
Demetercult vor sich geht, ist äufserlich nur möglich gewesen, 
indem die berufenen körperschaften ihre einwilligung gaben, also 
der eleusinische hofadel der Demeter, die inhaber der erblichen 
priestertümer, und aufserdem das volk, das durch seine beteiligung 
den cult erst zu einem officiellen machte, aber weder dieses 
noch Kallias und seinesgleichen hatte dabei mehr zu tun, als die 
äufseren ceremonien vorzuschreiben, zu veranstalten und zu be- 
zahlen, die gedanken und empfindungen gehen den priester und 
legonoiog nichts an. was officiell geschehen ist, läfst sich nicht 

8 ) Thok. 2, 15 nennt unter den alten culten den Zeus Olympios neben Ge 
and Pytbion. allein er selbst nennt bei der kylonischen verschworung (1, 126) den 
Zeus utdixtog vor der Stadt mit dem feste Jicioia, und er konnte die geschichte 
gar nicht erzählen, wenn es damals schon Olympien in Athen gegeben hätte, der 
/uuUX'os i st der, der die sinflut verlaufen liefs, durch den spalt am zijutyos der 
FjJ", dem also den tempel consequenterweise Deukalion gebaut hat (Paus. I 43). 
das ist der vorpisistratische cult. als das 'oXvpmtlov gebaut ward, trat der 
/uuktxtog zurück, und selbst die J\J erhielt den namen oXvjunht, weil sie im bezirk 
des 'OXvpmog lag. dem Thukydides aber kamen 2, 1 5 die geläufigen namen in die 
feder, und selbst das Pythion nannte er; dafs ihm ein cult des sechsten Jahr- 
hunderts alt vorkam, war kein wunder, denn ihn umgaben lauter neuere, möglich 
immerbin, dafs ein altar des Pythiers schon vor Peisistratos da war, so dafs das 
heiligtum nur erweitert werden muste: dann ist das Verhältnis genau dasselbe 
wie bei dem Olympieion. 

Philolog. Untersuchungen VII. 14 



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210 EXCÜRS 

besser bezeichnen als so, dafs eine weise des culles, die von den 
ndtQia inhaltlich verschieden war, hier einmal als staatscult reci- 
pirt ist. teAerai und fxvijaeig gab es genug, neben und nach den 
mysterien; auch fjivaxiJQia hat es genug gegeben, im dienste der 
©ecy/ioyo^cu auf der Pnyx und bei Halimus, selbst im Athenadienste 
der arrhephoren auf der bürg, aber die weihung des einzelnen auf 
seine meidung, der eintritt des einzelnen in eine gemeinschaft, die 
lediglich durch die teilnähme an derselben Offenbarung gebildet 
wird und auf dem freien persönlichen willen beruht, ist ebenso 
weit von dem culte der ndtQiov #eoi entfernt, wie sie sich nahe 
mit den &ia<soi der freien association und den pvrjaeig der yQäeg 
dyvQTQim, der bettelpriester der Korybanten, der Kotytto, des 
Sabazios berührt, darin dafs ein solcher cult sich an einer alt- 
geheiligten statte festsetzt, der staat selbst die pflege übernimmt 
und von seinen Organen wahrnehmen läfst, liegt der Vorzug, der die 
eleusinischen mysterien von allen andern staatsculten und privat- 
culten sondert und doch mit beiden verbindet. 

Die privatculte, die weihungen und sühnungen im dienste 
aller möglicher, neuer oder fremder, gottheiten sind, so viel wir 
sehen, auch nicht alter als das sechste Jahrhundert, und gerade 
nur in der einen form so weit hinauf zu verfolgen, welche den 
Eleusinien und dem gedankenkreis, in dem wir hier uns bewegen, 
am nächsten steht. Orpheus gehört hierher sammt seinen ge- 
sellen Epimenides Musaios Eumolpos (das ist ein epischer dichter 
und ein cleusinischer heros) und wie sie heifsen. Herakleitos, 
der etwa 500 — 490 geschrieben hat, kennt die orphischen Schriften 
als Vorläufer des Pythagoras: er ist der älteste zeuge, die Or- 
phiker in Athen, Onomakritos an der spitze, sind nicht anzu- 
zweifeln. 7 ) auch von ihrer litterarischen tätigkeit fehlt uns nicht 
alle künde, die orphische Überarbeitung der hesiodischen theo- 
gonie, die damals gemacht ist, bestrebt sich einmal den schon 
kanonisch gewordenen speculationen des Hesiodos eine zeitgemäfse 
erweiterung angedeihen zu lassen, zum andern die eleusinischen 
götter, Iakchos vor allem, in den mittelpunkt des leqbg Xoyog zu 

7 ) Natürlich nur als ganzes: einzelne persönlichkeiten, wie namentlich ein 
Orpheus, der gar aus Kroton gewesen sein soll, also Pytbagoreer, braucht man 
deshalb nicht zu glauben. 



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DIR ORPHISCHE INTERPOLATION 211 

rucken, man mag die procedur eine falschung nennen, weil sie 
der Überarbeitung der ggijtf/jof des Musaios, die Lasos dem Ono- 
makritos nachwies, allerdings verwandt ist. dann erkenne man 
an, dafs die falschung sehr viel weiter gieng, wie z. b. Herodot 
die delphischen orakel mit Zusätzen benutzte, die ex eventu bei- 
gefügt waren, und wie das Akusilaosbuch eine der orphischen 
parallele prosaische redaction des Hesiodos war. und man er- 
kenne an, dafs die interpolation der Nekyia auf demselben Stand- 
punkte steht, gerechter wird man urteilen, wenn man nicht von 
modernen begriffen des litterarischen eigentums ausgeht, sondern 
die orphische umdichtung als einen verspäteten versuch derselben 
adaptirung der Überlieferung an die forderungen der gegenwart 
betrachtet, die das epos schon oft durchgemacht hatte und reli- 
giöse bücher nun einmal dulden müssen, ob man die Überliefe- 
rung durch änderungen des buchstabens oder des sinnes zwingt 
zu sagen was man haben will, ist im gründe einerlei, dem 
letzteren verfallt jede geschriebene Offenbarung, und die orphische 
theogonie hat es an ihrem eigenen leibe von Chrysippos bis 
Proklos oft und hart genug erfahren müssen, man bestrebte 
sich aber die ganz neue lehre nicht blofs unter einen der bisher 
klangvollsten dichternamen zn stellen, sondern man suchte einen 
ganz alten, schon dadurch dem Hesiodos und Homer überlegenen 
gewährsmann. auch das ist nicht befremdend, wo Moses nicht 
ausreicht, nimmt man Henoch. dabei verfiel man auf Orpheus 
unter anderen, wie die oben genannten, deren zahl sich 
leicht vermehren liefse. dafs Orpheus ein überlieferter heroen- 
name ist, und zwar eines sängers, ist nicht zu bezweifeln; die 
uns unbekannte quelle, der Pindar die Argonautensage verdankt, 
enthielt ihn. er war der söhn des Apollon und der Kalliope: 
dann war er eigentlich unsterblich; deshalb trat ein sterblicher 
vater ein. 8 ) die Musen wurden in Pierien gedacht, wo der Olymp 
localisirt war, daher ist auch Orpheus in Pierien zu hause, 
sonderbare thrakische sagen, wol nicht ohne die eigene kenntnis 

8 ) Pindar Pyth. 4, 177 mit scholien. nichts mehr lehren die erwähnungen 
bei Ibykos (fgm. 10), der ihn "Oqws nannte (comm. gramm. II 8), und Simonides 
(fgm. 40), der die macht des gesanges schilderte, die auch Aischylos (Ag. 1629) 
etwas ganz geläufiges ist 

14* 



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212 EXCÜRS 

thrakischer Sitten, die er auf den feldzügen Kimons sich erworben 
hatte, heftete Aischylos an die person des Orpheus: er erschien 
in den Bassariden. 9 ) aber diese sagen haben die orphische poesie 
nicht erzeugt, ja flicht einmal gefärbt, sie verhalten sich zu ihr 
wie der wilde Poseidonsohn Eumolpos zum Stifter der mysterien, 
Linos das kind oder Linos der lehrer des Herakles zu dem dichter 
der philosophischen verse. aber erst nachdem die orphische 
Offenbarung da war, wuchsen die genealogien nach, die Hellanikos 
und Damastes lieferten, sie lehren für das sechste Jahrhundert 
nichts, es waren auch nicht die pierischen Musen, welche den 
dichtem des sechsten Jahrhunderts so nahe lagen, damals war 
Tereus noch ein Thraker vom Kithairon oder von Daulis, 10 ) Eu- 
molpos ist ein eleusinischer Thraker immer geblieben, Musaios ein 
Athener, Orpheus aber fand sich ebenso in der attischen genea- 
logie vor; er war der vater des Leos von Hagnus, der seine 
töchter für das Vaterland geopfert hat. 11 ) wo ein heroenname 
fest in der genealogie sitzt, da hat man den hcros zu suchen, 
als Orpheus eine populäre figur war, zum Thraker gemacht wie 
Thamyris, da konnte diese genealogie nicht entstehen, da ist sie 
auch nicht mehr im gedächtnis. der heros, den Apollon 510 zum 
eponymos einer phyle machte, muste doch damals einen vater 
haben: so sehen wir, wo Orpheus im sechsten Jahrhundert zu 
hause war. es ist eben attische poesie, die Orpheus zu ihrem 
patron nahm, dafs sie auf Pythagoras eingewirkt hat, wie 
wir durch Herakleitos wissen, ist nicht befremdlich. Pythagoras 
hat seine ideen doch aus Ionien zu den Achaeern importirt, 12 ) die 



°) Dafs die seltsamen Vorstellungen und gebrauche der rixut «SrtvcxitCovrtc 
(Herod. IV 94) überhaupt eingewirkt haben können, ist sehr möglich, namentlich 
für Athen, das seit unbekannter zeit mit Thrakien Verbindung hatte, kann man es 
sich sehr gut vorstellen. Peisistratos hatte am Strymon schon ertragreiche be- 
sitzungen (Herod. I 64), die herrschaft des Miltiades ist auch nicht als etwas 
neues zu betrachten, es spielt das z. t. noch in die sagen hinein. 

,0 ) Dafs Tereus ursprünglich noch näher au Attika wohnte, als selbst Tbu- 
kydides will, werde ich im andern zusammenhange beweisen. 

n ) Phot. XaoxoQtoy, aus Phanodemos. 

") Es gehört zu den seltsamen spielen der Weltgeschichte, die sich Welt- 
gericht dünkt, dafs Pythagoras, der Ionier, tätig nur unter Achaeern, den feinden 
der Dorer, gemeiniglich den ernst und die tiefe des Dorertumes repräsentiren 



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DIE ORPHISCHE INTERPOLATION 213 

Orphiker aber waren ihres Zeichens wandernde telesten und scher 
und dichter; eine religion schafft sich schon die apostel die sie 
verbreiten. 

Was diese nicht durch überkommene oder offiziell verliehene 
priestertümer zur pflege der religion berufenen, sondern von 
ihrem inneren berufe, ihrem gotte, getriebenen männer wollten, 
auf den gassen predigten, zum teil für geld feilhielten, zum teil 
durch die erfüllung mannigfacher ceremonien bedingten, war etwas 
mehr oder minder neues, eine befriedigung der im volke lebendigen 
und durch die formen der väterlichen religion nicht befriedigten 
religiosität. aber sie stellten sich zu der väterlichen religion nicht 
in schroffen gegensatz, sie wollten nicht aufzulösen, sondern zu 
erfüllen gekommen sein. Pythagoras, der in seinem auftreten 
ganz dieser sphäre angehört, hat den versuch gemacht, die Stiftung 
der religiösen gemeinde zugleich politisch zu verwerten, der 
versuch ist gänzlich gescheitert, und es ist durchaus nicht des 
religionssiifters Pythagoras verdienst, dafs ein Jahrhundert nach 
ihm eine politische und philosophische bewegung an ihn ansetzte, 
in Athen haben Onomakritos und seine gesellen eine art kirch- 
liche gemeinde gestiftet, indem die Umgestaltung der eleusinischen 
mysterien von staatswegen vor sich gieng. wol sind diese ansätzc 
einer kirchenbildung bedeutsamer gewesen, als die rationalisten 
sich träumen liefsen; Lobeck würde sich über das psephisma über 
die dnaQxai nicht wenig verwundert haben. Lampon hat seine 
rolle in der perikleischen zeit gespielt, und Alkibiades wäre ohne 
den respect, den die Athener vor den mysterien hatten, vielleicht 
tyrann von Hellas geworden, aber dadurch dafs die eleusinische 
kirche in den händen des Staates war, dieser die wahrung ihrer 
autorität und ihren eigenen unterhalt übernahm, ward sie den 
culten gleichgestellt, die sie überflügeln wollte, und verlor mit 
dem specifischen Charakter die besondere bedeutung. noch viel 
weniger konnten die zum teil überhaupt nur embryonischen reli- 



uross. das hat natürlich seinen grund darin, dafs im vierten Jahrhundert die 
Tarentiner, Archytas an der spitze, die erloschene Pythagoreertradition "aufnehmen, 
und Aristoxenos den philosophischen roman von Pythagoras mit starkem local- 
patriotismus ausstattet, also gilt die regel: wo Pythagoras mit irgend etwas 
dorischem verbunden wird, liegt ein schwinde! zu gründe. 



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214 EXCÜRS 

giösen gedanken ausreichen, die in den culten der Orphiker sym- 
bolisirt und in ihrer poesie ausgesprochen waren, die poesie war 
keineswegs schlecht, vielmehr gewifs besser als die damalige epik, 
z. b. die letzten Odysseegedichte, die etwa 100 jähre älter sind. 13 ) 
aber die ganze epische form war etwas überlebtes, und lebens- 
kräftig konnten diese bestrebungen nicht sein, schon weil lüge 
dabei war: denn nur die Wahrheit dauert, gott sei dank, sie 
waren aber auch eine halbheit. wer neuen wein in alte schlauche 
füllt, dem ist's recht, wenn der wein sauer wird, denn schon 
solche unvergleichlich bedeutenderen und tieferen naturen wie 
Pindaros und Aischylos, die doch von dem boden der volksreligion 
sich eher noch weniger entfernten als die sühnpriester und thia- 
soten, schritten durch die kraft ihres eigenen geistes weit über 
die orphischen lehren hinaus, die tehtaC und IsqoI Xoyoi der 
orphischen propheten verloren unter dem denkenden und dichten- 
den teile des Volkes zusehends an credit, die orphische theogonie 
hat nicht durchgeschlagen, sondern ist eine rarität geblieben wie 
das ,wort der sieben schlüfte* vom Syrier Pherekydes. überhaupt, 
nicht auf den wegen der theologie sollten die Hellenen gott 
suchen und gott finden: aber im sechsten Jahrhundert haben sie 
auch diesen weg eingeschlagen, und Aristoteles, der die person 
des Orpheus und seine gedichte offenbar ebenso beurteilt hat, 
wie ich es hier tue, und Herodot II 52 auch getan hat, war weder 
so beschränkt noch so vornehm, wie die meisten es heute zu tage 
sind, dafs er diese denkwürdige manifestation der allseitigkeit 
seiner nation verachtet hätte: er hat die theologen von Eudemos 
ebenso aufarbeiten lassen wie die physiologen von Theophrast. 
Damit ist schon die macht bezeichnet, welche der theo- 
logischen entwickelung schliefslich mit überlegener feindschaft in 
den weg trat: die ionische na tur Wissenschaft, dieselbe ist in Milet 
gleichzeitig mit den Orphikern entstanden, wie die entstehung der 



I3 ) Die Alkmaionis, von der ich oben s. 73 gezeigt habe, dafs sie nicht vor 
600 entstanden sein kann, erwähnt auch Zagreus : sie kann sehr wol die orphische 
theogonie voraussetzen, dafs sie jünger wäre als Semonides (um 650), wüste der 
grammatiker, auf den Athen. XI 460b zurückgeht, über Zagreus haben wir eigent- 
lich nur eine glofae, in den Etymologiken und verkürzt bei Photius und Hesych 
vorliegend, sie wird aus Apollodoros stammen. 



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DIE ORPHISCHE INTERPOLATION 215 

milesischen prosa dem attischen drama gleichzeitig ist. wol ist 
das sechste Jahrhundert eine denkwürdige epoche, freilich nicht 
für die geschichte die sich in den Jahrbüchern niederschlägt, und 
deshalb für alle die nicht, welche blofs für das äugen und ohren 
haben, was sinnfällig und in taten sich äufsert. es reicht aber 
nicht aus, die blurae zu betrachten, wenn sie in färbe und duft 
prangt: es gilt auch die stadien zu verfolgen, wo sie verborgen 
unter dem blattkelche kraft und saft sammelt und formen und 
Schönheit vorbildend gestaltet, die bedeutung der herrlichen zeit 
des einen Jahrhunderts, das mit Kleisthenes beginnt und mit dem 
stürze des reiches schliefst, voll zu begreifen wird nur durch das 
Verständnis des sechsten Jahrhunderts ermöglicht, da scheint der 
flutstrom des griechischen lebens zu ebben, die gewaltige ex- 
pansion des Volkes, die bis zum ende des siebenten Jahrhunderts 
angehalten hat, läfst nach, weder Italien noch die nördliche 
Balkanhalbinsel wird hellenisirt. die Völker leben teils in den all- 
mählich erstarrenden formen des überlieferten geschlechterstaates, 
so Sparta mit seinen genossen, Aigina, Theben, Thessalien, Chalkis, 
teils verzehren sie sich in den mörderischesten kämpfen, so die 
Achaeer Italiens, Megara, Lesbos, teils haben sie schon freiheit 
und mannesehre eingebüfst, wie die Ionier, bei denen auf dem 
Sumpfboden einer auf das materielle beschränkten existenz die 
Sinnlichkeit, eigenwille, eigennutz und eigensinn schrankenlos 
wuchern. Zerstörung oder starre erhaltung, nur eine andere form 
des absterbens, scheint überall in staat, religion, gesellschaft zu 
herrschen, auch der tiefest blickende hätte Athen nicht aus- 
nehmen können, dessen herren jede Verwickelung nach aufsen 
ängstlich mieden, die genüsse von Samos und Korinth zu ver- 
einigen strebten, aber Alkmeoniden und Philaiden in das aus- 
länd jagten, dem gegenüber erhob sich im osten die fürchter- 
lichste gefahr. die seit Jahrhunderten faulenden Völker und Staaten 
der Semiten und Ägypter, die den Hellenen trotz ihrer alten 
eultur nichts hatten abgeben können, als ein par handfertigkeiten 
und techniken, abgeschmackte trachten und gerate, zopfige Orna- 
mente, widerliche fetische für noch widerlichere götzen, die sich 
an Prostitution und castration delectirten, mit einem wort wol 
vAij für die betätigung des hellenischen Xoyog^ aber kein fünkchen 



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216 EXCl T KS 

Aoyog, diese Völker stürzten alle mit fürchterlicher Schnelligkeit 
vor der jugendkraft eines edlen indogermanischen Stammes zu 
boden, der von seinen bergen herabkam, arm und bedürfnislos, 
um in wenig jähren der herr einer weit voll schätze und voll 
genüsse zu werden, bald erlag ihm auch das halbhellenisirte 
Lyderreich, zu dessen dependenzen die hellenische küste gehörte, 
dafs Persien seine bände nach Europa ausstreckte war nur die 
frage einer kurzen zeit. 

So drohte von aufsen den Hellenen der Untergang, während 
sie innen die formen ihres eigenen lebens selbst nicht mehr als 
lebenskräftig ansehen konnten, die emancipation der freien be- 
völkerung von der dienstbarkeit oder bevormundung des adels 
hatte auch da, wo sie gewaltsam gehemmt oder rückgängig ge- 
macht war, an berechtigung nichts verloren, der staat war auf 
dem principe der familie und des geschlechtes erbaut, oder viel- 
mehr daraus erwachsen, die gesellschaft liefs sich aber in diesen 
banden nicht mehr halten, damit war die notwendigkeit gegeben, 
den staat selbst nicht sowol zu reformiren als überhaupt erst zu 
constituiren. das recht war bisher im herkommen begründet ge- 
wesen, jetzt trat ihm geschriebenes recht zur seite, das dem was 
man als gerecht empfand, endgiltig entsprechen wollte, manche 
erhoben schon den verhängnisvollen ruf des wahnes, dafs gleiches 
recht für alle dasselbe rocht für alle bedeute, die religion war 
auch nur im herkommen begründet, nicht ohne grund identificirten 
die herrengeschlechter der pindarischen gesellschaft sich mit ihren 
ahnherren, den heroen, und diese mit den göttern, ihren vätern. 
sollte diese religion stand halten, wenn die gesellschaft zusammen- 
brach? die volkstümliche religion ist äufserlich überhaupt mit 
dem Staate identisch, innerlich greift sie freilich darüber hinaus, 
aber grade da drohte ihr von dem entfesselten individualismus, 
dem denken des einzelnen, wie es oben skizzirt ist, eine besondere 
gefahr. sie war ja nicht mehr im stände, dem geängsteten herzen 
trost zu spenden, dem gerechtigkeit fordernden gewissen befriedi- 
gung zu schaffen, dieses gewissen aber rief laut und lauter, 
je drückender die läge im inneren ward, je näher die gefahr von 
aufsen kam. die riesige stadt Ninos stürzte am anfang der hier 
betrachteten periode. sie war bei den dichtem Milets der typus 



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DIE ORPHISCHE INTERPOLATION 217 

der ungeheuren barbarenstadt gewesen, (Phokyl. 5). was stürzte 
nicht alles bis zu dem tage, wo Milets bürger trauergewande an- 
legten, weil Sybaris vom erdboden vertilgt war; und wenige jähre 
danach schluchzte das attische theater bei der Vorstellung von 
,Milets stürz*, der jüngste tag schien für das Griechentum heran- 
gekommen, und die götter der väter schienen es zu empfinden, 
der delphische Apollon hatte seinen Schützling Kroisos nicht er- 
rettet, sein eigenes haus gieng in flammen auf: er verzweifelte 
an der rettung der freiheit. 

Diese Stimmungen muss man hinzurechnen, um die mysti- 
schen propheten zu verstehen, der Zusammenbruch der natio- 
nalen religion und des nationalen Staates schien ihnen unver- 
meidlich, sie suchten kein reich von dieser weit; der körper ist 
der seele grab, sie suchten im jenseits die Seligkeit, die hienieden 
doch verloren gieng. lafst euch reinigen und weihen, riefen sie 
auf den gassen, dafs ihr drüben einen platz unter den aus- 
erwählten findet, sie machten die götter, die familien- geschlechts- 
staatsgötter waren, zu universellen, sie forderten aber dafür die 
individuelle hingäbe des einzelnen. 

In Ionien war für irgendwelche fransactionen mit der volks- 
religion kein boden mehr, hier war die weit längst in denken 
und wissen höher gestiegen: hier war sie tiefer gesunken an 
Sittlichkeit; im besitze von erbstücken der orientalischen, in ihrer 
heimat misachteten oder misbrauchten civilisation, angesteckt von 
der tiefen sittlichen entwürdigung des Orients, und hier war der 
tag der knechtschaft hereingebrochen. Ionien mit all seinem adel 
und seinem liebreiz, seinem witz und seiner elasticität sollte eine 
kebse des grofskönigs werden — wie Myrrha in Byrons Sarda- 
napal. nicht jeder ertrug das. wie die bürgerschaft von Teos in 
den nebelhaften westen zog, so gieng manch einzelner dei besten 
hinaus, in die fremde und einsamkeit. dort hatten die götter 
und die roiioi der heimat keine macht mehr, und die heimat 
hatten sie nicht zu erretten vermocht, der jüngste tag war da. 
grade die kräftigsten naturen brachen mit allem was schien 
überhaupt, nichts ist die weit der sinne, die weit des wechseis, 
sagt Parmenides: das ewige unveränderliche qualitätlose sein ist 
das einzige, ist gott. Xenophanes aber, seines Zeichens ein rhap- 



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218 EXCÜRS 

sode, schlug die heroen seines Standes, Homeros und Hesiodos, 
in stücke, lästerte die göüer ihres himmels, die götter seiner 
väter, und lehrte den einen gott, der von rücksicht auf ein volk, 
einen stamm, eine käste, so frei ist wie von den attributen, die 
ihm die menschen geben. Herakleitos blieb zu hause; gleichmütig 
schaute er dem verwirrenden getriebe der weit zu, dem kreislaufe 
des vergebens und werdens, erhaben über die menschentorheit, 
verachtend götter und Vaterland; der weltlauf ist ihm nicht ver- 
ständiger als ein kinderspiel: verständig sind nur die ewigen ge- 
setze, des vergebens und werdens. nichts ist, nichts ist nicht, 
die menschen wissen nichts, die weisen der vorzeit haben auch 
nichts gewust; nur Bias von Priene ist etwas verständiger, der 
hat ja gesagt, dafs die mehrzahl schurken und narren sind, auch 
diese männer sind propheten: sie geben eine Offenbarung, keine 
bewiesenen oder beweisbaren sätze. aber die Offenbarung haben 
sie aus sich, aus der eigenen seele und dem eigenen verstände, 
sie bedürfen auch keiner fremden beglaubigung noch autorität. 
und deshalb stehen sie als physiker den theologen gegenüber, 
gleichwol sind sie eine durchaus parallele erscheinung. auch 
Hekataios, der die heroenssage, das heifst die geschichte, erzählt 
wie er sie für richtig hält, im gegensatze zu der Überlieferung, ist 
eine nur auf diesem boden ganz zu würdigende erscheinung. von 
diesem ausgangspunkte war die naturwissenschaft , die sophistik, 
die historie zu erreichen, sie ward erreicht: aber sie appellirte 
nur an den verstand, das herz blieb kalt dabei und das gewissen 
unbefriedigt, das alles konnte auch ein unfreies und sittlich ver- 
kommendes volk besitzen. Ioniens physiologie war nur weltlich; 
es fehlte ihr doch etwas was die theologie der Orphiker besafs. 
diese Wissenschaft besafs weder die hingebung noch die Willens- 
kraft, um die eigene nationalität zu erhalten, geschweige denn 
das Hellenentum im ganzen zu erretten. 

Der tag des gerichtes kam. aber es ward nicht der jüngste 
tag für das Hellenentum, sondern der geburtstag der attischen, 
potenzirt hellenischen eultur. 

Athen ward frei; Kleisthenes löste das problem der Umfor- 
mung des geschlechterstaates in ein freies gemeinwesen. Athen 
schlug den Meder bei Marathon, Themistokles wufste rat, wo der 



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DIE ORPHISCHE INTERPOLATION 219 

delphische Apollon verzweifelte. Athen hob die schwesterstädte 
an allen ufern des Aigeusraeeres aus ihrer schände; es schuf den 
nationalen staat. da strömte noch einmal neuer saft in die ädern 
des vermorschenden baumes der überlieferten nationalen religion. 
Zeus und Athena vermochten noch einmal den bedürfnissen des 
gewissens und des glaubens zu genügen. 

Als auch diese herrlichkeit vergieng, da schien die lediglich 
verstandesmäfsige ionische Wissenschaft zu dominiren. sie hatte 
sich unter dem schütze des attischen reiches nicht blos zum 
guten entwickelt, sie hatte auch üble fruchte getragen, mit dem 
glauben, wie ihn die theologen gewollt hatten, war es freilich 
vorbei, und das war recht, aber die anmafslichkeit, die sich 
rühmte im schatten des wissensbaumes zu sitzen, hatte auch ihren 
meister gefunden, der wufste nichts, als dafs er nichts wufste, 
und dadurch wufste er mehr als alle andern, er gieng wie das 
wandelnde gewissen unter den toren und weisen umher; das ge- 
wissen läfst sich nicht mit Wissenschaft befriedigen und auch nicht 
mundtodt machen, am wenigsten durch gewalt. Sokrates aber 
erweckte den, der die physiologie und die theologie zu vereinen 
berufen war, den philosophen, der dem verstände und herzen 
gleichermafsen gerecht ward, nicht das wissen, das doch nicht 
weise macht, hat er uns zugewiesen, sondern das streben nach 
dem, was allein wirklich ist, dem guten wahren schönen, und zum 
geleiter hat er uns den Eros gegeben, den mittler zwischen uns 
und den göttern. der heilige Ölbaum der akademie ist der bäum 
des Wissens und des lebens. 

Mit vernichtendem spotte wendet sich Piaton gegen die sinn- 
lichen bilder des jenseits, die den Orphikern genügt hatten, die 
hoffart des Individualismus, der für seine person materielle ewig- 
keit verlangt hatte, fand vor ihm keine gnade, der doch für alle 
Zeiten der prophet der Unsterblichkeit der seele ward, aber dafs 
er die Orphiker bekämpfte und überwand, zeigt, welchen wert 
er doch den theologischen poemen beilegte, auch die Nekyia 
sammt ihrer interpolation hat er, freilich nur zu geistvollem 
spiele, mit behagen verwandt. 

Dafs dieses stück dem ideenkreise der Orphiker angehört, 
wird nach dem gesagten hoffentlich einigermafsen deutlich sein. 



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220 RXCÜRS 

die zeit hat es mit ihnen gemein; das ist unabhängig hiervon 
dargelegt, die orphischen poeme sind in Athen entstanden: die 
interpolation gehört wenigstens in denselben culturkreis. die Or- 
phiker pflegen, vornehmlich im sechsten Jahrhundert, das epos 
und beschäftigen sich mit seiner repristination, d. h. interpolation. 
dabei ist von der geschichte des epos noch abgesehen, die uns 
ebenso wie die alten, welche an Onomakritos und Peisistratos 
dachten, eben auf Athen hinweist, ich erachte diese alte hypo- 
these, die im altertum bei grammatikern aller schulen geltung 
hatte, für hinreichend erwiesen, und es ist wahrlich nicht 
wunderbar, dafs die orphischen poeten, die sich so angelegentlich 
mit dem jenseits befafsten, eine einlage in ein gedieht machten, 
das einem populären epos angehörend die Unterwelt schilderte, 
der held war äfivrjTog, also konnte er freilich nicht die seligen 
scharen schildern, etwa wie es Aristophanes in den fröschen tut, 
um so lebhafter liefsen sich die schrecken der hölle malen ; wenn 
die verheifsung selbst nicht ausgesprochen ward, so liefs sich ein 
bild des grauens entwerfen, das als eine folie für die Offen- 
barungen des Orpheus äufserst wirksam sein mufste und äufserst 
wirksam geworden ist. 

Dies führt zu einer letzten betrachtung, die, so viel interesse 
sie beanspruchen kann, doch wegen des lückenhaften materiales 
wenigstens für mich nur wenig befriedigend schliefsen wird, 
möge ein anderer belesenerer ergänzen und berichtigen, die 
Hadesfahrt des Odysseus ist nicht das einzige derartige gedieht, 
wie steht es mit den anderen, denen des Herakles Theseus 
Orpheus ? 

Eine Schilderung des Hades war auch in den Nosten. wir 
haben gesehen, dafs sie möglicherweise auch wie die Nekyia der 
Odyssee an Odysseus anknüpfte: aber wir sind völlig aufer stände, 
genaueres über sie anzugeben. 

Die Hadesfahrt des Herakles ist notwendigerweise so alt wie 
die Heraklessage überhaupt, da der heros den tod überwinden 
mufs um zum himmel einzugehen, den er nach allgemeinem glau- 
ben bewohnte, sie ist auch überall fast, wo ein Hadeseingang 
war, localisirt, in Tainaron, Hermione, am boeotischen Laphystion, 
in Herakleia am Pontos. die eleusinische religion hat sich ihrer 



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DIE ORPHISCHE INTERPOLATION 221 

ebenfalls bemächtigt, denn nur weil er geweiht war, ward He- 
rakles des höllenhundes herr (Eur. Her. 613). auch dafs die 
Orphiker den gegenständ behandelt haben, ist möglich, wenn 
auch das positive zeugnis dafür, das Lobeck zu haben glaubte, 
nur den Orpheus des Lucan angeht, 14 ) dessen quellen unbekannt 
sind, aber keinesfalls in alten gedichten gesucht werden dürfen, 
aber ein epos, das die Heraklessagen behandelt hätte, ist über- 
haupt nie kanonisch geworden ; apulische vasen geben freilich ein 
figurenreiches gemäldc der scenen in der unterweit, aber es ist 
auch da vielmehr die Hadesfahrt des Orpheus als die des Herakles, 
welche im Vordergründe des interesses steht. 

Für die Athener hatte des Herakles Hadesfahrt ein beson- 
deres interesse dadurch, dafs er den Theseus befreien muste; 
die befreiung ist aber gegenüber der ewigen strafe, die auch die 
interpolation der Nekyia festhält, das spätere und gehört der 
attisch demokratischen Theseussage an. Theseus und Peirithoos 
sind zunächst als frevler gedacht, die sich selbst an der königin 
der unterweit vergreifen wollen und deshalb lebendig dem Hades 
verfallen, als lebende natürlich auch der folter. diese sage ge- 
hört ersichtlich dem heiligen culte der x^ ov ^ a von Hermione an. 
denn Theseus ist aus dem benachbarten und verwandten Troizen, 
und wenn Peirithoos söhn der Dia von Zeus ist, so braucht er 
gar nicht ein Thessaler zu sein. 16 ) erst als frevler hat Peirithoos 



u ) Servius zu Aen. 6, 392 berichtet mit lectum est et in Orpheo, dafs 
Charon ein jähr gefesselt ward, weil er den Herakles übergesetzt hatte, dafs dies 
auf Lucan geht, zeigt Haupt op. II 219. er gibt dort den liber monstrorum 
heraus, in dem aus Lucans Orpheus erzählt wird, dafs die satyrn auf den gesang 
des Orpheus mit den tieren herankamen, das von Michaelis Aren. Zeit. 1877 t 12 
abgebildete relief findet so seine erklärung. 

*) Sohn des Zeus ist Peirithoos 3 310, in .der Nekyia, bei Pindar fgm. 243 
Bgk. 4, Hellanikos schol. r 144, scbol. Apoll. I. 101 (das mit dem Iliasschol. 
stimmt), mit Ixion verbindet seine mutter auch schon das g. da ist aber be- 
deutend, dafs Zeus den Peirithoos in pferdegestalt erzeugt haben soll, wie Ixion 
vater der Kentauren ist. das steht bei Nonnos 7, 125, entnahm Herodian einem 
älteren etymologen des namens HhqMoos (II 270), steht aus derselben quelle im 
scbol. Hom. A 263, das ich nicht emendiren kann, auf die Vertreibung der Ken- 
tauren nach Malea folgt unmittelbar n dt itvt «»'«arptqro^tVq (j?V -ptvrjv Ven. A) 
{jixaßaXCvTi ryv qvotv «fr \nnov dttfjlyq (doch wol Jii ifiiyi) *«' iw 7?(>o*ipq- 



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222 EXCURS 

den Ixion, der sich an Hera vergriff, zum vater erhalten, die 
sage, die zum raube der Helene durch Thcseus die notwendige 
parallele ist, gehört ohne zweifei einem hohen altertume an. 
wenn aber wirklich ein gedieht bestand, welches sie zu seinem 
besonderen gegenstände hatte, 16 ) so lief das auf ihre fesselung 
hinaus und bot nicht die gelegenheit, dafs jemand, der sie als 
lebender selbst geschaut hätte, von den schrecken des Hades be- 
richtete. 

Die ,Hadesfahrt* dagegen ist der titel eines gedichtes des 
Orpheus gewesen, über welches 0. Müller (Orchom. 18) eine 
Vermutung vorgetragen hat, die mir in jeder Weise berechtigt 
zu sein scheint, die schriftentafel des Orpheus, die der vita bei 
Suidas und bei Clemens Str. 143 zu gründe liegt, gibt dem Or- 
pheus eine xatdßaaig elg'Aiiov, die in Wahrheit von Prodikos 
sein sollte; Prodikos ist nach Suidas aus Perinth, nach Clemens 
aus Samos; die corruptel 'HqoSlxov bei Suidas verschlägt nichts, 
von Prodikos aus Phokaia soll nach Pausanias die Mtrvdg sein, 
ein gedieht, das nur er und die mythologische quelle des Philo- 
dem tisqI eväeßeiag anführt, dieses gedieht enthielt eine Schilde- 
rung der unter weit (Paus. X 28, 7), die strafen des Theseus und 
Peirithoos (X 28, 2), wobei deren geschichte erzählt ward, des Am- 

/utrov iyiwijat IhiQiOoov. in diesem scholion ist Peirithoos Athener, d. b. eponymos 
der ntotSotSat (Ephoros bei Phot. s. v. Diodor. IV 63 siedelt er über; ähnlich scbol. 
Hes. Scut. 178, wo &? t ß«$ in *A!>fjya s \ BovpItov in Rovtov zu ändern ist.) und 
heiratet die toebter des Butes, der doch ahn der Butaden ist (ebenso Diod. IV 70). 
Dia heifst auch die mutter des Pittheus, der nicht blofs als könig von Troizen, 
sondern auch als eponymos des demos M&oq zu betrachten ist. — Hygin 79 und 
92 läfst von den Dioskuren in Aphidna aufser Aithra auch die Schwester des Peiri- 
thoos Thisadie oder Phisadie gefangen nehmen: ist das <f>vaaJna? man möchte 
an eine Klymene denken, wegen r 144. die thessalische herkunft des Peirithoos 
ist somit durchaus nicht sicher, zumal seine inutter Dia tochter des Deioneus 
(so scheint der name echt zu sein) heifst, der aber ist auch des Kepbalos von 
Thorikos vater. 

16 ) Der einzige anhält ist die parapbrase, die Pausanius (IX 31) von einem 
der titel gibt, welche ihm in einer hesiodiseben schriftentafel vorliegen, ok 
Srjöivg ii<; rof "dttifiv 6/uov Ilttgiöo) xcaußair). von den andern titeln läfst sich 
sein stilistischer firnifs leicht entfernen: es sind xaräkoyos, /utycikat 'HoJas, 
&toyoy(a y Mila/unoöttu, das fragliche, Xti^ioyog ino&rjxat, id *V "Itpyoic, d. h. das 
gedieht dessen reste Markscheffel 365 ffg. sammelt. 



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DIE ORPHISCHE INTERPOLATION 223 

phion und Thamyris (IV 33, IX 5), und erwähnte auch Meleager 
(X 31) und Orion (Philodem 7). die quelle der beschreibung der 
polygnotischen lesche nahm, wie es scheint, mit vollem rechte, an, 
dars das gedieht neben der homerischen Nekyia dem Polygnot vor- 
gelegen hätte, denn bei ihm erscheinen von solchen figuren, die 
die Minyas vor Homer voraus hat, Meleagros, 17 ) Thamyris, Cha- 
ron. da nun sowol der name des Verfassers Prodikos wie der 
inhalt des gedichtes stimmt, so hat 0. Müller die Minyas mit der 
xatußaaig elg "Aidov identificirt. dafs Prodikos drei Vaterländer 
hat, wird nicht leicht einen verständigen beirren, allerdings ist 
der name Mivvdg, den man nur auf den inhalt beziehen kann, 
unerklärt: aber ihn vermag niemand zu deuten. Welckers ge- 
danke an den krieg des Herakles gegen Orchomenos ist im 
höchsten grade unglücklich, denn dieses ist höchstens ein aben- 
teuer. 18 ) dafs Orpheus mit einem sonst unbekannten ionischen 
dichter um ein gedieht streitet, ist nicht befremdlich, grade in 
demselben bei Clemens und Suidas vorliegenden kataloge tut er 
es mit Kerkops, dem dichter des Aigimios und der Naupaktia. 
denn wenn noch jemand einen Orphiker Kerkops von einem ,ho- 
merischen 4 oder ,hesiodischen' dichter unterscheiden will, so ist 
das ein kindliches spiel mit homonymien, auf das ernsthaft nicht 
rücksicht genommen werden kann, zu denken ist aber, wie 
natürlich auch Lobeck getan hat, an die Iladesfahrt des Orpheus 
selber. Orpheus ist mit dem Minyer Pelias, Schedios dem Pho- 
ker, 19 ) Thamyris Olympos Marsyas und einem unbekannten 



l7 ) Meleagros trifft auch Herakles im Hades, Apollod. II 5, 11. wozu das 
dient, lehrt das scbol. zu * 194; eine bitte des Meleagros soll die Werbung um 
dessen Schwester Deianeira raotiviren. es ist also eine seeundäre erfindung. dafs 
am seblufs des Iliasscholions 17 laro^ln naga Tliv&ttQM steht, kann nicht darauf 
bezogen werden. 

X9 ) Welcker hat seine ansieht vorgetragen ep. cycl. I 253 und mit eben so 
viel erregung wie wenig glück II 4*22 verteidigt. 

") Dieser führer der Phoker in der Ilias (er fällt P 306) und <Puixo<; selbst 
sammt einem uns unbekannten '1a<$tv$ sind offenbar mit rücksicht auf Delphoi als 
eponyme des landes aufgenommen, grade so, wie der thasische maier die Stifter 
seines heimischen Demeterdienstes Tellis und Kleoboia aufgenommen bat. die 
lesche ist also gemalt als Delpboi den Pbokern geborte, vor 447. merkwürdig, 
dass auf die Stifter des bildes, die Knidier, niebts hinweist, wenigstens nichts, was 



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224 KXCÜRS 

Promedon zusammen auf der Nekyia des Polygnotos; Thamyris, 
der gestraft erscheint, sicher nach der Minyas. es liegt sehr nahe, 
die ganze reihe auf dieses gedieht zu beziehen, und dafs Orpheus 
wirklich neben einem Minyer steht, ist mindestens wert bemerkt 
zu werden. 20 ) 

So ist denn ein gedieht, das einer der vorzüglichsten anti- 
quare des altertums zur erklärung des Polygnotos heranzog und 
als quelle desselben betrachtete, als eine Schilderung des Hades 
gelegentlich von Orpheus Hadesfahrt erkannt, und dafs man es 
Orpheus zuschrieb, dafs es aber auch nicht älter als die Orphiker 
war, also dem sechsten Jahrhundert angehörte, darf ich als selbst- 
verständlich betrachten, dies also ist das gedieht, welches wenig- 
stens den keim abgab zu den vielen und verschiedenartigen Schil- 
derungen derselben Hadesfahrt in der poesie und bildenden kunst. 
die poesie und kunst der kaiserzeit fordert freilich, dafs ein 
,alexandrinisches 4 poem zunächst als quelle betrachtet werde, 21 ) 
aber das wesentliche steht glücklicherweise für das fünfte Jahr- 
hundert fest, und darf somit für das orphische gedieht in an- 
sprach genommen werden. Orpheus steigt hinab, seine verstor- 
bene gattin (deren name unbekannt ist) zurückzubitten und rührt 
die herrin der unterweit durch seine lieder, das bezeugt Euri- 
pides (Alk. 358 22 ). das herrliche relief aber, das Zoega veran- 



ich verstehe, oder hatten sie mit Arkadien etwas zu tun? denn arkadische 
heroinen, Auge, Kallisto, Nomia erscheinen, ich weifs auch nicht, weshalb. 

*>) Blofs zum belege, dafs man sich eine xatdßaatg 'OQfpiwg als Mi y vag 
denken kann, fingire ich, Orpheus habe sie bei den aSXtt ini Ilklits vorgetragen, 
als Argonaut ist er selbst beinahe ein Minyer. 

2I ) Namentlich Seneca (H. f.), und noch mehr sein nachahmer (H. 0.), wozu 
dann der neffe Lucan kommt, gehen über den locus communis hinaus, bei Ovid 
liegt zwar benutzung des Phanokles (schwerlich directe) vor, aber die hauptsache 
stammt anderswoher. 

**) Euripides, gelehrt wie er ist, hat die Orphiker gut gekannt, sie verherr- 
licht in den Kretern, angegriffen, doch nicht aus eigener person, im Hippolytos, 
citirt ihre Schriften direct Alk. 967. diese stelle ist bedeutsam, das lied feiert 
Ananke, gegen die nichts hilft, weder die von Orpheus aufgezeichneten sprüche 
(inipöai), noch die heilmittel der Asklepiaden. damit vergleiche man Hei. 514, 
WO loyog yag iorty ovx iuog, ao(puJy dY/ro?, dW/yc 'Avayxr^g ovdiv la/vity nkiov. 
man wurde für den satz, dafs not hein gebot kennt, keine besondere beruf ung auf 
weise leute erwarten, es ist auch in jener zeit gewöhnlich, da ist es auffällig, dafs 



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DIE ORPHISCHE INTERPOLATION 225 

lassung gegeben hat, die sage zu behandeln, wird schwerlich je- 
mand dem fünften Jahrhundert abstreiten wollen: aus ihm folgt, 
dafs Orpheus sich nach der gattin zu früh umblickt und sie da- 
durch verliert, die geschichte ist sehr schön ; aber es mufs doch 
beherzigt werden, dafs sie eine tendenz hat: glauben ohne zu 
sehen fordert die gottheit, und ihre gnade wird verscherzt durch 
kleingläubigkeit: das ist selbst dem grofsen propheten begegnet. 
so dient die apokalypse der dinge jener weit zugleich einem er- 
baulichen zwecke, sonst hebe ich besonders hervor, dafs dies 
gedieht die erste erwähnung des Charon als fergen des toten- 
flusses enthielt, eine Vorstellung, die in Athen seitdem ganz populär 
wird; wieder ist Euripides Alkestis der älteste zeuge. 23 ) dafs die 
ausgebildete Vorstellung vom Hades, wie sie für das ende des 
fünften Jahrhunderts vielfach zu tage tritt, erst durch die Hades- 
fahrt des Orpheus geschaffen wäre, fallt mir nicht ein zu be- 
haupten; allein einen ganz wesentlichen einflufs dürfte dieselbe 
geübt haben, namentlich dadurch, dafs sie zunächst auf Athen 
wirken konnte, also local ganz beschränkt, Athen aber die vor- 
stellungsweise der ganzen weit bestimmte, so dafs selbst noch 
Vergil und Ovid nachklänge eines gedichtes bewahren können, 
von dessen existenz sie selber keine ahnung hatten, die dichtc- 



Anaoke bei Piaton (offenbar nach orphiseben quellen) und gradezu in der or- 
pbischen theogonie bei Hieronyinos (Damasc. 381) als person eingeführt ist. an 
diese stelle knüpfen also Euripides und Piaton an. 

2S ) Der name /«owi', auch für menschen und tiere gebräuchlich, wenigstens 
in älterer zeit, ist natürlich bypokoristikon von xuQonos. der ferge des toten- 
flusses wird damit individualisirt, wie der türhüter mit dem namen Ai«x6g. beide 
sind aber figuren, mit denen erst eine bei den einzelheiten verweilende phantasie 
operiren konnte, die demnach auch erst spät auftreten, wenn also die Vorstellung 
von einem totenflusse und einem seelen übersetzenden fergen sich vielfach auch 
bei andern Völkern finden, so zeigt sich augenfällig, wie verkehrt es ist, aus Über- 
einstimmung auf gleichen Ursprung derartiger Vorstellungen zu schliefsen, oder 
besser: der Ursprung ist derselbe, die volksphantasie, aber diese hat zu verschiedenen 
zeiten bei verschiedenen Völkern das gleiche hervorgebracht, analogie ist es, was 
mythenvergleichung lehrt: sobald sie auf die descendenztheorie dabei überspringt, 
gerät sich in ein labyrinth. versucht sie aber vollends die mythen eines Volkes 
als misverständnifse der mythen eines andern zu erweisen, wie mit Pramantha, 
Sarameyas, Gandharven, so lockt sie keinen hund vom ofen, es sei denn das 
hündeben von Bretten oder Brixen. 

Philolog. Untersuchungen VII. 15 



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226 EXCÜRS 

rischen bilder des jenseits, an denen die spätere litteratur so reich 
ist, auf ihre quellen zurückzuführen, die platonischen mythen in 
ihrem Verhältnis so wol abwärts zu den dichtem und apokalyp- 
tikern wie aufwärts zu den Orphikern zu verfolgen, ist eine auf- 
gäbe, die belesenheit geschmack und phantasie erfordert, richtig 
angefafst aber sehr bedeutenden ertrag verspricht. 

Es ist das jüngste reis am bäume des epos, das uns so lange 
beschäftigt hat. man mag sagen, dafs es auf ihn gepfropft ist, 
nicht mehr ein trieb aus seinem safte, die zeit für das epos war 
freilich vorbei, aber nicht erst in folge der geistigen bewegung 
des sechsten Jahrhunderts, vielmehr war diese, ein gährungs- 
procefs, aus dem etwas neues entstehen sollte, hervorgerufen 
durch die Unzulänglichkeit des späten epos, wie es die letzten 
Odysseegedichte zeigen, dennoch ist die Umgestaltung des über- 
lieferten epos, je nach dem was die gegenwart hoch hält, zu allen 
Zeiten geübt worden, und der letzte und verspätete derartige 
versuch erscheint nur dadurch so befremdlich und wird dadurch 
so belehrend, dafs es so handgreiflich ist wegen des bedeutenden 
geistigen abstandes zwischen dem alten und dem neuen glauben, 
aber wir sollen nicht vergessen, daraus auch für die älteren, 
minder kenntlichen Umgestaltungen eine lehre zu ziehen, und 
ohne den Umschwung, den Athen brachte, würde das ganze epos 
orphisch zersetzt worden sein: besitzen wir doch im fünfzehnten 
homerischen hymnus einen niederschlag der Nekyiainterpolation. 



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ABSCHLUSS 



Es erscheint mir nützlich, die crgebnisse der geführten Unter- 
suchung, so weit sie unsere Odyssee angehen, übersichtlich zu- 
sammenzufassen. 

Die Odyssee wie sie ist ist das werk einer einheitlichen 
compilation, sie soll also ein zusammenhängendes gedieht vor- 
stellen, dieses gedieht wird seit dem ende des sechsten Jahr- 
hunderts im wesentlichen eben so gelesen, wie wir es lesen, die 
verderbnifse, denen es seitdem ausgesetzt gewesen ist, sind die- 
selben denen alle so alten Schriftwerke unterlegen sind, und 
dank der tätigkeit der antiken grammatik ist der zustand des 
textes ein verhältnismäfsig günstiger, die Verunstaltungen, denen 
das gedieht in der zeit von seiner entstehung bis zum ende des 
sechsten Jahrhunderts ausgesetzt gewesen ist, gehen zum teil die 
allgemeine modernisirung der epischen spräche an, so dass sie 
nichts speeifisches sind; sie bestehen aufserdem in einer gegenüber 
der Ilias und den hesiodischen gedichten nicht gar zu beträcht- 
lichen anzahl von Zusätzen, die verkehrte Wiederholung von 
versen des gedichtes selbst an unrechter stelle ist allerdings zu 
allen Zeiten vorgekommen und ward durch die in diesem selbst 
beliebte von Wiederholungen zehrende dichtungsart befördert, 
bedeutendere einlagen der hier gekennzeichneten periode sind 
die orphische interpolation X 565 — 631, und die zweite Nekyia 
co 1 — 204; aufserdem ist das buch r\ durch die Schilderung der 
Alkinoosgärten und auch sonst durch zusätze erweitert worden; 
in diesen findet sich an einer stelle eine beziehung auf Athen 
(ij 80), desgleichen X 321 — 25, welche einen schlufs auf die 

15* 



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228 ABSCHLÜSS 

gegend. gestatten, wo diese interpolationen entstanden sind, die 
übrigen, fast über alle bücher verstreuten, aufzuzählen ist nicht 
möglich ; die summe aller dieser zutaten wird etwa 500 verse be- 
tragen, sie zu entfernen sind die alten grammatiker mit glück 
tätig gewesen; aber da sie mit der herstellung des einheitlichen 
gedichtes, das allerdings die Odyssee bis zu einem gewissen grade 
ist, auch ein originales gedieht, die worte Homers, herstellen 
wollten, so haben sie vielfach über das ziel hinausgeschossen, 
denn das mit verhältnismäfsig leichten mittein herstellbare ein- 
heitliche gedieht ist nur das werk eines ,bearbeiters'. dieser war 
ein gering begabter flickpoet, der so weit er irgend konnte seine 
vorlagen beibehielt, und auch wo er scheinbar selbständig dichtete, 
in den motiven und in den formein in Wahrheit nur fremdes gut 
verwandte; verhältnismäfsig selten unterzog er sich der mühe 
seine vorläge statt zurechtzuschneiden zu überarbeiten, er lebte 
schwerlich vor der zweiten hälfte des siebenten Jahrhunderts und 
zwar im mutterlande, die bearbeitung ist also nicht älter als 
Archilochos, jünger als Hesiodos. unsere aufgäbe ist zunächst die 
eigenen zutaten des bearbeiters zu entfernen und seine vorlagen, 
so weit das geht, herzustellen, ihm gehören «, d G20— f 54 etwa, 
v 375—81. 412—28. 439.40. ? 158-G4. 171—84. o 1—79. 90. 91. 
113—19. 285—495. (worin er ein gar nicht zur Odysseussage ge- 
höriges gedieht auf Eumaios übertrug) n 135—53. 302. 3. q 31 — 
16G. er 214— 43. »1—50.476— v 387. % 205— 40, 249. 50. ip Üb. IG. 
153—70. co 439 — 50. das ist mehr als ein sechstel der ganzen 
Odyssee, mit den oben gekennzeichneten interpolationen mehr als 
ein fünftel, es ist also begreiflich, wenn mancher leser durch die 
menge schlechter poesie abgestofsen wird, mancher das gefühl für 
das, was er von Homer zu fordern hat, sich abstumpfen läfst. 

Der ,bearbeiter 4 hat drei epen für seine compilation benutzt, 
die selbst auch schon durch contamination entstanden waren, 
das jüngste von diesen, welches seinerseits die beiden andern 
voraussetzt, ist nicht lange vor der bearbeitung und auch im 
mutterlande entstanden, es behandelte nur den sieg des Odysseus 
über die freier, aus ihm stammen nach abzug der interpolationen 
(unter denen die zweite Nekyia hervorsticht) und den zutaten des 
bearbeiters die bücher c/— co, doch bergen sich unter der hülle 



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ABSCHLÜSS 229 

der bearbeitung auch im v reste davon; andererseits ist am 
schlufse von % und im eingange von xp mehreres gestrichen, der 
Verfasser dieses gedichtes hat den ihm in den beiden älteren epen 
überlieferten stoff frei nach seinem belieben umgestaltet; er hat 
aber nachweislich wenigstens für eine scene, die erkennungsscene 
zwischen Odysseus und Penelope, eine andere vorläge benutzt, 
was dem entsprechend auch für sonstige nicht mehr controllir- 
bare fälle möglich bleibt, auch er beherrschte die technik nicht 
mehr vollkommen und lebte meist von ererbtem besitze, wir 
haben noch etwa fünfzehnthalb hundert verse von ihm. 

Die beiden andern gedichte stehen formell höher, sind älter, 
wenn auch keine veranlassung ist, mit ihrem ansatze über das 
achte Jahrhundert hinaufzugehen, und sind in Ionien entstanden, 
das jüngere von beiden ist die s. g. Telemachie. es verdient 
diesen namen, da es zwar die ereignisse auf Ithaka auch be- 
handelte, jedoch unter anlchnung, vermutlich meist wörtlicher 
benutzung des andern epos. ihm gehören ß y d o (so dafs o 80 
unmittelbar an d 619 ansetzt) n q <r t bis 475, wovon die Zusätze 
des bearbeiters abgehen, doch wird q <s t fast ganz dem andern 
epos zuzurechnen sein, aufserdem ist <r 158 — 303 ein fremdes 
stück, das aber noch vor der zeit des bearbeiters hineingekommen 
ist. den anfang und den ganzen letzten teil hat der bearbeiter 
weggeschnitten, diesen, weil er für das in y — co benutzte gedieht 
räum schaffen wollte, den anfang, um das ältere epos, so weit 
es nicht schon in der Telemachie befindlich war, mit ihr zu 
verbinden. 

Dies letzte gedieht, dem s — £ (q a%) gehören, verdient den 
namen der älteren Odyssee, es ist von Hesiodos in der Theogonie 
benutzt und war dem Archilochos bekannt (70 nach <r 136), gleich- 
zeitig auch den Chalkidiern des westens. benutzt ist es noch von 
Eugammon in der ersten hälfte des sechsten Jahrhunderts, der 
dichter vermochte anmutig zu gestalten und zu erzählen, wie 
übrigens auch der der Telemachie, aber auch er contaminirte, 
und sein gedieht ist deshalb schweren unzuträglichkeiten nicht 
entgangen, seine hauptquelle war ein gedieht, in dem erzählt 
war (so weit wir es noch mit einiger Wahrscheinlichkeit er- 
kennen), wie Odysseus zu Aiolos Laistrygonen Kirke Seirenen 



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230 ABSCHLUSS 

Skylla Heliosrindern Phaeaken kam; vermutlich auch wie diese 
ihn nach Ithaka brachten, daneben lag ihm ein gedieht vor, 
das Odysseus bei Kalypso und seine rettung durch Leukothea 
an die küste von Scheria enthielt, dies war ein kleines abge- 
schlossenes gedieht von 450 versen; aufserdem ein gedieht, in 
welchem Odysseus erzählte, wie er zu Lotophagen und Kyklopen 
und zu Teiresias in die unterweit gelangte, und eines von der 
wiederkennung des Odysseus und Penelope, wozu der (jetzt ver- 
lorene) freiermord gehörte, dieses sind die beiden ältesten nach- 
weisbaren stücke von Odysseusliedern, sie allein reichen in die 
zeit des blühenden epos, wo die mehrzahl der Iliasgedichte ent- 
standen ist, hinauf, vom ersten haben wir noch etwas über 600 
verse, vom andern kaum 300. beide stücke erweisen sich als je 
einem umfänglichen kunstvollen gedichte angehörig, aber von dem 
ursprünglichen zusammenhange ist es nicht mehr möglich ein bild 
zu gewinnen, der ,redactor 4 , der e — 5 und n — t, eh die Tele- 
machie sie aufnahm, gestaltet hat, hat wesentlich durch zwei er- 
findungen seinem gedichte halt gegeben, erstens verlegte er alle 
abenteuer des Odysseus in dessen selbsterzählung an Alkinoos, 
wozu ihm das alte gedieht, das eine solche erzählung gab, wir 
wissen nicht an wen, veranlassung war; den so zerstörten anfang 
ergänzte er durch das Kalypsogedicht. das zweite war die Ver- 
zauberung des Odysseus, welche es ermöglichte den helden, der 
die abenteuer bestand, und den greis, den Penelope verkennt, in 
demselben epos erscheinen zu lassen, aufserdem hat er die 
abenteuer des Odysseus im anschlusse an die Argonautensage in 
das nordmeer verlegt und die Nekyia mit neuen scenen ausge- 
stattet, auch hier allerdings im wesentlichen aus andern epen 
schöpfend, es kann nicht bezweifelt werden, dafs sehr viele 
Odysseusgedichte sowol vor wie neben diesem epos des redactors 
bestanden haben, einiges davon hat sich in den Nosten, die der 
redactor wenigstens in einigen zügen benutzt hat, und der Tele- 
gonie niedergeschlagen, deren letzte gestalt (unserer Bearbeitung 1 
entsprechend) an die Odyssee des redactors anknüpft, obgleich 

l ) Dafs Alkman ein gedieht über die Odyssee gemacht hätte, in engeren 
anschlusse an * C «/, ist ein haltloser ein fall von Bergk. nachweislich erwähnt er 
nur einen zug, Termutlich nach der ,redaction ( (fgm. 51). 



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ABSCHLÜSS 231 

sie jünger als die bearbeitung ist. die Telemachie ist zuerst in 
einem stück der hesiodischen kataloge nachweislich benutzt. 1 ) 

Es erübrigt noch einen vergleichenden blick auf die andern 
epen zu werfen, der altersunterschied der Odyssee von der Ilias 
ist ein ganz beträchtlicher, und er tritt überall hervor: nur die 
beiden bruchstücke alter epen, die der redactor aufgenommen 
hat, sind von entlehnungen frei, selbst ein verhältnismäfsig so 
altes Odysseegedicht, wie das von Kalypso, hängt von einem 
keineswegs sehr alten Iliasgedicht, 2, ab. daran dafs die Odyssee 
aufser in interpolationen der letzten schicht irgendwo in der 
Ilias benutzt wäre, ist kein gedanke. die Dolonie dagegen benutzt 
sicher die Odyssee des redactors, keinesfalls die bearbeitung; in 
betreff der beiden andern gedichte ist die entscheidung mir nicht 
möglich. 2 ) die Boiotia, auch ohne zweifei im mutterlande ent- 
standen, steht in manchem den beiden jüngsten gedichten nahe, 
aber directe beziehungen fehlen, wol mag einzelnes das fort- 
schreitende Studium lehren, aber die verirrung, die Odyssee für 
älter als unsere Ilias zu halten, ist gradezu unbegreiflich, selbst 
in den ältesten durch eine mühsame analyse nur erreichbaren 
gedichten von Odysseus tritt uns eine auf weit hinaus disponirende 
planmäfsigkeit der epopoeie entgegen, von der die meisten und 
besten der Iliasgedichte weit entfernt sind, die Odyssee repräsen- 
tirt die episcbe poesie der Jahrhunderte 8 und 7 ; die Ilias kommt 
in das achte nur mit den jüngeren stücken hinunter, von inter- 
polationen abgesehen, die für die Odyssee gewonnenen resultate 
geben deshalb kein präjudiz für die Ilias ab. 

Nosten, Kyprien, kleine Ilias sind von dem redactor für seine 
Nekyia benutzt, während der dichter der Telemachie zwar auch 
überlieferten sagenstoff, also wol epen, benutzt, doch so, dafs für 
uns nichts positives auszumachen ist. eben so wenig ist not- 
wendig oder auch nur wahrscheinlich, dafs die ganzen epen, aus 
denen einige züge vom redactor aufgenommen sind, in der form, 



\ 



*) Vgl. die besonnenen vergleichungen von Gemoll (Herrn. XV). in betreff 
des x vertraut er auf x**& n n X k h> das a ^ er n * cnt > ncrY ig e ^ aust * bedeutet: sonst 
hat Penelope eine solche q> 6, Tgl. den Skepsier bei Strabon 551. sicher ist nur 
die benutzung von X /u v i. 



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232 ABSCHLÜSS 

die das fünfte Jahrhundert kannte, schon im achten bestanden 
hätten, sie haben vielmehr eine der Odyssee analoge entwicke- 
lung durchgemacht, die uns freilich im einzelnen kaum irgendwo 
kenntlich wird, für die Telegonie aber ist es offenkundig, dafs 
das gedieht des Eugammon eine contamination ganz in der weise 
unserer bearbeitung der Odyssee war, während einzelnen ihrer 
bestandteile, namentlich der eigentlichen Telegonie, ein sehr hohes 
alter zukommt. 



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II 
HOMERISCHE VORFRAGEN 



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1 
DIE PISISTRATISCHE RECENSION 



Für die auflösende kritik der homerischen gedichte ist die 
tradition der pisistratischen Sammlung die Voraussetzung gewesen, 
die bekannten stellen späterer autoren, welche ihrer erwähnung 
tun, waren auch dem vorigen Jahrhundert sehr bekannt, da 
Cicero's bücher vom redner, Aelian's vermischte notizen und Jo- 
sephus' Streitschrift damals den philologen noch näher lagen als 
jetzt, die stelle des Josephus, die so weit geht, die mündliche 
abfassung und fortpflanzung der gedichte direct auszusprechen 
und zur erklärung der Widersprüche (die sie also auch anerkennt) 
zu benutzen, und die von den traditionen über Peisistratos 
schlechthin nicht zu trennen ist, gab den Bentley und Perizonius 
in der tat das wesentliche dessen, was wir Wolfsche hypothese 
zu nennen pflegen, auch für Wolf ist die tradition der pisistra- 
tischen Sammlung Voraussetzung. 1 ) es ist nicht möglich, seine 

Proll. cap 33 nunc vero nihil opus est coniecturas capere: historia 
loquitur, nam vox totius antiquitatis et, si summam spectes, consentiens fama 
testatur Pisistratum etc. dort auch die Zeugnisse; die seither bekannt gemachten 
am bequemsten in Ritsch Ts opusc. I. den berichten der grammatischen litteratur, 
bei Tzetzes, Eustatb., in den Homer viten, den schol. zu Dionys. Thrax Hegt 
natürlich eine grammatische fassung zu gründe, prolegomena irgend einer Homer- 
ausgabe, die wir nach aller analogie in das erste Jahrhundert n. Chr. zu setzen 
haben, aus dieser scholastischen quelle mögen denn auch andere geschöpft haben, 
z. b. der Terfasser des epigramms auf Peisistratos. denn die kindliche Vorstellung, 
dafs dies wirklich auf einer athenischen statue gestanden hätte, hat doch nur für 
leute wert, die niemals in die anthologie hineingesehen haben. 



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236 II l 

ansieht unter seinen Voraussetzungen zu halten, wenn diese stütze 
fällt, er hat sich auf sie verlassen, ohne zu prüfen, so haben 
es auch G. Hermann und Im. Bekker getan, aber glücklicherweise 
ihre eigenen Untersuchungen unabhängig davon geführt, dagegen 
wird, wer sein urteil nicht gefangen gegeben hat, schwerlich zu- 
geben, dafs Lachmanns Vorstellung von der entstehung der Ilias 
aus erkennbaren einzelliedern lediglich auf grund seiner eigenen 
analyse haltbar oder auch nur entstanden sei. er hat sich als 
anhänger der pisistratischen recension nachdrücklich bekannt, 
ohne die frage nach ihrer glaubwürdigkeit zu fördern; er glaubte 
aber wol, dafs dies durch Ritschi genügend geschehen wäre, in der 
tat hat dieser, der auch an die pisistratische recension geglaubt 
hat, ihre tragweite zuerst in der nötigen schärfe gefafst und die 
frage durch klare formulirung der lösung näher gebracht, was 
von vielen „liederjägern und einheitshirten" geringeren Schlages 
hin und her geredet ist, läuft auf die verschiedene Verbrämung 
des glaubens oder Unglaubens hinaus. 

Von den Vertretern der aristarchischen naqddoaig hat erst 
Lehrs, aber auch er erst spät, und als ihm der glaube an die 
naqddoctg schon fest stand, energisch front gegen die pisistratische 
Ordnung gemacht: ihm ward es wenigstens klar, dafs sie beseitigt 
werden mufs, wenn Aristarch recht behalten soll, er ist ihr 
einziger erwähnenswerter bestreiter. gläubig schaut zu ihm em- 
por, wer die lösung des problems unter seinen Voraussetzungen 
versucht, so noch Niese; nicht ganz mit unrecht, denn die- 
jenigen, die nicht mit ihm gehen, halten entweder ohne beweis 
am überlieferten fest, oder tragen ohne beweis eine irgendwie 
vermittelnde ansieht vor, wie z. b. Kirchhoff, der den Peisistratos 
eine handschrift machen läfst, die aber nur eine von vielen ist, 
die vor und nach ihm entstanden und in Alexandreia, wenn auch 
nur durch abschriften, bekannt gewesen wären. 2 ) die frage ist 
versumpft, der einzige Düntzer hat nicht ohne einige richtige 
gedanken sich gegen Lehrs mit energie gewendet, aber so gern 



*) Solchen vermittelungsansicbten hat eigentlich schon Ritschi die existenz- 
berechtigung genommen, indem er darauf aufmerksam machte» dafs die Ixdoottg 
aus allen winkeln der erde, nur nicht aus Athen stammen. 



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DIE PISISTRATISCHE RECENSION 237 

ich anerkenne, dafs er wirklich Verdienste um Homer hat, so 
sehr fühle ich mich berechtigt, den eignen weg zu gehen, er 
hat leider eine behandlungsart, die dem richtigen selbst ab- 
brach tut. 

Lehrs redet sehr kräftig, sehr überlegen, aber ihm ist nicht 
wol dabei, er will sich mut einreden, weil für ihn gar zu viel 
auf dem spiele steht, aber die Unbefangenheit wird nur getrübt, 
so lange man wähnt, dafs von der entscheidung dieser frage die 
lösung der homerischen frage abhänge, wer zu der erkennt nis 
durchgedrungen ist, dafs die entstehung der homerischen gedichte 
ganz unabhängig von jeder tradition erklärt werden mufs, weil 
doch alle erklärungen und alle traditionen hypothesen sind, der 
kann mit kühlem blute die fragen richtig stellen und hat schon 
damit eine bessere aussieht sie auch richtig zu beantworten, die 
tradition der pisistratischen Sammlung liegt vor: wo kommt sie 
her? das ist ganz unabhängig davon zu beantworten, ob sie wahr 
oder falsch ist; es mufs beantwortet sein, damit man diese 
zweite frage überhaupt aufwerfen könne, ich will beides fragen, 
beides beantworten. 

Die stelle der Boiotia, die sich auf Athen bezieht, haben 
Herodotos (VII, 161) und der ionische dichter der epigramme in 
der Hermenstoa des attischen marktes (Aischines 3, 185) genau 
so gelesen, wie wir sie lesen ; wir kennen überhaupt keine andere 
fassung. Aristoteles rhet. 1 15 erwähnt, dafs 'A&rjvaioi c O/ei?'<><p 
HaQTVQi ixQrjoavvo neQi 2aXafxlvog\ das bezieht sich auf die verse 
B 557—58: Äiag <Te* 2aXa/nlvog äyev dvoxaidexa vrjag, Giijtfe 
Päyvov IV A&r t vaia>v ttfravro ydkayysg. wir erfahren das nähere 
durch Plutarch Sol. 10, Apollodor zum B (bei Strabon 394) u. a. 
die Athener und Megarer, in langjährigem hader um Salamis, 
unterwerfen sich einem lakedämonischen Schiedsgericht, und dieses 
erkennt zu gunsten der Athener, weil sie das Zeugnis Homers 
für die Zugehörigkeit anführen, allein die späteren schriftsteiler 
berichten das mit der bemerkenswerten modification, dafs das 
zeugnis von den Athenern (resp. von Solon oder Peisistratos, je 
nachdem wer der Wortführer Athens ist) gefälscht sei. selbst 
in die rhetorischen handbücher, die nach Aristoteles gearbeitet 
wurden, drang diese kritik, obwol das beispiel dadurch 



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238 " 1 

eigentlich unverwendbar ward, und so findet es sich bei Quin- 
tilian (V 11, 40). ich habe die quellen Plutarchs in dem leben 
Solons eingehend untersucht und weifs daher, dafs seine vorläge 
Hermippos der Kaliimacheer (ttsqI twv inra aoyxuv) war, woran 
auch schon von andern gedacht ist. ich setze diesen factor der 
bequemlichkeit halber in rechnung; es wird sich zeigen, dafs der 

/specielle nachweis hier nicht nötig ist, da die Schlüsse zwingend 
sind, auch wenn dieser zeuge fortfiele. Apollodoros also am 

J ende des zweiten und Hermippos am ende des dritten Jahrhun- 
derts v. Chr. betrachteten attische interpolation aus politischer 
tendenz als erwiesen, wie konnten die Athener interpoliren, mit 
diesem erfolge interpoliren, wenn sie nicht den text bestimmt 
haben? das ist nur durch die hypothese einer attischen, der pi- 
sistratischen recension erklärlich. 

Wie stellte sich die alexandrinische kritik zu dieser frage? 
gieng sie mit Aristoteles oder mit Apollodors gewährsmann? die 
direkte antwort scheint zu fehlen; wir haben keine scholien zu 
jenem verse. warum? weil ihn Aristarch überhaupt nicht schrieb, 
deshalb fehlt er noch jetzt im Ven. A. und andern guten hand- 
schriften. 3 ) aber diese tatsache wiegt schwerer als jedes scholion. 
Aristarch ist weit entfernt, die pisisistratischen interpolationen 
nicht zu kennen: er wagt auf grund derselben, was er sehr selten 
wagt, er wirft den vers ganz und gar aus. Aristarch steht wider 
Aristoteles, es ist milde, aber es ist gewifs gerecht geurteilt, 
wenn man Lehrs nur der Verblendung zeiht, weil er diese tat- 
sache unterdrücken und also Aristarch mit Aristoteles stimmen 
lassen konnte, grade wie derselbe Lehrs die tradition von der 
selbständigen existenz des K dadurch hat verächtlich machen 
wollen, dafs er vorgab, sie fände sich nur im Eustathius: während 
sie sowol im Townleyanus als auch in den scholien zu Dionysios 
Thrax steht, eine Verteidigung mit solchen waffen könnte die 
beste sache zur schlechten machen, wie Aristarch sein urteil 



s ) Im Townleyanus wurden wir vermutlich mehr erfahren, aber in ihm fehlt 
die ganze Boiotia; beiläufig dies der grund, weshalb Eustathius, der eine dem 
Town. ähnliche band schritt benutzte, im B so viel wichtiges allein enthält, auch 
die excerpte aus Porphyrius tiiqI rwy TKCQafofotjutvwv wird er in dieser seiner 
hand schrift gefunden haben. 



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DIE PISISTRATISCHE RECENSION 239 

motivirte, das wissen wir auch, er sah, dafs die in jenem verse 
angegebene nachbarschaft von Aias und Menestheus der Ilias 
widerspricht; deshalb steht zu T 230 die diple, und da erwähnt 
Aristonikos den vers, den er im B unberücksichtigt läfst, als einen 
vnb Ttvcov iv to> xatakoyy yQag>6fisvov. zur athetese würde Ari- 
starch freilich auch ohne jede diplomatische Verdächtigung ge- 
schritten sein; aber er liefs den vers weg, weil ihn der text, den 
er überkam, der des Aristophanes und Zenodotos auch nicht 
enthielt; es steht auch keine nsQisdnyfievri zum R wenn also 
wirklich jemand behaupten will, dafs Aristarch von der pisistra- 
tischen interpolation nichts gewufst hat, so heifst das nichts an- 
deres als die frage hinausschieben: dann haben eben seine Vor- 
gänger von ihr gewufst, auf grund derselben einen dem Aristo- 
teles unverdächtigen vers ausgeworfen, und Aristarch hat ihren 
text übernommen. 

Aber Zenodotos verwarf auch die vorhergehenden verse, das 
lob des Menestheus, 553 — 55. diese athetese billigte Aristarch 
nicht, wir lernen durch Aristonikos die gründe, mit denen er 
Zenodot zu widerlegen meinte, dessen dem Aristonikos jedenfalls, 
wahrscheinlich auch dem Aristarch unbekannten motive be- 
scheidentlich mit einem hypothetischen juijnote eingeführt werden, 
nicht Aristonikos, sondern Lehrs geberdet sich, als besäfse er von 
Zenodots motiven eine sichere kenntnis. Menestheus wird in 
jenen versen als der vortrefflichste taktiker gerühmt, da er als 
solcher nirgend erscheine, so meint Aristarch, werde Zenodot die 
verse verworfen haben, der art gäbe es aber viel bei Homer, 
und das sind seine gründe! die sind wahrhaftig nicht dazu an- 
getan, den Zenodot zu widerlegen, sondern wenn es viele solche 
anstöfse im Homer gibt, so gibt es eben viele Verderbnisse im 
Homer, oder es gibt keinen einen Homer, aber woher weifs denn 
Aristonikos oder Lehrs, ob nicht Zenodot die verse verwarf, w r eil 
sie von eben dem stammten, der den vers airjae d'äyvSva ver- 
fertigt hatte? Dieuchidas wenigstens (Diogen. I 57) sagt ausdrück- 
lich, dafs Peisistratos eben diese verse interpolirt habe, die stelle 
ist von fundamentaler bedeutung. es heifst da von Solon: %a re 
'OfiijQOv *£ inoßolffi yeyQtupe QaipqideiaO'ai, olov onov 6 nqmtoq 
fAijJfer, ixel&ev aQxs<S&cu idv ixo/ievov (.idXlov ovv "OptiQov ig>w- 



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240 H l 

rioev rj IIei<fi<ftQ<nos koütisq avXXe£ag ta 'OfirJQOv ivenoir\ai iiva 
eig tr)v 'A&rjvaicov x<xqiv> wg (ptj<fi Jtevxtöag iv 4 MeyaQix&v. i]v 
de fxdXiaxa rä entj tavra, <n ^Sq 1 AOrjvag elxov xxL die ergänzung 
der lücke ist von Ritsch], und es kann über den sinn kein zweifei 
sein, höchstens darüber, ob Dieuchidas die solonische anordnung 
auch bezeuge, was aber von Ritschi mit recht schon geleugnet 
ist, da Dieuchidas die sache doch offenbar gelegentlich des me- 
gariseh-at tischen Streites behandelt hat. also Dieuchidas kannte 
die Sammlung der homerischen gedichte durch Peisistratos. das 
steht in einer notwendigen ergänzung. aber sehen wir davon 
ab, so ist doch überliefert, dafs Peisistratos interpolirte. wie in 
aller weit hätte er das tun sollen, wenn er keinen text machte, und 
zwar, da die verse in allen exemplaren standen, den vulgärtext 
machte? es hilft nichts, wer die interpolationen glaubt, glaubt auch 
die recension: also auch die Alexandriner haben die recension ge- 
glaubt, resp. auf einer ansieht gefufst, die die recension glaubte. 
Auf Dieuchidas sind wir geführt; auch Lehrs knüpft an ihn 
an; man sollte wo! meinen, dafs er fragte, wann denn dieser ge- 
währsmann gelebt hätte, weit gefehlt; er gibt nichts als einige 
Witzeleien über ,die zeit der ausgebildeten alexandrinischen ge- 
lehrsamkeit 4 und sagt, ,Diogenes fand die nachricht bei Dieu- 
chidas 4 . das letztere ist nun eine naive Vorstellung, die keinen 
curs mehr hat. Diogenes schrieb diese nachricht ab, wie das 
andere auch, aber es ist zuzugeben, dafs für die primärquelle 
dieser notiz grade die quellenanalyse des Diogenes nichts ergibt, 
was verläfslich genug wäre, um es hier zu verwenden. 4 ) aber 
es bedarf dessen auch gar nicht. Dieuchidas ist deshalb doch 
nicht zeitlos, weil ihn Müller unter die scriptores aetatis in- 
certae gerückt hat. Clemens Strom. VI 2, p, 752 sagt, dafs 
Dieuchidas den anfang seiner Megarischen geschichten aus der 
Deukalionie des Hellanikos genommen habe, bestreitet jemand, 
dafs die quelle des Clemens Aristobul ist, Aristobul, der 



4 ) Ich glaube freilich, dafs auch diese notiz ursprünglich dem Hermippos ge- 
hört, weil dieser, wie sich gleich zeigen wird, auch sonst den Dieuchidas benutzt 
bat. aber zwischen Hermippos, den Plutarch selbst benutzte, und Diogenes liegen 
mindestens zwei Mittelsmänner, die vorläge des Diogenes selbst war, wie ich be- 
weisen kann, junger als Hadrian. 



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DIE PISISTRATISCHE RECENSION 241 

Zeitgenosse Aristarchs? nun, wenn es jemand tut, so sei die 
quelle des Clemens unbekannt, aber das kann und soll jeder 
wissen, keiner leugnen, was schon Ruhnken chronologisch ver- 
wertet hat, dafs hier nur Schriftsteller angeführt werden, die etwa 
bis 300 v. Chr. geblüht haben, es wäre ja auch ganz kindisch ge- 
wesen, eine benutzung des Hellanikos durch Dieuchidas ein plagiat 
zu nennen, wenn er ,zur zeit der ausgebildeten griechischen 
grammatik* gelebt hätte, wo die mythographen sich ein verdienst 
erwarben, wenn sie Hellanikos excerpirten. Dieuchidas kann 
nach dieser angäbe nur in das vierte Jahrhundert fallen, d. h. 
er ist älter als Zenodotos, bei dem wir eine athetese des Dieu- 
chidas wiederfinden. 

Dafs die nester alter gelehrsamkeit in den Pindarscholien von 
Didymus herrühren, der sie älteren commentaren entnahm, glaubt 
Lehrs selber, nun, zum neunten nemeischen gedichte steht ein 
solcher historischer excurs, in ihm erscheint Dieuchidas, nicht als 
compilirender, etwa über Pindar schreibender grammatiker, son- 
dern als autorität, neben Herodot Menaichmos von Sikyon (der 
vor Aristoteles schrieb) und Timaios. 

Plutarchs Lykurg stammt in dem ersten chronologischen 
kapitel aus Hermippos. bestreitet das jemand? gut, sei es unbe- 
kannt: so erscheint hier Dieuchidas doch unter den primärquellen 
der lykurgischen geschichte, neben Timaios, Xenophon, Simoni- 
des. Dieuchidas kommt dem Ephoros mit der genealogie des 
Lykurg nahe, aber dafs er ihm folgt, ist zwar geglaubt worden, 
aber nicht bewiesen, er setzte Lykurg 290 jähre nach Troias 
fall (Clem. str. I 290): das ist ein ansatz, der erst verwendbar 
würde, wenn man wüfste, wie er Troias fall ansetzte, mag hier- 
nach seine Chronologie zweifelhaft sein: dafs er nicht nur von 
Eratosthenes, sondern selbst von Timaios unbeeinflufst ist, kann 
man zuversichtlich behaupten, auf das vierte Jahrhundert als seine 
lebenszeit führt alles was wir erkennen können, auf die zeit des 
Maiandrios, Dionysios von Chalkis und der ältesten athenischen 
Atthidographen. 

Also bei einem megarischen historiker des vierten Jahrhun- 
derts findet sich die nachricht von der pisistratischen recension. 
sie findet sich aber nur gelegentlich einer pisistratischen inter- 

Philolog. Untersuchungen VII. \q 



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242 II 1 

polation. diese interpolation haben die alexandrinischen kritiker 
anerkannt, auch Aristarch hat entweder die attische interpolation 
selbst angenommen oder doch Schlüsse gebilligt, die nur auf 
grund derselben möglich waren, wenn Niese behauptet, Apollodor 
hätte über B 558 nicht so schreiben können, wie er bei Strab. 
394 tut, falls er die pisistratische recension gekannt hätte, so ver- 
schlägt das nichts, gesetzt dafs es wahr wäre, würde Apollodoros 
nur eine beklagenswerte Unwissenheit zeigen, allein er sagt nur, 
dafs die Athener sich auf ein gefälschtes zeugnifs beriefen, diese 
fälschung würde also notwendig einen attischen einflufs auf den 
text beweisen, wenn sie sich behauptet hätte: nun aber meint 
Apollodor, der vers würde nicht geschrieben (ov naqaäexovxat 
aviov ol xQtnxoii d. h. die drei grofsen herausgeber), damit ist also 
die basis jener hypothese beseitigt, weshalb sollte er derselben 
noch er wähnung tun? 

Dieuchidas behauptet, dafs Peisistratos das lob Athens im B 
interpolirt hätte; ohne zweifei hat er auch behauptet, was wir 
jetzt nur als eine behauptung der Megarer hören, dafs der vers 
airjas <T äyd)va aus gleicher fabrik wäre. Zenodotos hat ihm beides, 
Aristarch das letztere geglaubt; erst Lehrs und Niese haben den 
vers wieder gläubig angenommen, aber Aristoteles, der den vers 
beim Schiedsgericht über Salamis anstandslos verwenden läfst, hat 
dem Dieuchidas nicht geglaubt, oder er hat ihn nicht gekannt. 
Aristoteles ist die gröfste autorität, aber es ist nicht erlaubt, ihn 
einfach als schwarzen mann zu citiren, damit er die bösen rae- 
garischen ketzer in den winkel schrecke, was ist denn des Ari- 
stoteles quelle? darnach ist doch erlaubt zu fragen, und in der 
rhetorik durfte er doch wol eine in Athen verbreitete tradition 
ohne weitere historische prüfung verwenden, seine quelle ist 
hier dieselbe, die er auch in der 'Ad-rjvaiwv noXixeia für die 
altattische geschichte gehabt haben mufs: archivalische Studien 
konnten ihn hier nicht belehren, ich will mich begnügen, das 
die attische tradition zu nennen, obwol es auf der hand liegt, 
dafs er schriftliche quellen gehabt haben muss, und obwol sich 
hier durch confrontation mit Plutarch-Hermippos deutlich dasselbe 
zeigt, was auch sonst sehr häufig zu erweisen ist, nämlich die be- 
nutzung einer attliis, wie vorsichtige aber wenig umsichtige leute 



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DIE P1SI8TRATISCHE RECBNSIUN 243 

sagen, der atthis, der attischen chronik, wie ich mir zu reden er- 
laube, genau in demselben sinne, wie man von der römischen 
chronik redet, ob nun chronik oder tradition: dafs beide anders 
lauteten als der bericht des Dieuchidas, mochten sie nun von diesem 
notiz genommen haben oder nicht, ist auch selbstverständlich, weil 
sie attisch waren, und sehr begreiflich ist es, dafs Aristoteles ihnen 
auch einmal ohne detailprüfung ein historisches beispiel entnahm, 
um so begreiflicher, wenn er etwa sonst den Dieuchidas gewogen 
und zu leicht befunden hatte. 

Was Dieuchidas gab, die behauptung der attischen inlcrpo- 
lation, war nichts anderes als seine Vermutung, mag sie gut 
oder schlecht sein, conjeetur ist es, aufgebaut auf demselben 
texte der Boiotia, den Herodot las und den wir lesen, wir sind 
vollkommen in der läge die richtigkeit seiner conjeetur zu prüfen, 
aber auch wenn wir sie billigen, so ist und bleibt es conjeelur, 
die dadurch um kein quentchen mehr gewicht hat, dafs sie zwei- 
tausend jähre alt ist. wäre dem anders, so müste Dieuchidas 
eine andere fassung der stelle gekannt und vorgezeigt haben, da- 
von ist nicht nur keine spur vorhanden, wir können sogar noch 
erkennen, wie er sich half. Apollodor nämlich teilt uns mit, dafs 
die Megarer dvTBnaQ^drjoav: 

Äiag ö'ix 2aAa t iuvog ayev vtag, ex xe üoXixvrjg 
ix t 1 AlyeiQOvoGrjs Niaaiwv ie TQinodwv te. 
für ernsthaft kann sich das kaum ausgegeben haben, wenigstens 
gibt es Apollodor als eine parodie: die Megarer wollten nur 
probeweise bezeichnen, was Homer etwa geschrieben haben könnte. 
Nachdem wir, wenn nicht den Urheber, so doch einen un- 
geahnt alten Vertreter der hypothese gefunden haben, dafs Pei- 
sistratos den Homer interpolirt habe, sehen wir uns nun selber 
das B an; nicht wie es Aristarch las, denn der stand unter dem 
banne der hypothese des Dieuchidas, sondern wie es Aristoteles 
las und glaubte, wie es Lehrs und Niese glauben: 

(Ä 6'aQ 1 'ADtjvag styov, iv xrifievov nxokie Üqov, . 
drjfiov 'EQex&i}0$ /i£yaAifro(>0£, ov nox 1 'Jör^y 
ftQiipe, Jidg ÜvydtijQ (tsxe de £etöv)Qog aQOVQa), 
xäd' d'iv \49njvflo' slöev, §<f ivl niovi vr\(x> m 
550 ev&ade /uv laCqoiav xal dyvetolo 1 ikdovxai 

16* 



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244 II 1 

xovqol 'Adyvatvov neQiTekkoixevwv iviaviwv — 
%mv avfr' ^yefiovevev £6$ Jletedio Mevetöevg. 
tcjJ d'ov nio %ig öfiotog imx&onog yivei' ävrjQ 
xoa/iJjGcu Xnnovg ts xal äv€Q<xg dämduurag' 
555 NsaicoQ olog bqi&v o yaQ rtQoysveaveQog tjev 
T(j> <T apia neviijxovia (xeXcuvai vrjsg enovto. 
Aiag cP ex 2aka t utvog äysv dvoxaidexa vrjjag 
cn](SB <T dywv\ tV 'A&tjvaivov Xatavto (paXayyeg. 
der letzte vers widerspricht der Ilias; deshalb verwirft ihn Ari- 
starch. das ist kurzsichtig, freilich ist Aias in der Ilias nicht 
ein anhängsei der Athener, wie er hier erscheint, aber dazu 
wird er nicht blofs direct durch den einen vers, sondern indirect 
dadurch, dafs er so kurz blofs als annex der glänzenden Schil- 
derung Athens behandelt ist. der zweite held der Achaeer er- 
hält kein lob, der held, der einen namensvetter hat, nicht einmal 
den Vatersnamen. 5 ) seine insel und er sind ganz und gar als an- 
hängsei Athens behandelt, das widerspricht der Ilias, gewifs, 
aber der Vorwurf trifft die ganze stelle. 

Ist übrigens Aias für die Ilias ein Salaminier ? das steht nur 
an einer stelle, H 199, und diese wird seit Zenodotos mit recht 
für intcrpolirt gehalten. 6 ) auch von dem bruder des Aias, Teu- 



6 ) Wer weifs, ob der Verfasser der verse nicht mit absiebt den vater weg 
lief*, der eponyroos der Aiantis oder der ahnherr der adlichen von Brauron und 
aus der Stadt mag auch andere genealogische Verbindung gehabt haben. Istros 
(bei Athen. XIII 557) läfst den Theseus Meliboia, des Aias mutter, zum ehelichen 
weibe nehmen. 

°) Aias erkennt das los an, welches ihn zum kämpfe mit Hektor bestimmt, 
und fordert die Achaeer auf, während er sich wappnet, zu Zeus zu beten: 

cty? t Iq? vfAtiiQV) IW /urj TQiaig yt nv&ioyzai, 

t]t xai du(f(cdiqi', inti ov ltya älidtfity F/LtTUjs' 

ov ytig TiV pt ßirj yt Ixiov iitxovitt tiitjTai, 

ovJi t uiv Mutig' tnti ot ? «T ipi vqtda y > €tvt(üg 

tlnoucu tV £(dtt/nTfi ytv(o9at xt TQ«<pi/utv it. 
mit recht haben die alten darin einen verstofs gegen Aias character gesehen, wer 
in frommem sinne, eh es zum schweren kämpfe geht, die geführten bittet, für ihn 
zu beten, der renommirt nicht, dafs keiner ihm an kraft und gesebicklichkeit 
überlegen sei. aber den Schnittpunkt haben die alten nicht gefunden, der erste 
vers, otyfi iy v/utiü))' } Xvu /ut) Tq(o& yt nvöuvrat, erschien ihrem profanen sinne 
auch schon anstöisig. aber allerdings stört ein übles wort, stören mala verba 



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DIE PISISTRATISCHE RECENSION 245 

kros, seinem rechten bruder, wie schon im altertum eingeschärft 
ist, 7 ) ist keine heimat angegeben, ja wer die stelle 430 fgg. 
ansieht, wird bezweifeln, ob ihr dichter überhaupt die heimat 
der brüder gekannt hat. die salaminische heimat nicht sowol des 
Aias als seines vaters Telamon hängt mit ihrer dem Homer un- 
bekannten abstammung von Aiakos, also ihrem zusammenhange 
mit Aigina ab. die mutter des Aias ist in dieser sage Periboia 
oder Eriboia, tochter des AJkathoos, des dorischen gründers von 
Megara, das Homer nicht kennt, die hesiodischen gedichte und 
danach die aeginetischen gedichte Pindars sind voll von diesen 
sagen: also der dorische adel von Aigina hat sie gepflegt; er hatte 
ein interesse daran, weil er so die ersten helden des epos sich 
vindicirte. Achilleus stammt bei Homer von Aiakos und ist ein 
Myrmidone, zu hause in Phthia am Spercheios, söhn des IlrjXevg, 
des eponymen des Pelion, auf dem er aufgewachsen ist. mit den 
Myrmidonen identificirte man die nvQftnjxes, aus denen nach 
aeginetischer sage die ersten menschen entstanden waren, die 
yrjyeveT$: daher Myrmex auch in andern genealogien benachbarter 
gegenden. 8 ) so kamen die Myrmidonen nach Aigina. Aiag aber 
und Ataxog, beide hypokoristika von alexog, erschienen leicht als 
verwandte, gesetzt, dafs sie es nicht wirklich waren, so wurden 
auch Aias und sein vater Aegineten resp. Salaminier; als Salamis 
megarisch war, ward die mutter des Aias eine Megarerin. Peleus 
muste man freilich wieder nach Phthia zurückbefördern, und 
dazu ward der mord des Phokos erfunden. 9 ) Telamon aber 



und dvotfqttltu das gebet, und nimmt der <p$6vo$ y wenn er eingreifen kann, ihm 
die kraft dieser vers ist echt, und eben weil er da stand, fand sich ein inter- 
polator gemässigt, qi xui tlfitpttditiv zuzufügen und eine renommage anzuhängen, 
das ist eine interpolation desselben Schlages wie sie im drama auch sind, vgl. 
Anal. Eur. 205. 

"O Aristarch hat es übersehen; aber die scholien des Townl. bemerken es 
mit recht zu M 371, vgl. 284; den letzten vers verwerfen übrigens alle Kritiker. 
M 372 geht dem Teukros ein Pandion nach und trägt ibm den bogen, wider alle 
sitte. schol. Townl. verwirft deshalb den vers mit recht wo kommt er her? 
der name Pandion zeigt es: er ist eine attische interpolation. 

*) 'EyvQtj MvQ/urjxog Hekataios bei Steph. Byz. KoQtrfros. anderes aus Attika 
Kydathen 146. 

°) Phokos ist eigentlich eponym der Phoker, bat da zwar auch eine andere 



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246 II i 

ward auf Salamis fest 10 ) und zuerst in die Heraklesabenteuer, dann 
den Argonautenzug und die kalydonische jagd, doch als wichtige 
person nur in die ersten verflochten. Teukros, söhn einer teu- 
krischen mutler, seitdem der barbarische slamm der Teukrer in 
die troische sage verflochten war, ist der gründer von Salamis 
auf Kypros, wo übrigens auch attische siedler mit Demophon 
gewesen sein sollen, leider steht nicht fest, ob diese sage, wie 
die entsprechende von den Arkadern, einen historischen gehalt 
hat, noch wie alt sie ist. aber das folgt aus allem, dafs der Aias 
von Salamis nicht wol, der Aiakos von Aigina keinesfalls älter 
als die oecupation Aiginas durch die Dorer ist. diese kennt der 
katalog nicht, in welchem Aigina noch annex von Argos ist. 
geht man an die Ilias selbst heran, so ist klar, dafs Tekainwv 
dem Auxg so zum vater gegeben ist, wie später Eurysakes zum 
söhn. »Träger (tragriemen) 4 der eine, ,Breitschild 4 der andere, 
beide sind nur um des Aias willen da, ohne selbständige sagen- 
hafte existenz. Tela/iajviog ist eine aeolische bildung des patro- 
nymikon, und Aias, heros von Aianteion, gefeiert neben Achilleus 
allein in aeolischer lyrik, offenbar auch neben Achilleus und Aga- 
memnon die notwendigste person der ilischen sage, muss als ein 
Aeoler betrachtet werden, als heerkönig mit seinen mannen er- 
scheint er nicht, sondern als einzelner held, wo er aber etwa in 
der Schlachtordnung auftritt, überhaupt in den meisten stücken, 
ist er der gefährte seines namensvetters. wer vollends die imno)- 



genealogie, ist aber eigentlich identisch mit dem bruder des Peleus, so nahm es 
Polyguot an (Pausan. X 30) und erscheint es besonders deutlich in den Ovidischen 
metamorpbosen (Nikander?). dem ytZxog ein meermädcheu zur mutter zu geben, 
lag durch den namen und die Verbindung des Peleus mit Thetis nahe, so wird es 
auch parallelisirt im anhange der Theogonie (1004). seine ermordung, welche die 
phobische sage aufhebt, also nicht ursprünglich ist, erscheint in der Alkmaeonis 
(schol. Eur. Andr. 687), und deshalb ward ein anderer eponymos der Phokor er- 
funden, der den korinthischen quasihistorischen genealogien angehört (Paus. II 4, 
Skymnos 475). 

w ) Pherekydes (Apollod. bibl. 3, 12, 6) leugnet die abstammung des Telamon 
von Aiakos, mit dem er nur befreundet gewesen, er sei vielmehr des 'AxraTog 
Sohn und Glaukes, der tochter des Kychreus. letzerer ist der wirkliche autoch- 
thone von Salamis als schlänge gedacht wie Erichthonios. Aktaios ist der epo- 
nymos von Athen, genauer der «xrg , der Peiraieushalbinsel. das ist attische sage. 



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DIE PISISTRATISCHE RECENSION 247 

Atl<ft$ (4272) liest, kann die beiden sich kaum gesondert denken. 11 ) 
so macht alles den eindruck, als sei in dem epos, wie es uns 
vorliegt, die ursprüngliche herkunft und Stellung des aeolischen 
helden verdunkelt, während die ionischen sich vorgedrängt haben, 
so dafe er für uns heimatlos ist, annectirt von den Aegineten 
und Salaminiern gegen ende des achten oder im siebenten Jahr- 
hundert, gewifs wäre es von interesse zu wissen, was der ächte 
katalog von ihm angab; dafs er ihn aus Salamis nicht abgeleitet 
hat, kann als ausgemacht gelten. 

Athen heilst Srj^iog 'Egex^og und es wird, die heilige sage 
von Erechtheus erzeugung und erziehung. angedeutet und die 
grofsen feste und opfer zu ehren desselben erwähnt, einen 
solchen cult, überhaupt heroencult, kennt Homer nicht, jähr- 
liche feste vollends sind dem epos fremd und sind etwas relativ 
junges, die uralten heiligen götterlage sind monatstage; das jähr 
ist jünger als der monat. auf alle fälle aber kann diese partie 
erst gedichtet sein, als das grofse fest der Athena und des 
Erechtheus im Hekatombaeon ein besonders berühmtes war, und 
als die uns sonst erst im fünften Jahrhundert belegbare Erechtheus- 
geschichte feststand, der Verfasser dieser verse nahm an der 
heiligkeit Athens besonderes interesse. wir hören nicht, ob man 
im altert ume das beanstandet hat. Aristarch hatte keine veran- 
lassung dazu, da nach ihm ja Homer ein Athener war; er hätte 
also höchstens eine diple nqbg 10 neQi tilg naiqiöog setzen 
können, im rj der Odyssee geht Athena auch nach Marathon und 
Athen in den tempel des Erechtheus. dort hat man angestofsen: 
Chairis, ein jüngerer Zeitgenosse Aristarchs, gab schon die zweifei 
älterer kritiker wieder. 12 ) und gewifs sind beide stellen nur er- 



") z. b. E 519, Z 436, H 164, M 265, N 46, P 707. stellen der art sind 
es, die Wackernagel zu dem abenteuerlichen gedanken geführt haben, unter Jtavrc 
Aias und Teukros zu verstehen, nach dem muster von Castores. der Lokrer Aias 
ist mit gehässigkeit wie in der Persis erst im «F dargestellt, eine Schilderung 
des Telaraoniers ist in der teichoskopie (r 229) durch Idomeneus verdrängt 

Vi ) q 81 schol. vnonttvtrni 6 xunog wq xai XftTgig (ftjaiv tV <$ioQ9-«)zixotg. die zeit 
des Chairis ist durch seinen söhn Apollonios gesichert, Kydathen 154. dafs also 
ein zeit- und schulgenosse Aristarchs die attischen interpolationen im Homer ge- 
kannt hat (ob gebilligt, wissen wir nicht) lälst sich nicht bestreiten ; aber Aristarch 



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243 II i 

klärlich, wenn sie ein Athener gedichtet hat, also nur homerisch, 
wenn Homer ein Athener war. zwar hat Kirchhoff diese ansieht, 
die er früher teilte, zurückgenommen, aber was er anführt, dafs 
Athen ganz wol für die Ionier lieblingsort Athenas sein konnte, 
wie Paphos für Aphrodite oder Aigai für Poseidon, ist freilich 
sehr richtig: 'A&rjvait] selbst heifst ja die Athenerin; nur ist damit 
weder Erechtheus noch Marathon erklärt, die Verehrung des 
heros im selben hause mit Athena setzt offenbar die kenntnis 
des Poliastempels voraus; sie hat nichts verwandtes im epos. 
und wenn auch die stelle der Odyssee ein jeder dichten konnte, 
der im eulturkreis Athens lebte und dichtete, so ist die des B 
nur denkbar, wenn einmal die legende dem dichter und seinen 
hörern bekannt und heilig war: wo und wann war das? und 
wenn zum andern das grofse fest bestand, die alten haben die 
Panathenaeen verstanden, die ja nach der legende Erichthonios 
oder auch Theseus gestiftet hat. in Wahrheit ist ihr Stifter Pei- 
sistratos, 13 ) und die grofse feier war eine neuerung, vergleichbar 
den Pythien, Nemeen, Isthmien, die im selben Jahrhundert erst 
zu einer erhöhten bedeutung gelangten, und den Dionysien des 
Elaphebolion, welche ebenfalls Peisistratos stiftete, natürlich ist 
längst vorher der Athena an der t<hhj tpOivoviog ein fest gefeiert 
und dabei auch des ahnherrn Erechtheus gedacht worden, aber 
wenn die luxuriösen Erechtheusopfer ganz besonders hervorgehoben 
werden, so ist das ohne zwang nur auf die grofsen Panathenaeen 



soll nichts davon gewust haben! die methode, mit der man das beweist, hat der 
vogel straufs erfanden. 

IS ) Eusebius zu Ol. 53, 3 (566 a. Chr.) 6 xwv nayaOijvaiiav yv/uvtxoe aytoy 
t'x$t} den namen Peisistratos, an dem ich nicht zweifle, gibt Aristoteles 6 iov 
ninloV) auf den auch das zweite scholion zurückgeht, zu Aristides panath. 189, 4. 
die Dionysien sind gestiftet, als die erste tragoedie gegeben ward, 01. 61, 3 (534 
a. Chr.) Marm. Par. 58 = Euseb. zu 61, 3 nach Hieroo. Stvoynvri? (pvaixos <xai 
&k<sms> TQayqritonotoe yyatyl&To. so ist zu ergänzen; ich dächte, ehedem hätte 
man das schon richtig beurteilt, der erste dithyrambus 01. 68, 1 (508a.Chr). Marm. 
Par. 61. diese offiziellen und durchaus glaublichen ansätze haben auf dem 
ersten steindenkmal des dionysischen theaters gestanden, das verloren ist. von 
dem zweiten haben wir ein bruchstück des zweiten der beiden steine, aus denen 

er bestand; die Überschrift war etwa: int «qxovtos nQuJ\i]oy x<5/uo* 

qoftv T«5f* Jtoyvam (CIA II 971): also mit diesem passenden epochenjahr, ende 



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DIE PISISTRATISCHE RECENSION 849 

zu beziehen, wie denn auch die alten tun. dann sind die verse 
aber unweigerlich aus dem sechsten jalirhundert. 

Menestheus erhält das lob des besten taktikers neben Nestor. 
Nestor gibt manchmal taktische ratschlage in der Ilias, Menestheus 
nie; er kommt überhaupt selten vor. 14 ) veranlassung zu solchem 
lobe gibt er nie. Xnnovq mufs man bei Homer von den Streit- 
wagen verstehen; dabei ist ganz unklar, worin das xoonrfaai be- 
stehen soll, denn auf den wagen fahren nur die Vorkämpfer, 
im attischen heere höchstens Menestheus selber; von einer tak- 
tischen Verwendung dieser wafife kann nicht die rede sein, es 
finden sich dazu höchstens in jungen partien wol ansätzc, weil 
nämlich die späteren dichter von dieser orientalischen sitte keine 
rechte Vorstellung mehr hatten, z. b. A 52. man muste sich 
also wol oder übel dabei beruhigen, wenn nicht wieder, sobald 



der sechziger des 5 jhdt. etwa, hob das zweite steindenkmal an. es befremdet, dafs 
Köhler jetzt ergänzen will tiqojiov xw/uot r^otc* TQayitrfiuv xai XLojuyöwv: ob xcojuoi 
von tragöden oder komöden unmöglicheres griechisch sind, ist schwer zu sagen, 
wol aber ist noch in unsern ältesten komödien deutlich, dafs sie aus x&/uoi ent- 
standen sind, dafs das stiftungsjahr nicht 468 war, werde ich in anderem zu- 
sammenhange erweisen; auch die zweifei an der späten einführung der dithyram- 
ben kann ich zerstreuen. 

") Menestheus ist den meisten teilen der Ilias ganz fremd, er greift ein- 
mal in die Epinausimache ein, denn die verse N 195, 331 gehören offenbar 
zusammen; aus ihnen schöpft die von Kayser gerichtete interpolation N 690. 
schon die sebolien vermissen die neben Menestheus erwähnten attischen helden in 
der Boiotia; sie scheinen aber wirkliche Athener zu sein, da einer aus dem hause 
der Bovxolot, also altstadtischem adel, ist. bedeutend ist Menestheus im M, aber 
nicht seiner älteren schient, sondern der jüngeren, welche den Sarpedon eingeführt 
hat. die Epipolesis verwendet ihn als folie für Odysseus (J 327). Niese hält 
das für eine interpolation, wol für eine attische, ob überhaupt interpolation vor- 
liegt, lasse ich dahin gestellt: an Athen ist schwerlich zu denken; denn weder 
Menestheus noch sein vater Peteos hat in Athen und seiner tradition eine feste 
statte, dagegen nennt Elaia in Asien, also auf aeolisebem boden, Menestheus ihren 
gründen Stepb. Byz. s. v. = schol. Dionys. perieg. 910. dafs Peteos einen Or- 
neus zum vater bekommt, ist eine durchsichtige Spielerei (so die Atthis schon, 
Plut Thes. 32), und deren consequenz erst die Verknüpfung mit dem argolischen 
Orneai (Pausan. II 25). dafs Peteos eine attische colonie von Steiria nach Steins 
führt (Paus. X 35) hat zum gründe die homonymie der orte, die auswanderung 
bat, wie ähnliche combinationen, den zweck zu raotiviren, weshalb der epische 
Vertreter Athens der attischen sage fremd ist. 



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250 H i 

man an das historische^ Athen denkt, in dem sinne wie Herodot 
und der epigrammatiker der Hermenstoa die verse anwenden, 
ein ganz vortrefflicher sinn gewonnen würde, im sechsten Jahr- 
hundert, nach jener heeresreorganisation, welche Solons Verfassung 
genau ebenso mit sich brachte wie ihre nachbildung, die servi- 
anische, da war das attische heer allerdings taktisch so gut ge- 
ordnet wie keines der nachbarn. das bürgerheer war an die stelle 
des adelsheeres getreten. Boeoter und Chalkidier und der Spartiat 
Kleomenes erfuhren seine Überlegenheit, da war die gliederung 
in regimenter beim fufsvolk, da war jene cavallerie, jene Innas, 
gebildet aus den höchstbesteuerten, die der stolz Athens und seiner 
göttin ward, nur Nestor, der ahnherr des Peisistratos, verstand 
vielleicht die Organisation des heeres besser als der mythische 
herzog Athens im ilischen kriege, wenn die verse unter Peisis- 
tratos gedichtet sind, so haben sie ihre volle actuelle bedeutung; 
wenn sie vom dichter der Bonoiia sind, so sind sie für uns 
farblos, aber das genügt allerdings nicht zum sichern urteil: 
der dichter mochte ja auf verlorne Menestheustaten anspielen, 
vielleicht will jemand sich so herausreden. 

Darüber schafft uns der anstofs licht, den Dieuchidas nahm, 
ich brauche jetzt nicht mehr auf meinen nachweis mich zu be- 
rufen, es ist durch Urkunden mittlerweile festgestellt, dafs Salamis 
nie zu Athen gehört hat, dafs Peisistratos die insel mit des Schwertes 
schneide den Megarern, ihren rechtmäfsigen besitzern, genommen 
hat. 15 ) folglich können die verse nur in Athen zu Peisistratos 
zeit gedichtet sein, da sie Salamis als einen annex von Athen 
darstellen, folglich ist entweder die ganze Boiotia im sechsten 
Jahrhundert gedichtet, oder aber, da das unmöglich ist, die verse 
sind interpolirt, sind an die stelle der echten getreten und haben 
diese so vollkommen verdrängt, dafs selbst Dieuchidas, der den 
trug erkannte, weil er die ansprüche seines landes auf Salamis 



l& ) Aber da/auf weise ich bin, dafs ich damals schon nachdrücklich die folge- 
rungen bezeichnet habe, die sich für das B aus dieser tatsache notwendig ergaben 
(Herrn. IX, 326). man hat daraus nicht lernen wollen; selbst Niese hat den vogel 
straufs gespielt, ich selbst war damals freilich noch im glauben an die pisistra- 
tische recension befangen, wie ich auch eine periode des glaubens an Lachmanna 
lieder durchgemacht habe. 



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DIE PISISTRATJSCHE RECENSION 251 

kannte 16 ) (und sollte er das nicht im vierten Jahrhundert?), die 
originale fassung nicht aufweisen konnte, folglich kannte man 
im vierten, ja im fünften Jahrhundert von B nur attische exem- 
plare. die Vermutung des Dieuchidas ist nichts als eine Ver- 
mutung, aber sie ist richtig. 

Eine weitere folge ist, dafs die Athener sich vor jenem lake- 
dämonischen Schiedsgericht auf diese verse nicht berufen haben, 
dafs also die atthis und Aristoteles unter dem einflusse. einer inter- 
polation gestanden haben. Peisistratos berief sich auf das bessere 
recht des Schwertes, und er erhielt Salamis zugesprochen, indem 
er dagegen auf Nisaia, das er erobert halte, verzichtete, so habe 
ich das schon vor zehn jähren richtig dargestellt, erst die fol- 
gende zeit, die sich beschäftigte, Salaminische heroen zu annek- 
tiren, hat jene verse und nach jenen versen die berufung darauf 
erfunden: man vergleiche die von mir ebenfalls schon richtig 
dargelegten attischen annexionen von Megara durch das attische 
drama. es ist aber dann auch der schlufs geboten, dafs Dieu- 
chidas die attische fabel von der berufung auf Homer vor dem 
Schiedsgericht kannte, sie erst gab ihm die veranlassung, die 
unächtheit der verse zu beweisen und den Peisistratos der 
falschung zu zeihen, wir erhalten so als seine vorläge einen be- 
richt, der auf einen der ältesten atthidographen wie Hellanikos 
(den Dieuchidas notorisch kannte) Kleidemos Melanthios zurück- 
geht, schliefslich bestätigt dieser salaminische hader die ermittelte 
lebenszeit des Dieuchidas. Salamis ward bekanntlich den Athenern 
durch Kassandros genommen und blieb ihnen fremd bis 229. 
unter Gonatas gehörte es mit Megara und Korinth zu Makedonien, 
selbst als Athen frei war. danach war es so selbständig organi- 
sirt wie die attischen inseln des Archipel. Megara war und 
blieb seit den Zerstörungen durch Poliorketes und Gonatas oppidi 



10 ) Solon ist lediglich hereingezogen durch die elegie Salamis, an welche sich 
schon anfang des vierten Jahrhunderts ein Sagenkreis angesetzt halte, er hat 
weder Salamis erobert, noch dessen festen besitz erlebt, genaueres werde ich in 
anderem zusammenhange darlegen; vgl. inzwischen die ausgezeichneten forschungen 
Nieses (Histor. Unters, zu Ehren A. Schäfers), die besetzung von Nisaia kennen 
wir in der darstellung der atthis durch Aeneas von Stymphalos, bei Hermippos 
(Plutarch und Diodor IX) steht auch das erst in jüngerer fassung. 



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252 II 1 

cadmer, wie es Ser. Sulpicius nennt, der antagonismus gegen 
Athen, der hafs um Salamis hat keinen sinn, wenn Athen Salamis 
auch nicht mehr besitzt, nur dem vierten Jahrhundert gebührt 
diese revindication. die anspräche, die Dieuchidas erhob, hat 
Kassandros anerkannt. 

Genau dasselbe wie über die salaminische stelle des kataloges 
kann ich über die attische sagen, gewundert haben sich die alten 
wenigstens, dafs nur Athen von allen attischen orten genannt 
wird: vergleiche man doch, wie es in Boeotien oder Argolis 
steht, aber die neueren sind wie von blindheit geschlagen und 
meinen der zustand des B habe vor Solon existirt. wo ist Rha- 
mnus, Marathon, Thorikos, Aphidna, wo ist vor allem Eleusis? 
wie? diese centralisation der attischen landschaft, die das B zeigt, 
soll vorsolonisch sein? zeigt sie etwa der hymnos an Demeter? 
nach dem was ich über die geschichte von Attika ausgeführt 
habe, ist es ganz unabweislich, die stelle des B für nachsolonisch 
zu erklären, darüber verliere ich keine worte. recht hatten also 
Dieuchidas und Zenodotos; sie schnitten nur noch zu zaghaft, 
die ganze stelle ist interpolirt und zwar erst in pisistratischer 
zeit, aber diese zeit hat die ganze folgende beherrscht; denn, 
leider, leider gibt es keine spur der originalen fassung. 

Megara fehlt in der Boiotia ganz, und Niese hat daraus 
noch jetzt, nachdem er seine ursprüngliche atisicht modificirt hat, 
einen terminus ante quem erschlossen, warum rä ueyaqa^ ,die 
herrenburg 4 , des dorischen einwandereradels, nicht genannt ist, 
das ist wol einzusehen, es ist eine der jüngsten dorischen siede- 
lungen, jünger als Korinth, von süden her besetzt, aber die 
landschaft selbst muss doch im B vorhanden sein, und wenn sie 
fehlt, so liegt der irrtum des Atheners Apollodor sehr nahe, dafs 
eben Attika damals soweit gereicht hätte, wie Perikles und So- 
phokles es gern ausgedehnt hätten, in Wahrheit fehlt Megara 
gar nicht, es steht ganz ausdrücklich unter den boeotischen 
städten Nladv %e £a#£i?r 508, wozu Apollodor (Strabon 405) be- 
merkt, dafs einige I<fov conjicirten, ij yäq Nlaa ovSapov tpairexai 
rrfs Boiwjlag. [xal m&avov äv e]tt]' ei fir} tijv NXaav ovtmg et- 
Qtixev r\v yaq ö[ßwvvfio$ Tg] Meyaqixß ixei&ev aTKpxufinevri tzqog- 
%(OQog %ov Ki&cuqqovos, ixUXewiai de vvv (die ergänzungen scheinen 



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DIE PISISTRATISCHE RECENSION 253 

mir evident). 17 ) folgt noch eine conjectur. die ratlosigkeit zeigt 
sich eben so deutlich wie die Voreingenommenheit, die an alles 
andere eher denkt als an die ehemalige Zugehörigkeit der Megaris 
zu Boeotien, die sich doch selbst nach dem aufkommen des namens 
Megara in MeyaQSvg, dem söhne des Onchestos, in den kindern 
des Thebaners Kreon, Megareus und Megara, 18 ) wie für ältere zeit 
in vielen andern sagen, die man bei Pausanias z. b. nachlese, zeigt, 
von dieser seite also ist in der Boiotia alles in Ordnung, hätte 
Megara noch localantiquare etwa in den jähren 230 — 190 gehabt, 
wo es teils wirklich zu Boeotien gehörte, teils wenigstens eine boeo- 
tische partei darin war, so würden wir die richtige ansieht ver- 
mutlich aus derselben politischen befangenheit heraus erhalten 
haben, die jetzt vom attischen Standpunkte aus den Apollodor zu 
einer unrichtigen geführt hat. 

Denn so bereitwillig man auch dem Dieuchidas allen rühm 
zollen wird, den eine richtige conjectur verleihen kann: geleitet 
hat auch ihn nicht die vorurteilslose forschung, sondern der 
Scharfblick des hasses. grund genug hatte er zu dem hasse 
gegen Athen, da er ein Megarer war, der das elend des archi- 
damischen krieges entweder selbst als kind erlebt oder von seinen 
eitern gehört hatte, aber er hat auch räche an Athen nehmen 
wollen und genommen. Megarer sind es, die da rufen: die 
Athener haben das epos gefälscht. Megarer waren es, Megarer 
des vierten Jahrhunderts, von denen Aristoteles und seine schüler 
wufsten, die da riefen: Athen will die komoedie erfunden haben? 
das ist gelogen, wir sind's gewesen. Susarion lebte hundert 
jähre vor euern ältesten komikern. ihr wollt die tragoedie er- 
funden haben? lüge: das waren die Sikyonier, Epigenes an der 
spitze; ja eure gefeierte euripideische Medea ist nichts als ein 
plagiat an Neophron von Sikyon. ihr Ionier wollt den Apollon 
Agyieus als euren naxQ^og verehren? lüge: unser dorischer 
Apollon ist es (Dieuchidas bei Harpokration). diese traditionen 
habe ich allmählich und einzeln gefunden: 19 ) unter dem einen 

17 ) Dafs Dionysios KaklK^iSyrog 101 dies Nisa, als ob es existirte, angiebt, 
hat bei diesem miserablen ausschreiber nichts auf sich. 
lf ) de Eurip üeraclidis 11. 
I9 ) Herrn IX 338. XV 487. Comm. gramm. II 8. 



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254 t» 1 

gesichtspunkt schliefsen sie sich zu einem bilde zusammen, sie 
tragen und stützen sich gegenseitig, und wie das litterarische 
leben des vierten Jahrhunderts dadurch um einen bezeichnenden 
zug bereichert wird, so erscheint auch die hypothese der pisis- 
tratischen interpolation erst in diesem lichte ganz verständlich 
und klar. 

Nur die interpolation konnte Dieuchidas erschliefsen ; die 
recension muste für seine ansieht etwas gegebenes sein, es fragt 
sich, was man dabei zu denken hat. existirte wirklich die tradi- 
tion von Orpheus Onomakritos Zopyros? wenn sie wahr ist, so 
muss sie ja wol auch existirt haben, wenn wirklich die sache 
sich so verhielt, dafs eines tages eine anzahl leute zusammen- 
traten, um einen canonischen Homertext zu fixiren (von der 
sainmlertätigkeit zu geschweigen), und dieser text dann verviel- 
fältigt und verbreitet ward, wenn wirklich Peisistratos biblio- 
thekarische neigungen verspürte, so muss ja wol auch zu Dieu- 
chidas eine künde von dem gekommen sein, was spätere und 
ganz späte compilatoren berichten, aber diese geschichte verdient 
wirklich den spolt, den Lehrs über sie ausgiefst. die geschichte 
ist schon viel zu ausführlich als dafs sie alt und echt sein könnte, 
weder die chronik noch die Urkunden konnten davon ettoas be- 
richten, und wo hat es sonst verläfsliche berichte über Peisistratos 
gegeben, wenn man von Herodot absieht? erst mit dem falschen 
Aristeas und den 70 dolmetschern tritt die letzte trübung ein, 
aber schon vorher benimmt sich Peisistratos genau so wie Ptole- 
maios mit seinen beratern. wie die alten dichter und philosophen 
durch die peripatetiker und ihre nachfolger sich in menschen des 
dritten Jahrhunderts wandeln, so sind Peisistratos und seine hof- 
philologen ein abklatsch von Ptolemaios und den Sammlern 
des Museion. Onomakritos vollends wird dadurch, dafs er bei 
Herodot mit der Sammlung von orakeln beschäftigt erscheint, ver- 
dächtigt statt bestätigt, diese geschichte kann ein an historische 
kritik gewöhnter mensch heut zu tage nur für eine ausmalung 
ansehen, welche die ,zeit der ausgebildeten grammatik 4 mit der 
sehr viel einfacheren älteren tradition vornahm, dafs Peisistratos 
den Homer, den er sammelte, interpolirte. aufserdem erscheint 
hier die Sammlung schon $ls die herstellung einer Ordnung, als 



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DIE PISISTKATISCHK RECENSION 255 

ein philologisches geschäft, wovon weder Peisistratos noch Dieu- 
chidas irgend eine Vorstellung haben konnten, da es noch keine 
Philologie gab, und sie setzt eine Unordnung vorher voraus, bei- 
nahe also etwas lachmannisches. das liegt der zeit des Dieuchidas 
um so ferner, als diese hypothese doch erst durch die noch jetzt 
vorhandenen discrepanzen hervorgerufen werden konnte, welche 
im vierten Jahrhundert niemand bemerkte, endlich ist diese lach- 
mannische ansieht, wie sie im Iosephus steht, auf Peisistratos 
angewandt einfach falsch; denn die Ilias und die Odyssee sind 
in ihrer jetzigen gestalt notorisch älter als Peisistratos. 

Was lag denn aber in Dieuchidas Vorstellung? da er mit der 
annähme einer interpolation im B recht hat, können wir auch 
gleich so fragen: wie ist es denn aber zugegangen, dafs das B 
nur in der interpolirten fassung fortgelebt hat? das hat nicht in 
einem einmaligen willküracte seinen grund, sondern in einem all- 
mählichen historischen processe, der uns übrigens sehr gut be- 
kannt ist. es ist das gar nichts besonderes, gar nichts was den 
alten sehr bemerkenswert erscheinen konnte, das liegt an dingen, 
die man freilich nicht mit belegstellen erhärtet, die aber grade 
darum die sind, über die man sich erst völlig klar sein muss, eh 
man die belege richtig verwenden kann. 

Das Athen des siebenten Jahrhunderts war eine Hellenenstadt 
von vielen, es hatte seinen eulturkreis für sich und erweiterte 
denselben allmählich, unter einer die bürgerliche freiheit und 
den wolstand sichernden Verfassung und daneben einer in den 
formen der gesetzlichkeit regierenden herrschaft wolmeinender 
und tüchtiger männer war ihm die zeit und die ruhe gegeben, 
die bildung von ost und west, von Ionien und Korinth, anzu- 
ziehen, in sich aufzunehmen und zu verarbeiten, die marmor- 
malerei kommt von Ionien, die topfmalerei von Korinth: Athen 
ahmt beides nach, bis es in der rotfigurigen Vasenmalerei und 
im fresco eine neue eigene höhere kunst erzielt, aus Ionien 
kommt der iambus, aus Korinth der dithyrambus: Athen übt sich 
in beiden, bis es durch ihre Vereinigung die form der tragödie 
erschafft, das epos ist in Ionien und in Korinth geübt, in Argolis 
und Boeotien; durch die annexion von Elousis ward eine stalte 
hieratischer poesie selber athenisch, aber das epos war aller- 



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256 II l 

orten jn verfall, in Ionien unter dem einflufs neuer lebensformen 
und geistiger tendenzen schon fast erstorben, in den adelskreisen 
des festlandes immer mehr durch die gewerbsmäfsig betriebene 
chorische lyrik in den schatten gestellt, auch Athen gieng ab 
vom epos, sobald es im drama der heldensage ein neues eigenes 
schöneres gefafs geschaffen hatte: aber der neuschöpfung gieng 
nachahmung voraus, das epos ward in Athen gern gehört, gern 
gelernt und gelesen; es unterlag demnach derselben metamorphose 
in Athen, der es allerorten unterlag; zum teil unwillkürlich, indem 
die attische spräche eindrang, wo sie konnte, zum teil durch ein- 
und nachdichtung, indem die lehrenden und lernenden, die ge- 
werbsmäfsigen und die gelegentlichen erzähler, die Überlieferung 
mit derselben freiheit behandelten, wie es seit den tagen der 
ersten dichter alle getrieben hatten, die das epos weiter gegeben 
hatten, zu den chiischen, milesischen, halikarnassischen, kypri- 
schen, korinthischen schichten, die über dem alten aeolischen 
grundstocke sich abgelagert hatten, trat die jüngste, die atheni- 
sche, das war nichts qualitativ neues; weder passirte dem Homer 
etwas anderes als jedem in Athen gelesenen und gesungenen 
dichter, noch passirte dem Homer in Athen etwas anderes, als 
ihm seit Jahrhunderten allerorten passirt war. 

Mit den heldentaten und erfolgen von 509 490 480 469 trat 
etwas neues und unerhörtes ein. Athen hob sich zur capitale von 
Hellas, und mochte sein politischer vorrang bestritten sein, an der 
geistigen Suprematie war nichts zu ändern, was nicht in Athen 
aufgieng, verkümmerte, epos und chorische lyrik, ionische und 
peloponnesische kunst stirbt ab: Aischylos und Pheidias siegen, 
die bildungselemente aber, welche aus der vorzeit sich erhalten, 
erhalten sich zum überwiegenden teile durch Athen, der stürz 
des reiches bringt darin keinerlei änderung hervor; der politische 
Untergang Athens steigert sogar nur den geistigen einflufs. Athen 
centralisirt die bildung: kein wunder, dafs die nachweit den 
Homer durch Athen empfieng; Athen centralisirt den buchhandel: 
kein wunder dafs man nachher nur attische Homere hatte, ja, 
wenn wir es nur typisch verstehen, dann ist wahr, was Ritschi 
annahm, dafs alle alexandrinischen exemplare aus dem pisistrati- 
schen stammen, alle folgenden exemplare, das des Herodotos 



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DIE PISISTRATISCHE RECENSION 257 

und Dieuchidas voran, tragen die spuren des einflusses welchen 
die attische cultur des sechsten Jahrhunderts auf den text aus- 
geübt hat. aber nicht die Weisheit oder die tücke einzelner 
menschen hat das herbeigeführt: es sind einzelne concrete folgen 
einer grofsen geschichtlichen Ursache, wer einen willen darin 
sehen will, kann nur den willen gottes darin sehen; kein sterb- 
licher hat es gemacht noch hätte es verhindern können, auch 
hier aber passirt dem Homer keineswegs etwas ganz beson- 
deres, dem Pindar z. b. und dem Epicharm ist es nachweislich 
eben so gegangen, beider dichter dialekt ist in unsern texten, 
d. h. den alexandrinischen texten, einheitlich im allgemeinen und 
hat seine bestimmte form wie der Homers, aber Pindar und Epi- 
charm haben so wenig diese spräche gesprochen oder geschrieben 
wie Homer, sondern die attische oder attisch gefärbte spräche 
des vierten und dritten Jahrhunderts hat die originale rede der 
dichter inficirt. fast für die gesammte archaische litteratur ist 
derselbe tatbestand augenfällig: wenn sich einmal ein Schriftstück 
in aufserattischer Überlieferung bis zu den Alexandrinern gerettet 
hat, so sieht es auch ganz anders aus; nicht weniger entstellt ist 
es, denn die modernisirung des textes ist ja nichts speciflsch 
attisches, aber anders entstellt: man sehe Korinna und Alkman. 20 ) 
die geschichtliche Stellung Athens bedingt, dafs die Alexandriner 
und also auch wir einen attischen Homer lesen, wir würden 
einen anders entstellten, aber auch einen entstellten lesen, wenn 
statt Athen etwa Korinth die weltgeschichtliche rolle gespielt 
hätte, dann würden wir nach korinthischen interpolationen mit 
mehr oder minder erfolg suchen, und würde in einer darstellung, 
die die historischen processe als handlungen bestimmter individuen 
ansieht, eine periandrische recension, eine periandrische bibliothek 
und Sammlung erscheinen, die möglichkeit ist in abstracto gar 
nicht zu bestreiten, dafs im vierten oder dritten Jahrhundert hand- 
schriften existirt haben, welche vom attischen unbeeinflufst waren. 
Zenodots Homer war ja wirklich sehr viel ionischer als der des 
Aristophanes, weil Zenodot ein Ionier war. aber die abstracte mög- 
lichkeit hilft zu nichts; das concrete factum ist für keinen vers er- 



*>) Näheres im dritten capitel. 
Philolog. Untersuchungen VII. 17 



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258 . II l 

wiesen und wird in irgend wie erheblicher ausdehnung nie mehr 
erwiesen werden können, denn ungeheuer ist die macht der ge- 
wohnheit, und die zeit macht zwar Vernunft zu irrtum, recht zur 
plage, aber noch viel häufiger heiligt sie die occupation und zer- 
malmt das . ehedem gleichberechtigte, wenn wirklich, wie es ja 
tatsachc ist, der vulgäre Homertext, den Aristoteles und Aristo- 
phanes und Aristarch in der klippschule lasen und lernten, unter 
dem übermächtigen einflusse des attischen stand, so stand er 
deshalb der spräche um so näher, die allen drei männern, obwol 
es nicht ihre muttersprache war, als die allein gebildete und allein 
schrift gemäfse galt, gesetzt, ihnen wäre ein argivischer oder 
selbst ephesischer Homer begegnet, so würden sie ihn als ent- 
stellt und interpolirt bei seite geschoben haben, zum teil mit 
recht, in so weit als er eine epichorische entstellung erlitten hatte, 
die der attischen parallel war, zum teil mit unrecht, in so weit 
die attische entstellung dinge ergriffen hatte, die in Argos und 
Ephesos unbeanstandet blieben. 

Schon ein menschenalter vor Aristoteles las Dieuchidas einen 
attischen Homer, er muste selber attisch schreiben, so gut wie 
sein landsmann Theognis hatte ionisch schreiben müssen: das 
ist das los eines unbedeul enden volkssplitters. aber mit seiner 
mutter sprach er doch megarisch, und die empfindung, dass der 
Homer attisch gefärbt sei, konnte ihm unmöglich entgehen, er 
bemerkte auch einzelne entstellungen und erhob darauf hin die 
anklage der fälschung. Zenodotos der Ephesier empfand den 
noch viel berechtigteren Ionierstolz und durfte den dichter für 
seinen landsmann halten, deshalb folgte er dem Dieuchidas in 
seinen athetesen und griff nach Ionismen, wo er konnte, sowol 
nach echten und wahren wie nach solchen, die erst entstellungen 
des attischen Homer waren, wie ixdöeväov und if.ieüisaav. hundert 
jähre später wird der attische Homer kanonisch. Aristarch er- 
kennt, da Aristophanes die dialekte und die archaischen texte 
aufgearbeitet hat, die attische form des epos sehr gut. aber er 
zieht nicht den schlufs auf attische entstellung, sondern ersinnt 
eine hypothese, welche die erscheinungen des textes durch eine 
willkürlich erfundene historische erklärung motiviren will: Homer 
war von geburt ein Athener und dichtete in seiner neuen heimat 



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DIE PISISTRATISCHE RECENSION 259 

Ionien. es ist eine hypothese, geistreich und consequent, würdig 
eines einseitig grammatisch gebildeten grofsen analogisten, 
aber allerdings geeignet zu zeigen, dafs dieser in seiner weise 
gröfste antike philologe jedes historischen sinnes bar und blofs 
war: eine hypothese wie dazu geschaffen, dafs Cobet sie glaube, 
es ist nur recht, dafs die im altertume triumphirende aristarchi- 
sche schule der tradition von einer pisistratischen recension keinen 
weitern wert beilegt als einzelne athetesen zu motiviren; den hatte 
das schulhaupt selbst ihr eingeräumt, sehr merkwürdig, aber 
leider nur durch ein zeugnis zu belegen, ist es, dafs nun eine 
ionische recension und interpolation auf das tapet gebracht ward, 
die Homeriden von Chios, Kynaithos (um 500 v. Chr.) an der 
spitze haben den Homer interpolirt und ihm ihre eigenen mach- 
werke, z. b. den Apollonhymnus, untergeschoben. 21 ) es ist die 
vollkommene parallele zu der pisistratischen recension von einem 
andern Standpunkte aus. 

Neben den orthodoxen anhängern der aristarchischen lehre 
gab es glücklicherweise auch ketzer. Dieuchidas hatte so wenig 
wie irgend einer im vierten Jahrhundert mit der pisistratischen 
Sammlung ein kritisches geschäft verbunden, er gab die tatsache 
der attischen gestalt des texles in einer concreten persönlichen 
form um die insinuation der fälschung daran zu knüpfen, die Ilias, 
die man falschen kann, hat vorher echt bestanden, ohne zweifei 
gab er auch nur ein par proben von fälschungen: er schrieb ja 
nicht über Homer, sondern über Megara. aber andere kamen 
und benutzten das weiter; zunächst auch nur zur erklärung von 
interpolationen. ich will sie hier zusammenstellen, obwol das 
meiste sehr bekannt ist. das A der Odyssee hat Polygnot genau 
so gelesen wie wir es lesen : das zeigt sein bild in der lesche der 
Knidier zu Delphi, aber Hereas 22 ) der Megarer erklärte X 631 



21 ) Schol. Pindar. Nem. 2. (auch bei Eustath. vorrede zur Ilias p. 6). daran 
dafs Kynaithos ein wirklicher mensch und ein Zeitgenosse des Simonides etwa ge- 
wesen ist, hat man nicht zu zweifeln recht, leider ist es bisher nicht gelungen, 
eine Zeitbestimmung oder einen Verfasser für das scholion zu gewinnen. 

22 ) Hereas, oder wie er eigentlich hiefs, Heragoras (comment gramm. II 8) 
gehört auch der zeit vor Hermippos an, der ihn bei Plut. Solon 10 citirt, und der 
zeit vor Istros, auf den die stelle im Tbeseus 20, wo er auch 32 noch vorkommt, 

17* 



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260 II 1 

für interpolirt durch Peisistratos (Plut. Thes. 20), wie sich die 
Alexandriner dazu verhielten, ist nicht überliefert. 602. 3 ward 
nach diesen von einigen dem Onomakritos zugeschrieben, dafs im 
X wirklich eine attische interpolation steckt, ist oben eingehend 
dargelegt, den zweifei, den Chairis über rj 80 notirte, haben wir 
schon gesehen, y 207 warf Zenodot eine erwähnung Athens 
heraus; seine gründe fehlen, aber die scheinbare berechtigung 
werden wir ihm nicht mehr abstreiten, wir verstehen den vers 
nicht mehr und dürfen ihn natürlich nicht andern, eine conjeetur 
in B 571 erklärt Pausanias VII 26 ausdrücklich damit, dafs die 
Überlieferung pisistratische fälschung sei. aus der randnotiz in 
einem venezianischen exemplar der editio prineeps zu B 203 citirt 
Dindorf (schol. I p. XXIV) N 6 <P iXeyev ort ravta xaXwg et xal 
ws ano neuSHSTQdxov. endlich fehlt zu A 265, der erwähnung des 
Theseus, nur deshalb ein scholion, weil der ganze vers fehlt, es 
ist evident, dafs Aristarch und seine Vorgänger ihn wie B 558 
behandelt haben. 23 ) 

Das sind freilich kleinigkeiten, und nur für B i\ X können 
auch wir mit vollkommener evidenz so wol attische interpolation 
wie die herrschaft derselben im fünften Jahrhundert beweisen, 
das factum, dafs attische interpolationen da sind, ist wichtiger als 
die einzelne interpolation. so schien es auch jenen ketzern, die 
auf diesem durch richtige hypothese erschlossenen factum weiter 
bauten, es fehlten ja auch im altertume nicht unbefangenere 



angehört, ein Megarer Hereas erscheint auf den stein Mitteil. Ath. VIII 187. ich 
will ihn nicht identificiren, aber das vorkommen eines solchen namens in ziemlich 
derselben zeit am selben orte ist immerhin zu bemerken. Athenaeus hat zweimal 
dasselbe citat aus den Ktoaxu eines Makareus (VI 262. XM 639): ein Koer 
Makareus war im dritten Jahrhundert als architheore auf Delos Bull. Corr. Hell. VI, 
rechnung aus dem jähre des Demares z. 35. dieselbe Urkunde erwähnt mehrfach 
einen 2?,uo± Kooittüöov als UQonotoq: das wird der bekannte Schriftsteller sein, 
der in dieser zeit notwendig gelebt haben muss. von dem Kyniker Teles habe 
ich nur bewiesen, dafs er in Megara gelehrt hat, nicht dafs er ein Megarer war: 
dafs der name megarisch ist, lehrt der stein Le Bas Foucart II 29. 

**) Dem folgen die neueren, aber sie tun unrecht, erstens weil der dichter 
der Uanig 'HQaxkiovg 179—183 den vers gelesen hat, zweitens weil die annähme, 
dafs die Eentauromachie der Lapithen jemals ohne Theseus bestanden habe, ganz 
unerwiesen und schwerlich erweislich ist. 



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DIE PISISTRATISCHE KECENMON 261 

und schärfere köpfe, die an der aristarchischen panacee, dem 
obelos, kein genüge fanden, der sieg des aristarchischen dogmas, 
xatneg Xoyov ovx exovzoc, hat uns nur um das meiste gebracht, 
was diese ketzer lehrten, nur durch die schlechten Widerlegungen 
Aristarchs kennen wir die chorizontcn, obwol heute nur noch 
leute, die man nicht rechnen soll, mit Aristarch gegen Xenon und 
Hellanikos stimmen, solche leute waren es, die die anstöfsc der 
rXavxov xai Jio/xijdovg öfuXUx, der leixo^iaxia durch Umstellung, 
verkehrt allerdings, zu beseitigen versuchten, wie wollten sie 
eine Umstellung motiviren? sie griffen zur hypothese der pisis- 
tratischen Ordnung, sie verfolgten die consequenzen, welche diese 
alte tradition notwendig in sich barg, welche aber erst die zeit 
ausgebildeter philologie ziehen konnte, sie combinirten damit die 
vereinzelte recitation der rhapsodien und die nichtexislenz der 
schritt unter den herocn des epos. so gewann die recension den 
Charakter der neuordnung, sie ward rationalistisch ausgemalt, und 
neben der aristarchischen philologie, die die textbehandlung be- 
herrschte, figurirte diese pisistratische Sammlung in der öffent- 
lichen meinung, in der litterargeschichte oder vielmehr der fable 
convenue, die an deren platz stand, unbehelligt. Cicero gibt sie, 
schwerlich aus einer bestimmten quelle, (welche mit Düntzer zu 
suchen aber doch weit historischer war, als mit Niese Cicero den 
ältesten zeugen derselben zu nennen, gleich als ob sie nicht des- 
halb grade viel älter sein müste); Athenodoros Kordylion kennt 
sie, 24 ) und schon vorher Asklepiades von Myrlea; 25 ) Iosephus 
kennt sie, Aelian, Pausanias, Sueton (Nauck lex. Vind. 279); was 
liegt anders der tradition zu gründe, dafs Peisistratos die erste 
bibliothek gegründet hat? wenn also selbst leute von sehr mittel- 
mäfsiger bildung wie von etwas ganz bekanntem von der pisis- 



2 *) Denn so nur kann auch ich seine nennung bei der pisistratischen redac- 
tion in den pariser prolegomena zu Aristophanes auffassen. 

*) Dieser bezeugt bei Suidas den 'Ogytvs KQOTiüvwttjs. ein späterer 
Schwindler hat demselben mann, der für Asklepiades noch granitnatiker war, epen- 
titel beigelegt, die Vermutung, dafs die pisistratische recension ihre ausgeführte 
gestalt in der krateteischen schule erhalten hat, liegt nahe: fortgepflanzt ist sie 
offenbar durch jene, aber es gab z. b. auch Zenodoteer im zweiten Jahrhundert, 
hier bleibt genauere aufklärung mehr zu hoffen als zu erwarten . 



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262 II 1 

tratischen Sammlung reden, so müsten Varro Didymos Apion ja 
schuppen vor den äugen gehabt haben wie ein moderner einheits- 
hirte, wenn sie nichts davon gewust hätten, und nicht blofs 
Wolf, auch Lachmann hat seine Vorläufer, wer es auch war, der 
die Dolonie ausgesondert hat, weil sie ein selbständiges gedieht 
wäre, er hat damit den entscheidenden schritt über die inter- 
polationshypothesen des Aristarch und des Zenodot und aller 
antiken kritiker getan: ja er ist weiter gewesen als Lachmann, 
denn er verlangte für das einzellied die innerliche einheit, welche 
in Wahrheit die condicio sine qua non für jedes kunstwerk ist. 26 ) 
auch dieser antike Lachmannianer rechnete mit der pisistratischen 
Sammlung, er bediente sich dieser hypothese, an die er glaubte, 
ohne zu prüfen, er erkannte nicht dafs es eine hypothese 
ist, und in dieser form eine ganz falsche, das ist das wesent- 
liche, weder totschweigen noch lächerlich machen noch glauben 
dürfen wir die pisistratische Sammlung: es ist eine weitverbreitete 
alte tradition. aber sie entstammt der hypothese, und diese hypo- 
these verallgemeinert zugleich und specialisirt einzelne vorher 
richtig erschlossene facta und einen notorischen tatbesland, der viel- 
mehr das ergebnis eines historischen processes ist. für uns erklärt 
die hypothese im Homer gar nichts, aber schon im altertume hat 
sie mittelbar segen gestiftet wie in der neuzeit: Lachmann und 
seine antiken Vorläufer haben sich ihrer bedient, um erscheinungen 
zu erklären, die freilich anders zu erklären sind, die ihnen aber 
dieser glaube zu erkennen kraft und mut gab. 

Ein bedenken muss die darstellung erwecken, welche ich von 
Dieuchidas annähme einer pisistratischen Sammlung gegeben habe, 
wie konnte er, in so wenig philologisch geschulter zeit, aus dem 
blofsen zustande des textes schon auf eine attische Sammlung 
schliefsenV dies bedenken zu entkräften habe ich mir aus rück- 
sichten der composition auf diesen ort verspart. Dieuchidas wüste, 
dafs noch zu seiner zeit, in Athen gesetzliche bestimmungen für 
den Vortrag der homerischen gedichte an den Panathenaeen 



20\ 



:rt ) Schol. Dionys. Thr. 768 Bekk. nolqpa .... avyray/ua zo iv uiizy (ry 
uitt?) vulg) «V/'i^ *"' Tdkog £x oy i onoTov ioti rö K xiis 7A*«cfo$, tj vvxttyQtoia 
xakov/uiyij. 



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DIE PISISTRATISCHE RECENSION 263 

bestanden, welche man den Stiftern der festordnung, wen man 
grade dafür ansah, zuschrieb, die verschiedenen formen in denen 
die notiz auf uns gekommen ist, sind genau so gleichgiltig wie 
die verschiedenen personen, die hie und da genannt werden, 
eine concordanzkritik, wie sie selbst Ritschi (op. I 56) noch be- 
folgt, die Solon und Hipparchos gleichmäfsig das ihre geben will, 
ist für jeden verständigen jetzt gerichtet, es ist nur ein neuer 
beleg aus unzähligen, wie impotent die conciliatorische litteratur- 
geschichte war, wenn man e$ vnoXrjipewg und i£ vnoßofojg unter- 
schieden, und demgemäfs zwei festordnungen angenommen findet, 
obwol das einzige für *£ v7ioßo?.rjg vorliegende zeugnis (Diogen. 
I 57) die erklärung hinzufügt olov onov 6 ngwiog ek^ev ixelfrev 
aQX€<f9cu tov exofievov, also die identität mit t£ vnoXijipswg fest- 
stellt, an den panathenaeen bestand von altersher, vielleicht seit 
566, die Verordnung, dafs die rhapsoden nicht mit beliebigen 
stücken, sondern in der reihenfolge das epos vortragen solllen. 
das war in anbetracht, dafs das epos zu grofs für einen war, 
eine notwendige bestimmung, falls man am ganzen interesse 
hatte, schwerlich war es eine vereinzelte besonders weise athe- 
nische bestimmung; es war nur in Athen mehr Ordnung im feste 
überhaupt, und dem vierten Jahrhundert, das nur noch wenig 
von den rhapsoden hielt, war das ganze eine antiquität. eine 
lesende weit konnte auf die continuität längst nicht mehr solchen 
wert legen, wenn nun aber die bestimmung bestand und beob- 
achtet wurde, so gehörte dazu freilich ein exemplar des ganzen 
epos, ein officielles und constantes. es ist genau dasselbe wie 
das staatsexemplar der tragödien, das Lykurg dem yqanixaiBvg 
trjg noXewg 21 ) übergab, wer also die anordnung dem sechsten 
Jahrhundert zuschreibt, der muss auch heute noch wie Dieuchidas 
demselben Jahrhundert die beschaffung eines solchen exemplares 
zuschreiben, dieses mit den attischen falschungen zu combiniren 
lag nahe genug, und für Dieuchidas reicht diese combination aus. 
in diesem ,staatsexemplar* den archetypus aller erhaltenen Homer- 
exemplare zu sehen, ist freilich verführerisch und zu verwundern 
wäre nicht, wenn kritiker des altertumes eine ähnliche ansieht 



21 ) Herrn. 14, 151. 



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264 II l 

verfochten hätten wie Ritschi, aber besser ist, sich keine Illu- 
sionen zu machen, dafür grade Ist die analogie des lykurgischen 
tragikerexemplars von wert, welches auch nicht die mindeste be- 
deutung im altertum gehabt hat. der staatsschreiber von 566 
mag sich auf ratskosten einen vollständigen Homer gekauft haben, 
der auf dem stadthause im actenschrank sub rubr. Panathenäen 
zu liegen kam. hundert jähre später, und gar zweihundert jähre 
später war die festordnung und der ratsschreiber eine antiquität? 
wollte er die rhapsoden controlliren, so griff er nicht in den 
actenschrank, sondern in seine eigene oder seines schulpflichtigen 
sohnes bücherkiste, wenn er nicht aus der schule behalten hatte, 
dafs auf die jtiaxij naQanoidf.uog die "ExtOQog ävaiqsGig oder 
auf rä tisqI KiQxr{v die vexvta folgt, und wenn der Schreiber 
gar nicht eingriff: die controlle konnten jetzt die preisrichter und 
das publicum alleine vornehmen, das niveau der bildung war so 
weit gestiegen, dafs die ehedem wertvolle institution überflüssig 
geworden war. für die beurteilung der pisistratischen recension^ 
und der homerischen poesie selbst ist die panathenäische fest- 
ordnung an sich ohne wert, wie sie ohne einflufs auf den text 
bleiben muste. nur das kann man nicht nachdrücklich genug 
einschärfen, dafs diese officielle institution eine reihenfolge wahren 
soll, also eine einheit voraussetzt, wer auch nur einen schlufs 
machen kann, muss erkennen, dafs die homerischen gedichte zu 
der zeit, wo diese bestimmung erlassen ward, feste und ge- 
schlossene form hatten, mit andern worten, dafs damals unsere 
Ilias und Odyssee existirten. folglich ist die pisistratische Samm- 
lung, an die Bentley und Wolf, Hermann und Lachmann geglaubt 
haben, eine bare Unmöglichkeit. 

Ein corollar dieser frage wieder ist die bedeutung der vno- 
ßokij. man mag sich scheuen, sie zu berühren, da die ersten 
Philologen so erbittert darum gefochten haben, die sache scheint 
doch aber jetzt recht einfach, und über die schwächlichen Schön- 
färbereien und jeremiaden von Nitzsch ist die Wissenschaft längst 
zur tagesordnung übergegangen, was der gewährsmann des 
Diogenes mit vnoßolij hat sagen wollen, sagt er in der erklärung 
mit klaren worten. dafs e£ vnoßokrjg elnetv bedeutet, , reden auf 
grund dessen, was einem vorgelegt, d. h. vorgesagt oder ange- 



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DIE PISISTRATISCUE RECENSION 265 

geben wird' ist eben so klar, es kann also nur die aufgäbe sein, 
den irrtum zu erklären, den der gewährsmann des Diogenes be- 
gangen hat. damit hat Böckh die teische inschrift combinirt 
(GIG 3088), wo unter den gegenständen des agon, welcher an 
dem teischen erziehungsinstitut die stelle unseres öffentlichen 
exaraens am semesterschlusse vertrat, vnoßoXi\g und vnoßoX^g 
dvianodoaswg erscheinen, die sich, wie niemand bestreiten kann, 
irgendwie auf die declamation epischer gedichte beziehen, es 
gilt also eine combination zu ersinnen, welche diese beiden stellen, 
die des Diogenes, und zwar unter annähme eines irrtums, und 
die der inschrift erklärt, auszugehen ist von der inschrift; und 
da sagt die grammatik, dafs vnoßoXi]g irix^aev oatig vnoßaXmv 
irixiföev; zum vnoßdX?.€iv gehören zwei: o fiiv vnoßdXXet, tcj> <T 
in T Q<p v/ioßdXXerai. es ist also nicht ein agon, in dem beide das- 
selbe tun, und der siegt, der es besser macht, sondern einer, wo 
wirklich ein kämpf stattfindet, was tut nun der andere, if> vno- 
ßdXXeiai? ich wüste das nicht anders auf griechisch zu sagen, als 
dnodldwaiv zijv vnoßoXrjr, und wenn er nun seinerseits vnoßdXXet, 
oder wie man dann sagen muss dv&v/ioßdXXei, so tut der andere, 
was ich wieder auf griechisch nicht anders ausdrücken kann als 
avTCLTtodidwöiv ti)i' vnoßoXrjv. er siegt also vnoßoXrjg dvia/toSöoewg^ 
d. h. inoßoX^v dvianodovg. solche agone gibt es noch; wir 
brauchen also keine unbestimmte ahnung, noch eine geschraubte 
redeweise wie selbst Lehrs quaest. ep. 220 sie einführt, vielver- 
breitet ist noch heute ein agon vrioßo/^g und vnoßoXi\g dvianoäo- 
aecog als gesellschaftsspiel. ,tellerdrehen* heifst es jetzt, jeder 
mitspieler wählt sich einen dichter, den er zu kennen behauptet, 
nun dreht einer einen holzteller xal vnoßdXXet ov av ßovXrjtat 
enog twv alqe^eviißv TioitjTwv' elta avaöxdvia xal vizoXaßovxa %6v 
mvaxiöxov dnodidovav %Q*l T <* exofieva tov enovg iöv ixXe%avta 
eavtqi ibv vnoßaXXo/xevov noitjtjjv' xal ev wQa fiev a7todiäovg 
vtxtf, idv <T vnoßaXovra avitig XQ*I vnoßaXeTv ez£Qq), idv de ßQadvvfo 
äote xazaneaövta rjdt} ipotprjGcu %6v mvaxfoxov, aviöv XQ*1 dvtarto- 
didovat, triv vnoßoXrjv. diese erinnerung werden viele teilen; ich 
kann aber auch aus der Schulzeit die erfahrung citiren, dafs wir 
in Pforte uns auf den Spaziergängen an v7roßoXrj und dvianodoaig 
vnoßoXrjg catullischer hendekasyllaben weidlich vergnügt haben, 



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266 II l 

um sie uns einzuprägen, und später als Studenten haben wir es 
ebenso mit Götheschen versen getrieben: ich denke, die teischen 
gymnasiasten haben das in officieller form grade so gemacht, 
da fieng einer an 'IXio&ev fie (fiqmv ärefiog Ktxovetsai, niXaacsv, 
und der andere muste fortfahren, zum entgelt übte der nachher 
die vnoßoXij und sagte tj/nan xe xqtxdi^ dWijv iQißwXov Ixoifxrjv. 
der terminus der siegerinschrift richtete sich danach, ob die frage 
oder die antwort die entscheidung gebracht hatte, es ist ja wol 
nicht mehr nötig zu erklären, wie der Urheber der notiz bei 
Diogenes (Hermippos) vnoßoXri in diesem zusammenhange mit 
vnöXrn/jig verwechseln konnte, aber man wird beanstanden, dafs 
die Pförtner seeundaner für die von Teos eine genügende ana- 
logie seien, gut: so appellire ich an Homer selber, wir haben ja 
den äywv'O t uriQOv xai 'HaioSov: das ist ja ein dywv vnoßoXi\$ und 
vnoßoXrjg dvianodooews und der einzige unterschied ist, dafs hier 
improvisation erfordert ist, weil es die göttlichen sänger sind, 
die streiten; sonst ist es genau derselbe agon, den ich für Teos 
voraussetze. 



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2 
LYKURGOS 



Die pisistratische recension hat an der lykurgischen Sammlung 
der homerischen gedichte einen doppelgänger, der ein so respec- 
tables alter und so würdige gewährsmänner hat, dafs wenigstens 
wer die tradition von Peisistratos verachtete, wol verpflichtet ge- 
wesen wäre, sich mit dieser abzufinden, indefs läfst sich das in 
genügender weise nicht tun, wenn man nicht weifs, was von 
Lykurg überhaupt zu halten ist. das führt in eine wilde gegend, 
die meist nur von abenteurern betreten wird, und wo vestlgia 
terrent- es hilft aber nichts: ich entgehe dem Schicksal doch 
nicht zu sagen was ich von Lykurg halte, so mag denn dies, zu 
lang für ein buch über Homer, zu kurz für eine darstellung der 
altlakonischen geschichte, nur für den selbsttätig nachdenkenden 
geschrieben sein. 

Kein geringer als Ephoros (Strab. 482) kannte die meinung 
,einiger 4 , dafs Lykurg auf seinen reisen mit Homer in Chios zu- 
sammengetroffen wäre, das nahm auch Tiinaios auf (Plut. 1) und 
half sich mit einem doppelten Lykurg, andere liefsen vielmehr 
für Homer den Kreophylos eintreten, was eine vertauschung von 
Chios mit Samos zur notwendigen folge hatte (Plut. 4. Herakleides 
polit. 2). Apollodor 1 ) aber griff auf die ephorische darstellung 



l ) Über diesen hat Rohde (Rh. M. 36, 524 flg.) das nötige gesagt und auch 
erwiesen, dafs Sosibios die Zusammenkunft festhielt: dem Apollodor wol gefolgt 
sein wird. Rohdes ansätze werden durch die richtige beurteilung des Dieuchidas 
wesentlich nur in dem was diesen angeht rerschoben. 



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268 II 2 

zurück, vielleicht auf die quellen des Ephoros, und ermöglichte 
durch die chronologische fixirung der beiden personell das beliebte 
imßdMsiv veov nqoaßviri (Clemens str. 388). es liegt auf der 
band, dafs seine Vorgänger durch die Chronologie gezwungen ge- 
wesen waren, eine der ursprünglichen personen aufzugeben, die 
persönliche begegnung also ist das älteste, dieselbe muss einen 
erfolg gehabt haben, den wir durch den summarischen bericht 
des Ephoros über seine Vorläufer nicht erfahren, sondern nur durch 
Plutarch, jenen Herakleides und Aelian (V. h. XIII 14), nämlich 
dafs Lykurg die gedichte Homers aus Homers hand empfängt und 
in Sparta importirt. diese tradition bestand also in der ersten 
hälfte des vierten Jahrhunderts, sie ist eine dublettc der pisis- 
tratischen rcdaction in der form, die für eben dieselbe zeit er- 
wiesen ist; Peisistratos redigirt Homer und fälscht: Lykurg 
importirt /ihn in authentischer gestalt. dafs diese lykurgische 
Sammlung alle ideen an eine ,sammlung 4 des Peisistratos, wie sie 
später ausgebildet ward, ausschliefst, kann in diesem Stadium der 
Untersuchung nicht mehr von belang sein, aber das ist klar, dafs 
die beiden traditionen zu einander in beziehung stehen, kcines- 
weges so, dafs die eine notwendig aus der andern gemacht sein 
mäste, aber doch dafs sie nicht unabhängig sein können; sie ver- 
tragen sich sogar ganz gut. was die pisistratische redaction war 
und was sie nicht war, wissen wir. für sie lag der factische 
attische ton des epos, lagen die interpolationen, die man bemerkte, 
und die panathenäische festordnung vor. wenn an der lykurgi- 
schen tradition etwas sein soll, so muss etwas analoges für Sparta 
angenommen werden. Sparta, die geistige capitale des Peloponnes 
im siebenten, bedeutend sehon im achten Jahrhundert, hat natür- 
lich auch dem epos, obwol es eine fremde pflanze war, pflege 
angedeihen lassen, aber nicht an Homer knüpft die epische 
tradition dort an, sondern an Kinaithon. lakonische spuren sind 
im epos und seiner sagengestalt spärlich: auf diesem gebiete ist 
Argos immer der jüngeren rivalin überlegen geblieben, aus Argos 
war Homer noch für Philochoros. noch viel bedeutender ist Ko- 
rinth, das an Homer ebenso wenig wie an den troischen Sagen- 
kreis anknüpft, weil es die kraft besitzt, eigene poetische stoflfe 
und eigene dichter zu produciren: der Homer Korinths heHst 



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LYKÜRGOS 269 

Eumelos. Spartas rühm ist die einbürgerung der lesbischen lyrik, 
die sich erst von da aus über den Peloponnes verbreitet, die 
nationale tradition von Amyklai und Lakedaimon, Tyndareos, 
Hippokoon, Oibalos, die localisirung der Orestesfabel in Sparta: 
das alles treffen wir in der lyrik an. nicht nur die dorischer 
stamme, sondern selbst die chalkidische ist davon beeinflufst. 
Sparta war in der uns kenntlichen zeit zwar nicht so ungebildet 
wie Kreta, wo Homer so gut wie unbekannt war, 2 ) aber es hatte 
zu dem ionischen dichter und der weit, die er schilderte, doch 
kein Verhältnis, es ist weit entfernt, eine schände zu sein, es ist 
vielmehr ein rühm, ein zeichen für die kräftige sonderentwicke- 
lung, die das adels- und Soldatenregiment, das den Peloponnes 
bezwang, seit dem ende des achten Jahrhunderts genommen hat, 
wenn wir in Sparta statt der manirirten producte des sinkenden 
epischen stiles vielmehr in neuen formen eine dem volksgeiste 
angepafste lyrik antreffen, an den männermahlen der Spartiaten 
tönte nicht die weiche, durch den stoff reizende, conventionell 
stilisirte rede des ionischen rhapsoden: da tanzten die mädchen 
und die buben, die vom ringplatz kamen, und sangen dazu in 
der heimischen mundart der heimischen götter und helden lob. 
die rede war kunstlos und die verse nicht immer wollautende 
Weiterbildung lesbischer reihen: aber es war eigenes gewächs. 
das ist etwas: wer das Sparta des Pausanias verachtet und das 
des Agesilaos hafst, muss das des Theopompos bewundern, nur 
Homer hat da keine statte, wie hätten auch die todfeinde von 
Argos die poesien aufnehmen sollen, die Kleisthenes von Sikyon 



*) Dies läfst Piaton (Ges. 680c) seinen Kreter, den er überhaupt mit der 
vollendetsten ironie als einen menschen, ebenso ungebildet wie schwer von be- 
griffen, schildert, ausdrucklich sagen, weder den alten, unter denen seltsame Ver- 
ehrer Kretas nicht selten sind, noch den neueren (Bergk Gr. LiL I 651) hat das 
gepafst, und sie haben sich nicht darum gekümmert schließlich hat ja Diktys 
den Homer corrigirt. die K^ux^ txöoate (Seleukos zu A 381) erhält dadurch 
keine gute beleucbtung. die kretischen helden der Ilias, d. h. Idomeneus, der von 
Minos stammt, und Meriones sind natürlich nicht durch die Kreter, sondern durch 
die bewohner der gegenden, welche Kreter nach dem kriege besetzt haben sollen, 
in das epos gelangt: das ist Milet und Kolopbon, und damit hört diese kretische 
einwirkung auf, befremdlich zu sein, eine andere frage ist, weshalb die Milesier 
ihre helden (Miletos selber) aus Kreta ableiteten. 



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270 n 2 

aus hafs gegen Argos verbot? mit einer symbolischen auffassung 
der lykurgischen Sammlung ist es also nichts. 

Es war aber auch mit einer symbolischen deutung die ganze 
geschichte am falschen ende angefaßt, denn diese betont die 
persönliche begegnung zwischen Lykurg und Homer, und das per- 
sönliche pflegt in novellistischer Überlieferung das ursprüngliche 
zu sein, ein urleil aber ist erst gestattet, wenn der wert dieser 
novellistischen Überlieferung geprüft ist. das ist es, weshalb eine 
umfassendere behandlung der Lykurgnovelle von nöten ist. 

Nehmen wir die Lykurgfabel wie sie sich bei Plutarch und 
den verwandten berichten z. b. lustin darstellt. 3 ) selbst da ist 
das meiste ein raisonnement über spartiatische sitten und Insti- 
tutionen, mehr eine kritik derselben als eine darstellung: sehr 
ähnlich den entsprechenden partien in Plutarchs Solon. man 
merkt, dafs zumeist philosophen die noforstai Aaxedatfxovlwv ge- 
schrieben haben, eine aetiologische fabel, wie die der 'Aödva 
'Ontikettg ist selten, einiges muste natürlich beschafft werden; 
Lykurg muste irgendwie in die königsliste eingereiht und chrono- 
logisch fixirt, aufserdem sein beruf zum gesetzgeber irgendwie 
motivirt werden, die Unzulänglichkeit der motivirung zeigt die 
ratlosigkeit der scribenten. die ausführung der gesetzgebung ist 
bereits mit der aetiologie der zahl 28 für den rat der alten ver- 
quickt, anderes verwertet die beiden überlieferten documente, 
den diskos des Iphitos und Lykurgos, den Aristoteles gegeben 
hatte, und den delphischen spruch, der noch bei Herodotos 
steht, die ebenfalls von Aristoteles gegebene §tjtq(z gehört ihrer 
natur und ihrem Wortlaut nach wol zur noXueta Auxedai(ioviwV) 
aber nicht zu Lykurg, daneben erscheinen jedoch eine anzahl 
ganz individueller züge; Lykurg macht reisen zu seiner bildung, 

3 ) Die moderne Iitteratur operirt vielfach ohne jede quellenanalyse, z. b. mit 
Clemens samint ausschreibern, Porphyrius de abstin. samrat ausschreibern neben 
Plutarch, der doch für sie notorisch quelle ist. dabei wird das pseudoplutarchische 
buch apophth. und tnstit. Lacon., das allerdings eine wertvolle parallelquelle ist, 
aber verstümmelt (ausgeschrieben zum teil in den apophth. regum), ebenso pervers 
benutzt die quellenanalyse des plutarchischen Lykurg ist auch nicht am rechton 
ende angefafst. zu lösen ist die aufgäbe nicht schwer: aber nicht die quellenfrage 
daTf an der spitze stehen, sondern die Sammlung und onhmng der traditionen, 
mit berücksichtigung der gauzeu Iitteratur. 



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LYKURÜOS 271 

bis nach Ägypten; er holt sich aus Kreta den Thaletas, die Zwie- 
tracht der Lakedaimonier zu besänftigen, er geht, nachdem seine 
Verfassung beschworen ist, ins ausländ und stirbt auf Kreta, ja 
seine asche wird ins meer gestreut, individuell sind diese zöge 
wol, nur nicht dem individuum Lykurg eigen, sondern dem Solon. 
der ist gereist, bis nach Ägypten, hat den Epimenides aus Kreta 
zur Stillung der Zwietracht geholt, ist, nachdem seine Verfassung 
beschworen war, ins ausländ gegangen und auf Kypros (oder 
Salamis) gestorben, seine asche ins meer geworfen, das sind 
teils facta, wie die reisen, die Solons gedichte bezeugen, teils 
novellen, aber sehr alte (selbst die ausstreuung der asche durch 
Kratinos bezeugt), und sämmtlich für Solon zuerst gedichtet, 
folglich ist Lykurg nur ein abklatsch Solons in allem diesem was 
ihn individuell erscheinen läfst : die tendenz, dem attischen geselz- 
geber einen älteren rivalen zur seite zu stellen, ist die mutter 
dieser dubletten der Solonlegende. zu ihnen gehört die home- 
rische Sammlung: damit ist sie gerichtet, sie könnte für uns 
nichts anderes beweisen, als dafs die pisistratisch-solonische Homer- 
interpolation schon zu der zeit geglaubt ward, wo sie zu über- 
trumpfen die lykurgische reise zu Homer erfunden ward, alsio vor 
Ephoros. aber das ist unabhängig hiervon schon erwiesen. 

Also war die Lykurgfabel um 350 schon einigermafsen aus- 
gebildet, wer mag das getan haben? Herodotos kennt den delphi- 
schen spruch, der Lykurg so ziemlich für einen gott erklärt, und 
dafs die Lakedaimonier ihm ihre Verfassung, wie sie war (ein- 
schliefslich der ephoren und der heeresordnung) zuschrieben und 
ihn unter könig Leobptes, etwa fünfhundert jähre vor seine zeit 
/er war um 450 in Sparta) ansetzten, vor ihm hatte Simonides 
den Lykurg erwähnt: Tyrtaios und Alkman ohne zwei fei nicht; 
Pindar auch nicht, auch Hellanikos, der zwar nach Herodotos 
und mit benutzung desselben schrieb, aber minder aus münd- 
licher als chroniktradition (die Herodot verschmähte), wüste nichts 
von Lykurg. Thukydides, der die Stiftung der spartiatischen Ver- 
fassung nach langen wirren ebenso wie Herodot annimmt, aber 
vierhundert jähre vor seine zeit setzt, kann den namen blofs ge- 
mieden haben. Xenophon betrachtet Lykurg, den Zeitgenossen 
der Herakliden, als Stifter des ganzen spartiatischen xojfiog: detail 



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272 n 2 

gibt der tischgenosse dös Agesilaos nicht an. aber seine dar- 
stellung der Verfassung des Lykurgos, die, wie sie jetzt vorliegt, 
das kleinlaute gestandnis einschliefst, dafs die Wirklichkeit dem 
ideal nicht mehr entspräche, ist mit absieht so vorsichtig gehalten, 
das enkomion verschleiert eine apologie, wie sein enkomion des 
Agesilaos auch, das widmete er dem herren aus seiner treuen 
soldatenseele: die noXireCa hatte er wol auf unmittelbare anregung 
desselben verfertigt; denn die lykurgische Verfassung war ein auch 
litterarisch viel behandelter gegenständ geworden, die praktische 
politik hatte daran mehr teil als die sophistische speculation, die 
höchstens die form hergab, das pamphlet ,von der attischen Ver- 
fassung 4 , das 424 ein attischer oligarch, wie Archeptolemos oder 
Lykurgos, verfafst hatte, gibt eine Vorstellung, wie es mit den 
einschläglichen Schriften gestanden haben wird, von denen wir 
künde haben, der Athener Kritias, gewillt auf den trummern 
des reiches eine eigene macht sich zu gründen, unermüdlich die 
öffentliche meinung durch elegien, dramen und prosaische pam- 
phlete für seine plane zu bearbeiten, hatte dazu auch eine 
,lakonische Verfassung 4 passend gefunden, ihn begrub das reich, 
das er stürzen half, unter seinen trummern. aber auch das sieg- 
reiche Sparta konnte kein Jahrzehnt seine Stellung behaupten, im 
innern wühlten die von der Oligarchie niedergehaltenen mächte, 
der Verschwörung des Kinadon wüste die herrschende käste noch 
meister zu werden; auch die könige bezwang sie; wieder einmal 
muste 396 einer in die Verbannung gehen, aber in dieser Ver- 
bannung griff er zur feder, und den hafs den er gegen seinen 
herrn, die Oligarchie, empfand, kleidete er in eine Schmähschrift 
gegen den urheber dieser Oligarchie, Lykurgos, und zog die del- 
phischen Sprüche, den heiligen trug, der die Oligarchie sicherte, 
ans licht. 4 ) die schwerste gefahr drohte derselben von ihrem 
bedeutendsten manne, Lysandros, der selbst Lykurg zu spielen 
gedachte und erst mit dem Apollon von Delphoi, dann mit dem 
Zeus von Libyen anzuknüpfen versuchte, nach seinem für Sparta 
glücklichen tode fand man unter seinen papieren das programm 



4 ) Ephoros bei Strabon 36G. leider ist die stelle nicht blofs lückenhaft, son- 
dern auch cornipt: Pausanias war nicht Eurypontide. 



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LYKURGOS 273 

seiner plane, das er, der schriftstellerei unkundig, von einem 
ionischen litteraten hatte ausarbeiten lassen, 5 ) da trat auch ein 
Verfechter der Oligarchie auf den plan, Thibron, 6 ) ein zweideutiger 
Charakter und wenig fähiger beamter, aber einer der herrschenden 
käste: er lieferte eine Verherrlichung Lykurgs, wol mochte Age- 
silaos, den die not des korinthischen krieges mit den drei ver- 
lornen schlachten, am Nemeabach, bei Knidos und bei Koroneia, 7 ) 
eigenwilligen hohen planen zu entsagen zwang, veranlassung 
haben, seinen litteraten Xenophon diesen darstellungen eine neue 
zur seite stellen zu lassen, wie er ihm die undankbare aufgäbe 
zuwies, die schimpfliche zeit von 403 — 388 vor der öffentlichen 
meinung zu rechtfertigen, wenn nun die philosophen, Piaton 8 ) 
und Aristoteles, und die historiker, Dioskorides und Ephoros, auf 
Sparta zu reden kamen, so fanden sie freilich eine ganz andere 
masse von material vor als Herodotos und Thukydides. die grund- 
lage der vulgären spartanischen tradition ist in jener zeit, 403 — 350 
gebildet; die letzte zeit Spartas, 260 — 22, griff dann für die prak- 
tische politik vielfach auf die theorie und angebliche historie zurück 
und überprägte die tradition noch einmal, jene ausstaffirung des 
Lykurg als ein älterer und gröfserer Solon gehört somit zwar tat- 
sächlich und ihrem wesen nach in die zeit vor Ephoros, dennoch 
würde man in Verlegenheit sein, wem man sie zutrauen sollte, 



6 ) Ephoros bei Plutarch Ages. 20, Lysand. 25. 30 und bei Diodor 14, 13. 

°) Aristoteles polit. 1333 b 

') Man wird dem officier Xenophon, der bei Koroneia zugegen war, für die 
schlacht am Nemeabach aber einen sehr ungenügenden bericht mit fictiven, d. h. 
etatsmäfsigen zahlen benutzte, glauben, dafs der taktische sieg den Spartiaten ge- 
hörte, das war aber nur eine frage der militärischen etikette und imponirte nur 
den Lakonisten (Andok. 3, 18). das peloponnesische heer wollte von süden über 
den Isthmos, schlug sich am Nemeabache und kehrte um. das heer des Agesilaos 
wollte Boeotien niederrennen und über den Isthmos nach hause, es schlug sich 
bei Koroneia; darauf kehrten alle nicht spartiatiscben bestandteile um; Agesilaos 
zog sich nach Delphi und setzte zu schiffe später über den korinthischen golf; in 
beiden fallen ist der erfolg der einer entschiedenen niederlage. 

8 ) Piaton in den Gesetzen folgt einer schriftlichen sehr sonderbaren quelle; 
etwa dem Thibron. über Asien hat er Ktesias benutzt, Nöldeke Herrn. V 457. 
der pseudoplatonische Minos setzt Lykurg 300 jähre vor Sokrates (318c), also 
hundert jähre später als Thukydides die tvvopia. ob ihn Aristoteles in ol. 1 
setzte, ist nicht mit Sicherheit zu sagen, aber wahrscheinlich, Athen. XIV 635. 
Philolog. Untersuchungen VII. jg 



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274 II 2 

wenn nicht direct bezeugt wäre, dafs Dieuchidas von Megara den 
Lykurg 290 jähre nach Troias fall ansetzte und mit der königs- 
liste ebenso wie Ephoros verband, seine tendenz kennen wir, 
den hafs gegen Athen, die revindicationen des Dorertums, und 
vor allem die pisistratische interpolation. Dieuchidas kann mit 
hoher Wahrscheinlichkeit als der Urheber oder älteste Vertreter 
dieser Lykurgfabel betrachtet werden. 

Es erhellt aus dieser darlegung, dafs von den traditionen über 
Lykurg nichts für das fünfte Jahrhundert beansprucht werden 
kann, als was aus diesem selbst noch vorliegt oder älter ist. davon 
ist aber der delphische sprach als ganz unwesentlich für die sache 
gleich auszuscheiden, an den die tradition, welche Lykurg mit 
Delphi verbindet, angesetzt hat; denn der gott sagt nur: ,du 
kommst zu mir, Lykurg, ich schwanke, ob ich dich als gott oder 
menschen bezeichnen soll; aber ich denke eher als gott* (Herod. 
I 65). dies orakel gibt gar keinen zweck an, weshalb Lykurg 
kommt; es gibt nur eine gewundene erklärung über Lykurgs 
göttlichkeit ab. somit ist es wol geeignet, einen cultus desselben 
zu legalisiren, wie ähnliche orakel über unterschiedliche heroisirte 
Olympioniken existiren, aber weiter nichts, diesen cultus des 
Lykurg in Sparta bezeugt Herodot und die spätere tradition, die 
ihn noch vor äugen sah. weil er bestand, ist er vom gotte an- 
erkannt, nicht gern, wie es scheint, diesen Sachverhalt bestätigen 
am besten diejenigen, welche das orakel mit zwei versen ver- 
mehrten, die vielleicht schon Ephoros kannte (Diodor VII 14), 
aber Herodot nicht kennt, sie lauten; ,du willst evvofiia: du 
sollst sie haben, wie sie keine stadt besitzt*, davon ist natürlich 
für das fünfte Jahrhundert abzusehen, wir haben mit dem cultus, 
der um 480 schon bestehenden tradition der Spartiaten, dafs ihr 
xööfiog von Lykurg gegeben wäre, und mit dem diskos von 
Olympia, auf dem die ixexeiQia von Iphitos und Lykurg garantirt 
war, allein zu rechnen. 

Jene spartiatische tradition ist e*s, worauf die urteilsfähigen 
heut zu tage fufsen, wenn sie Lykurgos eine person sein lassen, 
und in der tat, eine gesetzgebung fordert einen gesetzgeber; dafs 
sich nichts weiter als der name desselben aufser seinem werke 
erhielt, ist an sich durchaus nicht befremdlich, ist noch bei Drakon 



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LYKÜRGOS 275 

eben so der fall, so würde auch ich über Lykurg urteilen, und 
der cult desselben, so befremdlich er grade in Sparta wäre, das 
nicht einmal den cult seiner apgi^&at ausgebildet hat, würde 
mich nicht wankend machen, wenn nur die prämisse richtig wäre, 
wenn nur eine gesetzgebung in Sparta zu irgend einer zeit statt- 
gefunden hätte, die gesetze Drakons und Solons sind ,gesetze l 
insofern, als sie einmal gegeben sind, d. h. aufgeschrieben und 
eingeführt, die aufzeichnung und die damit verbundene revision 
des öffentlichen und privaten rechtes hat in Athen und Rom dem 
Ständekampfe principiell ein ende gemacht, 9 ) und der kämpf der 
stände hatte dazu geführt, unveränderliches, d. h. geschriebenes 
recht zu verlangen, in Sparta gibt es notorisch keine geschrie- 
benen gesetze ; da regiert wol der vofAog, und zwar unumschränkt 
und uvvnev&vvog, aber als das was er eigentlich ist, als Gewohn- 
heit, herkommen, schicklichkeit 1 , 8 voni&tcu. wer sich an der 
hand der theorie von der Aaxedaif.ibvi(jov noXixeia und an der 
hand der anekdotenhistorie eine Vorstellung von der unveränder- 
lichkeit der spartanischen einrichtungen gemacht hat, der wird 
arg enttäuscht, sobald er an die beglaubigte geschichte von 480 
bis 362 herangeht, selbst in seiner ärgsten zeit hat der sou- 
veräne demos von Athen mit den solonischen Satzungen nicht so 
willkürlich geschaltet wie der spartiatische adel mit den grund- 
gesetzen seines Staates, die königliche prärogative ist eine andere 
unter Leotychides, eine andere unter Agis Archidamos' söhn, eine 
andere unter Agesilaos. das heerwesen, mit' dem die Organisation 
des ,volkes 4 d. h. der regierenden käste, zusammenhängt, ist ein 
anderes zur zeit der Perserkriege, der schlacht bei Mantineia 418, 
der schlacht bei Leuktra, der schlacht bei Mantineia 362. 10 ) die 
vergeblichen versuche der neueren, entweder eine harmonie 
in die Zeugnisse hineinzuverhören oder durch conjecturen zu 
octroyiren, entstammen eben der verblüffenden tatsache, dafs die 



°) Es ist eine sehr beachtenswerte Vermutung, welche fufsend auf der römi- 
schen chronik, die bei Diodor 12, 25 vorliegt, den Ständekampf durch die leges 
Valeriae Horatiae und nicht erst durch die Liciniae Sextiae beendigen läfst, also 
die vulgäre tradition fast ganz fallen lassen muss. natürlich war die erledigung 
nur principiell, und es dauerte noch lange bis sie factisch ward. 

,0 ) Vgl. Stehfen de Lacedaemoniorwn re militari Greifswald 1882. 

18* 



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276 II 2 

conservativsten leute am willkürlichsten mit ihrem Staate um- 
gehen, und doch liegt da ein Widerspruch in Wahrheit nicht vor. 
die evvofila bleibt gewahrt, der vöfiog regiert weiter; es ist nur 
nicht immer dasselbe S vofii£e%cu. was vofii&tai,, wird von den 
trägem des immanenten voßog bestimmt, d. h. von dem herr- 
schenden stände und seinem haupte, dem rate der alten und den 
aufsehern. der souveräne demos von Athen ist zwar souverän 
von gottes gnaden, -aber er hat sich selbst durch die gesetze, die 
er jährlich neu beschwört, gebunden, insofern ist er nicht absoluter 
sondern constitutioneller regent. wenn er wähnt, dafs was positiv 
geltendes recht ist, auch objectiv das rechte ist, 11 ) so mag das 
die schwerste täuschung sein: die anerkennung liegt doch darin 
dafs ein objectives recht besteht, der Spartiat, der xatd vofiov 
erzeugt, erzogen, gedrillt ist, hat sich und seine freiheit und seine 
Individualität der evvofxla geopfert, genauer der standesehre und 
dem standeswol: dieser stand ist aber unumschränktester autokrat, 
mit seinem willen fallt der vofxog zusammen, sowol im sinne des 
geltenden rechtes wie dessen was objectiv recht ist. und insofern 
als der einzelne den stand repräsentirt, ist auch ihm der vopog 
immanent: nag eavty td iixcuov exst drückt dieses für sein ge- 
fühl tyrannische Verhältnis der Athener aus (Aisch. Prom. 186). 
der xenophontische Kyros %bv dya9ov aQxovta ßXenovxa vöfiov 
äv&Qwnoig ivöfjuoev (VIII 1, 22). deshalb würde eine unveränder- 
lichkeit des vo/iog, wie ihn schriftliche fixirung gibt, der tod der 
spartiatischen svvonia sein, daher auch die geringschätzung des 
Spartiaten gegen alles fremde Volkstum und gesetz, die Verletzungen 
dessen was allen Hellenen sonst als Völkerrecht galt, die immer 
wiederholten versuche, ganze städte einfach unter die willkür- 
herrschaft, d. h. den vöfiog, eines einzelnen Spartiaten zu stellen, 
die gewaltige macht, die solche einzelnen männer, im glauben an 
die machtfülle des vo^ioq in ihrem munde, so oft über die massen, 
denen sie imponiren, ausüben, und die ungeheure Verlockung, die 
für sie in solcher Stellung liegt, der die meisten auch nicht wider- 
stehen, wol konnten die Spartiaten einen solchen einzelnen mann 
&eiog dvijQ nennen (Plat. Men. 99 u. ö.), denn die vollkommene 



n ) Kydathen, exeurs I. 



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LYKURGOS 277 

parallele zu dem spartiatischen vopog ist die ,thora Mosis' in der 
vordeuteronomischen zeit, auch dieses gesetz, anerkannt als der 
geoffenbarte wille des gottes, als regel für das leben und als norm 
bei der entscheidung von rechtshändeln, existirt nur immanent in 
seinen trägern, den priestern oder wen der gott sonst sich wählt, 
dafs diese thora vor der bildung des Staates, die erst mit dem könig- 
tum eintritt, ihre hauptmacht hat, und nachher in den propheten, 
d. h. neuen Organen einer thora, die Jahve durch neue Offenbarung 
nicht den erben Mosis, sondern diesem selbst zur seite stellt, 
tatsächlich eine vielfach andere entwickelung genommen und lange 
nicht die ausschliefsliche bedeutung gewonnen hat, wie der vofiog 
Spartas, beeinträchtigt die analogie der leitenden gedanken durch- 
aus nicht, wenn der römische adel nicht nur die lex Terentilia 
sondern auch den gedanken an die möglichkeit einer solchen aus 
den herzen seiner eigenen standesgenossen gerissen hätte, die 
plebejer aber zu perioeken und hebten zu degradiren vermocht 
hätte, so würde Rom ein ähnliches bild zeigen, aber der adel, 
der selbst in der Vertreibung der könige die bahn der revo- 
lution beschritten hatte, konnte derselben auch seine eigene Präro- 
gative nicht entziehen, für den richtig erkannten lebensnerv des 
spartiatischen xocpog würde also eine vofio&eaCa der tod gewesen 
sein, das wenigstens hat die legende richtig aufgefafst: denn was 
kennen wir für lykurgische gesetze? ,du sollst den fliehenden 
feind nicht verfolgen' ; 12 ) ,du sollst den türpfosten nicht behauen 4 ; 
,du sollst keinen Schnauzbart tragen', und was derlei schnurr- 
pfeifereien mehr sind, die kein wort verdienen, aufserdem aber: 
,du sollst keine geschriebenen gesetze haben.' vortrefflich, nur 
hat, wer dies gesetz gegeben hat, keine gesetze gegeben, und nur 
ein narr kann glauben, dafs das gesetz, keine gesetze zu haben 
einen gesetzgeber erheische. 

Damit ist aber nur richtig gestellt, was Lykurg nicht gewesen 
sein kann, keineswegs, dafs er nicht gewesen ist. auch Moses 
hat kein gesetzbuch gemacht, weder den dekalog, noch das 
deuteronomium, noch den priestercodex, und doch hat Moses das 
volk Israel gemacht, indem er es glauben lehrte, Jahve ist der 



**) Herodot IX 77 kennt die sitte Spartas : das gesetz ist ihm unbekannt. 



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278 H 2 

gott Israels, Israel ist das volk Jahves. doch den xoüftog Spartas, 
die Ordnung der gesellschaft und des gemeinwesens (so weit ein 
stand ein genxeinwesen vorstellen kann), welche von jedem gliede 
den verzieht auf Willensfreiheit in familie, grundbesitz, handwerk, 
sitte, im denken und handeln fordert, damit er sich in der herr- 
schaft des Standes über könige und mitbürger, sclaven und bundes- 
genossen entschädigt hielte: diesen xoa/iog hat kein einzelner ge- 
macht, weil ihn kein einzelner machen konnte, wol ist es ein 
kunstproduet, aber nicht das produet des einzelwillens, sondern 
des Standes, und so wenig wie ein einzelner diesen machen 
konnte, so wenig kann der stand etwa in seiner phantasie einen 
einzelnen als idealbild seines Stifters erzeugt haben, die käste duldet 
keine individualität: wie sollte sie genialität dulden? die phantasie 
schafft nicht aus dem nichts, sondern sie gibt nur dem latenten, 
aber vorhandenen eine gestalt. im lakonischen xoöfxog ist aber 
kein Stifter als einzelindividuum latent zu denken. 

Freilich ist der xöafiog ein kunstproduet, und wenn er herrscht, 
so muss er einmal zur herrschaft gelangt sein, auch ist es ohne 
frage eine unverächtliche Überlieferung, die Herodotos und Thu- 
kydides wiedergeben, dafs vor ihm eine gewaltige axocfiia statt- 
fand, erst durch die Unterwerfung Messeniens, nach der mitte 
des achten Jahrhunderts, wo in den olympischen siegerlisten die 
ersten Lakonen auftreten, 18 ) beginnt Sparta eine rolle zu spielen, 
und man merkt noch, dafs es vorher vielmehr von den nachbarn 
selbst bedrängt war. 14 ) einmal hat also eine gewaltige bewegung 



13 ) Diese zeit stimmt zu der fiiirung des Lykurg in dem pseudoplatonischen 
Miaos. soDst wird er, abgesehen von ungefähren Schätzungen wie der des Thuky- 
dides, auf grund des olympischen diskos nach olympischer Chronologie bestimmt, 
objeetiven wert hat natürlich kein ansatz. 

") Bis ins sechste Jahrhundert hinein gehorte die ganze ostküste sammt 
Kythera den Argeiern (Herodot. I 82). das kann zu der zeit nicht so gewesen 
sein, wo lakedaimonische Siedler Melos Thera, ja Pamphylien colonisirten. folglich 
hat Argos den Lakedaimoniern diese küste erst abgenommen, um sie dann im 
sechsten Jahrhundert wieder zu verlieren. Tegea steht machtvoll bis ins sechste 
Jahrhundert, dadurch ist Sparta nicht nur vom norden ganz abgeschnitten, son- 
dern es hat selbst seine erste verteidigungsfähige position bei Sollasia, d. h. un- 
mittelbar über der ebene, in welcher die Stadt lag. auch das obere Eurotastal und 
damit der verkehr mit dem ganzen flufsge biete des Alpheios, der einzig bequeme 



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LYKÜRGOS 279 

stattgefunden, welche den vöfiog constituirt hat als könig über 
könige und perioeken, den adel aber als träger desselben, bei 
dieser bewegung hatten ohne zweifei auch bedeutende, über das 
niveau der spartiatentüchtigkeit hervorragende personen einge- 
griffen, davon könnte ja auch Lykurgos einer gewesen sein, den 
dann später die herrschende käste dankbar als Stifter des xoafiog 
und als gott verehrt hätte, nur pflegt eine käste nicht dankbar 
zu sein, gegen ihres gleichen am wenigsten, und so am wenigsten, 
dafs sie dadurch den helden über seines gleichen hinaushöbe, 
die tradition gibt auch Lykurg nicht als einen Vertreter des adels, 
des iäfiog, wie sie sagten, sondern des königtums. von jener con- 
stituirung der adelsherrschaft vermögen wir uns noch sehr wol 
ein bild zu machen: zu diesem muss die person des Lykurgos 
stimmen, oder er hat in Sparta keine statte. 

Der adel ist zur herrschaft durch jene constituirung gelangt: 
wen zwang er, wer ist der antagonist des adels in Sparta? nicht 
die plebs, die perioeken, sondern die könige. 15 ) der kämpf, der 
sich dort vollzog, hat sich allerorten vollzogen, auch in Athen, 
wo keine künde davon geblieben ist, und in Rom. aber aller- 
orten hat der adel, oder auch das volk, die könige beseitigt: in 
Sparta vertrug man sich scheinbar, es gieng ohne gewalt, oder 
wenigstens die fiction einer gutwilligen Ordnung liefs sich aufrecht- 
halten, wenn man nicht lieber den herrschenden xocpog für ewig, 
d. h. seit den Heraklidenzeiten vorhanden erklärte, wie die von 
Hellanikos wiedergegebene, vermutlich zu Archidamos zeit officielle 
version lautet, die tradition also verbirgt den gegensatz. aber 
wir erkennen ihn in dem Sparta der hellen Zeiten, denn Spartas 
revolutionäre sind seine könige. sie rütteln fast alle an den 



mit Messenien war dauernd durch Tegea bedroht, allerdings ist Ttyia (d. h. die 
, bedeckte' Stadt) schwerlich eine alte niederlassung; ihre Verfassung wie die ähn- 
liche von Mantineia ist eine gauverfassung. wie die arkadischen Verhältnisse im 
achten und siebenten Jahrhundert lagen, ist erst durch topographische uutersuchung 
und die analyse der sagen zu finden. 

ia ) Dafs ich die hypothese Wachsmutbs über das doppelkonigtum für eine 
verfehlte Übertragung sehr zweifelhafter römischer Verhältnisse halte, habe ich 
Kydath. 143 ausgesprochen, einen gegensatz von Agiaden und Eurypontiden 
kennt die geschiente so wenig wie die sage, das doppelkonigtum scheint mir am 
ehesten dem consulate vergleichbar. 



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280 H2 

goldenen ketten, in die sie der adel geschlagen hat; viele müssen 
ins ausländ weichen, der erste Kleomenes stirbt im Wahnsinn, der 
sieger von Plataiai verhungert, glücklicher beide als die sich wider- 
willig dem herrischen geböte der Untertanen fügen lernen und ein 
langes leben freudlos und ruhmlos enden, wie Archidamos Zeuxi- 
damos söhn und Agesilaos. der letzte Kleomenes aber verkommt 
selbst in schände, nachdem er den adel und das Vaterland ver- 
nichtet hat. jeder könig ist ein geborner revolutionär, wenn er 
ein mann ist. dabei erzählt uns die fabel vom heldenkönig Theo- 
pompos, dafs er sich selbst die rute der ephoren gebunden habe, 
vom guten könig Prytanis und wie sie sonst heifsen, die so 
hübsch artig im neunten bis siebenten Jahrhundert tun, was der 
adel will, wie es ihre erben nicht einmal im vierten tun. das 
sollen wir glauben, sei's auch dem Aristoteles? doch nur, wenn 
Appius Claudius, der decemvir und der censor, wirklich oligarchen 
gewesen sind, und die Sicinier und Icilier im fünften Jahrhundert 
die spräche des C. Gracchus und Saturninus geführt haben, nein, 
im kämpfe wider den könig ist das adelsregiment, ist der xdofxog 
durchgeführt, allmählich, so dafs die macht innerhalb des adels 
sich immer mehr auf einen kleinen kreis concentrirte. aber der 
Übergang der factischen souveränetät von den königen auf den 
däfiogj d. h. die summe der erwachsenen vollbürger, d. h. die adels- 
kaste, ist nichts desto weniger ein act gewesen, diesen bedeutungs- 
vollsten, die wirkliche begründung des lykurgischen xotyioc, den 
kennen wir, dank Aristoteles, denn da war der adel gar nicht 
so spröde, dafs er den ,vertrag 4 nicht schriftlich gemacht hätte, 
es ist die rhetra, ein ehrwürdiges actenstück, das älteste das wir 
besitzen, etwa aus der mitte des achten Jahrhunderts, in der 
spräche natürlich ganz entstellt. Qtjjqcz heifst vertrag 16 ) und 



") Das heifst es immer, auf den olympischen bronzen, zu denen das kyprische 
verbum jQtjiäv der tafel von Idalion stimmt, bei Homer £ 393, bei Tyrtaios. und 
bei Xenophon (Anab. 6, 6. 28) im munde eines Spartiaten. damals existirte die 
ans der falschen auffassung Lykurgs entstandene bedeutung ,rede, sprach, Orakel, 
gesetzt einfach noch nicht, die zuerst glofsematische poeten wie Lykophron auf- 
bringen, die grammatiker (Phol, verkürzt Hesych, Apollon. Archib. schol. und 
Eustath. zum £, namentlich der letzte) sind ganz verständig, bei Phot. boren wir 
neu, dafs in Tarent (>fj?Q(u vq[aqi x«i oloy iprjytopaTct gewesen wären, ob bei 



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LYKÜRGOS 281 

nichts weiter; wenn der gott ihn dictirt, so ist er der garant 
desselben; aber ,sprüche', gesetzliche bestimmungen im allge- 
meinen QrjiQcu zu nennen, ist ein unsinn. ein vertrag erfordert 
zwei parteien: sie sind in den königen und dem adel gegeben, 
die souveränetät des iäfiog steht im schlufssatz «fa'/u«? *vQh*v r^sv 
xal xaQTog. wer aber ist vorher subject in tpvAdg <pvAd%av%a xal 
wßäg eißd^avta, tQidxovta yeQOvtriav avv aQxayhaig xaiactrjtfavta, 
wQag c£ wQag aTieAAd&iv f^eta^v Baßvxag te xal Kvaxtmvog ovvmg 
slapiQSiv xal dylotaaücu? Lykurg, meint Plutarch und wol schon 
Aristoteles, aber konnte der &qag i% &qag die executive haben? 
denn diese, gebunden an die vorher gestellten bedingungen, 
darunter die einsetzung des rates, ist in den Worten, was sie auch 
im einzelnen bedeuten, unverkennbar, was hier bestimmt wird, 
ist nicht die mafsregel eines tages, sondern die grundlage für alle 
zeit, also ist ein einzelner als subject ausgeschlossen, eine per- 
sonificirung, wie der gott Avde noäaßqi^ Mikrjie xaxwv im[irjxave 
anredet, ist durch das folgende <W/«<P ausgeschlossen, folglich 
bleibt nur ,der könig*. dafs von einem geredet wird, entspricht dem 
spartiatischen brauche der historischen zeit und der römischen 
pote8ta8. die erwähnung der dqxayixai, daneben kann in der alten 



der Constitution der lakonischen colonie, wo wirklich ein vertrag stattgefunden haben 
wird, oder in späterem misbrauch des Wortes, ist nicht zu sagen, der Übergang 
ist freilich wol denkbar, wenn die gemeinde etwas beschließt, so verbindet sich 
der einzelne dem majoritätsbeschlufs sich zu fügen, auch wenn er ihn nicht billigt, 
wenn der Staat von Elis die ahndung der Zauberei dem einzelnen und seinem ge- 
schlechte nimmt, also die gescblechter zur cession unbestreitbarer rechte zwingt, 
so kann das d sgarga roTg saXtiotg beifsen, der andere paciscent sind naxqla xcci 
yivos, die aber in den saXtloi mitbegriffen sind (I(JA 112). dafs Simonides die 
trappen des Leonidas fallen läfst gtjpaoi ActxtduifAovliav nuSo/jivovs, verstehen 
die, welche es auf QtjiQcu bezieben, schlechter als die welche yo/ui/uotg mit der 
späteren lesart für (>t/uaoi festhalten, ein Athener kann i/uuivwy tjj r«&# xai 
atpfav tov ZoXutvog vopoy fallen: ein Lakone fällt xara rä ir Ind^zy v6uijua. 
er weicht nicht ,ov yäg nntQiov tqj ZnapTy, wie es im marscblied heifst, das 
Tzetzes und Bergk dem Tyrtaios beilegen. Simonides freilich hat das besser ge- 
sagt; sie fallen auf ihrem posten, der Instruction gemäfs, Qypaoi nudo jutrot, wie 
jeder preussische posten Qij/uao* nu96/utvot steht und fallt, der selbstdenkende 
Ionier mochte, wenn er die opfer der sinnlosesten Strategie sagen läfst ,wir liegen, 
wo ihr uns hingestellt habt', denken, warum sind sie auch auf einen verlorenen 
posten gestellt? 



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282 n 2 

Urkunde nicht befremden, was so die interpretaliou fordert, bestätigt 
sich durch die poetische Umschreibung der qr^xqa bei Tyrtaios, 17 ) 
Apollon hat bestimmt: aQXBtv f*ev ßovXrjg &eoxi[irixovg ßatitXrjag, ol<si 
fielet STKZQTtjg i/ieQÖeaaa noXig, nqeößvyeveag xe yeqovxag* enevxa 
äi drjuoiag avdqag ei) Seidig QrjxQcug ävxanaiieißoiievovg fiv&ei<r&ai xe 
tä xaXä xal eQÖeiv ndvxa Sixata, fitjSe xt emßovXevew 19 ) xfjde 
noXei' dtj/nov de nXrj&ei vi%y\v xal xdqxog enea&cu. <t>oTßog yäq 
neql x<Zv cn<T dne^ve noXei. wie Plutarch richtig bemerkt, bezieht 
sich Tyrtaios bereits auf den zusatz zu der alten fäxQa, dafs könig 
und rat das recht haben einen schädlichen beschlufs des däftog 
zu cassiren. es gibt also auf der einen seite könig und rat, auf 
der andern den däfiog, der eigentlich nur zu gehorchen hat, obwol 
bei ihm vixij und xdqxog steht, und der gut reden (nicht murren) 
und recht handeln (gehorchen) soll, indem er seinerseits der ge- 
rechten §rjxqa entspricht, das heifst attisch etwa ifiixevovxa xal 
aviöv xotg d>iAoXoyr\pLevoig. 

Das war der vertrag, der ausgleich des kämpf es, der erste 
schritt für das königthum zur sclaverei. es ist, abgesehen von 
der principiellen souveränetät, die fixirung der tagsatzungen und 
die gliederung des adels als geschlossene corporation, was hier 
der adel erreicht, es war noch ein weiter weg bis zur einsetzung 
der fünf aufseher, zur absetzbarkeit des königs, zur beliebigen 
begrenzung seiner befugnisse: aber das ganze stellt sich als eine 
organische entwickelung dar. und darin liegt die gewähr für die 
richtigkeit der auffassung. keine andere controlle steht uns zur ver- 



n ) Bei Diodor VII, 13 steht das bruchstück in anderer Verbindung als 
bei Plutarch 6. ebenso steht bei Lykurg Leokr. 107 eine elegie, die auf einen 
vera ausgeht, der bei Stobaeus 50, 7 eine ganz andere gedankenreihe fortsetzt, 
eine andere einleitet, harmonistische versuche haben keine aussieht, diese ge- 
diente, die nie den segen grammatischer recensio erfahren haben, giengen im 
munde der Lakedaimonier notwendig in verschiedener gestalt um; sie haben ein 
leben wie das epos. es ist kein wunder, dafs sie ersebeinungen zeigen, welche die 
sorgsamste grammatikertätigkeit aus dem epos nicht ganz zu vertreiben ver- 
mocht hat. 

") Hieraus einen vers zu machen ist eben so billig wie willkürlich. Plutarch 
kürzt und setzt deshalb prosa zwischen das citat die alteo, die die verse nicht 
in ihrem texte absetzten, tun das unzählige male, fast eben so oft wird ihnen die 
freiheit von der kritik verwehrt, vgl. Vahlen ind. lect. 1879/80. 



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LYKURGOS 283 

fügung. verständlich also wird Spartas geschichte wol; aber für 
einen Lykurgos hat sie keinen räum, so wie ihn seine pitanati- 
schen freunde dem Herodotos schilderten, war er weder auf seiten 
der könige noch auf seiten des adels verwendbar : es war eben die 
damals vielleicht schon unbewuste absieht, die factischen wirren, 
die zu der fätQa geführt hatten, zu verschleiern. Lykurgos tat der 
tradition nach etwas was nie stattgefunden hat, aus Verhältnissen 
heraus, die es nie gegeben hat: also hat es auch ihn nie gegeben, 
wenn man sich später tendenziös die sache so zurecht gemacht 
hat, es seien die könige ehedem sehr herrisch gewesen, bis einmal 
ein guter initQonog kam, der mit hilfe des gottes den xoopos 
herstellte, so kann das nicht einmal wunder nehmen, in Athen 
sagten sie: das königtum haben wir abgeschafft, als einmal ein 
so guter könig gestorben war, dafs kein nachfolger seiner wert 
war. die namen für beide haben sich schon gefunden, der eult 
auch, wenn auch für Kodros spät genug, dennoch ist damit wol 
die Kodros- und Lykurgoslegende eliminirt, der name nicht; bei 
Lykurgos auch der von Herodot bezeugte eult nicht. 

Es bleibt aber noch der olympische diskos, dessen inschrift 
auch Aristoteles mitgeteilt hat. danach garantirten Iphitos und 
Lykurgos die olympische ekecheirie. wenn es einen könig Iphitos 
und einen Spartiaten Lykurgos gegeben hat, die die ekecheirie 
gestiftet haben, so gehören dieselben in die zeit nach dem ersten 
messenischen kriege; denn vorher konnte Sparta die unverletzlich- 
keit von Elis etwa so garantiren wie Serbien die neutralität Bel- 
giens, das widerstreitet dem urteil des Aristoteles ebensowol wie 
der absieht der inschrift, die die ekecheirie einsetzen, also min- 
destens aus Ol. 1 sein will, wenn aber zugegeben wird, was 
wol jeder heute tun wird, dafs die inschrift nicht ein gleichzeitiges 
document für die Stiftung der ekecheirie ist, so ist sie doch nicht 
damit abgetan, dafs man sie etwa aus der zeit sein läfst, wo 
Sparta die führende macht im Peloponnes war und Lykurg die 
legendäre figur. denn das führt uns in so späte zeiten, dafs 
Aristoteles schwerlich getäuscht werden konnte, da die schrift- 
stellerei in Olympia zudem 776 beginnt und unsere erhaltenen 
bronzen mindestens bis ins ende de3 siebenten Jahrhunderts 
zurückreichen, so ist dazu gar keine veranlassung, den diskos 



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284 H2 

nicht wirklich da entstehen zu lassen, wo eine bekräftigung der 
ekecheirie durch einen act der altvordern praktischen wert hatte, 
mir scheint gar keine Schwierigkeit vorhanden, wenn man den 
diskos selbst der ersten Olympiade gleichzeitig setzt, nur mit 
Iphitos und Lykurgos sieht es dann etwas anders aus. dann werden 
wir sie nicht in den regentenlisten von Olympia und Sparta 
suchen, (wenn sie von den geschäftigen olympischen Chronisten, 
z. b. bei Phlegon, auch gleich ein ganzes stemma erhalten), son- 
dern in den regionen, in welche andere archaische prachtstücke 
gefeierter heiligtümer uns weisen, wie die dreifüfse des Amphitryon 
und Herakles in Ismenion, das halsband der Eriphyle im schätze 
des delischen Apollon. in diesen regionen haben auch der eleische 
könig und der spartanische gesetzgeber ihre homonymen. Iphitos, 
Eurytos söhn stammt aus Oichalia, d. h. aus Messenien, wie die 
Odyssee (y 14) ausdrücklich sagt, mit der eine stelle der Boiotia 
(596) stimmt, in den ersten Olympiaden siegen fast nur Messenier, 
Iphitos ist von Herakles tückisch erschlagen, als er gestohlene 
füllen und maultiere bei ihm suchte, die stutereien von Elis sind 
dem epos bekannt, und dafs Herakles mit Elis die heftigste, 
keines weges glückliche, fehde bestanden hat, ist eine bekannte 
sache. Herakles zu Elis, Herakles zu Oichalia, das sind ver- 
wandte beziehungen. auch Eurytos begegnet als eleischer heros, 
als einer der Aktorionen, im katalog (620). wenn wirklich ein 
oder gar zwei könige Iphitos in Elis um 800 geherrscht haben, 
wie will man von ihnen die zweifellos später geformten epischen 
traditionen sondern? Oichalia liegt freilich auch in Thessalien 
oder auf Euboia, und auch Iphitos erscheint verdoppelt als vater 
der phokischen helden Epistrophos und Schedios in der Ilias. 
compilatorische mythographie, wie die jetzige Argonautensage, 
läfst also zwei Iphitos dem Iason folgen, diese beiden wird man 
leicht vereinigen, mit welchem rechte will man aber die eleische 
ekecheirie nicht von Messenien und seinem mythischen könig 
garantiren lassen? die Eleer brauchten sie doch nicht erst zu 
garantiren; oder aber, warum kann nicht auch Olympia dem 
Iphitos gehört haben? 

Auch ein Lykurgos erscheint im epos, auch er ein nachbar 
der Eleer, von dessen gewaltiger körperkraft der Pylier Nestor 



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LYKÜRGOS 286 

erzählt (ff 142). er tritt als arkadischer könig auf, in Alea und 
in Lepreon (Pausan. VIII 4, V 5), und zwar als Zeitgenosse des 
Iphitos, da sein söhn Ankaios, der vor ihm stirbt, Argonaut mit 
Iphitos ist. Nestor schildert diesen Lykurgos wie sich für den 
der Xvxov ÖQyrjv hat ziemt, niemand wird ihn von dem Zeus 
Lykaios und Lykaon sondern wollen, ist es aber nicht begreiflich, 
dafs den eleischen gottesfrieden der herrscher über Alea, Lykosura, 
Lepreon garantirt? wer also den Spartiaten Lykurgos retten will, 
der kann annehmen , dafs auf dem diskos etwa stand d fqdxqa 
tolgfaAeioig xdi fitpixoi xal Avxofoqyoi,, und homonymie annehmen, 
die Aristoteles getäuscht hätte, dazu ist in Wahrheit keine veran- 
lassung, der heros , Wolfmut' ist begraben in Lepreon; man er- 
zählt sich von ihm in Arkadien, wo er zu hause ist, bei Eleern und 
Pyliern. damit ist es nicht genug : wie beim Zeus vom Wolfsberg 
ist ein Lykurgos beim Zeus von Nemea der landesherr, und dafs 
er mehr bedeutete als für Opheltes den vater herzugeben, folgt 
daraus, dafs er von Asklepios ins leben zurückgerufen ward: so 
erzählte Stesichoros (fgm. 16). mit der Zeusreligion ist auch das 
Butadengeschlecht Athens verbunden, in dem der name Lykurgos 
erblich ist. wer würde zaudern diesen heros auch für den Ly- 
kurgoscult von Sparta anzunehmen, wenn der gesetzgeber nicht 
wäre? und wenn nun dieser gesetzgeber eine unhistorische figur 
ist, nichtig bis auf den namen, die alten an diesen namen ge- 
hefteten traditionen auf einen arkadischen heros zutreffen: dann 
wage ich so weit zu gehen, dafs ich sage, der in Sparta verehrte 
heros hat den namen hergegeben, an den die gesetzgeberfabel 
gehängt wurde, weshalb er das getan hat, halte ich für ver- 
messen beantworten zu wollen, so lange die Wesenheit des 
heros unaufgeklärt ist. aber dafs der heros den namen vom Zeus 
Lykaios hat, und dafs die Spartiaten diesen Zeus, an dem sie 
vorbei musten, ehe sie nach Olympia kamen, hoch verehrt haben, 
das ist eine tatsache: Alkmans erster hymnus gilt ihm. 



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3 

METArPATAMENOI 



Die Staubwolke , welche Fr. A. Wolf mit seinen irrigen Vor- 
stellungen von der Jugend der schrift aufgewirbelt hat, ist ver- 
flogen, die inschriftlichen funde in Griechenland und dem Orient 
gestatten eine anzahl gesicherter tatsachen zu verzeichnen und 
auf sie gestützt fragen aufzuwerfen und zum teil zu beantworten, 
an die die Wissenschaft vor zwei menschenaltern nicht wol denken 
konnte, wenn auch das bedürfnis nach Vermehrung des materiales 
vielfach hervortritt, und die hoffnung darauf glücklicherweise zu- 
versichtlich sein darf, die homerischen studien haben aber bisher 
den nutzen nicht genügend gezogen, den ihnen die epigraphik 
bietet. 

Auch hier stehen zunächst die gleichermafsen gesicherten 
tatsachen in scheinbar unlöslichem Widerspruch. Homer kennt 
die schrift nicht; seine heroen wissen nichts davon und keine 
spur deutet darauf, dass er davon wüste. Hesiodos ist im 
gleichen falle: erst die dxvvfisvri axvtdXrj des Archilochos führt 
in der litteratur die schrift ein. nur ein epos, die XeiQmvog vno- 
xhjxcw, erwähnte die schrift und ward mit recht verworfen (Quintil. 
I 1, 15). so haben die alten geurteilt, und wer von den neuern 
es nicht getan hat, hat sich nur lächerlich gemacht. 

Aber die schrift war seit undenklichen Zeiten im besitze der 
Hellenen, zwar haben wir bisher schwerlich inschriften, die über 
die erste hälfte des siebenten Jahrhunderts notwendig hinauf 



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MBTArPAVAMENOI 287 

gerückt werden müsten, 1 ) und so weit meine kenntnis reicht 
von keiner Urkunde zuverlässige nachricht, die älter wäre als der 
beginn der olympischen siegerchronik. allein wenn die eleische 
priesterschaft, keinesweges ein Vertreter der höchsten hellenischen 
cultur, vielmehr ganz fern von ihren centren, im ersten drittel des 
achten Jahrhunderts schreiben konnte, wer will dann ermessen, 
wie viele generationen vorher die Branchiden oder die kaufleute 
von Milet die schrift in gebrauch gehabt haben? noch sicherer 
und noch viel befremdlicher ist, was die schriftformen selbst 
lehren, mögen nun die Hellenen das aiphabet von Phönikiern 
oder Aramaeern erhalten haben, 2 ) jedenfalls erhielten sie es in 
einer form, die den ältesten semitischen inschriften am nächsten 
steht und selbst dem stein des Mesa gegenüber in einzelheiten 
das altertümlichere bewahrt hat. wenn also der entlegene und 
wenig cultivirte stamm Moab im neunten Jahrhundert zum teil 
moderner schrieb als das musteralphabet der Hellenen, so rückt 
das allein schon die reception spätestens in das zehnte Jahrhundert, 
die Übertragung hat an einem punkte stattgefunden, denn sofort 
hat sich die Überlegenheit der hellenischen spräche und des helle- 
nischen geistes darin offenbart, dafs die fünf vocale ihre bezeich- 
nung erhielten, wofür vier überschüssige zeichen, aleph, he, jod, 



! ) Die ältesten inschriften sind wol die des attischen gefafses 8s vvv oqxwZv 

nävtMv ni(düji«Tf( nai&i tov xod (W^jjV. IX, Mitteil. VI 107), die wegen 

des ionischen A lange vor Solon fallt, durch das phönikische alpha ganz allein 
steht, ferner die amorginischen steine, die vor die milesische annexion (etwa 650) 
fallen, mit koppa vau und, wie jenes attische gefäfs, einmal einem gebrochenen 
iota. Bull, de Corr. Hell. VI 187. diese und manche andere können auch älter 
sein: aber es ist notwendig, sich an die untere altersgrenze zu halten, aus dem 
siebenten Jahrhundert mögeu nicht wenige der olympischen bronzen sein, die älter 
als 560 (IGA 112) sind. 

*) Für diese Untersuchung sind die buchstabennamen die wichtigste hand- 
habe, ich erinnere deshalb daran, dafs als die correcte form nicht nl (danach £r 
<pi %l xpX) sondern mt u. s. w. durch attische inschriften (Köhler Mitt. VIII 360) 
und grammatiker (Helladius bei Phot. 530« 22) gesichert ist, und dafs /uv ange- 
glichen an vv ist, während Demokritos /uto sagte, die hypothesen von Deecke haben 
mich ebenso wenig überzeugt wie Wellhausen (Einl. A. T. 631). wie wenig er das 
material übersieht, zeigt seine schrifttafel (Baumeister Denkm. d. klass. Alt. 52). 
eine lateinische inschrift, die die formen gäbe, welche er der romischen kaiserzeit 
zuschreibt, würde sehr schweren bedenken in betreff ihrer echtheit unterliegen. 



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288 II 3 

ain, verwendbar waren, den fünften vocal, u, konnte man aber 
nicht mit dem entsprechenden halbvokal vau bezeichnen, weil 
dieses zeichen für die allgemein lebendige spirans notwendig 
blieb, man differenziirte also ihr zeichen; Mesa schreibt y 
für p, die Hellenen setzten zwei striche an eine hasta seitlich 
für die spirans, p oder |~ (beides gleich alt; das zweite schon 
auf Amorgos), oben angesetzt bildeten die striche das Y (so auf 
den ältesten steinen von Thera IGA 441. 442. 450, Kreta 476, 
Melos 417 u. a.), woraus V erst vereinfacht ist. 3 ) das zeichen 
bedeutete natürlich u; die brechung zu ü ist nur im asiatischen 
ionisch und im attischen vor dem fünften Jahrhundert erfolgt. 4 ) 
dies hellenische grundalphabet hat auf den aus der Verbindung 
mit der cultur des asiatischen wie des europäischen festlandes 
ausscheidenden inseln Thera Melos Kreta bestand gehabt, es ist 
nicht auszudenken, wie sie es erhalten haben sollten, wenn nicht 
die Dorer, welche diese inseln vom Peloponnes aus besetzten, 
selbst die schrift mitgebracht haben, die nachrichten über die 
occupationen sind mythisch; Melos wollte sieben Jahrhunderte vor 
417 colonisirt sein (Thuk. V 112). ein sehr hohes alter wird nie- 
mand namentlich der besetzung Kretas absprechen, wenn nun 
aber Dorer in so altersgrauer zeit die schrift hatten, so ist der 
schluss selbstverständlich, dafs sie dieselben nicht aus den 
Schluchten der innern Balkanhalbinsel mitgebracht hatten, sondern 
bei der achaeischen und ionischen bevölkerung, die sie ver- 
drängten, vorfanden, da diese ihnen überhaupt alle culturelemente 
übermitteln muste. also nahmen auch die auswanderer jener 



3 ) Vielfach zog man auch vor nur eine hasta mit einem seitlich aufwärts 
gerichteten striche zu bilden, aus der form V kann das alles nicht entwickelt sein. 

4 ) Das u erhielt sich bekanntlich in der phonetischen schrift Boiotiens und 
dem junglakonischen, den lautwert u zeigt aeolisch und kyprisch, da sich u 
aus o und a entwickelt, ebenso das pamphylische. auch auf Euboia sind die 
heutigen namen Stura und Kuina lebendige zeugen, aber selbst ionisch und 
korinthisch kann ein zeichen, welches ü bedeutete, nicht gewählt haben um in 
Verbindung mit o die trübung dieses lautes zu bezeichnen, für die homerische 
zeit, d. h. die des epos, für Arcbilochos Pindaros Epicharmos ist also die aus- 
spräche u unzweifelhaft, ob sie nicht noch weiter geltung hat? rvyrjg Kvqos 
Tvqos 2vqoi deuten dabin, es kann leicht erst das fünfte Jahrhundert die brechung 
gebracht haben, wie ihr die attische Suprematie die herrschaft verschafft hat 



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MKTArPAVAMENOl 289 

stamme die schritt nach Asien hinüber, haben Penthilos, Orestes 
söhn, Neileus der Pylier, Antiphos, Thersippos, Althaimenes, 
Nikostratos schriftkundige männer in ihren heeren gehabt, das 
liegt jenseits der ereignisse, welche die Voraussetzung für die ent- 
stehung der Ilias bilden, die wir besitzen. 

Zu demselben ergebnis führt eine andere erwägung. das 
ionische aiphabet ist lange vor der zeit, in welche unsere steine 
reichen, um die zeichen erweitert, welche die beiden aspiraten 
hinter dem Schlusszeichen Y nachtragen, (T) oder Q (CIA I 350. 
mit schiefem strich IGA 491. 495 u. a.), und + oder X- diese 
beiden sind offenbar aus dem zeichen der einzigen überlieferten 
aspirata (x) differenziirt. das eine zeichen gewann man durch 
weglassung des kreises, das andere durch die der einen hasta 
des kreuzes, und es ist bezeichnend, dafs nun die form des 
kreuzes für % eben so irrelevant war, wie welche hasta man 
wegliefs für g>: beides erklärt sich durch ihre entstehung aus 
dem 0. die doppelconsonanz % a ward durch das disponible sa- 
mech bezeichnet, y> a durch ein neues zeichen, das durch zusatz 
eines Striches aus dem schlufszeichen VY entwickelt ward, Y 
oder y. als dieses erweiterte aiphabet nach dem mutterlande kam, 
griff man zwar das (7) mit einhelligkeit auf, aber das kreuz 
schien vielmehr aus dem samech entwickelt als aus dem @, 6 ) 
so dafs man dies für % a und v für % verwandte; y c liefs man 
entweder unbezeichnet , oder half sich mit einer neuen wenig 
erfolgreichen erfindung. ich denke, obwol der druck unklar ist, 
wird die erklärung evident erscheinen, diese erwägung stellt das 
relative altersverhältnis der beiden alphabete fest; dafs das ältere 
in Ionien entstanden ist, lehrt ein blick auf Kirchhoffs karte der 
alphabete. die ältesten erhaltenen steine liegen diesseits der neuen 
erfindung, die somit spätestens dem achten Jahrhundert ange- 
hören müste, wenn sie nicht noch erweislich viel älter wäre, 
denn da Kirchhoff erwiesen hat, dafs die Lykier ein rotes aiphabet, 
das falschlich aus dem ionischen geänderte des mutterlandes, 



b ) Die Vereinfachung des (?) zu © kann darauf nicht eingewirkt haben, da 
sie jünger ist. dafs die runden buchstaben O - / ^- 9 seor oft einen punkt in der 
mitte zeigen, ist ohne bedeutung: ihn hat der eine fufs des zirkeis erzeugt, mit 
dem der kreis geschlagen wurde. 

Philolog. Untersuchungen VH. jg 



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290 II 3 

empfangen haben, so müssen die colonisten der vorliegenden dori- 
schen hexapolis eben dieses aiphabet schon aus der Argolis und 
Lakonien mitgenommen haben, das waren die Antiphos Ther- 
sippos Nireus Tlepolemos. man ziehe den schlufs, nicht nur für 
die Boiotia, sondern selbst für das E der Ilias. 

Schliefslich ist die tatsache dafs die Phryger und Lykier die 
schrift von den Hellenen erhalten haben, doch auch nur so un- 
zwungen zu erklären, dafs diese sie mitbrachten, nach alle dem 
kann der besitz der schrift für die homerische zeit nicht im ent- 
ferntesten bezweifelt werden, und wenn auf Kypros die Über- 
macht fremder cultur sich auch darin zeigt, dafs die Hellenen 
sich der barbarischen schrift bedienen, so kann dieser vereinzelte 
fall die sonst durchgehende entgegengesetzte erscheinung nur in 
helleres licht setzen. 

Und doch kennt Homer die schrift nicht, und seine helden 
eben so wenig, das ist ein Widerspruch, der unbestreitbar ist 
und seine erklärung fordert, und dafs wir die zeit eine zwar 
nicht schriftlose aber litteraturlose nennen, reicht schwerlich aus. 
dafs Homer selbst nicht geschrieben hat, ist nicht eben schwer 
zu begreifen, wenn man sich die äufsern bedingungen der epi- 
schen poesie zu vergegenwärtigen vermag, wozu soll ein dichter 
schreiben, wenn niemand da ist, der lesen mag? der mündliche Vor- 
trag ist noch zu Solons zeit allein die weise, wie poesie unter die 
leute gebracht wird. Archilochos Solon Hipponax reden so direct 
zu ihrem volke; 6 ) auch die elegie bedarf der schrift nicht, das 
epische gedieht aber entbehrt des subjeetiven elementes, welches 
allein die einzelpersönlichkeit erhält, auf eine fortpflanzung 
seiner verse in der gestalt, die er ihnen gab, oder einmal gab 
(denn er wird doch selbst nach gutdünken bei der Wiederholung 
geändert haben), rechnete der rhapsode nicht, seine gedichte 
starben mit ihm, oder der College und nachfolger nahm sie auf, 
betrachtete sie als sein eigentum, behandelte sie danach und gab 
sie zu gleicher behandlung weiter; so war das von je gewesen, 
das poetische wort zu fixiren würde jener zeit so ungeheuerlich 
erschienen sein, wie dem Sokrates eine stenographische nieder- 



*) Vgl. Kydathen 199. 



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MRTArPAWAMENOl 291 

schrift seiner Unterhaltungen, so lange der inhalt der gedichte, die 
sage, keinesweges ein ausschliefsliches eigentum des dichters, son- 
dern ihm mit dem publicum gemeinsam, auch selbst noch in flufs 
war, konnte niemand darauf verfallen, das gewand der sage, das 
epos, zu versteinern, mochte die schrift längst für QrftQcu, oqoi, 
weihgeschenke u. dgl. verwendet werden, also auch die möglich- 
keit einer aufzeichnung der verse vorgelegen haben : gab es etwa 
jemand, der an einer bemalten kuhhaut sein poetisches bedürfnis 
befriedigt hätte? zur conception seiner gedichte brauchte vollends 
der dichter, so lange er den namen verdiente, schwerlich papier 
und tinte, und an das gedächtnis eines heutigen abiturienten 
werden viel stärkere anforderungen gemacht als ein par myriaden 
guter verse zu behalten: womit ich nicht sagen will, dafs irgend 
ein einzelner rhapsode myriaden auswendig gewust hat, denn 
sich sein brot zu verdienen, reichte wol ein mäfsiges repertoir 
von gedichten aus, da die dichter von ort zu ort wanderten. 

Damit ist uns leider wenig geholfen, mochte die kenntnis 
der schrift nicht zum dichterhandwerk gehören, so gehörte dazu 
das wettfahren, schildemachen , bogenschiefsen auch nicht, und 
doch giebt Homer davon die anschaulichste Schilderung, weil er 
das leben in seiner erscheinung schildert, wenn könig Proitos 
schreiben konnte, so ist nicht einzusehen, weshalb Homer ihn 
nicht ebenso gut schreiben läfst wie Euripides. wer den Homer 
liest, kann nicht umhin die homerische gesellschaft, den ionischen 
adel, für eben so analphabet zu halten wie die ritterliche gesell- 
schaft des mittelalters. neben dieser stand ein schriftkundiger 
klerus: für den aber giebt es in Ionien keine parallele; wenn die 
schrift überhaupt existirte, so kann sie nur in den herrschenden 
kreisen des adels existirt haben, diese aporie scheint mir keine 
lösung zuzulassen als die von Aristarch so oft angewendete : dafs 
der dichter mit absieht die sitten der heroen von denen seiner 
zeit unterscheidet, es ist das eine manier, die viel zu denken 
giebt. eine kräftige und ursprüngliche kunst hat auch jederzeit 
den überlieferten stoff in das gewand ihrer gegenwart gehüllt, 
nicht aus Überlegung, sondern weil nur das lebendige lebt; 
der pedantismus, der selbst kein leben hat, hat den genufs für 
sich, über den anachronismus zu zetern, so hat es auch die 

19 • 



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292 JI 3 

attische kunst getan, als sie im fünften Jahrhundert zu voller und 
origineller kraft erstarkt war. damals übertrug denn auch das 
drama und die bildende kunst unbedenklich mit ihrem denken 
und empfinden auch ihre sitten und trachten auf die heroenweit, 
wie befremdlich sticht dagegen Homer ab. im epos ist das leben 
und die gesellschaft conventioneil stilisirt; dafs die heroen nicht 
schreiben ist nichts anderes als dafs sie nicht reiten, keine fische 
essen, keine suppe kochen u. s. w. man möchte sich dagegen 
sträuben, aber die spräche zeigt ja genau dasselbe bild. die aus- 
gebildete attische tragödie läfst im dialog die heroen die eigne 
spräche reden, nur noch wenig lautlich afficirt, aber durchgehend 
potenzirt und geadelt, nicht viel anders als die moderne poesie. 
'die homerischen gedichte reden eine conventionelle spräche, die nie 
und nirgend gesprochen war, die der rhapsode selbst erst lernen 
muste, aus der einzeln^ Wörter vielen hörern, manchen Sängern, 
-unverstanden blieben, mit einem aufputze herkömmlichen beiwerkes, 
f vergleichungen und formein; das epos ist formell von einer volks- 
poesie viel weiter entfernt als der tragische dialog. es sind das ja 
ganz bekannte dinge, und das ignoriren der schrift gehört unter 
dieselbe kategorie. erklären aber kann man diesen auffälligen 
Charakter des epos nur dadurch, dafs die uns erhaltenen epischen 
gedichte von der fixirung des epischen Stiles sehr weit entfernt 
liegen, ununterbrochene tradition und ununterbrochene Übung hat 
es fortgepflanzt aus einer zeit, wo die beiden weder schrieben 
noch kochten noch ritten, bis in die gegenwart, die selbst zwar 
die sitten geändert hatte, aber wenn nicht von den sitten der 
wirklichen vorfahren, so doch von denen der epischen heroen 
eine eben durch die tradition des epos genährte Vorstellung be- 
wahrte, die von ihnen solche anachronismen möglichst fern hielt, 
diesen allgemeinen Charakter des epos, die relative Jugend unseres 
Homer gegenüber seinem stoffe und dem hellenischen epos kann 
man nicht nachdrücklich genug einschärfen, sich selbst zuerst, 
denn dafs das älteste denkmal der europäischen litteratur ver- 
hältnismäfsig so gar unursprünglich ist, steht man fortwährend in 
gefahr zu vergessen, ein symptom der allgemein herrschenden 
rtianier des epischen stiles ist die ignorirung der schrift; nur als 
solches hat sie für die homerische frage eine bedeutung. 



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MBTArPAWAMRXOl 293 

Wollte man sich auch für ältere gedichte, wie die meisten 
der Uias, den consequenzen der epigraphik entziehen, so hülfe 
das doch nichts für die Odyssee, wenigstens in der gestalt, wie 

Isie auf uns gekommen ist. zu behaupten dafs diese in schrift- 
loser zeit entstanden wäre, kann niemandem in den sinn kom- 
men, da liegt also die bewustc fernhaltung der gegenwärtigen 
sitte klar zu tage; da ist aber auch die benutzung schriftlicher 
vorlagen und die benutzung der schrift bei dem geschäfte des 
dichtens nicht zu leugnen, ein flick werk der art, wie die bear- 
beitung der Odyssee ist, kann nicht im gedächtnis verfertigt sein. 
1 der compilator ist das ge wachs eines tintenklexenden säculums. 
desselben kalibers sind aber auch Iliasbücher wie H 0, und auch 
ein sehr viel achtbareres gedieht, die Boiotia, die die epische 
tradition mit geographischer belehrung verbindet, ist, wie Niese 
bemerkt hat, ohne eine geographische quelle nicht verständlich, 
wir werden diese uns als einen städtekatalog ähnlich denen, die 
später Hekataios in seiner erdbeschreibung verarbeitete, vorzu- 
stellen haben, auch die fortpflanzung so umfangreicher einheit- 
licher gedichte wie Ilias Odyssee Epigonen ist nicht ohne schrift- 
liche hilfe mehr vorstellbar, oder, wenn sie es denn sein sollte, so 
ist es ohne die schrift nicht begreiflich, weshalb die dichter, die doch 
immer nur teile vortrugen, zur Zusammenklitterung riesiger epen 
fortschritten, so dass die festordner durch die einführung succes- 
siven Vortrages dem publicum das ganze zugänglich machen 
musten, während doch die chorische lyrik 7 ) und das drama, so 



"0 Dies könnte man bezweifeln, weil es citate des Stesichoros mit buebzahl 
giebt (EXtrqs « 29, 'Oytoniag ß' 31), gegenüber der ausdebnung pindarischer 
böcher. denn welchen ungeheuren umfang müste ein gedieht gehabt haben, das 
den alexandriniscben herausgebern zu lang für ein buch erschienen wäre, nun 
ist aber von der Helene die vctqov t}$i (Dion Chrys. XI 187 Emp.) die nah- 
yqrfüc, also ein anderes gedieht, in anderem mafse als das erste buch, das die 
hochzeit Helenes behandelte (27. 29. 36) und ohne zweifei die Schmähungen ent- 
hielt, welche die palinodie zurücknahm (2G). somit waren es zwei gedichte, von 
denen das spätere freilich auf das erste bezug nahm, wie ja auch Pindar z. b. 
im dritten olympischen das erste berücksichtigt, ein ähnliches wage ich für die 
Orestie zu vermuten, mehr freilich aus den allgemeinen erwägungen, als auf posi- 
tiven anhält hin, zu dem die dürftigen bruchstücke nicht ausreichen, immerhin 
ist bemerkenswert, dafs aus dem zweiten buche der Orestie eine angäbe über 



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294 II 3 

lange sie nicht blos zum lesen da waren, das mafs, welches die 
genussfähigkeit des hörers vorschrieb, als ihre natürliche grenze 
inne gehalten haben. 

Am letzten ende geht somit unser Odysseetext auf das auto- 
graph des bearbeiters zurück, in demselben sinne wie die ge- 
dichte des Archilochos und Solon auf die handschrift ihrer Ver- 
fasser; eine der ,bearbeitung 4 der Odyssee vergleichbare procedur 
wird doch wol auch die Ilias zu ihrem abschluss gebracht haben, 
mit der es also ähnlich steht, somit kann man sich die aufgäbe 
der recensio vorstellen als die herstellung eines Stammbaumes 
von unsern handschriften bis auf das autograph der redactoren 
oder dichter, allerdings ist das Verhältnis für Archilochos und 
Solon, ja für Pindaros und Epicharmos kein wesentlich anderes 
als für Homer, mögen wir bei diesem den Stammbaum hie und 
da durch interpolirende Überarbeitung, vielleicht einzeln auch 
durch mündliehe tradition unterbrechen: nicht in diesen aus- 
nahmen, die zudem in concreto selten erweislich sind, liegt das 
wesentliche, sondern in dem process, den die litteraturdenkmale 
durchgemacht haben, die sich aus Zeiten ohne buchhandel er- 
halten haben, bis dieser, also eine wie auch immer beschaffene 
textkritik, sich ihrer bemächtigte, auch hier ist also Homer 
keinesweges als einzig in seiner art gesondert zu betrachten; 
vielmehr gilt es die erfahrungen, die man bei ihm macht mit 
dem, was die andern erzeugnisse der archaischen zeit lehren , zu 
vergleichen: dann wird sich ein urteil über den ihnen allen ge- 
meinsamen process fällen lassen, und wenigstens eine Vorstellung 
zu gewinnen sein, wie weit unsere Überlieferung überhaupt auf 
Zuverlässigkeit anspruch hat. 

Zunächst freilich ist auch für Homer, wie für jeden text, 
der versuch einer Rückwälzung der textgeschichte 4 zu machen, 
und bis auf die drei grofsen Alexandriner geht das auch mit 
hinreichender Sicherheit, für die Ilias reichen unsere hand- 
schriften selbst bis in das altertum, der Bankesianus möglicher- 
weise bis in Aristarchs lebenszeit. dennoch reicht ihr wert nicht 



Palamedes, den heros von Nauplia, angeführt wird, während sonst die Orestie die 
lakedaimonische Orestessage widergibt (35. 39). es ist auch für die reconstniction 
bedauerlich, dafs die sache nicht sicher zu entscheiden ist. 



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MRTJrPAVJMENOl 295 

heran an den des Venetus J, weil sie alle nur vulgatexemplare, 
wenn auch zum teil gute, sind, während diese einzige handschrift 
keineswegs blofs in den scholien, sondern auch im texte die 
bewuste und umsichtige philologische recension eines höchst acht- 
baren, wenn auch namenlosen grammatikers aus dem dritten nach- 
christlichen Jahrhundert enthält. 8 ) dies war ein Aristarcheer, und 
er verfolgte einseitig textkritische zwecke, ohne zweifei tat das 
aber auch damals am meisten not. er war ein compilator, stand 
mehr oder weniger im banne der naQddoaig, indeis mehr konnte 
damals niemand leisten, und dafe noch so viel wie hier, in des 
Porphyrios homerischen fragen und dem commentar zu Apollonios 
Rhodios, den wir besitzen, geleistet werden konnte, ist eine nicht 
gering zu veranschlagende ehre für jenes traurige Jahrhundert, 
nun standen zwar dem ordner der viermännerscholien nur bücher 
zu geböte, die höchstens auf die augusteische zeit zurückgiengen 
(was für andere Untersuchungen vom höchsten exemplarischen 
werte ist), aber mit deren hülfe vermochte er doch einen statt- 
lichen kritischen apparat herzustellen, der wesentlich den Varian- 
ten der drei grofsen Alexandriner galt, dafs zwischen Aristarch 
und dem scholiasten je ein Homertext constituirt worden wäre, 
während ino^vriiiata in unzählbarer reihe in jeder generation 



ö ) Die tätigkeit des scholiasten wird nicht richtig gewürdigt, so lange man 
sie auf die scholien beschränkt glaubt. Beccards lobenswertes bestreben, ihm 
genug zu tun, ward durch unzureichende kenntnis der handschrift beeinträchtigt; 
Laroche und andere haben wol diese besser kennen gelehrt, allein das ganze 
scheinen sie mir aus den äugen verloren zu haben, der mann gab einen text 
mit einer art kritischen apparates und scholien. nicht blofs die letzteren, sondern 
auch das kritische material von lesarten, die er teils annahm, teils seitlich be- 
merkte, verdankte er freilich seinen vier männern, oder vielmehr wesentlich dem 
Didymos. aber seine notizen ovztag 'Aglozctoxos, ovmos ZqvodoTos, 'AqioTtto%o$ 
d i . . . iy äXXip . . . zeigen, wie text und scholien unlöslich zusammenhängen, mag 
sie auch noch so verdunkelt sein und von vorn herein sich in engem anschlufs 
an die nugdöoots gehalten haben: eine eigene kritische leistung ist dieser kritischen 
edition des scholiasten nicht abzustreiten, so scheint sich auch die berufene 
vorrede, die auf dem einen blatte des ersten quaternio steht, ungezwungen zu 
erklären, da sie die bedeutung der zeichen erläuterte, so muss sie auf Aristonikos 
zurückgehen, wie Cobet gesehen hat: dafs sie von ihm nicht geschrieben sein 
kann, hat Friedländer eben so sicher dargetan, sie ist eben vou dem scholiasten, 
der den Aristonikos nicht ohne irrtümer compilirte» 



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296 • II 3 

gemacht worden waren, ist weder erweislich noch wahrschein- 
lich, wir finden überall texte benutzt, wie es die ältesten uns 
erhaltenen sind, mehr oder weniger von der textkritik beeinflufst. 
auch dafs später ein text durch bewuste philologische recensions- 
tätigkeit angeordnet wäre, ist nicht zu beweisen und aufser 
rechnung zu lassen, der Venetus A enthält nun, was zwar 
selbstverständlich sein sollte, aber nicht selten in der praxis 
aufser acht gelassen wird, den [text und den commentar des 
scholiasten nicht mehr rein, und der kritiker hat ihm gegenüber 
zunächst die aufgäbe ein buch des dritten Jahrhunderts herzu- 
stellen, dann dessen quellen auszusondern und so weiter, die 
scholien der vier männer, zumal in den ,textscholien 4 , wo die 
Varianten stehen, haben stark durch zusammenstreichen gelitten; 
dafür sind in beträchtlicher anzahl scholien aus einer schlechten 
recension jenes commentars hineingekommen, der am reinsten im 
Townleyanus vorliegt; jedermann weifs, dafs in diesen Ven. A 
am nächsten mit D geht, das also ist, was den scholiasten angeht, 
als interpolation zu beseitigen, auf der andern seite sind excerpte 
der viermännerscholien, die also einzeln zur controlle von A 
dienen, in alle andern scholienrecensionen eingedrungen, über 
diese ist ein endgiltiges urteil erst zu fällen, wenn der Townleyanus 
vorliegen wird; doch scheint es so, dafs dieser als bester Vertreter 
(und B neben ihm) auf einen exegetischen commentar zurück- 
geht, vergleichbar denen, die zu Apollonios Pindaros Aristophanes 
vorliegen, also im gründe fugend auf den hypomncmata. so ist 
es auch gekommen, dafs hier wörtliche fragmente aus Aristarchs 
und anderer eigenen Schriften sich besser und mehr erhalten haben 
als in dem viermännercommentar, und nur die verzeihliche einseitig- 
keit des entdeckers hat Lehrs die bedeutung dieser Überlieferung 
so mafslos gegenüber dem viermännerbuche unterschätzen lassen, 
aber dafs dieses für textkritische studien eine ganz einzige be- 
deutung behält, wird dadurch nicht beeinträchtigt, dafs eine andere 
quelle sie nach der exegetischen seite, namentlich der worterklärung 
und der mythographie, auf das erwünschteste ergänzt und auch 
auf die in den kämpfenden schulen hin und wider gehenden be- 
rührungen und befehdungen die merkwürdigsten streifllichter wirft, 
y Die beiden wichtigsten quellen des »scholiasten 4 , Aristonikos 



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mTArPAVAMENOl 297 

und Didymos, führen in die augusteische zeit hinauf, beide waren 
aber eigentlich in einem ähnlichen falle gewesen, wie der scholiast. 
auch sie waren im wesentlichen compilatoren , und ihre absieht 
war die herstellung der aristarchischen lehre in ihrer reinheit. 
sie bekannten sich, wenn auch nicht sclavisch, zu dieser lehre, 
deren quellen ihnen selbst nicht mehr zugänglich waren, wenn sie 
nicht der fälschung oder Verkümmerung ausgesetzt gewesen wäre, 
würde sie ja einer herstellung nicht bedurft haben, bekanntlich 
existirte damals weder ein authentischer aristarchischer text, noch 
gar irgend welche unabhängige und zuverlässige künde von der 
älteren kritik. diese staunenswerte tatsache findet in dem biblio- 
theksbrande von 47 allein ihre erklärung; dafür erklärt die Vernich- 
tung des gesammten gelehrten apparates die jungaristarcheischen 
bestrebungen in vollkommenster weise, ohne dafs es noch mög- 
lich wäre, die arbeit des Didymos und Aristonikos zu control- 
liren, ist man berechtigt, derselben alle mögliche anerkennung zu 
zollen; dafs sie sehr mühsam war, können wir wenigstens noch 
erkennen und eine gewisse gegenseitige controlle gewährt die 
auffällige Unabhängigkeit der beiden gelehrten Zeitgenossen von 
einander, kommen wir so durch viele etappen bis auf Aristarch 
und durch ihn erst und seine schule auf die grammatiker des 
dritten Jahrhunderts, das erstere mit leidlicher Sicherheit, das 
andere nur sporadisch, was man um so mehr begreift, je mehr 
man es untersucht, um so mehr beklagt, je mehr man es begreift, 
so erhebt sich die frage nach der kritischen grundlage des textes, 
nun also des aristarchischen oder zenodoteischen textes nur von 
neuem, so viel sieht man wol, dafs die einzeln angeführten 
handschriften, oder vielmehr exdöaeig^ sowol die xax' aväga wie 
die xatä noXeig durchaus nicht die rolle gespielt haben, die für 
uns die handschriften als Urkunden haben: das sagt der name 
exSotog schon genugsam, sie stehen alle auf einer stufe mit der 
exdotfig die der grammatiker macht, der sie citirt; es sind die 
,alten ausgaben 4 der philologischen textkritik vor Lachmann und 
Madvig. wo ist die kritische grundlage? die pisistratische aus- 
gäbe, die Ritschi so geistvoll als solche darzutun versucht hat, 
und die man in fugam vacui am liebsten erfinden würde, versagt 
den dienst, "so wird man zu der anerkennung gezwungen, dafs 



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.298 II 3 

(so wenig wie die nacharistarchische zeit copien der aristarchi- 
f sehen ausgäbe benutzt hat, sondern blofs mehr oder minder 
modificirte *otvcu, so wenig auch die voraristarchische einen festen 
auf einheitlichem fundamente errichteten text besessen hat der 
einzelne bildete sich sein urteil über die einzelne stelle oder das 
einzelne buch, 9 ) oder den text überhaupt aus so vielen hilfs- 
mitteln, als ihm grade zu geböte standen, im anschluss an die 
vulgata, die er überkommen hatte, von welcher er abwich, wo 
er einen positiven grund zu haben meinte, und wirkte dann in 
gröfserer oder geringerer stärke auf die vulgata der folgezeit ein. 
im prineip müste also eine geschichte dieser vulgata, ihrer bildung 
und Umbildung angestrebt werden, die es erst mit voller Sicherheit 
ermöglichen würde, über den objeetiven wert und die historische 
bedeutung des einzelnen kritikers zu einem urteil zu gelangen, 
allein das principiell erforderte ist praktisch gänzlich unerreichbar; 
im gegenteil, wir sind in unzähligen fällen selbst rettungslos 
dazu gezwungen, die vulgata, wie sie sich in unsern handschriften 
niedergeschlagen hat, anzunehmen und weiter zu geben. 

Dieser misliche zustand darf nicht verschleiert werden, und 
weil ihn die tiefsten kenner der 7iaqddooig am besten übersahen, 
sind sie zu dem geständnis der Verzweiflung gekommen, dafs der 
alexandrinische text das ziel unserer forschung sein müste. aller- 
dings gelangen wir mit hilfe der scholien nicht weiter, und sie 
haben sogar zu der unverantwortlichen beschränkung auf den 
aristarchischen text geführt, in Wahrheit ist davon, wie das dritte 
Jahrhundert den Homer gelesen hat, denn doch sowol durch die 
scholien, wie durch eine andere Überlieferung recht viel zu wissen, 
die homerisirenden dichter Aratos Apollonios Theokritos Kalli- 
machos sind vorzüglich erhalten und gewähren für sehr viele ein- 
zelne Wörter und verse, vornehmlich aber für die formelle gestalt 
der homerischen spräche eine sichere controlle. allerdings stimmt 
dieser Homer mit dem aristarchischen wesentlich überein. 

Und weiter zurück geht es. die citate in den aristotelischen 



°) z b. hat mir einmal einer meiner sebüler in einer an das lexicon des 
Apollonios anknüpfenden Untersuchung ausgeführt, dafs der Sidonier Dionysios 
wesentlich das N commentirt zu haben scheine, oder vielmehr die von ihm ge- 
sammelten tatsachen deute ich in diesem sinne. 



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METArPAVAMENOl 299 

Schriften, bei Aischines und Piaton, die man bei Laroche (Hom. 
Textkr. 23 — 36) gesammelt findet, verdienen in sofern glauben, 
als die texte jener Schriftsteller nicht etwa nach vulgattexten 
Homers in späterer zeit umgeschrieben sind: das beweisen die 
sehr erheblichen Varianten. 10 ) es ist durchaus nicht zu be- 
streiten, dafs diese citate von hohem praktischen werte sind; 
danken wir ihnen doch nicht weniges, selbst verse, die den 
Alexandrinern abhanden gekommen sind, sie sind wo! geeignet 
darzutun, dafs die Veränderungen, welche durch die grammatik 
mit dem Homertexte vorgenommen sind, keinesweges lauter Ver- 
besserungen waren, auf der andern seite zeigt namentlich der 
zuverlässige text des Piaton in seinen Homercitaten dieselbe ab- 
tönung der spräche auf das attische, wie sie in seinen citaten 
aus Ibykos Simonides Pindaros auch zu tage liegt, der Athener 
des vierten jahrhunders vollzieht eine attikisirung an den ar- 
cfiaischen versen, die er in den mund nimmt, woher sie auch 
stammen mögen: das ist ein sehr beherzigenswertes factum, 
trotz allen diesen differenzen aber ist der Homer der citate, auch 
wenn sie zuverlässig sind (was ich von denen bei Herodotos 
und Lykurgos nicht glaube), formell so ziemlich derselbe wie der 
aristarchische. und diese in gewissem sinne beruhigende tatsache, 
die einheitlichkeit der homerischen spräche, ist eine so die ganze 
tradition durchdringende, dafs man meist die kehrseite vergisst, 
dafs es nämlich mit rechten dingen eigentlich nicht zugehen kann. 
Nehmen wir neben der Ilias zunächst die Odyssee, von der 
im allgemeinen feststeht, dafs sie zwar das geschick der Ilias seit 

l0 ) Es kann also nicht bestritten werden, dafs Piaton Xmovo* cmfporyr« x«J 
rjßrjy gelesen hat; auch wenn das corrupt sein sollte, allein das rätsei scheint 
mir durch Bergk aus der weit geschafft. dyQotrjg war nicht zu sprechen, also 
schob man meist ein euphonisches d ein, und so schrieb man, als man Homer 
aufschrieb, aber der dichter (X 363, denn nur da ist es ursprunglich) sprach 
vielmehr etwas einem apo'r 17c ähnliches, auf alle fälle ist dieses anstöTsige 
wort gleich zu behandeln mit dem versausgang 'EyvaXiy dydgH(p6ytrj (P 259, 
daraus öfter entlehnt), dies wort ist zunächst unter falscher einwirkung von 
dQytKpovtqs entstellt: es kann ja nur dydgotpoyftjg neben dydgo(p6yo$ stehen, und 
wenn man das correcte einsetzt, so ergiebt sich dieselbe Verkürzung der ersten 
sylbe. so möchte ich also urteilen; Verflüchtigung des nasals, also äÖQotijta 
aÖQoyovtqs zu begründen, reicht das pamphyiische nicht hin. 



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300 II 3 

dem vierten Jahrhundert v. Chr. geteilt hat, 11 ) aber weder in der- 
selben gegend noch zur selben zeit wie die Ilias entstanden ist, 
so zeigt sie ganz dieselbe spräche: denn was wollen die verein- 
zelten ab weichungen besagen? nehmen wir dann die hymnen und 
Hesiodos, und nach ihm alles was von epischer poesie aller 
gegenden erhalten ist. wieder constatiren wir ein par differenzen, 
aber im allgemeinen ist die spräche einheitlich, man wird sich 
auf die gemeinsame epische kunstsprache berufen; sie erklärt 
vieles, aber nicht die zahlreichen erscheinungen, in welchen, wie wir 
jetzt wissen, die naqddoatq von der wirklichen spräche Homers ab- 
weicht, und wir kommen mit dem epos nicht aus; die elegie in 
allen ihren resten, die so verschiedener zeit und gegend ent- 
stammen, hat überwiegend homerische formen, es muss doch 
etwas daran sein, dafs Aristarch und Bekker, Nauck und Cobet 
eine einheitliche spräche von A bis <o haben durchführen wollen, 
dafs Renner die elegie dem epischen unter dem beifalle der 
meisten möglichst zu nähern versucht hat. die einheitlichkeit er- 
streckt sich über so weite gebiete, dafs man grade dadurch stutzig 
wird, denn dafs die vielen leute aller orten und zu jeder zeit so 
consequent geblieben wären, muss ein wunder scheinen, aber 
sei dem so. beruhigen wir uns zunächst bei der macht der 
kunstsprache, die natürlich, weil sie eine erlernte ist, also bewu'st 
angewandt wird, sehr viel einheitlicher ist, als irgend eine volks- 
tümliche sein kann, wir können ja auch in der macht des be- 

") Dafs die Überlieferung der Odyssee auf dieselben quellen zurückgeht wie 
die der Ilias, ist leicht zu sehen, denn ihre scholien zeigen sowol die reste des vier- 
männerbuches wie einer dem Townleyanus parallelen scholiensammluog, und der text 
hat einzeln die kritischen zeichen bewahrt, geht also auch auf jene ausgäbe des 
dritten Jahrhunderts n. Ohr. zurück, aber die in der Ilias strömende gelebrsam- 
keit ist fast versiegt, und da auch die controlle durch sonstige gelehrte litteratur 
und citate so unvergleichlich spärlicher ist, so könnte die Odyssee ganz schlecht 
überliefert scheinen, wenig besser als Hesiodos. dennoch wird kein kenner be- 
streiten, dafs der text derselben sehr viel weniger schlimme schaden enthält als 
der der Ilias, in der wir vieles nie verstehen werden, so dafs grade die zweite 
hälfte der Odyssee zu den besterhaltenen stücken der archaischen litteratur ge- 
hört, so wenig kommen für die geschiebte des eigentlichen textes die Jahrtausende 
von Aristoteles bis jetzt in betracht gegenüber dem unterschiede der entstehungs- 
zeit beider gedichte. das jüngere war nicht blofs durch seine Jugend, sondern 
auch durch seine in dieser Jugend begründete Verständlichkeit geschützt. 



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yiRTArPAVAMRXOl 301 

rühmten Vorbildes einen factor in rechnung setzen, dessen gewicht 
niemand so leicht gering veranschlagen wird, dem gegenüber 
besteht doch die tatsache, die sich nicht mehr leugnen oder be- 
schönigen läfst, dafs unser conventioneller Homer mit sammt dem 
ganzen epischen und elegischen anhang sich sprachlich ziemlich 
weit von dem echten entfernt, wenn man auch nur an das vau, 
an drjfxov (prjfiig, ^cJ Stav, iwg 6 rav& usQ/tiaive, öeovdijg erinnert, 
ganz abgesehen von UtQetdrig bog xoüog nqot^ IJQOirog, deren 
herstellung zwar von der naqddoatg^ aber nicht von ihrer grund- 
lage abweicht, also gleichsam nur die Masora, nicht den theo- 
pneusten text beleidigt (obwol im Homer die bornirte anbetung 
vom Kethib auf das Keri noch häufiger übergreift als in dem 
alten testament), und auch abgesehen von dv^axa) dQ<y<txa) %siao- 
fnai fi€T£cu, die teils überliefert aber nicht ganz sicher, teils nirgend 
überliefert aber ganz sicher sind, ohne doch in unsern texten 
ihren gebührenden platz gewonnen zu haben. 

Es liegt also eine entstellung des textes vor, eine durch- 
greifende, obwol sie, gott sei dank, nur äufserlich ist und 
höchstens dem versmafse viel zu leide tut. wie ist sie entstanden? 
diese frage geht in derselben richtung wie die, mit der wir oben 
festfuhren, nach der geschichte des textes vor den Alexandrinern, 
die pisistratische recension bot auch hier ein willkommenes aus- 
kunftsmittel : die Athener hatten bei der aufzeichnung des Homer 
(und diese tätigkeit muste so wie so auf das gesammte epos aus- 
gedehnt gedacht werden) den text in die form gebracht, die all- 
gemein zu gründe liegt, und wenn dabei etliche versehen unter- 
gelaufen waren, so war das höchstens eine bestätigung dafür, 
dafs einmal solche durchgreifende recension stattgefunden hätte. 

Gar nicht selten hört man heut zu tage für die fehler des 
textes eine unbestimmte menschenclasse, die f.i€TaxaQ^xiriQiadfjLevoi 1 
verantwortlich machen, und namentlich sprachvergleicher, oder 
wer sonst an dem von der naqdSo^vg überlieferten lautbestande 
rüttelt, meinen ihren conjecturen eine gewähr zu verleihen, wenn 
sie mit einem fehler der Umschrift aus dem alten aiphabet ope- 
riren. auch hier nimmt Homer keine ausnahmestellung ein, denn 
bei den elegikern, Hesiodos und Pindaros kehrte der appell an 
die umschreiber wieder. 



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302 II 3 

Bei den alten erfährt man von den iiBiaxaqaxtriqiadfXBvoi 
wenig; Galen hat etwas von der alten schritt läuten hören und 
wendet es zur erklärung der corruptelen im Hippokratestexte an; 
vereinzelt beruft sich einer oder der andere zur erklärung einer 
Variante oder als stütze einer conjectur auf die alte schritt, bei 
Euripides eben so gut wie bei Homer ; es läuft auf einen Wechsel 
der quantität von e und o hinaus. 12 ) dafs die leute von der 
alten schritt eine wirkliche anschauung gehabt hätten, ist nicht 
im entferntesten glaublich, sie befinden sich darin in harmonie 
mit den modernen: denn Cobet ist ein hauptverfechter des fiBta- 
YQafxfxaTiafiog, und der lebt im stände der Unschuld gegenüber der 
epigraphik. Wilhelm Christ aber, der über die Umschrift des 
Pindartextes und jetzt auch des Homertextes den mund sehr voll 
nimmt, hat sich genügend selbst gerichtet : er läfst sich also ver- 
nehmen (Homeri Iliadis carmina seiuncta discreta emendata u. s. w. 
ed. W. Christ Leipzig 1884 s. 105) Pusistratei autem Uli redactores, 
cum Ionicae litterae tum omnino nondum inventae essent, vetera scrip- 
tum sedecim vel potius duodeviginti litterarum non uti non poterant. 
und dafür entblödet er sich nicht Kirchhoffs erste tafel zu citiren. 
auf der folgenden seite erklärt er neque consonantes litteras dupli- 
candi usum tum temporis viguisse ex vetustis titulis satis conpertum 
est. 19 ) 

Die moderne ignoranz will ich sich selbst überlassen: die 
antike, so ungleich harmlosere und bescheidenere, ist damit abge- 
tan, dafs Hippokrates, sintemal er ein Koer war und ionisch schrieb 
und in der zweiten hälfte des fünften Jahrhunderts lebte, das 
ionische aiphabet angewandt hat, welches 403 auch in Athen 
eingeführt ist: bei ihm also kann von einer Umschrift nicht die 

12 ) Galen im commentar zu xai' l n xqkXop II 23 (XVIIIb 778 K. 141 Reinhold), 
eine bestimmte corruptel hat er nicht im äuge, schol. Eur. Pboen. 682 (<u und 
(u#), Aristonikos zu A 104, schol. Townl. zu H 238, Porphyr quaest 8 (p. 287 
Schrader zu * 127), « 52. in diesen fallen handelt es sich um o und oi, schol. 
8 241, a 21b um t und 17, « 252 um « und q*. 

IS ) Chris ts erst nach dem abschlusse dieses buches erschienene abhandlungen 
(zur Chronologie des altgriechischen epos, Homer oder Homeriden) will ich weder 
berücksichtigen noch kritisiren. ich stelle ihnen einfach meine Untersuchungen 
zur seite: ob ich aus Christs neuesten productionen mehr lernen kann als aus 
seinen früheren, soll damit in keiner weise präjudicirt sein. 



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METJrPJtPAMBNOl 303 

rede sein. Euripides aber hat (worauf schon Boeckh kl. sehr. V 291 
gebührend hingewiesen hat) schon in seinem Theseus (385), also 
vor dem peloponnesischen kriege, das ionische H auf dem schilde 
des Theseus eingeführt; er schrieb also nicht nur ionisch, sondern 
setzte voraus, dafs auch sein publicum die ionische schritt als die 
seit alters normale ansähe, davon dafs er attisch geschrieben 
hätte, kann also gar keine rede sein, und wenn ein allerdings 
besonders unwissender conjeeturenmacher ihm gar den ortho- 
graphischen fehler zutraut, ov mit einem zeichen geschrieben zu 
haben, so ist das zwar bezeichnend, nur nicht für Euripides, son- 
dern die conjeeturenmacher, die auch von voreuklidischem aiphabet 
faseln, wenn im Nonius dolorestes geschrieben steht, genug der 
unerspriefslichen torheiten : die inschriften sind ja da, und danach 
zu fragen, wie die litteratur sich zu den schriftformen gestellt 
hat, ist demgemäfs ganz wol tunlich. 

Ionien hat schon im sechsten Jahrhundert das aiphabet im 
wesentlichen angewandt, das Athen erst 403 officiell annahm, 
also nicht blofs Herodotos sondern Hekataios, nicht blofs Ion 
sondern schon Mimnermos haben ij unc| co für die langen vocale 
geschrieben; wer weifs, ob es nicht S^monides auch getan hat. 
die inseln hatten dagegen andere schritt, wieder andere Euboia, 
und Athen, und so fort, die litteratur war, wie ihre spräche lehrt, 
ganz überwiegend ionisch. Solon von Athen schrieb die gesetze 
auf die xvQßeig natürlich im officiellen aiphabet; seine gedichte 
bestimmte er nicht für die lecture, es ist also ganz gleichgültig, 
wie er sie coneipirte: ob er aber an Mimnermos von Kolophon 
einen poetischen brief in attischen zeichen schrieb, mag man 
billig bezweifeln, denn die sprachliche form war nicht attisch, 
sondern ionisch, oder vielmehr episch, d. h. für jene zeit alt- 
ionisch, am hofe des Peisistratos lebte der Teier Anakreon und 
machte den fürsten und adlichen Athens verse in ionischer 
spräche: wie schrieb er sie? der vulgären fabel nach schrieben 
Onomakritos von Athen, Orpheus von Kroton, Zopyros von 
Herakleia (welchem?) für Peisistratos den Homer auf. woher in 
aller weit sind sie auf attisches aiphabet verfallen? gesetzt Homer 
war noch gar nicht aufgeschrieben, womit will man beweisen, 
dafs sie grade dieses, das so unpraktisch war, wählten? nun aber 



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304 II 3 

war Homer schon oft genug aufgeschrieben, also, da er doch ein 
ionischer dichter ist, ionisch aufgeschrieben: wenn ihn die besagten 
commissare also attisch geschrieben hätten, so hätten sie ihn aus 
dem ionischen umgeschrieben, hätte also ein (letayQafXfxacimog 
in umgekehrter richtung stattgefunden, mit der errichtung des 
attischen reiches trat das Sprachgebiet, welches das ausgebildete 
ionische aiphabet besafs, sammt vielen andern unter die Supre- 
matie Athens, dessen schrift nicht blofs hinter Ionien, sondern 
auch hinter Korinth zurückgeblieben war. das reich zeigte auf 
diesem gebiete eine selbst gegen den peloponnesischen bund übel 
abstechende buntscheckigkeit, das schlimme aber war, dafs der 
vorort auf diesem gebiete nicht wie in recht und staat, mafs und 
münze gleichwertiges oder besseres zu bieten hatte als die Unter- 
tanen, und dafs sich doch das autochthonentum nicht entschliefsen 
mochte, den richtigen schritt zu tun und das ionische aiphabet 
zu adoptiren. so blieb die attische schrift officiell bestehen, und 
man kann das wol begreifen, dafs die töpfer ihrer wäre gern ein 
Ursprungsattest mit den officiellen Charakteren verliehen, aber 
das praktische leben konnte nicht warten, bis der Zusammenbruch 
des reiches die Athener endlich dazu brachte, wie so vielem heiligen 
und guten auch der nutzlosen schrulle einer eigenen schrift zu 
entsagen. Archinos hat keinesweges etwas kühnes getan, sondern 
einfach das factisch bestehende anerkannt, die einmischung ioni- 
scher zeichen, die schon seit der mitte des Jahrhunderts einzeln 
vorkommt (ältere Urkunden haben wir ja nur eine ganz geringe 
zahl), ist in dem letzten Jahrzehnt vor 403 schon sehr häufig, auf 
Delos schrieben die attischen Amphiktionen schon durchgehends 
ionisch, 14 ) und dafs die privaten es auch in Attika vorwiegend so 
getan haben, hat Köhler, der beste kenner attischer steine, wieder- 
holt betont, dagegen ist von einem zurückfallen in die alte weise 
nach 403 keine rede, gilt das selbst von der kanzlei, wie ist 
das leben zu beurteilen? was haben die kinder in der schule ge- 
lernt? es genügt hoffentlich, sich die dinge concret vorzustellen. 



u ) CIA II 813 Homolle Bull. VIII 283. ein Staatsvertrag fünften Jahr- 
hunderts ionisch CIA II 91 = Dittenberger syll. 47. eine demenurkunde II 570. 
auch CIA II 20 gehört wol dem letzten Jahrzehnt des reiches an. eine bezeichnende 
grabschrift Hermes 12, 340, vgl. auch Kydathen 20. 



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METJrPAWAMENOI 305 

soll etwa Aristophanes die Ekklesiazusen in einem andern aiphabet 
geschrieben haben als die Frösche, oder die Frösche als die 
Acharner? hat der herausgeber des Thukydideischen werkes einen 
fueiayQczfifiaicatiog vorgenommen? gewöhnte Ion von Chios sich 
das eta ab und das heta an, wenn er eine tragödie beim archon 
einreichen wollte? las ein attischer choreute in einem libretto des 
Tegeaten Aristarchos yoxuzg für Xo£lag? meinten attische recruten, 
wenn sie auf den Schilden der feindlichen schlachtreihe die A 
sahen, (Eupolis Comic. II 561), die feinde wären G-alepsier oder 
sonst was, statt Lakedaimonier? genug der narreteidung. es ist 
ganz selbstverständlich, dafs die praxis des fünften Jahrhunderts 
sich einer einheitlichen schritt bedient haben muss, und für die 
litteratur, die doch von Ionien hergekommen war, und deren 
hauptwerke ionisch waren, ist vollends die einheitlichkeit selbst- 
verständlich, es kann gar nicht anders gedacht werden, als dafs 
die für den handel hergestellten bücher der Griechen, seit es 
deren gab, in öinem aiphabet, dem ionischen, geschrieben gewesen 
sind, für Euripides liegt das eigene Zeugnis vor, dafs er dasselbe 
anwandte, für Sophokles und Aristophanes können wir es danach 
ohne bedenken auch annehmen, ob Aischylos anders schrieb, 
mag dahin stehen, notwendig ist es keineswegs, der für uns mafs- 
gebende archetypus seiner tragödien ist, auch wenn sein auto- 
graph attisch war, nur ionisch anzusetzen, ein attisch ge- 
schriebener Homer aber ist ein unding. 

Gesetzt aber auch, es hat eine Umschrift irgendwo stattge- 
funden, meinethalben beim Homer, so ist es eine bare gedanken- 
losigkeit, wenn diese gelegenheit zu einer quelle von fehlem ge- 
macht wird, freilich, wenn alte verschollene schriftzüge gelesen 
werden, wir jetzt oder Polemon ehedem eine inschrift umschreiben, 
dann laufen versehen unter, die denn auch im altertum nach- 
weisbar sind. 15 ) aber wenn ein volk eines tages eine änderung 
in der Orthographie vornimmt, die noch dazu sorgfaltigere be- 



,6 ) rj vno für hvnö iu den Urkunden der rede gegen Makartatos 57 und bei 
Andokides 1, 78 ende. ict% las Polemon für yaß auf der korinthischen xvip&q. 
Hirt de Paus, in El. fönt. 44. man sehe auch, wie die attischen vasenmaler beim 
copiren korinthischer beischriften irren, Mon. d. Inst. IX 55 mit Kaibels zuge- 
hörigen bemerkungen, und Löschcke Arch. Zeit. 1876, 110. 

Philolog. Untersuchungen VIT. 20 



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306 II 3 

Zeichnung von lauten bezweckt, die schon vorher ebenso im 
munde differirten, wie sie sich nun auch dem äuge darstellen sollten, 
so ist gar nicht auszudenken, wieso grade dabei die leute fehler 
machen sollten, wenn man vorher evSeoixoat schrieb und doch 
unterschied, ob es ijv <T ioixoto oder ijv de olxmat, oder iv di ol- 
xovtit heifsen sollte: wie kam man plötzlich dazu sich zu versehen, 
weil man's nun gemäfs der ausspräche verschieden schrieb? fehler 
wie oxog für ovtog, odeig für oväelg finden sich in folge der neuen 
schritt, weil diese den echten und den falschen diphthong ov 
gleich zu schreiben gebot: aber eXaro für fjato zu schreiben, dazu 
konnte die Übertragung des ionischen rjato an die stelle das 
attische heato wahrlich nicht veranlassen, so zeigt sich die Ver- 
kehrtheit der Umschriftshypothese ganz besonders in ihrer Un- 
fruchtbarkeit, was hat sie denn erklären wollen im Homer wie 
im Pindar? nichts als die langweiligen e und o, ei und ov. wer 
etwas mit ihr machen will, der finde wenigstens ein ij für h im 
Homer, y für X im Aischylos, ip % für x £ bei Pindar, p für t 0, 
ß für e bei Epicharm. bis das geschehen ist, soll man von dem 
fietayQafxfiatKSjuog stille sein, doch halt, fast hätte ich vergessen, 
dafs Bergk im Hesiod und Pindar, Her werden im Tyrtaios (bei 
Stobaeus!) aus corruptelen das vau hervorzuzaubern versucht 
haben, das hat ihnen doch wol keiner geglaubt, denn wahrlich, 
von unsern handschriften zu schweigen, wenn die Alexandriner 
das vau in der elegie oder dem hesiodischen epos gefunden 
hätten, so würden sie die männer danach gewesen sein, weiter 
zu schliefsen. und liegen nicht von so sorgfaltigen gelehrten, wie 
den Alexandrinern Apollonios und Tryphon, die ausdrücklichsten 
Zeugnisse vor, Zeugnisse, die aus den aeolischen dichtem die be- 
lege des vau, selbst ein vereinzeltes fQtjfa notiren, ja sogar die 
chalkidische poesie ausgenutzt haben. 16 ) man muss von der ge- 
schichte der archaischen poesie im altertum gar keine Vorstellung 
haben, wenn man meint, dafs die existenz des vau im Pindar, 
wenn es sich bis auf Aristophanes irgendwie erhalten hätte, uns 



,0 ) Wenn Tryphon (ntgl na&äiv 11), der über den dialekt der Rheginer und 
Himeraeer, also den des Ibykos und Stesichoros, schrieb, das vau den Ioniern zu- 
schreibt, so haben uns die olympischen Inschriften des Rheginers Mikythos (IQA 532) 
gelehrt, an welchen ionischen dialekt, also an welche gediente wir zu denken haben. 



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METJrPAVAMESOI 307 

nicht bezeugt sein könnte, oder aber dafs es sich unter einem 
mechanischen abschreibefehler verborgen hätte : als ob das zeichen 
einem voraristophanischen Schreiber unbekannt gewesen wäre. 

Fordert es nicht in Wahrheit das lachen heraus, dafs wir von 
den buchstabenformen reden, deren sich die klassischen dichter 
bedient haben, wo wir doch von dem aussehen eines buches im 
fünften Jahrhundert nicht die geringste kenntnis haben, denn 
die Steinschriften stilisiren in ihrer weiss; die bücher werden es 
in anderer getan haben, irgend eine cursive ist auch für jene 
zeit nicht zu leugnen, wenn wir auch cursive Urkunden nur bis 
in den anfang des zweiten Jahrhunderts v. Chr. verfolgen können, 
allein wie diese schrift auf den ältesten papyri erscheint, setzt sie 
eine lange entwickelung voraus, und ich bin geneigt die acten 
des ratsarchivs und die platonischen papiere, aus denen der 
Opuntier Philippos Piatons Gesetze herausgegeben hat, den briefen 
der ägyptischen klausner ähnlicher zu denken als den stelen des 
marktes und der bürg, wenn nicht blofs Aischrion den mond 
ovQavov <fiypa nennt (fgm. 1), sondern ein rundes e auf einer cor- 
rectur der stiftungsurkunde des zweiten seebundes vorkommt 
(CIA II 17, 45), also Aristoteles und Piaton die runden lettern an- 
gewandt haben, so ist nicht zu bestreiten, dafs selbst die ge- 
malten vasenaufschriften ein lediglich monumentales aiphabet 
anwenden, andere fragen, wie die, ob die im sechsten Jahr- 
hundert sorgfältig geübte interpunktion aus der buchschrift ebenso 
verschwunden war wie von den steinen, in wie weit vor den 
nach wissenschaftlichem principe abgesetzten dichtertexten des 
Byzantiers Aristophanes die verse in den büchern abgeteilt waren, 
können wir nicht einmal aufwerfen, weil die steine für ihre lösung 
nichts tun können. 

Aber anderes lehren allerdings die steine, was auch nur zu 
oft vergessen wird, obwol die zahl der einsichtigen grade in den 
letzten jähren in erfreulicher weise gewachsen ist. in versen und 
in prosa ist die Setzung und weglassung des paragogischen ny, 
ist die bezeichnung oder nichtbezeichnung der elision und krasis, 
die etymologische Schreibung oder die angleichung zusammen- 
stofsender consonanten ohne regel, ohne consequenz, reine Willkür. 
Verdoppelung der consonanten ist in sehr vielen fallen sache des 

20* 



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308 H3 

beliebens; rifcrtfos, ötdkXa, ea&raae, nQoaneixeiv und nQoateixeiv 
für die composita mit kqo und nqog, xa-tdSe, ivqovv (als bacchius) 
u. dgl. m. ist ganz correct. mit recht haben die Alexandriner 
ihre theorie allein gefragt, ob sie ideitre, fxdXa [ityag, naqä §6ov 
etymologisch oder mit der consonantenverdoppelung, die der vers 
zu fordern schien, schreiben sollten, wer heut zu tage empirisch 
feststellen will, ob Xenophon xalog xal äya&og oder xaXbg xaya&og 
geschrieben hat, Sophokles eatifi ßqoiwv, etitiv ßQOtwv, eöti ßQotwv 
(obwol der nasal vom vers verlangt wird, also ein m zu sprechen 
ist), ob Thukydides de aviov oder <T avtov geschrieben hat, wer 
aus den handschriften dem durch elision und krasis factisch in 
der rede beseitigten hiat seine grenzen ziehen will, Alyrjtg Aijifecr- 
&ai 'AtQsidrjg f'usofxai, TQOi£ijvt,ot, XeixovQyia ßovXei den hand- 
schriften oder grammatikern glaubt: der hat allerdings den trost, 
dafs die grammatiker und rhetoren die fragen genau so aufgefafst 
haben wie er; aber die Wissenschaft muss auch über diese rhe- 
toren und grammatiker zur tagesordnung übergehen, denn so 
wichtig die sicherstellung oder richtigstellung vieler einzelheiten 
ist, wichtiger ist, dafs wir sehen, wie weit hinauf wir die schrift- 
denkmale mit Zuverlässigkeit in der form herstellen können, die 
ihnen ihre Verfasser gegeben haben, eine parallele zu ziehen, 
so weifs jeder, der sich nicht ein x für ein u macht, dafs in der 
lateinischen litteratur kaum mit Caesar dieser zustand erreicht 
wird, nicht blofs Plautus und Cato, sondern mindestens die ge- 
sammten Jugendschriften Ciceros eine sprachliche, freilich äufser- 
liche, Umgestaltung erlitten haben, bei Sallust und Varros gram- 
matischem werke mag man schwanken, ob sie vielleicht die 
authentische form geben (Lucretius Catullus Caesar sind in den 
handschriften zu sehr entstellt), die bei Vergilius Horatius Livius 
(teilweise, je nach der Überlieferung) erreicht werden kann, dem 
entspricht, dafs die ältere litteratur wesentlich auf den sprach- 
zustand der augusteischen zeit umgesetzt ist. in Hellas oder 
besser in Athen entspricht dem das vierte Jahrhundert. Isokrates 17 ) 
und in noch höherem mafse Piaton sind uns in handschriften 



n ) Der Urbinas wird schwerlich dafür können, dafs die landläufigen texte 
mit abschreckenden fehlem wie Mgia ausgestattet sind, und wenn er es tut, so 
heben die fehler in solchen werten, deren richtige Schreibung unzweifelhaft war, 



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MRTArPAWJMENOI 309 

erhalten, die durch die controlle der zahlreichen gleichzeitigen 
steine nur in der Wertschätzung gestiegen sind, mit vollem rechte 
wird der platonischen Orthographie die minutiöseste Sorgfalt zu- 
gewandt, die an Xenophon oder Aischines verschwendet wäre. 
Demosthenes hauptreden sind erst nach seinem tode veröffent- 
licht, und man sieht deutlich, wie sein text eher die sprachformen 
der zeit des Demochares wiedergiebt, z. b. an den metaplasmen 
in der declination der Wörter auf yg. Aristoteles vollends er- 
scheint in modernisirtem gewande: seine Schriften sind im peri- 
patos fortgepflanzt worden, ohne eine im buchhandel fixirte form. 18 ) 
Wie ist es der litteratur des fünften Jahrhunderts ergangen? 
mehrere hervorragendste epigraphiker haben hier eine colossale 
entstellung archaisirender grammatiker angenommen, die £q- 
%aia Av&tg, die der 'lag zum verwechseln ähnlich gewesen sein 
soll, ist eine fabel, gewifs, obwol Ephoros ihr urheber ist 
(Strab. 333), den historische combinationen leiteten, dafs die in- 
schriften und gesetzesfragraente sie bestätigten, ist nichts als eine 
mit kecker stirn hingeschleuderte Unwahrheit, die Athener haben 
weder olxrjog noch nqdütSo) noch jjWcov noch rjv noch ®£ß£ noch 
'Aaiijug je gesprochen, wenn also Thukydides und Aischylos 
teils alles, teils einzelnes so geschrieben haben sollen (und i\v 
ist z. b. aus dem drama nicht zu vertreiben), so haben sie aus 
dem altertum ihrer eigenen mundart nicht geschöpft, wenn 
Thukydides also einen attischen volksbeschlufs in dieser ioni- 
sirenden weise umschreibt, so ist das allerdings etwas sehr 
sonderbares, und eine erklärung dafür ist nötig, jene hervor- 
ragenden epigraphiker sind geneigt, weil der text der Urkunde 
sehr viel correcter auf dem steine als in den handschriften 
steht, einen ixe%axaqaxxriQi<sn6g mit dem ganzen Thukydides vor- 
zunehmen, durch den er auf den zustand von Piaton und Iso- 
krates etwa gebracht würde, dann muss ihm Antiphon natür- 
lich folgen, und die tragödie kann nicht lange zurückbleiben, 
wirklich hat Kirchhoff in seinem Aischylos durch einzelne ände- 
rungen und noch mehr durch die conservirung von Vulgarismen 

die besondere vortrefflichkeit, wie sie <Pktiäaioi z. b. zeigt, nicht auf. ob wir 
dem Urbinas nicht z. b. die Schreibung Bovöuqis glauben müssen? 
18 ) Aniigonos 286. 



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310 II 3 

des Laurentianus, wie einmal eines Tr^arrco, neben angeblichen 
ionismen (in Wahrheit diesmal auch atticismen), wie nvXri<h, ver- 
ständlich angedeutet, dafs er den dialog des Aischylos so viel als 
möglich attisch machen will, was dem drama recht ist, ist der 
elegie billig: wirklich hat Kirchhoff auch die attische elegie auf 
den sprachlichen zustand der inschriftlich erhaltenen gedichte 
bringen wollen (Herrn. V 56). das wäre ein kräftiger neraxaQa- 
xTrjQiGfi6$. dem gegenüber steht die ansieht, die Gunion Rutherford 
in seinem Phrynichus vertritt und mit Scharfsinn und geschick 
durchführt, dafs die tragödie das altattisch repräsentire, das durch 
die bewuste Opposition der attischen demokratie gegen das Ioner- 
tum während der blute des reiches zu der spröden strenge des 
classischen attisch umgemodelt sei. er versucht nicht, diese mit 
der entwickelung aller anderen zweige der eultur streitende tat- 
sache geschichtlich verständlich zu machen, und namentlich hat 
er die lautlichen Veränderungen der spräche, die hier zunächst in 
betracht kommen, wenig berücksichtigt, wie er denn jede epi- 
graphische kenntnis, die er etwa besitzt, aus zweiter oder dritter 
hand hat; was sehr zu bedauern ist, da das buch sonst so vor- 
trefflich ist. nun stehen wir also vor einem dilemma. die for- 
mellen ionismen mit Kirchhoff zu vertilgen geht nicht an: denn 
Rutherford zeigt uns eine womöglich noch gröfsere fülle von 
ionismen in der ixXoyfj ovofidrajv. mit Rutherford diese Überein- 
stimmung in den Wörtern zwischen den tragikern und Herodot 
auf den ionischen Charakter des altattischen zu schieben geht 
nicht an: denn die steine beweisen, dafs die spräche des lebens 
weder die Wörter noch die formen mit Ionien gemein hatte, es 
hilft also nichts, als einen raittelweg zu gehen : den die geschichte 
vorzeichnet. 

Als im jähre 534 zuerst ein aywv iqaycpdaiv veranstaltet ward, 
also, wenn wir dem namen, wie mich dünkt, trauen dürfen, 
Thespis von Ikaria, der erfinder des ,ersten Schauspielers 4 , neben 
das chorlied, das die sprachliche und metrische form der damaligen 
chorischen lyrik trug, wie sie der Lesbier Arion und der Dryoper 
Lasos festgestellt hatten (letzterer war in Athen zugegen) eine 
Qrjoig in iamben oder trochaeen stellte, da konnte für diese iamben 
schlechterdings keine andere sprachliche form verwendet werden, 



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METArPAtPJMBNOI 311 

als sie der iambus (unter dem der trochaeus erfahrungsmäfsig 
mitbegriffen wird) nicht blofs in Thasos und Samos, sondern 
auch in Athen bereits besafs. der erste Schauspieler ist ja nichts 
mehr noch weniger als der vor dem volke seinen iambus reci- 
tirende dichter, wie das noch Solon selbst gewesen war, Hipponax 
noch war. daher der ionismus des tragischen dialogs; wie der 
töricht so genannte dorismus der chöre nichts ist als die spräche 
der chorischen lyrik, mit so viel epichorisch attischer färbe, wie 
Himeraeer, Lakonen, Keer, Boioter von ihrer spräche auch aufge- 
tragen hatten, es ist nur in der Ordnung, dafs der stolze bäum, 
zu dem im fünften Jahrhundert das drama erwächst, die keime, 
denen es entsprossen ist, nicht verläugnet. weder dürfen wir die 
ionismen der lautlichen gestalt vertilgen, noch dürfen wir die ionis- 
men der Wortwahl auf rechnung des solonischen attisch setzen. 
Für die attische prosa habe ich früher als ältestes document 
das pamphlet vom Staate der Athener angesetzt, das für diese 
feinen fragen nichts sicheres lehrt, weil es mit den trostlos ent- 
stellten xenophontischen Schriften verkoppelt ist. syntaktisch und 
stilistisch gehört es dagegen zu dem echtesten und unverschnörkelt- 
sten was es gibt, aber schon vorher hatten Euktemon seine 
geographischen, Meton seine astronomischen beobachtungen ver- 
öffentlicht, beide Athener, denen heimische rede und schlichte 
Sachlichkeit zugetraut werden muss. dafs für solche litteratur 
einfach die lebende spräche verwandt ward, ist wol nicht zu be- 
zweifeln: das hilft uns nur nichts, da formell verwendbare reste 
fehlen, dagegen war die kunstmäfsige prosa schon, so gut wie 
die dichtungsgattungen, in fester ionischer form ausgebildet, deren 
sich Hippokrates von Kos, Hellanikos von Mytilene, Antiochos von 
Syrakus bedienten, die in Athen Protagoras von Habdera, Anaxa- 
goras von Klazomenai, Archelaos von Milet und andere Ionier 
vertraten, die rhetorik kam zwar von Sicilien, allein durch einen 
Chalkidier, Gorgias von Leontinoi, der dem Thukydides und Anti- 
phon vorbild ward, attisch hat dieser ausländer notorisch ge- 
schrieben: natürlich erst nach 427, wo er nach Athen zum ersten 
male kam, und für den attischen culturkreis, also nicht für Sike- 
lioten. seine künste ahmt die älteste attische beredsamkeit nach, 
die erst nach 427 beginnt, deshalb habe ich diesen Ionier für 



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312 II 3 

die ionismen der s. g. alten Atthis verantwortlich gemacht, auch 
das ist nicht so ohne weiteres richtig, in den Daitales, im selben 
jähre, wo Gorgias zuerst Athen betrat, führte Aristophanes den 
junker Lüderlich ein, der rhetorik bei Thrasymachos gelernt hat 
(Comic. II 1033), 19 ) und damit ist bewiesen, dafs des Ghalkedoniers 
tätigkeit vor der des Gorgias begann, wenn sie auch bis in den 
anfang des vierten Jahrhunderts gedauert hat. dagegen spricht 
nichts; denn Dionys von Halikarnass wüste einfach nichts genaues 
und handelte ihn nur, weil er dem Lysias näher stand, nach Gorgias 
ab. 20 ) megarisch konnte Thrasymachos nicht schreiben; es ist 
kaum glaublich, dafs er anders als attisch schrieb, und so er- 
scheint auch das lange bruchstück, das nur grade für die laut- 
lichen unterschiede die wir suchen nichts ausgibt : doch ist nqd%- 
teiv überliefert, wenn also der stil, der später in Lysias und 
Isaios zur reife kommt, wirklich bis in die dreifsiger jähre zurück- 
verfolgt werden kann, und ionischer einflufs für ihn nicht nach- 
weisbar ist, so mag die bedeutung des Gorgias in der allgemeinen 
cntwickelung eingeschränkt werden : für die einzelpersönlichkeiten 
des Thukydides und Antiphon steigt sie nur. und wenn wir in 
den reden, die Gorgias namen tragen (an die echtheit kann ich 
freilich auch jetzt noch nicht glauben), bei Thukydides und Anti- 
phon eine sprachliche form finden, die dem Andokides und Alki- 
damas, die doch ebenso überliefert sind wie die beiden eben ge- 
nannten redner, fremd ist, so wird es eine gewaltsame Willkür» 

") Dafs das handbucb, aus dem Andokides und andere redner xonot ge- 
schöpft haben, vor 423 verfafst war, folgt daraus, dafs es Kratinos in der Flasche 
anführt, wie Aristobul bei Clemens Str. VI 748 gesehen hat. 

Su ) Für Dionysios war Theophrast quelle, und auf denselben geht die bis zur 
blödsinnigkeit entstellte Suidasglofse zurück. Suid. og nqiatog ntQlodoy xai xcu- 
kov xaxiSti^i xai tov rrjg yrjTOQtxrjg jqonov tioyyrjauro, /uufrrjirjg nkunoyog rov 
(pdooorpov xai 'laoxgdiovg iov QiJTogog. Dionys. VI 958 R. fjy (die /utxtrj Ml;tg) 
6 fiiv 7iQojiog itQJUoad/ufyog xai xaTaorqactg (ig ioy vvv vndq^ovxa x6apoy the 
Sgaa^/ua^og b XaXxrjöovtog jjy y wg öftrer« SiocpQaGzog, ttrt aXkog ri?, ovx fyat 
Uyuy' ol (T ixfcg'djutyot xai dyadgiipayttg — faiOQüjy /uev 'laoxQutrjg — qpiAo- 
o6<fioy St nkaiatv. als Schriften gibt Suidas ov/ußovXtvxixovg, xi^v^v QqtoQiXqy, 
nuiyyta, dcpoQ^idg faxoQtxag. man hat keine Veranlassung, das für mehr zu halten 
als einen auszug aus der theophrastischen besprechung. die ncrfyucc brauchen 
kein buch gewesen zu sein, sondern stil proben, wie die hier fehlenden fttoi (frgm, 
4 Sauppe), d<poQ/ua( ist vollends kein titel. 



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METJrPJVJMENOI 313 

die schaler des Gorgias in die einfache Atthis umzusetzen, und 
wenn auch: kann man so die nahe beziehung vertilgen, in der 
sie zur spräche der tragödie stehen? es ist eine schöne aufgäbe, 
den einflufs dieser spräche auf den Wortschatz und den stil der 
Gorgieer zu verfolgen. 21 ) ihr ertrag wird unter anderm der sein, 
dafs die ionismen, die jetzt leider auch einen der hervorragendsten 
sprach- und Sachkenner zur Verwerfung der antiphontischen tetra- 
logien verführt haben, weil er der tragödie vergafs, als gemeinsames 
gut der erhabnen rede des fünften Jahrhunderts erscheinen, es 
ist nicht anders, der ionische Sikeliot, kein mann der schöpfe- 
rischen geisteskraft, sondern der apperception, der mache, des 
esprit, überlegte sich, wie er eine der poesie concurrirende kunst- 
sprache schaffen sollte, und griff dafür nach dem tragischen dialoge, 
der dem Ionier, als aus dem ionischen iambus stammend, dem 
anhänger des attischen reiches als attisch gleich genehm war. 
ihm folgten einzelne Athener: der reactionär Antiphon, den die 
thrasymachische demokratische weise so wenig ansprach wie den 
Aristophanes, und Thukydides in seiner Verbannung, als er der 
heimischen entwickelung entfremdet war. die künsteleien seiner 
reden waren in Athen schon überwunden, als sein werk erschien, 
die späteren Gorgieer, wie Alkidamas, sind deshalb genötigt, dem 
atticismus formelle concessionen zu machen. 

Somit ist die Umsetzung der altattischen prosa, die Foucart 
gefordert hat, abgelehnt, dafür muss dem Thukydides ein fieta- 
XOQaxttiQiafAÖs der Urkunden, die er mitteilt, selbst zugeschrieben 
werden: wenn er rjv nqdaaio für idv und nQaixw der steine gibt, 
so ist daran nichts zu deuteln, in gewissem sinne also haben 
sich die handschriften bewährt, und ist nicht jede ihrer ab- 
weichungen ein fehler, es steht mit ihnen wie mit denen der 
tragiker, deren spräche zu Aristophanes sich verhält wie Antiphon 
zu Lysias. ist nun aber diese ganze litteratur einem fietaxaQaxiri- 
Qrtfiog im vierten Jahrhundert entgangen? keinesweges; und er 
geht, zwar nicht ov und o, aber wol e ij et häufig an, so dafs ich 

21 ) Ich berühre mich mit den gedankenreichen ausfährungen von Diels 
(Sitzungsber. der Akad. 1884 s. 367), aber nur in diesem punkte, weder der be- 
urteilung der empedokl eischen diction noch der des Epicharm vermag ich ohne 
sehr wesentliche modincationen zu folgen. 



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314 H 3 

mich nicht wundere, wenn öfters das alte alphabet herhalten 
muss. inivetov vijittjg Xeiiovqyia Aiytjig, die endung der zweiten 
sing, praes. pass. auf *i, sind offenbare fehler, und dafs imvqov 
bei Thukydides (ebenso übrigens auch bei Herodot, und in den 
Parthenonurkunden nQovyov; vavg und vaog muste zusammenfallen). 
vjjjrjg XytovQyia Alyjjg ßovXß yeiog zu schreiben ist, ist so sicher 
wie xeiaofuu efiei^a likyjvog (PAeidötoi 6k€i£wv siaxQaieidrjg. aber 
ebenso sichere fehler sind neiQaifag üaiaviea dvaxcoxfj Movvv%ia 
Ilvavsipiwv TQOi^rjv d7ro9vij(fxa) £d)og nqaog und da ist an die aq- 
Xaia atjfxacia nicht zu denken, am bezeichnendsten allerdings ist 
das et in den formen wie ala$dvei, weil die erste hälfte des 
vierten Jahrhunderts bekanntlich 17* von et noch unterscheidet, und 
erst die zweite alaödvei, so gut wie tel tefxei schreibt, so dafs 
wir die Jugend der handschriften schätzen können, auf grund 
deren die grammatiker dem Aristophanes aic&dvet, sogar als 
specifisch attisch aufgezwungen haben, und damit ist es nicht 
genug. 'A&rjvaia ist aus unserm Antiphon und Thukydides ganz 
geschwunden und noch nicht hergestellt, obwol kein Athener 
seine göttin im fünften Jahrhundert U&rivä genannt hat. und wo 
wären formen wie imfxekotfd'mv xq^^v inni^g in der litteratur? 
die Verkürzung der dative von oiai und aiöi zu 01g und cug, und 
bei denen der ersten declination die Verdrängung der alten auf 
ijtfi und a<H ahnten wir nicht, und Piatons Verwendung der 
längeren form in Übereinstimmung mit dem drama, das diese 
freiheit nie verläugnet hat, schien auch mir noch kürzlich eine 
Singularität, allerdings sind aufser Piaton die beispiele ver- 
schwindend selten, 22 ) aber da die steine lehren, dafs diese Wand- 
lung erst während des peloponnesischen krieges vollzogen ist, 
nicht anders in Athen als in Ionien, aufserdem die komödie sich 
in ihrem gebrauche nicht irre machen läfst, Ionier wie. Gorgias 
eher auf die erhaltung der längeren form hinwirken konnten, so 
scheint mir jetzt vielmehr hierin eine durchgreifende modernisirung 

22 ) toU dtoiatv ix&Qol Phylarch bei Athen. 25 lc; wo der artikel lehrt, dafs 
wir nicht ein aus iuxtaposition entstandenes compositum zu erkennen haben, wie 
in ^€oi<jf/»pict, oder dtoiaiqtioi Tyrtaios 5, 1. yaurivotot Thrasymachos bei 
Dionys. VI 959 vgl. Sadee s. 195. orotat Andokides 3, 16; dieses hat mir Bruno 
Keil gezeigt. 



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MBTJrPJ*PJMRNOI 315 

vorzuliegen, das vierte Jahrhundert und ebenso die folgenden, je 
bis zu der zeit, wo die philologische kritik den text fixirte, was 
für Piaton zuerst eintrat, behandelten eben diese äufserlichkeiten 
mit nachlässigkeit. sie taten es mit fug und recht, wie mich 
dünkt: aber dafs sie es getan haben, das sollen wir nicht ver- 
gessen. 

Ein ungleich einschneidenderer und verderblicherer nsta%a~ 
QaxtfjQKffiög hat den Herodotos betroffen, seit die ionische spräche 
durch die steine bekannt geworden ist, hat sich die grauenhafte 
Verwüstung seiner spräche offenbart, die trotzdem dafs die heran- 
ziehung besserer handschriften schon viel beseitigt hatte, be- 
steht, es verschlägt wissenschaftlich nichts, dafs die heraus- 
geber des Herodot das noch nicht begriffen haben, und selbst 
einen solchen Wahnsinn, wie die Verbannung des paragogischen 
ny, weiter verbreiten: Soxiet inoiee 'AnqUm öeönoxea tovtemv 
xeetcu, und wie die monstra weiter heifsen sind der rumpel- 
kammer verfallen, welche äv beim futurum, i(piXaaa oadog 
ßovxoXidadeo äxolöai xcuQoöiwv ijtjq idieiv dyyeXirig xaV SXey- 
%i*g av SQveiv und unzählige Verkehrtheiten enthält, die teils die 
späte Verwahrlosung teils die fehlgriffe der kritik in das classische 
griechisch hineingebracht hatten; ab und zu finden ja auch sie 
noch Verehrer, denen man ihre lust nicht verkümmern soll, wenn 
wir nur wüsten, wann die ionische prosa diesen durchgreifenden 
/xetaxaQctxtrjQKffiög erfahren hat. das pseudionisch der hadriani- 
schen zeit setzt ihn voraus, und wer seitdem ionisch schreibt, wie 
der nachahmer Herodots neQl IvQltjg $bo€, Arrian, Abydenus, Eu- 
scbius der moralist, folgt ihr mehr oder weniger, und als anlafs 
liegt die Verwechselung von homerisch und ionisch nahe genug, 
aber obwol ich seit langem darauf geachtet habe und allerdings 
einen beweis dafür, dafs vor Christi geburt jemand so schwer 
sich vergriffen hätte, nicht gefunden habe, 23 ) so fehlt mir doch 
ein positiver anhaltspunkt. die consequenzen der erkenntnis, dafs 
der Herodottext grade im Florentinus, aber auch in alten citaten, 



2S ) Dafs Philteas, Verfasser von Naxiaka, ntnotiavTai, ytytviavtai und gar 
fytvro für iyirovro gesagt hätte, kann man auf das Zeugnis des Heraklides bei 
Eustathius zu t> 106 unmöglich glauben, die versehen homerisirender dichter ge- 
hören nicht hier her. 



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316 H 3 

so ungemein entstellt ist, sind eben so weitgreifend wie zur zeit 
wenig anerkannt, zwar darauf dafs der Romanus sehr viele fehler 
nicht enthält, möchte ich angesichts der alten citate nicht zu viel 
geben, da ja zumeist das echtherodoteische auch das attische ist. 
allein wenn man gewöhnt ist, die texte des Hippokrates für viel 
verderbter zu betrachten als den Herodot, so muss das jetzt be- 
deutend modificirt werden, freilich, ein text wie der von Ermerins 
ist in seiner lautlichen form gradezu ekelerregend, aber dafür 
können die handschriften nichts, nein, wer die probe machen 
will, wie z. b. der Parisinus 2253 die spräche darstellt, wozu er 
freilich die anmerkungen Litträs durchsuchen muss, der wird alle 
achtung vor dieser Überlieferung erhalten, der text ist in jeder 
beziehung dem, den Galen hatte, ebenbürtig, nicht selten über- 
legen. Galen klagt so oft über zeitgenössische Hippokrateskritiker, 
die den Hippokrates attisch machten: der verdacht liegt nahe, 
dafs vielmehr Galen sich durch pseudionische texte täuschen 
liefs, 24 ) wie die modernen, die dann jenen gegnern Galens manches 
harte wort abzubitten haben, wie weit sich auf andere Schrift- 
steller dieser iie%axaQaxxr\QiaiAoq ausgedehnt hat, bleibt zu unter- 
suchen; jetzt ist es recht schwer, weil die herausgeber die bruch- 
stücke nach dem billigen recepte des Conventionellen las, deren 
regeln in Dindorfs vorrede zum Herodot parat standen, zu be- 
handeln pflegten, leider zum teil noch pflegen. Wachsmuths 25 ) 
Stobaeus unterscheidet sich darin sehr wenig erfreulich von Diels 
Simplicius. ich habe Bywaters Heraklit genauer geprüft und 
pseudionismen nur ganz vereinzelt, und wesentlich nur bei späten 



2i ) Unkritisch wie er ist, läfst er gleichwol den Hippokrates ein wenig auch 
attisch reden und referirt anderer meinung, die ihm gradezu die «p/afa 'AtMs 
beilegten XVIIlb 322 K. wenn Hermogenes (II 423 Sp.) dem Hekataios eine 
axQctios 'lag, dem Herodot eine xtxo(c/uiyrj zuschreibt, so bezieht sich das auf 
Wortschatz und stil. 

26 ) Auch die berstellung der pseudodoris hat mit ähnlichen gespenstern zu 
kämpfen. Wachsmuth stellt mala für ovaia her. aber wie soll das gehen? wenn 
die Dorer von iwy ein wort hätten ableiten wollen, so würde das iovxiu lauten, 
aber sie hatten es nicht nötig, da ihnen i<n<6 nicht abhanden gekommen ist, das 
auch die Ionier und ionisirende Attiker besafsen. freilich hat auch bei Aristophanes 
die antike kritik yfywia als angeblich lakonisches yiqovaia verfertigt: wo doch der 
dialekt ytQovila erhalten haben muss. 



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METArPAWAMENOl 317 

Schriftstellern wie Hippolytus angetroffen. 26 ) ähnliche resultate 
hatte die prüfung der ältesten historiker. 

Während so die ionische prosa durch einen fistaxaQaxtriQuf- 
(io$ der falschen grammatischen theorie entstellt ist, den wir ab- 
streifen müssen, und von ihm unmittelbar auf die richtige form 
zurückgehen, sind die ionischen dichter glücklicher gefahren, 
zwar die reste des Hipponax sind meistens so corrupt und un- 
verständlich, dafs ich kein urteil über sie wage, aber bei Anakreon 27 ) 
und Archilochos 28 ) sind die fälschungen der pseudias so ver- 

26 ) Plutarch's Heraklit scheint noch keine Umformung erlitten zu haben, das 
oft angeführte fgm. 106 zeigt wvüxai erst bei Iamblich, wenn dessen archetypus 
es hat. denn schon die abscbreiber der renaissance hatten für te eine Vorliebe; 
in den anfangsworten des Hekataios bei Demetr. de eloc. 12 hat die handschrift 
Soxti, die apographa Joxitt. Clemens und Origines stimmen fgm. 126 in der un- 
form Tovjioiöi, während sie anderes in demselben satze unverdorben haben, dabin 
rechne ich den dativ xolg: denn dafs auch das ionische so gut wie das aeoliscbe 
zuerst die formen des artikels verkürzt hat, scheint mir von selbst einzuleuchten. 

27 ) tptXiu steht fgm. 70 aus Hephaestion, dessen Überlieferung selbst doris- 
men in den Anakreon setzt, öoxiitg 75, 2 aus Heraklit alleg. : das versmafs verbannt 
beides, sonst immer das richtige, kurze dative sind ^ulrgatg (Anakreonteen 62, 
ist aber echt) xov<p«tg 24, vielleicht v/uyoig 64, 11, immer steht ein anderer dativ 
dabei, die falle, wo Bergk die elision unbezeichnet gelassen hat, zähle ich natür- 
lich nicht auf, z. b. 77. psilosis ist ausdrücklich bezeugt 1, 6 xarogäg, dem aber 
xd&o$og 44, 6 xadiQjua 21, 12 gegenübersteht, zusammenstofsende Wörter lassen 
sich nicht verwenden, denn scriptio plena war in den handschriften so gut regel 
wie sonst etymologische Schreibung, so ist die krasis mit xcci unbezeichnet 8, 3. 
21, 7. 88, mit /utj 44, 6. trotzdem der vers contraction fordert, steht geschrieben 
oitj&ia XQvofct ytjQnXiot ixxfXtiHpiarat (poQitjy dtooxio) xttgtxofQyiog 98 (vier- 
sylbig) xagttotv (dreisylbig). überhaupt ist dem attischen gegenüber nicht con- 
trahirt nur *Aldita (dreisylbig) 44, 5 OQfjixifjy 50 (dreisylbig aber 75) natg 21, 13 
(sehr oft 7i«??; 17, 3 zu lesen xpdkku) nqxitöt rjj tplky xmuccCcdv na$ 'Id/ußt] für 
natdi üßgy) ; £<fw ist gar geschrieben 45, iyxi*s zweisylbig 64, 3, was kein Attiker 
wagen würde, aber Galen hat xns ^X^ nl seinem Hippokrateslexicon. 

M ) Auch bei Archilochos duldet der vers nur richtige formen, ein falsches 
ytUitv giebt Hephaestion 81, xfgrojuitty 66, xtgöaktr) 88 sind nicht allein bezeugt, 
das erste aber von Clemens aus Aristobul. heta im anlaut ist erhalten, nur 
Hephaestion hat in ijßijg 115. rkaixt oqk scheint bei Heraklit 54 am besten 
bezeugt, xnt' jjxqy 42 ist richtig, in j/uiQtjy 72 würde es auch sein können, ist 
aber schlecht bezeugt, bxolog ist auch nur in einem verse 72 überliefert, das 
richtige öfter; hier wirkte wol das citat bei Heraklei tos (figm. 5 Byw.) ein. die dative 
bewahren ihr iota oder können elidirt werden aufser dyxakmg 23 &ttklrjg in dem 
verdorbenen verse 9, 2, xaxoTg 65, vielleicht &toig 56, von denen nur 65 ent- 



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318 H 3 

schwindend selten, dafs sie mit leichtigkeit beseitigt werden; bei 
Archilochos muss natürlich nicht das asiatische, sondern das 
nesiotische ionisch zu gründe gelegt werden, dessen unterschiede, 
erhaltung des heta, onov u. dgl. schon jetzt kenntlich sind und 
es noch mehr werden müssen, sobald die eigentümlichkeit des 
inselgriechisch klar erfafst sein wird, ähnlich rein stellen sich die 
spärlichen und schlecht überlieferten reste der alten elegie dar; 29 ) 
Theognis dagegen folgt ganz dem Homer. 

Lehrt uns so das ionische für den vorliegenden zweck wenig, 
und ist das aeolische, so lange die monumentale Überlieferung 
nicht an die zeit der Sappho heranreicht, fast ganz unverwend- 
bar, 30 ) so hat Kirchhoff dagegen aufser zweifei gesetzt, dafs Alk- 
man und die lakonischen partieen des Aristophanes einem ganz 
ähnlichen verderbungsprocefs durch grammatische recension ver- 
fallen sind wie die ionische prosa, indem die junglakonische 
spräche, die sich für lykurgisch ausgab, die alten verse mit ihren 
neologismen verdarb, wie weit dieser procefs, der immerhin 
nicht mit einer aus den fingern gesogenen, sondern einer wirk- 
lichen nur Jüngern spräche operirte, sich spontan und allmäh- 
lich vollzogen hat, wie weit ihn die neuerungssucht eines heraus- 
gebers durch einen act der willkür zu verantworten hat, das zu 
übersehen fehlen uns die mittel, sieht man sich aber die nicht 
geringen citate aus Alkman an, die schriftsteiler der Zeiten vor 



schuldigt» aber auch allein sicher ist etymologische Schreibung in solchen fallen, 
wo Anakreon immer contrahirt, ist fast durchgehends bewahrt; es wird etwa in 
der bälfte der fälle contrahirt. Semonides stimmt zu diesen bcobachtungen, doch 
ist die Überlieferung des Stobaeus so schlecht und so ungenügend bekannt, dafs 
ich das urteil zurückhalte. 

29 ) Es ist ganz auffallig, wie Kallinos Tyrtaios Mimnermos Solon mit Homeris- 
men sparsam sind, da ist nicht nur kein Iditiv sondern auch kein doxittv, nur 
p&<, das anderer art ist, hat Mimnermos einmal (5, 1). pseudionismen fehlen ganz, 
da gibt Theognis und die elegie des fünften Jahrhunderts ein anderes bild: sie 
halten sich eben an die vorliegende homerische form. 

30 ) Nur darin ist eine modernisirung der aeolischen gedichte sicher zu er- 
kennen, dafs die grammatiker das auslassen des iota subscriptum notiren, das erst 
nach 350 aufgekommen ist. bemerkenswert ist aber, dafs Aristoteles in einem 
citat aus Sappho (28) wirklich ein vau geschrieben hat, obwol der hiatus ertrag- 
lich gewesen wäre. 



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METArPAWAMENOI 319 

Alexander Polyhistor gerettet haben, 81 ) so wird man zwar keine 
junglakonischen formen finden, wol aber eine nicht unbeträcht- 
liche annäherung an das homerische und attische, dieselbe art zu 
citiren, wie sie Piaton oben zeigte, und wie sie in jenen Jahr- 
hunderten natürlich war. gesetzt, die grammatiker hätten einen 
so gefärbten text ihrer ausgäbe zu gründe gelegt, statt dafs sie 
nun auf einen junglakonfechen verfallen sind, so würde Alkman 
etwa so aussehen, wie es jetzt Pindar und Epicharm tun. 

Dafs Epicharm ganz einfach seinen megarischen heimats- 
dialekt oder auch den davon schwerlich verschiedenen von 
Syrakus schrieb, versteht sich eben so von selbst, wie dafs seine 
reste ganz erstaunlich entstellt und zwar in das gewöhnliche 
attisch entstellt sind, es ist bezeichnend dafs die umfänglichen 
versreihen, die bei Diogenes stehen, trotz allen corruptelen do- 
rischer aussehen als die masse der verse, welche in der gram- 
matischen litteratur zerstreut sind, letztere gehen auf die aus- 
gäbe des Apollodor zurück, die einzige von der wir wissen, und 
mit ihnen harmonirt vieles was die antike theorie dorisch nennt, 
weil es eben auch auf Apollodor 7ibqI JwQidog zurückzuführen 
ist: Diogenes aber beruft sich auf Alkimos, also einen gewährs- 
mann, der 150 jähre älter als Apollodor ist. die Vulgarismen bei 
Epicharm sind nicht zu zählen, und nur eine gewaltsame restau- 
ration könnte sie vertreiben; Ahrens ist sie, obwol er gar nicht 
einmal alles beanstandet hat, was vertrieben werden müste, 32 ) 
nicht wol geglückt, um beim vau zu bleiben, so ist es ganz ver- 
schwunden: und doch hat es Epicharm im anlaut wenigstens 
unzweifelhaft oft geschrieben, aber die Athener haben Epicharm 
schon früh zu lesen begonnen und ein Athener hat ihn heraus- 
gegeben: was wunder, dafs seine textesquellen ein attisches 
colorit trugen? 

Mit Pindar ist es nicht anders, obwohl er schon von Aristo- 
phanes herausgegeben worden ist, und das fremde colorit hier 
vielmehr durch die attische chorische poesie bestimmt ward ; nur 
ist das urteil dadurch erschwert, dafs der megarische possen- 

*') Ephoros 24, Cbamaileon 17, 36, 37, Antigonos 26, Apollodor 25. 
■*) Ein spafehaftes beispiel, 24, 3 Ahr. xal axaQovg y x&v ovfä to oxwq Sfutroy 
ixßaXtty 9(o ig. auch ohne an ttxaxoq zu denken würde die paronomasie axaq fordern. 



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320 II 3 

Schreiber lediglich für seine landsleute, Pindar für das gesammte 
gebildete Hellas schrieb und demgemäfs eine im einzelnen oft 
schwer definirbare kunstsprache. er sprach das vau im verkehre 
mit seinem hausgenossen wenigstens immer im anlaut, er sagte 
nicht elg sondern iv mit dem accusativ und dativ, sagte 'AtQidao 
nivddqot, (oder vielmehr UivdaQos) daefxoveöfo natQoiae Mcoödayv, 
aber in den versen liefs er das vau weg, wo es ihm gefiel, vermied 
vielleicht iv mit dem accusativ durchaus, erlaubte sich UtQetöa 
daifiotri Moiaäv; ob Ilivddq^ naiQcpy wissen wir nicht, denn wie 
wir nur aus seinen Wirkungen das vau erkennen, so lesen wir Utr- 
daQ(j) UtQsldy, lesen Ilivddqov &eovg, wo er Ilivddqa) &ewg sagte, 
und können nicht entscheiden, wie er seine schritt aufgefafst 
wissen wollte, denn hier ist allerdings ein fall, wo die Ortho- 
graphie des dichters, ja selbst der attischen exemplare, die 
Piaton vorlagen, nichts lehren könnte, wir lesen 'la&fnoi 7<jjtiijvo$; 
er hat hia&iaoZ huffArjvos geschrieben, vielleicht auch hsaXog, jeden- 
falls hayrp'iXag. unsere accentuation ist unbeanstandet die atti- 
sche, aeolismen sind hie und da erhalten, boeotismen in den 
fragmenten, sehr zweifelhaften wertes, Verkürzung der plural- 
accusative in den beiden ersten declinationen vereinzelt und mit 
geringer Wahrscheinlichkeit von den alten angenommen, epische 
formen nicht wenig und mit mehr gewähr eingeführt, aber auch 
ganz seltsame Vulgarismen wie rjtrvxia Zrjvog noaeidoiv cot. das 
ganze trägt keinesweges den Stempel bewuster gleichmacherei, 
aber nur eine unwillkürliche modernisirung , wie sie die Jahr- 
hunderte zwischen Pindar und Aristophanes bringen musten, 
konnte das ganz seltsame gemisch erzeugen, dem die herausgeber 
bisher ohne urteil gegenüberstehen: Sicherheit ist nie und nimmer 
zu finden, so viele einzelheiten es auch glückt zu erledigen. 

Endlich fehlt auch ein seltsames specimen für einen peta- 
XctQaxirjQKfiJLog nicht, auf welches ebenfalls Kirchhoff zuerst hin- 
gewiesen hat. die verse der Korinna von Tanagra sind an- 
geblich epichorisch boeotisch; obwol ein bruchstück (23) in epi- 
scher spräche erhalten ist, und sehr wenig wahrscheinlich, dafs 
Korinna aeolismen gemieden haben sollte, da ihre verskunst 
dieselben lesbischen glieder, mit so geringer kunst wie sonst nur 
Alkman, aufreiht, sie hängt von Lesbos ab wie die lyriker 



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METArPAVAMEXOI 321 

alle, Pindar also auch ; der gegensatz zwischen Pindar dem pan- 
hellenischen, Korinna der epichorischen dichterin 83 ) ist ja doch 
nur aus der sprachlichen form abstrahirt. aber die reste Ko- 
rinnas zeigen allerdings, wenn auch ohne consequenz, jene ab- 
geschmackte phonetische Orthographie, 34 ) die in Boeotien seit 350 
etwa durchdrang und, was der verdiente fluch jeder phonetischen 
Orthographie ist, mit fortwährendem schwanken bis auf die 
sullanische zeit dauerte, welche Boeotiens Verödung vollendete, 
die gedichte Korinnas haben also eine Umschrift erfahren, wie 
sie für Homer erträumt wird, dafs dadurch ihr text wesentlich 
verdorben ist, wird nicht leicht jemand behaupten; das hat erst 
Bergk mit staunenswerter ignoranz des boeotischen getan, wie 
aber ist dieses singulare Schicksal Korinnas zu erklären? wir hören 
von keinem älteren grammatiker, der sie behandelt hätte, als 
Alexander Polyhistor (schol. Apollon. I 551), und es hat wol 
zwei zählweisen, aber wenigstens für unsere allerdings auf wenige 
zeugen zurückgehende üherlieferung nur eine ausgäbe gegeben, 36 ) 



M ) Die dumme fabel von ihrem verkehre und ihrer concurrenz beruht einmal 
auf dem gedichte an Myrtis, zum andern auf Pindars bekannten versen auf die 
vtg BoicuTiot, d. h. den zum spotte gewandten üyantennamen. dumm nenne ich 
die fabel, nicht weil Pindar keine dame schwein hätte nennen können; ich be- 
zweifle, ob er sehr galant war; wol aber weil sie einen agon einmischt, also 
etwas specifisch attisches. Pindars poesie zeigt, dafs seine gesell Schaft diese demo- 
kratische institution nicht kannte. 

M ) ov auch für kurz v selbst in offener sylbe, fgm. 1, 2, 8, 20. dagegen nur 
für lang v 21, und doch alles bei Apollonius oder Herodian. tj für «* 19, 20, aber 
nicht 4, 13, 21. v für ot konnte nur einmal (20) vorkommen, wo es verraisst wird: 
denn Botwri 1 ist selbst von den phonetikern verschont worden, die dative sind 
erst zu finden, rot) cf«, /udxag, Kgoytöq, tov noutdnutyog 9 aval; BoKori(l). da 
Boiotos kein Kronide ist, so ist Kgoviörj als dativ zu fassen und der unvollständige 
satz zu schreiben tv (ff, udxag, KQoyidat, rv iloTttdatoyi ^dycc^ Bokot£, zu er- 
gänzen mit ifpiXq&qg oder loQTag xaricraactg oder was sonst, das versmafs ist gut 

ww_wv„vyv | _ ww.-.^_w. 21 aber ist überliefert /Lt^mpo/ucu cff xai Xiyvgay 

MtQTitf lüjyya, Sit ßctva cpovo* fßa titySagioto not 1 tyiv. ich will durchaus nicht 
leugnen, dafe Korinna den epischen genetiv verwenden konnte, denn ich glaube 
nicht an ihr specihsches Boeotertum, aber man sagt doch wol rt*i jiqos tgty 
ßafouvy nicht 7iqos fyiy riyog. also ist das letzte der kleinen aeolischen glieder 
^^—.-^_ ThyduQoi bot' fytv; die corruptel lag wahrlich nahe. 

3& ) Durch Hercher (Herrn. XII 315) kennen wir den gesammttitel yfyota, 
und Zählung nach büchern. ytQota (oder ysQologl tig naTgotog, wie die Boeoter 
Philolog. Untersuchungen VII. 21 



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322 " 3 

deren Orthographie nicht älter als das dritte Jahrhundert war. 
es hat also Alexander oder ein höchstens hundert jähre älterer 
grammatiker eine Sammlung von Korinnas gedichten veranstaltet, 
die er entsprechend dem geringen rühme der Verfasserin nur bei 
ihren landsleuten vorfand, natürlich mehr oder weniger von der 
geltenden Orthographie angegriffen, die modernisirende entstellung 
hatte dasselbe getan wie am Pindar Epicharm Homer, aber sie 
war hier eine boeotisirende gewesen; die orthographica waren 
verhältnismäfsig harmlos, wie sie es bei Homer sein würden, 
wenn sie dort statt hätten: das interessante ist nur, dafs wir so 
dem fabelhaften einen wirklichen iisxaxaQaxxr\Qi<sp6$ gegenüber 
stellen können. 

So haben wir die archaische litteratur in raschem überblicke 
gemustert; so schwierig die einzelfragen sein mögen, und so oft ein 
zweifei bleiben mag, das ist unverkennbar, dafs nirgend eine wirk- 
liche authentische textüberlieferung zu finden ist vor dem vierten 
Jahrhundert, für jedes Schriftwerk fixirt erst die wissenschaft- 
liche ausgäbe den text, bis dahin unterliegt er einer langsamen 
inconsequenten spontanen modernisirung. welche wege diese 
einschlägt, dafür giebt die allgemeine culturentwickelung und die 
Stellung, welche jedem Schriftwerke ihr gegenüber gegeben ist, 
die norm ab. die erscheinungen sind verschieden, aber sie 
werden von demselben gesetze beherrscht, es ist ja so viel be- 
quemer, einen einmaligen act als eine fortschreitende entwicke- 
lung, die willkür des menschen willens als die elementare oder 
göttliche gewalt der geschichte zu erkennen und anzuerkennen; 
aber die Wahrheit zu suchen ist überhaupt kein bequemes ge- 
schäft, und jede erweiterung des Wissens scheucht nur auf von 
scheinbar gesicherten resultaten, bei denen wir uns beruhigten. 



auch sagten, die &i öi ei zu ai oi ei allgemein machten ; Tlty^agoi ßovkaT für loca- 
tive zu erklären, ist haltlos) heifst ,alte geschiebten*, nach bächern zählen die 
yegoia der scholiast des Antoninus und Hephaesnon. aber jedes gedieht hatte 
seinen besonderen titel, wie ja jedes seine ,weise fc hatte, sein tlfog für sich, so 
citiren Apollonius und Herodian. auf sie geht von den 40 fragmenten (39 = 12, 
34 ist der name falsch) die hälfte zurück, aber die spräche erscheint genau so 
bei Hephaestion, dem 8 verdankt werden, der rest ist fast durchgehends mytho- 
graphisch, so dafs kein wort erbalten ist: das eine 23 weicht ab. 



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MBTArPAVAMENOl 323 

l 

Der punkt ist erreicht, bis zu dem wir aufsteigend die ge- 
schichte des homerischen textes verfolgen konnten; ziemlich so 
wie ihn uns die Alexandriner übermittelt haben, war er im 
vierten Jahrhundert, diese zeit etwa ist als die erkannt, welche 
der archaischen litteratur den Stempel aufgedrückt hat. sie hat 
das epos und die elegie im wesentlichen in einheitlicher spräche 
gelesen, wol dürfen wir annehmen, dafs wenigstens im attischen 
culturkreise auch schon das fünfte Jahrhundert, schon Aischylos 
ziemlich denselben Homer gelesen hat wie wir. aber wie ihn 
Pindar, wie ihn Stesichoros oder Alkman gelesen haben, das ist 
uns und bleibt uns verborgen, oder ist nur in einzelheiten kennt- 
lich, denn Pindar Stesichoros Alkman liegen uns selbst nur in 
einer analogen modernisirung vor. ^ 

Modernisirt ist der text, nicht durch abschreiber- oder Um- 
schreiberversehen zufällig verdorben, gewifs entziehen sich fehler 
in fülle unserer beobachtung. aber wir kennen deren, dank 
namentlich den vorzüglichen arbeiten der letzten zeit, nur zu 
viele, und ihre entstehung durch modernisirung ist vollkommen be- 
greiflich, daher stammt Icos %eix>g imctpoqog 'AyiXewg 2(ßxog livai 
(für Ifievcu, das allein erträglich ist); 36 ) drjfxov (prjfug, (itfivsw 
ijd> Jfav, fiBiXtxiovg ineeGOi, AlöXov xXvtä daifzata, xqvcioig denäeööi, 
ntjXemg vis für nrjXrjog t;e, rjv nov für ai xev. dafs auch viele 
tiefere corruptelen in den alten versen sich finden, ist wahrlich 
nicht befremdlich, wenn man xaierdeattav nicht mehr versteht, 
macht man xr/toieatfav daraus, neben rjiifxaaev dqiqtriqa dringt ijrt- 
juiftf' agi^ga ein, evtjyevijg verdrängt evrjyevrjg: 31 ) auch xaiQOvtHfewv 
wird nicht mehr verstanden, nicht mehr gesprochen, und xcuqo- 
<r£a>v wird wol oder übel erklärt, leute die ve&vewg allein sagen 
und bei Homer die zweite lang finden, schwanken zwischen te^vrjwg 
und le&veiwg, zumal ihre eigne rede das ei und e oft vermischt; 
dieselben schwanken zwischen xexXrjydSfeg und xexXijyovteg, weil 
sie selbst nur xexXrjyoteg kennen, gesetzt auch, die dqxaia <nj- 



*) Auch bei Tyrtaios 11, 12 kann iium nicht bleiben. 

87 ) Es ist wol noch nicht bemerkt, dafs diese vortreffliche emcndation des 
Rhianos durch die Theoren von Thasos (Rev. Archeol. XIII No. 4), deren einer 
so heifst, bestätigt ist diese so merkwürdigen steine sind überhaupt zu wenig 
bekannt dafs nokvyytorot Uykaxpcayrog dort steht, ist wol noch nicht beherzigt 

21* 



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324 HS 

fiaaia wäre berechtigt als erklärungsgrund zu dienen, wie sie 
xcuQoaswv und tG&vBHus &€$& u. a. m. allerdings erklären würde, 
so hätte es doch keine logik, sich auf sie zu berufen, weil so viele 
ganz analoge erscheinungen mit ihr keinesfalls etwas zu schaffen 
haben können, auch das konnte nicht ausbleiben, dafs manch- 
mal zunächst die vulgäre form eindrang und, wenn der vers 
vollständig gemacht werden sollte, eine falsche erfunden ward; 
so ist ISefiev zu ISetv geworden und dann iSeeiv daraus gemacht, 
Aaoxqwoq ward mit dem modernen ABwxqvxog vertauscht und 
dann wieder zu AsioxQirog um des versmafses willen, das ist 
nichts anderes als was die vielen kleinen und grofsen entstellungen 
erzeugt hat, die uns die Wiedererkennung des vau gelehrt 
hat. 88 ) 

Es gibt aber noch eine sorte von Verderbnissen, die sich 
besonders tief eingefressen haben, offenbar sehr alt sind, und 
allerdings mit e und o ganz besonders häufig zu tun haben, so 
dafs es verzeihlich ist, wenn man zunächst an einen irrtum durch 
aq%ala arjtiada denken mag. 'QQBidtna sagen die Griechen später 
auch in prosa, schon Piaton. die attische königstochter, die der 
Nordwind raubt, ist von seinem stürmen durchs gebirge benannt, 
also nach attischem lautgesetze oQstövia, in den zeiten des 
epos oQstd'via, ionisch würde ovQet&via correct sein, so gut wie 
ovQBüißoitrig bei Sophokles, das lange o hat für dieses Sprach- 
gebiet keine berech tigung. nsiqtöoog ist sprachlich ein ungetüm; 
dafs der heros eigentlich nsQi&oog hiefs, zeigt nicht blofs der 
attische demos IlsQi&ovdai, sonder auch Sophokles, der IleQiSov 
hat (O. K. 1574); sonst fehlt der name im drama, da der titel der 
tragödie des Kritias nichts hilft, die alten durchschauten auch die 
einfache etymologie, obwol sie falschlich von einem neQi&eZv bei 
seiner erzeugung fabelten statt den ,sehr schnellen 4 IleQ&oog db$ 
ÜQOdooq anzuerkennen, das falsche UbiqI&oos herrscht seit dem 
vierten Jahrhundert und hat ein falsches dorisches UrjQl&oog ge- 



38 ) Es ist wol zufall dafs ein ganz sicheres, noch heute gesprochenes vau 
B 585 nicht hergestellt ist. die jetzt wie in der zeit der Eleutherolakonen Silvios 
genannte Stadt heifst dort Oltvkog, d. h. oMrvloq oder SUvkos, wie atktvq jtXtvsi 
also ist xai statt jj<f« zu lesen in of r« Aaav ttyoy (oder Aaav fy 9 *) W OfrvAor 
äfitpfvipopro. 



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METArPAWJMENOI 325 

zeugt. 89 ) wir nennen die in Wirklichkeit JoXi%a, die langgestreckte, 
genannte insel JovXlxiov: die Verlängerung ist ebenso unorganisch 
wie in dovXi%6deiQOi. aXsaioixog aXeaixaQnog fedazürjg (neben 
feXatog) ovXopevog EiQeciaL feictQivog* ) und vieles andere ist der- 
selben art. aber der (teiaxatQaxiriQrtfjLog würde dem nicht abhelfen, 
denn iwodycuog äwe<peXog df*<paöiri sind eben so incorrect für ivoöl- 
yaiog dve<peXog ä<paoir). diese beispiele belegen in Wahrheit nur 
dasselbe, was die bekannten d&dva*og dxdpatog änovietöcu, 'AnoX- 
Xwvog zQitoyeveuz dioyeinjg trvßotoa xataXotpaiia (beide mit langem 
i), von welchen mehrere sich mit der falschen messung durch alle 
zeiten behauptet haben, und für fünfsylbige Wörter hat auch die 
attische poesie die freiheit nicht aufgegeben, sie durch Verlänge- 
rung der anlautenden sylbe zu einem adoneus zu machen. 41 ) 
bei Homer geht das viel weiter, ich stehe nicht an die regel zu 
formuliren, dafs das epos, sobald ihm die spräche in einem worte 
oder so gut wie einem worte (z. b. iv äXi, wo die präposition 
proklitisch ist) drei kürzen gibt, sich die freiheit genommen hat, 
eine derselben an stelle einer langen zu verwenden, es war das 
das notwendige correlat zu der unverwendbarkeit des proceleus- 
maticus für den daktylus. dieser zustand galt natürlich nur für 
das ältere epos; im weiteren verlaufe wuchs die kunst, so dafs 
man bei dreisylbigen Wörtern sich zunächst mit elision oder 
Position half, vier- und mehrsylbige muste man weiter so be- 
handeln, wenn man sie nicht vermeiden wollte, die Odyssee geht 
damit schon recht sparsam vor. wie sprach man in solchem 
falle? wir wissen es nicht; wir kennen erst den zustand, wo 
man sich in der hilflosen läge befand, das versmafs auch für das 
äuge füllen zu wollen, damals war in einer anzahl formelhafter 
oder häufiger Wörter die metrische Verlängerung zur sprachlichen 
geworden; dann trat der lange vocal ein, a i u blieben dem 



3Ö ) Herodian II 270 vgl. oben s. 221. 

*°) Dies erscheint als eigenname in Boeotien im fünften jhrdt. IGA 250: eine 
parallele zu 'QQil&vta bei Piaton. 

4t ) dvoodonainala Aisch. Eum. 387, änttQa/uv&oc Prom. 185, IlQia/utöaioi 
Agam. 747, h)yvn6xnnu Sopb. 0. E. 1752, rayao^tigwy Aristoph. Vög. 254, 1394: 
diese fallen mir grade ein; ohne zweifei werden es mehr sein, (paioxijiürtg AI- 9 
(ftaißoia IlctQ&tvönaiog im anlaut des tragischen trimeters sind eine volle analogie. 



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326 H 3 

kurzen gleich, rj u> fanden aufnähme, in anderen verdoppelte 
man die liquiden und s, die dazu besonders geeignet schienen,- 
vermutlich, weil sie wirklich verdoppelt nirgend gesprochen 
wurden, so entstand, wenn nicht gar BfxpLoqe ekkaße, so doch 
xatäfi^ÖQOv dydwi(poq dwecpsXog ivfXfxeXiyg (peQsaaaxeag; die nasa- 
lirung in dfutpatfitj ist eine Seltsamkeit, bei e und o muste ein 
schwanken eintreten, da man statt der einfachen länge noch leichter 
den hybriden diphthong sprach, der der klangfarbe nach zu dem 
kurzen, dem metrischen werte nach zu dem langen vocal gehörte: 
so ward et, vielleicht ausschliefslich, ov häufig neben a> verwendet, 
diese ausspräche, der die schrift folgte, hat sich sehr früh fest- 
gesetzt, so dafs ein schwanken in der auffassung für unsere 
kenntniss kaum irgendwo vorkommt: aber das ist nicht befremd- 
lich, da das epos im sechsten Jahrhundert seinen abschlufs er- 
langt hat, und kein zweifei ist, dafs lange vorher, schon für den 
bearbeiter der Odyssee, eine feste praxis sich ausgebildet hatte, 
auch dieses gehörte zu der homerischen kunstsprache und ward 
mit ihr erlernt; mit ihr drang es auch in andere poesie, endlich 
in's leben. 

Ich bin geneigt, dieser rücksicht auf das metrum sehr viele 
anscheinend sprachliche Singularitäten der homerischen diction 
zuzutrauen, axeopsvog ixaxzofxsvog axa%6fxevo$ ist so zu dxeiofievog 
fxaxeiofxevog dxaxrjfievog dxtjxsfiivog geworden, freilich führt das 
so weit, dafs ich selbst ängstlich werde: denn rnia&6sig rjvepoeig 
d-avattjtpoQog xoqonvnog notefirjdoxog und diese unübersehbare 
sippe, die dann zur zeit der damatischen poesie analoga wie 
aömdriyoQog erhält, sehen jenen sehr ähnlich, und sie sind nicht 
wol lediglich auf metrische Umgestaltung des einfach normalen, 
vielleicht aber zum teil auf analogie zurückzuführen; 42 ) scheint 



42 ) Im attischen hält sich in vielsylbigen Wörtern der hybride diphthong 
notorisch in Ilovkviiiov xovQOTQucpog Movyt%ia 'AncaovQia (wenn er da gerecht- 
fertigt werden kann), aber da ist er auch etymologisch begründet, immerbin be- 
stätigt sich die von Lobeck nachdrücklich betonte abneigung der spräche gegen 
gehäufte kürzen ; dieselbe kann allerdings sehr viel erklären, aber nur durch Willkür 
der spräche, als ausnähme, es gibt keinen verhängnisvolleren irrtum, als den, die 
, spräche, ein geistesproduct, zu einer seelenlosen, also regelmäfsigen , materie zu 
degradiren. 



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METJrPjiVAMENOI 327 

doch selbst elv sich nur so bequem zu erklären, dafs elv UQifiouft, 
für iv AQlfiouft, eben so gesagt ward, wie neiQtöoog für neqiSoog. 
auch die mit soviel beifall versuchte Verwertung von Verlängerung 
kurz auslautender dreisylbiger Wörter für ursprünglich langen 
auslaut bin ich geneigt, hierher zu ziehen, aber ich verzichte für 
jetzt und für diesen ort auf die ausführung. die gewaltige ent- 
stellung unseres Homertextes, die keineswegs auf Schreiberwillkür 
zu setzen ist, zeigt sich zur genüge, und vielleicht ausführlicher 
als nötig habe ich dargetan, dafs die fabel von der Umschrift 
aus dem alten aiphabet gar keinen Schimmer von berechtigung 
hat. die einsieht in die geschichte des textes und seine Zuver- 
lässigkeit ist aber eine notwendige Vorfrage sowol für die richtige 
Stellung der homerischen frage, wie für die richtige behandlung 
der sprachlichen probleme. diese sind in letzter zeit auch von 
sprachvergleichender seite in sehr dankenswerterweise gefordert: 
es hat mir leid getan, dafs dabei die Umschrift als bewiesene 
tatsache behandelt ward, und es würde mir eine freude sein, 
diesen von jener seite so erfolgreich zu behandelnden Studien 
einen stein aus dem wege geräumt zu haben, in concreto wird 
über sehr viele der berührten Spracherscheinungen erst der appell 
an die homerische verskunst die entscheidung bringen. 



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4 
DER EPISCHE CYCLUS 



Ob es einen menschen von fleisch und blut gegeben habe, 
der Homeros geheifsen, darüber sind die modernen philologen 
sich unklar, während die alten darin alle übereinstimmen, und 
wenn sie es auch glauben, so wissen sie doch nicht zu sagen, wo 
er her war, noch was er geschrieben, noch wann er gelebt, aber 
die herren Stasinos und Lesches haben persönlichkeit und zeit, 
Vaterland und werke; womöglich erfahren sie eine aesthetische 
Würdigung, die griechischen litteraturgeschichten geraten bei 
Homer sogleich in einen tiefen unergründlichen sumpf; da muss 
von Volkslied und kunstepos, von heroenzeit und heroensitte, von 
arischer mythologie und semitischer kunstindustrie gehandelt 
werden. Homer repräsentirt ein chaos, aus dem sich die helle- 
nische cultur und litteratur entwickelt, dann kommt ein dicker 
strich, diesseits desselben wohnt die geschichte. da sind zuerst 
die herren Kykliker angesiedet und Hesiodos sammt der boeoti- 
schen dichterschule und die lyriker u. s. w. das sind alles höchst 
leibhaftige menschen, denen höchstens die allgemeine bildung 
fehlt um examina zu machen und abzuhalten, Zeitungen zu lesen 
und zu schreiben. Homer ist für sie eine gegebene gröfse wie 
für jeden primaner, und die Kykliker speciell sind von Homer, sei 
er nun eine person oder werde er zum symbolischen verflüchtigt, 
qualitativ verschieden, aber mit Quintus und Tzetzes können sie 
eine gewisse Verwandtschaft nicht abstreiten; durch eine ver- 



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DER EPISCHE CYCLÜS 329 

gleichung mit Vergil können sie sich höchstens geschmeichelt 
fühlen. 

Die litteraturgeschichte folgt dabei der politischen geschichte, 
was nur recht und billig ist. für diese ist der besagte dicke 
strich schon durch sein ehrwürdiges alter geheiligt: gezogen hat 
ihn Ephoros und die Warnungstafel daran gesteckt, bis hierher, 
ihr historiker, und nicht weiter, denn jenseits geht das mythische 
an. der rechte historiker hat vor Ephoros einen gewaltigen re- 
spect, und darum bekreuzigt er sich vor Achilleus und Herakles, 
denn die sind mythisch; aber Eurypon und Kodros sind historisch, 
zumal Grote, zu dem der durchschnittshistoriker schon um des 
rationalismus willen ein ganz besonderes zutrauen hat, gehört zu 
den Verehrern der ephorischen grenzlinie. den Homer aber hat 
Aristarch von allen veaheQoi scharf gesondert, und die unterschiede 
durch etliche dinXat eingeschärft: seinen bekennern ist eine gründ- 
liche Verachtung der Kykliker tief eingepflanzt; zum cultus Ari- 
starchs pflegt sich der Grotecultus zu gesellen. 

Aber keineswegs einzelnen kreisen ist diese anschauung eigen; 
sie ist so weit verbreitet, dafs es unbillig wäre sie irgend einem 
einzelnen zu verdenken, in der tradition sowol der politischen 
wie der litteraturgeschichte sitzt sie so fest, dafs selbst die 
gröfsten und freisten männer sich ihr nicht ganz entzogen haben ; 
auch wer sie theoretisch durchschaut hat, wird praktisch ihr noch 
oft den tribut des irrtums unfreiwillig zahlen, wenn Gottfried 
Hermann fragt, woher es wol gekommen wäre, dafs die griechi- 
schen epiker blofs den zorn des Achilleus und die heimkehr des 
Odysseus besungen hätten, so setzt das die qualitative Verschieden- 
heit von Homer und den Kyklikern voraus, vollends aber was 
von dem epischen cyclus gemeiniglich gewust wird, was der exa- 
minand zu lernen, der examinator zu fragen pflegt, das ist nicht 
mehr noch weniger als ein absud von Welckers gleichnamigem 
buche, es ist ganz bedeutungslos, ob diese abhängigkeit bewust 
oder unbewust statt hat, ob die kenntnis Welckers aus erster oder 
zweiter hand ist. 

Historische kritik war Welckers sache so wenig wie gram- 
matische kritik. seine geniale phantasie und sein überwältigendes 
anschauungsvermögen hat die sage ersclüossen, wie sie im herzen 



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330 IU 

des volkes lebt und webt, in den dichtungen und künstlerischen 
darstellungen durch einzelne individuen, die vno(pi\%a<, und jfyuij- 
velg des volkes, gestalt gewinnt, sein ist der ewige rühm, weite 
herrliche gefilde aufgetan zu haben; er bleibt ihm, wenn auch 
alle seine einzelnen aufstellungen hinfallig sein sollten, es ist 
nur recht, dafs ihm viele arglos vertraut haben und vertrauen, 
möge es auch verzeihlich sein, dafs viele, blind für die unver- 
gänglichen Offenbarungen, oder verstockt in der hoffart ihrer 
besseren grammatischen kenntnis, dennoch in nichtigem und ver- 
gänglichem ahnungslos von seinen errungenschaften zehren, ich 
will weder wider die einen noch wider die andern schreiben; am 
wenigsten aber will ich wider Welcker schreiben, im gründe be- 
hält er ja doch recht: der hierophant der sagenherrlichkeit ist er 
geblieben, obwol fast jedes einzelne gebilde, das er ans licht 
brachte, von Gottfried Hermanns unerbittlichem Schwerte mit recht 
in stücke geschlagen ward, aber es ist an der zeit, dafs das 
nichtige zu nicht werde, das scheinwissen von den Lesches und 
Arktinos muss ein ende nehmen, dazu bedarf es keiner eigenen 
Weisheit, nur die Überlieferung gilt es zu prüfen, das katzengold 
endlich wegzuwerfen : mit dem echten golde wollen wir wuchern. 
Was man jetzt über die Kykliker und ihre werke sagt, beruht 
zumeist auf den excerpten aus der Chrestomathie des Proclus, 
also byzantinischen excerpten aus einem buche des fünften Jahr- 
hunderts, denn ich sehe keine veranlassung die byzantinische 
tradition 1 ) zu bezweifeln, dafs der Lykier Proklus, der auch den 
Hesiod commentirt hat, dieses handbuch verfafst hat. gewifs ist 
ein gewaltiger abstand zwischen diesem grammatischen traktate 
und den commentaren, nicht nur zum Piaton, sondern auch zum 
Hesiod. aber dieser anstofs verschwindet, sobald man bedenkt, 
dafs der Verfasser der Chrestomathie nichts mehr ist als ein com- 



') Aufser Suidas das scholion zu Gregor bei Michaelis Bilderchr. 97. voll- 
kommen verkehrt ist es, irgend einen andern trager des namens zu bemühen, 
wenn man die byzantinische tradition vom Lykier verwirft, ihr glaubt man nicht, 
weil man von ihrem Proklus etwas weifs, und nimmt an, dafs dieser wegen der 
namensgleichheit erschlossen sei. nun erschliefst man lediglich auf die namens- 
gleichheit hin einen andern, bei dem man nur deshalb auf keinen Widerspruch 
stofsen kann, weil man gar nichts von ihm weifs. 



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DER EPISCHE CYCLÜS. 331 

pilator, dem also von seinem buche individuell nicht mehr gehört 
als dem Photius von seinem lexicon. setzen wir aber auch den 
fall, dessen möglichkeit nicht zu bestreiten ist, dafs ein anderer 
Proklus die Chrestomathie geschrieben hat, so ändert das in der 
sache gar nichts, denn dieser compilator repräsentirt doch nur 
die letzte (oder, wenn man seine excerptoren rechnet, vorletzte) 
etappe des weges, den die Jahrhunderte ältere tradition bis auf 
uns zurückgelegt hat. die person des Proclus ist für das buch 
ganz gleichgültig, nicht nur dieser ausschreiber, dessen namen 
wir zufällig kennen, hat von den gedichten, deren auszüge er 
gibt, nichts gesehen, sondern eben so gut auch der unbekannte 
compilator, den er auszog, und wer weifs wie oft sich dieser 
procefs vollzogen hatte, seitdem einmal ein unbekannter mann 
die gedichte selbst auszog, man tut gut, diesen tatbestand im 
gedächtnis zu behalten, wenn man mit den Inhaltsangaben des 
Proclus operirt. so entstellt sind sie freilich lange noch nicht wie 
die litterarischen Suidasartikel, das fundament der Conventionellen 
litteraturgeschichte. 

In den excerpten aus Proklus, die der Schreiber des Venetus 
A vor seinen text gesetzt hat, sind die meisten gedichte mit ent- 
schiedenheit einem bestimmten Verfasser gegeben, dem Arktinos 
von Milet 5 bücher Aithiopis und 2 bücher Persis, dem Mytile- 
naeer Lesches (es kommt nur der genetiv Aioxew vor) 4 bücher 
kleine Ilias, dem Troizenier Hagias 5 bücher Nosten, dem Kyre- 
naeer Eugammon 2 bücher Telegonie. 2 ) es sind dies die namen 
an die man zu glauben pflegt, denselben glauben bringt man 
auch dem Kyprier Stasinos entgegen, der elf bücher Kyprien ver- 
fafst haben soll, daran ist Proklus unschuldig, der Ven. A gibt 
das gedieht anonym, und was in der bibliothek des Photius steht 
führt vielmehr zu einem andern ergebnis, wie sich bei der be- 

*) Die vielbeklagte 1 ticke in den auszügen der Persis ist hoffentlich auf immer 
beseitigt; weder Lesches noch Stesichoros ist ausgefallen, vielmehr sind die auf 
fol. 6» am ende stehenden worte tmita anonkiovatv ol "EXXqvts xer* (p&oQav aviotg 
1j 'A&tjyä xazä ro ntXayog /urjxccyärai als interpolation aus y zu streichen, ge- 
sehen hat das Hiller; ich hatte die freude dafs gleichzeitig einer meiner Greifs- 
walder schaler dieselbe richtige losung fand. — seitdem dies geschrieben ward, 
hat Wissowa durch erneute prüfung des Marcianus allen combinatiooen ein ende 
gemacht, Herrn. XIX, 198. 



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332 ir 4 

sprechung des Athenaeus zeigen wird, ja, man kann zweifeln, 
ob Proclus die namen so bestimmt gemeint hat, wie sie im Ven. 
A auftreten, die auszüge nämlich, beginnend mit der Titano- 
machie, an die die Kyprien mit imßaXlei de tovtocg tä Xeyöfieva 
KvnQia anschliefsen, standen vereint an einem orte der Chresto- 
mathie, vor diesen die auch im Ven. A erhaltene vita Homers 
sammt den vitae der vier andern kanonischen epiker (Phot. 319a 
19), hinter den auszügen aber die vitae der Kykliker (Phot. 319a 
33), beginnend mit dem dichter der Kyprien, weil dieser für 
Homers Schwiegersohn galt, dazu kommt dafs in den Clemens- 
scholien (p. 423, 28 Ddf.) eben über die Kyprien ein excerpt steht, 
das man versucht ist auf Proclus zurückzuführen, Kvnqia ttomj- 
fiatd e\<h [ta] %ov KvxXov. neQiix^ <?£ äQ7rayijv c Ekivr\g' 6 ie 
7¥Oirj%rig aviwv ädrjÄog, elg ydq ititi rtvv xvxfaxwv, xvxXtxol äe xa- 
Xovvxai noirjtai oi %ä xvxXcp %rjg 'IXidäoq rj %ä nqmta rj td peta- 
yeveöteQa [i£] avxwv %wv XtfirjQixwv (SvyyQdipavtBg. danach kann 
man vielmehr annehmen, dafs, wenn auch etwa Proclus nicht, so 
doch seine quelle, auch wenn sie die bestimmte nomenclatur aus 
bequemlichkeit befolgte, doch durchaus keine garantie für ihre 
richtigkeit übernahm. 

Mit den auszügen aus Proklus gehören auf das engste die 
inschriften der ilischen tafeln zusammen, und dadurch kommen 
wir um eine anzahl Jahrhunderte zurück, es darf nach den Unter- 
suchungen von Jahn und Michaelis für ausgemacht gelten, dafs 
diese tafeln der zeit um Christi geburt angehören, sie sind in 
Rom und an andern orten Italiens gefunden und als fabrications- 
ort ist nach den Verhältnissen der industrie wie auch der gram- 
matik jener zeit Rom anzunehmen, aber industrie und grammatik 
sind erst nach Rom importirt. wir werden also für die originale, 
zwar nicht dieser tafeln, aber doch dieser industrie ein griechi- 
sches gebiet suchen müssen, man hat auf Alexandreia geraten, 
und für die kunstindustrie kann die möglichkeit zugegeben werden, 
nicht so für die grammatische gelehrsamkeit. denn Zenodotos ist 
für die tagzählung des A zu gründe gelegt, und die berücksichti- 
gung der kyklischen epen ist der aristarchischen schule fremd, 
ob Theodoros, der sich die %4xvr\ der täfeichen zuschreibt, der 
träger der firma war, welche den barocken zimmerschmuck fabri- 



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DER EPISCHE CYCLUS 833 

eirte und vertrieb, oder der grammatiker der für diese firma 
arbeitete, das ist nicht mit Sicherheit zu entscheiden, ist aber 
auch nicht sehr wichtig, denn unter allen umständen hat ein 
grammatiker für diese täf eichen gearbeitet und ist er ein compi- 
lator gewesen, der eben so wenig wie Proklus die gedichte selbst 
zur hand genommen hat, sondern von älteren auszügen abhängig 
war; die illustratoren vollends haben nicht einmal die Ilias und 
Odyssee selber vor äugen gehabt. 

Diese auszüge, die somit spätestens aus ciceronischer zeit 
sind, sind nun dieselben, auf welche auch die bei Proclus vor- 
liegenden zurückgehen, das tritt am deutlichsten in den postho- 
raerica hervor und ist auch von Michaelis anerkannt, hier nun 
erscheint Ai&ionlg xatä 'Aqxjivov tov Miliqaiov {A 151), 'Ikuig 
fiixqä keyofjievrj xatä Ai(S%r[v Uvqqalov (A 162); die Persis ist 
nach Stesichoros gegeben, also wenigstens zwei sehr bezeichnende 
namen stimmen mit Proclus. aufserdem steht mitten auf der 
wichtigsten tafel A als gesammttitel TQmxög. man kann nur 
xvxlog ergänzen, danach wird man genötigt auch einen Qrjßcuxog 
anzunehmen, und von diesem liegen in den tafeln D K noch reste 
vor: diese erzählungen berühren sich ihrerseits mit andern mytho- 
graphischen compilationen und namentlich dem hyginischen fabel- 
buche. 3 ) die beziehung auf das epos ist nicht so unmittelbar er- 
sichtlich wie beim TQooixog, aber sie fehlt nicht, die inschrift, die 
sie bezeugt, nur auf der verstümmelten Borgiaschen tafel erhalten, 
muss ich hersetzen (z. 397 — 402 Mich.) 

-paxfag ov% rjv Tikeöig 6 Mrj&Vßvatog v — 
-enetov xal Javaiiag J-y cnrcov, xal %6v 
-ijv OlSmodeiav tijv ino Ktvai&mvog tov 
400 -if£ iixmv ovtfav J^ vnofrijöoiiev Orjßalda 
-tov MiXrfiiov Xiyovdiv inmv ovxa ,&g> 

~[i,iv, zav%xi öe 

a ) Trotz blattversetzung, interpolation und trivialität erkennt man bei Hygin 
doch noch die Ordnung, in der nach den göttergenealogien der fhtßatxoq folgte, 
178—184* (darin mehreres interpolirt oder yerschlagen) 1—11 (auch darin mehreres 
falsch) 66—76. in diesen war, wie auf der Borgiaschen tafel, das aufsertbebani- 
sche eingearbeitet, Argonauten 12—27, Herakles 29-36, Theseus und das andere 
attische 37 — 48. auf den Srjßaixog folgt der gut erhaltene Tqohxos 77—127. 
tiefer will ich hier nicht eingeben. 



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334 "4 

das participium ovöav (400) kann man mit OlSmoSetav verbinden, 
aber ovta (401) fordert ein anderes Substantiv als 0rjßatda. wieder 
auf ein femininum bezieht sich tavtjj (402), der dativ weist auf 
ein verbum t>no9ij<so(i6v, dieses seinerseits scheint eine adversa- 
tive form des satzes zu verraten, der männliche artikel (398) 
beschränkt die auswahl in den epennamen bedeutend, was von 
darstellungen und inschriften sonst da ist, zeigt attisches, argivi- 
sches, thebanisches. es liegt auf der hand, dafs die Zeilen viel 
zu lang waren, als dafs sich eine sichere herstellung erzielen 
liefse; ich vermute, es war etwa so — xal Javaviag intov ,fg> xal 
%6v ^Höioiov Alyifiiov inwv ovta . . xal] ri}v Oidmodsiav ti)v vno 
Kwatöwvog tov [AaxsSainovlov Xeyof^vrjv ncnoirjod-ai naqaXmov] 
teg STvwv ovöav J^ tinofhjoofiev &r\ßaida £0(iijqov inmv . . . xal 
tä xat' *Emy6vovg a noii\<sai. . . .] xbv Mcktjaiov Xeyovaw in&v 
ovta ,4 <p [xal ^AXxfiaiovida rjv ot fiiv 'OfiiJQOV ot de .... Xiyovtfiv 
inwv] [i,äv. tavty ^ 4 ) das wesentliche sehe ich nicht 



4 ) Den anfang mit paxlas vermag ich nicht zu verstehen; denn an die Ti- 
tanomachie ist schwerlich zu denken, auf Argos weisen die Danaiden (sonst Da- 
nais genannt) und der, wie mich dünkt, wahrscheinlich ergänzte Aigimios, der die 
Iofabel enthielt: dazu stimmt in den excerpten die Verzeichnung von Heraprieste- 
rinnen. TiXtatg ist sonst unbekannt, der name ist ein hypokoristikon, und da- 
durch hoffe ich ihm auf die spur zu kommen. TeteoaQxog iv *AqyohxoXq wird mit 
Augiaa (über den oben 180) im schol. A 690 citirt, und aufserdem über den tod 
des Asklepios in jenem citatennest (z. b. schol. Eur. Alk. 1), das Münzel (quaest. 
myth. 7) nicht ohne Wahrscheinlichkeit auf Apollodor zurückführt das hypoko- 
ristikon TeUoiag steht in einem ähnlichen citatennest der apollodorischen biblio- 
tbek III 5, 6. hier freilich macht man Telesilla daraus, aber diese wird niemals für 
mythograpbisches detail citirt, inhaltlich stimmt Pausanias, der als quelle die 
*ÄQykXot y d. h. *ÄQyoXix« nennt, II 21, 9. epische U^yohxä wüste ich nicht zu be- 
anstanden, und wenigstens die Verbindung mit Augeas kann sie höchstens stützen, 
bei dieser gelegenheit will ich Telesilla ein weiteres fragment nehmen, aus 
dem Welcker kl. sehr. II 469 viel geschlossen hat in der Odyssee v 283 nimmt 
Athena die gestalt eines schönen weibes an, xakjj ti /uiyalg rs xal aykaä fyya 
löviy. dazu steht im Ambrosianus das scholion ix rrjs xa%* oxptv xoa/utorrjrog xal 
aidovg xal xovro vnovosiv didwat, xad-a xal Btvogxav xal TtXtaiXXa ff *Aqytta ö$a~ 
yqdcpovaiv aqkxijg xal xaloxaya&lag tfxorag, es liegt am nächsten, bei Xenophon 
an die weiber zu denken, die Herakles am Scheidewege traf, und so tut auch ein 
anderes scholion. aber dann kommt nicht nur die 'Agntj und KakoxayaMa nicht 
zu ihrem rechte, sondern muss Telesilla eine art von poesie zugetraut werden, die 
man wirklich nicht glauben kann, eine andere erklärung liegt nahe: es zielt nicht 



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DER EPISCHE CYCLÜS 335 

in dieser ergänzung, sondern einmal darin, dafs hier viel mehr 
epen als bei Proklus erscheinen, ja mehr als wir benennen können, 
so dafs der auch sonst unstatthafte gedanke ausgeschlossen ist, 
dafs die Thebanischen epen bei Proclus zwischen Titanomachie und 
Kyprien standen, zweitens darin dafs eine aus wähl bei doppelten 
Versionen, wie Oedipodie und Thebais, stattfand: das sehen wir auch 
in den posthomerica, namentlich weil die Persis bei Proklus aus 
anderer quelle als auf den tafeln genommen ist. drittens dafs eine 
viel ausführlichere und sorgfältigere angäbe über die Verfasser in den 
originalen excerpten vorhanden war, als wir jetzt auf der tafel A 
und bei Proklus haben, die scheinbare Sicherheit über die Lesches 
und Arktinos stammt lediglich daher, dafs ein name bequem 
schien, und dafs die compilatoren immer mehr gelehrtes detail 
strichen, zu zerstümmelt ist die monumentale Überlieferung, als 
dafs sie uns positiv viel neues lehrte: aber dafs wir erkennen, 
wie wenig wir wissen, dazu reicht sie allerdings hin. 

Am ausgang der zeit, in welcher die antike philologie wirk- 
lich lebte, sind die alten epen und (wie Stesichoros auf der ilischen 
tafel zeigt) auch andere alte gedichte um ihres inhaltes willen 
ausgezogen worden, der inhalt aber ist in eine fortlaufende er- 
zählung verwandelt, über die epen und ihre Verfasser war in 
compendiöser form mitgeteilt, was die vorhergehende zeit durch 
ihre philologische arbeit ermittelt hatte, von diesen auszügen 
liegt uns ein für seine zeit jedenfalls sehr untergeordneter nieder- 
schlag in dem ilischen täfeichen vor, der uns wertvoll ist, weil er 
aus bestimmter und 'verhältnismäfsig alter zeit stammt, nach 
einem oft wiederholten processe der Verkürzung und Überarbeitung 
erscheinen dieselben auszüge uns wieder am ende des altertums, 
bei Proclus. in anderer brechung, verquickt mit manchen andern 



auf schriftstellerische tätigkeit, sondern die beiden sind die typen der tapferkeit 
und tagend, ihre bilder, die zwei menschen darstellen, vnoyottv dtöSaot ort xai 
äyXtta tgya Xoaaiv. ob man die stammelnde rede des scholions ändern soll, will 
ich nicht entscheiden, dafs die verh&ltnismäfsig so wenig bekannte Telesilla noch 
in spatester zeit typus der tapferkeit war, zeigt die randnotiz einer Müncbener 
handscbrift, die Schneider anfahrt, zu den worten des Proclus in Tim. 15c q«{- 
Vorrat yvyatxtc *v TQacpttoai paxQiji djutiyovg ay&yuiy. ein leser notirt: tog rj 
'A^yt(a TiXfoUXa. 



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336 II 4 

mythographischen auszügen begegnen sie uns in den mythologi- 
schen handbüchern der kaiserzeit, bei dem falschen Apollodor 
und dem falschen Hygin. 5 ) es ist nicht zu bezweifeln, dafs auch 
andere autoren aus diesen trivialen aber weitestverbreiteten 
büchern brauchbare notizen genommen haben, da es sich nicht 
um das einzelne compendium handelt, sondern um die allen com- 
pendien zu gründe liegende erudition, so ist es gestattet gleich- 
artiges herbeizuziehen, ohne auf die nähere affiliation, die in den 
seltensten fällen nachweisbar ist, sich einzulassen, ich ziehe Athe- 
naeus heran, der die verhältnismäfsig spärlichen citate der alten 
epen (spärlich für seinen reichtum, reich für uns) natürlich seinen 
lexicalischen quellen entnimmt, aber über die Verfasser mehr zu 
sagen weifs. 

VII 277 wird gelegentlich des von Sophokles angewandten 
Wortes iklog die frage nach der herkunft desselben aufgeworfen; 
einer der deipnosophisten belegt es aus der Titanomachie und be- 
gründet die Wahrscheinlichkeit der entlehnung aus dieser quelle 
damit, dafs B%aiqev ö 2o<poxXrjg %i$ stimm xvxXcp wg xal oka Sqü- 
fiafa novrl<sat xaraxoXov&wv tjj sv rovnp fnv&oTtoiy. der Verfasser 
der Titanomachie heifst 6 trjv T. noiijiSag, sh' EvfitjXög icuv 6 
KoQiv&iog rj 'AQxtlvog f\ otiug 6r\noxe xaiqsi 6vofxaC6fj,6vog. Athe- 
naeus entnimmt die citate des Sophokles und der Titanomachie 
einem lexicon, aber die bemerkung über den epiker und über 
Sophokles epische neigung 6 ) gehört ihm selbst an, so gut wie die 
ethopoeie. in der epitome 22 steht eine abhandlung zum lobe 
des tanzes. in ihr folgt auf ein Pindarcitat xaVOfiriQog ij tcov %ig 
'OfirjQidtov iv tolg Big ^AnoXXmva vfxvoig und Ev/xrjXog r\ 'Aqxtlvog; 
den titel Titanomachie hat der epitomator gestrichen, wir haben 
also trotz verschiedener quelle ganz dieselbe bezeichnung des 

6 ) Vgl. was über die hypothesis der Nosten s. 179, der Telegonie s. 192, der 
Kyprien Herrn. 18, 250 gesagt ist. auf solche hypotbesen der posthomerica gebt 
auch Quintus zurück. 

6 ) Natürlich bat er eine so feine kritik nicht aus sich, sondern nur hierher 
gesetzt aus anderweitiger kenntnis. es liegt nahe, damit die sonst bei Athenaeas 
verstreuten bemerkungen über Sophokles zu verbinden, wodurch man auf eine 
peripatetische quelle geführt wird, aber da ich keine Sicherheit dafür erreichen 
kann, so darf ich damit nicht rechnen, vgl. was unten über die ähnliche stelle 
VIII 347 gesagt wird. 



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DER EPISCHE CYCLÜS 337 

dichters: sie ist also von Athenaeus. ebenfalls bei den fischen, 
VIII 334 c, citirt Athenaeus die Kyprien 6 rä Kvnqia novrjaag intj, 
eXte Kvnqiog %lg i<toiv (ein gewisser Kyprios), tf JSta&Zvog rj o<m$ 
ärjnote %aiq£L 6vofxa£6fJi€vog. eine andere stelle liegt nur in der 
epitome 35c und bei Suidas olvog vor; dieser sagt 6 äi Kvnqiog 
noctis, die epitome 6 toov Kvnqiwv noiTiTijg, oaxtg äv efy. Athe- 
naeus hatte also ähnlich geredet wie im achten buche, am aus- 
führlichsten ist er XV 682 c in der abhandlung von den kränzen. 
6 ta Kvnqia entj nenoiqxoig, etie 'Hyijöiag ij Ixadivog <ij Kvnqiog>. 
JrjfM)ddfJ,ag yäq ö 'AAixaqvaoöeirg y Mdtjtfiog iv x<£ neql c Afoxaq- 
vaaaov Kvnqiov {Kvnqia M) 'Alixaqvaööioog [<T] avtä elvai (prjai 
noirjfiata, Xeyei <T ovv octig sötiv 6 noirfiag avtd. die stelle ist 
viel behandelt (Welcker ep. cycl. I 285), aber dafs der eigenname 
Kyprios durch die beiden andern stellen gewährleistet ist, hilft 
auch hier zu sicherer Verbesserung, ganz dieselbe fassung im 
kern hatte nun Proklos, aber mit bemerkenswertem schwanken im 
einzelnen, er sagt bei der inhaltsangabe im Ven. A iä Xeyoiieva 
Kvnqia, wv neql tijg yqaytrjg vtfjeqov iqovfiev. bei Photius aber 
319 a 35 steht neql jlviov Kvnqiwv noitjfidjwv, xal d>g ol /niv tavia 
elg 2taclvov dvayiqovai Kvnqiov, oi de 'Hyrjaivov %6v 2akafiiviov 
avtoig imyqdtpovtiiv, oi de c, 0(xriqov yqdipai, dovvai (dies fehlt in A) 
de vneq trjg 9vyavqdg JSiaaivcp xal 6iä tijv aviov natqida Kvnqia 
%6v novov imxXrj9rjvav dXX y ov vi&exai 6 <svyyqay>evg (diese zwei 
Wörter fehlen in A) taviy tjj ahüj. (Aride yäq Kvnqia nqonaqo- 
%vx6v<oc emyqd<pea&ai tä noiyjfiara. A hat den doppelten accent 
Kvnqia : darin liegt das richtige gefühl, das Photius unvollständig 
ausgeschrieben hat. Proklus hatte die yqa<prj des titeis untersucht, 
ob Kvnqia genetiv von Kvnqiag, oder Kvnqia als ethnikon des 
Stasinos oder Hegesinos (oder Hegesias) zu schreiben sei. und 
wenn man nicht noch einen irrtum auf Photius wälzen will, so 
muss man schliefsen, dafs Proklus sich für den Verfasser Kvnqiag 
entschied, das ist freilich eine schlimmbesserung des Kyprios, 
den sich Demodamas ausgedacht hatte, aber wer dem Proklus den 
Eugammon und Hagias glaubt, sollte billig auch den Kyprias 
annehmen, in ähnlicher weise bezeichnet Athenaeus noch eins 
der hesiodischen gedichte, während er sonst nicht blofs die Eoeen 
sondern auch die Melampodie dem Hesiod läfst, XI 503, 6 %6v 

Philolug. Untersuchungen VII. •» 



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338 * II 4 

Alyifiiov noitjaag && € Hdodo$ i&tiv etre KsQxwxp 6 MiX^ioq. er 
folgt hier dem Thyatirener Nikandros. andere gedichte citirt er 
anonym 6 %i\v 'AXxfiaiovida XI 460, 6 rr/v xvxXixrjv Otjßaida XI 465, 
wahrscheinlich beide aus Pamphilos, 6 tiJv twv 'AtQeiddSv xdSodov 
VII 281 und IX 399. einen bestimmten Verfasser hat nur *IXiov 
niQtJig, nämlich Agias, XIII 610 (vgl. oben s. 180) wodurch freilich 
Arktinos und Lesches einen weiteren concurrenten erhalten, in 
den meisten fallen folgt also Athenaeus der bezeichnungsweise 
seiner quellen, ein par mal fügt er aber kritische bemerkungen 
zu, die sich ganz nahe mit den bei Proclus erhaltenen berühren, 
ohne sich jedoch zu decken, man wird kein bedenken tragen, 
sie auf dieselbe mythographische tradition zurückzuführen, und 
auch wenn man für Athenaeus seine quellen einzusetzen vorzieht, 
ändert sich daran nichts, die gewähr der bei Proclus und auf 
den tafeln bestimmt gegebnen namen sinkt dadurch um ein be- 
trächtliches. 

Eine noch wichtigere, ja fast die wichtigste fundgrube für 
epische, freilich fast niemals wörtliche fragmente, ist Pausanias. 
dieser erfreut sich des ansehens, liebe und Verständnis für das 
alte epos besessen zu haben; allgemein wird ihm eine profunde 
kenntnis derselben beigelegt, und allerdings macht er darauf in 
der ausdrücklichsten weise anspruch. bei höchst zweifelhaften 
producten, den versen des Chersias von Orchomenos und der 
Atthis des Hegesinoos, verfehlt er nicht zu erklären, dafs er die 
Verantwortung für dieselben dem Kallippos von Korinth überlasse 
(IX 29 und 38). er behandelt den hesiodischen nachlafs in seinem 
ganzen werke mit ausgesprochener Skepsis, zu der ihm das' heli- 
konische exemplar der Erga berechtigung gibt (IX 31). gelegent- 
lich eines citates aus der Thebais gibt er das subjective urteil 
ab, dafs sie den nächsten platz hinter Ilias und Odyssee verdiene, 
wobei die bemerkung einfliefst, dafs Kallinos, ein damals so gut 
wie verschollener dichter, sie als homerisch citire. IV 2 und sonst 
werden epische citate mit einem unzweideutigen iydo 67reXe'§dfirjv 
eingeführt, es wird ohne zweifei vielen ganz lästerlich klingen, 
wenn ich auch nur die frage aufwerfe, ob Pausanias die gedichte 
gelesen hat. dennoch scheue ich mich nicht, mit Zuversicht und 
mit ruhe diese frage zu verneinen. Pausanias würde sonst unter 



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DER EPISCHE CYGLUS 339 

allen nachchristlichen Schriftstellern allein stehen, das wenigstens 
wird man nicht bezweifeln, die citate bei scholiasten und mytho- 
graphen, in lexicis und grammatischen Schriften, bei Athenaeus 
und Clemens wird jeder auf ältere grammatische litteratur zurück- 
führen, die belesensten männer, Plutarch und Porphyrius, haben 
die gedichte nie gesehen, dafs ein Römer zu irgend welcher zeit, 
auch wenn er eine Gypria Dias dichtete, eins in der hand gehabt 
habe, wird ebenso wenig jemand behaupten, und Pausanias sollte 
sie in ungeahnter fülle gelesen und ausgezogen haben? warum? 
weil er es behauptet, es ist nachgrade eine ausgemachte sache, 
dafs solchen, Versicherungen bei Schriftstellern dieses Schlages 
nicht zu trauen ist. Pausanias ist mit nichten besser als seine 
Zeitgenossen; schlechter ist er auch nicht, das einquellenprincip, 
das schon bei den historikern herzlich abgeschmackt ist, auf seine 
Eliaka anzuwenden, überlasse ich den Philistern, die gern mit 
meinem kalbe pflügen möchten. Pausanias ist ein mann wie 
Gellius und Aelian und Favorin. wenn Favorin die yga^rj des 
Anytos gesehen haben will, Gellius die bücher, die er bei Plinius 
citirt findet, in Brindisi gekauft haben will, oder Pausanias sagt 
deaadfievog olda, so hat das nur stilistischen wert, und wenn er 
Chersias und Hegesinoos mit reserve citirt, wie sie denn ohne zweifei 
erfunden sind, 7 ) so macht das sein gutes gewissen höchstens ver- 
dächtig, mit allem dem ist aber nicht mehr erreicht, als dafs 
wir trotz seinen Versicherungen fragen dürfen, ob Pausanias die 
epiker gelesen hat. a priori ist das weder zu bejahen noch zu 
verneinen, ich habe ja grade an anderem orte (Kydathen 125) 
schon erklärt, dafs meines erachtens Pausanias wirklich eine atti- 
sche hymnensammlung benutzt hat, in welcher sich auch der 
homerische Demeterhymnus befand, die prüfung also muss an- 
gestellt werden. 

Sie ist rasch entschieden, von den epischen citaten gehört 
ein sehr grofser teil der gelehrten beschreibung an, welche Pau- 
sanias von der delphischen lesche des Polygnotos gibt, die- 
selbe ist einzig in ihrer art, nicht nur im Pausanias, sondern 
in der gesammten litteratur; ein stück archäologisch -mythogra- 



7 ) Robert Comm. Momm. 145. 

22 ♦ 



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340 114 

phischer forschung, mit dem weder die beschreibung der olym- 
pischen xvipilrii noch die des amyklaeischen thrones, noch Askle- 
piades neql tijg N^otoqldog den vergleich aushält, darüber ver- 
liere ich keine worte, dafs Pausanias hier nichts ist noch sein 
kann als ein vielfach kürzender, einzeln eigene überflüssige kleinig- 
keiten zusetzender 8 ) compilator. das wird man auch geneigt sein 
zuzugeben: damit aber gibt man alles zu, denn grade hier (X 31, 2) 
gestattet er sich die behauptung imXe^dfievog olSa iv sneai tolg 
Kvnqioig. das ist kein zusatz, den man aussondern könnte, son- 
dern gibt die quelle des Polygnot an. entweder Pausanias hat 
die gelehrteste archäologische exegese des altertums selbst ge- 
macht, oder er hat sich eine gelehrsamkeit angeschwindelt die 
er nicht besafs. eine anzahl gedichte wird nur in diesem ab- 
schnitt angeführt, und diese anzahl wächst, sobald man die ge- 
wohnheit des Pausanias in betracht zieht, die gelehrsamkeit, die 
er an einem orte vereinigt überkommt, auf mehrere zu verteilen, 
so sagt er über Megara nichts gelehrtes in der lesche (29, 7): 
die gelehrsamkeit steht IX 11, gelegentlich des grabes der Herakles- 
kinder, wo Stesichoros und Panyassis 9 ) citirt werden, was in 
der lesche (30, 5) über Aktaeon und seine mutter steht, wird 
erst ganz verständlich, wenn man IX 2 ; 3 hinzunimmt, wo Stesi- 
choros 10 ) citirt wird, über Thamyris steht in der lesche (30, 8) 
nur allgemeines : das genaure an zwei zusammengehörigen stellen. 
IV 33, 7 steht, dafs Prodikos, oder wer sonst der dichter der 
Minyas sei, von der strafe des Thamyris im Hades erzähle, 
IX 5 9 dafs Amphion nach der Minyas im Hades zusammen mit 
Thamyris bestraft würde. 11 ) die beschreibung der lesche führt 



8 ) Zusätze sind 28, 4 über die frommen brüder von Katana, 28, 6 beispiele 
von frömmigkeit aus Herodot und Tbukydides, 29, 4 rationalistisches über Ariadne 
und Ätiologie von Zeugma am Euphrat. 

°) Panyassis steht noch X 8 9: da wird er aus Alexander Polyhistor stammen, 
der den seltenen dichter kannte und hier notorisch benutzt ist (Maafs de Sibyll. 22). 

,0 ) Stesichoros steht sonst noch II 22 über Iphigeneia: dafs ein mythogra- 
phisches handbuch zu gründe liegt, habe ich bewiesen Herrn. XVIII 259. bleibt 
noch VIII 2 3, die erwähnung von Pallantion in der Geryoneis; sie wird mit der 
arkadischen genealogie zusammengehören, in der sie steht. 

1 ') Möglich ist, dafs die Minyas über Amphion in der quelle von IX 5 



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DER EPISCHE CYCLUS 341 

die Minyas öfter an, die sonst nur bei Philodem einmal erwähnt 
wird; sie citirt auch Panyassis und Stesichoros: der schlufs ist 
mehr als wahrscheinlich, dafs die gelehrsamkeit der andern stellen 
auch aus der lesche stammt, dieser einen mythographischen quelle 
also verdankt Pausanias aufser andern raren sachen, wie Phry- 
nichos dem tragiker, Euphorion, 12 ) Archilochos, 13 ) auch das meiste 
was er über epen des troischen kreises hat; die citate der Nosten, 
der Minyas, des Lescheos ihr allein, es mufs aber hervorgehoben 
werden, dafs Pausanias, so viel wir sehen, sorgfältig ausgeschrieben 
hat, wenn wir von dem allerdings bezeichnenden fehler absehen, 
dafs er aus dem genetiv M<s%em einen nomnativ sieoxewg gebildet 
hat. u ) in Widersprüche hat er sich auch nicht verwickelt, wenig- 
stens können wir sie nicht nachweisen, sondern citirt die lüer 



citirt war: in diesem falle wird Pausanias hier die beziehung auf Thamyris ein- 
gelegt haben. 

>3 ) Euphorion sonst II 22 mit Alezander von Pleuron über Iphigeneia: 
Herrn. XVIII 259. hier (X 26 8) soll er von Laodike der tocbter des Priamos 
ganz unglaubliches berichtet haben, er erzählte ohne zweifei dasselbe wie Lyko- 
phron 316, mit dem er in betreff des Munichos, Laodikes söhn, nachweislich 
stimmt, 499 ffg. mit schol. Meineke An. AI. 97 beurteilt den Pausanias nicht 
richtig. 

,3 ) Archilochos sonst noch VII 10, wo Pausanias den ärgsten irrtum durch 
die sucht gelehrt zu scheinen begeht. ZunaLwv *Aqx&<>X s iv la/ußtiy ^vwn v 
fof<, sagt er. aber die Sapaeer hat Archilochos nicht erwähnt und konnte er 
nicht erwähnen; wol aber identificirten manche die Sapaeer mit den Saiern, die 
Archilochos erwähnte, man lese die meist von Demetrios stammenden stellen 
des Strabon, die Bergk zu Arch. 49 zusammenstellt, weil nun Archilochos ein 
iambograph war, so glaubte sich Pausanias berechtigt iv laijßtiu) hinzuzufügen, 
und das bekam ihm schlecht: denn Archilochos hat die Saier bekanntlich in einer 
elegie erwähnt. 

w ) Dies ist evident, und habe ich bei Robert (Phil. Unt. V 216) aus- 
gesprochen; später auch Bergk. Roberts aufsatz, obgleich demselben natürlich 
das material, das ich parat hatte, zur Verfügung gestanden hat, genügt mir auch 
in dem nicht, worin er sich mit meiner ansieht deckt, und da die kleine Ilias 
dem Verfasser der lesebebeschreibung nicht von Lescheos ist, die Überlieferung 
über Arktinos aber durchaus nicht so klar ist, wie Robert meint, so ver- 
schiebt sich die grundlage der ganzen Untersuchung, vollends den versuch Aioxns 
Alaxvkiyov als symbolische namen zu verflüchtigen, habe ich stets für ganz ver- 
fehlt gehalten. Ataxie ist ein gutes ionisches hypokoristikon von Jtox«y6QHS 
etwa, wie nvfys von flvdayoQrjs; den dichter Jeoxlörtf hat man erst dann recht 



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342 II 4 

anonymen gedichte, Kyprien 15 ) und kleine Ilias 16 ) auch sonst 
anonym, denn nicht Pausanias, sondern seine benutzer haben 
den irrtum begangen, die. kleine Ilias dem Lescheos zuzuschreiben, 
der nach der meinung des exegeten der lesche vielmehr nur die 
Persis gedichtet hat. Lescheos ist 25, 5 ganz ausführlich als 
Verfasser der Persis eingeführt und so auch 26, 1 am ende ge- 
nannt, unmittelbar darauf werden vier von Polygnot nament- 
lich bezeichnete frauen aufgeführt, tovtwv ev 'Ihdäi xaXov(A€vq 
[iixQ$ /xovrjg iaxl j6 ovofia %tjg Jrjivöfitjg. es ist eine ganz un- 
statthafte willkür, den Pausanias mit der sogenannten kleinen 
Ilias die Persis des Lescheos bezeichnen zu lassen, man trägt 
einfach die ansieht des Proclus, dafs Lescheos die kleine Iliasi 
Arktinos die Persis gedichtet habe, in den Pausanias hinein, 
aufserdem erscheinen hier die Nosten anonym; aber da man dem 
Proklus glaubt, dafs sie von Hagias wären, so bezieht man Paus. 

I 2 auf sie, weil da Hegias von Troizen genannt ist, aber ohne 
gedieht gegen diese willkür hat schon Kirchhoff protestirt 
(Odyss. 328). wenn Hegias mit Hagias identisch ist, so kann mit 
eben so viel recht oder unrecht an die Persis gedacht werden, 
aber die geschichte, die Hegias bezeugt, verrat Antiopes aus liebe 
zu Theseus, sieht nach dem alten epos überhaupt nicht aus. 
Pausanias citirt Hegias mit Pindar in einem mythographischen 
excurse, dessen quelle unbekannt ist. in solchen excursen finden 
sich die meisten epischen citate, die noch nicht betrachtet sind. 

II 3 erscheinen die Naupaktia Kinaithon Hellanikos Eumelos; 



nach dem poeten Aicxng benannt zu glauben, wenn der Athener Aiaxns CIA II 963 
so benannt ist (von unsicheren lesungen zu schweigen); und im polyandrion von 
Thespiai liegt ein JiG/tav. diese namensymbolik ist schief: 2iri<sixoQoq und 
TiqnnvdQog lassen sich passend symbolisiren, sind auch symbolisirt, aber wer glaubt's? 
leider ist ja auch KvjutjXog von /uilog abgeleitet worden, mit diesen mittein hat, 
wie L. Ross erzählt, ein philosophischer student JStoxgdTijg 2to<pQoy(oxov xui *«*- 
yaofrris verflüchtigt, ixQnirjae ydg x^g awTqQiag (x re aaHfQOovvqg avyxtxQoxrififvog 
xui rfc /uaitvTixrjg <f*' qg xr^y aQSxijy icpatyt xai elg <pws yytv. 

ib ) IV 2, darüber unten, III 16 abstammung der Leukippiden von Apollon, 
quelle unbekannt. 

,0 ) III 26, 9. tod des Machaon durch Eurypylos; die sache sehr verbreitet, 
auch auf der ilischen tafel, selbst bei Quintus. aber die quelle des Pausanias 
ist unbekannt. 



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DER, EPISCHE CYCLUS 343 

am Schlüsse steht tdde piev ovuog exovia ineXe^dfirjv. hier habe 
ich die quelle, Dionysios Skytobrachion, nachgewiesen (Herrn. 
15, 485). IV 2 steht eine ähnliche einleitung üher Messenien, 
wie dort über Korinth: es erscheinen Kreophylos mit der Hera- 
kleia (das ist die Ö?xtf>U'a£ äXaxfig, die ihm schon Kallimachos 
beilegt), Kinaithon, Asios, Pindaros, die Eoeen, Naupaktien, n ) 
Kyprien. die quelle ist noch unbekannt, aber wer wird bezwei- 
feln , dafs überhaupt eine quelle die citate dem Pausanias ver- 
mittelte? IX 5 werden über Amphion aufser Homer die Europeia, 
Moiro, die Minyas (wenn diese nicht richtig oben abgesondert 
sein sollte) citirt : die quelle scheint Alexander Polyhistor. 18 ) und 
gesetzt dass er es nicht ist, was verschlägt es für die Unter- 
suchung, die uns hier beschäftigt, dafs wir die quellen des Pau- 
sanias erst unvollkommen kennen, vollkommen niemals kennen 
werden? wenn für die an citaten reichen partien die entlehnung 
feststeht, wer wird sie dann für die einzelnen citate bezweifeln, 
zumal wir hie und da noch den Zusammenhang mit unserer 



n ) Aus einer dieser stellen, wo die Naupaktia erwähnt sind, hat Pausanias 
in die bebandlung von Naupaktos (X 39) eine bemerkung über den Verfasser der 
Naupaktia sammt einem citat aus Cbaron von Lampsakos übertragen, wie er die 
kritik über die Minyas IV 33, über die gedicbte des Eumelos, die er sämmtlich 
athetiert, ebenda gibt 

,H ) Das schol. Apollon. Rhod. I 740 citirt über Amphion den Armenidas, 
Dioskprides, Pherekydes (dieses ergänzt und bestätigt durch schol. N 301); schol. 
735, vgl. mit schol. X 362 und Pausanias a. a. o. gehört dazu, dasselbe scholion 
vollständiger liegt Probus zu ecl. 2, 45 zu gründe, der bekanntlich aus Apollonios- 
scholien schöpft (p. 23, 3, 55, 7 u. ö.), wie aus Theokrit — Arat — Homerscholien. 
hier ist aufser dem Apollonios selbst Phanocles (den Schneidewin unter der cor- 
ruptel PanoctM erkannt hat) et Alexander citirt. der inhalt ist corrumpirt 
Alexander ist nicht der Aitoler, wie Meineke (An. AI, 251) will, sondern Polyhistor, 
der Phanokles citirt, denn Armenidas wird in den Apolloniosscbolien I 551 aus 
Alexander Polyhistor citirt; derselbe kommt in den Vergilscholien (Servius Aen. 
X 308) vor. nun stimmt allerdings kein citat zwischen den Apolloniosscbolien 
und Pausanias, sonst würde ich nicht zweifelhaft reden, aber wol wird bei Pausanias 
wie bei Alexander, was ganz selten geschieht, auf das zeugnis entlegener Alexan- 
driner bezug genommen, und Alexander ist als quelle der einleitung für Pausanias 
X von Maafs erwiesen, dort citirt er Eumolpie und Boio, wie hier Europie und 
Moiro. weitere bestäligung bleibt allerdings zu wünschen: denn, wenn IX 5 
Alexander vorliegt, dürfte er überhaupt für IX sehr wichtig sein. 



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344 114 

sonstigen mythographischen Überlieferung erkennen. 19 ) Pausanias 
hat freilich auch hier nichts vor andern Schriftstellern compila- 
torischen Charakters voraus, aber zu grofsem danke sind wir ihm 
verpflichtet, dafs er uns aus den gelehrten mylhographen und durch 
diese aus den alten epen, die er so viel und so wenig wie alle 
seine Zeitgenossen kannte, so viel gerettet hat. 

Überschauen wir nun, was er an Verfassern gibt, so tritt 
dabei statt seiner der beschreiber der lesche ein, und dessen ge- 
wicht ist unvergleichlich gröfser. ihm sind Kyprien, kleine Ilias, 
Nosten, Minyas anonym, obwol ihm für die Minyas ein prätendent 
bekannt ist. dagegen die Persis gibt er dem Lesches. 20 ) Pausanias 
citirt aufserdem aus anderer Überlieferung anonym Thebais, Oedi- 
podie, Eumolpie, Naupaktia, für die er mehrere Verfasser kennt; 
namentlich Kinaithon Kreophylos Peisandros Hegias. doch ist 
darauf nicht zu viel zu geben, da er Eumelos öfter anführt, dem 
er doch alle epischen gedichte abstreitet, vor allem aber ist er 
nicht mehr gesondert von der übrigen mythographischen Über- 
lieferung zu betrachten, die in scholien, in compendien, in ver- 
streuten notizen, sehr viel früher aber bei Philodem 21 ) vorliegt, 
diese ist zwar nicht in dem sinne einheitlich, dafs ein einziges 



10 ) Dem citat der Thebais VIII 25 entspricht in den scholien V 326 ij tatogUt 
ntega toTs xvxkixolg. die Oedipodie wird IX 5 gelegentlich der exegese von k 371 
citirt. IV 2 wird die seit alter zeit aufgeworfene frage nach der läge des home- 
rischen Oichalia behandelt, das citat aus Kinaithon II 18 gehört mit dem im 
schol. r 175 zusammen. 

20 ) Den vollen Vatersnamen darf man dem alten archäologen nicht zutrauen: 
in den vollen bezeicbnungen schwelgt Pausanias, er geht bis zu der albernheit 
nlaitoy 6 Ugtarioyog, als wollte man Iohann Wolfgang v. Goethe citiren. das 
wird manchmal recht bedenklich, wenn nämlich Pausanias gegenüber seiner quelle 
nur in der bezeicbnung von vater und Vaterland ein plus hat, wie gegenüber 
Plutarchs Philopoimen (Nissen Krit Unt. 287). bei andern Schriftstellern, nament- 
lich in Suidas biographien, ist unglaublich viel in solchen Schwindeleien geleistet 
der anlafs ist die rhetorische regel, voll zu nennen, man lese die ergötzliche 
vorrede zu Philostrates vit. soph. 

21 ) Dessen quelle hat Münzel gleichzeitig Apollodor genannt, während ich 
vor diesem Bergkschen einfall zu warnen anlafs nahm, das ist kein so schlimmer 
Widerspruch: denn Münzel ist selbst genötigt, ein mittelglied anzunehmen, wo er 
die kriterien tiernimmt, zwischen Apollodor und diesem mittelsmann zu scheiden, 
bleibt abzuwarten. 



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DER EPISCHE CYCLÜS 345 

buch oder ein einziger marin durch alle verschiedenen vermittler 
zu uns spräche, aber für unsern blick erscheint sie einheitlich, 
weil sie auf ziemlich dieselbe zeit und auf männer ziemlich der- 
selben Studienrichtung zurückgeht, Apollodor, Dionysios Skyto- 
brachion, Aristodemos, Lysimachos u. a. das sind alles wirklich 
gelehrte grammatiker, und sie gehören alle in die zeit etwa 
150 — 50 v. Chr., in die zeit der gelehrsamkeit , aus der auch 
Theodoros seine epischen excerpte nahm, wenn diese verschie- 
denen leute übereinstimmen, so erhöht das nur das gewicht 
dieser tradition, und was sie geben, darf als das ergebnis der 
wirklich wissenschaftlichen forschung des altertums angesehen 
werden, dieses ergebnis ist, dafs sämmtliche epen, welche 
Proklus oder die neueren in den epischen cyclus stellen namen- 
los sind. 6 Tiji; Tnavofiaxiav, 22 ) tä KvrvQia, ttjv {xixqäv 'iXidia, 
Al&tontöa 23 ) IliQfav, 24 ) tovg vo&tovg, trjv TtjXeyoveiav^) &tjßai6a^ 
trjv 'AXxfjicuovtöa, tovg 'Eruyovovg , u ) rijv Javaida , QoQwviäa, 
EvQ(6neiav noiijaag, und wie die titel alle heifsen: so citirt man. 
daneben treten einzeln solche angaben, wie sie Pausanias über 
Minyas und Naupaktia, Athenaeus über Titanomachie und 
Kyprien, über letztere auch Proclus gibt, da ist vor allem die 
nachricht des Lysimachos über die kleine Ilias (schol. Eur. Tr. 821), 
dafs einige sie dem Thestorides von Phokaia, Hellanikos dem 



M ) Lysimachos (schol. Apoll. I 554 vgl. U 1231) nennt dieses gedieht rtyav- 
Top«xl<tv\ in der tat geht darauf die populäre Vermischung von titanen und 
giganten zurück, die im gründe berechtigt ist. Welcker gibt über kein gedieht 
so glückliche combinationen wio über dieses, es ist wichtig und alt. 

*•) Schol. Pind. Isthm. 3, 58. so viel ich weifs, das einzige citat der Aethio- 
pis: das kennt Arktinos nicht 

w ) Lysimachos im schol. Eur. Andr. 10 xov rr,y ntqotöa avyrttaxota 
xvxktxdy notrjrqy, woraus erst Tzetzes Lesches macht vgl. Robert Phil. Unt. 
V 229. 

**) Eustath. zu 7i 116, d. h. Lysimachos, 6 ryv TyUyovuav ygaipas. 

* 6 ) Die wirklichen Sammler der bruchstücke, Welcker, Düntzer, Dübner 
konnten ein solches citat nicht kennen, die Kinkelsche Sudelarbeit ihrem Charakter 
gemafs ebensowenig, wol aber hat es Kirchhoff (bei Nauck trag. fgm. p. 145) aus 
schol. Soph. 0. C. 378 gewonnen, wo die titel iv 'Emyorots vor einem iambus 
und iv Sa /uv q tf vor zwei hexametern zu vertauschen sind, das bruchstück lautet 
ix ftkv «£« Xftoviov nottjuuouov fr/tfo xovqov Aviulvxov, nokiajv XTiavutv alvtv 
"AqytX xotky. darin habe ich dqa X&oviov für *Eqix&ov(ov verbessert: Philonis, 



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346 114 

Kinaithon von Lakedaimon, andere dem Diodoros von Erythrai 
zuschrieben, auch begegnet mehrfach der plural ol noiijoaviEg, 21 ) 
worin schwerlich ein lachmannischer gedanke, wol aber das ge- 
ständnis liegt, dafs mehrere als Verfasser genannt würden, 
nennung bestimmter Verfasser ist eine ganz seltene ausnähme, 28 ) 
und meist sind wir noch in der läge zu sehen, dafs nur verein- 
zelte willkür den bestimmten namen gesetzt hat. 29 ) die verfasser- 
losigkeit der epen ist im urteil der antiken grammatik fest- 
stehend und allgemein. 

Citate der dichternamen ohne gedichttitel, wie sie doch sonst 
so überaus zahlreich sind, gibt es hier äufserst wenig; der mytho- 
graphischen Überlieferung sind sie ganz oder doch so gut wie 



des D ei 011 tochter, empfangt in einer nacht von Hermes den Autolykos, von Apollon 
den Pbilammon, Pherekyd. schol. r 432. wie jung das gedieht war, zeigt xodog 
so gut wie X&oytog für 'Eg/urjg. — schol. Arist. Fried. 1270 sagt ag^n 'Emyoytav 
Uyxtpd%ov. man findet das lächerlich, aber wer heifst denn den Kolopbonier 
Antimachos verstehen? der Teier ist gemeint, den Aristobul für älter als Augias 
erklärt (Gem. str. VI 743), Plutarch Rom. 12 als alten epiker citirt (wahrscheinlich 
auf Alexander Polyhistor zurückgehend) und Porphyrio zu Horaz a. p. 146, d. h. 
Neoptolemos, oder ein guter grammatiker, der Neoptolemos kannte, bezeichnet, 
Antimachus fuit cyclicus poeta, hie adgressus est materiam, quam sie eoctendit, 
ut XXIV volumina impleverit, antequam Septem duces usque ad Thebas per- 
duceret. worin ich freilich nicht zu scheiden wage, was sinn oder unsinn ist 

27 ) ol xyy Oldtnodtiav schol. Eur. Phoen. 1760. ol xr t y Sqßaida schol. 
Apoll. I 308. ol x&y Kvngltay noirjxai schol. V zu fl 57. ol noitjrai ol xovs 
vooxovg v/uyqaavTfg Suid. s. v. yoaiog. hier kann ein plural gemeint sein, ol 
Ti}f 'Hgaxkttcty Eratosthenes in der anmerkung 31. 

**) schol. Apollon. I 1165 Eu/utjlog iy Tuayouax^ ' wie leicht] fiel £ 'Aq- 
xrTyog weg. schol. Z 131 6 xyy Evgojnuay noirjatcg EvprjAogi wie leicht trat der 
bestimmte name zu. schol. A zu. A b nag« Ziaoiyio r«> xd Kvngta mnoitjxoxi. 
ein par Seiten vorher hat der Schreiber die hypothesis der Kyprien aus Proclus 
excerpirt, und bei Proclus kam Stasinos vor. schol. Piaton Euthyphr. 12* ttgqtai 
ix rtoy Ixaaivov Kvnglwy; Piaton hat den Verfasser absichtlich unbestimmt ge- 
lassen, dieselben verse citirt ebenfalls mit Zxaaiyov Stobaeus fl. 31, 18. die 
quelle des scholions fehlt. 

se ) Schol. Bv zu A 515 citiren eine 'Ikiov nogdyais des Arktinos : Eusta- 
thius fand das citat in seiner handschrift namenlos, die modernen verweisen es 
in die Aethiopis, indem sie den am sichersten bezeugten, aber allerdings singu- 
lären gedichttitel einfach verwerfen, schol. Pind. Nem. 6, 53 nennt Lesches: 
das im grund identische zu 77 142 die kleine Ilias. über andere Leschescitate 
Robert Ph. ü. V 230. 



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DER EPISCHE CYCLÜS 347 

ganz fremd. 30 ) dagegen citirt so Aristobul; hier kann ich mir 
wol erlauben, den Schriftsteller 7ibqI xXonwv, den Clemens im 
sechsten ts%QUinaxevq auszieht, bei seinem namen zu nennen, er 
nennt freilich vielerlei, mit gröfster Sicherheit; er führt einen 
vers des Eumelos 742, einen des Antimachos von Teos, den 
Augias nachbildet 743, einen des Stasinos 747, viele von Orpheus 
und Musaios an, er weifs dafs Eugammon von Kyrene dem 
Musaios %b nsql Qeanqüaiwv ßißXCov gestohlen hat, Peisandros 
die Heraklee dem Peisinoos, 31 ) Panyassis die Otycdia? aXmaig dem 
•Kreophylos. wir wollen nun zunächst einmal bedenken, dafs 
Aristobul seiner tendenz nach gar nicht anders kann als be- 
stimmte namen gebrauchen, und dafs er es ferner mit der Wahr- 
heit durchaus nicht genau nimmt, gleichwol sind diese angaben 
eines Zeitgenossen des Aristarch sehr wertvoll, nur ist gegen 
die Vertrauensseligkeit zu protestiren, dafs man seinen Augias 
mit den Nosten, seinen Stasinos mit den Kyprien idcntificirt. 
dazu ist nicht der entfernteste anhält, und was hilft es denn 
auch? Welcker muss Ztohjlvov in Aqxtivov ändern! vollends 

*>) Schol. Soph. Trach. 266 citirt einfach Kreophylos; gemeint ist die 
Oi%a\iag alcooic. ähnliches zeigte sich oben bei Pausanias. wohin das citat des 
Didymos in schol. Eur. Med. 273 gehört, ist ganz ungewifs; Herrn. XV 486. 
Dionysios von Halikarnafs Aren. I 76 citirt etwas von Arktinos über den Palla- 
dienraub; wohin es gehört, ist unsicher, schol. Arist. Fried. 1270 gibt die Epi- 
gonen dem Antimachos. ein alter griechischer metriker, gewifs derselbe dem wir 
auch den anfang des Margites verdanken, verschlagen zu Diomedes 477 K., citirt 
von Arctinu8 Graecus zwei corrupte und ganz unverstandliche verse: wieso sie 
der Persis angehören, ist schlechthin unerfindlich. 

31 ) nuoivoog und IltlactvÖQog sind wol nur Varianten im namen, wie sie 
nicht blofs in älterer litteratur häufig sind. vgl. z. b. Antig. Kar. 29. dafs man 
aber nicht die erfreuliche berechtigung hat, die Heraklee, die spätere connivenz 
dem Peisandros unter preisgebung sonstiger gedichte concedirte (Suid.), für irgend 
wie gesicherter zu halten als Odyssee oder kleine Ilias, zeigt Eratosthenes (Strab. 
XV 688). der citirt oi Tqv'Hoaxkaav notijaceyitg, tUk Tliloav$Qog r t v tXtt akXog rtg. 
auch kennt niemand ihn vor Theokrit oder Leonidas, wer nun das gedieht A. P. IX 598 
verfasst hat. von irgend welcher bedeutsamkeit des gedichtes spürt man nichts; 
zwei bücher, die ihm bei Suidas gegeben werden, sprechen für geringen umfang, 
das merkwürdigste sind die ,unechten' gedichte des Peisandros, von denen wir 
aber nichts sicheres wissen; vielleicht sind sie nichts als eine dreiste mystification. 
der bekannten stelle bei Macrob. V 2, 5 liegt eine solche unter allen umständen 
zu gründe: mit dieser fiction sollte niemand mehr rechnen. 



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348 H4 

aber die xkornj ganzer gedichte ist weder zu glauben noch 
durch totschweigen zu eliminiren. die xkornj ist nichts als eine 
andere form der Xvaiq für die aporie widersprechender autoren- 
namen bei demselben gedichte. es ist auch eine art conciliato- 
rischer kritik, hier allerdings von der böswilligkeit des tendenziös 
falschenden Juden verzerrt. Homer schenkt die Kyprien dem 
Stasinos, die Oi%akiag akoxsig dem Kreophylos, Aristophanes dem 
Araros den Kokalos, Pheidias die Nemesis dem Agorakritos: 
das sind anders gelöst dieselben änoqUu, wie, Eugammon stiehlt 
die Thesprotis dem Musaios u. s. w. Aristobul zeigt also keines- 
weges eine einheitliche tradition, er gibt vielmehr nur neue be- 
lege für ihr schwanken. 

Es bleibt nur noch eine region der antiken litteratur, 
die der poeten erwähnung tut, allerdings eine dem modernen 
besonders wichtige, weil sie mit ihren scheinbar so bestimmten 
angaben das gerippe der litteraturgeschichte abgibt, die chrono- 
logischen daten. beruht doch selbst Kirchhoffs zeitliche fixirung 
seiner Odysseegedichte auf diesem gründe: auf der chronik des 
Eusebius. erhalten sind folgende angaben. 

ol. 1 'AqxzZvog Mtkrjatog inonoidg rjxfia£ev. 

ol. 4 Eumelus poeta qui Bugoniam et Europiam et Arctinus 
qui Aethiopidem composuit et Ilii persin agnoscitur. 
Ginaethus Lacedaemonius poeta qui Telegoniam scripsit 
agnoscitur. 

ol. 9 Eumelus Corinthius versificatur agnoscitur 

ol. 30 Aic%t{g Aiaßtog 6 T^r fXixqäv 'lAidda nowqaag xal AXxfiaCwv 
rjxfia&v. 

ol. 53 EvydfJLfiwv KvQtjvalog ö trjv TtjXeyoviav noi'qdag iyvwqi^exo. 
für zwei dichter also zwei verschiedene ansätze, für ein gedieht 
zwei verschiedene dichter, denn die willkür, dem Kinaithon die 
Telegonie zu nehmen, weil die ja von Eugammon wäre, über- 
schreitet wahrlich jedes mafs. wir wollen nun einmal annehmen, 
wir besäfsen durchaus keine con trolle dieser angaben, wie für 
einige wirklich solche controlle fehlt: dürften wir sie glauben? 
dürften wir auch nur annehmen, dafs irgend welche geschicht- 
liche Überlieferung zu gründe liegt? nicht im geringsten, von 
Homer und Hesiod besitzen wir sehr viel ältere, sehr viel detail- 



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DER EPISCHE CYCLÜS 349 

lirtere, von den vorzüglichsten gewährsmännern ausgehende an- 
gaben: und welcher verständige gibt auch nur einen deut für 
diese ganze Chronologie? weil wir mehr material haben, sehen 
wir, dafs alles nichts als combinatorische daten sind, mit den 
lyrikern steigen wir in erheblich hellere Zeiten herab, der an- 
gaben sind beträchtlich mehr: der nachweis ist für sie zwar noch 
nicht öffentlich geführt, aber wer urteil hat und mit diesen dingen 
zu operiren versteht, der wird sich leicht überzeugen, dafs, wie 
ich seit jähren lehre, kein einziges datum irgend welchen wert 
hat, als das von ihm selbst bezeichnete geburtsjahr des Simonides 
und der Zweikampf des Phrynon mit Pittakos. 32 ) selbst noch das 
todesjahr Pindars ist durch combination erschlossen 83 ), an den 
Philosophen hat ja Diels die schematische geistlosigkeit dargetan, 
mit denen die antiken Chronologen sich ein Surrogat des wissens 
selbst verfertigten, und diese angaben über Lesches und Arkti- 
nos sollen wir glauben? wie? ist es nicht durchsichtig, dafs 
eine platte rechnung den zeitlosen Arktinos, weil er für einen 
,alten 4 nachhomeriker galt, an den Olympiadenanfang gesetzt hat, 
dafs Eumelos und Arktinos deshalb auf dasselbe jähr gesetzt 
sind, weil beide auf die Titanomachie anspruch haben, die bei 
Eusebios freilich nicht mehr genannt wird? die Telegonie ist 
zwischen Kinaithon und Eugammon streitig, letzterer ist aus 
Kyrene, wer ihm die Telegonie zuschrieb konnte ihn erst nach 
dessen gründung ansetzen; er tat es unter Arkesilaos I: wir 
haben oben gesehen, weshalb, wer Kinaithon vorzog, schlofs 
die beziehung auf Kyrene aus: und richtig, bei Eusebius steht 
der erste (fabelhafte) ansatz für Kyrenes gründung an dem auf 
den ansatz des Kinaithon folgenden Olympiadenjahre, andere 
daten zu beurteilen kommt uns der rest chronographischer ge- 
lehrsamkeit bei Clemens str. I 398 zu hilfe. Phainias von Eresos, 
so hören wir hier, setzte Lesches den Lesbier vor Terpander 
und liefs ihn mit Arktinos streiten und ihn besiegen, den Archi- 



**) Dieser selbst war in Verbindung mit dem olympischen siege des Phrynon 
in der olympischen chronik erhalten, d. h. er war fixirt in wie weit das datum 
genau war, ist nicht zu wissen, für uns ist es eine gegebene grofse. 

M ) Nur die flucht Sapphos nach Sicilien kann eine ausnähme machen; sie 
steht aber auch in der parischen cbronik. 



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350 II 4 

lochos aber rückte er auch vor Terpander: der gewährsmann des 
Clemens zeigt dann, dafs Archilochos erst nach der zwanzigsten 
Olympiade angesetzt werden könnte, bei Eusebius steht Archilochos 
zur 29, Lesches zur 30, Terpander zur 34 Olympiade : es ist also 
evident, dafs der ansatz des Lesches mit den andern zusammen- 
hängt, an die doch keiner mehr glaubt, ferner sagt Clemens, dafs 
Eumelos als greis sich mit Archias, dem gründer von Syra- 
kus, berühre, bei Eusebius steht Eumelos zu ol. 9, Archias zu 
ol. 10. ohne frage ist es sehr wertvoll, dafs statt des Eusebius 
als gewährmann für Lesches Phainias eintritt, ein alter zeuge für 
den namen, der sonst zuerst auf den ilischen tafeln erwähnt wird, 
aber auch für Arktinos ist Phainias zeuge, auch der älteste, und 
er rückt ihn hinter Archilochos hinab, was soll die behauptung 
noch, dafs Arktinos der älteste Kykliker sei? bei Suidas hat er 
freilich allein von allen Kyklikern eine vita; aber da erscheint er 
als schüler Homers in der neunten Olympiade, das ist in der, 
welche Eusebius dem Eumelos, dem concurrenten des Arktinos, 
anweist, zeuge ist bei Suidas Artemon von Klazomenai. ich ver- 
zichte auf weitere einzelheiten. dafs auch in der chronologischen 
bestimmung der dichter nichts als hypothesen, zum teil alte, 
aber durchaus widerspruchvolle hypothesen vorliegen, ist, mein' 
ich, klar genug. 

Ziehen wir nun das facit. überliefert sind eine anzahl namen 
von gedichten. aber schon hier ist Unklarheit, in wie weit wir 
identificiren dürfen oder trennen. Mnaseas, der schüler des Aristo- 
phanes, nennt "eine Palamedeia (An. Ox. I 277); weiter kommt sie 
nicht vor. man identificirt sie mit einem teile der Kyprien ; wie will 
man dann die einheitlichkeit der Kyprien verteidigen? über die The- 
banischen mythen werden Thebais Oedipodie Epigonen Alkmaeonis 
angeführt: waren es wirklich vier gedichte, und wie gränzten sie 
sich ab? neben derTelegonie erscheint eineThesprotis; ist das nur 
ein anderer name? auf der andern seite erscheinen mit einer 'IXCov 
IJsQaig Arktinos Lescheos Agias: nirgend steht, dafs es zwei ge- 
dichte gegeben hätte, aber man glaubt sich berechtigt zwei an- 
zunehmen, fafst man die dichter ins äuge, so erscheint Kinai- 
thon mit Oedipodie, Telegonie, kleiner Ilias, genealogieen , Hera- 
klee; Eumelos mit Titanomachie, Bugonie, Europie, Korinthiaka, 



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DER EPISCHE CYCLUS 351 

vielleicht auch Nosten. wir entbehren durchaus objectiver krite- 
rien, das eine gedieht dem einen zu nehmen, dem andern zu 
geben, willkür alter und neuer zeit hat eine conventioneile Ver- 
teilung vorgenommen, aber wer nicht durch fremde brillen sieht, 
mufs zugeben, dafs alles eitel willkür ist, dafs selbst zwischen 
Homer und Hesiod eine feste Scheidewand nicht zu errichten ist. 
fafst man die zeitansätze ins äuge, so schwanken die gedichte 
durch die Jahrhunderte unstät hin und her, von den fabelhaften 
Zeiten an, wo Homer bei Kreophylos einkehrt und ihm die Oi^a- 
Xiag aXotatg schenkt, bis ins fünfte Jahrhundert, wo Panyassis 
dieselbe Ol%aXiag aXmtiig dem Kreophylos stiehlt, ein chaos ist's; 
wol sind die modernen gefällig genug, fictionen, die kaum ein 
bis zwei menschenalter alt sind, eine conventionelle geltung zu- 
zugestehen; aber dadurch werden die fictionen nicht wahrer, 
zweitausend jähre früher, als man die gedichte noch besafs, war 
man weiter, man hatte die ansprüche sämmtlicher dichter auf 
sämmtliche gedichte gewogen und zu leicht befunden, nichts 
hatte bestand gehabt, als die Ilias Homers und die Erga He- 
siods; Odyssee und Theogonie waren wenigstens von einzelnen 
bestritten, darin war consequenz und sinn und verstand, heut 
zu tage kann nur noch aberglaube die Odyssee dem dichter der 
Ilias zuschreiben: aber Stasinos und Arktinos werden respectirt. 
wo ist da consequenz, wo ist da sinn und verstand? 

Wir haben uns bisher in den zeiten der gelehrsamkeit und 
der compilation aufgehalten, die gelehrsamkeit war skeptisch, 
die compilation ward allmählich scheinbar positiv gläubig, aber 
nur durch weglassen des zweifeis. steigen wir nun empor in 
die zeiten der naivetät und der Überlieferung erster hand, in das 
fünfte und vierte Jahrhundert; wir dürfen auch das dritte, aus 
dem Phainias uns begegnet ist, hinzutun, die naive zeit, der 
vergleichen und abwägen der coneurrenz fern liegt, wird doch 
gläubig die dichternamen aufnehmen und weitergeben? weit 
gefehlt, die naive zeit weifs von der ganzen kyklischen sippschaft 
grade so viel wie vom epischen cyclus, nämlich gar nichts, für 
die antike grammatik sind die gedichte anonym, für die classische 
zeit sind sie homerisch, das älteste Homercitat, von dem wir 
wissen, ist das des Kallinos, das wir oben bei Pausanias angetroffen 



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352 n 4 

haben: es gieng die Thebais an. wenig später, um die mitte 
des siebenten Jahrhunderts citirt der Samier Semonides 34 ) einen 
vers des M und legt ihn dem manne von Chios bei; er meint 
Homer, in der ersten hälfte des sechsten Jahrhunderts citirt 
Stesichoros (67) den Schild des Herakles als hesiodisch. 35 ) Simonides 
(53) citirt neben Stesichoros den Homer für eine einzelheit der 
*A9ka im IleXiq: man mag schwanken, welches gedieht gemeint 
sei, aber Ilias und Odyssee sind es nicht. Pindar (Pyth. IV 277) 
citirt einen vers des O mit Homers namen, er bezeichnet die 
Odyssee als homerisch (Nem. VII), aber wenn derselbe (Isthm. 
III 53) erzählt, dass Aias sich durch seinen Selbstmord zwar be- 
schimpft habe, aber doch ehre durch Homeros erhalten, der seine 
ganze tüchtigkeit besungen hätte, so setzt er voraus, dafs Homer 
sowohl den kämpf mit Hektor wie die rettung der leiche des 
Achilleus wie den Selbstmord besungen hat. derselbe Pindar 
kannte und glaubte die abstammung Homers aus Chios und 
Smyrna, und erzählte dafs Homer die Kyprien seiner tochter 
statt mitgift mitgegeben (fgm. 189 Boeckh): da beginnt die litte- 
rarische fabel, aber der glaube an Homer den dichter der Kyprien 
besteht unerschüttert, bei Herodotos beginnt die kritik; er be- 
zweifelt, dafs Homer die Kyprien (II 117) und die Epigonen 
(IV 32) gedichtet habe, subjeetive zweifei äufsert er, die tradition 
ist für Homer, von Stasinos oder Antimachos keine spur, der- 
selbe Herodot erzählt (V 67) dafs Kleisthenes von Sikyon Homer 
zu recitiren verbot, weil dieser Argos und die Argiver zumeist 
feiert; den Adrastos vertrieb derselbe Kleisthenes. es ist, wie 
Welcker mit recht hervorgehoben hat, nur sinn in dieser ge- 
schichte, wenn Homer als der dichter der Thebais verstanden 
wird, dem Thukydides (III 114) ist Homer aus Chios und 

3 *) fgm. 85 des Simonides, aber von Bergk mit recht dem Semonides zu- 
gewiesen. 

85 ) Loschcke (Arch. Zeit. 1882, 46) hat in ausgezeichneter weise die Über- 
einstimmung des hesiodischen Schildes mit vascnbildern des ausgehenden siebenten 
Jahrhunderts gezeigt, das citat des Stesichoros beweist, dafs dies der äufserste 
termin ist, und es wird gut sein, nach oben einige latitüde zu lassen, die Aspis, 
entstanden 650— G00, doch wol im korinthischen eulturkreise, ist eine einlage der 
Eoeen, die also im ganzen älter sind, eine ähnliche einlage der kataloge war der 
Kyvxos ycluos, über den Herrn. 18, 418. 



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DER EPISCHE CYCLÜS 353 

dichter des prooimions an den delischen Apollon. bei Hellani- 
kos begegnet Kinaithon als Verfasser der kleinen Ilias, aber Aristo- 
teles begreift unter der kleinen Ilias zwar sehr viel mehr als die 
späteren, nämlich die posthomerica bis zum änonlovg, läfst den 
Verfasser aber namenlos wie den der Kyprien. dagegen den 
Margites erklärt er ausdrücklich für homerisch; dasselbe scheint 
Kallimachos getan zu haben, später galt auch er für anonym 
(Harpokration), seit Christi geburt etwa ist er verschollen. Sim- 
mias im Beile erzählt, dafs Epeios Wasserträger für die Achaeer 
war, aber mit Pallas hülfe das pferd baute und deshalb ig Vfiij- 
Q6iov eßrj xikev&ov. die Ilias erwähnt wol des Epeios geringe 
kriegstüchtigkeit, die Odyssee dafs er das pferd gezimmert hat, 
aber nur nebenher: detaillirt war das in einem der andern epen 
geschildert, vermutlich der kleinen Ilias, und danach von Stesi- 
choros (fgm. 18) wiedergegeben. Antigonos von Karystos im 
Wunderbuche citirt als homerisch die Thebais und den Hermes- 
hymnos. genug davon; ich mache weder hier noch sonst an- 
sprach auf Vollständigkeit, denn das gedächtnis trügt und versagt, 
aber zum suchen fordere ich auf; vermehren wird man diese Zeug- 
nisse können, und wird nur deutlicher machen, dafs die classische 
zeit die ganze schar von concurrenten Homers nicht kennt, sie 
steht auf dem Standpunkt, den ganz correct Proklus in der vita 
Homers am ende formulirt ol fxivioi y' aQ%aioi xal tov xvxXov 
äva<f€QOvöiv slg avrov, wie das ähnlich in dem verwirrten katalog 
bei Suidas vorkommt, in novellistischer form die herodotische 
vita durchdringt; ja Theodoros, der ordner der ilischen tafeln 
sagt OeodwQeiov (id&e tagtv € OfAr t QOvi hier ist "OfArjQog genau das- 
selbe was imxbg xtxXog sein würde, und wenn die legende den 
Aischylos seine dramen re^dx*! %wv 'Of.irJQOv fieydXujv ieinvwv 
nennen läfst (Chamaileon bei Athen. VIII 347 e ), so ist das in- 
haltlich dasselbe, wie wenn JSopoxXrjjg sxcuqg %<$ imx$ xt'xA(j>, 
welche bemerkung eben deshalb Athenaeus aus derselben quelle 
haben wird. 

Um 500 sind alle gedichte von Homer; um 350 sind von 
Homer im wesentlichen nur noch Ilias und Odyssee, alle andern 
sind ihm abgesprochen und werden nun durch hypothesen bald 
dem bald jenem beigelegt, einzeln auch noch dem Homer; um 

PLiilolog. Untersuchungen VIT. >j$ 



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354 II 4 

150 sind alle diese hypothesen wieder beseitigt, die gedichte alle 
anonym: aber gleichzeitig verschwinden dieselben aus den bänden 
der leser. sie existiren nur noch in auszügen und citaten. die 
ehemals einheitliche homerische masse war dann eine weile unter 
eine unbestimmte menge dichter verteilt; nun war sie wieder 
einheitlich, aber die einheülichkeit lag in der negation. 

Dem Homer hatte man die gedichte genommen, einem an- 
dern nicht gegeben, wollte man sie citiren, so genügte in den 
meisten fällen der titel ohne dichternamen. aber nicht immer; 
die Thebais z. b. brauchte ein zeichen, das sie von der des An- 
timachos unterschied, und so finden wir xvxfaxii 0rjßai$, schon 
bei dem erklärer des Pindar Asklepiades, der nicht der Myrleaner, 
sondern ein älterer bpnivvpioq ist (zu Ol. 6, 17). auch den 
dichter eines dem Homer abgesprochenen gedichtes, der immer- 
hin älter als die tragiker und selbst die lyriker war, muste man 
zuweilen etwas genauer, eben als ,alten epischen dichter 4 bezeich- 
nen: Lysimachos schon sagt in solchem falle 6 tijv juixQctv '[Aidda 
avviB%a%wg xvxfaxog notrjtrjg (schol. Eur. Andr. 10). also die sorg- 
fältigsten grammatiker schon nennen sowol die gedichte wie 
die dichter kyklisch. späteres und mehrdeutiges will ich lieber 
fern halten, ganz ebenso stellt sich nun das Verhältnis, wo im 
allgemeinen geurteilt wird, Kallimachos sagt (ep. 28) 3C ) ixÖaiQco 



,ft ) Das gedieht wird freilich ganz oder zum teil verworfen, oder man con- 
jicirt daran herum, so dafs ich rechtfertigen muss, weshalb ich es unbeanstandet 
gedruckt habe, dazu muss ich weit ausholen. Kallimachos, der meist er des epi- 
gramms, hat es verstanden, eine pointe diesen gedichtchen einzufügen, deren sie 
eigentlich nicht bedürfen, und er hat es ferner verstanden, fast in Lessings manier, 
die pointe mit erregung der erwartung und auflösung zu geben, es gibt gedichte 
von ihm, die in dieser weise, so zu sagen, ihre ngotaatg und änodoate haben. 
,der Jäger im wintersturm jagt jedem reh, jedem hasen nach; ruft ihm der treiber 
zu, ,da liegt der hasc,' so jagt er weiter ohne das wild aufzunehmen: so geht's 
mir in der liebe; ich jage dem fliehenden nach, das erreichbare reizt mich nicht' 
(31). ,der fremde muss krank sein; er seufzte so tief beim trinken Jtd$ awrqpo?, 
die rosen seines kranzes entblättern, verliebt muss er sein: ja das ist's — ich 
weifs zu raten, denn ich habe die krankheit selber (43) 1 ; darin ist das eingestandnis 
der eigenen Verliebtheit die eigentliche veranlassung des gedichts. ,wie siehst du 
aus, Kleonikos, ich versteht nicht; wo bist du gewesen? abgezehrt, mit struppigem 
bart: einem gespenste bist du wol begegnet, wie ich? ich versteh's: dem holden 
Euxitheos bist du begegnet, und hast, unseiger, vor dem verderblichen anblick 



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DER EPISCHE CYCLÜS 355 

to Tioirjfxa %6 xvxhxöv, Horaz nee sie ineipies ut scriptor cyclicus 
olim (a. p. 136); Horaz repräsentirt hier ein dem Kallimachos 
verwandtes und ziemlich gleichzeitiges urteil, die aristarchische 
schule, speciell Aristonikos, gebraucht das adverbium xvxkixdüg 
um die geistlose Verwendung epischer formelhafter phrasen zu 
bezeichnen. 87 ) wir haben durchaus keine veranlassung zu be- 
zweifeln, dafs Aristarch selber so geredet hat. 



nicht die äugen niedergeschlagen (30). ( hier ist das spiel mit der erscheinung 
eines spukenden tjQws und eines holden knaben die einkleidung: das geständnis 
der eignen liebe die wahre Veranlassung. Zyklisches gedieht, breite heerstrafse, 
gassenhure, Wasserleitungswasser, alles, was jedem zu geböte steht, mag ich nicht: 
dir, schöner knabe, huldige ich — doch ehe ich meine liebeserklärung noch ganz aus- 
gesprochen, muss ich's schon hören, dafs du nicht für mich bist ' ohne das letzte 
distichon, das die individuelle beziehung hineinbringt, ist das gedieht nichts ganzes : 
das streichen verdirbt eben so viel wie in ep. 31 das letzte distichon zu streichen. 
Lysanias ist kein niqlqfotrog igtoptros, sonst würde ihn der dichter nicht lieben, 
aber deshalb kann er ihn auch nicht erlangen, das was er bekommen kann, ist 
nur das örjpootoy, das mag er nicht; das was er begehrt, das bekommt er nicht, 
nlXos fyii: von dem armen Schulmeister will die elite der schonen nichts wissen, 
nicht erst bei Lysanias erfährt er das; er hat es an diesem auch noch gar nicht 
erfahren (das gedieht ist vielmehr dafür bestimmt, dafs Lysanias sagt, »nein, ich 
erkenne deine huldigung an, die mich über das drjuooioy erhebt'), er ist nur 
sicher, dafs er auf seine liebesschwüre die antwort ,bin versagt', so sicher folgt, wie 
das echo. ,für meinen ruf Jvoaviag xaldg ist uXXog fyu das echo ( . das hat mit 
dem wirklichen echo so wenig zu tun, wie wenn ich sage, ,eh der Österreicher 
seine rede fertig gesagt hat, hört er vom bastard Faulconbrige das echo »hängt 
ihm ein kalbsfell um die schnöden gliedert um dies hervorzuheben, sagt Kalli- 
machos nicht 'Ifycu <pq<n, wie er müste, wenn er das echo wirklich meinte, sondern 
'ff/fj ric darau dass jemand yat%i xtdog xalog und dXXog fytt für gleichklingend 
halten würde, konnte er unmöglich denken, der einfall zu interpungiren dXkd 
nQly tinitv Tttvra oarpiog fori, tptjal xtg richtet sich dadurch, dafs jJ/w hierin voll- 
kommen überflüssig ist und auf die bemerkung eines quidam Kallimachos unmög- 
lich etwas geben kann. 

37 ) Friedländer zu Aristonikos p. 253 Merkel Apollon. XXXI. als probe 
stehe 9 115 ov xvxXtxtos r« Int&tza nQoaiqqaniat dXXd Ixuarov MpÖqov to 
i<fiu)/ua fha to» imfriiov 7tQoai(r^Qr]Tai y das allerdings in dieser form auf einen 
exegetischen commentar zurückgeht im Harleianus der Odyssee stehen zu n 195 
q 25 Varianten mit der bezeichnung ij xvxltxy, woraus man nach Buttmanns Vor- 
gang auf eine kyklische (xdoots schliefst, zur llias nichts der art, so dafs die 
weitherzige meinung, welche eine handschrift des ganzen Kyklos annimmt, keine 
Wahrscheinlichkeit hat die Variante der schlufsverse der llias ufc ofy' d/ucpUnoy 
idepoy "Exrogog, %k9t <T UpaColv schliefst freilich eine fortsetzung an, aber welche? 

23* 



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356 II 4 

Was bedeutet xvxXixog in diesen stellen, die der Gelehrsam- 
keit des dritten bis ersten Jahrhunderts angehören? zu fordern 
ist eine erklärung die allen stellen gleich genügt; dieselben sind 
so verschiedenartig, dafs man wol vertrauen darf das richtige 
gefunden zu haben, wenn man etwas hat, das überall pafst. 
ich will es griechisch geben, tyevdoniJQeiog. ehedem hiefs die 
Thebais homerisch, der dichter der kleinen Ilias Homer; jetzt ist 
ein anonymer an Homers stelle getreten, die ästhetische kritik 
hat einen unterschied aufgefunden zwischen dem echten Homer 
und der imitatorenpoesie (einen unterschied den auch jetzt 
jeder finden kann, der A und a vergleicht), und man hat die 
letztere darum verworfen. ,ich mag die homerisirende poesie 
nicht' sagt Kallimachos, er der die Ol%aXiag SXwthg sagen läfst 
'OfiiJQEiov Se xaXevficu yqdf.if.ia' JTgccoywAq), Zev ytAs, xovxo fieya. 
Horaz aber lehrt wie man Homereum Achillem einzuführen habe, 
deducirt die regeln des epos am Homer und warnt vor dem 
,Homeriden 4 , der den homerischen stoff durch plumpe behand- 
lung verdirbt. Aristarch endlich zeigt am wortgebrauch den 
unterschied zwischen dem echten Homer und der trivialen nach- 
ahmung. 

Wie aber kommt xvxXixog zu dieser bedeutung? diese frage 
kann auch gleich so gestellt werden, was ist xvxXoc, von dem 
xvxXixog in dieser bedeutung abgeleitet ist? denn als ein abge- 
leitetes wort stellt sich xvxXixog der form nach dar; sollten wir 
einen besondern gebrauch nur des adjectives annehmen, so müste 
sich dieser von dem xvxXixog aus erklären, das für die alte zeit 
allein bezeugt ist, nämlich kreisförmig, da fehlt es uns nun 
schon im altertum nicht an erklärungen. das oben citirte Clemcns- 
scholion sagt, dafs der dichter der Kyprien unbekannt sei, slg ydq 
itixi %*vv xvxXixatVj xvxXixol de xaXovvxcu noirjxal oi xä xvxXop xrjg 
'iXiddog fj xä TiQwta rj %ä fJL8tayevi(Sxsqa [i£] avtwv twv c O/iij(H- 
xwv (Svyyqdipavxsg. da sind xvxXixoi die »ringsherumdichter 4 , das 



im ,Kyklos* gab es mehrere, dies scholion des Townleyanus mit jenen Varianten 
der Odyssee zu combiniren, ist windig, die Odyssee citirt aber auch zu d 248 
o xvx).tx6g> wo irgend ein von Aristarch abweichender erklärer gemeint ist. damit 
liegt es nahe die xvxhxq zu verbinden, aber man erhält nur zwei rätsei für eines. 



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DER EPISCHE CYCLÜS 357 

läfst sich auf die gedichte erst durch katachrese übertragen, die 
doch nicht unmittelbar da schon auftreten kann, wo das wort 
auftritt: xvxXixov noirifia aber sagt Kallimachos. aufserdem legt 
diese ableitung nicht xvxXog, sondern den adverbial gebrauchten 
dativ xvxty zu gründe; es würde das die erscheinung sein, 
welche Usener hypostase genannt hat, durch die z. b. iyxv- 
xXiog aus iy xvxXip geworden ist. aber eben diese bildung, die 
existirte, zeigt das ruisliche der zweiten hypostase, die zudem auf 
-ixog schwerlich gebildet werden kann, endlich ist xvxXy %r[g 
'IXiddog für dfX(poT€Qwd€v %i[$ 'IXiddog ein viel zu seltsamer aus- 
druck, als dafs die ableitung glaublich sein könnte, von der 
sachlichen Ungereimtheit, dafs die Thebais xvxXoj tijg 'iXiddog stehe, 
sehe ich ab. weit verständiger war es xvxXixog von einem xvxXog 
von dichtem, oder von gedichten zu verstehen, das letztere tut 
die Proklusvita und andere brechungen der alten Homer vita, wenn 
sie dem Homer die Verfasserschaft des xvxXog zutrauen, in diesem 
sinne hat Agathias seine gedichtsammlung xvxXog genannt, im 
übrigen ist diese Verwendung von xvxXog, die uns so geläufig 
ist, mindestens sehr selten im altertum, wenn sie überhaupt nicht 
erst in nachahmung des epischen cyclus entstanden ist. aber 
davon ist wieder xvxXixbg noiri%ijg nicht abzuleiten: oder sollte 
man wirklich, weil man ,die Thebais aus dem ringe 4 sagte, auch 
,ein dichter aus dem ringe 4 sagen können? sollte man z. b. 
Leonidas von Tarent einen dv&oXoyixog noir\xr^g nennen, weil er 
in der Anthologie steht? eben so gut kann man von einem 
xvxXog inonouSv reden, und das tut auch Philostratos (epist. 73), 
und dazu würde sich oi xov xvxXov noiijxai bei Clemens (str. I 398) 
und oi xvxXixoC sehr gut schicken, aber damit verträgt sich 
xvxXix^ Grißaig nicht, ,die Thebais aus dem ringe 4 , oder sollte 
man den Daphnis des Sositheos, weil Sositheos zur Pleias gehört, 
ein nXeiadixov ÖQdfxa nennen können? auf diesem wege kommen 
wir nicht vorwärts, wir sehen nur, dafs den späten Zeiten, die 
ihre kenntnis der dichter wie der gedichte des Kyklos einzig und 
allein aus den auszügen, die wir kennen, und aus citaten schöpften, 
der ausdruck zwar geläufig aber unklar war; sie rieten wie wir. 
in den excerpten selber aber, beim Proklus, da steht eine defi- 
nition, und der wirkliche erste urheber dieser excerpte, der eben 



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358 II 4 

die wirklichen gedichte noch vor sich hatte, mute eigentlich wol 
gewust haben, was der Kyklos bedeutete, mag das jetzt auch durch 
schuld der vielen excerptoren verdorben sein, es heifst bei 
Photius 319* 19 diaXa/ußdvei (Proklus) tisqI tov Xeyofievov imxov 
xvxXov, og aq%B%ai, pw & rf$ ovqavov xal yrjg fißewg — rfur- 
noQevezcu de %d %£ äXXwg tisqI öetiov tolg "EXXriCt, ixv&oXoyov(ieva 
xal et nov %i xal nqog Icioqtav i£aXfi&i£eiai. xal nsqavovtat, 6 
imxog xvxXog ix diacfOQivv noitjvwv CVj^nXrjQOVfiSvog ixi%qt tijg dva- 
ßdaeoDg 'Odvaaiwg xrjg eig 'I&dxrjv — Xeyst di xal ort tov imxov 
xvxXov tä noiij[iata iiaöw&tai xal (Jnovddfexai tolg noXXolg ov% 
ovtu) diä Tip &Q€%rjV ü5$ did trjv dxoXov&iav twv iv avx<j> nqa- 
yfidtwv. Xiyei ik xal %d ovöfiata xal jag naxqiöag iwv nqayuaxev- 
aafiivmv tov imxov xvxXov. es folgt die oben besprochene stelle 
über die Kyprien. da haben wir also einen xvxXog, von dem sowol 
ausgesagt wird, dafs er & diayoqtav noirjtwv avfmXfjQOvtai, wie 
dafs es tov xvxXov notijuata gibt, einen solchen suchen wir. 
und was ist dieser »epische ring 4 ? die zusammenhängende folge 
der ereignisse von erschaffung der weit bis zu Odysseus tode, die 
göttersage der Hellenen (diese nennt der bischof aXXwg neql 9e<»v 
(iv&oXoyovfieva, weil er sie nicht glaubt) und die heldensage (die 
nach ihm mehr oder weniger i%nXti&i£etai). geschätzt aber wird 
der ,epische ring 4 wegen des fortlaufenden Zusammenhanges: um 
dessentwillen ist es eben ein ,ring 4 . so ist er etwas den dichtem 
wie den gedichten übergeordnetes, so dafs man sowol von dich- 
tem wie von gedichten des ,ringes 4 reden kann, wofern dieselben 
einen stoff behandeln, der in den ring gehört, und so behandeln 
dafs die continuität gewahrt wird, diese continuität braucht 
damit durchaus nicht eine gewollte und erreichte zu sein: es ist 
nicht nötig, dafs die einzelnen gedichte vers an vers zusammen- 
passen, die continuität ist die des inhaltes, die dxoXov9ia %d5v 
nQayfidtwv.**) der ,ring 4 ist ein ,epischer 4 ; es ist also correct 
zu sagen noirjtijg und noitjfia xvxXixov, denn damit ist das epische 
bezeichnet; katachrese aber ist es, wenn die Aristarcheer xvxXi- 



ss ) Zoega Abh. 311 zählt die gedichte auf, die nach der Ilias und Odyssee 
entstanden, denen er nicht im entfernsten einen Zusammenhang unter einander 
zuschreibt, aber er sagt dafs sie ,nicht viel weniger als den ganzen mythischen 
kreis umfassten.' dies ist genau die bedeutung von xvxXog, die zu Proclus stimmt 



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DER EPISCHE CYCLUS 359 

xdSg für xaxd %ä xvxfoxä enrj sagen: das ist nur verständlich, 
wenn der ausdruck inixog xvxXog schon ganz feststand, der 
ausdruck ist aber überhaupt ein technischer; nicht ohne weiteres 
konnte man xvxXog in dieser weise verwenden, es mufs den 
ausdruck jemand geprägt haben, jemand der nach Aristoteles 
vor Kallimachos lebte, den ich nicht kenne, derselbe fufste auf 
der allmählich erwachsenen erkenntnis, dafs die ,homerischen* ge- 
dichte nicht alle von Homer waren, dafs ihre gleichartigkeit aber, 
wie sie sich in der alten populären zurückführung auf Homer 
aussprach, grofs genug war, um sie im gegensatze zu Homer 
zusammenzufassen, und dafs sie stofflich mit Homer zusammen- 
gehörten, die formelle gleichheit teilten wol noch manche andere 
gedichte, z. b. die Korinthiaka, die vielen kataloge, aber sie waren 
stofflich gesondert, die ,erzählende 4 heroische poesie sonderte 
sich vom 'Hoiodeiog iqonog (Kallim. epig. 27) sehr wol ab. er- 
zählt aber wurden in den epen die geschichten, die bis zu dem 
von Ephoros gezogenen striche, zur Herakliden Wanderung, reichten, 
mit der der tod des Odysseus (etwa 30 jähre nach Troias fall) 
sich noch berührte, diese ereignisse hatten nur die epische be- 
glaubigung; in den epen anonymer Verfasser waren sie nieder- 
gelegt: sie nannte jener unbekannte inixog xvxXog, und danach 
die noirpai xvxXixoi und die noirnxaza xvxXixd. neben ihnen 
stand die eine allein noch als real und individuell anerkannte, 
wenn auch im besitz geschmälerte person Homers, es war eine 
in sich abgeschlossene weit, die schöne bunte märchenweit, die 
jenseits jener grenzlinie wohnte; wir mögen sie wol auch .die 
periode des epos 4 nennen, möglich, dafs xvxXog in dieser be- 
deutung auch auf die Wortwahl eingewirkt hat. doch ich will 
mich im raten nicht erschöpfen: hier fehlt uns die unmittelbare 
kenntnis, und nur das factum erschliefsen wir, das jemand den 
ausdruck so geprägt hat, dessen fernere weitverbreitete benutzung 
wir in den gelehrten kreisen antreffen; weiter ist derselbe nur 
selten und dann als unverstandener terminus gedrungen. 

KvxXixog haben wir schon früh belegen können; wir haben es 

und überhaupt erforderlich ist. wir konnten freilich heute so nicht mehr reden, 
das wort »Sagenkreis* 19t aber ganz ähnlich gebildet, nur vermag ich nicht zu 
sagen, ob auf seine biidung nicht der imxo; xvxkog eingewirkt hat. 



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360 II 4 

von xvxXog abgeleitet und hierfür die erklärung gefunden, da fehlt 
ein glied noch in der kette des beweises, das man ungern ent- 
behren würde, kommt denn xvxXog selbst gar nicht in älterer 
zeit vor? auch dafür ist rat zu schaffen, jener TQwixog, mitten 
auf der ilischen tafel A, erträgt, wie schon oben zu erwähnen 
war, nur die ergänzung xvxXog. das trifft sich gut, denn da- 
durch verstehen wir, wie einerseits eine nqayiidTmv AxoXovSia 
von Titanomachie bis zur Telegonie reicht, andererseits Thebais 
und Danais auch in den ,Kyklos 4 gehören, die ,epische periode', 
sondert sich in die ,troische' ,thebanische 4 u. s. w. aber zur 
erklärung hilft freilich eine stelle, in der xvxXog gar nicht einmal 
steht, nicht unmittelbar, das tut Dionysios Lederarm, der sich 
Samicr Milesier Mytilenaeer nannte und wol auch nennen 
konnte. 89 ) er schrieb ein vielbändiges werk xvxXog oder 7t€Ql toi 
xvxXov genannt, gegliedert auch wieder in einzelne teile, wie die 
Tqwixä oder die Argonauten: darin gab er den imxog xvxXog 
in prosa wieder. 40 ) der bisher ideelle Zusammenhang der ereignisse, 



31 ) Zu diesen verschiedenen Vaterländern des Dionysios gibt Aristodemos 
eine vortreffliche parallele, dieser erscheint als einer der besten erklärer Pindars in 
den scholien und bei Athen. XI 495. er ist UXt&vÖQtvs (schol. Isthm. 1, 11) 
schüler Aristarchs (Nem. 7, 1). aber er ist identisch mit dem Verfasser einer 
'Oh>/umdd<ov ayayQKfpq (schol. Ol. 3, 22. Harpokr. 'EkXftrod.), und dieser ist 
'HUTog nach Euseb. I. p. 194. dazu stellt sich ein A. &qßuloQ (schol. Theokr. 
7, 103), der in den scholien der Phoenissen mit ausgezeichneter gelehrsamkeit er- 
scheint, man erkennt aber hier für Theben dieselbe tüchtige localkenntnis wie dort 
für Elis. offenbar ist derselbe mann, gebildet in Alexandreia, für seine Verdienste 
mit dem bürgerrechte von Elis und Theben bedacht, ob er wirklich ein geboraer 
Alexandriner war, stehe dahin, so ist ja auch Nikandros Kolophonier und Aitoler, 
und die kleinen Amphiktionengemeinden werden ihn wol auch für seine anti- 
quarischen localstudien in der herkömmlichen weise belohnt haben, übrigens be- 
herzige man, dass Nikander ein söhn des Anaxagoras war (Bull, de corresp. Hell. 
VI 217), woraus bei Suidas Xenophanes geworden ist: wenn's nur ein philosophen- 
narae war! dieselbe Zuverlässigkeit wie bei Polemon's vater (Antig. von Kar. 9). 

*°) Durchaus richtig ist dieser xv'xAo? von Schwartz (de Scytobr. 68 flg.) 
beurteilt, der nur darin irrt, dafs er xvxXtxoy nolqua nicht berücksichtigt, die 
worte des Proclus über den imxog xvxlog hat er nicht ganz richtig erklärt. Diony- 
sios überkam den namen, den zu popularisiren er gewiss beigetragen hat, aber 
er schuf ihn nicht, dafs er übrigens dem Homer noch andere gediente als die 
beiden gelassen hat, ist zwar nicht zu bestreiten, ändert aber an der allgemeinen 
beurteilung nichts. 



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DER EPISCHE CYCLüS 361 

die in den verschiedensten gedichten unvollkommen enthaltene 
dxoXovÜia %mv nQayjndtwv , gewann nun eine gestalt. die weit 
hatte allmählich ganz das interesse verloren, die alten epen zu 
lesen, deren poesie und noch viel mehr deren Verfasser sie kalt 
liefsert. aber der xvxXog imxog besafs noch seinen reiz und für 
die forschung war die beschäftigung mit den sagen vereinzelt 
selbst für Aristarch unerläfslich. so zog Dionysios die gedichte 
aus und gab, leider wie bei Xanthos (dessen auszug an sich auch 
sehr verdienstlich war) rationalisirend , eine zusammenhängende 
erzählung, die freilich die in den wirklichen epen vorhandenen 
Widersprüche ausglich, doch nicht ohne sie zu notificiren; auch 
nahm er auf die späteren mittlerweile längst classisch gewordenen 
poesien rücksicht. so entstand eine ,heldensage 4 , ein ,Kyklos 4 oder 
ein ,buch vom Kyklos 4 . lange zuvor, schon ehe jener unbekannte 
den namen imxog xvxXog erfand, hatte Asklepiades von Tragilos 
einen tQayixög xvxXog, tgayipSov^sva verfafst: ein buch, das im 
Verhältnis zu den einzelnen tqayixoi und tgay^äiai geeignet ist 
das analoge Verhältnis des imxog xvxXog zu seinen dichtem und 
gedichten zu illustriren. Dionysios war nicht der einzige in seiner 
art. es ist oben schon diese ganze mythographische richtung, 
der wir fast alles verdanken was sich von den alten epen gerettet 
hat, charakterisirt. Lysimachos ist da noch besonders zu nennen, 
und der titel seines hauptwerkes, Notnot, ist ebenso von einem 
gedichte, oder einer classe von gedichten gewählt, wie xvxXog von 
Dionysios. als dritter tritt dazu der unbekannte grammatiker, 
dem Theodoros und Proklus ihre auszüge der epen verdanken, 
seitdem ein wirklicher xvxXog aus den epen gemacht ist, schwinden 
diese völlig aus der kenntnis selbst der gelehrten ; der xvxXog, die 
mythographischen handbücher, und die auszüge ersetzen sie. 
selbst litterarhistorisch wird ihr gedächtnis wesentlich durch diese 
auszüge erhalten, wenn Athenaeus den Sophokles am imxog 
xvxXog freude haben und ijj iv %ovxq> [xv&onouy folgen läfst, so 
ist das eine bemerkung, die er den variantensammelnden mytho- 
graphen verdankt, die gegen Pindaros und Euripides so oft ein 
ISCwg wegen ihrer mythenbehandlung setzen musten, bei Sophokles 
Übereinstimmung fanden, der ausdruck imxdg xvxXog aber ist 
hier ganz correct gebraucht: Welckers ,ordnung der tragödien nach 



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362 II 4 

dem epischen cyclus 4 kann es bestätigen. Welckers epischer 
cyclus trägt diesen namen auch mit viel mehr recht als der von 
ihm angenommene cyclus des Zenodot, der nie existirt hat. 

Es wird erforderlich sein, damit die tragweite der ermittelten 
tatsachen sich ermessen lasse, und damit sich bestätige, dafs die 
gesammtentwickelung der litteratur zu ihnen nicht nur in keinen 
Widerspruch tritt, sondern mit ihnen und durch sie einen leben- 
digen und organischen Zusammenhang erhält, die geschichte der 
epischen dichtungen durch die vier Jahrhunderte zu verfolgen, 
welche zwischen der zeit liegen, wo sie alle den namen Homers 
unbehelligt tragen, und der, wo sie alle statt homerisch kyklisch 
geworden sind, es ist um so mehr geboten das allgemeine klar zu 
stellen und fest zu halten, je geringer unsere kenntnis von den 
philologischen Studien des dritten Jahrhunderts ist, das doch die 
grofse arbeit getan hat, aus der dem zweiten nur das facit zu 
ziehen übrig blieb. 

Das bedarf nun keines Wortes mehr, dafs Peisistratos oder 
Lykurgos, wenn sie wirklich eine Sammlung der gedichte Homers 
veranstaltet hätten, sich unmöglich auf Ilias und Odyssee hätten 
beschränken können, wer die Sammlung glauben will, muss sie 
auf das ganze epos ausdehnen, das heifst ganz und gar undenkbar 
machen, grade darin, dafs sie nur von Ilias und Odyssee reden, 
tragen die ausführlichen berichte von der pisistratischen Sammlung 
den Stempel der jungen und ungeschickten ausschmückung an 
sich, aber auch Dieuchidas hat mit seiner pisistratischen Samm- 
lung nicht blofs Ilias und Odyssee meinen können, wenn er auch 
vielleicht nur von der interpolation dieser gedichte geredet hat, 
da ihm ja nur an der interpolation etwas lag. die attische ent- 
stellung des textes, welche er in der form einer Sammlung und 
interpolation dem Peisistratos schuld gab, hat sich, so weit wir 
die reste der epen übersehen können, in der tat über sie alle 
erstreckt, wobei freilich zu bedenken ist, dafs diese form den 
grammatikern, weil sie in der Ilias vorhanden war, als homerische 
und kanonische galt, somit ohne weiteres auch auf die andern 
epen übertragen werden muste. Hereas hat dem Peisistratos auch 
wirklich die falschung des Hesiodos schuld gegeben, und dafs es 
mit dem nicht anders wie mit Homer steht, liegt auf der band. 



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DER EPISCHE CYCLÜS 363 

wir müssen übrigens a priori als wahrscheinlich hinstellen, dafe 
auch andere gedichte wirklich beträchtliche attische interpolationen 
erfahren haben, so gut wie B und X. wenn in der Persis 
Menestheus und die Theseussöhne von Agamemnon gewaltige 
ehrengaben erhalten (Lysimachos im schol. Eur. Tr. 31), so war das 
schon den alten mythographen anstöfsig. aber selbst die beteili- 
gung der Theseussöhne an der Persis und die rettung Aithras 
(die eine jüngere partie der Ilias freilich als sclavin Helenes ein- 
führt, also auch irgendwie gerettet werden liefs, T144), obwol 
durch Polygnot und gleichzeitige attische vasen bezeugt, und auch 
im auszug des Proklus für die Persis genannt, kann nach allem, 
was wir von der sagengeschichte wissen, unmöglich für altepisch 
gehalten werden, sondern muss verhältnismäfsig junger attischer 
iriterpolation zugeschrieben werden, um so mehr als Demophon 
noch im homerischen Demeterhymnus ein eleusinischer königs- 
sohn ist. so überaus geringfügig wie unsere kenntnis des epos 
ist, werden wir natürlich, selbst wenn die mythographischen 
Studien fleifsiger und methodischer betrieben werden als bisher, 
nur in sehr seltenen fällen positiv die attischen interpolationen 
nachweisen können: um so weniger können wir ihr Vorhandensein 
bezweifeln, mit der möglichkeit müssen wir rechnen. 

Wenn die panathenäische festordnung die recitation Homers 
ilg vnolrjipeag vorschrieb, so kann auch sie sich im sechsten und 
fünften Jahrhundert unmöglich auf Ilias und Odyssee beschränkt 
haben, wir sehen ja auch im schulgebrauche und der allgemeinen 
kenntnis des publicums keinesweges blofs Ilias und Odyssee. 41 ) 
namentlich die Kyprien sind ziemlich eben so beliebt und bekannt 
wie die Odyssee. 42 ) wenn ich also vorhin die panathenäische be- 

4I ) Die kinder in Aristopbanes Frieden sagen die Epigonen her und stücke 
die wir nicht mehr besitzen, die nicht mehr nachweisbaren citate bei Aristophanes 
Aischines Aristoteles sind ja bekannt, ein einziger homerischer vers steht im 
Hippokrates: wir können ihn nicht mehr aufweisen. 

**) Euripides citirt sie so direct, dafs er voraussetzt, man werde das citat 
empfinden, und wir dadurch die fragmente emendiren oder bereichern, vgl. An. 
Eur. 224, 244. Piaton im Euthyphron kann, trotzdem er den Verfasser anonym 
läfst, die Kyprien citiren. ebenso berücksichtigt sie Isokrates in der Helene, die 
bildende kunst und die tragüdie haben sie womöglich mehr als die Odyssee heran- 
gezogen. 



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364 H4 

Stimmung in der weise exemplificirte, dafs der staalsschreiber sich 
eine vollständige Ilias kaufen muste, so muss das jetzt erweitert 
werden, er brauchte auch ante- und posthomerica. und wenn 
es wirklich, wie es doch unabweisbar scheint, mehrere epen über 
die posthomerica gab, nach aller analogie aber für das sechste 
Jahrhundert die existenz von noch sehr viel mehr epen ange- 
nommen werden muss, als wir in gelegentlichen und zufalligen 
anführungen genannt finden, so forderte jene panathenäische be- 
stimmung allerdings eine auswahl. in der tat finden wir z. b. in 
der euripideischen tragödie eine axoXov&ia %wv nqayfidxiüv für die 
posthomerica vorausgesetzt, die keines weges von anbeginn oder 
in allen darstellungen der sagen vorhanden war. es könnte 
jemand ganz gut auf den einfall kommen, dieser panathenäischen 
Ordnung die herstellung eines xvxkog zuzuschreiben, wobei auf 
einem umwege die pisistratische redaction wieder zu ehren käme, 
den weg gehe ich aber nicht mit; er führt irre, die Athener, 
welche die recitation i£ vnoXrjtpewg verlangten, kannten und er- 
warteten bereits eine dxoXovÜia, sie stellten sie also nicht erst 
selber her. wie es gekommen ist, dafs sie diese und nicht jene 
epische fassung der posthomerica kannten und als die legitime 
ansahen, das zu entscheiden müsten wir die gedichte und die 
historischen Verhältnisse kennen, unter denen sie entstanden und 
verbreitet waren, für Dieuchidas freilich war die panathenäische 
Satzung als anhaltspunkt seiner insinuationen von belang; das 
haben wir schon gesehen, im vierten Jahrhundert sind die rhap- 
soden in der Schätzung der weit sehr tief von der Stellung des 
Phemios und Demodokos gesunken; sie tragen nur noch das 
feierliche costüm und erheben gewaltige ansprüche, im übrigen 
weifs man, dafs sie ein eben so albernes wie hoffärtiges völkchen 
sind; Athener sind nicht darunter, die rhapsodie ist an den 
panathenäen ein geheiligter alter gebrauch, aber sie ist eine 
antiquität, die sich völlig überlebt hat. das publicum hat sein 
interesse auf die musicalischen agone der dithyramben und auf 
die Virtuosität der grofsen Schauspieler geworfen; auch stoffllich 
drängt das drama die epischen gedichte, mit denen es den stoff 
teilt, in den hintergrund. die kinder in der schule lesen und 
lernen Homer, darum kennt ihn jeder, aber am wenigsten 



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DER EPISCHE CYCLÜS 365 

könnte die form, in der er öffentlich vorgetragen ward, die norm 
dafür abgeben, was homerisch ist. Demetrios von Phaleron sieht 
sich veranlafst, auch die rhapsodenagone zu reformiren. 48 ) ob 
man damals, wo die Wissenschaft bereits den namen Homers auf 
Ilias und Odyssee beschränkte, etwas anderes als diese gedichte 
zugelassen hat, ist zweifelhaft: was man auch zugelassen hat, ist 
für das wissenschaftliche urteil und die kenntnis des publicums 
ohne bedeutung. 

Homer war in seinem anerkannten besitzrechte allmählich 
auf Ilias und Odyssee beschränkt durch die kritik, die ästhetische 
und historische. Herodot mit seinem zweifei an den Kyprien, 
(den er durch einen sachlichen Widerspruch begründet, 44 ) somit der 
erste Wolfianer, den wir namhaft machen können), und an den Epi- 
gonen kann die methode illustriren, mit welcher die zeit der ersten 
halb schüchternen halb überkühnen kritischen versuche gegenüber 
der epischen masse vorgieng. man stellte die frage nicht im 
ganzen, sondern man nahm einen einzelnen anstofs und zog 
daraus sofort eine weithin reichende folgerung. an sich betrachtet 
ist es doch ein sehr vorschneller schlufs, weil eine stelle der Ky- 
prien mit einer stelle der Ilias streitet, die ganzen Kyprien zu ver- 
werfen, und woher weifs Herodot, dafs Homer grade die Ilias 
gedichtet hat und nicht die Kyprien, wenn er nicht beide gedichtet 
haben kann? das weifs er, weil die möglichkeit, dem Homer die 
Ilias abzustreiten, weder ihm noch irgend wem gekommen ist. 
die ganze kritik des altertums geht so vor, dafs ihr die identität 
der Ilias und Homers eine gegebene gröfse ist. man schränkt 
im übrigen wol den nachlafs Homers, den man überkommen hat, 



* s ) Aristokles 7iiqI ^opwK bei Athen. XIV 620 tovs rvt o/urjotaras 6vo{4«£o- 
(jivovg nQoJTog lig tu ftfaxqa nu^yuyt J. o. «#>. 

44 ) Es kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden, dafs bei Proclus die 
Kyprienhypothesis eben in diesem zuge interpolirt ist um die Übereinstimmung 
mit Homer herzustellen, mit recht folgert Robert daraus den allgemeinen satz: 
die excerpte verdienen glauben, wo sie mit Homer streiten, Unglauben wo sie mit 
ihm stimmen, böswilligkeit ist bei den Interpolationen natürlich nicht im spiel, 
es wird ja die wahre fassung an die stelle einer falschen gesetzt: auf die axokov- 
9U( iiöy 7iQ«yu<<rüjy kommt es an; die verschollenen gedichte sind gleichgültig, 
diese art der behandlung hat Seh wart z bei seiner kritik der laioQiat nicht genug 
berücksichtigt. 



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366 H4 

immer mehr ein, man streitet ihm selbst die best bezeugten ge- 
dieh te, das prooemion an Apollon, die Thebais, die Odyssee ab, 
weil sie nicht von dem dichter der Ilias sein können, aber diese 
läfst man ihm; um ihretwillen muss die Odyssee fallen, die 
chorizonten sahen dazu scharf genug, die Unmöglichkeit zu be- 
greifen, dafs Ilias und Odyssee von demselben sein sollten, wäh- 
rend Aristarch aus den Scheuklappen der tradition nicht heraus- 
sah, aber sie stellten die frage genau so wie Herodot in betreff 
der Kyprien. die Odyssee ist nicht vom dichter der Ilias, folglich 
ist sie nicht von Homer, dieses ist die art zu schliefsen seit dem 
fünften Jahrhundert, ja selbst die antiken Verfechter der lieder- 
theorie, mögen sie ein einzelgedicht wie die Dolonie aussondern, 
oder das ganze epos zerlegen, beharren dabei, dafs Homer der 
Verfasser aller lieder ist. 

Bei den Kyprien war der anstofs ein sachlicher, auch for- 
melle anstöfse muss selbst die kindliche philologie der Thasier 
Stesimbrotos und Hippias genommen haben, wir mögen noch so 
viel in dem texte der erhaltenen epischen fragmente auf kosten 
der Vernachlässigung schieben, welcher die dem Homer abge- 
sprochenen gedichte durch diese athetese verfallen sind, während 
der text der Ilias wenigstens im grofsen und ganzen in der ge- 
stalt vorliegt, welche ihm die Sorgfalt der gröfsten philologen des 
altertums verschafft und erhalten hat: es bleibt doch in allen ein 
wenig längeren bruchstücken so viel anstöfsiges und unhome- 
risches übrig, dafs selbst wir noch zu dem urteil berechtigt sind 
die gedichte für jünger als die Ilias im ganzen zu erklären, dafs wir 
fast jedem bruchstück eine diple vorsetzen können, den jüngeren 
Ursprung zu belegen. 45 ) in dieser hinsieht muss die aristarchische 
Verdammung voll und ganz aufrecht erhalten, freilich auf die Odyssee 
ausgedehnt werden, dafs aber in den Kyklikern ältere und gute 
partien ganz gefehlt haben, kann nur auf grund aristarchischer 
Vorurteile behauptet werden; sie gibt es auch in der Odyssee, 
leider ist es nicht mehr möglich, positive belege für die formelle 
kritik der ältesten Homeriker und ihrer athetesen beizubringen. 



4& ) Aus der Titanomachie z. b. axnM aT 'Okv/unov für otgarov. Thebais ty&ev 
araxTig, öinng {Jlov qivov. jutra/ucfoTiQog, neubildung für ovvctfucpCriQQS. über 



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DER EPISCHE CYCLUS 367 

Einig ist man sich über die Verwerfung schon sehr früh in 
den leitenden kreisen der höchsten bildung. Xenophon, Piaton, 
Aristoteles, denen wir unbedenklich den betriebsamsten Homerikcr 
des vierten Jahrhunderts Antisthenes zuzählen dürfen, kennen den 
namen Homers in der seitdem üblichen beschränkung, auch wenn 
sie selbst noch eine viel weitergehende kenntnis haben 46 ) und, 
wie Aristoteles in der poetik, bei ihren zuhörern voraussetzen 
dürfen, in den schulen der philosophen gedeiht die ästhetische 
kritik, die, wie der Kyniker Zoilos zeigt, auch vor dem noch an- 
erkannten Homer nicht zurückschreckt; in den ofßciellen Sym- 
posien der philosophischen Maaoi gedeiht die sitte des Cij-nj/iara 
(piXoXoyixa nQoßdkXetv^ deren einflufs auf die Homerexegese noch 
wir bis in die peripatetische schule und über diese hinaus bis 
auf Aristoteles und Antisthenes verfolgen können, die leitenden 
kreise bestimmen mehr und mehr das urteil der gebildeten weit, 
das vierte Jahrhundert, so wird sich bei freierer Umschau und 
vorurteilsloserer kritik immer mehr herausstellen, hat keineswegs 
blofs auf dem epischen gebiete eine solche auswahl getroffen, die 
für die folgezeit bestimmend war, da das ausgeschlossene im 
wesentlichen dem untergange verfiel, sondern auf allen gebieten, 
um 330 sind die drei tragiker so gut nur noch allein gelesen wie 
Ilias und Odyssee unter den epen; bei beiden kommen ausnahmen 
noch eine weile vor, dann verschwinden diese und verengt sich 
allmählich der kreis innerhalb des nachlasses der drei, die athe- 
nische gesellschaft kennt Sappho, aber Alkaios kaum, höchstens 
als historische quelle, Stesichoros, aber von Alkman nur ein par 
gedachte: die letzteren zeigen noch heute dieselbe farbung der 
spräche, welche wir im Homer attische recension nennen (fgm. 
26). Pindar ist ganz verbreitet; er bleibt es und modernisirt 



die Epigonen oben anm. 2G. Alkmaeonis noj^Qin y üxi^avot^ ZctyQtvg. Kyprien t^iy 
'/Ajkxoio, ffftfor, utQvytxov Z6mq, vr t oo<; niXonoq, fische ssen, reiten, aus den postho- 
merica ist zu wenig erhalten, da sind aber mehrfache entlehnungen von versen 
unverkennbar. 

46 ) Piaton citirt die Kyprien nicht nur im Euthyphron, wenn auch anonym; 
er bezieht sieb auf sie direct nach einem hinweis auf J im Staat 379« ovdt 
Ötüjy fyty ti x«i XQioty <fi« Gtunog jt xal Jwg. diese partie der politik ist die 
classische stelle, das leben der sage in dem epos und der tragödie zu verstehen. 



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368 H 4 

sich, Korinna ist verschollen, wird dialektische rarität. wie viele 
poeten müssen sammt namen und werken damals zu gründe ge- 
gangen sein. Ptolemaios und Demetrios suchen zu retten was 
da ist. gekauft haben sie gewifs auch handschriften der alten 
epiker, Zenodot wird sie auch geordnet und Kallimachos in den 
realkatalog der bibliothek eingetragen haben; einzeln las auch 
ein student oder ein professor des Museums in ihnen, oder liefs 
sie ein buchhändler copiren. aber wenn sich damals jemand hin- 
gesetzt hätte und ein grofses ,heldenbuch 4 , eine gesammtausgabe 
der vielen hunderttausende von versen veranstaltet hätte, wie 
Zenodotos nach den modernen gemacht haben soll, so wurde er 
ein herzlich schlechtes geschäft gemacht haben, wer sollte sie 
denn lesen oder kaufen? dafs Zenodot das nicht getan hat, dafs 
überhaupt die alexandrinische philologie ihre tätigkeit auf , Homer 4 
und Hesiod beschränkt hat, zeigt die gesammte grammatische 
Überlieferung, mit Antimachos von Kolophon, der in unmittel- 
barem contacte mit den gewerbsmäfsigen Homerikern, den rhap- 
soden stand (die jüngsten hymnen Homers sind zweifellos nicht 
älter als die Karer Panyassis und Pigres; Choirilos von Samos 
ist ein dichter vom schlage des Kynaithos von Ghios und dem 
Homeros von Chios, dem dichter des prooimions, verwandter als 
dem Kallimachos), belebte sich allerdings im gegensatze zu der 
athenischen poesie das recitative epos, in nachahmung Homers. 
Ionien und die dorische hexapolis brachten neue myriaden von 
versen hervor, das neue ist aber immer dem alten gefährlich, 
wer für Antagoras und Simmias zeit hatte, konnte nicht wol noch 
Kyprien und Persis lesen, um 260 kam es in der litterarischen 
weit zu dem gewaltigen kämpfe der stile, da Kallimachos dieser 
Homerimitation den fehdehandschuh hinwarf, und in einem atem 
Kreophylos und Apollonios, xvxXixöv noCtjfxa und das na%v yqdniia 
des Antimachos verwarf. Kallimachos siegte, wie sollte es anders 
sein, als dafs diese siegreiche kritik, die siegte, weil sie den ge- 
schmack oder vielmehr das Stilgefühl der ganzen zeit präcisirte, 
auch die kyklischen gedichte in den hintergrund schob. Aristarch 
ignorirte und verachtete sie; er hatte diese beurteilung schon als 
etwas überliefertes vorgefunden, als die griechische kultur, nach 
tausendjährigem leben alt und kindisch geworden, auf die Stoffe 



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DER EPISCHE CYCLUS 369 

der homerischen poesie zurückgriff, die Quintus, Triphiodor und 
Kolluthos (dieser, weil er der mindest gebildete ist, noch am er- 
träglichsten) Homer spielen wollten, da waren die gedichte ein 
halbes Jahrtausend schon verschollen, das ist in grofsen zügen 
ihre geschichte. sie müssen aber in Alexandreia doch in irgend 
welcher weise einmal herausgegeben sein, das zeigen nicht so sehr 
die summen der verse, die auf den ilischen tafeln erhalten sind 
(denn die könnten aus einem bibliothekskatalog sein), wie die 
buchzahlen, die bei Proclus und vereinzelt in citaten vorkommen, 
dieselben können nicht älter sein als die bucheinteilung der Ilias, 
und diese ist erst von Zenodotos gemacht. 47 ) aber die blofse 
bucheinteilung ist noch kein zeichen für grammatische recension, 
das zeigt z. b. Xenophon, Hellanikos 48 ) Hippokrates. und nicht 
einmal die nachfrage des publicums kann sie sicher belegen, da 
das bedürfnis des citirens, also das grammatische, mindestens 
eben so leicht dazu führen konnte, übrigens ist die bucheinteilung 



47 ) Von Aristophanes kann sie nicht sein, denn der schlofs die Odyssee 
\p 296, würde also, wenn er den rest überhaupt aufgenommen hätte, mindestens 
das (o dort haben beginnen lassen, also ist die einteilung älter als 200. aber 
Aristoteles und die älteren peripatetiker kennen sie noch nicht, also ist sie jünger 
als 300. die absieht ist, so viel bücher wie es buchstaben gibt, das buch unter 1000 
versen zu machen (die hunderte wurden, wie der Bankesianus zeigt, am rande von 
«— sampi bezeichnet); natürlich muste man dazu 24 buchstaben zählen, das war 
freilich in Ionien vielleicht schon zu Herodots zeiten der fall, bücher, aber noch 
über 1000 verse, hat Apollonios, dessen gedieht etwa 263 erschienen ist. Livius 
Andronicus übersetzte um 250 die Odyssee: seine Übersetzung kannte die buch- 
einteilung nicht, die also um 270 in Tarent unbekannt war. seitdem ist sie kano- 
nisch, wie fest sie sitzt, zeigt sich namentlich darin, dafs antike und moderne 
liederjäger unwillkürlich die Schnittpunkte an den buchenden suchen, es haben ja 
schon manche dem Zenodotos die bucheinteilung beigelegt: dafs ich die durch- 
schlagenden gründe anführe, geschieht, weil möglicherweise jemand die ausführungen 
des Birtschen /ufya xaxov für mehr hält als Spinneweben. 

48 ) Vgl. Anal. Eur. 140; auch hier ist die bucheinteilung bei den gramma- 
tikern nicht durchgedrungen. Ephoros Theopompos Philippos Aristoteles sind die 
ersten, die ihre werke in bucher eingeteilt haben, wenigstens so viel wir wissen, 
das gefühl, das sie leitete, war ein künstlerisches, das künstlerische gefühl be- 
stimmt auch fortdauernd die buchgrofse, die deshalb schwankend ist und bleibt: 
bei den späteren ist natürlich das berühmte muster mitbestimmend, und es bilden 
sich gewisse durchgehende formen aus, wie heute, aber dabei blieb es, dafs die 
schriftsteiler und nicht die buebbinder die bücher machten. 

Philolog. Untersuchungen VII. 24 



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370 H 4 

der kykllschen gedichte nicht durchgedrungen; die mythographen 
bedienen sich ihrer überhaupt nicht. 

Im fünften Jahrhunderte begann, in den beiden folgenden 
ward mit immer steigender regsamkeit gefördert die erforschung 
und aufzeichnung localer traditionen; die officiellen aufzeichnungen 
der städte und heiligtümer, Chroniken und siegerlisten wurden 
bearbeitet und veröffeni licht; die locale tradition, mochte sie in 
der gestalt von sage oder geschichte, legende oder novelle sich 
geben, fand eingang in die litteratur, teils aus antiquarisch wissen- 
schaftlichem interesse, teils um politisch dem tage zu dienen, teils 
als unterhaltungsschrift. es erschienen Karneoniken und Olym- 
pioniken, die festchronik von Sikyon, die prytanen von Lampsakos, 
die Herapriesterinnen von Argos, die subjective iavogirj des Mai- 
andrios, Dionysios von Chalkis, Dieuchidas, die samische, kolo- 
phonische, naxische chronik. es konnte nicht fehlen, dafs diese 
forschung eine fülle von namen und gestalten alter dichter und 
rhapsoden zu tage förderte, sei es dafs sie im gedächtnis einzelner 
orte oder landschaften haften geblieben waren, sei es dafs sie aus 
den Urkunden in eine weit emporstiegen, die ihrer längst ver- 
gessen hatte, in den städten, welche der dorischen cultur des 
achten bis sechsten Jahrhunderts mittelpunkte gewesen waren und 
somit auch die epische poesie, die hauptform der historischen 
Überlieferung jener Jahrhunderte, gehegt und gepflegt hatten, war 
vielleicht niemals der name des Ioniers Homer der collectivname 
für alle epik geworden, sondern hatte zunächst nur die aus 
lonien importirte bezeichnet: da mochten die nationalen namen 
Eumelos und Kinaithon jetzt um so kräftiger betont werden, wo 
man an dem allumfassenden dichter auch in Athen zweifelte, 
von dem Sängerkriege zu Chalkis erzählte ein altes gedieht, das 
ein litterat des vierten Jahrhunderts aufgriff: hier waren Homeros 
und Hesiodos selbst die antagonisten. wol möglich, dafs eine 
chronik oder irgend sonst eine verlegene notiz zwei rhapsoden 
Lesches und Arktinos in einem agon aufführte, Lesches als sieger. 
eine chroniknotiz war es doch, dafs der Chier Kynaithos in 
Syrakus am ende des sechsten Jahrhunderts als erster rhapsode 
aufgetreten sei (schol. Pind. Nem. 2). derartiger notizen be- 
mächtigte sich die aufkeimende litteraturgeschichte; der litterarisch 



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DER EPISCHE CYCLUS 371 

bedeutenden männer der vorzeit gedenkt die ernsteste geschichte 
seit Herodot und Thukydides. Ephoros und Anaximenes taten 
desgleichen: wie sehr erst die peripatetiker, welche die lücke des 
wissens mit combination und fiction füllten, wie nahe lag es für 
sie, einen Kinaithon zu einem grofsen dichter aufzuputzen, oder 
Arktinos und Lesches, zwei geduldige leere namen, mit zwei ge- 
dächten auszustatten, die stofflich concurrirten, doch so, dafs das 
eine längst dem andern den rang abgelaufen hatte, sehr viel 
älter aber als die peripatetiker und Ephoros war die Homer- 
legende, er war doch um 500 v. Chr. als alldichter mindestens 
so merkwürdig wie später als noirjtij$. dafs er arm war und ein 
gedieht als mitgift verschenkte, glaubte Pindar: wie gut konnte 
veränderte zeitrichtung das umkehren und den eidam zum dichter 
machen, und in der Homerlegende gab es längst hübsch ver- 
wendbare namen wie Thestorides und Kreophylos, 49 ) die sich zu 
Verfassern herrenloser homerischer gedichte vortrefflich eigneten, 
so fanden sich ohne mühe prätendenten auf die herrenlos ge- 
wordenen gedichte. es war ein glück, dafs diese bestrebungen 
durch ihre massenhaftigkeit sich neutralisirten. denn bekanntlich 
sind zwei verfassernamen viel leichter über bord geworfen als 
einer, möglich ist freilich, dafs die grammatiker mit der menge 
spreu auch ein weizenkorn auf den kehricht geworfen haben, 
möglich ist ja, dafs eine identification grund hatte oder zufällig 
das rechte traf, aber wir können das nimmermehr entscheiden 
und müssen den grammatikern nur rückhaltlos beistimmen, die, 
wenn sie irrten, durch richtige methode irrten, was sie ver- 
warfen waren eitel hypothesen: neunundneunzig von hundert 
ohne zweifei windige hypothesen. für uns sind die gedichte alle 
mit einander entweder homerisch, wie für Aischylos, oder anonym 
wie für Apollodor. 

Homerisch sind sie: das ist die echte Überlieferung, namenlos 
sind sie: das ist die besonnene kritik. schliefst sich das denn 
aus? sind sie denn noch heute als qualitativ von Homer ver- 
schieden zu bezeichnen? dann doch wol nur von der Uias. die 



40 ) Ober den gab es irgend welchen schwank, den wir nicht mehr verstehen; 
Piaton Staat 600 b. 

24* 



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372 II 4 

Odyssee anders zu betrachten denn als xvxXixrj ist selbst vom 
Standpunkte der aristarchischen schule heut zu tage unmöglich, 
allerdings hat die aristarchische schule im altertume und in der 
neuzeit, klar und rationell wie sie ist, einen vollkommen scharfen 
qualitativen unterschied formulirt, und der schlufs würde zwin- 
gend sein, wenn die prämissen richtig wären, ebenso wie der 
Athener Homer dem Aristarch vollkommen die Schwierigkeiten 
hob, die zu der hypothese der pisistratischen recension geführt 
hatten, verschwanden auch alle Schwierigkeiten, welche die hundert- 
tausende epischer verse bereiteten, die ehemals homerisch geheifsen 
hatten, für Aristarch, da er annahm, dafs diese ganze masse, und 
Hesiodos mit, zu den vewtSQot, gehörte, Homer, d. h. unsere Ilias 
und Odyssee, voraussetzte, nachahmte, ergänzte, es leuchtet ein, 
dafs, wenn die gedichte wirklich genau an die beiden homerischen 
anschliefsend sich gruppirten, der begriff des xvxXog eigentlich er- 
ledigt wird, in dieser formulirung gehört die ansieht freilich erst 
der gegenwart an, da die alten angesichts der epen solche be- 
hauptung nur dann hätten wagen können, wenn sie der augen- 
schein nicht widerlegte, für die ansieht Aristarchs, wenn man sie 
auf die Ilias beschränkt, spricht allerdings sehr gewichtig die form 
der überlieferten verse, und auch der sagen, es kann nicht be- 
zweifelt werden, dafs die Ilias, von verhältnismäfsig geringen 
stücken abgesehen, älter ist als alle andern gedichte: selbst wenn, 
wie ich glaube, der rückzug Nestors im nachdichtung gegenüber 
der analogen scene der Aithiopis ist. aber damit erweist sich 
nichts als ein gradueller unterschied, den wird und muss man 
zugeben, für die alten hatte ferner der name eine bedeutung. 
Homer hatte die Ilias gemacht, die andern nicht, ob wir diese 
antike hypothese in dieser form teilen müssen, stehe dahin: selbst 
wenn Homer die Ilias gemacht hat, Dion die Kyprien und Theon 
die Persis: was hat Homer vor Dion und Theon voraus, dafs 
seine Urheberschaft einen unterschied xava ysvog bilde? die frage 
wiederholt sich zwischen Dion und Theon; die Aristarcheer 
haben sie nur nicht aufgeworfen, ja wenn Homer der urdichter 
ist, der allein jenseits des Striches wohnt der heroisch und hi- 
storisch scheidet, wenn man statt einer fortlaufenden entwicke- 
lung zu folgen, jenen willkürlichen schnitt macht, dann hat jene 



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DER EPISCHE CYCLÜS 373 

Unterscheidung, jene qualitative Verschiedenheit einen sinn, sie 
ist nur, wie der athenische Homer, ganz und gar unhistorisch, 
was die historie uns lehrt, ist ein ewiges werden; den Wechsel 
zeigt sie: und der im Wechsel die dauer erkennt, der ist der 
rechte historiker. Aristarch nimmt seinen Homer als ein fertiges 
und gegebenes, er isolirt ihn, er fragt nicht wie er ward, er 
sucht nicht schritt vor schritt aufwärts dringend, vom bekannten 
zum unbekannten schreitend sich der ferne zu nahen, in der 
Homer wohnt, grofsartig ist er wol in seiner einseitigkeit, aber 
darum ist er doch einseitig; und bei seinen nachfolgern hört die 
grofsartigkeit auf. selbst wenn sie recht hätten, dafe die im xvxXog 
den beiden gedichten Homers benachbarten gedichte dazu be- 
stimmt wären, einen Zusammenhang herzustellen, was bewiese 
das für den rest ? wenn Kyprien und Persis paralipomena Homers 
sein sollten, wieso sind es Titanomachie und Thebais? was heifst 
das noch, wenn Homer nicht mehr im aristarchischen sinne der 
dichter der Ilias und Odyssee ist? aber diese verbreitete hypo- 
these hat auch nur dann einen scheinbaren grund, wenn die aus- 
züge des Proklus ganz zuverlässig sind: sie sind aber interpolirt, 
um mit Ilias und Odyssee stricten Zusammenhang herzustellen, 
und gesetzt die gedichte hätten wirklich so begonnen und ge- 
schlossen, wie man glauben machen will: wer garantirt denn, 
dafs die gedichte nicht überarbeitet waren? liegt denn Ilias und 
Odyssee in originaler form vor? gibt es keinen andern anfang 
der Ilias als nrjviv äetde ? gibt es nicht den schlufs mg oXf d/ncpie- 
nov %d(fov "ExtoQog, iqX&e <T 14/uafcuv, den keine Überlieferung, 
sondern nur moderne Willkür für den anfang der Aithiopis aus- 
gibt, und alles als original zuzugeben, was man von den aus- 
zügen weifs, so stimmt die Telegonie notorisch nicht zu dem 
Schlüsse unserer Odyssee, die Nosten erzählen von Odysseus 
ein abenteuer, das mit der Odyssee streitet: dafs sie, gesetzt 
sie hätten mit dem tode Klytaimnestras geschlossen, äufserlich 
eine anknüpfung an die Odyssee gefunden hätten, kann nie- 
mand behaupten: höchstens könnte der eingang der Odyssee auf 
sie bezug nehmen, der anfang der kleinen Ilias ist erhalten: 
"Ifoov deldco xal JaQdavirjv laxvnmXov; Quintus beginnt evtf inb 
Urjkeiwvh 6d/xrj öeoelxekog "Extmg xai i nvQ^ xaxedaipe; Göthes 



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374 II 4 

Achilleis ,hoch zu flammen entbrannte die mächtige lohe noch 
einmal u. s. w. 4 wer dichtet posthomerica? das hat Kirchhoff 
freilich bewiesen, dafs die Kyprien die eroberung Thebens imd 
die gefangennähme der Chryseis nach A und zur motivirung für 
A berichteten, aber wer bestreitet denn, das sie jünger als A sind? 
ist A denn die Ilias? die Kyprien lassen die Briseis aus Pedasos 
stammen : B aus Lyrnessos. die Kyprien schlössen noch Proklus 
mit einem katalog der Troer (einer der Achaeer stand zweifellos 
an anderer stelle), die Kyprien kennen also B nicht: B kennt 
die Kyprien. 50 ) oben aber ist der nachweis geliefert dafs ein 
berühmter und keineswegs schlechter teil der Odyssee die Ky- 
prien und Nosten benutzt, die moderne Verachtung der Kykliker 
ist eben so kurzsichtig wie kurzlebig, sobald man ihr nur zu 
leibe geht. 

Nicht dadurch dafs sie nachgebetet wird, geschieht einer geist- 
reichen wissenschaftlichen ansieht ihr recht : weiter gedacht muss 
sie werden, nicht die Aristarcholatrie wird dem grofsen manne 
gerecht, sondern sie versündigt sich an ihm, weil sie ihn ver- 
göttert, wer Lachmanns perverse zahlenmystik beschönigt oder 
gar glaubt, der versündigt sich nicht blofs an der Wahrheit, son- 
dern auch an der pietät. es ist häfslich, dafs grade in der Homer- 
forschung der dumpfe autoritätsglaube die helle atmosphäre be- 
drückt, denken wir nur mit Aristarchs hilfe über Aristarch hinaus, 
das epos ist von Homer, so sagt die Überlieferung, die kritik der 
nächsten Jahrhunderte bröckelt ein stück nach dem ander» ab; 
eines nach dem andern muss verworfen werden, weil es dem be- 
griffe, den man sich von Homer gemacht hat, nicht entspricht, 
zuletzt ist nur die Ilias übrig, den schritt, der allein zu tun noch 
übrig war, auch die Ilias zu athetiren, hat das altertum gemieden, 
denn damit fürchtete man ins bodenlose zu fallen, längst ist der 
schritt dennoch getan, wie sie ist, ist die Ilias nicht eines men- 
schen, nicht eines Jahrhunderts, überhaupt nicht ein werk, auch 
die Ilias ist nichts als ein xvxXixov Tzoirjfia. aber damit fallen 
wir nicht ins bodenlose, im gegenteil, wir erreichen nur wieder 
den boden, den die vorwitzige kritik in der waghalsigkeit ihrer 

A0 ) Über Polites Robert Ph. Unt. V 17. 



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DER EPISCHE CYCLÜS 375 

kinderzeit verlassen hat. die Hias ist so gut und so schlecht 
homerisch wie die Kyprien. es ist kein qualitativer unterschied 
zwischen dfirjQtxöv und xvxhxov. Homer ist der dichter des epos. 
diese Überlieferung gilt es zu verstehen, sie ist von den alten 
nicht verstanden, weil sie die frage nicht richtig stellten, und auch 
nicht richtig stellen konnten, denn richtig gestellt ergibt sie 
folgende durchaus widerspruchsvolle sätze. alle epischen gedichte 
sind von Homer und nicht von Homer, Homer ist eine person 
und ist keine person, die gedichte sind die werke je eines ein- 
zelnen und die werke des volkes. 

Die lösung des Widerspruches ist zunächst in den gedichten 
selbst zu suchen, in potenzirtem sinne gilt es das wort zu fassen, 
das Eratosthenes und Göthe gleichermafsen gefunden haben: 
Homer kann nur durch sich selbst verstanden werden, nun sind 
aber für uns neun zehntel der gedichte oder noch mehr ver- 
loren, sie gilt es zunächst, so weit möglich, herzustellen, dafs 
nach dieser richtung bisher nur ganz ungenügende arbeiten vor- 
liegen, dafs noch nicht einmal die bruchstücke und die litterar- 
geschichtlichen notizen genügend gesammelt sind, geschweige 
denn genügend verarbeitet, zeigt selbst dieses buch, das sich 
doch andere ziele gesteckt hat. ganz anders wird sich das noch 
herausstellen, wenn jemand ein berühmtes gedieht wie die Ky- 
prien mit ernsthafter kritik, von den quellen, nicht von Welcker, 
ausgehend vornehmen will, aber die inhaltliche reconstruetion 
ist die hauptaufgabe ; sie führt über die grenzen des einzelnen 
gedichtes hinaus, und in ihr berühren wir uns wieder nahe mit 
der antiken philologie. den xvxXog gilt es herzustellen; die 
sagengestalt, wie sie in einem bestimmten epos war, mag proble- 
matisch bleiben (die poetische darstellung derselben ist ja doch 
meist verloren), die sagengestalt, wie das sechste Jahrhundert 
sie kannte, ist zumeist erreichbar, es ist somit auch eine be- 
handlungs weise möglich, die nicht nach den Naupaktia fragt, 
sondern nach dem Argonautenzuge, ja, häufig wird es nötig sein, 
präliminare reconstruetionen vorzunehmen, die tragödie ist sehr 
häufig für die erkenntnis des epos die Vorstufe; wie das drama 
die Persis darstellt, ist leichter und deshalb eher zu erreichen, 
als das alte gedieht, auch anderes muss vorab erledigt werden. 



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376 II 4 

Pherekydes ist in grofsen strecken herstellbar: hat denn niemand 
ein par jähre dafür übrig? nur die erzeugnisse der bildenden 
kunst sind mit kritik, mit fleifs und Sorgfalt verarbeitet worden, 
die archaeologie ist den bahnen Welckers und des beschreiben 
der lesche nicht untreu geworden; dieser rühm macht die ver- 
irrungen, die freilich mit untergelaufen sind, mehr als wett. auf 
diesem wege gelangen wir dazu, die entwickelung der sage, die 
entwickelung des epos zu erkennen, die geschichte des epos, das 
ist die homerische frage, auch von einer anderen seite ist es 
möglich und deshalb nötig vorzugehen, die sage ist ursprünglich 
fast immer fest localisirt. in Zeiten wo es kein griechisches volk 
und keine griechische spräche und keine griechische religion gibt, 
sondern nur achaeische, aeolische, boeotische, korinthische, mile- 
sische u. s. w., sind auch die götter und heroen local. die eine 
Zeitlang in Deutschland herrschende mode, Samiaca Ephesiaca 
Cyrenaica u. s. w. zu schreiben, war schon ganz gut: ersatz muss 
geschafft werden für die verschollenen localchroniken und local- 
geschichten. aber totes material zu häufen ist nicht genug: die 
synthetische kritik muss es beleben, nicht nur wo Kolophons 
name steht, ist kolophonisches zu finden: wo Kalchas weissagt, 
da steckt kolophonisches, wo Nestor rät, da sind die Pylier, der 
adel des ionischen festlandes, wo Herakles kämpft, da sind Dorer. 
die heroensage, niedergelegt im epos, ist die echte form in der 
die griechische geschichte sich erhalten liat. vieler städte Völker 
haben in vielen generationen daran gearbeitet, über einander und 
durch einander liegt altes und neues, östliches und westliches, 
das sollen wir scheiden und ein jedes für sich begreifen: so ist's 
der rechte xvxXog, nicht indem wir eine dxoXovd-ia tduv nqay^d- 
icdv im %b dlrj&eareQov zusammenfügen, nicht Ephoros sondern 
die 158 nokitetcu weisen der historischen forschung den weg. die 
entwickelung der heldensage: das ist die homerische frage, wenn 
wir sie aber geben können, dann wissen wir etwas, was noch viel 
gröfser und schöner ist: dann wissen wir, wie die Griechen ein 
volk geworden sind, und auch von den göttern werden wir dann 
mehr wissen. 

Homer und Hesiod haben den Griechen die theogonie ge- 
macht, sagt Herodot. das wäre eine dummheit, wenn er den 



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DER EPISCHE CYCLUS 377 

dichter der Ilias meinte. 51 ) aber das konnte er ja nicht, er fafst 
nur nach der auffassungsweise seiner zeit persönlich, was sich 
allerdings dem unbefangenen äuge darbieten muste. was die 
Hellenen sich von den göttern, ihren namen, geschlechtern, 
kämpfen erzählen, das hat ihnen das heroische und theogonische 
epos geschaffen, nicht die götter, wol aber der götter lebendiges 
kleid hat das epos gewoben, verbreitet hat es wie den Achilleus 
so auch Hera und Aphrodite in die fernsten cantone, die von 
beiden nichts wüsten, und eingeführt hat es abstracta, wie Eros 
und Ares, Charis und Hypnos in die phantasie des volkes. auch 
hier hat zwischen der individuellen empflndung und der Vor- 
stellung der breiten volksmasse eine stete Wechselwirkung be- 
standen; lyrik und drama haben darin fortgewirkt, ganz in der- 
selben weise: aber den grund hat das epos gelegt und schon 
hoch über den grund emporgebaut, die construction a priori, die 
Stubenmythologie, mag sie nun stoisch oder neuplatonisch sein, 
und die confusionsmythologie, mag sie nun aus Ägypten oder 
Ninive oder vom Hindukusch die Hellenengötter holen gehn, beide 
mögen so wahr sein, wie ich sie für falsch und sacrileg halte: 
werden sie überhaupt wissenschaftlich betrieben, so bedürfen sie 
dessen, was Apollodoros negi &€(£v leisten wollte, Skytobrachion 
für den xvxAog anstrebte, was in Wahrheit nur die analyse der 
ältesten, der epischen traditionen gewährt: die entwickelung der 
homerischen religion, der götter- und heldensage. 

Das ist die homerische frage; das ergibt sich aus jenen hera- 
klitisch geformten sätzen, die nichts widergeben, was ich mir aus- 
gedacht hätte, sondern was einfach in dem widerstreite der Über- 
lieferung des sechsten und der kritik des zweiten Jahrhunderts 
liegt, ganz etwas anderes ist die frage nach Homeros dem Indi- 
viduum, die werke, die sich an ihn heften, sind alle von ihm 
losgelöst, damit ist diese frage zu verhältnismäfsig untergeord- 
neter bedeutung herabgesunken, zwar haben die neueren selbst 
das einzige verflüchtigen wollen, was der arme Homer noch be- 



*') Dafs Herodot das 6 IV 29 citirt, II 116 aber sieb gar nicht daran er- 
innert (denn die jetzt dort stehenden verse sind mit recht von Schaefer verworfen) 
ist so wol für seine arbeit* weise wie für die verhältnismäfsig geringe autorität der 
Odyssee bezeichnend. 



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378 II 4 

safs, seinen namen, indem sie ihn nur ein symbol für die werke 
sein liefsen. aber diese versuche sind gescheitert, die grammatik 
verbietet von Thamyris und dem ,Zusammenfüger 4 zureden; der 
»Genosse*, nämlich der zunft, ist wenig besser, woher nimmt man 
sich das recht zu behaupten, dafs ein gutes griechisches wort als 
eigenname etwas anderes bedeute denn sonst? ofn^Qog heifst 
geisel, oder vielmehr, wenn Theopomp recht hat, begleiter, diener. 
solche namen von berufen, ständen, ämtern, sind unter den 
Hellenen zwar lange nicht so häufig als unter den römischen 
cognomina und unsern geschlechtsnamen, aber sie fehlen durchaus 
nicht; "OfA^Qog zwar ist für kein individuum bezeugt, das ihn nicht 
aus anlehnung an den dichternamen empfangen haben könnte, 52 ) 
obgleich VfirJQtog auf dem bleiplättchen von Styra IGA 372, 303 
nicht wol so aufgefafst werden kann, aber DQvrang ÜQodixog 
'Ent'xovgog "EtpoQog OewQog 'Ixiiag sind ganz desselben Schlages, 
die träger dieser namen haben sie erhalten, weil ihre väter oder 
sonstige vorfahren einmal bürgermeister, anwalt, söldner, ammann, 
festdeputirter, bittflehender waren, vielleicht weil sie diese be- 
nennungen zur ehre oder zum spotte weiterführten, was ist 
seltsames daran, dafs ein vorfahr Homers sei es geisel, sei es 
äxoXovxtog war? danach hiefs der söhn, wie Vergil Maro hiefs, 
weil einer seiner vorfahren schulze gewesen war. die rücksicht 
auf den ahn oder vater ist dieselbe wie bei TrjXe^iaxog Teiaafjievog 
roQyotpovri Tf.LGiyovrj. der name spricht dafür, dafs ihn ein mensch 
getragen hat. 

Homer war ein lonier ; Homer war ein dichter, das beweist 
die tradition, die ihm das gesammte ionische epos gibt, ein 
aeolisches epos und einen aeolischen Homer kennt sie nicht, 
scjion um 650 war Homer der dichter von Thebais und Ilias nach 
dem glauben von Ephesos und Samos. die traditionen von los 
Smyrna Chios sind für uns erst aus späterer zeit zu belegen, 
aber sie sind mindestens gleichwertig, vielerlei hat man sich 



52 ) Vgl. Antig. v. Kar. 156. die nachchristliche zeit verwendet solche namen 
mit Vorliebe für sclaven und freigelassene, daher gibt es auch einen heiligen 
Uomer. dafs einer aus altionischer zeit auf einem steine zu tage tritt, bleibt zu 
hoffen, wie denn der künstler Haisopos von Sigeion ein ausschlaggebendes veto 
dagegen einlegt, den dichter Aesop zu einem Aethiopen zu machen. 



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DER EPISCHE CYCLUS 379 

auch an andern orten von Homer erzählt: 53 ) wie sollte die zeit, 
die um Arion Archilochos Hesiodos die schleier der sage und der 
novelle spann, nicht hundertmal mehr von Homeros erzählt 
haben? wenn wir die genesis aller dieser geschichten kennten, 
so würden wir vermutlich auch den echten Homer finden; so 
aber heben sich die gleichwertigen geschichten alle auf, und Homer 
bleibt ohne heimat; das haben schon die alten vollkommen erfafst. 
aber es steht mit seiner heimat wie mit dem ancile Numas: das 
echte ist unter den nachgemachten nicht mehr herauszufinden, 
aber es ist darunter, auch von den epen, die man ihm zuschrieb, 
hat Homer ohne zweifei dies oder das gedichtet, es ist nur 
ebenso wenig herauszufinden, man muss nur zuerst sich klar 
machen, dafs er auf Ilias und Odyssee kein bischen mehr an- 
spruch hat als auf Thebais und prooimion an Apollon. freilich, 
eine anzahl gedichte fallen fort, da Homer um 650 schon ein 
grofser name war, das epos aber noch damals und noch mehr 
als ein Jahrhundert weiter entwickelt ward, dafür haben sich 
aber Ilias und Odyssee längst nach allgemeinem urteil nicht als 
einheitliche sondern erst durch vieler einzelner dichter arbeit so 
hergestellte gedichte ergeben, was bleibt da für den einzelnen 
dichter Homer? es ist gut, eine analogie zu suchen, dazu ist 
Hesiodos nicht verwendbar, den trieb eine individuelle veran- 
lassung zum dichten, seine sache wollte er führen, die öffentliche 
meinung bearbeiten; dazu muste er wol oder übel verse machen, 
er ward zum dichter nicht wie Homer, sondern wie Archilochos. 
ein sehr verschiedenes gebiet aber gibt eine analogie. der arzt 
Hippokrates von Kos lebte in heller zeit, an civilisirten orten, 
seine persönlichkeit war urkundlich zu fixiren und schwand nicht 
aus dem gedächtnis der menschen, dennoch steht es mit seinen 
werken genau so wie mit denen Homers, die gesammte medi- 
cinische litteratur des fünften, die meiste ionische des vierten jahr- 



fts ) Dafs die Phantastereien von Sengebusch auch nur so lange für ernsthaft 
gehalten, ja als etwas umsichtiges angepriesen sind, ist eine sehr häfsliche und 
beschämende sache. das durchaus verdammende urteil, welches Bergk, Rohde und 
Niese über sie gefällt haben, ist auch stets das meine gewesen, ich kann leider 
nicht umhin, dasselbe von den phoenikischen bypothesen eines so hervorragenden 
Werkes, wie Müllenhoffs Deutsche Altertumskunde, zu sagen. 



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380 114 

hunderts gieng und geht auf seinen naraen. die kritik des alter- 
tums begann ein stück nach dem andern loszureifsen, die neuere 
setzte das fort, man reducirte die echten Schriften auf 15, dann 
auf vier; jetzt auf drei, die Epidemien (1 und 3) sind insofern 
eigenartig, als sie zwar den Stempel der echtheit durch objective 
kriterien, wie Ortsnamen u. dgl., in erhöhtem mafse an sich tragen, 
dafür aber ohne frage kein für die publication bestimmtes buch 
sind, bleiben die wenigen Seiten über die kopfwunden und das 
herrliche klimatologische büchlein. wie lange wird das noch vor- 
halten? weshalb ist die letztere schrift eigentlich echt? aus dem 
gründe, aus dem bewundernde gemüter die Ilias nicht von Homer 
trennen wollen, nous ne saurions en viritt devant un si grand nom 
. laisser anonyme un si beau traiti, sagt Daremberg. was aber Piaton 
aus Hippokrates citirt, das lesen wir im echten Hippokrates nir- 
gend; vielleicht im unechten, so tritt eine ganze litteratur unter 
einen erlauchten namen; wie im occidentalischen mittelalter Arat 
die gesammte astronomische und astrologische tradition erbt, ein 
erlauchter dichtername war Homer um 650, das wird er bleiben 
in ewigkeit. er ist ohne jeden zweifei ein leibhafter mensch 
und ein dichter gewesen, ob aber ein grofser dichter — wer 
weifs es? wenn er die Patrokleia oder die kvrqa gedichtet hat, so 
war er es; wenn er unsere Ilias gemacht hat, so war er ein 
flickpoet. wer an eine gerechtigkeit und Vorsehung des himmels 
glaubt, mag glauben, dafs er ein grofser dichter gewesen ist, weil 
er der dichter xat 1 e%oxijv geworden ist. wer auf das glauben 
verzichtet, wird es nicht einmal sehr traurig finden, dafs uns in 
diesem wie in vielen fallen, wo es sich um einzelne menschen 
handelt, das wissen fehlt, denn am einzelnen menschen liegt 
überhaupt nicht viel, und wenn die Schönheit des werkes seinen 
Urheber oder seine Urheber hat vergessen lassen, so ist das eine 
schönere Unsterblichkeit als der namensdauer trug, wir aber 
mögen getrost des vno^trjg vergessen, und der göttin, die er 
selber als die quelle seiner poesie anruft, für die Offenbarung der 
ewigen göttlichen Schönheit danken, die heute leuchtet, nach Jahr- 
tausenden leuchten wird, herrlich wie am ersten lag. 



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5 
RÜCKBLICK UND AUSBLICK 



Homer ist zur zeit kein viel gelesener dichter mehr, auch wo 
der zwang seine lectüre durchsetzt, ist seine Wirkung nicht mehr 
nachhaltig, wenigstens nur unbewust. denn wie viele erwachsene 
lesen ihn noch zu ihrer erbauung? die conventionelle be wun- 
derung wird weitergeredet; sie beweist nichts. Homer ist eine 
macht, aber eine überwundene, selbst die philologen kennen ihn 
meist so schlecht wie die frommen die bibel. 

Aber die homerische frage ist populär, das interesse dafür 
hat sich verschoben, aber interesse dafür ist vorhanden, der 
»gebildete* fühlt sich verbunden in der einen oder andern weise 
dazu Stellung zu nehmen, die hoffart des dilettantismus und die 
charlatanerie des Weltverbesserers, getragen von dem beifall der 
öffentlichen meinung, die mit richtigem instincte wider jeden sach- 
verständigen partei nimmt, hat auch diese frage für sich in be- 
schlag genommen und so und so oft auf so und so viel weisen 
gelöst, der rhapsode bringt das kunstgesetz Homers auf den 
markt; er weifs ja wie's gemacht wird, der Völkerpsychologe 
belauscht die epik an sich; er versteht die spräche, die sie 
träumte im mutterschofse des urvolks, ehe sie mit der tages- 
wirklichkeit irgend eines leibhaften Volkes, einer leibhaften spräche 
in befleckende berührung trat, der Staatsmann läfst in den 
pausen seiner praktischen tätigkeit die fluten der beredsamkeit 
über die alten verse rauschen und überzeugt sich freudig, dafs 
sie wasserecht sind, der anthropologe bringt es fertig, auf einer 



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382 II 5 

ferienreise die homerische einfalt im Iurukenschmutze Anatoliens 
wiederzufinden, und die tribunenstimme bestätigt eben so wie die 
stimme von Maria Laach die wissenschaftlichkeit der forschung 
des opferfreudigen dilettanten, dem zum danke für eine echte 
Homerliebe die gerechte Vorsehung das wort Hektors parodirt 
,einst wird kommen der tag, da die heilige Ilios aufsteht, Priamos 
selbst und der schätz des lanzenkundigen königs.' es ist offenbar, 
ein jeglicher ist berufen, die homerische frage zu lösen, voraus- 
gesetzt nur dafs er vor den scholien zwei und vor philologisch 
historischer kritik drei kreuze zu schlagen gelernt hat. 

Homer ist alt; er hat schon viel erlebt und viel überlebt, 
auch eine ähnliche zeit wie diese hat er durchgemacht; es ist 
erst wenig über zweitausend jähre her. das war die zeit, in der 
Aristarch und Krates, Polemon und Demetrios von Skepsis, Ni- 
kander und Moschos, Scipio und Polybios lebten, zu Homer 
hatte jene zeit kein innerliches Verhältnis, durch und durch 
prosaisch wie sie war, hat sie keine« dichter hervorgebracht und 
nur wenige die verse machten, zum teil ganz gute; dann waren 
sie gewifs von Euphorion und Kallimachos abhängig, die zu 
Homer im gegensatze standen, die kinder in der schule lasen 
Homer, und es machte sich gewifs gut, wenn ein römischer 
general ihn auf den trümmern Karthagos citirte, aber ein grie- 
chischer würde das kaum haben tun können, denn die classi- 
schen citate waren etwas abgegriffen, und schmeckten nach dem 
schulaufsatz. selbst der poet des dorfkirchhofs bestrebte sich den 
altfränkischen stil zu vermeiden, die eultur, zu deren wichtigsten 
fermenten Homer gehört hatte, war innerlich überwunden, viel- 
fach auch äufserlich. das leben und die gesellschaftlichen formen 
verwilderten wie die spräche und ihre kunstmässige Übung; Rom 
muste freiwillig oder gezwungen das regiment der weit über- 
nehmen, aber es konnte die wunden nimmer verwinden, die ihm 
seine siege geschlagen hatten, zur religion hatte man so ziem- 
lich das Verhältnis wie zu der poesie Homers; einen zeugungs- 
kräftigen philosophen gab es nicht, dagegen blühten die exaeten 
und historischen Wissenschaften, oder es schien wenigstens so; die 
zeit hat freilich gelehrt, dafs der zahlreiche nachwuchs wenig 
taugte, philologen gab es wie sand am meer; aber dafs auch 



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RÜCKBLICK UND AUSBLICK 383 

nur diese berufenen Vertreter zu der alten poesie ein herzliches 
Verhältnis gehabt hätten, davon spürt man nichts; es war eben 
überhaupt keine zeit für herzliche Verhältnisse. 

Aber die homerische frage stand im Vordergründe des inler- 
esses. die philologie focht mit erbitterung um die echtheit der 
homerischen gedichte, zeit und herkunft Homers, realität seiner 
erzählungen. das grofse publicum nahm mit leidenschaft partei, 
natürlich am liebsten für die, die alles möglichst genau wüsten, 
die person des dichters und die geschichten möglichst wenig ver- 
kümmerten, oder aber eine glänzende neuheit ausboten, dafs 
Homer eigentlich ein Ägypter oder ein Römer gewesen war, 
durfte man sich wenigstens kurze zeit später getrauen zu be- 
haupten; wenn ein professor eine hypothese über die form des 
humpens ausgeheckt hatte, den Nestor in der Ilias schwingt, so 
durfte er eine subscription eröffnen, um die kosten der recon- 
struction zu decken, selbst in der nüchternsten darstellung der 
Zeitgeschichte machte es sich gut, gelegentlich einer Schilderung 
der meerenge von Messina eine conjectur zur Odyssee zu machen, 
damit die Charybdis darin platz fände, als die römischen waflfen 
den atlantischen ocean erreichten, kamen die griechischen sprach- 
meister in ihrem gefolge, und es blieb nicht aus, dafs Odysseus 
nun auch bei St. Iacob von Compostella gewesen war, und die 
neusten entdeckungen in Gallaecien endlich die topographischen 
fragen der apologe lösten, eine Studienrichtung, die zu solchen 
auswüchsen führte, mochte wol von den sachverständigen phi- 
lologen Alexandreias als ein schwindelhafter dilettantismus ver- 
worfen werden, und sie haben in der tat für das gelehrte alter- 
tum triumphirt; dennoch ward jene richtung, die sich an den 
alexandrinischen lösungen der homerischen frage nicht genügen 
liefs, lebendig erhalten oder wenigstens immer wieder neu erweckt, 
weil wirklich die alexandrinische philologie in sich eine beschränkt- 
heit trug und tragen muste, gemäfs ihrer eigenen entstehung 
und entwickelung. 

Die philologie war einst, schon im fünften Jahrhundert, ent- 
standen, und zwar, so weit sie nicht Sprachphilosophie ist, am 
Homer, das einfachste bedürfnis ihn zu verstehen hatte die 
Wortforschung erzeugt, das erwachende ästhetische und histo- 



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384 115 

rische urteil zur s. g. höheren kritik geführt, war letztere in 
den philosophen- und zum teil auch rhetorenschulen während 
des vierten Jahrhunderts gefördert worden, so warf sich die neu 
erstarkende iambische und elegische poesie, zumal seit Alexandros 
den Ioniern wieder luft machte, mit energie und erfolg auf die 
erforschung des Wortschatzes, des versbaus, des Stiles, aber es 
waren dichter historiker philosophen, die nebenher auch philolo- 
gische probleme behandelten : selbständig ward die philologie erst 
in Alexandreia, und sie ist es auch da eigentlich allein geblieben, 
die luft die sie atmete muste für ihre entwickelung bestimmend 
sein, auf der wüsten düne neben der brakigen Mareotis hatte 
Alexandros göttlicher wille eine Hellenenstadt hervorgezaubert, 
in schattigen lustgärten stand nun ein marmorschlofs, darinnen 
neben dem fürsten und seinen generalen auch der hellenische 
gelehrte in fürstlicher freiheit der Wissenschaft diente, neuland 
war der boden ; keine bände der tradition, weder cult noch sage 
noch himmel und wasser wehten einen unmittelbaren hauch aus 
der zeit, mit deren erzeugnissen die philologie sich abmühte, in 
die gegen wart herüber, das altertum das sie erklärten lag in 
den schränken der bibliothek, und nur der tote buchstabe war 
sein dolmetsch, es konnte nicht fehlen, dafs diese philologie zur 
homerischen weit ähnlich zu stehen kam wie der cisalpiner zur 
antike, dazu kam ein anderes, in Alexandreia kam keine Philo- 
sophie auf, oder höchstens eine blafse zahme skepsis, die nicht 
negirte, sondern blofs nichts glaubte; die kynischen excentricitäten 
der Stoa fanden hier so wenig boden wie ihre romantischen an- 
wandlungen. dieser pantheismus hat seine gewaltige kraft an 
den Hellenen und noch mehr den barbaren darin bewährt, dafs 
er allein im stände war die traditionen der volkstümlichen oder 
officiellen religion und alle lieben gewohnheiten sich zu accommo- 
diren. in Alexandreia hatten die Hellenen solche traditionen über- 
haupt nicht, den Fellah aber wollten und konnten die könige 
nicht hellenisiren. dagegen stand der tötliche feind der Stoa an 
ihrer statt neben der philologie in ehren, die naturwissenschaft. 
wo die Sternwarte und der secirsaal, der botanische garten und 
das naturaliencabinet sich ihr recht erworben hatten, da war 
kein platz für einen Kleanthes, das herdfeuer des Weltalls mit 



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RÜCKBLICK UND AUSBLICK 385 

schlechten versen und zelotischen anathemen anzubeten, die 
exacten Wissenschaften haben denn auch auf die alexandrinische 
Philologie den bedeutendsten einflufs gehabt, das object der 
Untersuchung reinlich und greifbar präpariren, die einzelbeobach- 
tungen vorurteillos machen, sammeln, sichten und daraus die 
empirische regel ziehen, das gesetzmässige überhaupt in der fülle 
der erscheinungen suchen, das war etwas neues und grofses, 
und dadurch erst ward die grammatik eine Wissenschaft, der- 
selbe Eratosthenes, der die geographie und Chronologie auf ihre 
mathematisch-astronomische basis stellte, sprach über Homer das 
goldene wort, dafs er yjvxaymYtag %^Q iV t nicht ätda&caMag ge- 
dichtet hätte und danach die apologe zu beurteilen wären, das 
ist auch Aristarchs Überzeugung, was er von Homer geurteilt 
hat, hat er selbst schwerlich jemals zusammengefafst, dennoch 
war es eine in sich geschlossene, klare und für das altertum un- 
widerlegliche ansieht, was von Homers zeit Vaterland person er- 
zählt wird, sind fabeln; nur aus rückschlüssen von seinen gedichten 
aus ist darüber zu einer ansieht zu gelangen, es gibt aufser 
seinen gedichten überhaupt kein material für diese forschung. 
Homer hat die Ilias und Odyssee geschrieben, weiter nichts, aber 
dies beides; alles andere ist nicht von Homer, folglich jünger, 
folglich ohne wert für sein Verständnis, die gedichte Homers 
sind durch ihre mündliche und dann durch die schriftliche fort- 
pflanzung schwer entstellt, namentlich durch Zusätze, welche es 
zu entfernen gilt; dazu aber wieder gibt es kein mittel als die 
aus den gedichten selbst zu abstrahlende kenntnis von Homers 
stil und spräche, so ist Homer eine weit für sich, durch eine 
unübersteigliche kluft von allem folgenden gesondert, er selbst 
voraussetzungslos, für alles folgende die Voraussetzung, es leuchtet 
ein, dafs von dieser diagnose aus immer noch eine am über- 
lieferten buchstaben festhaltende kritik eben so gut möglich war 
als eine alles nach ihrem gefallen ändernde, denn wenn der 
text sowol object der kritik wie einziges mittel zu seiner erklärung 
und Verbesserung ist, so wird sich die kritik in praxi nach der 
Vorstellung richten, die der kritiker sich von Homer gemacht hat. 
dem subjeetiven belieben ist tür und tor geöffnet. SXwquz %bv%b 
xvveoaiv oiwvolai te dalta behagt dem kritiker nicht, weil Hotiner 

Philolog. Untersuchungen VII. 25 



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386 II 5 

iaCg nur vom menschlichen male sage, und um solcher torheit 
willen wird Salta in näai geändert. Agamemnon droht dem 
Chryses, er wolle seine tochter nach hause als kebse mitfähren. 
Aristarch findet es unpassend, dafs ein könig so etwas aus- 
spricht, und ist der ansieht, dafs sich der priester durch diese 
beförderung seiner tochter geschmeichelt gefühlt haben würde; er 
verwirft also die verse. der glaube an die Verfassereinheit da- 
gegen findet endlose verlegenheitsausreden wie die homonymie 
und das xatä 10 GimncSfievov. Aristarch bleibt ein grofser und 
auch ein vorsichtiger kritiker trotz solchen misgriffen, aber sie 
sind nicht weniger gewaltig, weil er ein recht hat, dafs man für 
seine Schätzung davon absehe, er hat auch eine karte des 
griechischen schiffslagers gemacht, nach der zur concordanz ge- 
zwungenen Ilias; dafs er das Skamandertal je besucht hätte, 
davon spürt man nichts, von dem berge seiner heimat konnte 
er hinüber blicken zu dem gipfel des Ida: aber wenn wir uns 
den knaben vorstellen, so denken wir uns wol, wie er beobachtet 
dass die composition 2aßoÜQ(^xrj noch nicht bei Homer vorkommt: 
aber wer könnte sich Aristarch gleichnisse aus dem Homer betend 
vorstellen, wie den conrector von Seehausen? 

Was ihm fehlte, der gesammten alexandrinischen, also der 
gesammten antiken philologie fehlte, war das historische Ver- 
ständnis. Homer war wol gegenüber der ganzen folgezeit isolirt, 
aber nur um dann sich nach dem bilde modeln zu lassen, das 
Aristarch von ihm sich selber gemacht hatte, schliefslich wurden 
ihm die empfindungen eines höflings aus Euergetes II zeit impu- 
tirt, spielte das angeneg, neQittov, ipvxQov die rolle eines be- 
weises, schliefslich machte Homer doch die verse wie ein poet 
von ehegestern, oder gar Aristarchs freund, der miserable 
Moschos. die ewig typischen gestalten der homerischen mensch- 
heit, die ewig typische natur, die götterherrlichkeit, das wodurch 
Homer ewig ist: kam das zu seinem rechte? das nationale, wo- 
durch Homer die basis der hellenischen eultur, ja noch unserer 
eultur geworden ist: kam das zu seinem rechte? 

Wer wollte es den Asianern verdenken, wenn sie darüber 
hinaus wollten? auch wenn sie zumeist in Vorurteilen befangen 
blieben, die die strenge Wissenschaft als solche überwunden 



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RÜCKBLICK UND AUSBLICK 387 

hatte, am abhang des Ida stand eine schöne pinie, unter der 
Homer gesungen haben sollte, *) wie jetzt die platane des Hippo- 
krates in Kos steht, wie der ölwald um Athen immer wieder 
als ein überlebender Zeitgenosse des Sophokles ausgegeben wird, 
und weht um ihn deshalb minder der heilige zauber Athenas, 
weil die baumindividuen hundertmal gestorben und wieder ge- 
wachsen sind? hört der hain der Egeria deshalb auf das alt- 
latinische idyll gegenüber der ewigen Stadt zu verkörpern, weil 
weder Egeria noch irgend eine altlatinische erinnerung mit ihm 
zu tun hat? darf die historische Wahrheit oder das sichere nicht- 
wissen die phantasie morden oder auch nur mundtod machen? 
die abhandlung des königs Attalos über die schöne Pinie können 
wir, was Homer angeht, verschmerzen, und der Skepsier hat 
weder die Kallikolone noch den Simois zu einer realität gemacht; 
aber dafs der versuch gemacht ward, immer wieder mislang 
und immer wieder aufgenommen ward, sich über die kalte gram- 
matische Interpretation hinwegzuheben, gereicht dem herzen 
und der phantasie der leute zur ehre; unmethode, Selbsttäuschung, 
ein klein wenig corriger la fortune, §tre sür de son coup bei der 
forschung mufs man ihnen dann auch schon zu gute halten. 

Aber etwas positives gaben die Asianer nicht; auch bei ihnen 
gab es um 130 keine talente mehr, das misregiment der römi- 
schen Oligarchie und dann die mithradatischen greuel haben 
durch diese ganze cultur einen tötlichen schnitt gemacht, die 
Aristarcheer triumphirten, und was wir von ihren gegnern er- 
halten haben, das ist fast alles so auf uns gekommen wie die 
antichristliche polemik , durch die orthodoxen Widerlegungen ; 
zumeist wird es uns auch erst durch den gegensatz zur alexan- 
drinischen schulmeinung verständlich. 

Der wolverdiente sieg in der wissenschaftlichen weit und die 
endliche einordnung Ägyptens, doch als ein land mit eigener 
hauptstadt und eigenem leben, in das römische reich machte die 
aristarchische lehre zum gegenstände des dogmas. sie bildete 
den inhalt der naqädoois, welcher zu folgen, auch wo sie unrecht 



>) Herodot vit. Hom. 20. Strab. 603. ich habe das Antig. 168 nicht richtig 
beurteilt. 

2b* 



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388 H 5 

hatte, die spätere grammatik ungenirt eingestand, es kamen die 
Jahrhunderte des nachbetens compilirens excerpirens. braute 
man zunächst aus anderer schmaus ein ragout, so genügte bald 
ein verdünntes aufwärmen und wiederaufwärmen des ragouts. 
ein Jahrtausend und mehr ist so an Homer vorübergegangen, ohne 
dafs ihm direct etwas wesentliches zu gute oder zu leide ge- 
schah, war Alexandreia gefallen, waren in dem brande von 47 
die sämmtlichen Codices, auf denen die recensio der gedichte 
aufgebaut war, und die ausgaben, selbst Aristarchs, auf ewig 
verbrannt, so fiel nun Rom und ward Constantinopel erbaut, und 
beide brannten ein über das andere mal nieder; schliefslich sanken 
beide in die tiefe barbarei des papstes und des sultans. das 
Christentum kam und siegte und spaltete sich, und die kirchen 
des Orients und oeeidents wurden morsch und faul, der Islam 
kam und klebte seine minarete an die tempel der alten und der 
neuen götter und zwang jedes hellenische haupt unter sein cultur- 
mordendes joch. und dennoch: jede der generationen , die aus 
dem schofse der Zeiten aufstieg von Didymos bis auf Chalkondy- 
los, besafs Homer und las in ihm und bewunderte ihn und gab 
ihn weiter, weil es die vorige so getan hatte, aber der unver- 
wüstliche sagenstoff selbst metamorphosirte sich; Achilleus ward 
erst ein typus Adams, dann ein idol des rührenden aberglaubens 
für Proclus und seine leute — schliefslich verpuppte er sich in 
einen romanhelden und romantischen helden; für das mittelalter 
war freilich Diktys ein besseres unterhaltungsbuch als die llias; 
aber dies zeug verdiente nichts als die Shakespearische per- 
sifflage. Homer selbst war dem mittelalter ein grofser dichter, 
weil er von je so geheifsen hatte ; eine directe eigene gewalt übte 
er nicht aus. wenig mehr hatten von ihm diese ganzen genera- 
tionen als Petrarca, der das exemplar der llias, das er nicht 
lesen konnte, mit tränen andächtiger Sehnsucht begrüfste. aber 
diese Sehnsucht leitete gleichwol eine neue epoche ein, die um die 
verlorne herrlichkeit der antike klagte, sie aus der Vergessenheit 
emporzuführen und in ihrem sinne neuschöpfend zu wirken strebte. 
Italiens eultur hob sich aus sich und durch sich zu einer 
höhe und einer Schönheit, selbständig und herrlich wie nur das 
Hellenentum gewesen war. nicht das Hellenentum ward wieder- 



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RÜCKBLICK UND AUSBLICK 389 

geboren, sondern der adel und die Schönheit freier menschlich- 
keit. weder Homer noch Pheidias hat dazu direct beigetragen, 
weder den einen noch den andern konnte die renaissance ver- 
stehen, wol gehört die antike zu ihren bildungselementen , aber 
nur so weit sie für Italien nationale Vergangenheit war; das 
Hellenentum also nur, soweit es auf das Römertum der Augustei- 
schen zeit gewirkt hat. wol konnte es einen augenblick scheinen, 
als sollte das Hellenentum die geister zu einer neuen Welt- 
anschauung und zum bruch mit den traditionen bewegen, wol 
regte sich mächtig der historische sinn, der todfeind conventio- 
neller formen, allein die geistige befreiung vollzog sich vielmehr 
durch die spontane kraft und den wahrheitsdrang des Germanen- 
tumes: dieses war noch nicht gesittet genug, den hellenismus in 
sich aufzunehmen; die Romanen aber erstickten in sich die freien 
regungen beide, die gegenreformation wütete mit feuer und 
schwert gegen das evangelium wie gegen das Hellenentum. die 
stolzeste zeit der philologie, die schon die historische durch- 
dringung des gesammten altertums begonnen hatte, endete damit 
dafs das katholisirte Frankreich seine grofsen söhne in die fremde 
trieb: auf die philologie des Stephanus Scaliger Casaubonus folgte 
die impotente novkv^ad'rjinoavvrj des siebzehnten Jahrhunderts, 
der barockstil in seiner selbstbewusten pracht und lärmenden 
hoffart hätte mit der stillen gröfse und hohen einfalt der Homer 
Piaton Aischylos doch nichts anfangen können, auch wenn er sie 
verstanden hätte; aber das siebzehnte Jahrhundert war auch auf 
dem besten wege, das griechisch, das ihm das sechzehnte Über- 
macht hatte, zu verlernen, erst als sich die protestantischen 
germanischen Völker, und zwar dank der höhern wenn auch 
barocken romanischen cultur, so weit gehoben hatten, dafs sie 
ihre eignen bahnen weiter verfolgen konnten, führte sie der 
kämpf wider das barocke in allen lebensformen und auf allen 
geistigen gebieten auch zum Hellenentum als einem bundes- 
genossen. zuerst erhob sich England, es hatte sich politisch 
und religiös niemals in den bann der barocken cultur schlagen 
lassen und aus eigner kraft eine Selbständigkeit und reife erlangt, 
die dem ganzen festlande gebrach, seine philosophie und sein 
geschmack (hier ist das wort bezeichnend) empörte sich wider 



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390 ü 5 

die tyrannei des Conventionellen, die im barockstil höchstes gesetz 
ist, trotzdem er der caprice jeden sprang verstattet, der als 
ausnähme die regel nur bestätigt, man rief nach nüchternheit 
und klarheit, nach natur. dabei griff man auch als nach einer 
waffe nach Homer, schon Pope gibt den Schlachtruf aus, Homer 
ist die natur. aber Homer ist weder für die Skepsis noch die 
satire noch die empfindsamkeit ein geeignetes object. die men- 
schen musten erst selbst naiv werden und ,die ewigen gefühle* 
mit homerischer unmittelbarkeit zu äufsern wagen, damit sie mit 
Homer etwas anfangen konnten. Engländer kamen auch zuerst 
in die homerischen gegenden, und da giengen ihnen endlich die 
äugen auf für die Wahrheit seiner naturbilder. aber das histo- 
rische Verständnis war so ganz verloren, dafs Wood sein buch 
über Homers Originalgenie mit der abbildung einer römischen 
backsteinruine von Alexandreia Troas ausstattete, die leitende 
geistige macht, Frankreich, nahm die von England aufgesteckte 
fahne auf; seine ästhetik brachte es aber fertig die als nach- 
ahmung der natur defmirte poesie mit dem modernen zopfe zu 
versöhnen, dennoch erscholl der ruf nach rückkehr zur natur 
immer lauter, je unerträglicher der druck des barocken Staates 
und seiner gesellschaftsform ward, zumal Rousseaus glühende, 
aber mehr sengende als wärmende, beredsamkeit schürte dieses 
feuer, das endlich die barocke eultur unter den trümmern des 
barocken Staates verzehren sollte, indessen haben weder Rousseau 
noch die andern geistigen väter der revolution, selbst Diderot, 
den man nicht genug bewundern kann, ein Verhältnis zu Homer 
gehabt, noch auf das revolutionszeitalter vererbt, für Frankreich 
ist die conventioneile rhetorische historie, wie sie im Plutarch 
steht, rhetorisirte philosophie, ohne gedanken, voller Sentenzen, 
wie sie die Römer geben, und die flache feuilletonisteneleganz 
des atticisten von Samosata noch lange die antike geblieben, 
Vorbilder, denen die bewundernswerten schriftsteiler Frankreichs 
tausenfach überlegen waren. 

Der englischen entwickelung entspricht bei uns Lessing, der 
französischen die stürm- und drangperiode ; beiden kam der an- 
stofs von aufsen, beide taten mehr und besseres von eigenem 
dazu. Lessing gehört selbst noch der generation an, welcher 



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RÜCKBLICK UND AUSBLICK 391 

der sinn für die Schönheit der elementaren natur und auch für 
das große in der bildenden kunst, ja welcher die unmittelbare 
spräche der empfindung versagt war. auch der echthellenischen 
Schönheit kam er wenig näher als Bentley, der ihm, obwol er 
ihn (seltsamerweise) nicht gekannt hat, überhaupt so vielfach 
verwandt ist, mit dem er auch die Vorliebe für die manierirte 
römische poesie teilt so ist ihm derjenige Homer, den Piaton 
den ersten tragiker nennt, so fremd geblieben wie die grofse 
attische tragödie und Piaton selbst: durch den hin weis auf Shake- 
speare, nicht durch den auf Homer hat er dem jungen Göthe die 
bahn frei gemacht, aber er erschlofs das Verständnis für ho- 
merische rede und erzählung. wol blieb Homer ein dichter wie 
andere, 2 ) ein reflectirender künstler, aber worin seine unvergleich- 
liche kunst besteht, das ward hier endlich klarer und wahrer als 
von irgend einem antiken kunstrichter ausgesprochen, es war 
ein fortschritt über sie hinaus im Verständnisse ihres dichters er- 
reicht, man brauchte eigentlich nur die Lessingischen gedanken 
zu verfolgen, um die wahre epische erzählung zu erfassen, und 
damit war Klopstocks Messias, ehe er fertig war, ein totes buch, 
denn wir Deutsche wenigstens sind, aufgewachsen in Lessings 
theorie und genährt von Goethes echtem epos, hart und wahr- 
scheinlich ungerecht geworden gegen die conventioneile pseud- 
epik, gegen Vergil Tasso Elopstock, die alle mit Homer nichts 
zu tun haben. 

Den wirklichen Homer hat erst die generation entdeckt, die 
in den siebziger jähren den neuen tag der poesie heraufführte, 
das tat kein einzelner, noch lehrte es einer den andern: wie die 
fähigkeit, die empfindungen der eigenen brüst im liede auszu- 
sprechen, und die vielgestaltigkeit des lebens leibhaft zur dar- 
stellung zu bringen, mit einem male da war, wie der Jugend 
plötzlich die schuppen von den äugen fielen, die ihren vätern 
und ahnen die Schönheit der elementaren natur verborgen hatten, 
so war der bann gelöst, der auf der homerischen weit gelegen 

a ) Darauf sei docb gelegentlich hingewiesen, dafs Lessing aus dem ilne xal 
vtfAiv des prooimions der Odyssee mit recht auf die existenz vieler Odysseusepen, 
die seinem Verfasser vorlagen, geschlossen hat. ,die Odyssee gebort allerdings 
unter die yooiovsS XI 689 Lachm. 



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392 n 5 

hatte, ohne dafs ihn ein einzelner brach, niemand wird diesen 
Umschwung des empflndens mit andern worten darstellen wollen, 
als mit denen Goethes, obwol der weise dichter aus gereifter er- 
kenntnis schon auf den Widerspruch hinweist, der doch noch in 
dieser auffassung lag, und deshalb setze ich verse von Fritz 
Stolberg daneben, welche in voller unmittelbarkeit die hingäbe 
der Jugend, auch des jungen Goethe, wiedergeben. 

,G lücklich ist immer die epoche einer litteratur, 4 heifst es in 
Dicht, u. Wahrh. XI, ,wenn grofse werke der Vergangenheit wieder 
einmal auftauchen und an die tagesordnung kommen, weil sie 
alsdann eine vollkommen frische Wirkung hervorrufen, auch das 
homerische licht gieng uns neu wieder auf, und zwar recht im 
sinne der zeit, die ein solches erscheinen höchst begünstigte: 
denn das beständige hinweisen auf natur bewirkte zuletzt, dafs 
man auch die werke der alten von dieser seite betrachten 
lernte wir sahen nicht mehr in jenen gedichten ein an- 
gespanntes und aufgedunsenes heldenwesen, sondern die abge- 
spiegelte Wahrheit einer uralten gegenwart und suchten uns die- 
selbe möglichst heranzuziehen, zwar wollte es uns zu gleicher 
zeit nicht völlig in den sinn, wenn behauptet wurde, dafs um 
die homerischen naturen zu verstehen, man sich mit den wilden 
Völkern und ihren sitten bekannt machen müste, wie sie uns die 
reisebeschreiber der neuen weiten schildern: denn es liefs sich 
nicht läugnen, dafs sowol Europäer als Asiaten schon auf einem 
hohen grade der cultur dargestellt worden, vielleicht auf einem 
höhern, als die zeiten des trojanischen krieges mochten genossen 
haben: aber jene maxime war doch mit dem herrschenden natur- 
bekenntnis übereinstimmend, und in so fern mochten wir sie 
gelten lassen. 48 ) dagegen Stolberg nach einer wundervollen 

s ) Ich kann nicht umhin, so bekannt es ist, auf das köstliche recept zu ver- 
weisen, das Goethe an Sophie v. La Roche für den baron v. Hohen feld schickt, 
der griechisch lernen wollte, I. G. III 43, oder vollständiger Briefe Q. an S. ?. La 
Roche 84 mit Lopers anmerkung. ähnlich hat Goethe, wie er in Dichtung und 
Wahrheit erzählt, Cornelien den Homer vorübersetzt. — E. Schmidt hat fein be- 
merkt, dafs den jungen Goethe wesentlich die Odyssee angezogen hat, wie der 
Werther lehrt, damit harmonirt es, wie er damals den Pindar und Theokrit auf- 
fafste. dafs es auf der italienischen reise ebenso ist, ist natürlich, in den neun- 
ziger jahren dagegen steht die Ilias, wie auch bei Schilier, voran. 



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RÜCKBLICK UND AUSBLICK 393 

apostrophe an das meer ,der geist des herrn den dichter zeugt, 
die erde mütterlich ihn säugt, auf deiner wogen blauem schofs 
wiegt seine phantasie sich grofs. der blinde sänger stand am 
meer, die wogen rauschten um ihn her, und riesentaten goldner 
zeit umrauschten ihn im feierkleid. es kam zu ihm auf schwanen- 
schwung melodisch die begeisterung, und llias und Odyssee ent- 
stiegen mit gesang der see. hätt' er gesehn, war' um ihn her 
verschwunden himmel erd' und meer; sie sangen vor des blinden 
blick den himmel erd' und meer zurück.* wenn es nicht epi- 
grammatisch wäre, möchte man sagen, dafs die Jugend, die 
Stolberg repräsentirt, von allem wissensqualm und aller conven- 
tionellen schicklichkeit entladen sich in dem frischen quellwasser 
Homers gesund badete, in kindlicher freude daran, wie sie gott 
geschaffen. Homer zeigte ihnen die natur in ihrer ewigen fried- 
lichen stätigkeit, die elementaren lebensformen in typischer reinheit, 
den menschen in siegreichem kämpfe mit dem roh elementaren, im 
frieden mit sich und der weit, über die grauen und schrecken 
des daseins und Vergehens durch eine götterweit hinweg gehoben, 
die er sich selbst geschaffen nach seinem bilde, zu leiden zu 
weinen, zu geniefsen und zu freuen sich, und jener schrecken 
nicht zu achten, wie der mensch es selbst gern tun möchte. 
Homer gab ihnen die Offenbarung von dem seligen Urzustände, 
in den sie sich so gerne durch die träume der Sehnsucht ent- 
rücken liefsen, den nach Schillers falscher theorie die ,idylle 4 zum 
gegenstände hat. deshalb erschien er ihnen als etwas qualitativ 
von jeder conventionellen poesie verschiedenes, als die selbst- 
darstellung der natur. deshalb suchte man auch sein Verständnis 
in ihm allein, ohne jede vermittelung, zumal von seiten der tra- 
ditionellen gelehrsamkeit, die an Homer klebte; das einzige, ab- 
solute, natürliche und deshalb ewig junge, schien unmittelbar, 
nicht durch historische erkenntnis, begriffen werden zu können, 
und wie sollte man nicht die krücken der philologischen inter- 
pretation wegwerfen, wo es klar zu tage lag, dafs der dichter 
Homer den zünftigen philologen, die die toten schätze der buch- 
gelehrsamkeit hüteten, ein buch mit sieben siegeln blieb, wäh- 
rend er in den herzen derer lebendig ward, die seine verse 
mit einer Interlinearübersetzung notdürftig zu lesen vermochten. 



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394 H5 

Homer, so meinte man, gehörte ja auch gar nicht zu den dichtem 
gelehrter Zeiten und gelehrter kreise, nicht die scholiasten er- 
klärten ihn, sondern analoge poesien, volksmäfsige oder wenig- 
stens volkstümliche, die poetischen, zum teil auch die histo- 
rischen teile des alten testamentes, die balladen Percys, der 
Ossian Macphersons, die Edda; einzeln nannte man auch schon 
die altdeutsche poesie, zunächst die ,minnesänger*, also in Wahr- 
heit eine ganz conventionelle und gemachte, das waren, wie 
man nicht verkennen konnte, unter sich sehr verschiedene er- 
zeugnisse, aber sie hatten das altertümliche, fremdartige, den 
gegensatz zu der barocken gegenwart und allem was sie hoch- 
gehalten und sich verwandt gefunden hatte, gemeinsam, und auf 
diesen gegensatz legte man das hauptgewicht. es schien alles jene 
poesie, welche als die ,muttersprache des menschengeschlechtes 4 
definirt war. ferner aber trat in allen diesen productionen das 
individuum des dichters zurück; mochte man auch manchmal einen 
anerkennen, wie Homer und Ossian, oder unzählige, wie bei den 
Volksliedern, so lag doch an der persönlichkeit nichts, weil eigent- 
lich das volk, oder eine ganze zeit, oder eine je in dem gedichte 
culminirende entwickelung durch den mund eines begünstigten 
individuums sich selber darstellte, das positive mochte immerhin 
unklar bleiben: die negation, der gegensatz zur kunstpoesie, zum 
gemachten und subjectiven ward tief empfunden; darin lag auch 
wirklich das positive hauptverdienst dieser betrachtungsweise. 
dafs ihr prophet Herder war, brauche ich kaum auszusprechen, 
da der kundige die bezugnahme auf seine Jugendschriften über 
Homer schon bemerkt haben wird, zu denen ihm Lessing und 
der geheimderat Klotz veranlassung gaben. Herder hat auch in 
dem was er über Homer gesagt hat Lessing und Winckelmann 
nicht immer glücklich weitergebildet, er hat Hamannischen an- 
regungen nicht blofs wo sie fruchtbar waren nachgegeben, und 
er selbst hat, wie immer, alles andere als klar gedacht und ge- 
schrieben, man mag jetzt wenig mehr daraus lernen können, 
und schon als er in dem bekannteren aufsatze in Schillers Hören 
auf Homer ausführlich zurückkam, hat Herder eigentlich nichts 
neues mehr zu sagen gehabt, allein ein menschenalter vorher 
war es neu, bedeutend und eigen, eines der wichtigsten capitel 



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RÜCKBLICK UND AUSBLICK 395 

des evangeliums, welches er in Strafsburg Goethen verkündete. 
Herder hatte also dazu vollkommen recht, auch 1795 sich zu 
wiederholen und sich das seine zu wahren, und wenn F. A. Wolf 
dagegen aufbegehrte, so war er eben was er war: der nachfolger 
des geheimderates Klotz, die Herderschen Vorstellungen ge- 
läutert durch den historischen sinn der romantik sind es, die 
einerseits aufWelcker, noch viel mehr aber auf Lachmann einen 
bestimmenden einflufs gewonnen haben. 

Trotz allem was Homer mit der stammelnden poesie von 
barbaren und kindern auf eine stufe zu rücken schien, trotz 
seiner ,natürlichkeit\ war doch etwas an ihm, was man unmög- 
lich verkennen konnte, was seine gewalt auch dann ausübte, 
wenn man es um geschichtsphilosophischer oder ästhetischer 
speculationen willen aufser rechnung zu setzen wagte. Homer 
hatte eine künstlerisch gebildete rede und eine ausgebildete vers- 
technik; seine verse klangen, wie jeder gerne hätte die eigenen 
klingen hören, und der formelschatz homerischer spräche, die 
gleichnisse, die einführung der götterweit, die keuschheit, die 
feinfühligkeit, die plastik, die ruhe seiner erzählung, mit einem 
worte die ,Griechenschönheit c liefs einerseits alles, was man auch 
aus allen winkeln der erde als analoga hervorziehen mochte, 
barbarisch erscheinen, und verband Homer andererseits mit der 
späteren cultur seines volkes, zumal mit der tragödie, mit Piaton, 
mit den meisterwerken der bildenden kunst. da nun die leute, 
Vüe sich um Homer bemühten, allesammt entweder dichter waren 
oder doch verse machten, so wollten sie das geheimnis dieser 
Schönheit, des homerischen stiles, nicht blofs begreifen, sondern 
sich praktisch in seinen besitz setzen, homerisch zu dichten 
ward gar bald das ziel, dafür schien zunächst angezeigt, Homer 
zu übersetzen, und zwar in möglichst vollkommener formeller 
nachbildung. und so sehr überwog in der schätung nicht blofs 
des publicums sondern sogar Goethes das technische und correcte, 
dafs eine eben so undeutsche wie manierirte, den homerischen ton 
völlig verfehlende Übersetzung von der hand eines biederen aber 
ungeschlachten banausen allen nebenbuhlern den rang ablief, weil 
der Verfasser das technische am ernsthaftesten genommen hatte 
und allerdings an Sachverständnis allen concurrenten überlegen 



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396 II 5 

war. um das Verständnis Homers hat Vofs wirkliche bleibende 
Verdienste: seine Übersetzung trägt wesentlich die schuld, dafs 
jetzt eigentlich nur wer, wenigstens nach dem goethischen re- 
cepte, Homer griechisch lesen kann, ihn in die hand nimmt. 

Den göttlichen zauber der Griechenschönheit aus den buchern 
erkennen zu wollen, war vielleicht überhaupt ein übermensch- 
liches unterfangen, dazu war ein leibhaftiges anschauen der 
bildwerke nötig, 4 ) das von selbst mit dem wandeln auf antiker 
erde verbunden sein muste. nur die Sehnsucht nach dem leib- 
haften anschauen der göttergestalten und die Sehnsucht nach 
dem süden zu wecken und zu einer unwiderstehlichen kraft zu 
machen, das vermochte die poesie. Homer und Piaton hatten 
das an Winckelmann getan, als er endlich auf dem boden der 
ewigen stadt angelangt war, da entwickelte er die lehre von der 
hohen Schönheit des echten Hellenentums, und wer bei ihm zu 
lernen verstand, der konnte nun sich des theoretisch bemeistern, 
was der gemeinsame hellenische stil in allen künsten ist. auch 
das geringste grabrelief an der heiligen strafse, auch die flüch- 
tigste vasenzeichnung des fünften Jahrhunderts, der gedanken- 
loseste cento innerhalb der Uias und Odyssee und das matteste 
komikerfragment bei Athenaeus trägt einen Schimmer dieser ganz 
besonderen Schönheit: sie lehrte Winckelmann schauen; sie lehrte 
er aber auch verstehen, indem er die entwickelung der kunst 
darstellte, nicht das gewordene, sondern das werden zum gegen- 
stände der forschung machte. ,zum ersten male waren hier auf 
ein gebiet schöpferischer tätigkeit die gesetze des organischen 
lebens angewandt 4 , was die aufgäbe der geschichte ist, und dafs 
das Verständnis jedes gewordenen ein geschichtliches sein mufs, 
ist durch Winckelmann festgestellt, vergessen ist es oft, wird es 
oft, aber eine wissenschaftliche forderung verliert dadurch so 
wenig wie eine sittliche an Verbindlichkeit, dafs sie stündlich 
übertreten wird, und dafs wir allzumal sünder sind. 

Griechenschönheit und die organische entwickelung als das 
gesetz, welches alle formen auch des geistigen lebens beherrscht, 



4 ) Vgl. Goethe an Schiller 8 april 1797 über den einflute der sculptur auf 
die bildung seines Stiles. 



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RÜCKBLICK UND AUSBLICK 397 

lernte Goethe von Winckelmann; er lernte es dann unmittelbar 
an der ewigen unwandelbaren natur, der eine oder vielmehr 
zwei ent wickelungsperioden umfassenden kunst Italiens, seitdem 
ward ihm die natur, die er noch 1780 als das heraklitische xqsiCv 
aufgefafst hatte, die platonische idee des xaXov. seine briefe aus 
Italien zeigen selbst in der überarbeiteten gestalt, die wir bisher 
erst kennen, wie sein äuge und sein herz mit jedem schritte 
südwärts griechischer wird, endlich schaukelt ihn griechisches 
meer, und da ist Homer, nicht mehr als ein geselle Ossians, 
sondern als der einzige dichter, lebendig, lebendig nicht nur vor 
seinen äugen sondern in seinem herzen: die zeit ist erfüllet, 
wieder dichtet ein tragiker in den bahnen Homers an der sage 
weiter, seit Euripides und Sophokles die äugen geschlossen 
hatten, war das niemals wieder geschehen, freilich liefs sich das 
zarte bild Nausikaa, das unter Siciliens sonne aufgestiegen war, 
unter dem nebligen himmel der heimat nicht festhalten, aber die 
fähigkeit hellenisch zu dichten, der freie besitz des hellenischen 
stiles, war unverlierbar, erst die elegie, dann das epos, dann 
das drama griff der rastlose künstler an. Winckelmann hatte 
das wesen der echten attischen sculptur aus dürftigen römischen 
copien erschlossen. Goethe erhob sich in der elegie von eben 
solchen copien zu einer vollendeten Schönheit, die den originalen 
ebenbürtig war. sein epos nahm sich den stoff aus dem vollen 
tagesleben, aber vermochte denselben fast ohne jeden misklang 
auf den ton des homerischen stiles zu stimmen, dann gieng er 
weiter, der hellenische mythos war der gemeinsame inhalt der 
hellenischen poesie; jeder rechte dichter hatte nicht nur die form 
sondern auch den stoff aus dem gesammtbesitze des volkes ent- 
nommen, wie die Nausikaa in sophokleischer weise die Odyssee 
dramatisiren sollte, so gieng die Achilleis daran die Ilias fortzu- 
setzen, jede einzelbehandlung ist gegenüber der continuität der 
sage nur ein bruchstück. nicht weil die Ilias keinen abschlufs 
hat, sondern weil die sage kein ende hat, schickte sich Goethe an 
das fünfundzwanzigste buch der Ilias zu dichten, eben als er den 
plan schweigend mit sich herumtrug, erschienen Wolfs prologomena. 
sie veranlafsten Goethe zu den bekannten Zeilen ,erst die ge- 
sundheit des mannes, der endlich vom namen Homeros kühn uns 



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398 II 5 

befreiend uns auch ruft in die vollere bahn, denn wer wagte 
mit göttern den kämpf, und wer mit dem einen? doch Homeride 
zu sein, auch nur als letzter, ist schön.' obgleich diese verse in 
dem gedichte Hermann und Dorothea stehen, ist es einleuchtend, 
dafs der dichter, als er sie ersann, schon an seine Achilleis dachte, 
es ist bei einem gesange geblieben; auch die erneuerung der antiken 
tragödie hat nur die bruchstücke Pandora und Helena geliefert, 
der wurf war zu kühn für diese weit; die menschen konnten 
sich nicht daraus vernehmen, dazu kamen die schweren inneren 
erschütterungen der jähre 1805 bis 13; der dichter wandte sich 
für immer von diesen regionen seines Schaffens ab. mag das 
höchste streben so mislungen sein, und mag es haben mislingen 
müssen : diese werke bleiben ein höchstes in der poesie, die darin 
den versuch gemacht hat sich selbst zu übertreffen (ich kenne 
nur etwas in dieser weise ähnliches, Piatons Kritias): es sind 
werke, die nur der versteht, der sein äuge und ohr schon vorher 
an der antiken Griechenschönheit durchgebildet hat. so viel aber 
beweisen sie auch dem ungeweihten, bewiesen sie auch zur zeit 
ihres erscheinens, dafs die antike poesie in ihrer eigenen form 
erreicht war. der dienst, den sie der modernen culturentwickelung 
allein hatte tun können, war getan, die weit hatte die fähigkeit 
erlangt, selbst wieder erhabene Schönheit in vollendeter stilisirung 
zu erschaffen: die moderne poesie war mündig, auf eine weile 
war Homer unmittelbar wirkend in die entwickelung eingetreten : 
es war nur recht und billig, dafs er nunmehr in das dunkel 
zurücktrat, das statt der sonne des tages die leuchte der Wissen- 
schaft erhellt. 

Die zeitliche coincidenz der Goethischen epen und der Wolf- 
schen prolegomena hat so ihre historische berechtigung. jetzt 
war es zeit, dafs die philologie die homerischen Studien unter 
den neuen gesichtspunkten wieder aufnahm, seit dem altertum 
hatte sie keinen schritt vorwärts getan, der einzige Bentley hatte 
freilich aus der spräche und dem versbau der gedichte die Wir- 
kung und damit die existenz des vau erschlossen: von seinem 
unerreichbaren kritischen genie ist dies die gröfste manifestation, 
vielleicht überhaupt der höchste triumph divinatorischer kritik. 
aber Bentley selbst war nicht zum abschlufs gelangt, und weder 



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RÜCKBLICK UND AUSBLICK 399 

die großen analogistischen philologen Englands noch die Holländer, 
die sich in abgeschmackte linguistische irrgärten verrannten, 
noch die Deutschen, Wolf noch weniger als Heyne, der wenig- 
stens ahnte dafs die sache bedeutend wäre, wüsten damit etwas 
anzufangen, und erst als Gottfried Hermann und Philipp Butt- 
mann die griechische grammatik auf eine neue grundlage stellten, 
und der erstere Bentleys metrische beobachtungen zu einem 
Systeme ausbaute, kam diese entdeckung allmählich zu ihrem 
rechte, aber ihre tragweite ward kaum von irgend jemand ganz 
gewürdigt, in Wahrheit stürzt die tatsache, dafs die homerische 
spräche einen laut tausendfach enthält, von dem die Alexandriner 
keine ahnung hatten, die naqdioaiq rettungslos von ihrem throne, 
wer bis drei zählen kann, sollte füglich einsehen, dafs schon um 
des vau willen der alexandrinische text unmöglich unser text sein 
kann noch sein darf, aber als geschichtliches problem hatte 
Bentley den Homer nie betrachtet; ihm blieb er der fahrende 
sänger, der für ein gutes abendbrod seine lieder vortrug, und 
der sie schrieb, die Ilias für die männer, die Odyssee für die 
frauen. 

Das geschichtliche problem hatte ein anderer nicht genug 
zu bewundernder philologe am rechten ende angefafst. es war 
ein landsmann und Zeitgenosse des genialen künstlers, der endlich 
wieder dem keuschen adel der Zeichnung zu seinem rechte, zur herr- 
schaft, in der maierei verhalf, und seine kunst mit Vorliebe an den 
Stoffen der antike übte, deren dichter in ihm dieses gefühl geweckt 
hatten. Georg Zoega hatte in langjährigen Studien seine glühende 
phantasie mit den bildern der poesie, der kunst und der ge- 
schichte im weitesten umfang genährt; er besafs den scharfen 
historischen verstand, der diese phantasie, vielleicht zu sehr, in 
das eigene herz zurückdrängte, das von ihr verzehrt worden ist. 
seine tiefsten erkenntnisse traten verspätet und in bruchstückeu 
ans licht; vieles, vielleicht das beste, ahnen wir überhaupt nicht, 
da sein aufsatz über Homer, der erst 1817 durch seinen schüler 
Welcker gedruckt ist, die Jahreszahl 1788 trägt und Vicos ein- 
fluss erkennen läfst, so mufs dahingestellt bleiben, wenn es mich 
auch wahrscheinlich dünkt, ob er ganz unabhängig von Vico 
Homer und den andern namen, in denen sich hauptphasen der 



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400 "5 

ältesten griechischen entwickelung darstellen, wie Orpheus und 
Lykurg, die persönlichkeit abzusprechen gewagt hat. auf alle 
fälle gieng er schon dadurch, dafs er die gesammtentwickelung 
des volkes in religion und staat, sitte und kunst, in den kreis 
seiner forschung gleichermafsen zog, weit über alles hinaus, was 
die philologie bis auf Welcker angestrebt hat, und eigentümlich 
ist ihm, dafs er die fragestellung sofort auf ,llias Odyssee und die 
vielen Homer mit gleicher gewifsheit zugeschriebenen gedichte' 
erstreckte, von denen er annimmt, dafs ihr ,grund so alt und so 
homerisch war wie Ilias und Odyssee 4 , und dafs er mit der per- 
sönlichkeit Homers in ganz anderer weise ein ende machte als 
selbst Vico, der für Ilias und Odyssee wenigstens je einen 
dichter zuläfst oder zulassen könnte: denn das essi popoli Greci 
erano quelV Omero hat eine bedeutung, die sich mit dem einen 
Homer Herders, dem günstling seiner zeit, sehr wol vertragen 
könnte, ja man könnte es auf einen dichter, in dem sich die 
ganze cultur eines volkes in einer ganzen periode personificirt, 
übertragen wollen, z. b. auf Voltaire und die Franzosen, wie 
Goethe diesen in den anmerkungen zu Rameaus neffen charak- 
terisirt 

Zoegas skizzen enthalten andeutungen, denen auch nach 
einem Jahrhundert die Wissenschaft noch nicht volle gerechtigkeit 
hat widerfahren lassen, religionsgeschichte und sagenforschung 
wird ihn mit grofsem ertrage noch ausbeuten müssen: mein 
voriges capitel kann ich wol eine rehabilitalion seiner Vorstellung 
von Homer dem dichter des Kyklos nennen, anders steht das 
mit dem gepriesenen kritischen meisterwerke, Wolfs prolegomena. 
dafs es nur den zunftgenossen, nicht der von Herder inspirirten 
jugend etwas ganz neues brachte, bewies sich sofort, am meisten 
durch Wolf selber, der um die priorität zankte und feilschte, 
es war freilich verdienstvoll, dafs er die zunftgenossen nun zu 
einer Stellungnahme zwang, männer, die sonst der frischen 
geistigen bewegung fern standen, stimmten mit heller freude ein, 
wie Ilgen, oder schüttelten wenigstens verlegen den köpf, wie 
Ruhnken. die träge masse ward aufgerüttelt, zum mindesten 
Wolf zu widerlegen, es mufs aber zugestanden werden, dafs 
Wolf widerlegt ist. seine beweise stützen seine ansieht nicht. 



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RÜCKBLICK UND AUSBLICK 401 

die schrift ist nicht nur nicht so jung wie er sie wollte, sondern 
so alt wie Homer, die pisistratische recension kann für die Zu- 
sammensetzung der Dias nichts beweisen, die rhapsodenschulen 
sind eine unerwiesene und, wie Wolf sie fafste, unwahrscheinliche 
hypothese. eine analyse der Ilias aus ihr selbst hat er nicht 
einmal versucht, die textkritik hat er noch weniger als Heyne 
gefördert und ihre tiefeien probleme nicht begriffen, inhaltlich 
stellen also die prolegomena fast so wenig einen fortschritt dar 
wie seine ausgaben, wo hätte der angeblich grofse philologe 
auch eine positive leistung aufzuweisen, die bestand gehabt 
hätte? dafs er Bentley spielen und Bentley übertreffen wollte, 
und sich deshalb Heyne zu seinem Boyle und Homer zu seinem 
Phalaris erkor (später nahm er mit einer catilinarischen rede 
vorlieb), dafs Goethe von ihm philologische belehrung annahm 
(das tat er auch von Göttling) und ihm dafür die anschauung 
der historischen altertumswissenschaft aufgehen liefs, die nur 
Goethe aus Winckelmanns wirken zu entwickeln fähig gewesen 
war, dafs Gottfried Hermanns neidlose ritterlichkeit seine Ver- 
dienste grade in dem momente überschwänglich pries, wo er sie 
weit hinter sich liefs: das alles hat Wolf seiner zeit auf ein 
piedestal gehoben, das sogar seinen eigenen ansprüchen fast ge- 
nügte, aber damit sollte es genug sein: für die eitelen gilt der 
Spruch ani%ov<sv %6v fu<t&ov aviaiv. 

Lediglich an der darstellung also liegt es, dafs die prolego- 
mena noch heute eine köstliche lecture sind, was mir nicht im 
entferntesten beikommt zu bestreiten, es geht mit ihnen wie 
mit Lessings antiquarischen briefen, die form ist so vollendet, 
dafs der unbedeutende inhalt unbeachtet bleibt, klare und 
lebendige spräche, gleichmässiges und sicheres tempo des ge- 
dankenfortschrittes, behagliche und doch nicht breite darstellung, 
in einem teile eine bedeutende und wohlgeordnete gelehrsamkeit, 
aber alles ohne jeden hauch von Mr. Dryas Dust: das war ein 
buch, wie es die deutsche philologie noch nicht besafs, wol wert, 
dafs Goethe die lust einer Übersetzung anwandeln konnte, jener 
gelehrte teil aber ist meines erachtens der glänzendste, wie er 
sich denn auch auf dem gebiete bewegt, wo Wolf die frucht- 
barste anregung, an I. Bekker, gegeben hat, ich meine die ge- 

Philolog. Untersuchungen Vn. 26 



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402 II 5 

schichte der homerischen Studien im altertume, mit andern 
Worten die ausnutzung der eben von Villoison veröffentlichten 
scholien. hatten die Jünglinge der genieperiode weidlich auf die 
scholiasten geschmäht, so zeigte sich hier, welche schätze aus 
ihnen zu heben waren, es ist wol nicht zu bezweifeln, dafs 
Aristarchs beobachtungen und athetesen und die gelegentlich er- 
haltenen ketzereien des Zenodotos und «der chorizonten in Wolf 
die zweifei an der einheit der Ilias, wenn nicht geweckt, so doch 
genährt haben, darin liegt wissenschaftlich Wolfs verdienst, dafs 
er die faden der antiken philologie genau da aufnahm, wo sie 
von dem erschlaffenden altertume fallen gelassen waren, nun 
konnte es nicht ausbleiben, dafs die naqddoctg auch wieder nach 
dem scepter griff, das sie im altertum ein halbes Jahrtausend 
geführt hatte, als Lehrs die reine naqddotsig erneute, knüpfte 
er unmittelbar an jene skizze der prolegomena an, die er be- 
wunderte und denen er im Aristarch das würdigste seitenstück 
erschuf, dies buch ist (in der ersten aufläge) als buch den pro- 
legomena ebenbürtig, als gelehrtes werk übertrifft er sie um ein 
bedeutendes, ich wüste es nicht zu bestreiten, dafs Lehrs die 
Wolfschen gründe wider Homers persönlichkeit und die einheit 
der Ilias vollkommen niedergeworfen hat, und obwol die ndqaSo<sig 
im gründe schon durch Bentley ihrer mafsgebenden bedeutung 
beraubt war, so halte ich es nicht blofs für eine geschichtliche 
notwendigkeit, sondern auch für einen grofsen segen, dafs der 
versuch ihrer rehabilitirung gemacht worden ist. denn so fest 
es mir steht, dafs unsere Wissenschaft weit hinaus über den 
antiken Standpunkt zu schreiten verpflichtet ist, so sehr bin ich 
auch überzeugt, dafs der einzig richtige weg über diesen Stand- 
punkt, nicht an ihm vorbei führt, demgemäfs ist es für die 
Wissenschaft als ganzes unerläfslich, dafs die bekenner der ndqa- 
dootg nicht aussterben; dafs sie das rad der entwickelung, in 
dessen Speichen sie einzugreifen versuchen, aufzuhallen vermöchten, 
steht nicht zu fürchten. 

Durch Wolf war die frage dahin formulirt, ob ein dichter 
die ganze Ilias verfasst hätte, die Odyssee trat auf lange zeit 
zurück, einmal weil die lehre der chorizonten von so hand- 
greiflicher Wahrheit ist, dafs sich selbst Äristarcheer derselben 



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RÜCKBLICK UND AUSBLICK 403 

nicht verschlossen, ferner weil das scholienmaterial für die Ilias 
sehr viel mehr handhaben lieferte, endlich weil die einheitlichkeit, 
welche wirklich durch die bearbeitung in der Odyssee vorhanden 
ist, die menge täuschte, die entscheidenden beobachtungen 
wurden zwar von G. Hermann, I. Bekker, K. L. Kayser gemacht; 
aber man achtete sie kaum, die einheit der Ilias war das kampf- 
object; die persönlichkeit Homers schien ein annex davon, man 
sollte meinen, dafs es doch in der natur der sache gelegen hätte, 
den Zusammenhang des gedichtes schritt für schritt zu prüfen, 
um von dieser seite zur Sicherheit zu gelangen, aber Wolf hatte 
das versäumt, und die zeit hielt sich lieber an das allgemeine, 
zwar hatte G. Hermann, dessen Verdienste um Homer meist viel 
zu gering angeschlagen werden, in Wahrheit das ganze problem 
in angriff genommen, und seine forschung gieng sowol in der 
breite wie in der tiefe über Wolf hinaus, er hatte versbau und 
dialektmischung und syntax und stil des griechischen epos zu 
begreifen und verständlich zu machen gesucht, er hatte unmittel- 
bar nach Wolfs auftreten den wichtigen schritt getan, die ein- 
seitig homerische frage zu der nach dem epos im ganzen zu 
machen, und deshalb die hymnen und Hesiodos mit rücksichts- 
loser kühnheit angegriffen; auch in den einzelnen kleinen ab- 
handlungen zur analyse der beiden grofsen gedichte, die zu dem 
schönsten gehören, was Hermann geschrieben hat, aufser manchen 
einzelbemerkungen von bleibendem werte sowol für die Ilias wie 
für die Odyssee die punkte scharf bezeichnet, an welchen die ge- 
dichte rettungslos auseinander bersten (A und <to); ich persönlich 
glaube bei Hermann mehr noch ungenutzte fingerzeige zur Wahrheit 
zu bemerken als bei Lachmann: dennoch hat erst dieser den für 
immer entscheidenden streich geführt, in seinen Betrachtungen 
ward, scheinbar voraussetzungslos und ohne jede gelehrsamkeit 
und ohne jede einmischung der subjectivität, die erzählung der 
Ilias geprüft, es wurden nur die falten glatt gestrichen, und 
siehe da, überall zeigten sich flicken und nähte an dem ungenähten 
rocke, diese wortkarge simplicität, dieser vollkommene schein der 
objectivität hat den ungeheuren erfolg Lachmanns bedingt, die 
einheit der Ilias ist eine gefallene bürg: die kläglichen wider- 
legungsversuche haben das nur heller ins licht gestellt, die auf 

20* 



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404 II 5 

der ganzen linie geschlagenen Verteidiger versuchen jetzt nur 
noch kümmerliche ersatzmauern zu halten, die sie sich aus den 
trümmern der gesprengten Hias selber zurechtkünsteln. da die 
Ilias, die seit Herodotos allein bestanden hat, nicht haltbar ist, 
so proclamiren sie für eine andere Dias die einheit, die sie sich 
selber machen, ob sie dabei zwei drittel der wirklichen Ilias 
als interpolation wegwerfen, oder ob sie es nachdichtung nennen, 
das macht nicht viel aus; neuerdings giebt es auch superkluge 
leute, die die einzellieder zugeben, aber die Verfassereinheit halten 
wollen; auch das ist freilich im altertum schon dagewesen, keiner 
verträgt sich mit dem andern, die meisten aber hüllen ihre blöfsc 
dennoch in den zerfetzten mantel der traditionellen einheit. nur 
wer mit Lachmann einheit und Vielheit der Verfasser, ja jede 
entstehungsweise oder analyse für gleich hypothetisch erklärt, ist 
in Wahrheit noch berechtigt mitzureden: wolgemerkt aber ist auf 
diesen boden selbst die hypothese der einheit absolut genommen 
eben so berechtigt wie Lachmanns lieder. 

Lachmanns ohjeetivität ist in Wahrheit nicht vorhanden, 
seine darstellung würde gar nicht so bezaubernd wirken, wenn 
sich nicht ein im tiefsten innern erregtes herz dahinter verbürge, 
seine forschung ist auch nicht voraussetzungslos. er bedarf der 
pisistratischen recension für die historische begründung seiner 
ansieht von der entstehung unserer Ilias; daher hat er sie am 
anfange der zweiten reihe seiner betrachtungen mit besonderem 
nachdruck besprochen, er hat aber ferner den teilen, welche 
die objeetive analyse ihm ergab, als liedern eine realität zuge- 
sprochen, die er aus der griechischen poesie nicht begründen 
kann, die somit unbegründet bleibt: vor analogien aber hatte 
er, im briefwechsel mit Lehrs, selbst gewarnt, dennoch sind die 
lieder, die er in den Nibelungen zu entdecken geglaubt hatte, 
und wol noch mehr die lieder der Edda, wie sie auf uns ge- 
kommen sind, für seine Vorstellung mafsgebend gewesen, über 
die germanische litteratur erlaube ich mir kein urteil, aber die 
Lachmaunischen lieder der Ilias alle, vom ersten bis zum sech- 
zehnten, haben nicht existirt, weil sie nicht existiren können, 
gedichte, welche Voraussetzungen machen, die in ihnen nicht 
stehen, welche die motivirung geben für dinge, die sie selbst 



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RÜCKBLICK UND AUSBLICK 405 

nicht behandeln, sind bruchstücke. dieselben gründe, die Lach- 
mann selbst wider die einheit der Ilias gerichtet hat, wenden 
sich gegen die einzellieder, und diese halten nicht besser stand; 
höchstens das K: das hat nicht erst Lachmann ausgesondert, 
der mafsstab der einheit, wie ihn Aristoteles formulirt, dem jede 
tragödie und jedes pindarische gedieht genügt, dem die Ilias 
nicht genügt, braucht nur an jedes der lieder gelegt zu werden, 
um zu beweisen, dafs ihm auch hier nicht genug getan wird, in 
der negation liegt das positive, das Lachmann gefunden hat, und 
manchen stein des anstofses hat er entdeckt, der zum eckstein 
werden mute, aber dadurch dafs er, durch und durch in der 
romantik wurzelnd, nicht vom kenntlichen zum dunkeln aufsteigen 
wollte, nicht von dem historisch gegebnen aus dem ziele schritt- 
weise sich zu nähern suchte, sondern das historisch gegebne 
durch eine hypothese über einen präsumptiven Urzustand erklären 
wollte, endlich dadurch, dafs er in dem beneidenswerten rausche 
der Schaffensfreude und Schaffenskraft ein so reinliches und un- 
bedingt sicheres ergebnis erlangt zu haben wähnte, dafs nur 
noch unwesentliches zu tun blieb, hat er zwar etwas unendlich 
reizvolleres und ästhetisch befriedigenderes geschaffen, als auf dem 
staubigen und steilen wege der historischen erforschung nach vielen 
etappen einmal mehr oder weniger unvollkommen erreichbar ist: 
er hat das erreicht, dafs ihm ein empfängliches und zur hingäbe 
an eine grofse reine person geneigtes gemüt sich gern gefangen 
gibt, und auch mancher einzelne im glauben beharren mag ; aber 
die Wissenschaft mufs auch darüber hinaus, sie mufs durch Lach- 
mann über Lachmann hinaus. 

Den schritt hat sein schüler Kirchhoff getan, und ihm folgen 
wir, die wir jenen staubigen und steilen weg der historischen 
erkenntnis schrittweise zu wandern versuchen: dem entspricht es 
dafs die Odyssee, das jüngere und einheitlichere und leichtere 
gedieht, in den Vordergrund der betrachtung gezogen ist. dem 
entspricht es aber auch, dafs die forschung sich zu besinnen hat, 
ob sie sich historisch nicht auch von anderer seite dem ziele 
nähern kann, als auf dem der analyse des überlieferten gedichtes. 

Aristarch hat Homer isolirt gegen jede Vergangenheit und 
jede nachfolge, auch jetzt noch ist die philologie sehr geneigt, 



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406 H5 

ihn in dieser isolirung zu betrachten, der sprach, dafs Homer 
nur durch sich selbst verstanden würde, hat so viel wahres, 
und hat deshalb so grofsen segen gestiftet, dafs die Versuchung 
nahe liegt, auf ihm zu beharren, sein gehalt ist freilich danach 
dehnbar, was man unter Homer versteht, setzen wir, wie wir 
müssen, die gleichung, Homer ist das griechische epos, ein, so 
sprengen wir schon den bann, den die einseitige Übertreibung 
einer wahren beobachtung über die homerischen Studien ge- 
sprochen hatte, und schon diese erkenntnis allein weist uns auf 
den richtigen weg. von den historisch kenntlichen Zeiten und 
Verhältnissen emporsteigend müssen wir den anschlufs an Homer 
suchen, und wer sich den blick dafür erworben hat, die frischen 
triebe von dem dürren holze auch am bäume der Wissenschaft 
zu unterscheiden, der wird nicht verkennen, dafs in Wahrheit 
durch die forschung des letzten menschenalters so viel neues und 
bedeutendes an problemen teils gelöst, teils (was in Wahrheit 
noch mehr gilt) aufgeworfen ist, dafs die homerische frage bereits 
auf ganz anderem fundamente steht als nicht nur zu Aristarchs, 
sondern auch zu Lachmanns Zeiten. 

Wir haben durch Buttmann und Ahrens und dann durch 
die epigraphik die dialekte des griechischen kennen gelernt, und 
können den schlufs auf die homerische spräche ziehen, wir 
wissen dafs sie keine je irgendwo gesprochene ist; sie durch 
moderne Verrenkung zu einer solchen angeblich zu machen ist 
die verirrung einer unhistorischen und unkritischen einseitigkeit. 
wir wissen, dafs sie eben so wenig eine Schöpfung individueller 
willkür sein kann, folglich ist die epische spräche, die uns fast 
einheitlich vorliegt, das resultat einer langen, Jahrhunderte langen 
historischen entwickelung. altes und junges steht gleichberechtigt 
neben einander; formen und formein sind totes überliefertes gut. 
leute, die selbst nur dov und vsfodcu und iietv sagen, wenden ovv 
und veeoUcu und fidifxev in der epischen poesie an. daraus folgt, 
dafs wir es nicht mit volkspoesie, die jedermann üben konnte, 
sondern mit einer handwerksmäfsig erlernten und geübten poesie 
zu tun haben; daraus folgt ferner, dafs das epos, das wir be- 
sitzen, andere unzählige epen voraussetzt, die sich über wer 
weifs wie weite landstriche und wer weifs wie viele Jahrhunderte 



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RÜCKBLICK UND AUSBLICK 407 

erstreckten, in dieser entwickelungsreihe Homer als person zn 
fixiren kann nur ein tor noch sich anheischig machen, aber wir 
haben noch mehr von den dialekten gelernt, das ionisch Homers 
ist nicht das der landschaften, die sich Ionien nannten, ist weder 
chiisch noch teisch noch milesisch, sondern hat auf den inseln 
und in Athen eher analogien: mit andern Worten, das epos re- 
präsentirt nicht den sprachzustand, den wir allein in Ionien 
kennen, sondern einen altern, ein mann von los, der nach 
Smyrna verschlagen wäre, könnte Homer (der schöpf er dieser 
spräche) vielleicht sein: kein Chier. und noch mehr, das epos 
enthält zwar keine dorismen in der spräche (also sprachliche ein- 
wirkung von Rhodos oder Halikarnassos ist nicht vorhanden, so 
stark die stoffliche ist), aber je älter es ist, desto kräftigere aeolis- 
men. also nicht in seiner jetzigen gestalt, wol aber in seiner Ver- 
gangenheit hat es einen überwiegenden aeolischen einflufs erfahren, 
aeolisch musten wir bis vor kurzem noch lediglich für lesbisch 
halten, und da Agamemnons nachkommen auf Lesbos und in 
Kyme herrschten, er also ein Aeoler ist, da die Lesbier im Ska- 
mandrostale vergebliche versuche gemacht haben sich festzusetsen, 6 ) 
aber wol den küstenstrich und hie und da einen punkt landeinwärts 
auf der troischen halbinsel besetzt haben, so schien der schlufs 
zwingend, dafs das epos ursprünglich inhatlich und formell les- 
bisch, von da aus nach Nordionien und so weiter gewandert sei. 
der schlufs ist richtig; aber die prämissen erfahren durch ihre 
Vermehrung eine schärfere bestimmung. die thessalischen steine 
haben uns gelehrt, dafs die aeolische mundart in der heimat des 
Achilleus Cheiron Philoktetes Protesilaos Polypoites die dorische 
(dort thessalische) einwanderung, wenn auch entstellt, überdauert 
hat; es läfst sich eine ein Wirkung derselben auf die stamme, die 
in Asien später zu Ioniern wurden, und dort von Lesbos aus 



6 ) Es ist also ganz in der Ordnung, dafs die kämpfe vor Troia und nicht 
Troias fall der hauptinhalt des epos sind, die Tli^atg ist stofflich allerdings 
jünger als die sagen unserer Ilias, wie es die einfährung des Memnon (der hypo- 
stase der Assyrer) und der Amazonen (der hypostase der Skythen) auch ist. nur 
glaube man damit nicht zugestanden, dafs alle posthomerica jünger als die Ilias 
seien: Achilleus tod ist wahrhaftig eben so wieseine er/.eugung und geburt gleich 
alt, wo nicht älter, als seine /43V*». 



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408 H 5 

beeinflust wurden, nicht mehr abweisen: als möglichkeit näm- 
lich, als problem. die entscheidung steht aus. die kyprischen 
steine haben uns eine ganze fülle homerischer Wörter, die sonst 
ausgestorben sind, lebendig gezeigt, ävwyov, ISe, avtaQ, xaaiyi^iog, 
g£fco, ntofag, evxwld, alaa, und die Verwandtschaft des kyprischen 
mit der einzigen peloponnesischen mundart, welche aus der vor- 
dorischen zeit sich erhalten hat, eröffnet uns zwar noch keine 
aufschlüsse, aber wol neue probleme, die auf jenen procefs der 
Sprachmischung zurückdeuten, den die Völkermischung der aus- 
wanderung nach Asien in ihrem gefolge hatte, und der sprachlich 
in dem complicirten und künstlichem gemisch der epischen spräche 
seinen niederschlag hat, wie in der sage die Vereinigung der 
stammhelden vor Troia der niederschlag desselben historischen 
processes ist. 

Der epische vers ist der daktylische hexameter; keinesweges 
ein leichter und nachweislich ein erst durch das epos verbreiteter 
und volkstümlich gewordener vers. in den erhaltenen gedichten 
wird derselbe nach bestimmten, keinesweges in der natur be- 
gründeten regeln behandelt, die cäsur ist gefordert; sie ist etwas 
eigentlich dem daktylischen mafse zuwiderlaufendes, es gilt die 
freiheit zwischen lang und kurz nirgend, aufser in der schlufs- 
sylbe, dagegen der ersatz einer länge für zwei kürzen, nicht um- 
gekehrt, und die Verkürzung vocalischen langen auslautes vor 
anlautendem vocal: das sind regeln die weit davon entfernt sind, 
aus der natur oder dem volksinstinct zu stammen; sie werden 
erst aus dem epos und nur auf einzelne gattungen der metra 
übertragen, die s. g. vergleichende metrik hat zwar die ver- 
schiedentlichsten capriolen gemacht und sich etliche male über- 
schlagen, um den hexameter zu einem indogermanischen urmetrum 
zu machen : wie mit blindheit geschlagen ist sie der augenfälligen 
analogie zwischen dem ionischen iambus und dem indischen, kelti- 
schen, italischen (allerdings noch mehr dem arabischen) mafse 
aus dem wege gegangen, durch die erfolglosigkeit ihrer versuche 
hat sie mittelbar bewiesen, was sich direct und strict beweisen 
läfst (ich mache mich dazu anheischig), dafs der hexameter, wie 
wir ihn jetzt im epos lesen, wie er der ausgangspunkt einer 
tausendjährigen metrischen entwickelung geworden ist, selbst erst 



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RÜCKBLICK UND AUSBLICK 409 

das schliefsliche resultat eines langen processes ist, durch welchen 
ein aeolisches liedermafs vermittelst vieler compromisse und neue- 
rungen dem episch recitativen tone angepafst ward, den der stoff 
forderte, die metrik ergibt für das epos dieselben resultate wie 
die spräche. 

Ganz dasselbe lehrt die sage, und wie der geist zum körper 
verhält sie sich zur form des epos; ihr zeugnis ist nicht für jeder- 
mann, aber wer sich nicht in dumpfem materialismus dem geist 
verschliefst, für den wiegt es um so schwerer, statt die allge- 
meinheiten, die gelegentlich zur spräche gekommen sind, zu wieder- 
holen, stehe ein beispiel, das ich als besonders bezeichnend zu 
verwenden pflege, seit der gleich zu citirende stein gefunden ist; 
seitdem hat auch Fick gelegentlich die sache im wesentlichen 
richtig dargelegt, auf Lesbos liegt noch heute ein Vorgebirge Bqiaiov 
und ein ort Bqima. es hiefs im altertura Bq^aa, wie entscheidend 
die weihinschrift MeydQiTog Al(Sxi\yatog\ Jiovvöio Bqti<ray€[vei, er- 
härtet. 6 ) und für den lesbischen ort waren auch die grammatiker 
der Schreibung mit ij geneigt. 7 ) der Dionysos heifst auf zahl- 
reichen steinen von Smyrna Bqr\<sevg und Bqeicevg , das ethnikon 
von Bqrjaa ist BQr\<saievc, und dafs der gott nicht von dem les- 
bischen orte benannt ist, zeigt der auf Keos bezeugte name der 
Nymphen Bqiöcu oder vielmehr BqT<sai y neben denen der alt- 
beoetische name Bqsaddag steht, dessen e-laut wir mit n\ oder et 
wiedergeben können. 8 ) Bqeitsevg : Bqlaat = Baaaaqsvg : Baaadqai 



6 ) Bull. Corr. Hell. IV 445. Bernardakis, dem die herausgeber folgen, hat 
das attische Ala/iyov ergänzt. 

■*) Es ist ein artikel, der am besten im £. M. BgtoaTos, verkürzt bei Steph. 
Byz. und Hesych vorliegt, richtig beobachtet hat schon Boeckh zu dem steine 
von Byzanz (wol dorthin verschleppt) CIG 2042 KogyqUa Jivxiov Bgrjoaifc. 

") IGA 190. die Bgtocu E. M. Hesych, und schon beim s. g. Herakleides in 
der keischen politie. das wort zu etymologisiren wage ich nicht, wol aber zu 
bezweifeln, ob der Delier Semos (Athen. 335*, aus gleicher quelle verstümmelt 
E. M., mit grobem fehler dieselbe glofse Hesych, von M. Schmidt seiner theorie 
zu liebe halb verworfen) in der delischen Bg&6 eine &tdg J*' lvvm>U*iv juttvitv- 
ojutyq verstehen durfte; sie wird wol zu den BgTont gebort haben, die tochter 
des Anios von Delos, die schon die Kyprien kannten, sind verwandte wesen. da- 
gegen ist die heranziehung der Britoinartis von Kreta (E. M.) ein, vielleicht altes, 
autoschediasma, Sit ndg Bgiautg 6/u(cgrtT. 



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religionsgeschichtlich ist es bedeutsam, dafs der auf Keos den 
Brisen gesellte gott Apollon Aristaios ist, während die euboeischcn 
nymphen,